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Wenn tausend Sterne fallen

Inhalt

  1. Cover
  2. Inhalt
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Widmung
  7. 1. Kapitel
  8. 2. Kapitel
  9. 3. Kapitel
  10. 4. Kapitel
  11. 5. Kapitel
  12. 6. Kapitel
  13. 7. Kapitel
  14. 8. Kapitel
  15. 9. Kapitel
  16. 10. Kapitel
  17. 11. Kapitel
  18. 12. Kapitel
  19. 13. Kapitel
  20. 14. Kapitel
  21. 15. Kapitel
  22. 16. Kapitel
  23. 17. Kapitel
  24. 18. Kapitel
  25. 19. Kapitel
  26. 20. Kapitel
  27. 21. Kapitel
  28. 22. Kapitel
  29. 23. Kapitel
  30. 24. Kapitel
  31. 25. Kapitel

Über die Autorin

Lesley Pearse wurde in Rochester, Kent, geboren und lebt seit über 25 Jahren mit ihrer Familie in Bristol. Ihre Romane sind in England stets auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten zu finden.

In Liebe und tiefem Respekt für meine Schwester Selina. Wir wurden als Kinder zusammengeworfen und mussten akzeptieren, was nicht zu ändern war. Aber du bist mir eine echte Schwester geworden, und das allein zählt. Ich wünsche dir nur das Beste. Du hast es verdient.

1. Kapitel

Chiswick, London, 1990

Komm her und halte meine Hand, Liebling. Ich will nicht melodramatisch klingen, aber ich glaube, es geht zu Ende.«

Daisy, die im Begriff gewesen war hinauszugehen, weil sie dachte, ihre Mutter schliefe, wirbelte erschrocken herum.

Lorna Buchan hatte Krebs. Mehr als zwei Jahre hatte sie tapfer mit einer Chemotherapie, einer Mastektomie und unzähligen alternativen Heilmethoden gegen die Krankheit angekämpft und die Hoffnung nie aufgegeben. Aber vor zwei Monaten hatte der Arzt ihr mitgeteilt, der Krebs habe sich im ganzen Körper ausgebreitet. Lorna hatte sich damit abgefunden und jede weitere Therapie im Krankenhaus abgelehnt. Sie wollte die letzten Wochen zu Hause bei ihrer Familie verbringen.

Daisy eilte zu ihrer Mutter. »Ich rufe den Arzt«, sagte sie. Das Herz schlug ihr vor Angst bis zum Hals.

Lorna brachte ein schwaches Lächeln zu Stande. »Nicht nötig, mein Schatz. Ich habe keine Schmerzen, und ich bin ganz ruhig. Setz dich einfach zu mir.«

Daisy war bestürzt. Sie konnte doch nicht einfach nur dasitzen und tatenlos zusehen, wie ihre Mutter starb! Streiten wollte sie in diesem Moment aber auch nicht mit ihr. Sie ergriff die Hand ihrer Mutter, strich ihr mit der anderen liebevoll über den Kopf und überlegte, was sie tun sollte.

Infolge der Chemotherapie war ihr das schöne honigblonde Haar ausgefallen. Es war weiß und weich wie Babyhaar nachgewachsen. Lornas Gesicht war eingefallen, weil sie stark an Gewicht verloren hatte, und das Blau ihrer Augen wirkte wässrig.

Daisy fand es einfach nicht fair, dass es ausgerechnet ihre Mutter getroffen hatte. Lorna war erst fünfzig und eine robuste Frau gewesen, eine stattliche Erscheinung, immer modisch gekleidet und bekannt für ihr lebhaftes, herzliches Wesen. Vor ihrer Krankheit hatte sie zu jenen energiegeladenen Frauen gehört, die ein Schulfest beaufsichtigen und am Ende dieses anstrengenden Tages alle Helfer noch auf einen kleinen Umtrunk zu sich nach Hause einladen konnten. Sie hatte getanzt und gelacht, bis sich der letzte Gast verabschiedet hatte. Doch am anderen Morgen hatte das ganze Haus schon wieder vor Sauberkeit geblitzt, als hätte nie eine Party stattgefunden.

»Ich muss Daddy aber anrufen«, erklärte Daisy einen Augenblick später.

»Nein, das wirst du nicht«, entgegnete Lorna mit überraschend fester Stimme. »Er hat eine wichtige Besprechung heute Nachmittag, und ich will nicht, dass er panisch nach Hause rast.«

»Aber ich muss doch irgendwas tun! Dann lass mich wenigstens im College anrufen und den Zwillingen Bescheid geben.«

»Nein, sie kommen sowieso bald nach Hause.«

Daisy hatte ihren Job einen Monat zuvor aufgegeben, um ihre Mutter pflegen zu können. Das war kein großes Opfer gewesen – sie hatte diese Arbeit gehasst, genauso wie die vielen anderen Jobs, die sie vorher gehabt hatte. Den Haushalt zu führen und ihre Mutter zu versorgen, war hingegen eine Aufgabe, die sie gern und gut erledigte, und sie hatte stets gedacht, sie sei jeder Situation, mochte sie noch so schwierig sein, gewachsen. Doch in diesem Moment fühlte sie sich überfordert.

»Ich muss wenigstens den Arzt anrufen«, meinte sie entschlossen.

Lorna drehte eigensinnig den Kopf zur Seite, um ihr Missfallen auszudrücken. Daisy griff dennoch zum Telefon auf dem Nachttisch und wählte die Nummer der Praxis.

»Das war unnötig, ich brauche nur dich hier«, sagte Lorna schwach, als Daisy aufgelegt hatte. »Es gibt nämlich etwas, über das ich mit dir reden möchte.«

»Ich werde einen richtigen Beruf erlernen«, versprach Daisy schnell. Sie war jetzt fünfundzwanzig, und sie wusste, ihre Eltern machten sich die größten Sorgen, weil sie so unstet und wenig ehrgeizig war. »Ich hab gedacht, ich geh zur Polizei.«

Lorna lächelte. »Das ist nichts für dich. Erstens magst du nicht herumkommandiert werden, und zweitens bist du so weichherzig, dass du alle Ganoven zum Tee mit nach Hause nehmen würdest.«

»Dann ist es wegen Joel?«

Joel war Polizist und seit einem Jahr Daisys fester Freund. So lange war sie noch nie zuvor mit einem Mann zusammen gewesen. Ihre Eltern mochten ihn, und sie dachte, ihre Mutter werde sie vielleicht drängen, ihn zu heiraten.

»Nein, es ist auch nicht wegen Joel. Das kannst du selbst am besten entscheiden. Ich wollte mit dir über deine leibliche Mutter reden.«

Daisy schaute Lorna entsetzt an. »Ich will jetzt nicht über sie sprechen.«

»Aber ich. Und ich möchte, dass du sie suchst, wenn ich nicht mehr da bin. Ich glaube, das wird dir helfen.«

Daisys Augen füllten sich mit Tränen. »Nichts und niemand wird jemals deinen Platz einnehmen«, beteuerte sie. »Du bist meine Mutter. Ich will keine andere.«

Sie wusste, dass sie adoptiert worden war. Lorna und John hatten es ihr erzählt, als sie noch ganz klein gewesen war, und hinzugefügt, sie sei etwas ganz Besonderes – schließlich hätten sie sich Daisy im Gegensatz zu leiblichen Kindern aussuchen können. An dieser Haltung hatte sich auch nichts geändert, als die Zwillinge zur Welt gekommen waren, was für alle ein Wunder gewesen war, weil Lorna laut ärztlichem Befund unfruchtbar war. Daisy, damals fünf, hatte nie das Gefühl gehabt, dass die Zwillinge bevorzugt wurden, im Gegenteil, sie hatte sich vorgestellt, ihre Eltern hätten Tom und Lucy nur bekommen, um ihr eine Freude zu machen. Daisy hatte in fünfundzwanzig Jahren nicht ein einziges Mal nach ihrer leiblichen Mutter gefragt. Sie war eine Buchan, ganz egal, wie sie bei ihrer Geburt geheißen haben mochte.

»Das sagst du vielleicht jetzt, Dizzie«, meinte Lorna, sie liebevoll mit ihrem Spitznamen anredend, »aber ich weiß aus Erfahrung, dass ein Todesfall in der Familie Fragen aufwerfen und Emotionen auslösen kann, mit denen man nicht gerechnet hat. Ich glaube, die Suche nach deiner Mutter würde dir helfen, das alles besser zu bewältigen.«

Daisy wusste nicht, was sie erwidern sollte. Lorna würde nie einen solchen Vorschlag machen, wenn sie nicht lange und gründlich darüber nachgedacht hätte. Seit ihr klar war, dass sie sterben würde, hatte sie alles organisiert, angefangen vom Trauergottesdienst bis hin zu einem Vorrat an tiefgefrorenen Mahlzeiten. Diese Planung hatte nichts Makabres – Lorna war einfach immer so gewesen: vorausschauend und darauf bedacht, das Leben für ihre Familie leichter und angenehmer zu gestalten. Dennoch begriff Daisy nicht, wie sie auf den Gedanken kam, die Suche nach der Frau, die ihr Kind vor so vielen Jahren zur Adoption freigegeben hatte, werde ihr, Daisy, über ihren Kummer hinweghelfen.

Sie schaute zum Fenster hinaus. Auch der Garten hinter dem Haus zeugte von Lornas Umsicht und ihrem planerischen Talent. Die Rabatten, ein Meer von blauen, rosaroten und malvenfarbenen Blüten, waren wunderschön anzusehen. Das alte Spielhaus, in dem Daisy und die Zwillinge als Kinder viele glückliche Stunden verbracht hatten, war vom Geißblatt fast völlig überwuchert. Statt es später verfallen zu lassen oder abzureißen, hatte Lorna es jedes Frühjahr gesäubert und die Blumenkästen vor den Fenstern neu bepflanzt. Daisy wusste, wenn sie jetzt hineinginge, würde sie die kleinen Töpfe und Pfannen, die Stühle und den Tisch alle ordentlich an ihrem Platz vorfinden.

Lorna hatte natürlich gehofft, eines Tages würden ihre Enkelkinder darin spielen. Daisys Augen füllten sich mit Tränen bei dem Gedanken daran, dass Lorna die Hochzeiten ihrer Kinder und Geburten ihrer Enkel nicht mehr erleben würde.

»Ich werde sie suchen, wenn du es wirklich willst«, sagte Daisy, das Gesicht zum Fenster gewandt, damit die Mutter ihre Tränen nicht sah. »Aber was für ein Mensch sie auch sein mag, sie wird niemals deinen Platz einnehmen.«

»Leg dich ein bisschen zu mir«, bat Lorna. Sie hatte, selbst aus größerer Entfernung, stets gefühlt, wenn jemand weinte oder unglücklich war. Gehorsam kuschelte sich Daisy neben sie.

Das Bett der Eltern war seit jeher ein besonderer Platz. Die Zwillinge und sie hatten es als Trampolin benutzt, gespielt, dass es ein Boot, eine einsame Insel oder ein Krankenhaus sei. Hier hatten sie an Weihnachten nachgeschaut, was der Weihnachtsmann ihnen in die Strümpfe gesteckt hatte, hier waren sie umsorgt worden, wenn sie krank gewesen waren, hatten nachts Zuflucht gesucht, wenn sie schlecht geträumt hatten. Und als Teenager hatte sich Daisy oft zu ihrer Mutter gelegt und ihr ihre Ängste und Träume anvertraut. Als sie jetzt den Arm um Lorna legte, stiegen Erinnerungen aus neuerer Zeit in ihr empor: Sonntagmorgens, wenn Dad mit Fred, dem Westhighland-Terrier, unterwegs war, oder abends, wenn er noch in seinem Arbeitszimmer saß, war sie hierher gekommen und hatte ihrer Mutter ihr Herz ausgeschüttet, mit ihr über Joel gesprochen, über ihre Sorge, nie einen Job zu finden, der ihr wirklich Spaß machte, und über ihre Freunde.

Die meisten ihrer Freunde behaupteten, mit ihren Müttern nicht über Wichtiges reden zu können. Doch Daisy brauchte sich nur in dieses Zimmer neben Lorna zu legen, und schon konnte sie ihr die geheimsten Dinge anvertrauen.

»Als du noch ein Baby warst, habe ich dich mit zu mir ins Bett genommen«, bemerkte Lorna und drehte den Kopf, um Daisy anzuschauen. »Dann lag ich da und konnte nicht fassen, wie wunderschön du warst und was für ein Glück ich hatte, dich bekommen zu haben. Und jetzt bist du eine erwachsene Frau von fünfundzwanzig Jahren, und ich denke noch genau das Gleiche.«

Sie wickelte eine von Daisys Korkenzieherlocken um den Finger. »Du hast zuerst überhaupt keine Haare gehabt, und als sie endlich zu wachsen anfingen, dachte ich, sie würden blond und glatt werden. Einen rothaarigen Lockenkopf hab ich nicht erwartet.« Sie lachte leise und strich Daisy zärtlich über die Wange. »Du bist so wunderschön, Dizzie, außerdem hast du Humor und ein großes Herz. Ich bin furchtbar stolz auf dich. Deshalb möchte ich auch, dass du deine leibliche Mutter suchst. Sie soll meine Freude teilen und sehen können, dass ich gut auf dich Acht gegeben habe.«

Lorna hatte wie immer die richtigen Worte gefunden und Daisy ein Argument geliefert, auf das sie nie von allein gekommen wäre. Dennoch konnte sie ihr nichts versprechen, sie wusste, niemand würde Lorna als Mutter das Wasser reichen können.

»Weißt du noch, als ich Windpocken hatte?«, fragte sie, um das Thema zu wechseln.

»Hmm«, machte Lorna. Es klang schläfrig.

»Ich hab mir mit Filzstift ein paar Flecken aufgemalt«, gestand Daisy. »Hast du es gemerkt?«

»O ja«, flüsterte Lorna. »Daddy und ich haben darüber gelacht. Wir dachten, du würdest eine gute Schauspielerin abgeben. Du hast immer dazu geneigt, die Dinge zu dramatisieren.«

»Ich liebe dich, Mum«, wisperte Daisy.

Lorna murmelte noch, sie solle sich erst über ihre Gefühle für Joel klar werden, bevor sie ans Heiraten denke. Dann schien sie einzuschlafen.

Nach ein paar Minuten rutschte Daisy zur Bettkante, um aufzustehen und ihren Vater anzurufen. Lorna öffnete noch einmal die Augen. »Sag Daddy und den Zwillingen Lebewohl von mir und dass ich sie liebe«, bat sie mit schwacher Stimme.

Zutiefst beunruhigt, versicherte Daisy hastig: »Sie werden bald zurück sein, dann kannst du es ihnen selbst sagen.«

Sie bekam keine Antwort mehr. Kein Zucken der Augenlider, kein Beben der Lippen verriet, dass Lorna sie gehört hatte.

»O nein«, stieß Daisy hervor. Außer sich vor Angst kniete sie sich aufs Bett, presste das Ohr auf die Brust der Mutter und lauschte. Nichts. Sie packte ihr Handgelenk, suchte den Puls, doch sie spürte ihn nicht mehr. »Mummy, nein!«, schrie sie. Lornas blassblaue Augen schienen starr auf irgendeinen Punkt in der Ferne gerichtet zu sein.

Ihr Verstand sagte ihr, ihre Mutter war tot, und trotzdem konnte sie nicht glauben, dass der Tod so plötzlich und lautlos, ohne Vorwarnung, eingetreten war.

Es war so still, dass sie das Summen der Bienen und den Gesang der Vögel im Garten hören konnte. Früher hätte Lorna so einen warmen, sonnigen Tag zur Gartenarbeit genutzt oder das Bettzeug gewaschen und draußen zum Trocknen aufgehängt. Sie war immer ein praktischer Mensch mit festen Gewohnheiten und geregeltem Tagesablauf gewesen, den nur das Wetter hatte umstoßen können. Daisy hatte sich früher darüber lustig gemacht; es war ihr so stumpfsinnig vorgekommen. In den letzten Wochen jedoch hatte sie Routine zu schätzen gelernt und eine gewisse Befriedigung in der Erledigung alltäglicher, aber wichtiger Aufgaben gefunden. Sie war zu dem Schluss gelangt, dass sie endlich erwachsen geworden war.

Doch als sie jetzt mit tränenüberströmtem Gesicht auf dem Bett kniete und nicht wusste, was sie tun sollte, kam sie sich alles andere als erwachsen vor. Sie fühlte sich eher wie eine hilflose Fünfjährige.

Das schrille Läuten der Türglocke hallte durchs Haus, und Fred schlug an. Daisy lief aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Sie hoffte, dass es der Arzt sein würde.

Er war es. Er warf nur einen kurzen Blick auf ihr verstörtes Gesicht und eilte sofort nach oben ins Schlafzimmer.

Um acht Uhr an jenem Abend zog sich Daisy in ihr Zimmer zurück, nahm Fred mit und schloss die Tür hinter sich. Schluchzend ließ sie sich aufs Bett fallen. Fred schmiegte sich an sie und leckte ihr das Gesicht, als wollte er sie trösten.

Die letzten Stunden waren so seltsam und verwirrend gewesen. Nichts war mehr so, wie es einmal gewesen war; es gab keine Normalität mehr, an die sie sich hätte klammern können. An diesem Tag war eine Welt für sie zusammengebrochen. Eine unheimliche Stille herrschte im Haus, doch das Schlimmste war die Art und Weise, wie ihre Familie sich benahm.

Der Arzt war noch da gewesen, als ihr Dad früher als erwartet heimgekommen war. Er sei auf dem Weg zu der Besprechung gewesen, hatte er erzählt, habe aber plötzlich eine merkwürdige Vorahnung gehabt und sei deshalb direkt nach Hause gefahren. Obgleich er einem scheinbar irrationalen Impuls gehorcht hatte, zeigte er keinerlei Reaktion, als der Arzt ihm mitteilte, seine Frau sei vor wenigen Minuten verstorben. John stand einfach nur da und starrte ihn ausdruckslos an.

Er behielt sein sonderbar steifes, distanziertes Benehmen bei. Anstatt zu Lorna hinaufzugehen, fragte er den Arzt, ob er einen Tee oder einen Kaffee trinken wolle. Daisy sehnte sich nach einem tröstenden Wort, einer Umarmung. Sie hätte sich gewünscht, er hätte sie nach den letzten Minuten ihrer Mutter gefragt, ihr versichert, sie habe das Richtige getan, aber nichts von all dem geschah. Die Zwillinge schienen ihm wichtiger zu sein, denn kaum war der Arzt gegangen, rief er im College an und bat den Direktor, sie unverzüglich nach Hause zu schicken.

Der Totenschein lag auf dem Küchentisch. John nahm ihn in die Hand, las ihn und ging dann endlich zu Lorna hinauf. Daisy hörte, wie die Schlafzimmertür mit einem Klicken, das etwas Endgültiges hatte, ins Schloss fiel. Auf einmal fühlte sie sich vollkommen isoliert.

John war noch oben, als Lucy und Tom nach Hause kamen. Beide hatten das blonde Haar und die blauen Augen ihrer Mutter geerbt, aber während Lucy wie Lorna von recht stämmiger Statur war, war Tom groß und schlank wie sein Vater. Und im Gegensatz zu Lucy, die fast immer mit finsterer Miene herumlief, war Toms Gesicht normalerweise zu einem breiten Grinsen verzogen.

Mit erhitzten Gesichtern und ganz außer Atem stürmten sie herein. »Geht es Mum schlechter?«, fragten sie wie aus einem Mund.

Daisy brach in Tränen aus. »Sie ist vorhin gestorben«, schluchzte sie. »Dad ist gerade bei ihr.«

Tom eilte zu ihr und nahm sie in die Arme. Er beugte den Kopf, bis sein Gesicht ihre Schulter berührte. Daisy hörte, dass er leise weinte. Lucys Reaktion dagegen überraschte sie.

»War Dad bei ihr, als sie starb?«, wollte sie in anklagendem Ton wissen.

»Nein«, weinte Daisy. »Nur ich. Dad kam zufällig, als der Arzt noch da war.«

»Warum hast du uns nicht Bescheid gesagt?« Lucys blaue Augen wirkten kalt, ihr Blick war argwöhnisch.

Daisy war nicht nach langen Erklärungen zu Mute. »Es ging alles so schnell. Sie meinte, sie glaube, es gehe zu Ende. Ich wollte Dad anrufen und euch im College benachrichtigen, aber sie ließ es nicht zu. Sie wollte nicht einmal, dass ich den Arzt verständige, aber ich habe ihn trotzdem angerufen. Als er kam, war sie schon ein paar Minuten tot.«

»Du hättest uns anrufen müssen, du hattest kein Recht, uns von ihr fern zu halten«, fauchte Lucy. Sie wirbelte herum und rannte laut schluchzend die Treppe hinauf. Tom löste sich von Daisy, verzog das Gesicht zu einer Grimasse und eilte seiner Zwillingsschwester nach.

Die drei blieben über eine Stunde oben, und Daisy hatte das deutliche Gefühl, unerwünscht zu sein. Das ergab einfach keinen Sinn, weil sie nie anders als ihre Geschwister behandelt worden war. Sie hatte niemals den Eindruck gehabt, sich in irgendeiner Weise von den anderen zu unterscheiden, deshalb schmerzte es nun umso mehr, dass sie anscheinend nicht wussten, dass ihr Kummer genauso groß wie der ihres Vaters und der Zwillinge war.

Als ihr Dad viel später herunterkam, saß sie mit Fred in der Küche und weinte noch immer. Es gebe einiges zu erledigen, sagte er in scharfem Ton, zum Beispiel müsse ein Bestattungsunternehmen verständigt werden. Das wusste Daisy selbst, aber hätte er sie nicht wenigstens fragen können, wie es ihr ging? Sie hätte sich gewünscht, er nähme sich die Zeit, mit ihr über die Ereignisse zu sprechen.

Schließlich stand sie auf und machte sich daran, das Abendessen vorzubereiten. Ihr Vater meinte nur, er verstehe nicht, wie sie in einem solchen Augenblick ans Essen denken könne. Nichtsdestotrotz ließen er und die Zwillinge es sich später schmecken, während Daisy keinen Bissen herunterbrachte.

Nachdem die Leute vom Bestattungsunternehmen Lorna abgeholt hatten, gingen die anderen ins Wohnzimmer, und Daisy räumte die Küche auf. Keiner bat sie, sich zu ihnen zu setzen.

Joel war am Telefon sehr mitfühlend gewesen, aber er hatte Dienst und konnte nicht vorbeikommen. Sie solle es nicht so schwer nehmen, tröstete er sie, die meisten Leute benähmen sich merkwürdig, wenn sie unter Schock stünden.

In ihrem Zimmer wurde Daisy schmerzlich bewusst, wie viel sie an ihre Mutter erinnerte: die Teddybären in Gymnastikanzügen – einer für jeden Turnwettbewerb, an dem sie als Teenager teilgenommen hatte, der blaue, mit Krausen besetzte Morgenmantel, den Lorna ihr im vergangenen Jahr genäht hatte – er hing noch an dem Haken an der Tür –, die wunderschöne gerahmte Fotomontage, die Lorna liebevoll zusammengestellt hatte, weil sie weiteren Klebestreifenflecken auf der Tapete hatte vorbeugen wollen.

Hatte ihre Mum geahnt, dass es nach ihrem Tod so kommen würde? Hatte sie als Einzige die Familie zusammengehalten? Hatte sie gewusst, dass ohne sie alles auseinander brechen würde, und Daisy deshalb gedrängt, ihre leibliche Mutter zu suchen?

Daisy drückte Fred fester an sich und vergrub schluchzend das Gesicht in seinem Fell. Wenigstens er hielt noch zu ihr.

Jemand klopfte leise an die Tür. Daisy fuhr erschrocken hoch und wischte sich rasch die Tränen von den Wangen. »Herein!« Sie dachte, es sei Tom, der oft spätabends noch auf einen Plausch zu ihr kam, doch zu ihrer Überraschung stand ihr Vater in der Tür.

Einen Augenblick sah er sie nur an, vielleicht, weil ihm ihre rot geränderten Augen auffielen. Er war als Gutachter in einer Firma tätig, die sich auf denkmalgeschützte Objekte spezialisiert hatte, und witzelte oft, er werde einem alten Haus immer ähnlicher: Graue Fäden zogen sich mittlerweile durch sein braunes Haar, und er ging ein wenig aus der Form. Doch er hielt sich mit Federballspielen und Segeln fit und sah noch immer bemerkenswert jung und gut aus für einen Endfünfziger. Jetzt allerdings blickten seine braunen Augen düster und ernst. Daisy hatte ihn noch nie so niedergeschlagen oder verunsichert gesehen.

»Wir müssen miteinander reden«, sagte er leise. »Es tut mir Leid, Dizzie, ich war so mit mir selbst beschäftigt, dass ich
gar nicht daran gedacht habe, was du durchgemacht haben musst.«

Der Spitzname, den sie von den Zwillingen bekommen hatte, weil sie als Kleinkinder »Daisy« nicht richtig hatten aussprechen können, war ihr geblieben. Er passte zu ihr: Im Gegensatz zu ihrem Vater und den Zwillingen, die intellektuelle Interessen hatten, war Daisy nämlich ein flatterhafter Wirrkopf, der sich für vieles interessierte, aber nichts richtig beherrschte. Bei den Büchern, die sie las, bevorzugte sie leichte, pikante Unterhaltung. Sie mochte Komödien, liebte Tanzen, Schlittschuhlaufen und Gymnastik, alles, was mit schnellen Bewegungen verbunden war und das Auge ansprach. Eine ihrer herausragenden Eigenschaften aber war ihre Fähigkeit, zu vergeben und zu vergessen. Als sie sah, wie ihr Vater litt, dachte sie nicht mehr an ihre verletzten Gefühle.

»Es ist schon okay, Daddy«, erwiderte sie. »Komm nur rein.«

Er setzte sich auf die Bettkante, streichelte den Hund und fragte, was genau passiert sei.

Daisy erklärte, Lorna habe nicht gewollt, dass sie ihn oder die Zwillinge verständigte.

»Das sieht ihr ähnlich«, meinte er und kraulte Fred hinter den Ohren. »Ich hätte wahrscheinlich sowieso nicht schneller da sein können. Aber ich war einfach nicht darauf gefasst gewesen, Daisy. Gestern Abend ging es ihr noch so gut.«

»Heute Morgen, als ich ihr beim Baden half, auch«, erwiderte Daisy und schmiegte sich an ihren Vater. »Sie sprach noch davon, ein paar neue Chrysanthemen für den Herbst zu pflanzen. Als ich später nach ihr sah, dachte ich, sie schliefe, aber da sagte sie, sie glaube, es gehe zu Ende, und wollte, dass ich ihre Hand hielt.« Daisy konnte nicht mehr weitersprechen.

Ihr Vater nahm sie in die Arme. »Sie wird uns allen schrecklich fehlen«, bemerkte er traurig. »Nächsten Monat hätten wir unseren dreißigsten Hochzeitstag feiern können. Ich habe immer geglaubt, wir würden zusammen alt werden.«

Daisy fühlte sich jetzt, da er sie festhielt und wieder ganz der Alte war, schon besser. Sie überlegten gemeinsam, wen sie sofort benachrichtigen sollten und welcher Anruf bis zum nächsten Tag warten konnte.

»Mir graut bei dem Gedanken, das alles x-mal wiederholen zu müssen«, bekannte John müde und fuhr sich durchs Haar. »Da es keinen Grund für eine Autopsie gibt, kann die Beerdigung schon bald stattfinden.«

»Ich rufe ein paar Leute für dich an, wenn du willst.«

»Nein«, antwortete er seufzend, »das muss ich schon selbst erledigen. Ihre Freunde wären gekränkt, wenn sie es nicht von mir erführen. Worüber habt ihr vor ihrem Tod eigentlich gesprochen?«

Daisy hätte das vorläufig lieber für sich behalten, doch das ging jetzt nicht mehr. Sie erzählte es ihrem Vater.

Er verzog das Gesicht. »Das bedrückte sie schon eine ganze Weile. So war sie eben. Sie wollte, dass jeder glücklich und alles im Lot ist. Ihre eigene Mutter starb, als sie neun war, weißt du, und ihr Vater heiratete ein paar Jahre später ein zweites Mal. Lorna verstand sich nicht mit ihrer Stiefmutter, und weil ihr Vater offenbar den Weg des geringsten Widerstandes ging und mit seiner Tochter nie über ihre Mutter sprach, blieben viele Fragen unbeantwortet. Wahrscheinlich dachte sie, dir ginge es genauso.«

»Das stimmt aber nicht«, entgegnete Daisy heftig. »Meine leibliche Mutter interessiert mich keine Spur. Ich habe in dieser Familie alles, was ich brauche, auch wenn Lucy manchmal ein ziemliches Biest ist.«

»Sie ist bloß ein bisschen eifersüchtig auf dich«, sagte ihr Vater beschwichtigend. »Ich glaube, sie denkt, eure Mum hätte dich bevorzugt. Das geht vorbei.«

»Hoffentlich«, murmelte Daisy leise. »Sie hat immerhin Tom, die beiden machen doch alles zusammen. Wenn sich jemand wie das fünfte Rad am Wagen fühlt, dann ich.«

»Sie werden erst nach der Beerdigung wieder aufs College gehen, wir haben also genug Zeit, um zu reden und ein paar Dinge zu klären.« Ihr Vater stand auf. »Ich mach mich jetzt besser daran, die Telefonate zu erledigen, und du solltest ins Bett gehen. Es war ein furchtbarer, anstrengender Tag.«

Daisy schlief rasch ein, wachte aber bald wieder auf. Sie knipste das Licht an. Es war erst zwei Uhr. Nachdem sie eine Zeit lang vergeblich versucht hatte, noch einmal einzuschlafen, stand sie auf und ging in die Küche hinunter.

Daisy hatte schon öfter woanders gewohnt: mit Freunden in einer Wohngemeinschaft, allein in einem möblierten Zimmer, mit einem Jungen zusammen, den sie hatte heiraten wollen. Aber so sehr sie sich auch nach Freiheit sehnte – sie war immer wieder in dieses Haus und zu ihrer Mutter zurückgekehrt. Es war ein geräumiges Einfamilienhaus im viktorianischen Stil mit großen Panoramafenstern, wunderschönen Bleiverglasungen und allen herausragenden baulichen Merkmalen jener Epoche. Lorna und John hatten nicht viel verändert. Der Esszimmerboden war vor ein paar Jahren abgeschliffen und versiegelt, die Küche vergrößert und modernisiert worden. Da Lorna und John aber immer schon eine Vorliebe für den viktorianischen Geschmack, für bequeme Samtsofas, prächtige Drucke von William Morris und edel poliertes Holz gehabt hatten, sah das Innere des Hauses vermutlich so aus, wie der ursprüngliche Innenarchitekt es sich vorgestellt hatte.

Während mittlerweile wohlhabende Leute in dieser Gegend wohnten, war Bedford Park früher, in Daisys Kindheit, ein typisches Mittelstandsviertel für Familien mit drei oder vier Kindern gewesen, die sich gegenseitig besuchten, bei ihren Freunden übernachteten, zusammen spielten und zur Schule gingen. Auch die Eltern waren miteinander befreundet gewesen, und vor allem von Lorna war die Initiative zu gemeinsamen Frühstückstreffs, Abendessen und sommerlichen Gartenpartys ausgegangen.

Doch die alten Freunde zogen einer nach dem anderen fort – zu verlockend waren die absurd hohen Summen, die ihnen für ihre Anwesen geboten wurden. Die neuen Eigentümer beschäftigten Kindermädchen und schickten ihre Kinder auf Privatschulen. Die Frauen hatten keine Zeit für einen morgendlichen Kaffeeplausch.

Daisy ging ins Wohnzimmer und setzte sich an den Schreibtisch ihrer Mutter. Eine Liste mit den Namen der Leute, die ihr Vater benachrichtigen musste, lag darauf. Etwa die Hälfte hatte er bereits abgehakt.

Sie drehte sich um. Eine namenlose Traurigkeit überkam sie bei dem Gedanken daran, dass sie ihre Mum nie mehr hier sitzen und Briefe schreiben, nähen oder lesen sehen würde. Der Raum war voll gestopft mit Büchern, Bildern, Fotos und allerlei Krimskrams – Lorna hatte nichts wegwerfen können, was irgendeinen Erinnerungswert besaß. Sie hatte die kleinen Glastiere, die Daisy, Tom und Lucy ihr zum Muttertag oder zum Geburtstag geschenkt hatten, ebenso aufgehoben wie den aus einem Elefantenfuß gefertigten hässlichen Hocker von ihrem Großvater. Allein in diesem Zimmer Ordnung zu schaffen, wäre eine gewaltige Aufgabe, und Daisy fragte sich, wie sie das alles bewältigen sollten, wenn sie selbst erst einmal wieder einen Job hätte.

Ihre berufliche Unbeständigkeit rührte zum Teil daher, dass sie Hausarbeit mehr als jede andere Tätigkeit liebte. Sie kochte, putzte und gärtnerte für ihr Leben gern, während ihr die durch kleinliche Bestimmungen eingeschränkte Arbeit in einem Büro oder einem Laden überhaupt nicht lag. Das machte sie zu einem Exoten unter ihren Freunden, richtigen Yuppies der Neunzigerjahre, die versessen aufs Geldverdienen waren und davon träumten, sich ein eigenes Haus zu kaufen. Daisy hatte weder Ambitionen noch irgendwelche Qualifikationen – sie war keine besonders gute Schülerin gewesen. Sie wünschte sich im Grunde nur das, was ihre Eltern hatten: eine gute, liebevolle Ehe und Kinder. Das zuzugeben, kam heutzutage beinahe einem Bekenntnis zum Kannibalismus gleich.

Daisys Einstellung war teilweise auch für das schwierige Verhältnis zu Lucy verantwortlich. Deren Feindseligkeit war nichts Neues. Sie attackierte Daisy, wo sie nur konnte, warf ihr vor, blöd zu sein, kein Ziel zu haben und in einer Traumwelt zu leben. In gewisser Weise hatte Lucy sogar Recht. Wurde Daisy losgeschickt, um etwas zu besorgen, vergaß sie unterwegs manchmal, was sie einkaufen sollte. Ihr Liebesleben war immer chaotisch und dramatisch gewesen; sie war ein emotionaler, großzügiger Mensch, verschwenderisch und impulsiv.

Lucy hingegen war überaus intelligent. Sie hatte ein hervorragendes Abitur gemacht und studierte Volkswirtschaft. Die Jungen, mit denen sie ausging, wählte sie sorgfältig aus; sie kam mit ihrem Taschengeld aus und vergaß nie etwas. Die Ursache für die Spannungen zwischen ihr und Daisy lag jedoch woanders.

Begonnen hatte alles mit Daisys Talent als Turnerin und einem nicht besonders geschickt gewählten Moment, es vorzuführen. In der Grundschule war sie in der Turnstunde so etwas wie der Star gewesen und hatte viele Wettbewerbe gewonnen. Mit vierzehn hatte sie jedoch von Wettkämpfen genug gehabt und nur noch zum Spaß geturnt.

Lucy konnte Klavier und Klarinette spielen, worum Daisy sie glühend beneidete, weil sie selbst niemals die Geduld gehabt hätte, ein Instrument zu erlernen. An einem Sommernachmittag vor etwa sechs Jahren, als die Familie draußen im Garten gesessen hatte, hatte Lucy im Esszimmer bei offenen Terrassentüren, damit die anderen sie hören konnten, Klavier gespielt.

Daisy wusste eigentlich nicht, warum sie es getan hatte – vielleicht, wie Lucy vermutete, weil sie es nicht ausstehen konnte, wenn ihre Schwester im Mittelpunkt stand. Als Lucy ein besonders aufwühlendes Stück zu spielen begann, marschierte Daisy zur Küchentür und machte von dort einen Salto rückwärts nach dem andern, die ganze Länge des Gartens hinunter. Dann spazierte sie auf den Händen zurück.

Tom, Lorna und John klatschten stürmisch Beifall und unterbrachen den Klaviervortrag. Da ließ Lucy wütend den Klavierdeckel herunterkrachen, rief etwas, das klang wie: »Geh doch zum Zirkus! Zu etwas anderem taugst du ja doch nicht«, und sprang schmollend die Treppe hinauf.

Obwohl sich Daisy später entschuldigte, war Lucy nicht zum Einlenken zu bewegen. Von diesem Tag an herrschte Krieg zwischen den beiden, und Lucy nutzte jede Gelegenheit, Daisy schlecht zu machen und herabzusetzen.

Dass Lucy plötzlich in die Höhe schoss, bis sie knapp eins fünfundsiebzig maß, Kleidergröße vierundvierzig tragen musste und reichlich Pickel bekam, verbesserte die Situation nicht gerade. Daisy konnte zwar nichts dafür, dass sie schlank war, zehn Zentimeter kleiner und eine ziemlich reine Haut hatte, aber Lucy benahm sich, als hätte eine böse Fee sie mit einem Zauber belegt, der eigentlich für Daisy gedacht war.

Sie warf Daisy ständig vor, magersüchtig zu sein, versteckte ihre Lieblingskleider und verhöhnte sie gnadenlos wegen ihrer vermeintlichen Dummheit. Daisy machte alles nur noch schlimmer, indem sie Lucy als »fette Streberin« beschimpfte und ihr medizinische Gesichtsreiniger für ihre picklige Haut schenkte. Heute schämte sie sich dafür. Aber Lucy, die ihr nachspioniert, in ihrer Abwesenheit in ihrem Zimmer herumgeschnüffelt und sie in einem fort geärgert hatte, hatte den Bogen einfach überspannt.

Nachdem sich Daisy ein möbliertes Zimmer genommen hatte, waren sie besser miteinander ausgekommen. Aber kaum war sie wieder zu Hause eingezogen, hatte alles von vorn begonnen. Da war Daisy einundzwanzig gewesen und ein bisschen vernünftiger. Also versuchte sie, das Kriegsbeil zu begraben, und schlug einen Kinobesuch oder einen Einkaufsbummel vor. Doch Lucy kam ihr kein bisschen entgegen, und so endeten die gemeinsamen Ausflüge meistens in einem wüsten Streit.

Daisy kehrte in die Küche zurück. Fred in seinem Körbchen schaute sie schwanzwedelnd und voller Vorfreude an. »Nein, nein, wir gehen jetzt nicht Gassi.« Sie beugte sich hinunter und streichelte ihn. »Es ist mitten in der Nacht.« Daisy schenkte sich eine Tasse Milch ein und wünschte, sie hätte mit ihrer Mum über Lucy geredet. Vielleicht hätte Lorna Rat gewusst. Aber die beiden Mädchen hatten das stets untereinander ausgemacht und ihre Streitigkeiten nie vor den Eltern ausgetragen. Daisy hatte ein schlechtes Gewissen, als sie daran dachte, wie oft sie sich in Abwesenheit der Eltern gezankt hatten.

»In Zukunft mach ich das jedenfalls nicht mehr mit«, sagte sie zu sich selbst, während sie die Tasse in die Mikrowelle stellte. »Es wird Zeit, dass wir uns wie Erwachsene benehmen.«

Da es eine ungewöhnlich warme Nacht war, nahm sie ihre Zigaretten aus der Handtasche und ging in den Garten, um eine zu rauchen. Fred trottete hinter ihr her.

Sie hatte nie in Anwesenheit ihrer Eltern geraucht, weil beide Nichtraucher waren und es ihr deshalb einfach nicht richtig erschien. Meistens rauchte sie, wenn sie mit Freunden ausging, aber im Garten zu sitzen und genüsslich an einer Zigarette zu ziehen, hatte etwas herrlich Verbotenes. Joel war gegen das Rauchen, und Lucy hielt es natürlich für das Letzte. Tom dagegen rauchte selbst gelegentlich eine, und abends saßen sie oft noch draußen auf eine Zigarettenlänge zusammen.

Fred sprang zu Daisy auf die Hollywoodschaukel. Sie stieß sich sachte ab, zündete sich eine Zigarette an und dachte an Joel. Ob er sich für die Beerdigung wohl würde freinehmen können?

Plötzlich gab Fred ein leises Knurren von sich. Daisy drehte sich um und sah Tom, der im Schlafanzug auf sie zukam.

»Hi!«, rief sie leise. »Kannst du auch nicht schlafen?«

Er schüttelte den Kopf. »Ich kapier das einfach nicht, Dizzie. Als ich mich heute Morgen von ihr verabschiedet habe, schien es ihr noch so gut zu gehen.«

Er nahm die Zigarette, die Daisy ihm anbot, und setzte sich neben sie. Tom ähnelte seiner Zwillingsschwester nur äußerlich. Vom Wesen her unterschieden sich die beiden ganz erheblich: Obwohl er genauso gescheit war wie Lucy, spielte er gern den Begriffsstutzigen. Er war aufmerksamer und rücksichtsvoller als Lucy und ging großzügiger mit seiner Zeit, seiner Zuneigung und seinem Geld um. Bei seinen Tutoren und Kommilitonen war er gleichermaßen beliebt. Er war ein guter Sportler, begeisterte sich für Rockmusik und besaß einen ausgeprägten Sinn für Humor.

Sie unterhielten sich eine Weile über ihre Gefühle für ihre Mutter. Tom brach unvermittelt in Tränen aus. »Ich hätte nicht gedacht, dass es so wehtut«, flüsterte er. »Ich hab geglaubt, ich würde beinahe erleichtert sein über ihren Tod, weil er sie von ihren Schmerzen erlösen würde. Aber jetzt bin ich nur wütend, Dizzie. Ich denke dauernd: Warum gerade sie? Es laufen so viele nutzlose, jämmerliche Typen herum! Warum kriegen die es nicht?«

Daisy wusste, er erwartete keine Antwort, er musste einfach seinem Herzen Luft machen. Als sie tröstend die Arme um ihn legte, wurde ihr plötzlich bewusst, dass sie für ihn und Lucy eine Zeit lang den Platz ihrer Mutter würde einnehmen müssen.

Die Zwillinge, die nie von zu Hause fort gewesen waren, hatten seit der Grundschule dieselbe Klasse besucht und sich für ein College in West London anstatt für eine Universität in einer anderen Stadt entschieden. Ihre enge Beziehung hatte sie vor Einsamkeit, dem Drangsaliertwerden und den vielen anderen Dingen, unter denen Kinder zu leiden hatten, bewahrt. Daisy wusste noch, wie sie sie beneidet hatte, als sie noch ganz klein gewesen waren. Noch bevor sie richtig sprechen konnten, hatten sie sich in einer Art Geheimsprache verständigt, die nur den beiden geläufig war. Sie hatten oft im selben Bett geschlafen und teilten heute noch alles miteinander.

Ihre Mum war jedoch genauso wichtig für sie gewesen. Im Haus waren ihr die beiden auf Schritt und Tritt gefolgt. Die enge Bindung hatte, obwohl sie inzwischen zwanzig waren, bis zuletzt bestanden. Im Gegensatz zu Daisy, die in dem Alter jede Gelegenheit zum Ausgehen genutzt hatte, blieben die Zwillinge abends lieber zu Hause.

»Alles wird gut«, tröstete sie Tom. »Wir sind trotzdem noch eine Familie; wir werden uns gemeinsam um das Haus und den Garten kümmern. Ich bin ja auch noch da.«

»Dann wirst du also nicht ausziehen?« Er wischte sich mit dem Handrücken über die Augen. »Lucy sagt, wir hätten dich bestimmt die längste Zeit hier gesehen.«

»Wie kommt sie denn darauf?«

Er zuckte mit den Schultern. »Weiß nicht. Sie hat mitgekriegt, wie Mum und Dad vor einiger Zeit darüber sprachen, wie es später, wenn Mum nicht mehr da wäre, weitergehen soll. Dad meinte, wahrscheinlich würde er das Haus verkaufen und irgendwo ein kleineres suchen, weil er nicht erwarten könne, dass du ewig hier bleibst und dich um alles kümmerst.«

Daisy dachte einen Moment nach. »Ewig werde ich wohl kaum hier bleiben, das stimmt schon. Irgendwann werde ich wahrscheinlich heiraten und du und Lucy auch. Für Dad wäre ein kleineres, pflegeleichteres Haus sicher sinnvoller. Aber ich hab keine Ahnung, wie Lucy auf den Gedanken kommt, ich würde jetzt gleich abhauen.«

»Weil Mum uns ein bisschen was hinterlassen hat, darum«, bemerkte er. »Lucy und ich kommen erst an das Geld ran, wenn wir einundzwanzig sind, aber du kriegst deins sofort.«

Die Neuigkeit machte Daisy wütend auf ihre Schwester. Sie hatte nichts von einer Erbschaft gewusst. Eigentlich hätte das eine nette Überraschung sein müssen, doch es war typisch für Lucy, eine Waffe daraus zu machen.

»Diesmal irrt sich Lucy gewaltig. Du kannst ihr ausrichten, ich werde bleiben, egal, ob mit Geld oder ohne«, erklärte Daisy energisch. »Ich werde mich um euch kümmern, bis ihr wieder Tritt gefasst habt. Mum hätte das so gewollt. Und jetzt gehen wir besser ins Bett, das wird ein anstrengender Tag werden.«

Am Tag der Beerdigung fiel leichter Regen, so wie Lorna ihn immer geliebt hatte, weil er gut für ihren Garten war. Die Anteilnahme war groß: Angehörige, darunter viele entfernte Verwandte, alte Freunde und Nachbarn kamen; Kränze und Blumen füllten den Hof vor dem Krematorium.

Der Gottesdienst kam Daisy ziemlich kurz vor, und obwohl der Vikar einfühlsame Worte für die Verstorbene gefunden hatte, schien er das, was Lornas Wesen ausgemacht hatte, nicht erfasst zu haben. Daisy hätte ihre Meinung vielleicht besser
für sich behalten, als sie später mit der Familie, mit Freunden und ehemaligen Nachbarn auf einen Drink zusammensaß und jeder darüber sprach, was er am meisten an Lorna geschätzt hatte.

»Ich finde, er hätte erwähnen müssen, dass es ihre größte Gabe war, mit den Leuten zu reden«, erklärte Daisy. »Wisst ihr, was ich meine? Wenn jemand ein Problem hatte, dann hat sie ihm nicht bloß einen Rat gegeben, sie hat sich mit ihm hingesetzt und bei einer Tasse Tee das Ganze durchdiskutiert.«

Fast alle von Lornas langjährigen Freunden nickten zustimmend. Eine Freundin erzählte, wie Lorna ihr jeden Tag Mut gemacht habe, als sie von ihrem Ehemann verlassen worden war. Lorna sei besser als jeder professionelle Therapeut gewesen, fügte sie hinzu, weil sie die Fähigkeit besessen habe, einen selbst in den schwärzesten Stunden der Verzweiflung zum Lachen zu bringen.

Eine andere alte Freundin, Auntie Madge, wie Daisy und die Zwillinge sie immer genannt hatten, eine herzliche, gut zweihundert Pfund schwere Frau, die mindestens einmal pro Woche zu Besuch gekommen war, sagte:

»Weißt du, Daisy, du hast diese Fähigkeit von ihr geerbt. Pflege sie gut, das ist eine wunderbare Gabe.«

Obwohl Lucy, die mit ihrer besten Freundin Alice auf dem Sofa saß, gar nicht auf die Unterhaltung geachtet hatte, spürte Daisy förmlich, wie ihre Schwester hinter ihr erstarrte und die Atmosphäre im Raum sich abzukühlen schien.

Als die Gäste gegangen waren und Daisy Gläser und schmutziges Geschirr in die Spülmaschine lud, tauchte Lucy auf. Sie lehnte sich an den Türrahmen und verschränkte die Arme vor der Brust. Zu ihrem langen, völlig verknitterten schwarzen Kleid trug sie Doc-Martens-Stiefel. Sie liebte diese Aufmachung. Sie sei, tönte sie stets, eine emanzipierte Frau. Frauen, die sich schminkten und Wert auf schicke Klamotten legten, hatten ihrer Ansicht nach nur Stroh im Kopf. Lorna hatte diese Stiefel gehasst wie die Pest, und sogar Tom hatte seine Schwester zu überreden versucht, an diesem besonderen Tag etwas Nettes, Konventionelles anzuziehen, weil Lorna sich darüber gefreut hätte. Doch Lucy hatte nicht auf ihn gehört, und John, der sich an diesem Morgen elend gefühlt hatte, hatte nicht die Kraft besessen, seine Tochter zur Rede zu stellen.

»Ist was?«, fragte Daisy. Tom und ihr Dad sahen oben einige Unterlagen durch, und es war ganz still im Haus.

»Du hast gar nichts von Mum geerbt, dazu müsstest du nämlich blutsverwandt mit ihr sein«, stieß Lucy gepresst hervor.

Daisy lag schon eine giftige Antwort auf der Zunge, doch sie wollte sich nicht ausgerechnet an diesem Tag mit Lucy streiten. »Auntie Madge hat das nur bildlich gemeint«, entgegnete sie schulterzuckend. »Alle, die da waren, wissen, dass ich adoptiert bin, aber man nimmt ja auch die Eigenschaften eines anderen an, wenn man lange mit ihm zusammenlebt.«

»Wie kommt es dann, dass du keinen Grips aufgeschnappt hast?«

»Ach, komm schon, Lucy«, erwiderte Daisy ungeduldig. »Musst du ausgerechnet heute so gemein sein? Ich könnte dich genauso gut fragen, warum du nichts von Mums diplomatischem Geschick und ihrem Sinn für Timing geerbt hast.«

Anstatt sich schmollend in ihr Zimmer zurückzuziehen, wie Daisy erwartet hatte, stürzte sich Lucy auf sie, packte sie an den Haaren und schlug ihr mit der Faust ins Gesicht.

»Findest du immer noch, ich hätte keinen Sinn für Timing?«, kreischte sie wie von Sinnen. »Ich hab dich beobachtet. Glaubst du, ich hab nicht gemerkt, wie du diesen langweiligen alten Knackern in den Hintern gekrochen bist? Ihnen unter die Nase gerieben hast, wie aufopfernd du dich um Mum gekümmert hast? Als wärst du die Einzige in der Familie, die sich um sie gesorgt hat! Du konntest doch bloß die ganze Zeit hier sein, weil du bei deinem letzten Job rausgeflogen bist!«

Daisys Nase brannte wie Feuer, Blut lief heraus und tropfte auf ihr Kleid. Der Angriff hatte sie vollkommen überrumpelt. Aber selbst wenn sie daran gedacht hätte zurückzuschlagen – sie hätte gegen ihre wutentbrannte jüngere Schwester keine Chance gehabt.

Sie hielt mühsam die Tränen zurück. »Ich bin niemandem in den Hintern gekrochen«, verteidigte sie sich. »Ich war einfach nur höflich, weil es Mums Freunde sind und viele von weither angereist sind. Und damit du es weißt: Rausgeflogen bin ich nur, weil ich mir wegen Mum so oft freinehmen musste. Hast du sie auch nur ein einziges Mal zu den Untersuchungen ins Krankenhaus gefahren, ihr beim Baden oder sonst irgendwie geholfen? Ich kann mich wirklich nicht erinnern!«

Lucy machte drohend einen Schritt auf sie zu. Daisy bewaffnete sich mit einem Tranchiermesser, das auf der Arbeitsfläche lag, und zischte: »Keinen Schritt näher, sonst ramm ich dir das Ding in den Leib.«

»Warum verpisst du dich nicht einfach und ziehst mit deinem Scheißfreund zusammen?«, stieß Lucy verächtlich hervor, hielt aber Abstand. »Wir wollen dich hier nicht haben. Mum hat dich nur aus Pflichtgefühl geduldet. Für Dad, Tom und mich bist du das Allerletzte. Ein Kuckucksei!«

»Lieber das als eine alte Hexe«, gab Daisy zurück. »Guck dich doch an! Wie eine lebende Reklame für eine Kampf-der-Armut-Kampagne! Du prahlst immer damit, wie viel Grips du hast, aber bloß ein kompletter Idiot würde in diesem Aufzug zur Beerdigung der eigenen Mutter erscheinen. Was glaubst du wohl, wie Dad bei deinem Anblick zu Mute war? Wenn er heute jemanden für das Allerletzte hielt, dann ja wohl dich!«

Das Messer in der Hand, wollte sie an ihrer Schwester vorbei aus der Küche gehen. Als sie Lucy im Türrahmen streifte, packte diese sie abermals an den Haaren und bog ihren Kopf zurück. Daisy versuchte, sich zu befreien, und dabei bohrte sich die Messerspitze in Lucys Arm.

Lucy schrie wie am Spieß. Sie ließ Daisy los und rannte durch den Flur zur Treppe. »Sie geht mit dem Messer auf mich los, sie geht mit dem Messer auf mich los!«, brüllte sie. »Dad, komm schnell, hilf mir, Daisy ist übergeschnappt!«

Daisy riss einige Blatt von der Küchenpapierrolle ab und presste das Papier auf ihre blutende Nase. Sie hörte, wie Dad und Tom die Treppe heruntergepoltert kamen und fragten, was los sei. Da der Flur einen Knick machte, konnte Daisy von der Küche aus nicht sehen, wie ihr Vater und Tom bei der völlig hysterischen Lucy standen, die sich als unschuldiges Opfer eines brutalen Angriffs hinstellte. Daisy wollte gerade hinausgehen und ihre Version des Vorgangs schildern, als ihr plötzlich so schwindlig wurde, dass sie sich hinsetzen musste.

»Hör auf, so herumzuschreien. Komm mit«, wandte sich John an Lucy. Seine Stimme wurde schwächer, weil er Lucy ins Wohnzimmer führte, um sich ihren Arm anzusehen.

Tom kam in die Küche. Er blieb abrupt stehen, als er Daisy in ihren blutbefleckten Sachen sah. »Was war denn los?«

»Sie hat mich ins Gesicht geschlagen. Aus heiterem Himmel«, antwortete sie schwach. »Hab ich ihr wirklich wehgetan? Das wollte ich nicht. Ich hab das Messer nur genommen, weil ich dachte, sie würde noch mal zuschlagen. Und als ich an ihr vorbei aus der Küche wollte, hat sie mich an den Haaren zurückgerissen.«

»Dad sieht sich die Wunde an. Was ist nur in euch gefahren? Reicht es nicht, dass heute Mums Beerdigung war?«

Diese scharfe Zurechtweisung sah Tom, an dem normalerweise alles abprallte, gar nicht ähnlich. Er war ein ruhiger Typ, der sich eher zurückhielt.

»Sie hat angefangen«, beharrte Daisy. »Es geschieht ihr ganz recht, wenn sie sich verletzt hat. Sie hat gesagt, ich soll mich verpissen und zu Joel ziehen. Für euch wäre ich das Allerletzte, hat sie gemeint.«

»Ich fahr Lucy ins Krankenhaus. Die Wunde muss versorgt werden«, rief ihr Vater im Flur. »Wir sprechen uns später, Daisy«, fügte er unheilvoll hinzu. Die Haustür fiel krachend hinter ihm ins Schloss.

»Ich wollte sie nicht verletzen.« Daisy schaute Tom flehentlich an. »Sie ist so ein Miststück, Tom. Ich wette, sie lügt Dad die Hucke voll.«

Tom schwieg. Sie wusste nicht, ob er ihr glaubte. Er ging zum Kühlschrank, nahm Eis aus dem Tiefkühlfach und drückte es an Daisys Nase, um die Blutung zu stillen.

Daisy schilderte ihm unterdessen in allen Einzelheiten, was vorgefallen war, aber Tom schien sie dennoch für die Hauptverantwortliche zu halten. »Warum hast du dich überhaupt auf einen Streit eingelassen?« Sein sonst so heiteres Gesicht war vor Sorge ganz verzerrt. »Du kennst sie doch.«

»Soll ich es etwa hinnehmen, dass sie mich so beleidigt? Kein Mensch könnte das. Kannst du dir vorstellen, wie weh das tut, als Kuckucksei bezeichnet zu werden? Seht ihr mich wirklich so, Tom? Stimmt es, was sie gesagt hat, dass ich für euch das Allerletzte bin?«

»Unsinn«, antwortete er und schüttelte den Kopf. »Lucy war bloß eifersüchtig, weil sich heute alles um dich gedreht hat und jeder deine Kuchen und Puddings lobte, dir Komplimente machte, weil du das Haus so gut in Schuss gehalten hast und weil es für Mum ein großer Trost gewesen sein muss, dass du sie gepflegt hast. Lucy war gekränkt, weil sie kein Lob bekommen hat.«

»Sie hat auch keins verdient«, erwiderte Daisy trocken. »Ich hab mich nicht darum gerissen, alles allein zu machen. Du weißt selbst, dass Lucy mir nie geholfen hat. Ich bin über Mums Tod genauso erschüttert wie alle anderen, doch ich konnte nicht einfach rumhocken und Trübsal blasen. Jemand musste sich ja um alles kümmern.«

Tom sah sie mit jenem verzweifelten Ausdruck an, den sie von ihrem Vater kannte. John ging Konfrontationen möglichst aus dem Weg, er hasste es, für jemanden Partei zu ergreifen. »Deine Nase ist ganz schön geschwollen«, stellte Tom fest. Es klang wie ein Vorwand, um das Thema zu wechseln. »Ich hol dir noch einen Brandy. Vielleicht solltest du besser ins Bett gehen.«

Daisy, die seit sechs Uhr auf den Beinen war und gekocht und gebacken hatte, sehnte sich tatsächlich nach ihrem Bett. Sie war völlig erledigt. »Okay, aber dann erzähl Dad bitte meine Version, wenn er nach Hause kommt. Machst du das für mich?«

Tom nickte.

»Vielleicht wäre es das Beste, wenn ich ausziehen würde.«

Er sah sie einen Augenblick schweigend an.

»Das denkst du doch auch, nicht wahr?« Sie fühlte, wie ihr die Tränen kamen.

»Ich weiß es nicht, Daisy«, erwiderte er müde und fuhr sich zerstreut durchs Haar. »Aber eins weiß ich: Ich habs satt, immer zwischen zwei Stühlen zu sitzen.«

2. Kapitel

Daisy wachte auf, weil Fred zu ihr ins Bett sprang und ihr das Gesicht leckte.

»Lass das, Fred«, murmelte sie schlaftrunken und zog sich die Decke über den Kopf. Doch Fred steckte unbeeindruckt die Schnauze unter die Bettdecke, und plötzlich war Daisy hellwach. Die Ereignisse vom Vorabend fielen ihr wieder ein.

Sie hatte gehört, wie Dad und Lucy gegen halb elf nach Hause gekommen waren. Aber sie hatten sich gleich zu Tom ins Wohnzimmer gesetzt und die Tür hinter sich geschlossen. Irgendjemand musste später heraufgekommen sein, nach ihr gesehen und die Tür nicht richtig ins Schloss gezogen haben, sonst hätte Fred nicht ins Zimmer kommen können. Vielleicht war es ihr Vater gewesen, der die Sache mit dem Messer hatte klären wollen.

Daisy befühlte ihre Nase. Sie tat ganz schön weh. Als Daisy nach dem Spiegel auf ihrem Nachttisch griff, fiel ihr Blick auf den Wecker. Es war erst sieben.

Ihre Nase war furchtbar geschwollen und die Haut unter beiden Augen bläulich verfärbt. Das sah zwar übel aus, bewies aber immerhin, dass Lucy sie angegriffen hatte. Am Abend war sie mit Joel verabredet, er hatte sie zum Essen ausführen wollen, aber daraus würde nun nichts werden. Sie sah ja aus, als wäre sie Opfer eines Verkehrsunfalls geworden.

Sie versuchte, wieder einzuschlafen, doch ihre Gedanken kreisten unablässig um die Geschehnisse des Vortags. Sie schämte sich, dass ihr Streit mit Lucy diesen bedeutsamen Tag entwürdigt hatte. Warum hatte sie ihre Schwester nicht einfach stehen lassen, als diese sie provoziert hatte? Hätte Joel nach der Beerdigung nicht gleich wieder zum Dienst zurückkehren müssen, wäre das alles wahrscheinlich gar nicht passiert. In seiner Anwesenheit hielt sich Lucy mit ihren Gemeinheiten zurück.

Und trotzdem hatte sie »Scheißfreund« gesagt. Nur um ihre Schwester zu ärgern oder weil sie ihn insgeheim hasste?

Daisy stieß einen tiefen Seufzer aus. Eins der Dinge, die ihr an Joel so gefielen, war, dass er mit allen Leuten auskam. Nachdem sie jahrelang Freunde gehabt hatte, die keinem recht gewesen waren, genoss sie es, mit jemandem zusammen zu sein, der bewundert und respektiert wurde. Lucy musste das natürlich mies machen. Wie könnte es auch anders sein?

Sie schloss die Augen und dachte an ihre erste Begegnung mit Joel. Es war vor über einem Jahr in einem Weinlokal in Hammersmith gewesen. Der große, kräftige Mann in engem schwarzen T-Shirt und Jeans am Nebentisch war ihr gleich aufgefallen, und sie hatte ihren Freundinnen zugeflüstert, was für ein heißer Typ das sei. Nach ein paar Drinks hatte sie ihre Handtasche umgestoßen, und der Inhalt, darunter einige peinliche Dinge, hatte sich ringsum verteilt. Der Mann war aufgesprungen und hatte ihr beim Auflesen geholfen. Wozu sie denn Schraubenschlüssel und -zieher dabeihabe, hatte er gefragt und gescherzt, ob sie auf Diebestour gehen wolle.

Sie hatte sich seinerzeit mit ein paar Freundinnen eine Wohnung direkt gegenüber dem Weinlokal geteilt und mehr als einmal getönt, es sei schlicht unmöglich, einen Mann zu finden, der solvent, warmherzig, zuverlässig, solide und sexy war. Doch Joel war all das und noch viel mehr. Er brachte sie zum Lachen, er war stark und fit und auf bezaubernde Weise altmodisch.

Er machte ihr richtiggehend den Hof, brachte ihr Blumen zu ihrer ersten Verabredung mit und versuchte erst beim dritten Date, sie zu verführen. Und wenn sie im Bett waren, kamen sie fast nicht mehr heraus. Daisy hatte in keiner ihrer Beziehungen solche Erfüllung gefunden.

Und es war gut, dass sie ihre wilde Leidenschaft ausgelebt hatten, denn viel Zeit dafür war ihnen nicht geblieben. Zuerst war Joel an der Hendon Police Academy aufgenommen worden, und dann war Daisy wieder zu Hause eingezogen, um ihre kranke Mutter zu pflegen. Zu mehr als ein bisschen Knutschen hatte es in letzter Zeit kaum noch gereicht.

Willst du ihn heiraten?, fragte sie sich und dachte an die Worte ihrer Mutter, dass sie sich dessen absolut sicher sein müsse. Noch vor einem Jahr hätte sie, ohne zu zögern, mit Ja geantwortet, aber durch Joels Karriere und die Krankheit ihrer Mutter hatte sich ihre Beziehung verändert. Daisy liebte ihn nach wie vor, doch für ein bisschen Spaß schien einfach keine Zeit mehr zu sein. Sie trafen sich auf einen Plausch bei einer Tasse Tee, fast wie ein altes Ehepaar, nur dass ein altes Ehepaar zusammenlebte und mehr Gelegenheiten zum Sex hatte.

Außerdem war das ohnehin reine Spekulation. Joel sprach nur vage vom Heiraten. Wenn das Thema einmal zur Sprache kam, klang es wie etwas, das in ferner Zukunft lag. Er hatte sie nie gebeten, seine Frau zu werden. Er würde vermutlich nichts dagegen haben, wenn sie bei ihm einzöge, aber wollte sie das wirklich?

Sie wusste es selbst nicht. Er hatte lange, unregelmäßige Schichten, sie hatte nicht einmal einen Job. Nur wegen Lucy auszuziehen, könnte sich als schwerer Fehler erweisen. Was das betraf, war sie allerdings Expertin: Es schien keinen schweren Fehler zu geben, den sie nicht schon gemacht hatte. Rückblickend kam es ihr so vor, als hätte sie sich einfach treiben lassen, als hätte nicht sie selbst, sondern ihre Freunde über ihr Leben bestimmt.

Als sie mit sechzehn von der Schule abgegangen war, hätte sie bei einem Partyservice oder im Hotelmanagement eine Lehre absolvieren sollen, weil sie gut mit Menschen umgehen konnte und Spaß am Kochen hatte. Aber ihr damaliger Freund hatte nicht gewollt, dass sie zu unregelmäßigen Zeiten, auch abends und an den Wochenenden, arbeitete. Heute kam ihr das wie ein Witz vor, zumal er selbst überhaupt keiner Beschäftigung nachgegangen war. Sie hatten praktisch nichts anderes gemacht, als in seinem schmuddeligen möblierten Zimmer herumzuhocken, fernzusehen und miteinander zu schlafen. Der Gipfel aber war gewesen, dass er ihr wegen einer Krankenschwester den Laufpass gab – dabei konnte man sich wohl kaum einen Beruf mit noch unregelmäßigeren Arbeitszeiten als den einer Krankenschwester vorstellen.

Die nächste ernsthaftere Beziehung hatte sie zu einem Autoteileverkäufer gehabt. Er wohnte in Leicester, und wenn er in London zu tun hatte, übernachtete sie bei ihm im Hotel. Da sie sich auf Abruf zur Verfügung halten musste, verzichtete sie auf den Besuch der Abendschule. Später hatte sie dann herausbekommen, dass er verheiratet war und drei Kinder hatte. Sie hatte die Enttäuschung lange nicht verwunden.

Und so ging es weiter. In der Arbeit sah sie lediglich eine Möglichkeit, Geld zu verdienen; ansonsten drehte sich ihr Leben darum, ihren jeweiligen Freund glücklich zu machen. Es hatte natürlich auch längere Abschnitte gegeben, in denen sie solo gewesen war, doch anstatt die Zeit zu nutzen und darüber nachzudenken, was sie mit ihrem Leben anfangen wollte, konzentrierte sie ihre Gedanken darauf, möglichst schnell den nächsten Mann zu finden.

Daisy dachte an ihre Freundinnen. Cathy war im Computergeschäft tätig, Sarah war Finanzberaterin, und Trudy arbeitete in einem Reisebüro. Warum war sie nicht auch so ehrgeizig und fleißig wie die drei?

Sicher, sie hatten einen besseren Schulabschluss und anschließend laufend Fortbildungskurse besucht. Was die drei jedoch verband und sie von Daisy unterschied, war ihr Elternhaus.

Plötzlich begriff sie, warum sie sie so oft deswegen aufzogen. Trudy war in einer Sozialwohnung in Hammersmith aufgewachsen, die andern beiden hatten kein gutes Verhältnis zu ihren Eltern und waren mit achtzehn von zu Hause ausgezogen. Keine hatte je gehabt, was für Daisy immer selbstverständlich gewesen war: materieller Wohlstand und kluge, liebevolle Eltern, die sie in jeder Hinsicht unterstützten. Deshalb war es auch nicht verwunderlich, dass sie darauf brannten, ihr »Stück vom Kuchen« zu ergattern, und wussten, es gab nur einen Weg, es zu bekommen: harte Arbeit.

Beschämt stand Daisy auf, schlüpfte in Jeans und T-Shirt und ging mit Fred nach draußen. Er zog an der Leine, weil er es eilig hatte, zum Rasen von Turnham Green zu kommen. Daisys Gedanken wanderten zu Lucy. Ob ihre Verletzung sehr schlimm war? Sie fragte sich, ob sie sich wohl versöhnen könnten.

Der Himmel hatte sich mit grauen Wolken bezogen, es sah nach Regen aus. Trotzdem besserte sich Daisys Laune ein wenig, als sie belustigt beobachtete, wie Fred begeistert herumrannte und jeden Baum, jeden Pfosten, jede Bank beschnupperte. Er war die letzten zwei Tage ganz durcheinander gewesen. Immer wieder war er zum Elternschlafzimmer gelaufen und hatte Lorna gesucht. Das Schlafzimmer war früher tabu für ihn gewesen, aber er hatte es sich während ihrer Krankheit angewöhnt, ihr dort Gesellschaft zu leisten. Jetzt jagte John ihn jedes Mal wieder die Treppe hinunter, und der arme Fred fragte sich wahrscheinlich, wohin sein Frauchen gegangen war. Er hatte sehr an Lorna gehangen.

Auch das war ein Problem: Was sollte aus Fred werden, wenn Daisy wieder arbeiten ging? Sie konnten ihn doch nicht den ganzen Tag allein zu Hause einsperren.

Der Spaziergang zog sich länger als gewöhnlich hin, weil Fred jedes Mal davonrannte, sobald Daisy ihn anzuleinen versuchte. Als sie die Haustür aufschloss, kam ihr Vater gerade in Freizeithose und Sweatshirt die Treppe herunter.

Er warf ihr einen finsteren Blick zu. »Ich habe mit dir zu reden«, sagte er scharf.

Daisy setzte den Wasserkessel auf und begann, den Tisch zu decken. »Lass das jetzt«, meinte John gereizt. »Ich möchte wissen, warum du mit einem Messer auf Lucy losgegangen bist. Was in aller Welt hast du dir nur dabei gedacht?«

»Ich bin nicht mit dem Messer auf sie losgegangen«, erwiderte sie empört. Lucy sei selbst schuld, fügte sie hinzu, weil sie sie an den Haaren gepackt habe.

»Das weiß ich«, unterbrach er sie ungeduldig. »Tom hat es mir erzählt. Aber das ist noch lange kein Grund, deine Schwester mit einem Messer zu bedrohen.«

»Und das da?« Daisy tippte sich an die Nase. »Sie hat mich ins Gesicht geschlagen. Einfach so. Sie war wie von Sinnen. Ich hab das Messer genommen, damit sie mir vom Leib bleibt. Du hättest hören sollen, was sie mir alles an den Kopf geworfen hat!«

»Das ist keine Entschuldigung. Sie hat ihre Mutter verloren, Herrgott, da ist es doch verständlich, dass sie verstört ist und nicht mehr weiß, was sie sagt.«

Tief verletzt, entgegnete Daisy: »Auch ich habe meine Mutter verloren. Ich war genauso verstört.« Sie war laut geworden. »Anscheinend denkst du auch, dass ich bloß ein Kuckucksei bin und keine Rechte oder Gefühle haben darf.« Ihre Augen füllten sich mit Tränen.

»Unsinn, aber du bist fünf Jahre älter, und deshalb erwarte ich, dass du dich unter Kontrolle hast.« Johns Gesicht war rot vor Zorn. »Euer ständiges Gezanke hängt mir zum Hals heraus!«

Kontrolle war für Daisy ein Fremdwort. Sie war der Typ, der immer mit dem Kopf durch die Wand wollte, der zum Angriff überging, wenn Nachdenken angebracht gewesen wäre. Gekränkt, weil ihr Dad ihr die alleinige Schuld an dem Vorfall gab, schoss sie zurück: »Tausend Dank, Dad, dass du daran gedacht hast, dass ich es war, die Mum wochenlang gepflegt hat. Lucy war sie so total egal, dass sie ihr nicht mal die Haare waschen konnte. Und um alles, was in den letzten Tagen zu erledigen war, hab ich mich ganz allein gekümmert. Lucy hat nie auch nur einen Finger gerührt.« Sie holte Luft.

Das Gesicht ihres Vaters spiegelte keinerlei Einsicht wider, nur Verärgerung.

»Weißt du was? Ich ziehe aus«, fügte sie hinzu. »Vielleicht merkst du dann, was für ein selbstsüchtiges kleines Miststück Lucy in Wirklichkeit ist.«

Sie drehte sich um und rannte in ihr Zimmer hinauf. Mit tränenüberströmtem Gesicht warf sie ein paar Sachen in eine Reisetasche. Wenige Minuten später schlug sie die Haustür hinter sich zu und lief zu ihrem Wagen. Der alte VW Käfer sprang ausnahmsweise gleich beim ersten Mal an. Daisy fuhr nach Acton, wo Joel wohnte.

Joel war früher in der Navy gewesen und hatte sich die Wohnung bei seiner Rückkehr nach London gekauft. Er hatte sich lange geweigert, Daisy dorthin mitzunehmen – erst später verstand sie, warum. Es war eine winzige Zweizimmerwohnung im zweiten Stock eines kleinen, verwahrlosten Sozialbaus. Der einzige Vorteil war der günstige Preis gewesen. Außer einem Bett, einem Kühlschrank und einem Herd besaß Joel keinerlei Möbel, nicht einmal Vorhänge an den Fenstern.

Während er auf den Eintritt in den Polizeidienst gewartet hatte, hatte er die Wohnung renoviert und Teppichböden verlegt, und jetzt war es dort wirklich gemütlich, aber das scheußliche Betontreppenhaus wirkte nach wie vor schrecklich deprimierend.

Da Daisy nicht damit rechnete, dass Joel zu Hause war, schloss sie mit ihrem Schlüssel auf. Zu ihrer Überraschung stand er jedoch in Boxershorts vor ihr, als sie die Tür schloss und sich umdrehte.

»Na, das ist ja eine Überraschung!«, rief er verdutzt. Daisy brach in Tränen aus.

Joel war gut eins fünfundachtzig groß und muskulös, er hatte einen kräftigen Nacken und trug das Haar kurz geschnitten wie ein Kadett. Das jungenhafte, rosige Gesicht mit den langen, dunklen Wimpern und dem weichen, vollen Mund bildete einen seltsamen Kontrast zu seiner Figur. Aber so war Joel: Er steckte voller Widersprüche. Er sah aus wie ein taffer Bursche und konnte so zärtlich sein; er spielte Rugby und liebte Gedichte; im Auto hörte er Heavymetal in voller Lautstärke, daheim klassische Musik.

Daisy erzählte ihm, was passiert war. Er führte sie ins Schlafzimmer, drückte sie auf sein zerwühltes Bett und ging hinaus, um ihr einen Tee zu kochen.

In der Wohnung sah es wie immer chaotisch aus. Daisy räumte jedes Mal auf und legte seine Kleider ordentlich zusammen, doch davon war beim nächsten Besuch nichts mehr zu sehen. Für alles benutzte er sein Bügelbrett. Heute standen seine Stiefel darauf, als hätte er sie geputzt. Oft stapelten sich leere Faltschachteln von Schnellimbissen darauf, aber nur ganz selten stand dort ein Bügeleisen. Dabei war Joel sehr gepflegt. Er hatte immer saubere Fingernägel, er duftete nach Seife und Wasser, und seine Füße rochen auch nicht wie die der meisten Männer, die sie kannte.

»Du hättest nicht einfach davonlaufen dürfen«, meinte er ernst, als er mit dem Tee zurückkam. »Dein Dad steckt in der schlimmsten Krise seines Lebens, da gehen ihm eure Streitereien auf die Nerven, ist doch klar.«

»Aber es war Lucy, die angefangen hat«, erwiderte Daisy empört. »Ich will ja, dass wir Freundinnen sind, aber sie nicht. Sie hasst mich.«

Joel machte ein bedrücktes Gesicht. »Ich wünschte, ich könnte in Ruhe mit dir darüber reden, doch mein Dienst fängt gleich an.« Er ging zu dem Stuhl, über den er seine Uniform gehängt hatte. »Ich bin nicht vor sechs zurück. Du kannst gern hier bleiben, aber richtig finde ich es nicht.«

»Vielen Dank für dein Verständnis. Ich dachte, wenigstens du wärst auf meiner Seite«, fauchte sie.

»Das bin ich doch«, versicherte er ihr. »Lucy ist eine eifersüchtige kleine Gans, das ist mir x-mal aufgefallen. Und durch die Ereignisse ist das alles jetzt an die Oberfläche gekommen.«

»Ich wüsste nicht, warum sie auf mich eifersüchtig sein sollte.«

Joel lachte, seine braunen Augen funkelten. »Dann guck mal in den Spiegel, Daisy. Du bist so süß, und sie ist bestenfalls Durchschnitt. Du bist wie prickelnder Sekt, und sie ist wie abgestandenes Bier. Sie hat nichts weiter als ihre überdurchschnittliche Intelligenz, aber ich glaube nicht, dass ihr das ein Trost ist.«

Er küsste sie lange und versprach ihr leise, das Versäumte am Abend nachzuholen. »Leg die Füße hoch und ruh dich aus«, fügte er hinzu. »Du hast zu lange unter Stress gestanden, das kommt noch hinzu. Aber dagegen hab ich was ganz Spezielles, du wirst sehen.«

Die Füße hochlegen? Das konnte Daisy nicht, solange in der Wohnung eine solche Unordnung herrschte. Also bezog sie das Bett neu, spülte den Berg Geschirr ab und putzte anschließend gründlich.

Sie wollte es sich gerade mit einer Tasse Tee vor dem Fernseher gemütlich machen, um sich später den Spielfilm am Freitagnachmittag anzusehen, als es an der Tür klingelte. Joel sagte immer, er bekomme höchstens Besuch von Vertretern, die ein Haustürgeschäft abzuschließen hofften.

Doch als sie öffnete, stand ihr Vater vor ihr. Daisy prallte erschrocken zurück.

»Darf ich reinkommen?«, fragte er.

»Wie hast du mich gefunden?«

Er lächelte gequält. »Man muss keine Intelligenzbestie sein, um darauf zu kommen, wo du dich aufhältst. Keine Sorge, ich werde dich nicht nach Hause schleifen, wenn du hier bleiben willst. Aber ich wollte, dass du weißt, dass ich dich liebe und hoffe, du wirst es dir noch einmal überlegen.«

Das nahm ihr den Wind aus den Segeln. Sie hatte die ganze Zeit gedacht, er sei froh, dass sie gegangen war.

Er setzte sich ins Wohnzimmer, und Daisy brühte ihm eine Tasse Kaffee auf. »Nett ist es hier und so ordentlich«, meinte er mit einem anerkennenden Blick in die Runde. »Joel scheint wirklich in jeder Beziehung ein toller Bursche zu sein.«

»Na ja, ich hab gerade sauber gemacht«, gestand sie. »Wenn du früher gekommen wärst, wärst du wahrscheinlich nicht so begeistert gewesen.«

»Ich mag Leute mit kleinen Fehlern.« Ein schwaches Lächeln spielte um seine Lippen. »Das macht sie menschlich. Mein Fehler ist, dass ich zwar erwarte, dass immer alles reibungslos klappt, aber selbst nicht im Stande bin, das zu bewerkstelligen. Lucys Fehler ist, dass sie von Eifersucht zerfressen ist, und Toms, dass er um keinen Preis Partei ergreifen möchte. Und deiner, Daisy, dass du viel zu impulsiv bist. Was meinst du, werden wir einen Weg finden, miteinander zu leben, ohne ständig zu streiten? Lornas Tod geht mir furchtbar nahe, und ich weiß, dass es dir ebenso geht, und nur, wenn wir zusammen sind, werden wir uns ein bisschen besser fühlen.«

Daisy betrachtete ihre Hände und schwieg. Was hätte sie sagen sollen? Es war Lucy, die aus der Rolle gefallen war, ihr Vater wusste es, und sie wusste es auch.

»Wir brauchen dich, Daisy«, fuhr er fort. »Keiner von uns kann kochen oder den Haushalt führen. Du musst uns ein bisschen einarbeiten, bevor wir das alles allein schaffen. Du darfst nicht denken, dass ich dich nur der Hausarbeit wegen bitte, es dir noch einmal zu überlegen. Nein, du weißt bestimmt, dass es nicht so gemeint ist.«

Daisy hatte sich nie als eine Art Aschenputtel gesehen. Lange bevor ihre Mum erkrankt war, hatte sie im Haushalt geholfen und gekocht, weil sie das einfach gern tat. Was ihr Dad sagte, klang logisch, und sie wollte ihm in dieser schweren Zeit nicht noch zusätzlichen Kummer bereiten. Außerdem wünschte sie sich in ihrem tiefsten Innern nichts sehnlicher, als nach Hause zurückzukehren.

»Ich kann nicht zurückkommen, wenn Lucy sich nicht ändert«, erklärte sie. »Ich ertrage ihre ständigen Attacken einfach nicht mehr.«

»Sie ist nicht nur eifersüchtig, weißt du, sondern leidet unter schweren Schuldgefühlen. Sie hat eingesehen, dass sie in den letzten Monaten mehr für ihre Mutter hätte tun sollen. Je mehr sie sich vor der Arbeit gedrückt hat, desto mehr hat auf dir gelastet. Das war ein Teufelskreis, der sie völlig fertig gemacht hat.«

»Warum vergessen wir das Ganze dann nicht einfach und fangen von vorn an?«

»Genau das, mein Schatz, ist der fundamentale Unterschied zwischen euch beiden. Du kannst das, einfach sagen: ›Schwamm drüber, fangen wir von vorn an!‹ Lucy kann das nicht. Sie ist vom Wesen her genau das Gegenteil von dir. Für sie gibt es nur schwarz und weiß, aber keine Zwischentöne. Ihr Leben ist in Fächer unterteilt: in diesem Fach das College, in jenem die Familie, daneben ihr Freundeskreis und so weiter. Du hingegen bist flexibel, anpassungsfähig, und damit ist sie überfordert. Du siehst nicht nur schwarz und weiß, du siehst den ganzen Regenbogen.«

Daisy machte ein erstauntes Gesicht. »Tatsächlich?«

Ihr Vater lachte leise. »Der Vergleich hinkt, aber etwas Besseres ist mir im Moment nicht eingefallen. Ihr habt beide eure Stärken. Lucy ist zielstrebig, ehrgeizig und hat einen scharfen Verstand. Du bist warmherzig, mitfühlend und hast einen herrlichen Sinn für Humor.«

»Manchmal wünschte ich, ich hätte Lucys Stärken«, gab Daisy traurig zu.

»Und sie hätte gern deine.« Er beugte sich vor und ergriff ihre Hand. »Aber am meisten hat sie dich um dein unbeschwertes, lockeres Verhältnis zu deiner Mutter beneidet. Sie hat mir gestern Abend gestanden, sie hätte euch oft miteinander lachen und schwatzen hören, und es hätte sie gewurmt, dass sie das nicht auch konnte. Sie konnte ihrer Mutter nicht sagen, dass sie sie liebte. Und jetzt denkt sie wahrscheinlich, sie hätte es noch sagen können, wenn sie rechtzeitig heimgekommen wäre und sie noch einmal gesehen hätte.«

»Ja, kann sein«, räumte Daisy nachdenklich ein. Plötzlich begriff sie, warum Lucy an jenem Tag so aggressiv reagiert hatte. »Aber das ist doch blöd. Ich meine, Mum hat uns genau gekannt und uns so akzeptiert, wie wir sind.«

»Eines Tages wird Lucy das auch erkennen. Was hältst du davon, wenn du übers Wochenende bei Joel bleibst und Montag wieder nach Hause kommst? Dann sind Tom und Lucy auf dem College, und du kannst dich in Ruhe nach einem Job umsehen. Und ich werde so bald wie möglich eine Putzfrau einstellen. Wir können nicht von dir erwarten, dass du dich ständig allein um alles kümmerst.«

»Was sagt Lucy dazu?«

»Nun, sie hat schon befürchtet, sie müsste ein neues Fach anlegen und neben ihrer Arbeit fürs College auch noch putzen und kochen.« Er lächelte bitter. »Deshalb wird sie erleichtert sein. Und Tom und ich möchten einfach, dass du wieder dort bist, wo du hingehörst.«

Das genügte Daisy. Sie rutschte neben ihren Vater und umarmte ihn. »Okay, ich komme am Montag wieder nach Hause. Ich würde alles tun, damit du nicht mehr traurig bist.«

»Die Trauer kommt und geht, weißt du? In der einen Minute bin ich froh, dass Lorna von ihren Schmerzen erlöst wurde, und in der nächsten würde ich meine Seele dem Teufel verkaufen, wenn ich sie dadurch wieder lebendig machen könnte. Ständig meine ich, sie irgendwo im Haus zu sehen, manchmal so klar und deutlich, dass ich denke, sie ist wirklich da. Vielleicht fühl ich mich besser, wenn ich wieder arbeiten gehe.«

»Was hast du da eigentlich mitgebracht?«, fragte Daisy, die jetzt erst die Tasche bemerkte, die er neben sich abgestellt hatte.

Er lächelte. »Das ist für dich. Ich hab mir gedacht, das ist der richtige Zeitpunkt, es sich anzusehen. In dieser Schachtel sind lauter Dinge, die mit dir zu tun haben. Deine Mum hat für jeden von euch so eine Sammlung angelegt. Sie hat alles liebevoll zusammengetragen, was sie in eurem Leben für wichtig hielt. Ich nehme an, sie hat auch einen Brief von sich dazugelegt, du weißt ja, wie vorausschauend sie war.«

Daisy zog den Reißverschluss auf. In der Tasche befand sich eine rechteckige Blechdose mit einem Griff, die wie eine große Geldkassette aussah, die aber mit Fotos verziert und lackiert worden war.

»Hier ist der Schlüssel.« John stand auf und nahm ihn aus der Jackentasche. »Ich lass dich jetzt allein. Ich muss noch Hundefutter und Brot besorgen.«

Nachdem ihr Vater gegangen war, legte sich Daisy die Schatulle auf den Schoß und betrachtete sie nachdenklich. Sie hatte immer geglaubt, jeden einzelnen Gegenstand im Haus zu kennen, John und Lorna hatten nie Geheimnisse vor ihren Kindern gehabt, aber Daisy konnte sich nicht erinnern, diese Schachtel jemals gesehen zu haben, was die Sache nur noch spannender machte.

Die Fotos an der Außenseite waren alle von ihr, Familienschnappschüsse, die zerschnitten und in willkürlicher Anordnung aufgeklebt worden waren. Daisy fragte sich, wann ihre Mum zuletzt daran gearbeitet hatte. Einige Bilder waren erst ein Jahr alt, und es war auch kein Platz für weitere mehr. Lorna hatte die Arbeit fertig gestellt, weil sie offensichtlich geahnt hatte, dass ihr nicht mehr viel Zeit blieb. Daisy hob behutsam den Deckel an. Beim Anblick des Inhalts kamen ihr die Tränen.

Sie fand Zeitungsausschnitte mit Berichten über ihre gewonnenen Turnwettkämpfe, Schulzeugnisse, einen von ihr verfassten Aufsatz über die Familie, Bastelarbeiten, an die sie sich überhaupt nicht erinnern konnte, ein selbst gemachtes Nadelkissen, das sie ihrer Mutter zu Weihnachten geschenkt hatte. In einer kleinen Plastiktüte lagen ihre Milchzähne, daneben ein Foto, auf dem sie keine Vorderzähne hatte, und ein Klassenfoto aus der Zeit, als sie von der Grundschule abgegangen war. So viele Dinge, die niemandem außer ihr etwas bedeuteten, liebevoll gesammelt und sorgsam gehütet. Daisy war tief gerührt.

Zwischen all diesen Dingen lagen Zettel mit Gedanken und Beobachtungen ihrer Mutter. Auf einigen hatte sie lustige Begebenheiten festgehalten, so wie jenen Schulausflug, bei dem Daisy in einen Tümpel gefallen war. Damit sie wenigstens die nassen Schuhe ausziehen konnte, hatte die Lehrerin ihr ihre Handschuhe über die Füße gestreift, und so war sie dann nach Hause gekommen. Auf einem anderen Zettel beschrieb Lorna Daisys Auftritt als Dorothy in einer Schulaufführung von Der Zauberer von Oz.

Daisy musste einige Male herzhaft über die aus der Sicht eines Erwachsenen geschilderten Ereignisse, die sie fast vergessen hatte, lachen. Man konnte aber auch zwischen den Zeilen lesen, wie Lorna den Charakter ihrer Tochter einschätzte. Und manche Aufzeichnungen spiegelten ihre Sorgen wider.

Eine davon war während Daisys Beziehung zu Kevin entstanden. Das war der Junge, der ihr die Stelle im Hotelfach oder bei einem Partyservice ausgeredet hatte, als sie sechzehn gewesen war. Und zu dieser Beziehung hatte ihre Mutter geschrieben:

Ich komme mir so hilflos vor, und ich habe Angst um sie. Bin ich ein Snob, weil ich den Gedanken, meine Kleine ist mit so einem ungehobelten Klotz zusammen, nicht ertragen kann? Ich bin ganz krank vor Angst, sie könnte schwanger werden und sich ihr Leben, ihre Zukunft verbauen. Ich wünschte, ich hätte den Mut, sie im Haus einzuschließen, aber dadurch würde ich sie ihm erst recht in die Arme treiben. Also tue ich so, als hätte ich mich damit abgefunden, wenn ich diese Beziehung auch nicht billige. Ich versuche sogar, so zu tun, als wäre mir Kevin sympathisch, wenn er gelegentlich mal hier auftaucht. Bestimmt denkt jede Mutter, ihre Tochter ist die Schönste, die Begabteste, und wünscht sich einen Märchenprinzen für sie. Ich wäre schon mit einem anständigen Mann für meine Daisy zufrieden, einem, der für sie sorgt, der sie liebt und respektiert. Ich hätte nichts dagegen, wenn er nur ein einfacher Arbeiter wäre.

Daisy schnürte sich bei diesen Worten die Kehle zusammen. Sie hatte nichts von Lornas Empfindungen geahnt. Sie wusste noch, wie viel Verständnis sie gezeigt hatte, als Kevin ihr den Laufpass gegeben und sie ihrem Frust und ihrer Wut lautstark Ausdruck verliehen hatte. Nicht ein einziges Mal hatte Lorna gesagt, sie solle froh sein, dass sie ihn los war.

Es war wirklich klug von ihrer Mum gewesen, ihre Meinung für sich zu behalten. Heute dachte Daisy schaudernd an Kevin zurück, aber hätte sie damals gewusst, wie sehr ihre Mutter ihn verabscheute, wäre es sehr gut möglich gewesen, dass sie sich aus Trotz wieder so einen Kerl gesucht hätte. Sechzehnjährige sind nun einmal so.

Sie fand auch Notizen über Harry, ihren verheirateten Freund. Lorna hatte die ganze Zeit geahnt, dass er verheiratet war, und befürchtet, die Erkenntnis werde ihrer Tochter eines Tages das Herz brechen. Daisy konnte sich nur an einen Satz erinnern, den sie gesagt hatte, als es vorbei war: Eine Frau dürfe ihr Glück niemals auf dem Unglück einer anderen aufbauen.

Der willkürlichen Reihenfolge nach zu urteilen, hatte Lorna immer wieder in diesen Erinnerungen gestöbert, die eine oder andere Notiz gelesen und wieder zurückgelegt. Eine Betrachtung über ein Ereignis, das zwanzig Jahre zurücklag, fand sich neben einer aus jüngster Zeit. Viele Aufzeichnungen stammten aus Daisys frühester Kindheit und beschrieben Probleme beim Füttern, Besuche im Krankenhaus, wo sie gewogen und geimpft worden war, und ein lustiger Bericht schilderte die Bemühungen, sie ans Töpfchen zu gewöhnen. Ganz zuunterst fand Daisy zwei versiegelte Umschläge.

Sie öffnete den dickeren zuerst. Er enthielt die Adoptionsunterlagen, ihre Geburtsurkunde, zwei vergilbte Schwarz-Weiß-Fotos und eine Notiz von Lorna. Daisy erinnerte sich, dass ihre Mum ihr diese Unterlagen hatte zeigen wollen, als sie ungefähr dreizehn Jahre alt gewesen war. Sie hatte sich strikt geweigert, auch nur einen Blick darauf zu werfen. Danach war es zu einer Art Spaß zwischen ihnen geworden: Lorna fragte immer wieder einmal, ob sie sie jetzt vielleicht sehen wolle, und Daisy verneinte jedes Mal, obwohl sie, besonders mit sechzehn, ganz gern gewusst hätte, was sich in dem Umschlag befand, aber sie fürchtete, sie könnte ihre Mutter verletzen, wenn sie ihre Meinung plötzlich änderte.

Sie studierte ihre Geburtsurkunde. Ihr richtiger Name war Catherine Pengelly, ihre Mutter hieß Ellen Dorothy, und als Geburtsort war Bristol eingetragen. Aber dort, wo der Name ihres Vaters stehen sollte, stand in krakeliger Schrift nur:

Unbekannt.

Daisy starrte eine ganz Weile auf dieses Wort, das einen so kalten, deprimierenden Klang hatte. Hieß das, ihre Mutter wusste nicht, wer der Vater ihres Kindes war? Oder hatte sie aus irgendeinem Grund seinen Namen nicht angeben wollen?

Heutzutage konnte das Kind eines unverheirateten Paares unter dem Namen der Mutter oder des Vaters beim Standesamt angemeldet werden; der Vater musste aber in jedem Fall bei der Anmeldung dabei sein. In den Sechzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts waren die Bestimmungen vielleicht noch anders gewesen.

Daisy hatte immer gewusst, dass sie ein uneheliches Kind gewesen war, das hatte sie nie gestört. Viele Mädchen, mit denen sie aufgewachsen war, hatten ledige Mütter. Und ihre Mutter hätte sie wohl kaum zur Adoption freigegeben, wenn sie in einer festen Beziehung gelebt hätte. Trotzdem haftete diesem »Vater unbekannt« fast etwas von der Trostlosigkeit eines jener Armenhäuser an, wie Dickens sie so oft geschildert hatte.

Daisy betrachtete die Fotografien. Die eine zeigte zwei junge Mädchen, die sich sehr ähnlich sahen und höchstens zwei Jahre auseinander lagen; beide hatten lockiges Haar wie sie selbst. Auf der Rückseite stand:

Ellen und Josie, 1955. Auf der Farm in Mawnan Smith.

Das andere Foto war ein Babyfoto von ihr selbst, als sie nur wenige Tage alt gewesen war. Wahrscheinlich war es im Krankenhaus aufgenommen worden. Sie hatte noch keine Haare gehabt, wie ihre Mum gesagt hatte, und ihre Händchen wedelten hin und her wie die Arme eines Seesterns.

Sie wandte sich Lornas Aufzeichnungen zu, einer Reihe von Fakten, die sie offensichtlich bei der Adoption in aller Eile aufgeschrieben hatte, um nichts zu vergessen. Sehr viel später hatte sie ein Postskriptum hinzugefügt.

Ellen Dorothy Pengelly, geboren 1947. Zog von der elterlichen Farm in Cornwall fort, als sie schwanger war. Konnte sich ihren Eltern nicht anvertrauen. Weigerte sich, die Identität des Kindsvaters preiszugeben, beschrieb ihn lediglich als von weißer Hautfarbe, blond, blauäugig, schlank, athletisch und überdurchschnittlich intelligent.

In der Adoptionsstelle war man der Meinung, es handele sich um einen verheirateten Mann.

Arbeitete während der Schwangerschaft in Bristol als Haushaltshilfe. Anmeldung in einem Heim für ledige Mütter, nahm den Platz dann aber nicht in Anspruch. Adoption wurde privat durch die behandelnde Ärztin arrangiert. Daisy für die Dauer der Routineuntersuchungen bei Pflegemutter vom Krankenhaus untergebracht. Ellen nahm ihre Tätigkeit in Bristol wieder auf.

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