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Wenn sich die Braut verliebt …

Anna Depalo

Wenn sich die Braut verliebt …

1. KAPITEL

Trauzeugin zu spielen war ein harter Job. Erst recht, wenn man dabei jemandem aus dem Weg gehen musste, so wie Tamara Kincaid ihrem Verlobten in spe: Sawyer Langsford.

Tamara stand in der überfüllten Empfangshalle des Plaza-Hotels und beobachtete Sawyer, besser bekannt als der zwölfte Earl von Melton, aus sicherer Entfernung.

Sein Anblick rief eine Menge unschöner Erinnerungen in ihr wach. Tamaras Vater versuchte seit Jahren, sie beide zu verkuppeln, genauso wie Sawyers Vater es zu Lebzeiten versucht hatte. Sawyer hatte nie geäußert, wie er zu den Hochzeitsplänen seines Vaters stand, weswegen Tamara sich in seiner Anwesenheit stets unbehaglich fühlte.

Sie selbst hielt gelinde gesagt nicht sonderlich viel von der Idee, was nicht zuletzt daran lag, dass Sawyer und sie so verschieden waren – und er ihrem traditionsverbundenen, ehrgeizigen Vater zu sehr ähnelte.

Es war wirklich zum Verrücktwerden. Warum war ausgerechnet Sawyer einer von Todd Dillinghams Trauzeugen?

Er könnte ja wenigstens so aussehen wie ein finsterer und unglücklicher Adeliger mit einem Haufen Leichen im Keller. Stattdessen stolzierte er hier wie ein kraftstrotzender Löwe herum.

Genau genommen war es keine große Überraschung, Sawyer auf einer High-Society-Hochzeit wie der von Belinda Wentworth und Todd Dillingham über den Weg zu laufen. Es war vielmehr unvermeidlich, da er aus geschäftlichen Gründen viel Zeit in New York verbrachte.

Das machte die Sache aber nicht besser. Als Trauzeugin hatte Tamara lächelnd mit am Altar stehen und so tun müssen, als störe Sawyers Anwesenheit sie nicht. Als der Pfarrer Belinda und Todd zu Mann und Frau erklären wollte, hatte Sawyer dann Tamara direkt in die Augen gesehen.

In seinem teuren Smoking sah er genau so aus, wie man sich einen Adeligen vorstellt: groß, gut gebaut und unglaublich selbstsicher. Das Licht, das durch die getönten Kirchenfenster hereinfiel und sein hellbraunes Haar zum Leuchten brachte, verlieh ihm eine beinahe engelhafte Aura.

Einen Sekundenbruchteil später war die Hochzeit der Wentworth-Dillinghams völlig aus dem Ruder gelaufen.

Tamara hätte die Braut gerne getröstet, doch Belinda hatte sich zusammen mit Colin Granville, dem Marquess von Easterbridge, aus dem Staub gemacht. Dem Mann, der mitten in der Zeremonie hatte verlauten lassen, dass Belinda ihm vor zwei Jahren in Las Vegas das Jawort gegeben hatte und die Ehe nie annulliert worden war.

Und jetzt musste Tamara auch noch mit ansehen, wie ihr Vater, der Viscount Kincaid, Sawyer in ein Gespräch verwickelte.

Plötzlich blickte Sawyer zu ihr herüber. Er hatte ein attraktives Gesicht, doch der strenge Zug um seinen Mund ließ erahnen, dass er einer Dynastie von Eroberern und Machthabern entstammte. Sein Körperbau war schlank und robust wie der eines gut trainierten Fußballers.

Als Sawyer amüsiert die Lippen verzog, schlug Tamaras Herz plötzlich schneller.

Irritiert wandte sie den Blick ab. Das Herzklopfen kam nicht daher, dass sie ihn attraktiv fand, sondern weil sie sich über ihn ärgerte.

Sie fragte sich, ob Sawyer über Colins Pläne Bescheid gewusst und ihn womöglich mit Insider-Informationen versorgt hatte. Die beiden hatten in der Kirche zwar kein Wort gewechselt, aber Tamara wusste, dass sie befreundet waren.

Verärgert presste sie die Lippen aufeinander.

Das war typisch Sawyer, mit einem Fiesling wie Colin befreundet zu sein, dem Hochzeitsschreck Nummer eins.

Tamara ließ den Blick durch die Halle schweifen, doch ihre Freundin Pia Lumley, Belindas Hochzeitsplanerin, war nirgends zu entdecken. Vor einer ganzen Weile hatte Tamara sie wutentbrannt in die Küche stapfen sehen, nachdem sie sich mit James Carsdale, dem Duke von Hawkshire, gestritten hatte. Auch einer von Sawyers Freunden. Immerhin hatte Pia alle Gäste ins Plaza locken und die Show am Laufen halten können. Möglich, dass man ihr in der Küche gerade Riechsalz unter die Nase hielt.

Erneut begegnete sie Sawyers Blick.

Er lächelte süffisant und sagte etwas zu Tamaras Vater, woraufhin beide Männer zu ihr herüberschauten.

Dann kamen sie direkt auf Tamara zu.

Als sie Sawyers spöttischen Blick auffing, unterdrückte sie den Fluchtreflex und straffte die Schultern. Der Medienmogul war auf der Suche nach einer guten Story, also sollte er sie bekommen.

Die missglückte Hochzeit der Wentworth-Dillinghams war ein waschechter Skandal, den Jane Hollings mit Sicherheit ausweiden würde. Die Journalistin war der Schrecken aller Society-Ladies und zugleich Sprachrohr der sozialen Aufsteiger. Ihre Kolumne „Pink Pages“ erschien regelmäßig in einer von Sawyers Zeitungen.

Tamara presste abermals die Lippen zusammen.

„Tamara, meine Liebe“, sagte ihr Vater zur Begrüßung und machte ein freundliches Gesicht. „Du erinnerst dich sicher an Sawyer.“ Er lachte leise. „Die Begrüßungsfloskeln können wir uns wohl sparen.“

Sie sah ihn eisig an. „Das stimmt.“

Sawyer neigte den Kopf. „Tamara, es ist mir eine Freude. Es ist lange her, dass wir uns gesehen haben!“

Nicht lange genug, dachte Tamara. „Wie es aussieht, stehen Sie nach diesem Hochzeitsdebakel selbst in Ihren Klatschblättern“, antwortete sie. „Jane Hollings schreibt doch eine Ihrer Kolumnen?“

Auf Sawyers Lippen erschien der Anflug eines Lächelns. „Ich glaube ja.“

Tamara lächelte dünn. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass Sie gerne Teil der Gerüchteküche sind.“

Sawyers Lächeln wurde breiter. „Ich halte aber auch nichts von Pressezensur.“

„Eine sehr demokratische Einstellung – und auch so praktisch!“

Sawyer schien ihre Stichelei zu amüsieren. „Den Adelstitel habe ich geerbt, aber den Titel ‚Medienmogul‘ hat mir die Öffentlichkeit verliehen.“

Tamara verkniff sich die Frage, was er sonst noch geerbt hatte – seine Arroganz zum Beispiel.

„Lasst uns über angenehmere Dinge sprechen“, warf ihr Vater ein.

„Ja, bitte“, sagte Tamara zustimmend.

Der Viscount blickte sie und Sawyer abwechselnd an. „Es kommt mir vor, als wäre es gestern gewesen, dass ich mit dem verstorbenen Earl in der Bibliothek saß und darüber sprach, wie schön es wäre, wenn unsere Kinder die Familien eines Tages durch die Ehe vereinen würden.“

Da war es wieder, das leidige Thema. Ihr Vater redete nie lange um den heißen Brei herum. Sie unterdrückte ein genervtes Stöhnen. Ihre Befürchtungen hatten sich bewahrheitet. Die Hochzeit hatte ihrem Vater Flausen in den Kopf gesetzt – oder alte Flausen wiederaufleben lassen. Sehr alte Flausen.

Seit ihrer Kindheit hörte Tamara dieselbe Geschichte. Viscount Kincaid war mit Sawyers Vater, dem elften Earl von Melton, befreundet gewesen. Die beiden hatten oft über eine Hochzeit gesprochen, die nicht nur die beiden Familien, sondern auch die jeweiligen Medienimperien vereinen sollte. Ihr Vater hatte insgesamt drei Töchter aus drei Ehen, doch als älteste war Tamara die perfekte Kandidatin für seine Pläne.

Auf der Seite der Langsfords fiel die Wahl auf Sawyer, den Stammhalter des vor fünf Jahren verstorbenen Earls.

Zum Glück waren Tamaras jüngere Schwestern heute nicht hier, sondern in der Uni. Sie konnte Sawyer ja widerstehen, doch ihre jüngeren Schwestern waren deutlich leichter zu beeindrucken.

Eines musste man Sawyer lassen: Er war ein Frauentyp. Selbst Tamara konnte sich seiner Anziehungskraft nur schwer entziehen. Einer der Gründe, warum sie ihn nicht leiden konnte.

„Fang bitte nicht wieder mit dieser albernen Geschichte an“, sagte sie bemüht heiter. Hilfesuchend wandte sie sich an Sawyer, doch anstatt ihr zuzustimmen, musterte er sie gedankenverloren.

Die Band spielte ein langsames Lied, und Sawyer deutete auf die Bühne. „Hätten Sie Lust, zu tanzen?“

„Machen Sie Witze?“, entfuhr es Tamara.

Sawyer runzelte die Stirn. „Müssen wir als Mitglieder der Hochzeitsgesellschaft die Show nicht am Laufen halten?“

Er hatte recht. Als Trauzeugen hatten sie gewisse Verpflichtungen – sofern Sawyer nicht als Doppelagent für Colin, den Hochzeitsschreck, unterwegs war.

„Grandiose Idee!“, rief ihr Vater. „Tamara freut sich bestimmt.“

Sie warf Sawyer einen vielsagenden Blick zu, den er mit einer spöttischen Verbeugung beantwortete.

Dann straffte sie die Schultern und betrat die Tanzfläche.

Sawyer musste unwillkürlich lächeln, als er spürte, wie Tamara sich in seinen Armen versteifte.

Ihr glattes rotes Haar bildete einen schönen Kontrast zu der Pfirsichhaut. Es war derselbe Kontrast, der auch ihre Persönlichkeit charakterisierte: feurig, aber beherrscht.

Tamara hatte ihren eigenen Kopf, und Sawyer wurde das Gefühl nicht los, dass dieses Aschenputtel nicht darauf aus war, von einem Prinzen auf einem weißen Ross gerettet zu werden. Denn sie war immer ihren eigenen Weg gegangen. Viscount Kincaids kleiner Wildfang! Heute war sie eine unkonventionelle Schmuckdesignerin mit eigenem Apartment mitten im angesagten Künstlerviertel Soho in Manhattan.

In dem trägerlosen elfenbeinfarbenen Kleid mit schwarzer Seidenschärpe sah sie heute ungewohnt konservativ aus. Statt des traditionellen Familienschmucks trug sie eine Halskette mit schwarzen Onyx-Sternen, dazu passende Ohrringe. Die Schmuckstücke hatte sie wahrscheinlich selbst entworfen.

Beim Tanzen war die Korsage ihres Kleids verrutscht, und Sawyer erhaschte einen Blick auf ein kleines Tattoo: eine Rose, direkt über der Wölbung der linken Brust. Ein durchaus reizvoller Anblick, wenn auch ein Indiz dafür, wie unterschiedlich er und Tamara waren.

Sie musterte ihn aus kristallklaren grünen Augen. „Was ist das für ein Spiel, das Sie hier spielen?“, fragte sie geradeheraus.

„Spiel?“, fragte er sanft.

Ihre Augen funkelten vor Ärger. „Mein Vater spricht von einer arrangierten Hochzeit, und Sie bitten mich um einen Tanz?“

„Ach so.“

„Sie setzen ihm noch mehr Flausen in den Kopf!“

„Solange das alles ist, was Sie mir vorwerfen.“

Tamara schien seine Antwort kein bisschen lustig zu finden. „Wenn Sie es schon erwähnen“, sagte sie ungehalten. „Es würde mich nicht überraschen zu hören, dass Sie über Colin Granvilles Hochzeitsstreich informiert waren.“

„Wirklich?“ Interessant.

Geschickt führte er sie in eine Drehung.

„Jeder weiß doch, dass Sie und der Marquess von Easterbridge Freunde sind.“ Tamara rümpfte die Nase. „Ihr Adeligen haltet zusammen, wegen dem geheimen Handschlag und allem Drum und Dran.“

Sawyer zog überrascht die Augenbrauen hoch. „Colin ist immer noch sein eigener Herr. Außerdem gibt es keinen geheimen Handschlag. Es ist vielmehr ein Blutschwur: Messer, Daumen, Vollmond … Sie wissen schon.“

Tamara zuckte nicht einmal mit der Wimper. „Sie wollen sagen, dass Ihnen Freundschaft wichtiger ist ein als ein Skandal?“

„Genau.“

„Ein Skandal würde die Verkaufszahlen Ihrer Zeitungen aber enorm steigern.“

Sawyer dachte daran, in welche Höhen die Verkaufszahlen erst schießen würden, wenn er das Medienimperium der Kincaids in die Finger bekäme. „Lassen Sie uns noch einmal auf mein sogenanntes Spiel zurückkommen“, sagte er und dirigierte sie mit sanftem Druck in eine andere Richtung.

„Sie gießen Wasser auf die Mühlen meines Vaters!“, erwiderte sie.

In den letzten Jahren waren sie sich in einer Art stillschweigendem Einvernehmen aus dem Weg gegangen. Das Thema Heirat hatte immer unausgesprochen zwischen ihnen gestanden. Bis jetzt.

„Vielleicht ist das ja meine Absicht.“ Sawyer hatte die Heiratspolitik der älteren Generation nie kommentiert, aber jetzt nahmen die Dinge eine neue Wendung.

Fassungslos sah Tamara ihn an. „Das meinen Sie doch nicht ernst!“

Er zuckte die Schultern. „Warum nicht? Irgendwann werden wir sowieso heiraten, also warum nicht einander? Eine Zweckehe muss nicht schlechter sein als eine Liebesheirat.“

„Ich habe einen Freund!“

Sawyer ließ den Blick durch den Saal schweifen. „Ach wirklich? Wo ist denn der Glückliche?“

Sie hob trotzig das Kinn. „Er konnte nicht kommen.“

„Sie treffen sich doch nicht wieder mit so einem Versager, oder?“ Was für eine Verschwendung!

Tamara bedachte ihn mit einem vernichtenden Blick.

„Deshalb sind Sie also ohne Begleitung erschienen“, sagte er auf die Gefahr hin, sie zu verärgern.

„Mir ist nicht entgangen, dass Sie auch alleine hier sind“, entgegnete Tamara scharf.

„Ja, aber dafür gibt es einen Grund.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Und der wäre?“

„Ich habe großes Interesse daran, Kincaid News und Melton Media zusammenzuführen. Ihr Vater ist einverstanden … wenn ich seine Tochter heirate!“ Er legte den Kopf schief und ahmte Viscount Kincaids ernsthaften Ton nach. „Damit bliebe alles in der Familie, verstehen Sie?“

Tamara stieß einen leisen Fluch aus.

„Ganz genau“, sagte Sawyer zustimmend, und seine Mundwinkel zuckten verräterisch. „Überlegen Sie doch nur, wie viel Kummer Sie und Ihre Schwestern ihm bereiten, weil sie sich nicht anpassen. Die Hoffnungen ihres Vaters ruhen jetzt auf der dritten Generation.“

Der Song ging zu Ende, aber als Tamara sich von ihm lösen wollte, schlang Sawyer den Arm noch fester um ihre Taille. Diese Unterhaltung war noch nicht vorbei. Abgesehen davon genoss er es, sie in den Armen zu halten und ihre Kurven zu spüren. Wäre sie jemand anderes, würde er so lange mit ihr flirten, bis sie ihm ihre Telefonnummer gab – und vielleicht mehr. Er würde sich darauf freuen, mit ihr zu schlafen.

Bei Tamara musste er behutsamer vorgehen, aber die Belohnung würde ungleich größer ausfallen.

Sie lächelte ihn gekünstelt an. „Sie klingen wie mein Vater. Sind Sie vielleicht sein Zwillingsbruder?“

Sawyer erwiderte ihr Lächeln. Tamaras Vater war für einen Siebzigjährigen äußerst gut in Form, aber damit hörte die körperliche Ähnlichkeit zwischen ihnen auch schon auf. Allerdings verbargen sich hinter dem graumelierten Haar und dem großväterlichen Gesicht des Viscounts ein scharfer Verstand und ein skrupelloses Geschäftsgebaren.

„Wir spielen beide gern mit hohem Einsatz“, antwortete Sawyer nach einer kurzen Pause.

„Wie könnte ich das vergessen?“, erwiderte Tamara. „Das Geschäft geht immer vor. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen – und die Familie!“

Er schüttelte den Kopf. „Das klingt ziemlich verbittert für jemanden, der sich seinen Lebenswandel von der Familie finanzieren lässt.“

„Aus dem Alter, mich ‚finanzieren‘ zu lassen, bin ich raus“, entgegnete sie scharf. „Ich sorge seit zehn Jahren selbst für meinen Lebensunterhalt – freiwillig!“

Damit hatte Sawyer nicht gerechnet. Tamaras Image einer unabhängigen Frau war nicht nur Show.

„Und das Wort ‚verbittert‘ trifft wohl eher auf andere Menschen zu – auf meinen Vater zum Beispiel, der drei Scheidungen hinter sich hat“, setzte sie hinzu.

„Und doch scheint der Viscount nicht gerade unglücklich zu sein. Genau genommen ist er ein hoffnungsloser Romantiker, der Sie vor dem Altar sehen will!“

„Mit Ihnen etwa?“, fragte sie spöttisch. „Das glaube ich kaum!“

Sawyer musste gegen seinen Willen lächeln. „Typisch New Yorkerin – Sie nehmen wirklich kein Blatt vor den Mund! Das mag ich.“

Tamara runzelte die Stirn. „Gefalle ich Ihnen dadurch womöglich? Vergessen Sie es!“

„Mein allererster Heiratsantrag, und schon abgeschmettert.“

„Ich bin mir sicher, es wird Ihrem Ruf keinen Abbruch tun“, antwortete sie. „Ihr Medienleute wisst schließlich, wie man die Fakten so lange verdreht, bis sie passen.“

Nach einer kurzen Pause lachte Sawyer laut los. „Helfen Sie mir auf die Sprünge, warum bin ich so ein schlechter Heiratskandidat?“

„Wo soll ich anfangen? Da wäre zum Beispiel …“

„Die Kurzfassung, bitte.“

„Ich kann verstehen, warum mein Vater Sie sich zum Schwiegersohn wünscht.“

Sawyer sah sie fragend an.

„Sie sind beide Pressebarone aus adeliger Abstammung“, erklärte Tamara.

„Sind das etwa schlechte Eigenschaften?“

„Ich weiß aber auch, warum ich Sie nicht als Ehemann möchte“, fuhr sie fort, ohne auf seine Frage einzugehen. „Sie ähneln meinem Vater zu sehr!“

Wieder dieses leidige Thema. „Darf ich zu meiner Verteidigung sagen, dass ich keine drei Ehen hinter mir habe?“

Sie schüttelte den Kopf. „Sie sind mit Ihrem Unternehmen verheiratet. Das Nachrichtengeschäft steht an erster Stelle. Dafür leben Sie!“

„Die Existenz diverser Exfreundinnen reicht wohl auch nicht aus, Sie vom Gegenteil zu überzeugen?“, fragte er ironisch.

„Warum sind sie denn ihre Exfreundinnen?“, erwiderte Tamara frech.

Er zog eine Augenbraue nach oben. „Vielleicht haben wir nicht genug an der Beziehung gearbeitet.“

„Arbeit ist wohl das richtige Stichwort“, antwortete sie. „Sie arbeiten zu viel, nehme ich an. Mein Vater lebt für das Pressegeschäft, und das auf Kosten der Menschen, die ihn lieben.“

Sawyer beschloss, das Thema ruhen zu lassen. Auch wenn Tamara es nicht offen sagte: Sie zählte sich zu den Menschen, die ihr Vater für seine Karriere geopfert hatte.

Schweigend tanzten sie weiter, und Sawyer musterte verstohlen Tamaras abgewandtes Gesicht.

Diese Frau war eine echte Herausforderung. Die Scheidung ihrer Eltern vor vielen Jahren hatte Spuren hinterlassen, genau wie der übertriebene Ehrgeiz ihres Vaters. Tamara wollte um jeden Preis verhindern, dass sie dieselben Fehler machte wie er.

Normalerweise bewunderte er Frauen, die sich auf dem Liebesmarkt nicht unter Wert verkauften. Doch in diesem Fall war er derjenige, der die Kriterien nicht erfüllte.

Sawyer kannte ihren Konflikt. Er entstammte selbst der unglücklichen Ehe zwischen einem englischen Lord und einer amerikanischen Society-Lady und hatte so seine Erfahrungen mit unabhängigen Frauen gemacht, die sich nicht in die traditionsverbundene englische Adelsgesellschaft einfügen wollten.

Herrgott, seine Mutter hatte ihn nach der berühmten Romanfigur von Mark Twain benannt. Wann war je ein englischer Earl nach der Figur eines uramerikanischen Autors benannt worden?

Einen Moment lang beschlichen Sawyer Zweifel, ob er wirklich so weit gehen sollte, um an Kincaids Firma heranzukommen.

Doch dann hob er entschlossen das Kinn. Er hatte hart dafür gearbeitet und würde sich jetzt ganz sicher nicht von ein paar widrigen Umständen aufhalten lassen – erst recht nicht von Tamaras Freund! Diesmal ließ er sie los, als das Lied zu Ende war.

„Wir sind fertig“, sagte sie provokant.

Sawyer lächelte verschmitzt. „Noch nicht ganz, aber bis jetzt war es das reinste Vergnügen!“

Tamara kniff verärgert die Augen zusammen, dann wirbelte sie herum und eilte davon.

2. KAPITEL

Wie gut, dass jemand die Konferenzfunktion des Telefons erfunden hat, dachte Tamara. So konnte sie sich mit ihren besten Freundinnen gleichzeitig unterhalten.

Seit der verpatzten Hochzeit am Samstag hatte sie dieses Gespräch vor sich hergeschoben, doch inzwischen war es Montagmorgen, höchste Zeit für ein Gespräch mit Pia und Belinda. Es war eigentlich nicht Tamaras Art, sich nach einer Krise so lange nicht zu melden, doch sie hatte selbst eine Weile gebraucht, sich von den Ereignissen zu erholen. Es kam schließlich nicht alle Tage vor, dass ein bis dato unbekannter Ehemann auf der eigenen Hochzeit die Bombe platzen ließ.

„Mrs Hollings hat sich wie eine Hyäne auf das Thema gestürzt“, begann Tamara, nachdem sie die Freundinnen auf Lautsprecher gestellt hatte. „Ich schwöre euch, wenn ich diese Frau in die Finger kriege …“

Die Vorstellung, dass dieser Klatsch-Drachen von Sawyer bezahlt wurde, fachte Tamaras Zorn zusätzlich an.

Sie verdrängte den Gedanken und fragte behutsam: „Geht es dir gut, Belinda?“

„Ich werde es überleben“, antwortete ihre Freundin. „Glaube ich zumindest.“

„Bist du immer noch mit … äh … Colin Granville verheiratet?“, fragte Pia.

„Ich fürchte ja“, räumte Belinda ein. „Aber nicht mehr lange. Sobald ich den Marquess …“, sie zog Colins Titel spöttisch in die Länge, „… dazu kriege, die Annullierung zu unterzeichnen, wird alles wieder gut.“

„Das schnelle Ende einer schnellen Hochzeit …“, zwitscherte Pia betont fröhlich, brach dann aber mitten im Satz ab.

Keine der Frauen wollte an Belindas verhängnisvollen Ausflug nach Las Vegas erinnert werden.

Tamara wusste genau, dass die Familien der Wentworths und Granvilles in der englischen Grafschaft Berkshire seit Generationen Nachbarn und Konkurrenten waren. Umso verständlicher, dass Belinda die Hochzeit mit dem Marquess von Easterbridge geheim gehalten und selbst ihren besten Freundinnen gegenüber nichts von diesem offenbar kurzlebigen Ausreißer erwähnt hatte.

„Colin macht dir doch keinen Ärger wegen der Annullierung, oder?“, fragte Tamara.

„Natürlich nicht!“, rief Belinda. „Warum sollte er auch? Schließlich war das keine echte Hochzeit. Wir sind Hals über Kopf vor den Altar gerannt und haben diesen Fehler schon am nächsten Morgen bereut. Colin hat damals versprochen, sich um die Annullierung zu kümmern.“

„Da muss ich noch mal nachhaken“, sagte Tamara trocken. „Wie kann das passieren? Man rennt vielleicht zum Flughafenschalter, um seinen Flug nicht zu verpassen. Oder in den Supermarkt, um Milch zu kaufen.“

„Ich renne manchmal zu Louis Vuitton, um mir die neueste Tasche zu sichern“, warf Pia ein.

„Genau“, sagte Tamara zustimmend. „Aber man rennt nicht in eine Kirche, um mal schnell zu heiraten.“

Belinda seufzte vernehmlich. „Doch, wenn du in Vegas bist und zufällig jemanden triffst, den du … nicht erwartet hast, dann kann das schon passieren. Vor allem, wenn man beschwipst ist.“

Tamara fragte sich, ob es wirklich nur am Alkohol gelegen hatte oder doch an Colin. Es war völlig untypisch für Belinda, sich zu betrinken, zumindest ohne Grund.

„Du hast aber nicht den Namen Granville angenommen, oder?“, fragte Tamara.

Pia schnappte erschrocken nach Luft. „Oh Belinda, bitte nicht! Sag mir, dass du nicht rechtskräftig zum Feind übergelaufen bist!“

„Ganz zu schweigen davon, dass du dich in den letzten zwei Jahren fälschlicherweise als Belinda Wentworth ausgegeben hättest“, witzelte Tamara.

„Keine Sorge, ich habe meinen Namen nicht geändert“, antwortete Belinda.

„Du fandest es also in Ordnung, einen Granville zu heiraten, wolltest aber selbst keiner werden?“, witzelte Tamara. „Es gefällt mir, wie dein beschwipstes Ego denkt.“

„Danke“, erwiderte Belinda trocken. „Und keine Sorge – so schnell lasse ich mein beschwipstes Ich nicht mehr aus der Gummizelle.“

Tamara lachte, wurde aber schnell wieder ernst. Woran lag es nur, dass Frauen bei einem Mann mit Adelstitel so schnell den Kopf verloren? Den Gedanken an Sawyer verscheuchte sie.

Belinda war immer die vernünftigste der drei Freundinnen gewesen. Nach ihrem Abschluss als Kunsthistorikerin in Oxford hatte sie in einer Reihe von Auktionshäusern gearbeitet und sich eine beachtliche Karriere aufgebaut. Schwer vorzustellen, dass Belinda mit dem Erzfeind ihrer Familie nach Vegas durchbrannte. Pia vielleicht, aber doch nicht Belinda!

„Es war nicht zufällig ein Elvis-Imitator anwesend, oder?“, hörte sie sich selbst fragen.

Pia gluckste leise.

„Nein!“, erwiderte Belinda. „Und ich wünsche mir, dass dieser ganze Spuk bald vorbei ist.“

„Das halte ich für ziemlich unwahrscheinlich“, warf Tamara ein. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Colin ...

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