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Wenn ich denn laufe, dann laufe ich: Von Lust und Leid beim Marathon

Bildnachweis

Bitthöfer, Mike: 35

Edridge, Svenja: 138

Eresmann, Peter: 135, 136, 145, 146

Rauen, Maria: 62, 100, 111, 143o., 151

Schläbitz, Norbert: 10, 28, 29, 31, 103, 129, 133, 170

Steins, Hubert: 16/17, 20, 49, 52, 90, 182

Tauer, Christa: 15

Wichmann, Carola: 51

sowie aus dem Archiv des Autors: Umschlag, 68, 120, 131, 132, 142, 143 o., 153, 156, 165, 166

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Wie kommt man dazu, sich am Marathon zu versuchen?

Mit einem Trick zum ersten Marathon

Trainingsalltag. Von Flow bis Schweinehunden

Des Läufers Hundeleben. Begegnungen der unerfreulichen Art

Des Läufers Staunen. Begegnungen von ganz anderer Art

Intermezzo 1: Kultläufe. Hermann, Heldenlauf & Co.

Gesundheit und die große Unvernunft

„Was hast du heute vor? Jetzt aber mal ganz ehrlich!“

Ehrgeiz und das Scheitern an der nächsten Grenze

Im Training wird die Welt bewegt

Intermezzo 2: Volksläufe, Kuchen & Co.

Anreise und Begleitumstände

Die Kostümparade der Superhelden

Der Mann mit dem Hammer

Hemmungslos. Was sein muss, muss sein

Knöpfe im Ohr. Musikbeschallung

Ohne Verpflegung geht es nicht

Woran ich denke, wenn ich Marathon laufe

Von der Schwierigkeit, sich aus- und umzuziehen

Marathonimpressionen 1–21

Mein Trainingsplan

Wie lange werde ich noch Marathon laufen wollen?

Epilog

Prolog

Möchte ich die Frage beantworten, woran ich denke, wenn ich Marathon laufe, könnte ich spontan antworten: Eigentlich an nichts, wenn ich denn laufe, dann laufe ich und sonst nichts. Aber so ganz stimmt die Antwort dann doch nicht, denn einstellen lassen sich die bewegenden Gedanken ja nie, Gedanke fügt sich an Gedanke, wer wollte dies bestreiten, und auch laufend bewege ich sie unermüdlich wie stets. So gilt es zu ergänzen: Beim Laufen eines Marathons denke ich an nichts Bedeutendes. Alles dreht sich dann nur ums Laufen. Beim Training ist das anders. Da spielt das Etwas eine Rolle. Mag auch die Bedeutsamkeit meiner Gedanken sich generell in Grenzen halten, meine Gedanken schweifen gleichwohl hierhin und dorthin, beschäftigen sich mit allem Möglichen, am seltensten aber mit dem Laufen. Zwischen dem Nichts und dem Etwas oszillieren so meine Gedanken, wenn ich laufe. Davon möchte ich berichten und von manchem mehr, wie die Welt um das Laufen herum sich für mich bewegt.

Aber warum sollte ich ein Publikum daran teilhaben lassen? Wie kommt man bei allen persönlichen Gedanken, die man beim Laufen so hat oder nicht(s) hat, dazu, ein Buch zum Marathon zu schreiben? Noch dazu, wo der Autor selbst kein Meister seines Läufer-Fachs ist, sondern nur einer der zahllosen Mitläufer, der irgendwo und irgendwann unter den vielen Tausenden beinahe namenlos ins Ziel einläuft? Wer mag schon daran teilhaben an dem, was einen selbst so bewegt beim Laufen?

Vielleicht, so meine ich, weil es den einen oder anderen Namenlosen, wie auch ich einer bin, doch interessiert, zu wissen, was andere über das Laufen denken, die ebenfalls nicht zur Gilde der Siegläufer gehören. Zumindest mir ging es so, als ich vor Jahren ein Buch von meiner Frau Maria geschenkt bekam, dessen Titel Vergleichbares versprach: Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede. Autor jenes Buches ist der turnusmäßig für den Literaturnobelpreis hochgehandelte Haruki Murakami, der in diesem Buch auch über seine Lauf- und Marathonerlebnisse berichtet.

Ich erfuhr von seiner Motivation zu laufen, die vielen Jahrzehnte, die ihn lustvoll bewegten, bis eines Tages die Lust doch ein wenig schwand. Ich erfuhr, wie es war, als Bestzeiten am Horizont des Denkbaren entschwanden und mit anderen Zeiten man nunmehr vorlieb nehmen musste. Ich fand in Haruki Murakami einen Läufer vor, dem der Wettstreit mit anderen immer gleichgültig war und dass jeder Wettstreit, den jeder Sport trotz alledem auszeichnet, allein mit sich selbst ausgefochten wurde. Das sich messen mit anderen war Haruki Murakami immer gleichgültig gewesen. Eine über Jahrzehnte tragende Trainingsstrategie lernte ich kennen, und dass der Individualsport des Autors Sache ist und Mannschaftssportarten eher nicht, auch das erfuhr ich. Ferner lernte ich, dass Laufen und Schreiben für den Literaten durchaus Verwandtschaften darstellten.

All dies fand ich interessant zu lesen, doch daneben gibt es noch eine ganze Menge anderer Lebensgeschichten, mit denen Haruki, wie ich ihn manchmal in gedanklicher Verbundenheit freundschaftlich anspreche, das Buch füllt. Wir erfahren viel über den Autor Murakami, über sein Leben, wie er zum Schreiben kam, wie sich erste Erfolge einstellten, die Übersetzungsarbeiten von Literatur ins Japanische, von seinen Gastvorträgen, Dozenturen im Ausland, von den Kneipen, die er betrieben hat, und wie er sich irgendwann entschlossen hat, ganz auf die Karte Schreiben zu setzen. Und wir erfahren ganz viel über die Musik, die Haruki Murakami mag und die ihn begleitet durch sein Leben. Und so en passant erfahren wir auch das eine oder andere über seine Einstellung zum Laufen, seine weitergehende Passion, dem Triathlon, über Stürze u.a.m.

Im Grunde ist es weniger ein Buch vom Laufen als vielmehr eine Art Lebensbiografie. So gerne ich dieses Buch damals auch gelesen habe und dadurch viel über den Autor erfahren habe, so ein ganz klein wenig war ich auch enttäuscht, weil mich mehr als die Lebensereignisse und Stationen des Autors seine jahrzehntelangen Lauferfahrungen interessierten.

Murakami nun ist fraglos ein Meister seines Fachs, dem Schreiben, aber ebenfalls nur ein Mitläufer in Sachen Laufen. Mich interessierte gerade nicht, was ein weltbekannter Autor zum Laufen zu sagen hatte. Mich interessierte allein der im Grunde namenlose Läufer, der versprach, vom Laufen zu reden, der aber in großen Bögen abschweifend sein Versprechen nicht so ganz einlöste. Das fand ich schade. Ich war neugierig auf den Namenlosen, in dem ich mich wiederfinden konnte. So kam es, dass mich der Gedanke immer wieder bewegte, selbst ein Buch zum Marathon zu schreiben aus der Sicht eines ebenfalls Namenlosen.

Wovon ich rede, wenn ich vom Laufen rede, diesen Titel fand ich damals schon und auch heute noch immer sperrig. Mich störte das Fragepronomen, der ganze Satzbau mit der zweifachen Verwendung desselben Verbs; auch das widersprach meinem persönlichen Lesefluss und einer ganz individuell geprägten literarischen Ästhetik, wie ich sie schätze. Und doch war mir von Anfang an klar gewesen, sollte ich einst ein Buch vom Marathon schreiben, das Buch sollte aus dem mir so sperrigen erwachsen, den ich mir auch dann zum Arbeitstitel erwählte. Er machte im Verlaufe des Schreibens dann seine allmähliche metamorphosengleiche Wandlung durch. Immer wieder verschob sich ein Wort, veränderte sich, um doch nicht zu bleiben, bis der Titel ein anderer war und zwischenzeitlich geschrieben stand: Woran ich denke, wenn ich Marathon laufe. Damit war ich auf Zeit zufrieden. Aber auch der stellte sich im weiteren Verlauf nur als Übergangstitel heraus. Irgendwann stand mir klar vor Augen, wie dieses Buch für mich nur heißen kann, denn mehrfach kam es beim Schreiben zu einer sprachlichen Wendung, die da heißt: Wenn ich denn laufe, dann laufe ich. So heißt es nun, das Buch vom Marathon, und ich spüre und weiß – trotz der zweimaligen Verwendung des Verbs laufen – zugleich, so klingt es richtig, nur so soll und darf es heißen.

Eingestanden ist dabei – das sei vorausgestellt –, dass in diesem Buch ich nicht allein mein marathongesättigtes Gedankenkonvolut vorstelle. Am Ende würde weitgehend Nichtssagendes stehen (eben wie zu Beginn erwähnt: nichts Bedeutendes), was Langeweile nur bewirkte. Auch meine Ausführungen werden – wie schon bei Haruki – vom thematischen Kern hier und da mal abweichen, um aber doch immer – wie ich hoffe – dem eigentlichen Thema treu zu bleiben, es mehr konzentrisch umkreisen, als in riesigen Ellipsen, wie es Haruki macht, der nur dann und wann dem Thema nahekommt, um alsbald wieder fortzustreben. Es bleibt demnach immer ein Buch zum Marathon. Also kein Haruki 2 auf fraglos anderem Niveau. Es bleibt immer ein Buch über das Laufen, dessen Beweggründe, die Erschwernisse, die mit dem Laufen verbunden sind, die Freuden, die das mit sich bringt, und das ganz selten nur ... von Gedanken spricht, die sich einfinden, einschleichen ... und die dem Laufen ferne stehen.

Verschiedentlich nenne ich im Buch Trainings- und Wettkampfzeiten. Sie stellen für mich – mit den Worten von Haruki Murakami – ernsthafte Zeiten dar. Manch einer mag über diese Zeiten schmunzeln, andere vielleicht daran scheitern.

Wie kommt man dazu,
sich am Marathon zu versuchen?

Ein Marathon ist ein Marathon ist ein Marathon. So möchte ich mein Buch über das Langstreckenlaufen beginnen. Ein Marathon hat immer 42,195 km, und doch erzählt jeder gelaufene Kilometer im Marathon eine andere Geschichte. Gertrude Stein wusste wohl, warum sie einst den so schönen Satz schrieb: Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose. Keine Rose ist wie die andere, und doch sind es immer Rosen und bleibt die Faszination an der Rose erhalten, selbst wenn die Rose in einer Redundanzschleife sich verlöre: Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose usf.

Ist es nicht so ähnlich beim Marathon? Der Marathon, der zunächst wie ein Berg vor einem steht, den erstmals zu bewältigen einem kaum möglich scheint und den man doch angeht, dann das Training zum Marathon, anstrengend und zuweilen von Zweifeln begleitet, endlich die Erstbesteigung mit ihren Höhen und Tiefen, später die weiteren Marathons, bei dem jeder einzelne andere und neue Erlebnisse in Körper und Bewusstsein einschreibt. Also beginne ich: Ein Marathon ist ein Marathon ist ein Marathon.

Verschiedentlich habe ich Bücher über das Laufen eines Marathons gelesen. Oft wird davon gesprochen, dass gerade Männer zwischen 40 und 50 Jahren es sich noch einmal beweisen wollen. (Für Frauen möchte ich hier nicht reden). In der Regel etabliert im Beruf, in einer festen Partnerschaft verbunden, in der Summe gut situiert, suchen sie noch einmal eine große Herausforderung, wo so viele Herausforderungen schon bewältigt sind. Zuweilen wird parallel dazu gern der Gedanke aufgegriffen, dass die Manneskraft ihren Zenit überschritten habe, dass bei aller fraglos stabilen sexuellen Potenz doch alles etwas ruhiger geworden sei und Mann seine Männlichkeit nunmehr auf anderem Felde unter Beweis stellen wolle.

Ich weiß nicht, was ich davon so halten soll. Mir sind diese psychologisch gestrickten Erklärungen allzu oft zu schlicht gestrickt. Am Ende läuft immer alles auf ein Freudsches Drama heraus, bei dem der Sexus und der Phallus allein die Regie führen. Sexualität ist fraglos ein bestimmendes Moment im Leben von Mann und Frau, aber nicht jedes Motiv nimmt seinen Ursprung aus triebgesteuerten und irgendwie unlustig gewordenen Bewegungsaktivitäten im Bett oder muss zwangsläufig daraus resultieren. Ich schließe den sexuellen Einfluss nicht aus, aber er verengt den Fokus doch sehr, er blendet aus. So manches andere verliert man da aus den Augen. Zumindest ist das meine Überzeugung.

Mag der Leser selbst sich ein Bild machen, ob er zwischen Lust und Lauf bei mir eine unlösliche nachvollziehbare Verbindung sieht.

Jahrzehnte ist es her, dass mir zum ersten Mal der Gedanke kam, warum sich nicht mal am Marathon zu versuchen; mein Motiv dazu lag gleichwohl nicht im Unterleib, so jung, wie ich damals war, vor jugendlicher Kraft nur so strotzend und sie gerne jungen Damen offerierend, wenn sie denn mochten.

Als ich dann Jahrzehnte später tatsächlich den Marathon realisierte, war der geistige Urheber dieser Idee ich gerade nicht. Mit abebbendem Mannesstolz hatte also auch da die Sache nichts zu tun.

Ich blicke zurück, als das erste Mal die Idee zum Marathon in mir keimte. Dieser Moment liegt – wie schon erwähnt – ein paar Jahrzehnte zurück, ich war gerade 26 oder 27 Jahre jung. Weniger war es die Attraktivität oder Anziehungskraft, die dieser Lauf auf mich ausübte denn mehr ein Vermeidungsverhalten. Ich lebte in Essen und ging recht unregelmäßig meinem Studium nach. Ich stand bei aller Gelegenheitsstudiererei doch eines Tages tatsächlich vor meinem Examen, und irgendwie schlich ich wie die Katze um den bekannten heißen Brei um diesen Prüfungsmarathon herum. Diese Zeit war lerntechnisch wenig produktiv, denn ich traute mich nicht recht, den Abschluss anzugehen. Außerdem redete ich mir – per gelungener Autosuggestion – ein, dass meine Sehkraft nachgelassen hätte und das Lesen schwieriger Bücher mir gar nicht guttäte. Also schonte ich mich, nahm Abstand vom Lernen und Lesen. Damit das schlechte Gewissen ob der fraglos völlig berechtigten gesundheitlichen Beeinträchtigungen beim Lesen nicht zu sehr wuchs, begann ich nach jahrelanger Laufabstinenz die Trainingsschuhe wieder zu schnüren. Anstatt mir eine neue Brille verschreiben zu lassen, kaufte ich also neue Laufschuhe. Und ich empfand diesen Entschluss durchaus logisch und völlig folgerichtig.

Von einem unerschütterlichen Ehrgeiz gleich eingenommen, sollte als Endzeit unbedingt eine Zeit unter drei Stunden stehen. Nach mehreren Monaten Training mit Einheiten bis zu 36 km mit einem Kilometer-Schnitt von knapp 4 Minuten, manchmal darunter, fand ich, dass das irgendwie doch knapp werden könnte mit einer Zeit mit einer angestrebten 2 vor dem Komma oder (Doppel-)Punkt, denn bei den letzten Kilometern jeder Einheit konnte ich diesen Schnitt beileibe nicht halten. Die Beine wurden mir schwer, jedes Mal sehr schwer. Ich fürchtete um eine Zeit, die jenseits der drei Stunden hätte liegen können: so bei 3.02 Std. oder 3.03 Std. In meiner Vorstellung kam das einem Desaster gleich. Da brach ich dieses Experiment ab und stellte die Schuhe ungeputzt wieder in den Schrank, denn ich bin ein Schlunz, und Putzen behagt mir nicht. Rückblickend gesehen, ärgere ich mich über diese Entscheidung noch heute. Was würde ich allein für die Trainingszeiten von damals heute geben? Auch hatte ich damals nur einen einzigen Marathon ins Blickfeld genommen, warum nicht mehrere? Dort hätte man das mögliche Desaster von 3.02 Std. oder 3.03 Std., wenn man es denn so sehen musste und es so gekommen wäre, doch problemlos korrigieren können. Aber vorbei ist vorbei.

Das Training hatte gleichwohl seinen eigentlichen Zweck erfüllt. Vom Nichtstun am Schreibtisch beunruhigt, konnte ich meine Zeit mit anderen Aktivitäten füllen und befand die Zeit jetzt gut verwendet. Mein schlechtes Gewissen wanderte in den Untergrund, wo es nicht mehr ganz so heftig an mir nagte, weil eine sinnvoll ausgefüllte Zeit mit Laufen mir was anderes suggerierte. Und nebenher hatte ich meine Augen trefflich schonen können.

Eine neue Brille ließ ich mir dann doch noch verschreiben und sie ungenutzt auf dem Schreibtische liegen, denn die alte versah noch hervorragend ihren Dienst. Dem Prüfungsmarathon konnte ich mich aber immer noch nicht stellen! Zur Vermeidung eines schlechten Gewissens erfand ich daher neue, vom läuferischen Gestus nicht bewegte Gründe. Sie spielen an dieser Stelle keine so nennenswerte Rolle, und ich lasse es, sie zu schildern.

Es mussten dann noch einmal Jahrzehnte vergehen, bis ich das Lauf-Projekt Marathon erneut in Angriff nahm. Mittlerweile stand ich, nachdem mir keine rechten Gründe zur Vermeidung aller Prüfungen mehr eingefallen waren und ich mündlich wie auch schreibend Prüfern die Welt erklärt und weitere Welterklärungen später in ausgesuchten Prüfungen nachgeschoben hatte, mittlerweile stand ich also längst im Beruf, und die beruflich bedingte mehr sitzende und schreibende Tätigkeit hatte mich leicht – wie soll man sagen – angedickt, wobei die Betonung ganz ohne Frage auf dem näher bezeichnenden Adjektiv leicht liegt. Und in Ergänzung meiner Rede könnte ich ein ganz noch hinzufügen. Nicht nur saß ich, schrieb ich, auch genoss ich regelmäßig die gute Kost beim Griechen, die nun nicht gerade für ihre Kalorienschwäche bekannt ist. Gerüchte besagen, es verhielte sich genau andersherum.

Wirklich aufgefallen war mir mein allmählich gewachsener Umfang zunächst nicht. Nur auf Fotos von mir fand ich mich seltsam anders geworden, zwar nicht und nie dick, aber eben anders. Die Zuschreibung dicklich hätte ich aber nach wie vor mit ehrlicher Überzeugung weit von mir gewiesen. Mein Eindruck, den ich heute beim Durchschauen jener fotografischen Zeitdokumente habe, ist, dass bei weiterer Zunahme um – sagen wir – fünf Kilo die Zuschreibung dick gleichwohl nicht ganz verkehrt gewesen wäre. Damals führte ich alles auf eine proportionale Verzerrung von – man glaubt es kaum – schlecht gemachten Fotos zurück, auf Fotos, die mich in ein nicht ganz so gutes Bild gerückt hatten, aus ungünstigem Winkel sozusagen geschossen.

Ich wohnte längst nicht mehr in Essen, sondern in Paderborn, wohin mich mein Beruf verschlagen hatte. Und der Zufall wollte es, dass meine Vermieterin Magda es mit dem Laufen versuchen wollte. Das muss so um das Jahr 1999 gewesen sein. Ich erinnerte mich an meine mittlerweile schon Jahrzehnte zurückliegende aktive Zeit und bot mich gleich sportlich an. 1999 schnürte ich erstmals seit langer Zeit wieder die Laufschuhe, und über die nächsten Jahre hinweg liefen Magda und ich fast jeden Samstag sehr regelmäßig unsere knapp 10 Kilometer. Nie weniger, aber auch nie mehr. Angedickt blieb ich weiterhin, ich wusste den Kalorienverlust in geeigneter Weise zu kompensieren, und obendrein hatte ich ja ohnehin ein ganz anderes schlankeres Bild von mir. Wozu mich also disziplinieren? Die These von den schlecht gemachten Fotos hielt mich nach wie vor von jeder tieferen Einsicht ab. Abermals: Mir ist es heute, beim Anblick von Fotos aus jener Zeit, rätselhaft, wie ich mir das jemals einreden konnte.

Eines Tages, es war das Jahr 2007, kehrte Magda mit Stefan, ihrem Mann, aus dem Urlaub zurück. Schon lange wohnte ich nicht mehr bei den beiden, schon lange waren wir Freunde geworden, und heute sind die beiden – das sei am Rande nur erwähnt und in Klammern gesprochen – nicht nur sehr gute Freunde, sondern mir Schwägerin und Schwager, liebe Verwandte, wie man sie sich nur wünschen kann. Stefans Schwester Maria ist mir – ebenfalls im Jahre 2007 – erst lieb und später, als aus „lieb“ Liebe geworden war, dann 2011 meine Frau geworden. Klammer zu.