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Wenn es Nacht wird in Miami

PROLOG

„Betrachtet das Problem als erledigt! Ich werde mich darum kümmern“, erklärte Mitch. Es war Sonntagnachmittag. Mitch Kincaid, sein älterer Bruder Rand und seine Schwester Nadia saßen am großen Tisch des Esszimmers von Kincaid Manor, ihnen gegenüber Richards, der Anwalt und Notar der Familie, der gerade dabei war, das Testament ihres Vaters Everett Kincaid zu erläutern.

„Nimm das nicht auf die leichte Schulter“, warf Rand ein. „Alles, was mit Frauen zu tun hat, ist ein Problem.“

„Na, hör mal …“, protestierte Nadia.

Richards blickte über seine schmale Lesebrille hinweg zu Mitch. „Bei diesem Kind“, fuhr er unbeirrt fort, „handelt es sich, wie gesagt, um einen direkten Nachkommen des Erblassers, dem wie jedem von Ihnen ein Viertel des gesamten Erbes zusteht. Da es sich um einen Vermögenswert handelt, der in die Milliarden geht, sind Komplikationen in der Tat nicht auszuschließen.“

„Wenn ich es also in eigenen Worten zusammenfassen darf“, entgegnete Mitch, „soll ich den unehelichen Sohn meines Vaters ein Jahr lang hier in Kincaid Manor aufnehmen.“ Es war die absurdeste Testamentsklausel, von der er je gehört hatte.

„Völlig korrekt. Wenn Sie diese Bedingung nicht einhalten, verfällt das gesamte Erbe“, hob Richards eindringlich hervor, „also nicht nur Ihr Erbteil, sondern die ganze Hinterlassenschaft. Für diesen Fall hat der Erblasser bestimmt, sämtliche Werte, also Firmen- und Privatvermögen, einschließlich der Immobilien und Wertpapiere an die Firma Mardi Gras Cruising zum symbolischen Preis von einem Dollar zu verkaufen.“

Everett Kincaids Testament war wirklich grotesk. Mardi Gras Cruising war der schärfste Konkurrent der KCL, der Kreuzfahrtreederei Kincaid Cruise Lines. Erfüllte Mitch die von seinem Vater gestellten Bedingungen nicht, konnten er, Rand und Nadia ein Vermögen von etlichen Milliarden Dollar abschreiben: das Unternehmen mit seinen acht Kreuzfahrtlinien und fünfzig Schiffen, an dem ein paar Tausend Arbeitsplätze hingen, den Familiensitz Kincaid Manor, die kleine Karibikinsel Crescent Key, die der Kincaid Cruise Line gehörte, und alles andere.

Nicht nur ihm hatte Everett Kincaid testamentarisch einen Auftrag erteilt, der in Jahresfrist erfüllt sein musste, bevor sie das Erbe antreten konnten, sondern auch seinen Geschwistern. Für Mitch stand fest, dass er die Reederei niemals aufgeben würde. Die KCL waren sein Leben. Er war quasi mit seiner Arbeit verheiratet. Ob Rand so dachte wie er, dessen war sich Mitch nicht so sicher. Rand hatte der Familie und der Reederei vor fünf Jahren den Rücken gekehrt und seitdem nichts von sich hören lassen. Wenn ihr Vater nicht vor drei Tagen unerwartet verstorben wäre, würde Rand jetzt kaum hier mit seinen Geschwistern am Tisch sitzen.

Mitch versuchte, seine Gedanken zu sammeln. „Was geschieht mit dem Kind, wenn das Jahr um ist?“, fragte er den Notar.

„Das liegt bei Ihnen. Entweder Sie kümmern sich bis zu seinem einundzwanzigsten Lebensjahr um ihn und sein Erbe, oder das Sorgerecht bleibt bei seiner Tante.“

„Niemals!“, platzte Mitch heraus. Er wandte sich an seine Geschwister, die sich bei seinem Ausbruch verwundert ansahen. „Die Mutter des Kindes hat auf ganz üble Art versucht, Dad auszutricksen“, erklärte er ihnen. Mitch war nicht nur die rechte Hand seines Vaters in der Firma gewesen, sondern auch als Einziger der drei mit den Einzelheiten des Privatlebens ihres Vaters vertraut. „Sie ist vor Kurzem bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Jetzt hat ihre Zwillingsschwester die Vormundschaft über das Baby. Carly Corbin heißt sie, und ich wette, sie ist auch nicht anders gestrickt als ihre habgierige Schwester. Aber sie ist jung und ledig und wird sich auf Dauer nicht mit dem Kind belasten wollen. Und wenn doch, werde ich ein wenig nachhelfen.“

„Und wie?“, fragte Rand.

„Mit Geld natürlich. Ich kenne keine Frau, die nicht ihren Preis hätte.“ Diese Bemerkung brachte Mitch einen strafenden Blick von Nadia ein, woraufhin er ruhig hinzufügte: „Dad hat mich beauftragt, der Mutter des Kindes hunderttausend Dollar für eine Abtreibung zu geben. Sie hat das Geld auch bekommen. Aber ganz offensichtlich hat sie es für irgendwas anderes verwendet, sonst hätten wir dieses Problem nicht.“

Mitch dämmerte, dass der Babysitter-Job, mit dem ihn sein Vater posthum beauftragt hatte, eine Art Strafe darstellte. Mitch war zu vertrauensselig gewesen. Er hatte der Frau den Scheck einfach gegeben, ohne sich darum zu kümmern, dass das Geld auch für das Kind eingesetzt wurde.

„Und wer sagt, dass es wirklich Dads Kind ist?“, fragte Rand misstrauisch.

„Das steht außer Zweifel. Es gibt einen DNA-Test.“

Mitch erinnerte sich ungern daran. Das Ergebnis war nur wenige Tage, bevor Marlene Corbin, die Mutter des Babys, von einem Auto überfahren worden war, eingetroffen. Der Fahrer des Wagens hatte Fahrerflucht begangen und konnte nicht ermittelt werden. Mitch betete zum Himmel, dass sein Vater nichts mit diesem Unfall zu tun hatte. Schließlich wusste er nur zu gut, dass Everett Kincaids Methoden nicht immer die saubersten gewesen waren.

Ungeduldig trommelte Nadia mit den Fingern auf der Sessellehne. „Mal abgesehen von deinen frauenfeindlichen Sprüchen“, sagte sie zu Mitch, „weißt du überhaupt, wie man ein einjähriges Baby versorgt? Nehmen wir an, Miss Corbin überlässt dir den kleinen … Wie heißt er eigentlich?“ Sie blätterte in ihrer Kopie des Testaments. „Ah, hier steht’s. Rhett. Rhett … jetzt kapier ich: Ever-Rhett. Echt niedlicher Einfall.“ Sei schüttelte den Kopf.

Mitch wusste mehr über Babys, als Nadia ahnte. Allerdings würde er es nicht so weit kommen lassen, dass er sich selbst um das Kind kümmerte. „Das ist unerheblich“, antwortete er mit unbewegter Miene. „Ich werde ein Kindermädchen engagieren. Und Kincaid Manor ist groß genug. Ich lasse in einem der Flügel des Hauses ein Kinderzimmer einrichten. Ende des Monats ist es fertig. Und bevor dieses Jahr um ist, habe ich das Sorgerecht, und diese Carly Corbin ist Geschichte. Verlasst euch drauf.“

1. KAPITEL

Als Carly am Montagabend nach Hause kam, stand ein silbergrauer Geländewagen in ihrer Einfahrt. Sie lenkte den dreirädrigen Sportkinderwagen an der Edelkarosse vorbei und sah auf ihrer Veranda einen Fremden in der Gartenschaukel sitzen. Als sie den Weg zum Haus hinaufkam, stand er auf. Teures Auto, teurer Anzug, fiel Carly auf. Wenn das der Typ ist, den sie geschickt haben, um den Geschirrspüler zu reparieren, habe ich den Beruf verfehlt.

Sie kam näher und musste feststellen, dass dieser Mann nicht nur gut betucht, sondern auch ungewöhnlich attraktiv aussah. Er hatte breite Schultern, kurz geschnittenes dunkles Haar, ein sehr interessantes Gesicht und faszinierend grüne Augen.

Während Carly nach ihrer Joggingrunde in der drückenden Sommerhitze der Schweiß aus allen Poren lief, sah der Besucher aus wie aus dem Ei gepellt, als käme er geradewegs aus dem Chefsessel eines voll klimatisierten Büros. Dieser Mann roch geradezu nach Geld und Macht. Carly fragte sich, ob er einer von Marlenes Verehrern war.

Vielleicht wusste er noch gar nicht, dass Marlene … Der Gedanke traf sie wie ein Faustschlag in die Magengrube. Marlene war tot, fortgegangen für immer. Alles, was Carly von ihrer Schwester geblieben war, war das Baby in dem Kinderwagen, den Carly schob.

Für einen von Marlenes Verehrern wirkte dieser reichlich jung, Anfang dreißig vielleicht. Marlene hatte sich mehr an die Herren gesetzteren Alters gehalten so wie Everett Kincaid, den Vater des Babys im Kinderwagen, das in diesem Moment stillvergnügt vor sich hin brabbelte. Carly liebte den kleinen Kerl. Am liebsten hätte sie den ganzen Tag mit ihm gekuschelt, wie sie es mit ihrem eigenen Kind so gern getan hätte. Schnell verdrängte Carly den Gedanken wieder. Zunächst musste sie diesen Fremden abfertigen. „Sie wünschen?“, fragte sie.

„Sie sind Carly Corbin?“, fragte der Besucher zurück. Seine Stimme klang dunkel mit einem angenehmen Timbre, aber der Tonfall war kühl und distanziert.

Er kam ihr die Stufen von der Veranda herab entgegen und musterte sie dabei so eingehend, dass Carly sich ein wenig für ihr abgewetztes T-Shirt und die schlabberigen Shorts schämte, die sie zum Laufen trug. Ihr verschwitztes Haar hatte sie nach hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Sie musste den Kopf ein Stück heben, um ihm in die Augen zu sehen. „Und Sie sind …?“

„Mitch Kincaid.“

Sofort spürte Carly Wut in sich aufsteigen. Das also war der Kerl, von dem Marlene ihr erzählt hatte. Der sie gedrängt hatte, mit Everett Schluss zu machen. Der sie zu einer Abtreibung nötigen wollte. Der ihr schließlich so zugesetzt hatte, dass Marlene ihr Apartment aufgeben musste und zu ihrer Schwester gezogen war. Ein eisiger Schrecken durchfuhr Carly. War Mr. Kincaid junior etwa gekommen, um ihr Rhett wegzunehmen? Carly fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. „Und …?“

Mitch warf einen flüchtigen Blick auf das freundlich lächelnde Baby mit seinem feinen dunklen Haar. „Ich bin gekommen, um … um meinen Bruder kennenzulernen. Ist er das?“

„Deinen Halbbruder“, korrigierte Carly. „Ja, das ist er. Das ist Rhett.“

„Er sieht tatsächlich aus wie ein Kincaid“, bemerkte Mitch.

„Was dachten Sie denn? Glauben Sie, meine Schwester hat sich das mit Ihrem Vater nur ausgedacht?“

„Sicher nicht. Dazu ist die DNA-Analyse zu eindeutig.“ Mitch klang alles andere als begeistert. „Darf ich reinkommen?“

Carly kaufte ihm nicht ab, dass er einfach nur einen nahen Verwandten kennenlernen wollte. Bis jetzt hatte er den Kleinen nicht einmal richtig angesehen. „Vielleicht ein andermal. Jetzt passt es schlecht. Ich muss Rhett füttern, baden und ins Bett bringen.“

„Es geht um seine Erbschaft.“

Erbschaft? Carly stutzte. Marlenes Hinterlassenschaft konnte er nicht meinen. Es gab keine. Plötzlich fiel Carly wieder ein, dass auch Rhetts Vater, Everett Kincaid, kurz zuvor gestorben war. Es hatte in allen Zeitungen gestanden. „Hat Ihr Vater Rhett etwas hinterlassen?“, fragte sie vorsichtig.

Die schönen, sinnlichen Lippen des Besuchers wurden schmal. „Unter gewissen Bedingungen … ja.“

Rhett meldete sich aus seiner Kinderkarre und streckte die Ärmchen vor. Er wollte hochgehoben werden.

Carly löste die Sicherheitsgurte und nahm ihn auf den Arm. Wie immer, wenn sie das tat, genoss sie den süßen Duft seiner Babyhaut. Sie drückte Rhett fest an sich. „Unter was für Bedingungen?“, fragte sie misstrauisch.

„Können wir das nicht drinnen bereden? Sie können den Jungen meinetwegen währenddessen füttern. Mir macht das nichts aus.“

„Ihnen vielleicht nicht, aber Ihrem teuren Anzug. Rhetts Geschosse beim Essen haben eine ziemliche Reichweite.“

Carly ärgerte es, dass Mitch von Rhett immer nur als „der Junge“ sprach, als hätte Rhett keinen Namen. Fragen stürmten auf sie ein. Wenn dieser Mann ein so naher Verwandter war, konnte sie ihn nicht einfach zum Teufel jagen, wie sie es am liebsten täte. Es wäre nicht fair gegenüber Rhett, ihm eine Familie vorzuenthalten, die ihn finanziell besser versorgen würde, als Carly es je könnte. Zurzeit konnte sie nicht einmal etwas für seine Ausbildung zurücklegen.

Carly stieg die drei Stufen zur Veranda hinauf, ging zur Haustür und schloss auf. Sie hatte kein gutes Gefühl dabei, diesen ungebetenen Gast in ihr Haus zu lassen.

„Ich würde Ihnen raten, wenigstens das Jackett auszuziehen, während Rhett isst“, sagte sie, nachdem sie mit Mitch in die Küche gegangen war und den Kleinen in seinen Hochstuhl gesetzt hatte. Mitch legte die Jacke ab, aber schon im selben Augenblick bereute Carly ihren Rat. Davon, wie gut dieser Mann gebaut war, hatte Marlene ihr nichts erzählt. Als Physiotherapeutin war Carly gewissermaßen Expertin für männliche Anatomie. Sie hatte beruflich häufig mit durchtrainierten Sportlern zu tun. Und das hier war ohne Frage ein Prachtexemplar.

Carly holte zwei Flaschen Wasser aus dem Kühlschrank und stellte sie auf den Küchentresen. Sie nahm eine der Flaschen, schraubte sie auf und deutete dabei, zu Mitch gewandt, auf die andere. Durstig von ihrer abendlichen Joggingrunde nahm sie selbst einen tiefen Schluck.

Dann begann sie, eine bereitgelegte Banane, Weintrauben und ein Stück Käse in für Rhett mundgerechte Würfel zu schneiden. „Nun reden Sie schon“, forderte sie Mitch auf.

Der drehte die ungeöffnete Flasche unschlüssig in den Händen. „Dem Jungen steht ein Viertel des Erbes meines Vaters zu.“

Carly wäre beinahe das Messer aus der Hand gefallen. In der Zeitung hatte sie von Everett Kincaids unermesslichem Reichtum gelesen. „Sie wollen mich auf den Arm nehmen“, sagte sie, während sie sich darauf konzentrierte, sich nicht in die Finger zu schneiden.

„Keineswegs.“ Mitchs Antwort klang fast beleidigt.

„Und weiter?“, fragte sie. Wenn sich Everett Kincaid so um sein uneheliches Kind sorgte, war er vielleicht doch nicht der verschrobene Knauser, als den Marlene ihn immer beschrieben hatte.

„Die Bedingung, von der ich sprach, ist folgende: Das Kind muss für das nächste Jahr auf Kincaid Manor, unserem Familiensitz, wohnen.“

Carly brauchte ein paar Sekunden, bis sie begriffen hatte, was das hieß. Dann drehte sie sich mit einem Ruck um. „Sie wollen ihn mir wegnehmen.“

„Sie werden dabei nicht leer ausgehen.“

Sie schüttelte fassungslos den Kopf.

„Ich zahle Ihnen hunderttausend Dollar – sagen wir, als Entschädigung für die Auslagen, die Sie gehabt haben. Das ist dieselbe Summe, die Ihre Schwester bekommen hat, um eine Abtreibung vorzunehmen. Wenn Sie auf mein Angebot angehen, werde ich kein Wort mehr über das Geld verlieren, das Ihre Schwester offensichtlich für etwas anderes verwendet hat.“

Carly hatte Mühe, zu folgen. Erst wollte er ihr Rhett abkaufen, dann behauptete er auch noch, Marlene hätte Geld für eine Abtreibung angenommen. Ihre Schwester hatte garantiert keine Sekunde daran gedacht, die Schwangerschaft abzubrechen. Sie hatte sich auf das Kind gefreut und war überglücklich, als Rhett geboren wurde. Aber Carly hatte nach der Beerdigung auch Marlenes Tagebuch gefunden und gelesen, bevor sie es verbrannte. Darin hatten sich ihr einige dunkle Seiten ihrer Schwester offenbart, von denen Carly vorher nichts gewusst hatte. Von Geld für eine Abtreibung hatte dort jedoch nichts gestanden.

„Ich weiß von keinen hunderttausend Dollar.“

„Das nehme ich Ihnen nicht ab“, entgegnete Mitch kalt. „Ihre Schwester hat die letzten fünfzehn Monate hier mit Ihnen zusammengelebt. Sie müssen etwas davon gewusst haben. Wahrscheinlich haben Sie sogar davon profitiert.“

„Das habe ich nicht“, fuhr sie ihn wütend an. „Ich habe keine Ahnung, von welchem Geld Sie reden.“

Rhett begann lautstark, auf sich aufmerksam zu machen. Noch halb benommen von dem, was sie eben gehört hatte, nahm Carly den Teller und ging zu ihm. Nein, sie konnte nicht glauben, was Mitch erzählte. Wo sollte das Geld geblieben sein? Marlene hatte nicht viel ausgegeben, nachdem sie bei Carly eingezogen war. Sie hatte zwar ihren Job als Stewardess aufgeben müssen, aber nichts hatte darauf hingedeutet, dass sie über Reserven verfügte.

„Ich glaube Ihnen kein Wort“, sagte sie schließlich.

„Ich habe Belege für die Zahlung. Überlegen Sie doch mal: Mein Angebot ist nicht so schlecht. Ich gebe Ihnen Geld, und die Unterschlagung vergessen wir. Ich übernehme das Sorgerecht für den Kleinen, und Sie können wieder frei und unbeschwert Ihrer Wege gehen.“

Die letzten Worte trafen Carly tief. Das hatte sie vor zwölf Jahren schon einmal gehört – fast wörtlich. Es war ein gespenstisches Déjà-vu. Am liebsten hätte sie Rhett genommen und wäre mit ihm davongerannt.

„Ich liebe Rhett. Er ist für mich keine Belastung. Außerdem hat meine Schwester ausdrücklich mich dazu bestimmt, ihn großzuziehen.“

„Als Alleinerziehende, die sich kaum über Wasser halten kann?“

„Wenn es sein muss, auch das.“

„Kommen sie, Carly … Sie sind jung, attraktiv, haben das ganze Leben noch vor sich. Warum sollten Sie es an ein Gör hängen, das nicht einmal Ihres ist?“

Attraktiv – oho! Ein Kompliment aus dem Munde eines so gut aussehenden Mannes hätte sie normalerweise nicht kalt gelassen. Aber Gör? Carly wurde immer wütender. „Wissen Sie was? Ich war dabei, als Rhett zur Welt kam. Ich war da, als er seinen ersten Zahn bekam und laufen lernte. Und so Gott will, werde ich ihn auf allen weiteren wichtigen Stationen seines Lebens begleiten, bis er erwachsen ist. Ich gebe ihn nicht her. Ende der Durchsage.“

„Vergessen Sie nicht, dass ich ihm eine ganze Menge mehr bieten kann als Sie. Das heißt, wenn es Ihnen wirklich um sein Wohl geht.“ Mitch sah sich mit geringschätzigem Gesichtsausdruck in der Küche um.

„Mein Haus mag nicht Ihren Standards entsprechen. Aber es ist gemütlich, kindgerecht und voller Liebe und Wärme. Und es hat einen wunderschönen Garten.“ Kaum hatte sie ihren Satz beendet, dachte Carly: Jetzt fange ich schon an, mich vor diesem Schnösel zu rechtfertigen.

„Was verdient eine Physiotherapeutin heute so? Sechzigtausend im Jahr? Siebzigtausend?“

„Das geht Sie gar nichts an.“ Er wusste vermutlich auf den Cent genau, was sie verdiente. Offenbar hatte er sich gut vorbereitet. Wie bekam man solche Sachen heraus?

„Wissen Sie, um wie viel der Kleine hier reicher werden könnte? Um eine und eine Viertelmilliarde Dollar. Vorausgesetzt natürlich, er kommt zu mir.“

„…milliarde?“, wiederholte Carly tonlos.

„Selbstverständlich nicht in bar“, stellte Mitch klar. „Das meiste sind Anlagewerte, Immobilien und Aktien. Fest steht: Er bekommt es nur, wenn er bei mir lebt.“

Carly musste sich setzen. Ihr schwirrte der Kopf, und ihr war flau im Magen. Sie konnte guten Gewissens nicht verantworten, Rhett um ein solches Vermögen zu bringen. Mit dem Erbe hätte er zeitlebens ausgesorgt. Aber sie hatte Marlene versprochen, für ihren Sohn zu sorgen, sollte ihr einmal etwas zustoßen. Und schließlich – Carly liebte Rhett. Sie liebte ihn so, wie sie ihre Tochter geliebt hätte, wenn man es zugelassen hätte.

Carly atmete tief durch. Sie durfte jetzt keinen Fehler machen. Immerhin hatte Everett Kincaid, nachdem er sich lange dagegen gesträubt hatte, Rhett nun doch noch als seinen Sohn akzeptiert. Es musste einen Weg geben …

„Ich muss mit meinem Anwalt sprechen“, erklärte Carly bestimmt. „Außerdem brauche ich eine Kopie des Testaments.“

Mitch wurde ungeduldig. „Wir haben nicht endlos Zeit, Miss Corbin. Mein Vater hat in seinem Testament Fristen gesetzt. Was wollen Sie? Wollen Sie mit mir handeln? Sind fünfhunderttausend Dollar genug für Sie?“

Der harte Ausdruck seiner grünen Augen sagte ihr, dass er es ernst meinte. Er bildete sich tatsächlich ein, er könnte ihr Rhett einfach abkaufen. Der Gedanke empörte sie. Marlene hatte recht gehabt. Er war ein herzloses, kalt berechnendes Scheusal.

„Sie sind nicht bei Trost“, sagte sie. „Glauben Sie, Sie können Menschen einfach kaufen?“

Mitch überhörte die Bemerkung. „Eine Million?“ Er ging zu seinem Jackett, das über einer Stuhllehne hing, und holte ein Scheckbuch und einen Füllfederhalter heraus.

Carly sprang auf. „Ein für alle Mal, Mr. Kincaid: Rhett ist nicht zu verkaufen. Und jetzt gehen Sie bitte.“

Rhett war gerade dabei, sein Abendessen mit beiden Händen zu Mus zu verarbeiten. Um seinen Stuhl herum hatte er bereits alles großzügig mit Bananen-Käse-Brei verziert. Mitch machte vorsichtshalber einen Bogen um ihn. Er griff nach seinem Jackett, steckte Scheckbuch und Füller wieder ein und holte eine Visitenkarte heraus, die er auf den Küchentresen neben die nach wie vor ungeöffnete Wasserflasche legte.

„Ich lasse Ihnen eine Kopie des Testaments zuschicken“, sagte er. „Reden Sie mit Ihrem Anwalt, und rufen Sie mich morgen an.“

Damit drehte er sich auf dem Absatz um und ging hinaus. Carly hörte, wie die Haustür hinter ihm zuschlug.

Seufzend nahm sie einen Waschlappen, hielt ihn unter lauwarmes Wasser und machte sich daran, ihren kleinen Zögling zu säubern. „Oh Rhett, was machen wir bloß“, meinte sie traurig. „Ich kann dich nicht hergeben. Aber ich kann auch nicht verantworten, dass dir ein solches Erbe entgeht.“

„Tut mir leid, wenn ich störe.“ Marie, Mitchs Sekretärin, stand in der Tür des Konferenzraums. „Da ist eine Carly Corbin, die Sie unbedingt sprechen möchte, Mitch. Sie hat keinen Termin.“

„Soll in mein Büro kommen.“ Nachdem Marie sich wieder zurückgezogen hatte, sagte Mitch zu Rand, der ihm gegenübersaß: „Na endlich! Drei Tage hat sie uns warten lassen. Nun wird sich zeigen, wie teuer uns der kleine Bastard zu stehen kommt. Warte auf mich, ich bin gleich zurück.“

Rand hob beschwichtigend die Hand. „Lass dir Zeit, Bruder. Ich kann die nächste Bewerberin auch allein interviewen.“

Dieses verdammte Testament, dachte Mitch, während er in sein Büro ging. Der letzte Wille von Everett Kincaid legte seinen Kindern eine endlose Reihe von Hindernissen in den Weg. Rand hatte an der Westküste alles stehen und liegen lassen müssen, was er sich dort in fünf Jahren aufgebaut hatte, um bei KCL das Ruder zu übernehmen. Mitch hatte plötzlich für ein einjähriges Kind zu sorgen, das er aber, wie es ausssah, zunächst den Klauen einer habgierigen Tante entreißen musste. Nadia schließlich war von Everett aus Miami nach Dallas, Texas, verbannt worden und durfte sich ein Jahr lang nicht um die Geschäfte der Reederei kümmern. Da sie einen wichtigen Posten im Management bekleidete, musste eine Vertretung für sie gefunden werden.

Noch bevor Mitch hinter seinem Schreibtisch Platz nehmen konnte, kam Carly ins Büro. Sie nickte ihm nur flüchtig zur Begrüßung zu und bewunderte gleich darauf die Aussicht, die die durchgehende Fensterfront im dreißigsten Stock über die Stadt, den Hafen und die Biscayne Bay eröffnete.

Mitch sah seine Besucherin erstaunt an und wartete. Er war es nicht gewohnt, übersehen zu werden, schon gar nicht von einer Frau. Aber er vergaß seinen verletzten Stolz schnell und nutzte die Gelegenheit, sich Carly in aller Ruhe anzusehen.

Carly gehörte nicht zu den auffallenden Schönheiten, denen die Männer auf der Straße hinterherpfeifen. Aber sie hatte ein hübsches Gesicht mit großen, ausdrucksvollen braunen Augen und blondes Haar. Schulterlang, schätzte Mitch, denn sie hatte es wie vor drei Tagen zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Von ihrer ersten Begegnung erinnerte sich Mitch noch an ihre schlanke, sportliche Figur mit den endlos langen Beinen und nicht übermäßig großen, aber festen Brüsten. An diesem Tag war nicht viel davon zu entdecken, denn Carly trug einen Trainingsanzug in einem provozierenden Bonbonrosa.

Eineiige Zwillinge, dachte Mitch, beinahe kann ich den Alten verstehen. Trotzdem hätte er daran denken müssen zu verhüten. Mitch überlegte, ob Marlene Corbin seinen Vater wohl bewusst hereingelegt hatte.

Nachdem Carly das Panorama genügend bewundert hatte, trafen sich ihre Blicke. Mitch registrierte ein leichtes Vibrieren in der Magengegend, als sie sich ansahen. „Nun, Miss Corbin, sind Sie zu einer Entscheidung gekommen?“

„Rhett kann in Kincaid Manor einziehen“, antwortete Carly in sachlichem Ton.

„Wunderb…“

„Allerdings unter einer Bedingung: Ich komme mit. Ich werde ebenfalls bei Ihnen einziehen.“

„Wie bitte?“

„Ich lasse Rhett selbstverständlich nicht allein bei Ihnen, Mr. Kincaid. Sie strahlen ungefähr so viel Wärme aus wie der Südpol. So eine Atmosphäre ist nicht gut für ein Kind.“

„Ich weiß wesentlich mehr über Kinder, als Sie annehmen“, erwiderte Mitch leicht eingeschnappt.

„Ach wirklich? Den Eindruck hatte ich bei unserer ersten Begegnung nicht. Sie haben Rhett nicht einmal angesehen. Dabei ist er Ihr Bruder.“

„Halbbruder, wie Sie selbst schon richtig bemerkten. Es hat sich nicht ergeben.“

„Blödsinn! Jemandem einen Blick oder ein Lächeln zu schenken, muss sich nicht ergeben.“

Da hatte sie wohl recht, dachte Mitch. „Wie viel verlangen Sie?“

„Fangen Sie nicht wieder damit an. Ich will Ihr Geld nicht.“

„Ihre Anwesenheit in meinem Haus ist nicht nötig“, sagte Mitch förmlich und fragte sich, worauf sie dann hinauswollte. Sah sie dieses Jahr in Kincaid Manor als eine Art Kuraufenthalt an?

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