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Wenn es Nacht wird in Manhattan

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Es war nicht viel los an diesem Montagmorgen im Polizeirevier von Jacobsville, einer kleinen Stadt in Texas. Drei Streifenbeamte hatten sich mit Kaffee versorgt und saßen an einem Tisch in einer Ecke des Eingangsbereichs, der als Cafeteria diente. Ein Hilfssheriff hatte einen Haftbefehl vorbeigebracht. Ein Einwohner der Stadt unterschrieb gerade seine Zeugenaussage gegen einen Gesetzesbrecher, als dieser von einem Streifenbeamten hereingebracht wurde. Die Sekretärin, die normalerweise am Empfang saß, war nicht an ihrem Platz.

“Ich habe die Nase voll. Und zwar gestrichen voll! Im Supermarkt gibt’s im Moment jede Menge Jobs. Und da werde ich mich jetzt auch sofort bewerben.”

Alle Köpfe drehten sich in die Richtung, aus der die schrille Stimme der Sekretärin des Polizeichefs kam. Niemand hatte sie jemals so schreien gehört. Die Antwort kam ebenso prompt wie undeutlich, und dann fiel etwas mit einem metallischen Klappern zu Boden.

Eine junge Frau, kaum zwanzig Jahre alt, mit kurzem Rock und einer tief ausgeschnittenen Lurex-Bluse, rauschte wütend über den Korridor. Ihre Augen blitzten zornig, und ihre üppigen Ohrringe klimperten laut. Die Männer in ihren Uniformen traten rasch beiseite. Sie eilte zu ihrem Schreibtisch, schnappte sich ihre vollgestopfte Handtasche und rauschte zur Eingangstür.

Gerade wollte sie das Gebäude verlassen, als ein großer, durchaus attraktiver Mann in der Uniform des Polizeichefs hinter ihr auftauchte. Er hatte Kaffeepulver im Haar, und an seiner Kleidung, die ebenfalls Kaffeeflecken aufwies, klebten Tesafilm und zwei zerknitterte Post-it-Zettel. Ein weiterer hing in seinem schwarzen Haar. Und an seinen auf Hochglanz polierten schwarzen Schuhen hatte sich ein Papiertaschentuch verfangen.

“Hab ich denn was Falsches gesagt?”, überlegte Cash Grier laut.

Das Mädchen, dessen Lippenstift ebenso schwarz war wie der Nagellack, gab einen verächtlichen Laut von sich, als es durch die Glastür stürmte und sie zornig hinter sich zuknallte.

Die Polizisten mussten sich sehr zusammenreißen, um nicht laut loszulachen. Bei einigen klang das so, als hätten sie gerade einen heftigen Hustenanfall. Der Mann, der seine Zeugenaussage unterschrieb, erstickte fast an seinem Gelächter.

Cash starrte sie feindselig an. “Na los. Macht euch nur lustig über mich. Ich kriege jederzeit ‘ne neue Sekretärin.”

Judd Dunn, sein Stellvertreter, lehnte an der Theke. Seine Augen blitzten amüsiert. “Das war jetzt schon die Zweite, seitdem du hier der Boss bist.”

“Sie hat in einem Lebensmittelladen gearbeitet, bevor sie hierher kam”, knurrte Cash, während er die klebrigen Teile abzupfte und das Kaffeepulver von seiner Uniform wischte. “Den Job hier hat sie doch nur gekriegt, weil ihr Onkel Ben Brady momentan Bürgermeister ist und er mir gesagt hat, dass er niemals das Geld für die kugelsicheren Westen auftreiben könnte, wenn ich sie nicht nehmen würde. Und wir brauchen die Westen.” Ärgerlich stieß er die Luft aus. “Der Typ ist nicht koscher. Hätte Jack Herman nicht wegen seines Herzanfalls zurücktreten müssen, wäre er überhaupt nicht im Amt. Bis zum Mai muss ich noch mit Brady auskommen. Erst dann finden die vorgezogenen Wahlen für Hermans Nachfolger statt.”

Judd hörte kommentarlos zu, während Cash weiterschimpfte. “Wenn es nach mir ginge, könnte die Bürgermeisterwahl gar nicht früh genug kommen. Brady macht mir wegen der Drogenfälle die Hölle heiß, aber wenn es um Verbesserungen in unserer Abteilung geht, stellt er die Ohren auf Durchzug. Eddie Cane soll sein Gegenkandidat sein.”

“Er war der beste Bürgermeister, den wir jemals hatten, und ich glaube, er wird gewinnen”, meinte Judd.

“Umso schlimmer, dass wir bis Mai warten müssen, um Brady abzuwählen.” Cash zuckte zusammen, als er den Post-it-Zettel aus seinen Haaren klaubte. “Wenn er mir jetzt mit einer neuen Sekretärin als Ersatz kommt, kündige ich.”

“Also musst du jemanden finden, und zwar schnell, ehe er eine neue Kandidatin anschleppt”, meinte Judd. “Aber wer, der noch alle fünf Sinne beisammen hat, will schon für dich arbeiten?”

Cash zog eine Grimasse.

“Vielleicht solltest du dir ein bisschen Zeit lassen und dich erst mal beruhigen”, schlug Judd vor. “Die Weihnachtsferien stehen vor der Tür.” Er sah Cash durchdringend an. “Wie wär’s mit einem Kurzurlaub?”

Cash zog die Augenbrauen hoch. “Hab ich doch letzten Monat gemacht, und zwar mit dir. Als wir zu dieser Premiere nach New York gefahren sind.”

“Sie hat gesagt, du könntest jederzeit wiederkommen”, sagte Judd mit einem verschmitzten Grinsen. Mit “sie” meinte er Tippy Moore, die vom Model zur Schauspielerin aufgestiegen war – die neue Cameron Diaz sozusagen.

Cash sträubte sich innerlich gegen den Trip, obwohl er den Gedanken an das Model nicht mehr losgeworden war, nachdem er erkannt hatte, dass sie nicht der eitle, Männer verschlingende Vamp war, für den er sie zunächst gehalten hatte. Ihre Schutzbedürftigkeit hatte ihn tiefer berührt, als ihr Flirten ihn beeindruckt hatte.

“Ich könnte sie ja anrufen und fragen, ob sie die Einladung ernst gemeint hat”, überlegte er.

“Braver Junge”, meinte Judd und klopfte ihm auf die Schulter. “Nimm dir die nächste Woche frei, und ich setze mich dann an deinen Schreibtisch und bin der Boss.”

Cash wurde misstrauisch. “Das hat doch nicht etwa was mit dem Streifenwagen zu tun, den du mir die ganze Zeit einzureden versuchst? Nächste Woche gibt’s eine Versammlung im Stadtrat …”

“Das Thema werden sie bis nach den Ferien verschieben”, versicherte Judd ihm. “Außerdem würde ich den Stadtrat nie zu einem Streifenwagen überreden, den du eigentlich gar nicht willst. Ehrlich.”

Cash traute seinem breiten Lächeln nicht. Judd war genau wie er. Er lächelte nur dann, wenn er etwas erreichen wollte oder bei bester Laune war.

“Ganz zu schweigen davon, eine neue Sekretärin einzustellen”, fügte Judd hinzu, ohne Cash anzusehen.

“Ach, so ist das also”, reagierte Cash prompt. “Daher weht der Wind. Du denkst an jemand bestimmten. Wahrscheinlich willst du mir einen pensionierten weiblichen Oberst von der Armee oder sonst eine Verschwörungstheoretikerin vor die Nase setzen – genau so eine wie die Sekretärin, die wir hatten, als Chet Blake der Boss war?”

“Ich kenne keine arbeitslosen weiblichen Obersten”, antwortete Judd mit Unschuldsmiene.

“Oder Ex-Obersten?”

Er zuckte mit den Schultern. “Na ja, vielleicht eine oder zwei. Eb Scott hat eine Cousine …”

“Nein!”

“Du kennst sie doch gar nicht …”

“Ich will sie auch gar nicht kennenlernen. Ich bin der Boss. Siehst du das hier?” Er deutete auf sein Abzeichen. “Ich kämpfe gegen Kriminelle und nicht gegen alte Frauen.”

“Sie ist nicht alt. Jedenfalls nicht wirklich.”

“Wenn du jemanden während meiner Abwesenheit einstellst, werde ich sie in dem Moment feuern, sobald das Flugzeug gelandet ist. Ach was, ich werde die Stadt überhaupt nicht verlassen”, drohte Cash.

Judd zuckte mit den Schultern. “Wie du willst.” Geflissentlich betrachtete er seine sauberen Fingernägel. “Ich habe gehört, dass die Schwester des Leiters vom Bauamt es mal mit dir versuchen möchte. Möglicherweise bittet sie den Bürgermeister um eine Empfehlung.”

Cash hatte das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Die Lieblingsschwester des Amtsleiters, der ein reizender und sehr vornehmer Mann war, hatte ebenfalls ein Auge auf Cash geworfen. Sie war sechsunddreißig, zweimal geschieden, trug transparente Blusen und wog achtzig Pfund zu viel. Der Amtsleiter war ganz vernarrt in sie. Hinzu kam, dass er der beste Zahnarzt weit und breit war. Selbst ein ehemaliger Agent einer Spezialeinheit wie Cash würde einem solchen Druck in einer kleinen Stadt nicht standhalten können.

“Wann will der Colonel anfangen?”, presste er durch zusammengekniffene Lippen hervor.

Judd brach in schallendes Gelächter aus. “Ich kenne keine Colonels, die für dich arbeiten wollen, aber ich halte die Augen offen …” Im letzten Moment wich er einem Boxhieb aus. “He, ich bin Polizeibeamter. Wenn du mich schlägst, ist das bereits eine Straftat.”

“Ganz und gar nicht”, knurrte Cash, während er zu seinem Büro zurückging. “Bloß Selbstverteidigung.”

“Meine Anwälte werden sich mit dir in Verbindung setzen”, rief Judd ihm hinterher.

Ohne sich umzudrehen, machte Cash eine obszöne Geste in seine Richtung.

Doch als er wieder in seinem Büro war – der Papierkorb war inzwischen geleert und der Boden sauber gewischt worden –, dachte er über Judds Worte nach. Vielleicht war er in letzter Zeit wirklich etwas empfindlich. Ein paar Tage Urlaub, und er wäre vielleicht weniger … reizbar. Die Zwillinge von Judd und Crissy machten ihm nur allzu schmerzhaft deutlich, wie das Leben aussehen könnte, das es für ihn nicht mehr gab.

Außerdem hatte Tippy Moore einen neunjährigen Bruder namens Rory, der Cash vergötterte. Es war schon lange her, dass jemand zu ihm aufgeschaut hatte. Cash war an Neugier gewöhnt, Respekt, sogar Angst. Vor allem Angst. Im Leben dieses Jungen gab es keine männlichen Vorbilder – abgesehen von den Freunden in der Kadettenschule. Es könnte nichts schaden, ein paar Tage mit ihm zu verbringen. Es war ja nicht nötig, dass er den beiden dabei gleich seine gesamte Lebensgeschichte auftischte. Er schauderte, als er an das einzige Mal dachte, da er über seine Vergangenheit gesprochen hatte.

Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und zog ein kleines Adressbuch aus seiner Tasche, in das er die New Yorker Telefonnummer notiert hatte. Dann nahm er sein Handy und wählte.

Es läutete zweimal. Dreimal. Viermal. Er war zutiefst enttäuscht. Gerade als er die Verbindung unterbrechen wollte, klang eine verführerische, sanfte Stimme an sein Ohr. “Hier ist der Anschluss von Moore”, schnurrte sie. “Leider bin ich im Moment nicht zu Hause. Bitte hinterlassen Sie Ihre Nachricht und Telefonnummer. Ich melde mich bei Ihnen.”

Ein Piepen ertönte.

“Hier ist Cash Grier”, sagte er.

Kaum hatte er begonnen, seine Nummer zu nennen, meldete sich eine atemlose Stimme. “Cash!”

Er lachte leise. Das bedeutete, dass sie zum Telefon geeilt war, ehe er auflegen konnte. Er fühlte sich geschmeichelt.

“Ja, ich bin’s. Hallo Tippy.”

“Wie geht’s dir denn?”, fragte sie. “Bist du noch immer in Jacobsville?”

“Immer noch. Allerdings bin ich jetzt Polizeichef. Judd hat bei den Texas Rangers gekündigt und ist mein Stellvertreter”, setzte er zögernd hinzu. Tippy war ganz hingerissen von Judd gewesen – genau wie er einmal von Judds Frau Christabel begeistert gewesen war.

“Nichts bleibt, wie es war.” Sie seufzte wehmutsvoll. “Wie geht’s Christabel?”

“Bestens”, erwiderte er. “Sie und Judd haben vor Kurzem Zwillinge bekommen.”

“Ja, ich habe an Thanksgiving von ihnen gehört”, erzählte sie ihm. “Ein Pärchen, nicht wahr?”

“Jared und Jessamina”, sagte er mit einem Lächeln. Die Zwillinge hatten das Herz ihres Paten in dem Augenblick gewonnen, als er sie zum ersten Mal im Krankenhaus gesehen hatte. Sein Liebling war natürlich Jessamina, und er machte keinen Hehl daraus. “Jessamina ist ein ganz süßer Fratz. Pechschwarze Haare und dunkelblaue Augen. Aber das wird sich bestimmt noch ändern.”

“Und was ist mit Jared?”, fragte sie belustigt, weil er von dem kleinen Mädchen so fasziniert war.

“Sieht ganz aus wie sein Vater”, erwiderte er. “Jared gehört ihnen, aber Jessamina gehört mir. Das sage ich ihnen immer wieder.” Er seufzte. “Es nützt natürlich nichts. Sie werden sie mir nicht geben.”

Ihr Lachen klang wie Glockengeläut an einem lauen Sommerabend. Sie hatte eine unwahrscheinlich attraktive Stimme.

“Und wie geht’s dir so?”

“Ich mache gerade einen neuen Film”, erzählte sie ihm. “Die Dreharbeiten sind allerdings wegen Weihnachten unterbrochen worden, damit wir während der Feiertage zu Hause sein können. Darüber bin ich wirklich sehr froh. Ich muss viel körperlichen Einsatz bringen, und ich bin überhaupt nicht gut in Form. Wenn ich so einen sportlichen Part übernehme, müsste ich eigentlich viel mehr trainieren.”

“Welche Art von Sport denn?”, wollte er wissen.

“Beintraining, Rolle vor- und rückwärts, Sprünge vom Trampolin, Stürze aus großer Höhe, asiatische Kampfsportarten – all so was”, erklärte sie. Plötzlich klang sie erschöpft. “Ich habe überall Schrammen und blaue Flecken. Rory wird in Ohnmacht fallen, wenn er mich so sieht. Er meint, in meinem Alter sollte ich besser die Finger von derlei sportlichen Aktivitäten lassen.”

“In deinem Alter?” Er wusste geanu, dass sie erst sechsundzwanzig war.

“Ich bin alt”, bekräftigte sie. “Hast du das nicht gewusst? Aus seiner Sicht müsste ich schon längst am Stock gehen.”

“Was soll ich dann erst mal sagen?”, antwortete er amüsiert. Schließlich war er zwölf Jahre älter als sie. “Kommt er über die Weihnachtsferien nach Hause?”

“Klar. Er kommt in jeden Ferien nach Hause. Ich habe eine hübsche kleine Wohnung im Lower East Village in der Nähe der Fifth Avenue. Für eine Großstadt ist es wirklich sehr angenehm.”

“Ich hab’s gern ein bisschen großzügiger.”

“Das glaube ich.” Sie zögerte. “Hast du Probleme oder so was?”

Plötzlich fühlte er sich unbehaglich. “Was meinst du denn damit?”

“Soll ich irgendetwas für dich tun?”, hakte sie nach.

Ein solches Angebot hatte er noch nie erhalten. Deshalb wusste er nicht, wie er darauf reagieren sollte.

“Mir geht’s gut”, wiegelte er ab.

“Und warum hast du dann angerufen?”

“Jedenfalls nicht, weil ich etwas von dir möchte”, antwortete er ruppiger als beabsichtigt. “Kannst du dir nicht vorstellen, dass ich einfach nur angerufen habe, um zu hören, wie’s dir geht?”

“Nicht wirklich”, gestand sie freimütig. “Die Menschen in Jacobsville waren nicht besonders nett zu mir, als wir dort unten gefilmt haben. Und du am allerwenigsten.”

“Das war, bevor Christabel niedergeschossen wurde”, erinnerte er sie. “Meine Meinung von dir hat sich innerhalb von Sekunden geändert, als du ohne zu zögern deinen teuren Pullover ausgezogen hast, um ihre Schusswunde abzubinden. An dem Tag hast du eine Menge Freunde gewonnen.”

“Danke”, entgegnete sie. Es klang verlegen.

“Hör mal, ich habe mir überlegt, dass ich vor Weihnachten ein paar Tage nach New York kommen könnte”, sagte er. “Ich meine, wenn es dir wirklich ernst war mit deiner Einladung für irgendwann Mal. Wir könnten die Stadt unsicher machen, Rory, du und ich.”

Er hörte die Aufregung in ihrer Stimme. “Wow. Rory wäre bestimmt begeistert.”

“Ist er schon bei dir?”

“Nein. Ich fahre nächste Woche mit dem Zug nach Maryland und hole ihn von der Schule ab. Sie lassen ihn erst gehen, wenn ich seine Beurlaubung unterschreibe. Wir mussten das so vereinbaren, um zu verhindern, dass meine Mutter ihn zu sich holt, um Geld von mir zu erpressen.” Sie klang verbittert. “Sie weiß, wie viel ich verdiene und will etwas davon abhaben. Sie und ihr Freund würden alles tun, um an Geld für ihre Drogen zu kommen.”

“Was hältst du davon, wenn ich ihn abhole und nach New York bringe?”

Sie zögerte. “Das … würdest du tun?”

“Aber sicher. Ich faxe eine Kopie meines Ausweises an die Schule. Du rufst sie an und sagst ihnen, wer ich bin. Rory wird mich schon erkennen.”

“Er fände das sicher ganz toll”, räumte sie ein. “Seitdem er dich bei der Premiere meines Films im vergangenen Monat kennengelernt hat, spricht er andauernd von dir.”

“Ich mag ihn auch. Er ist eine ehrliche Haut.”

“Ich habe ihm beigebracht, dass Aufrichtigkeit der wesentlichste Teil des Charakters ist”, erklärte sie. “Ich bin so oft belogen worden, dass mir nichts wichtiger ist”, fügte sie leise hinzu.

“Ich weiß, wie dir zumute ist. Am neunzehnten wollte ich hier losfahren. Sag mir, wie ich zur Kadettenschule komme”, fuhr er fort. “Dann brauche ich nur noch deine Adresse. Sag mir nur, wann wir bei dir sein sollen. Alles andere kannst du mir überlassen.”

Amüsiert registrierte Judd, dass sich Cashs Stimmung nach dem Gespräch mit Tippy um hundertachtzig Grad gedreht hatte. Sein Boss war geradezu ausgelassen.

“Du hast in letzter Zeit nicht viel gelacht”, meinte Judd. “Schön zu sehen, dass du’s noch kannst.”

“Tippys Bruder ist in der Kadettenschule”, erklärte Cash. “Ich hole ihn unterwegs ab und bringe ihn nach Hause.”

“Wird dein Truck es denn bis nach New York schaffen?”, frotzelte Judd, als er an den großen schwarzen Van dachte, den Cash für seine Fahrten durch die Stadt benutzte. Der Wagen war nicht schlecht, und er war auch sparsam. Aber er war auch schon ein bisschen altersschwach.

Plötzlich wirkte Cash verlegen. “Ich habe noch ein Auto”, erklärte er. “Es steht in einer Garage in Houston. Ich benutze es nicht sehr oft, aber ich will es nicht abgeben. Ich hab’s mir für Notfälle angeschafft.”

“Jetzt machst du mich aber neugierig”, sagte Judd. “Was ist es denn für eine Marke?”

“Nichts Besonderes”, erwiderte Cash ausweichend. Es war ihm zu peinlich, Judd zu verraten, um was für einen Wagen es sich wirklich handelte. Über seine Finanzen sprach er nämlich nie. “Ein Auto wie jedes andere. Glaubst du, du schaffst das hier alleine, wenn ich weg bin?”

“Ich war bei den Texas Rangers.”

Cash grinste. “Schon, aber das hier ist richtige Arbeit …”

Er duckte sich gerade rechtzeitig, um einem Schwinger auszuweichen.

“Sieh dich nur vor”, drohte Judd und rollte die Augen. “Ich werde die hässlichste Sekretärin diesseits vom Brazos River für dich einstellen.”

“Das trau ich dir durchaus zu”, seufzte Cash. “Aber dann achte wenigstens darauf, dass sie nicht so aufdringlich ist.”

“Warum hat sie eigentlich gekündigt?”

Cash holte tief Luft. “Diese Punkrockerin war sauer, weil ich sie nicht an meinen Aktenschrank gelassen habe. Sie sollte nicht überall rumerzählen, dass ich da manchmal meinen kleinen Python aufbewahre. Deshalb habe ich ihr vorsichtshalber weisgemacht, ich hätte geheime Akten über fliegende Untertassen darin abgelegt.”

“Das war der Augenblick, als sie den Papierkorb über dich ausgeleert hat”, vermutete Judd.

Cash schüttelte den Kopf. “Nein, das war später. Ich habe ihr gesagt, dass der Schrank aus einem ganz bestimmten Grund verschlossen ist und dass sie besser die Finger davon lässt. Dann bin ich rausgegangen, um mit einem der Streifenbeamten zu reden. Und als ich draußen war, hat sie versucht, das Schloss mit einer Nagelfeile zu öffnen. Mikey hatte es irgendwie geschafft, aus dem Käfig zu kommen, und lag oben auf den Aktenordnern, als sie die Schublade herauszog. Sie schrie wie am Spieß, und als ich zurückgerannt bin, um nachzusehen, was los war, hat sie mit einem Paar Handschellen nach mir geworfen und behauptet, ich hätte das mit dem Schrank und der Schlange extra gemacht, um ihr eins auszuwischen.”

“Deshalb also dieser schrille Schrei”, sagte Judd. “Habe ich dir nicht gleich gesagt, dass es keine gute Idee war, Mikeys Käfig in den Aktenschrank zu stellen?”

“Es war doch nur für heute. Bill Harris hat ihn mir heute Morgen gegeben, und ich hatte keine Zeit, ihn nach Hause zu bringen. Ich habe ihn da hineingestellt, weil ich weg musste. Mikey sollte natürlich keinen, der ins Büro kommt, erschrecken. Ich nehme ihn heute Nachmittag wieder mit nach Hause”, sagte er ungehalten, “damit er nicht noch einen größeren Schock kriegt, als er ohnehin schon hat.”

“Die Nichte des Bürgermeisters hat also Angst vor Schlangen. Wer hätte das gedacht?”, überlegte Judd.

“Wirklich schwer vorstellbar”, stimmte Cash ihm zu.

“Ich hoffe, du hast ihr keinen Grund geliefert, uns zu verklagen?”, hakte sein Freund nach.

Cash schüttelte den Kopf. “Ich habe nur erwähnt, dass ich Mikeys Vater in einer anderen Schublade aufbewahre und ob sie ihn vielleicht kennenlernen möchte. Erst in dem Moment hat sie gekündigt.” Er lächelte zufrieden.

“Wenn du Leute feuerst, muss die Verwaltung ihnen Arbeitslosengeld zahlen. Wenn sie freiwillig gehen, nicht. Also habe ich ihr dabei geholfen, freiwillig zu gehen”, setzte er mit einem Grinsen hinzu.

“Du Mistkerl”, sagte Judd und verkniff sich ein Lachen.

“Es ist nicht meine Schuld. Schließlich war sie total in mich verknallt. Sie glaubte, wenn ihr Onkel ihr diesen Job verschafft, könnte sie ihr Röckchen hochziehen, die Brust vorstrecken und mich verführen”, meinte er. Dann dachte er eine Weile stirnrunzelnd nach. “Vielleicht hätte ich eine Anzeige wegen sexueller Belästigung erstatten sollen.”

“Das wäre bei Ben Brady bestimmt gut angekommen”, meinte Judd ironisch.

“Mir reicht’s, von Sekretärinnen um den Schreibtisch gejagt zu werden.”

“Man nennt sie Verwaltungsangestellte”, korrigierte Judd ihn. “Nicht Sekretärinnen.”

“Verschone mich bloß mit diesem Unsinn.”

“Genau deshalb sollst du ja nach New York fahren. Um dich ein wenig zu schonen.”

“Ich muss mich um mein Haustier kümmern”, protestierte Cash.

“Du kannst Mikey zu Bill Harris zurückbringen, wenn du fährst. Er kümmert sich bestimmt gern um dein Baby, während du weg bist. Du brauchst eine Pause. Wirklich.”

Cash seufzte und steckte seine großen Hände in die Taschen. “Wenigstens einmal bin ich mit dir einer Meinung …” Er unterbrach sich. “Falls ihr Onkel anruft und fragt, warum sie gekündigt hat …”

“Ich erwähne die Schlange mit keinem Wort. Ich sage ihm nur, dass du psychische Probleme hast, weil du den ganzen Tag von Aliens verfolgt wirst”, bot Judd an.

Cash warf ihm einen vernichtenden Blick zu und ging zurück in sein Büro.

Wenige Tage später sprach Cash im Büro des Kommandanten in der Cannae-Kadettenschule in Annapolis, Maryland, vor. Der Name der Lehranstalt amüsierte ihn, weil er auf die katastrophale Niederlage des mächtigen Roms durch die karthagischen Guerilla-Truppen Hannibals verwies.

Er kannte Gareth Marist, den Kommandanten. Vor vielen Jahren hatte er mit ihm an der Operation Desert Storm im Irak teilgenommen.

Sie schüttelten sich die Hände wie Brüder, die sie in gewisser Weise auch waren. Nur wenige Männer hatten ertragen müssen, was sie hinter den feindlichen Linien durchzumachen hatten. Marist war entkommen. Im Gegensatz zu Cash.

“Rory hat mir alles über dich erzählt, noch ehe ich wusste, wer du bist”, sagte Gareth. “Nimm doch Platz. Schön, dich wiederzusehen. Du bist jetzt bei der Polizei, nicht wahr?”

Cash nickte, während er sich lässig in einen Sessel vor dem Schreibtisch fallen ließ. Der uniformierte Mann war etwa in seinem Alter, aber größer, und er hatte eine beginnende Stirnglatze. “Ich bin Polizeichef in einer kleinen Stadt in Texas.”

“Es ist nicht einfach, den Militärdienst zu quittieren”, meinte Gareth. “Ich könnte es nicht. Deshalb habe ich diese Stelle angenommen, und es ist das Beste für mich. Mir macht es Spaß, die Soldaten der Zukunft zu formen. Der junge Rory hat übrigens das Zeug dazu”, ergänzte er. “Er ist sehr intelligent und lässt sich selbst nicht von Jungs einschüchtern, die größer sind als er. Inzwischen lassen ihn sogar die Schlägertypen in Frieden”, sagte er lächelnd.

Cash grinste. “Er weiß sich zu wehren, das stimmt.”

“Und seine Schwester”, sagte Gareth mit einem anerkennenden Pfeifen. “Wenn ich nicht glücklich verheiratet wäre und zwei reizende Kinder hätte, dann würde ich Tippy Moore auf allen vieren hinterherlaufen. Sie ist wirklich wunderschön, und sie liebt diesen Jungen”, stellte er fest. “Als sie ihn das erste Mal hierher brachte, hatte sie fürchterliche Angst. Es gab Probleme mit ihrer Mutter, aber sie hat keine große Affäre daraus gemacht. Sie zeigte mir Papiere, auf denen stand, dass sie das Sorgerecht für den Jungen hat. Sie hat uns eingeschärft, den Jungen niemals in die Nähe seiner Mutter zu lassen. Oder seines so genannten Vaters.” Er warf seinem Gegenüber einen prüfenden Blick zu. “Du weißt wohl auch nicht, warum, oder?”

“Vielleicht doch”, sagte Cash. “Aber vertrauliche Dinge sind bei mir gut aufgehoben.”

“Ich erinnere mich”, erwiderte Gareth mit einem grimmigen Lächeln. “Du hast nicht einmal unter Folter klein beigegeben. Ich kenne nur einen anderen Typen, der das auch geschafft hat, und er gehörte zum SAS – dem britischen Special Air Service.”

“Er war mit mir da drin”, sagte Cash. “Ein Teufelskerl. Nach unserer Flucht ist er sofort zu seiner Einheit zurückgegangen – so als ob nichts passiert wäre.”

“Genau wie du.”

Cash redete nicht gern darüber. Deshalb wechselte er das Thema. “Wie ist Rory denn so in der Schule?”

“Sehr gut. Er gehört zu den oberen zehn Prozent seiner Klasse”, lautete die Antwort. “Außerdem ist er ein Offizierstyp.” Er lächelte. “Man erkennt sofort, wenn jemand Führungsqualitäten hat. So etwas zeigt sich sehr früh.”

“Das ist wahr.” Er legte den Kopf schräg. “Und mit den Schulgebühren gibt es auch keine Probleme?”

Der Kommandant seufzte. “Momentan nicht”, antwortete er. “Obwohl Tippys Einkünfte sehr unregelmäßig sind, wie du sicher weißt. Es gab Zeiten, da haben wir die Zahlungsfristen gestreckt …”

“Würdest du mich bitte informieren, wenn das noch mal passiert, ohne dass Tippy etwas davon erfährt?” Er zog eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche und schob sie dem Kommandanten über die glänzende Schreibtischplatte zu. “Betrachte mich als Mitglied von Rorys Familie.”

Gareth zögerte. “Grier, das ist ein verdammt teures Haus”, begann er. “Mit dem Gehalt eines Polizisten …”

“Ich habe genug Geld, verlass dich drauf”, sagte Cash mit einer Stimme, die keinen Zweifel zuließ. “Wie wär’s, wenn du Rory jetzt rufst?”

Der Kommandant nahm die Frage als Wink, dass das Gespräch zu Ende war. Er erwiderte das Lächeln. “In Ordnung.”

Atemlos stürzte Rory in das Büro des Kommandanten. Seine Wangen waren vor Aufregung ganz rot. Zwei Jungen hatten ihn begleitet, waren aber nicht mit ins Zimmer gekommen. Stattdessen standen sie vor der Tür und ließen ihn nicht aus den Augen.

“Mr. Grier”, begrüßte Rory ihn mit einem strahlenden Lachen. “Ich finde es wirklich ganz toll, dass Sie mich abholen. Meine Schwester und ich nehmen nämlich sonst immer den Zug.”

“Dann fahren wir zur Abwechslung mal mit dem Auto”, sagte Cash. Sein Lächeln wirkte ein wenig zurückhaltend. “Ich hasse nämlich Züge.”

“Oh, mir gefallen sie, besonders der Speisewagen”, plapperte Rory. “Ich habe nämlich ständig Hunger.”

“Auf dem Weg nach New York machen wir eine Pause”, versprach er dem Jungen. “Bist du bereit?”

“Ja, Sir, mein Gepäck ist draußen in der Halle. Tippy freut sich wahnsinnig”, fügte er fröhlich hinzu. “Sie hat das Apartment drei Mal geputzt und alle Möbel gewienert. Sie hat sogar das Gästezimmer für Sie hergerichtet!”

“Vielen Dank, aber ich bin gern in meinen eigenen vier Wänden – selbst wenn’s nur die eines Hotels sind”, sagte Cash beiläufig. “Ich habe ein Zimmer nicht weit von ihrer Wohnung gebucht.”

Der Kommandant unterdrückte ein Lachen, als er das hörte. Er kannte Cash als einen Mann, der sich strikt an die Anstandsregeln hielt. Nie wäre er auf den Gedanken gekommen, die Nacht im Apartment einer alleinstehenden Frau zu verbringen, egal, wie andere darüber dachten.

“Meine Schwester hat schon gesagt, dass Sie wahrscheinlich nicht bei uns übernachten”, entgegnete Rory überraschenderweise. “Aber sie möchte, dass Sie sie für eine gute Hausfrau halten. Deshalb hat sie auch kochen geübt – Bœuf Stroganoff. Judd Dunn hat ihr erzählt, dass Sie das mögen.”

“Das ist mein Leibgericht”, gestand Cash beeindruckt.

Rory grinste. “Meins auch, aber ich bin froh, dass Sie es mögen.”

“Muss ich einen Urlaubsschein für ihn ausfüllen?”, erkundigte sich Cash bei Gareth.

“Ja. Komm mit, dann erledigen wir die Formalitäten. Ich wünsche dir schöne Ferien, Danbury”, sagte er zu Rory.

Cash war überrascht, als er den Nachnamen des Jungen hörte. Er hatte geglaubt, sein Familienname sei Moore, wie der seiner Schwester.

Rory bemerkte seinen irritierten Gesichtsausdruck und lachte. “Tippys wirklicher Name ist auch Danbury. Moore hieß unsere Großmutter. Tippy hat den Namen gewählt, als sie mit dem Modeln begonnen hat.”

Das war seltsam. Cash überlegte, warum sie das getan haben mochte, aber er verkniff sich die Frage. Er wollte nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen. Stattdessen unterschrieb er Rorys Urlaubspapiere, nahm sich Zeit, den Freunden des Jungen die Hand zu schütteln, und begleitete ihn hinaus zum Wagen.

Wie vom Donner gerührt blieb Rory stehen, als er sah, wie Cash einen Knopf drückte und die Kofferraumhaube des leuchtend roten Jaguars aufsprang.

“Ist das Ihr Wagen, Mr. Grier?”, rief er aus.

“Das ist mein Wagen”, bestätigte Cash lächelnd. “Und ich heiße Cash.” Er warf Rorys Tasche in den Kofferraum und schloss ihn. “Hinein mit dir, junger Mann. Lass uns endlich losfahren.”

“Jawohl, Sir!”, erwiderte Rory und winkte seinen faszinierten Kameraden zu, die im Flur vor dem Büro stehen geblieben waren. Sie drückten ihre Nasen an der Fensterscheibe platt, als Cash mit dröhnendem Motor aus der Parklücke fuhr und in die Straße einbog.

2. KAPITEL

Cash checkte zunächst in seinem Hotel ein, dann brachte er Rory zu Tippys kleinem Apartment im Lower East Village von Manhattan.

Tippy drückte auf den elektrischen Türöffner und wartete an der Wohnungstür auf Cash und Rory, während sie die Treppe zum ersten Stock hinaufstiegen. In ihren Jeans, ihrem gelben Sweater und dem rotgoldenen Haar, das in üppigen Wellen über ihre Schultern fiel, kam sie ihm ganz fremd vor. Lässig gekleidet und ohne Make-up sah sie überhaupt nicht aus wie die elegante, wunderschöne Frau, die Cash vor einem Monat anlässlich der Premiere ihres Films kennengelernt hatte.

Sichtlich nervös stand sie in der Tür und lächelte. “Kommt herein”, sagte sie rasch. “Ich hoffe, ihr seid beide hungrig. Ich habe Bœuf Stroganoff gemacht.”

Cash zog die dunklen Augenbrauen hoch. “Mein Lieblingsessen. Woher hast du das gewusst?”, sagte er, während er ihr einen schelmischen Blick aus seinen dunklen Augen zuwarf.

Sie räusperte sich.

“Es ist auch mein Lieblingsessen”, ersparte Rory ihr lachend die Antwort. “Sie macht es immer für mich, wenn ich nach Hause komme.”

Cash grinste. “Damit wäre ich nur noch Zweiter.”

Sie sah an ihm vorbei. “Kein Gepäck?”, fragte sie. “Ich habe das Gästezimmer vorbereitet.”

“Vielen Dank, aber ich habe ein Zimmer im Hilton in der Stadt gebucht”, erklärte er mit einem warmen Lächeln. “Ich bin gerne für mich.”

“Verstehe.” Sie lachte unsicher, ehe sie sich abwandte und Rory umarmte. “Schön, dass du wieder hier bist”, begrüßte sie ihn. “Ich habe gehört, dass du gute Noten bekommen hast.”

“Das stimmt”, bestätigte er.

“Und Hausarrest für eine Schlägerei”, ergänzte sie mit Nachdruck.

Er räusperte sich. “Ein Junge, der älter ist als ich, hat mich beschimpft. Das konnte ich mir doch nicht gefallen lassen.”

“Wirklich?” Sie verschränkte die Arme vor der Brust und musterte ihn durchdringend.

Rorys Augen funkelten wütend. “Es hat mich einen Bastard genannt.”

Jetzt blitzten auch ihre grünen Augen. “Ich hoffe, du hast ihn k. o. geschlagen.”

Er grinste. “Na klar. Und jetzt sind wir Freunde.” Er warf Cash einen Blick zu, der die Unterhaltung interessiert verfolgte. “Keiner hatte sich vorher an ihn herangetraut. Alle hielten ihn für einen Schlägertypen, aber ich habe allen bewiesen, dass er gar nicht so schlimm ist.”

Cash lächelte. “Ein Punkt für dich.”

Tippy schob ihr Haar zurück. “Lasst uns essen. Ich habe nämlich keinen Lunch gehabt”, erklärte sie und führte sie in eine kleine, aber gemütliche Küche. Der Tisch war mit einem bestickten Tuch, bunt gemusterten Tellern, Schüsseln, Weingläsern und elegantem Besteck gedeckt. Sie holte eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank und füllte zwei Kristallgläser.

“Hast du auch ein Glas für mich?”, fragte Cash. “Ich hätte auch gern Wasser.”

Sie sah ihn erstaunt an. “Ich wollte dir aber eigentlich gerade einen Whiskey anbieten …”

Seine Miene wurde abweisend. “Nein, danke. Ich trinke keine harten Sachen.”

“Oh.” Verlegen wandte sie sich ab. Alles, was sie seit seiner Ankunft gesagt oder getan hatte, war falsch gewesen. Sie kam sich wie eine Närrin vor, während sie ein weiteres Kristallglas holte und es bis zum Rand mit Wasser füllte.

Er wartete, bis sie das Essen aufgetragen hatte und setzte sich erst, nachdem sie Platz genommen hatte. Seine Höflichkeit machte sie etwas lockerer.

“Siehst du”, erklärte sie Rory. “Gute Manieren haben noch niemandem geschadet. Deine Mutter muss eine sehr liebenswürdige Frau gewesen sein”, wandte sie sich an Cash.

Cash trank einen Schluck Wasser, ehe er antwortete. “Das stimmt.” Weiter ließ er sich nicht zu diesem Thema aus.

Tippy musste schlucken. Das konnte ja heiter werden, wenn er den ganzen Abend über so wortkarg blieb. Sie erinnerte sich daran, was Christabel Gaines ihr über Cashs Eltern erzählt hatte. Sein Vater hatte Cashs Mutter für ein junges Fotomodell verlassen. Offenbar verursachte ihm die Erinnerung daran immer noch Schmerzen.

“Rory, sprich das Gebet”, sagte sie rasch, womit sie Cash überraschte.

Sie neigten den Kopf. Eine Minute später sah sie auf und warf Cash einen schelmischen Blick zu. “Es geht eben nichts über Traditionen. Zu Hause haben wir keine kennengelernt. Deshalb haben Rory und ich beschlossen, unsere eigenen Traditionen zu machen. Das ist eine davon.”

Auffordernd nickte sie ihm zu, als er sich noch eine Portion Stroganoff aus der Schüssel auf seinen Teller lud. “Und was ist mit den anderen?”

Das schüchterne Lächeln, das sie ihm zuwarf, ließ sie jünger erscheinen. Abgesehen von einem hellen Lippenstift hatte sie kein Make-up aufgelegt, und das üppige Haar fiel ihr locker über die Schultern. “Jedes Jahr kommt ein neues Schmuckstück an den Tannenbaum – und außerdem eine Gewürzgurke.”

Seine Gabel verharrte auf halbem Weg zwischen Teller und Mund. “Wie bitte?”

“Eine Gewürzgurke”, erklärte sie Cash. “Ich glaube, es ist ein polnischer Brauch, und er bedeutet Glück. Unser Großvater mütterlicherseits war ein Pole.” Er spülte einen Bissen Fleisch mit Wasser hinunter. “Woher kommt deine Familie, Cash?”

“Vom Mars, glaube ich”, erwiderte er ganz ernsthaft.

Tippy zog die Augenbrauen hoch.

“Irre”, kicherte Rory.

Cash grinste. “Die Mutter meiner Mutter stammt aus Andalusien in Spanien”, erklärte er. “Die Verwandten von meinem Vater stammen teils aus der Schweiz und teils von den Cherokees.”

“Eine tolle Kombination”, kommentierte Tippy und musterte ihn aufmerksam.

Er sah sie neugierig an. “Deine Vorfahren müssen Iren oder Schotten gewesen sein”, meinte er in Anspielung auf ihre Haarfarbe.

“Das stimmt”, erwiderte sie, wobei sie seinem Blick verlegen auswich.

“Unsere Mutter hat rote Haare”, schaltete Rory sich ein. “Tippys Haare sind auch echt, obwohl viele Leute glauben, dass sie sie färbt.”

Tippy nahm einen tiefen Schluck aus ihrem Glas und sagte nichts.

“Ich wollte meine Haare rot färben, aber mein Cousin, der früher unser Boss war, meinte, die Leute könnten sich daran stören”, seufzte Cash. “Außerdem hat er darauf bestanden, dass ich meinen Ohrring ablegte”, fügte er resigniert hinzu.

Fast hätte Tippy sich an ihrem Wasser verschluckt.

“Du hast einen Ohrring getragen?”, rief Rory hocherfreut aus.

“Nur einen einfachen goldenen Ring”, erklärte Cash. “Damals habe ich noch für die Regierung gearbeitet, und mein Chef verhielt sich politisch so korrekt, dass er eine Plakette trug, auf der er sich dafür entschuldigte, auf Bakterien zu treten und sie zu töten.” Er nickte heftig. “Die Geschichte stimmt wirklich.”

Tippy lachte laut auf. Schon ewig hatte sie sich nicht mehr so unbeschwert in Gegenwart anderer Menschen gefühlt. Es war ein weiter Weg von ihrem problematischen Kennenlernen bis zu diesem unbekümmerten Lachen gewesen.

“Sie lacht nicht oft”, meinte Rory grinsend. “Vor allem nicht bei Dreharbeiten an Originalschauplätzen. Sie hasst Fotografen, weil einer sie mal dazu überredet hat, sich im Bikini auf einen Felsen zu setzen, wo sie von einer Seeschwalbe angegriffen wurde.”

“Dieser blöde Vogel ist fünfmal im Sturzflug auf mich losgegangen”, erklärte Tippy. “Und bei der letzten Attacke hat er mir einen Teil von meinem Skalp abgerissen.”

“Erzähl ihm doch mal, was du bei dem Dreh in Italien mit den Tauben erlebt hast”, forderte Rory sie auf.

Sie schauderte. “Ich versuche noch immer, es zu vergessen. Früher mochte ich Tauben.”

“Ich mag sie auch”, grinste Cash. “Vor allem in Blätterteig und in Olivenöl gebraten …”

“Du Barbar”, rief Tippy.

“Na gut, ich esse auch Schlangen und Eidechsen. Es müssen nicht immer Tauben sein.”

Rory lag fast auf dem Boden vor Lachen. “Meine Güte, Cash, das wird bestimmt das tollste Weihnachten, das wir bisher erlebt haben.”

Tippy stimmte ihm insgeheim zu. Der Mann, der ihr gegenüber saß, hatte kaum Ähnlichkeiten mit dem aggressiven und dickköpfigen Gesetzeshüter, den sie bei ihren Dreharbeiten in Jacobsville, Texas, kennengelernt hatte. Jeder behauptete, Cash Grier sei geheimnisvoll und gefährlich. Niemand hatte gesagt, dass er einen ausgeprägten Sinn für Humor hatte.

Als Cash sah, wie verblüfft sie war, beugte er sich zu Rory und flüsterte laut: “Sie ist etwas verwirrt. In Texas haben sie ihr nämlich erzählt, dass ich militärische Geheimnisse über fliegende Untertassen in einem verschlossenen Aktenschrank aufbewahre.”

“Ich habe gehört, es waren Aliens”, murmelte Tippy ohne die Spur eines Lächelns.

“Ich bewahre keine Aliens in meinem Aktenschrank auf”, erwiderte er empört. Kurz darauf blitzten seine dunklen Augen spitzbübisch. “Die sind nämlich bei mir im Wohnzimmerschrank.”

Rory gluckste. Tippy lachte ebenfalls.

“Und ich habe geglaubt, nur Schauspieler wären verrückt”, seufzte Tippy.

Nach dem Mittagessen verkündete Cash, dass er mit ihnen in den Central Park fahren wollte. Tippy schlüpfte in einen smaragdgrünen Hosenanzug, flocht ihr Haar zu einem Zopf und legte nur einen Hauch von Make-up auf, was die feinen Züge ihres schmalen Gesichts besonders betonte.

Ihre Wohnung lag an einer ruhigen, mit Bäumen bewachsenen Straße. Das Viertel befand sich im Wandel; es hatte gerade den Wechsel von einer ziemlich gefährlichen Gegend zu einem Mittelklasse-Bezirk hinter sich gebracht. Die Verschönerungen sprangen sofort ins Auge – besonders an dem Haus, in dem Tippy wohnte. Schmiedeeiserne Geländer säumten die Steintreppe, die zu Tippys Maisonette-Wohnung führte.

Während ihrer Glanzzeit als Model hatte sie Geld wie Heu gehabt, und eine kurze Zeit lang wohnte sie in einer Seitenstraße der Park Avenue. Doch nach einer einjährigen Pause, die sie zur Erholung brauchte, hatte sie immer weniger Aufträge zum Modeln bekommen und anfangen müssen zu sparen. Damals war sie in diese Wohnung gezogen. Kurz danach begann sie in Jacobsville mit den Dreharbeiten zu dem Film, der ihre Karriere unerwarteterweise wieder in Schwung brachte. Sicher konnte sie sich inzwischen etwas Besseres leisten, aber sie hatte die Nachbarschaft und die ruhige Straße schätzen gelernt. An der Ecke war ein Buchladen und gleich daneben ein Lebensmittelgeschäft. Außerdem gab es einen gemütlichen Coffeeshop, in dem der beste Kaffee weit und breit serviert wurde. Im Frühling war es bezaubernd. Aber jetzt im Winter waren die Bäume kahl, und die Stadt wirkte kalt und grau.

Cashs roter Jaguar parkte genau vor den Stufen, die zu ihrem Haus führten. Sie war überrascht, als sie ihn sah, sagte aber nichts. Rory kletterte auf den Rücksitz und überließ Tippy den Platz neben Cash.

“Ich dachte, im Central Park sei es gefährlich”, sagte Rory, als sie nach einer kurzen Fahrt über den Gehweg spazierten. Er betrachtete die Pferdekutschen, die auf Kundschaft warteten. “Willst du dein Auto wirklich hier stehen lassen?”, fragte er, während er sich noch einmal zu dem schnittigen Wagen umsah.

Cash zuckte mit den Achseln. “Der Central Park ist viel sicherer geworden. Und jeder, der mit meiner kleinen Klapperschlange fertig wird, kann gerne eine Runde mit meinem Wagen fahren.”

“Deine was …?”, rief Tippy entsetzt und schaute unwillkürlich zu Boden.

Er grinste. “Meine Alarmanlage. Ich nenne sie so. Irgendwo im Wagen habe ich eine elektronische Diebstahlsicherung installiert. Wenn jemand versucht, ihn kurzzuschließen oder zu stehlen, hat die Polizei ihn innerhalb von zehn Minuten gefunden. Sogar in New York”, ergänzte er ein wenig hochmütig.

“Kein Wunder, dass du so sorglos bist”, meinte Rory. “Es ist wirklich ein tolles Auto”, fügte er sehnsüchtig hinzu.

Mit einer Handbewegung zu den Taxis, die in einem endlosen Strom an ihnen vorbeifuhren, meinte Tippy: “Na ja, ich kann zwar fahren, aber in dieser Stadt ist ein Auto nur ein Klotz am Bein. Wenn ich einen Job als Model hatte, blieb mir keine Zeit, nach einem Parkplatz zu suchen. Es gibt sowieso viel zu wenig davon. Taxis und Subways sind einfach schneller, wenn man es eilig hat.”

“Da hast du recht”, pflichtete er ihr bei. Unauffällig musterte er sie von Kopf bis Fuß und war fasziniert von ihrer jugendlichen Schönheit, die durch den fast vollkommenen Verzicht auf Make-up nur noch betont wurde.

“Wo drehst du denn deinen Film?”, fragte er.

“Überwiegend hier in der Stadt”, antwortete sie. “Es ist eine Komödie mit Elementen von einem Spionagedrama. In einer Szene muss ich mit einem ausländischen Agenten kämpfen und in einer anderen vor einem Scharfschützen fliehen.” Sie zog eine Grimasse. “Wir hatten kaum mit dem Drehen begonnen, da gab’s schon Weihnachtsferien. Allein vom Training mit dem Kampflehrer habe ich Schrammen und blaue Flecken am ganzen Körper. Für den Film muss ich sogar Aikido üben.”

“Eine sinnvolle Kampfsportart”, bemerkte Cash. “Die habe ich auch als erste gelernt.”

“Wie viele kennst du denn?”, wollte Rory sofort wissen.

Cash zuckte mit den Achseln. “Karate, Taekwondo, Hapkido, Kung-Fu und ein paar Disziplinen, die nicht in den Lehrbüchern stehen. Man weiß nie, wann man sie gebrauchen kann. Auf jeden Fall ist es ein guter Ausgleich zur Polizeiarbeit – jetzt, wo ich den ganzen Tag hinter dem Schreibtisch sitze.”

“Judd hat erzählt, dass du in Houston mit dem Büro des Staatsanwalts zusammengearbeitet hast”, sagte Tippy.

Cash nickte. “Ich war Spezialist für Computerkriminalität. Aber das war keine große Herausforderung für mich. Ich habe es lieber, wenn es nicht zu routiniert und vorhersehbar zugeht.”

“Was machst du denn in Jacobsville?”, fragte Rory.

Cash lachte. “Ich laufe vor meinen Sekretärinnen weg”, antwortete er ein wenig schuldbewusst. “Kurz bevor ich deine Schwester angerufen und ihr gesagt habe, dass ich in den Ferien vorbeikomme, hat die Neue gekündigt und den Papierkorb über mich ausgeleert.” Er verzog das Gesicht und fuhr sich mit der Hand über den dunklen Schopf. “Ich habe immer noch Kaffeepulver in den Haaren.”

Tippys grüne Augen wurden groß. Sie blieb stehen und sah Cash zweifelnd an, denn sie konnte nicht glauben, dass er die Wahrheit sagte. Nur zu gut erinnerte sie sich daran, wie er den Regieassistenten bei ihrem ersten Film daran gehindert hatte, zu aufdringlich zu werden, nachdem sie dem Assistenten zu verstehen gegeben hatte, dass sie nichts von ihm wissen wollte.

Rory lachte. “Echt?”

“Eigentlich war sie auch gar nicht für Polizeiarbeit geeignet”, erklärte er. “Sie konnte nicht gleichzeitig telefonieren und tippen. Deshalb hat sie auch nicht allzu viele Briefe geschrieben.”

“Warum …”, begann Tippy.

“… sie den Papierkorb über mich ausgeschüttet hat?”, beendete er die Frage für sie. “Wenn ich das wüsste. Ich habe ihr gesagt, sie soll das Schloss an meinem Aktenschrank nicht gewaltsam öffnen, aber sie wollte nicht auf mich hören. Ist es etwa meine Schuld, dass mein kleiner Python Mikey ihr aus der Schublade entgegengesprungen ist? Sie hat ihn erschreckt. Er ist sehr empfindlich.”

Jetzt blieben beide stehen und starrten ihn an.

Er seufzte. “Ist es nicht seltsam, wie schrecklich nervös manche Leute beim Anblick von Schlangen werden?”, fragte er nachdenklich.

“Du hast eine Schlange, die Mikey heißt?”, rief Tippy.

“Cag Hart hatte einen Albino-Python, den er nach seiner Hochzeit einem Züchter gegeben hat. Das Weibchen hatte dann einen Wurf von diesen niedlichen kleinen Dingern, und ich habe um einen gebeten. An dem Tag, als er mir Mikey gegeben hat, hatte ich keine Zeit, ihn nach Hause zu bringen. Deshalb habe ich ihn vorübergehend in einem Plastikbehälter im Aktenschrank aufbewahrt – mit etwas Wasser und einem Ast darin. Es war auch alles in Ordnung, bis meine Sekretärin das Schloss aufgebrochen hat. Dummerweise war Mikey aus dem Behälter gekrochen und hatte es sich auf den Akten bequem gemacht.”

“Und was ist dann passiert?”, fragte Rory gespannt.

Sein Blick wurde finster. “Sie hat das arme Tier fast zu Tode erschreckt”, knurrte er. “Ich bin sicher, dass er für den Rest seines Lebens psychisch gestört …”

“Und dann?”, unterbrach Rory ihn.

Er zog seine dunklen Augenbrauen hoch. “Du meinst, nachdem sie wie am Spieß geschrien und die Handschellen nach mir geworfen hat?”

Tippy schlug die Hand vor den Mund und blinzelte ungläubig mit ihren grünen Augen.

“Nun, danach hat sie den Papierkorb über meinem Kopf ausgeleert. Aber es war die Sache wert. Sie hatte kurze Stoppelhaare, schwarzen Lippenstift und schwarzen Nagellack, trug silberne Ringe als Bodypiercings am ganzen Körper – jedenfalls soweit ich das sehen konnte. Aber ich denke, Mikey wird über das Erlebnis hinwegkommen. Jetzt wohnt er bei mir zu Hause.”

Vor lauter Lachen bekam Tippy kein Wort heraus.

Rory schüttelte den Kopf. “Ich hätte auch fast mal eine Schlange gehabt.”

“Und warum nur fast?”, fragte Cash.

“Sie hat mir nicht erlaubt, sie aus der Zoohandlung mitzunehmen.” Vorwurfsvoll deutete er auf seine Schwester.

“Sie mag wohl keine Schlangen, was?”, sagte er gedehnt und warf Tippy einen schalkhaften Blick zu.

“Es lag nicht daran, dass ich Angst vor ihr hatte. Sondern weil er sie nicht mit in die Schule nehmen konnte und ich zu selten zu Hause bin, um mich um ein Tier zu kümmern. Aber wenn du wirklich eine Sekretärin brauchst, lasse ich mir ein Nasenpiercing machen und meine Haare abrasieren, sobald der Film abgedreht ist”, neckte sie ihn.

Cashs weiße Zähne blitzten, als er sie anlachte. “Ich weiß nicht recht. Kannst du denn tippen und gleichzeitig Kaugummi kauen?”

“Sie kann kein einziges Wort tippen. Und sie hat Angst vor Schlangen”, fiel Rory ihm begeistert ins Wort.

“Halt den Mund.” Tippy warf ihrem Bruder einen strafenden Blick zu. “Und lass dich bloß nicht von ihm anstecken”, warnte sie ihn. “Sonst erzähle ich ihm nämlich etwas über deine schwachen Stellen.”

Abwehrend hob Rory die Hände. “Entschuldige bitte. Tut mir leid. Ehrlich.”

Sie zog einen Schmollmund. “Na gut.”

“Sieh mal. Da ist wieder der Mann mit dem Dudelsack. Gib mir einen Zwanziger, ja?”, rief Rory und deutete mit dem Kopf auf einen Mann im Kilt, der mit einem Dudelsack vor einem Hotel in der Nähe des Parks stand. Er spielte gerade “Amazing Grace”.

Tippy zog einen großen Schein aus ihrer Umhängetasche und gab ihn Rory. “Bitte sehr. Wir warten hier auf dich”, sagte sie mit einem nachsichtigen Lächeln.

Cash beobachtete ihn, während er zu dem Dudelsackspieler lief. “Er spielt gar nicht schlecht”, meinte er.

“Rory wünscht sich einen Dudelsack, aber ich bezweifle, dass der Kommandant ihn in seinem Zimmer üben lässt.”

“Wahrscheinlich nicht.” Cash lächelte wehmütig, während er der klagenden Melodie lauschte. “Ist er öfter hier?”, fragte er sie.

“Wir sehen ihn andauernd in der Gegend”, antwortete Tippy langsam. “Er gehört zu den netteren Leuten, denen man auf der Straße begegnet. Natürlich ist er obdachlos. Wenn ich etwas Geld übrig habe, stecke ich ihm einen Schein zu, damit er sich eine Decke oder einen heißen Kaffee kaufen kann. Viele meiner Nachbarn geben ihm regelmäßig etwas. Er hat Talent, findest du nicht?”

“Oh ja. Weißt du mehr über ihn?” Ihr Mitgefühl für einen Fremden beeindruckte ihn.

“Nicht viel. Man sagt, seine ganze Familie sei umgekommen, aber niemand weiß, wann und unter welchen Umständen. Er redet nicht viel mit den Leuten”, murmelte sie, während sie zusah, wie Rory ihm den Geldschein gab. Der Dudelsackpfeifer hielt einen kurzen Moment inne und bedankte sich mit einem flüchtigen Lächeln. “In New York wimmelt es von Obdachlosen. Die meisten haben irgendein Talent oder finden sonst eine Möglichkeit, ein wenig Geld zu verdienen. Sie schlafen in ihren Pappkartons und durchwühlen Müllcontainer, um etwas Brauchbares zu finden.” Sie schüttelte den Kopf. “Und da heißt es immer, wir seien das reichste Land der Welt.”

“Du wärst erstaunt, wenn du sehen könntest, wie die Menschen in der Dritten Welt leben”, erwiderte er.

Sie sah zu ihm auf. “Ich hatte mal einen Fototermin auf Jamaika in der Nähe von Montego Bay”, erzählte sie. “Da gab es ein Fünf-Sterne-Hotel auf einem Hügel mit Papageien in Käfigen, einem riesigen Swimmingpool und allen Annehmlichkeiten, die du dir nur denken kannst. Am Fuße des Hügels, nur ein paar hundert Meter weit entfernt, war ein Dorf aus Wellblechhütten, die im Schlamm standen und in denen tatsächlich Menschen wohnten.”

Seine dunklen Augen verengten sich, und er nickte bedächtig. “Ich war mal im Nahen Osten. Da wohnen auch viele Leute in Lehmhäusern ohne Strom, fließendes Wasser, ohne Bad, Toilette oder Küche. Sie nähen sich ihre Kleider selbst und fahren mit Wagen, die von Eseln gezogen werden. Wenn sie sehen könnten, wie wir hier leben, wären sie wahrscheinlich zutiefst schockiert.”

Sie holte tief Luft. “Das ist ja unvorstellbar.”

Er ließ seinen Blick über die Straße schweifen. “Wo ich auch hinkam, wurde ich freundlich empfangen. Die ärmsten Familien bestanden darauf, das Wenige, das sie hatten, mit mir zu teilen. Die meisten sind sehr nette Menschen. Ausgesprochen freundlich.” Er warf ihr einen Blick zu. “Aber man sollte sie sich besser nicht zu Feinden machen.”

Tippy betrachtete die Narben auf seinem langen, markanten Gesicht. “Rorys Kommandant hat erzählt, dass sie dich gefoltert haben”, sagte sie leise.

Er nickte und sah sie mit seinen dunklen Augen unverwandt an. “Ich rede nicht gern darüber. Manchmal habe ich noch immer Albträume – nach all den Jahren.”

Aufmerksam betrachtete sie ihn. “Ich habe auch Albträume”, sagte sie geistesabwesend.

In ihren Augen versuchte er das Geheimnis zu ergründen, das sie verbarg. “Du hast lange Zeit mit einem älteren Schauspieler zusammengelebt, der dafür bekannt war, der zügelloseste Mann von ganz Hollywood zu sein”, sagte er plötzlich ganz unverblümt.

Sie schaute zu Rory hinüber, der auf einer Bank saß und dem Dudelsackpfeifer lauschte. Sie schlang die Arme um ihren Körper und sah zu Boden.

Cash stellte sich dicht vor sie, und sie schien seltsamerweise nichts dagegen zu haben. Schließlich erwiderte sie seinen Blick, der so intensiv war, dass ihr beinahe der Atem stockte.

“Erzähl’s mir”, sagte er leise.

Seine sanfte Stimme war unwiderstehlich. Sie holte tief Luft und begann. “Ich bin von zu Hause fortgelaufen, als ich zwölf war. Sie wollten mich in ein Waisenhaus stecken, und ich hatte Angst, dass meine Mutter mich wieder herausholen würde, um sich dafür zu rächen, dass ich die Polizei gerufen hatte, nachdem er mich …” Sie zögerte.

“Ja?”, drängte er sie sanft.

“Nachdem er mich mehrfach vergewaltigt hatte”, fuhr sie fort, wobei sie seinem Blick auswich. “Um nichts in der Welt wäre ich zu ihr zurückgegangen. Deshalb bin ich in Atlanta auf die Straße gegangen, weil ich keine andere Möglichkeit hatte, mir Geld fürs Essen zu verdienen.” Ihre Gesichtszüge wurden hart, als sie sich daran erinnerte. Cashs Miene war versteinert. Er hatte mit so etwas gerechnet, nach all den Informationen, die er über sie erhalten und wie Puzzlesteine zusammengefügt hatte.

Ruhig fuhr sie fort: “Der erste Mann sah recht gut aus und war ziemlich draufgängerisch. Er wollte mich mit nach Hause nehmen.” Sie schloss die Augen. “Ich hatte Hunger und ich fror, und ich hatte eine Todesangst. Ich wollte nicht mit ihm gehen. Aber er hatte so freundliche Augen …” Sie schluckte den Kloß in ihrer Kehle hinunter.

“Er hat mich mit in sein Hotel mitgenommen. Er hatte eine riesige Suite, luxuriös, wie für einen König. Er lachte, als wir hineingingen, weil ich so ängstlich war. Er versprach, mir nicht wehzutun, sondern dass er mir nur helfen wollte. Ich war so nervös, dass ich mir ein Glas Wasser über mein T-Shirt goss.” Sie lächelte. “Seinen schockierten Gesichtsausdruck werde ich im Leben nicht vergessen. Ich hatte kurze Haare und sah alles andere als verführerisch aus, selbst damals nicht, aber das nasse T-Shirt …” Sie schaute Cash an, der aufmerksam zuhörte. “Natürlich war er nicht auf diese Weise an mir interessiert …”

Hörbar stieß Cash den Atem aus. “Cullen Cannon, der weltberühmte Liebhaber, war schwul?”

Sie nickte. “Ja. Aber dank vieler Freundinnen konnte er das gut vertuschen. Er war ein lieber und sehr freundlicher Mann”, erinnerte sie sich sehnsüchtig. “Ich wollte wieder gehen, aber davon wollte er nichts hören. Er erzählte mir, dass er einsam sei. Seine Familie wollte nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er hatte niemanden. Also bin ich geblieben. Er kaufte mir Kleider, hat mich wieder in die Schule geschickt, hat mich vor meiner eigenen Vergangenheit beschützt, damit meine Mutter mich nicht finden konnte.”

Ein Schleier legte sich über ihre Augen, als sie fortfuhr: “Ich habe ihn geliebt”, flüsterte sie. “Ich hätte ihm alles gegeben. Aber alles, was er wollte, war, für mich zu sorgen.” Sie lachte. “Später, als er mich in der Model-Schule in New York anmeldete, hat es ihm wohl gefallen, der Welt zu zeigen, dass er mit einer hübschen jungen Frau zusammenlebte. Ich weiß es nicht. Auf jeden Fall bin ich bis zu seinem Tod bei ihm geblieben.”

“In den Zeitungen stand, es war ein Herzanfall.”

Sie schüttelte den Kopf. “Er hatte Aids. Zum Schluss sind seine Kinder doch noch zu ihm gekommen und haben sich mit ihm versöhnt. Zuerst konnten sie mich nicht leiden, weil sie glaubten, ich hätte es auf sein Geld abgesehen. Aber ich glaube, schließlich haben sie doch gemerkt, dass ich verrückt nach ihm war.” Sie lächelte. “Sie wollten, dass ich nach seinem Tod seine Wohnung behielt und mir von ihrem Erbe ein Treuhandkonto einrichten. Ich habe es abgelehnt. Ich habe ihn in seinem letzten Jahr gepflegt.”

“Deshalb also hast du ein Jahr lang nicht als Model gearbeitet, ehe sie dir den ersten Filmvertrag angeboten haben. Es hieß, du hättest einen Unfall gehabt, von dem du dich erholen müsstest”, erinnerte Cash sich.

Es schmeichelte ihr, dass er all das noch wusste, obwohl sie in Jacobsville buchstäblich Luft für ihn gewesen war. “Das stimmt”, bestätigte sie. “Er wollte nicht, dass jemand wusste, wie es um ihn stand. Selbst damals nicht.”

“Armer Kerl.”

“Er war der netteste Mensch, den ich jemals gekannt habe”, sagte sie traurig. “Ich stelle immer noch Blumen auf sein Grab. Er hat mich gerettet.”

“Und was ist mit dem Mann, der dich vergewaltigt hat?”, fragte er geradeheraus.

Sie schaute zu Rory hinüber, der sich mit dem Dudelsackpfeifer unterhielt. Ihr Gesichtsausdruck war gequält. “Meine Mutter hat behauptet, es sei Rorys Vater gewesen.” Es fiel ihr sichtlich schwer zu sprechen.

Hörbar sog er die Luft ein. “Und du liebst Rory.”

Sie sah ihn an. “Von ganzem Herzen”, sagte sie. “Meine Mutter ist immer noch mit Sam Stanton, Rorys Vater, zusammen. Mal geht’s gut, mal weniger gut. Sie sind beide drogensüchtig. Sam und meine Mutter streiten andauernd. Manchmal schlägt er sie, und dann ruft sie die Polizei.

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