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Wenn ein Milliardär dich küsst …

Jennifer Greene

Wenn ein Milliardär dich küsst …

PROLOG

An Bord seines Privatjets ließ sich Maguire auf das weiße Ledersofa sinken. Er empfand es als großen Vorteil, der einzige Passagier zu sein, denn dann konnte er während des langen Flugs nach New York zu einem Opernabend arbeiten und sogar einige Stunden schlafen. So hatte er es jedenfalls geplant.

Er machte die Augen zu und rechnete damit, jeden Moment das Schließen der Tür und das Aufheulen der Triebwerke zu hören. Stattdessen ertönte auf der Startbahn die Stimme eines jungen Mannes.

„Mr Cochran!“, rief der uniformierte Mitarbeiter eines Kurierdienstes atemlos und stürmte mit hochroten Wangen und wichtigtuerischer Miene in den Passagierraum. „Ich soll Ihnen das hier aushändigen, Sir.“

„Vielen Dank.“ Maguire gab ihm ein großzügiges Trinkgeld und schickte ihn wieder weg.

Der Pilot verließ das Cockpit und erkundigte sich, ob es ein Problem gebe. Maguire bat ihn, kurz zu warten, denn er wollte noch vor dem Abheben der Maschine herausfinden, was sich so Wichtiges in dem braunen Briefumschlag befand.

Der Absender war ihm bekannt. Doch als er die Fotos herauszog, runzelte er die Stirn. Das erste hatte er schon einmal gesehen. Darauf war eine junge Frau abgebildet, die mit einem halben Dutzend Kindern, die behindert zu sein schienen, auf dem Teppich saß und sich mit ihnen beschäftigte. Das hellblonde Haar fiel ihr in die Stirn, und ihre Augen strahlten. Insgesamt wirkte sie sehr zerbrechlich.

„Die Situation spitzt sich zu“, lautete der erste Satz des beigefügten Berichts.

Maguire las weiter. Dass der Job, den sie so sehr liebte, gefährdet war und ihre Wohnung immer wieder von Fremden belagert wurde, wusste er schon. Zwar hatte sie die Telefonnummer ändern lassen, doch das hatte nicht viel gebracht. Dann hatte sie es mit Sicherheitsmaßnahmen versucht, wovon sie jedoch viel zu wenig Ahnung hatte. Auf der zweiten Aufnahme wirkte sie sehr erschöpft. Sie hatte dunkle Ränder unter den Augen und sah aus, als wäre sie nahe daran zusammenzubrechen. Und schließlich hatte es auch noch einen Einbruch gegeben.

„Die Polizei ermittelt. Aber es könnte der Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt. Gestern Abend hat ihr Bruder sie besucht und den Krankenwagen gerufen. Bisher konnte ich noch nicht herausfinden, wie die Diagnose lautet“, stand in dem Schreiben des Privatdetektivs.

Maguire legte das Dossier auf den niedrigen Tisch neben ihm. Eigentlich ging ihn das alles nichts an. Er war nicht Schuld an diesem ganzen Verlauf, und er kannte die Frau noch nicht einmal persönlich. Doch es hatte etwas mit seinem Vater zu tun. Obwohl dieser nicht mehr lebte, hatte Maguire das Gefühl, er müsste Ordnung in das Chaos bringen, das dieser hinterlassen hatte.

„Sir?“ Der Pilot wartete immer noch auf weitere Anweisungen.

„Ich bin gezwungen, meine Pläne zu ändern. Wir fliegen nicht nach New York, sondern nach South Bend in Indiana.“

Innerhalb weniger Minuten hatte er mehrere Gespräche geführt und alles so geregelt, als wäre er darauf vorbereitet gewesen, umdisponieren zu müssen. Mit der Möglichkeit hatte er tatsächlich gerechnet, denn er hatte nicht ausschließen können, dass etwas Dramatisches geschehen und ihn unter Druck setzen würde, sich intensiver mit der Sache zu beschäftigen und sich einzumischen.

Es gab eben Probleme, die nur ein Milliardär lösen konnte. Doch was für eine Ironie des Schicksals: In diesem Fall nützte ihm sein riesiges Vermögen überhaupt nicht.

1. KAPITEL

Als Carolina Daniels die Augen öffnete, glaubte sie, sich in einer ganz anderen Wirklichkeit zu befinden, in der ihr nichts vertraut war.

Die blaue Decke, die sie bis unter das Kinn bedeckte, gehörte ihr nicht. Das Kopfkissen war hart und flach statt weich und bauschig, und die blau gestrichenen Wände und die moderne Ausstattung hatten nichts mit ihrem eigenen Schlafzimmer gemein. Es herrschte eine geradezu penible Ordnung in dem Raum. Nirgendwo lagen Bücher oder standen Schuhe herum, keine Pullover hingen über den Stühlen, und auf dem Nachttisch stand keine Tüte mit Oreos, wie diese Doppelkekse aus Schokolade mit Vanillecremefüllung hießen und die sie sogar nachts gern naschte.

Offenbar war sie nicht mehr dieselbe Person, anders konnte sie sich das Fehlen der Oreos nicht erklären. Den Gedanken fand sie irgendwie lustig, obwohl sie einen schweren Kopf hatte. Irgendjemand musste ihr entweder eine Droge oder ein Betäubungsmittel verabreicht haben. Zur Beunruhigung bestand offenbar jedoch kein Grund. Es war still und friedlich in dem Raum. Sie lag in einem bequemen Bett und war zugedeckt, und das deutete nicht auf eine gefährliche Situation hin. Nur ihr Verstand schien nicht so zu funktionieren, wie sie es sich gewünscht hätte, denn sie wusste nicht, wo sie war und weshalb sie sich hier befand.

Plötzlich aber entdeckte sie den Mann, und ihr Herz begann zu rasen. Spielte die Fantasie ihr einen Streich? Oder befand sie sich in einem Albtraum? Carolina schloss die Augen. Doch als sie sie wieder öffnete, war der Fremde immer noch da und lief mit einem Handy in der Hand, das er sich ans Ohr hielt, wie ein Tiger im Käfig am anderen Ende des Zimmers hin und her. Sein eleganter anthrazitgrauer Anzug stammte vermutlich von einem italienischen Designer. Dazu trug er ein weißes Seidenhemd und eine dunkle Krawatte mit dezenten Streifen, die er gelöst hatte. So ein exklusives Outfit trug nur jemand, der einen Opernabend in New York oder in einer anderen Großstadt erleben wollte. Dass er genau das vorgehabt hatte, ehe er seine Pläne kurzfristig änderte, konnte sie natürlich nicht ahnen.

Doch nicht der Aufzug des Mannes verursachte ihr Herzklopfen, sondern die faszinierende Ausstrahlung des Unbekannten. Offenbar unterhielt er sich mit jemandem, und als er sich zu ihr umdrehte, schloss sie instinktiv die Lider, damit er nicht merkte, dass sie wach war.

Trotz des schwachen Lichts, das durch das Fenster hereinfiel, war sie in der Lage gewesen, um sich alle möglichen Einzelheiten einzuprägen. Sie schätzte ihn auf drei- oder vierunddreißig, jedenfalls war er höchstens fünf oder sechs Jahre älter als sie. Sein blondes Haar war leicht zerzaust, und ein Dreitagebart bedeckte sein Kinn. Mit mindestens einem Meter fünfundachtzig war er ungefähr fünfundzwanzig Zentimeter größer als sie. Er hatte breite Schultern und eine schlanke Gestalt. Alles in allem war er ein Bild von einem Mann.

Niemals würde man ihn als den freundlichen Nachbarn von nebenan bezeichnen. Er schien eher ein Typ zu sein, der es gewöhnt war, Anweisungen zu erteilen und die Leute für sich arbeiten zu lassen. Er strahlte Energie und Macht aus, und so wie er sich bewegte, ging von ihm eine gewisse Autorität aus. Es wäre sicher nicht angenehm, ihn zum Feind zu haben.

Menschen wie er zählten jedoch nicht zu ihrem Bekanntenkreis. Weder ihre Arbeitskollegen noch ihre Nachbarn in dem hübschen Neubaugebiet in South Bend noch ihre Familienangehörigen hatten jemals etwas mit Menschen wie ihm zu tun gehabt.

Sie nahm immer mehr um sich her wahr. Die Monitore und die Geräte rechts neben ihr ließen darauf schließen, dass sie in einem Spital lag, auch wenn das Sofa und der Flachbildfernseher normalerweise nicht zur Ausstattung eines Krankenzimmers gehörten. Wieder versuchte sie sich zu erinnern, warum sie überhaupt hier war und wer sie eingeliefert hatte, aber sie hatte das Gefühl, vor einer verschlossenen Tür zu stehen, hinter der sich etwas so Belastendes verbarg, dass sie nicht die Kraft aufbrachte, sie zu öffnen.

Wie als kleines Mädchen, als sie sich im Dunkeln gefürchtet und versucht hatte, sich unsichtbar zu machen, damit die Alligatoren unter dem Bett sie nicht finden konnten, hatte sie jetzt die Arme um die Knie gelegt, die sie bis unters Kinn angezogen hatte.

Sie war jedoch kein Kind mehr, und es waren natürlich keine Alligatoren hier im Raum, sondern nur dieser Fremde, der unvermittelt und ohne jeden erkennbaren Grund in ihr Leben getreten war. Auf einmal blickte er wieder in ihre Richtung – und ertappte sie dabei, dass sie ihn beobachtete.

Sogleich klappte er das Handy zu, steckte es in die Tasche und kam zum Bett. Dabei bewegte er die Lippen, als redete er mit jemandem. Sie konnte jedoch nicht verstehen, was er sagte.

Langsam kehrte ihr Gedächtnis zurück, und sie erinnerte sich an den kritischen Augenblick, in dem sie das Gehör verloren hatte. Plötzlich fielen ihr auch die Ereignisse der letzten Wochen wieder ein. Sie war froh und zugleich schockiert gewesen, als sie von dem Erbe erfuhr. Sie hatte es kaum glauben können und war in ihrer Wohnung herumgetigert und hatte alle Freunde und Bekannten angerufen, nachdem sie sich zweimal vergewissert hatte, dass es wirklich stimmte und sie nicht träumte.

Doch als der Scheck über die unglaubliche Summe schließlich eingetroffen war, hatte das Folgen gehabt, mit denen sie nicht gerechnet hatte und auf die sie nicht vorbereitet gewesen war.

Vor zwei oder drei Tagen hatte ihr Bruder sie dann im Schlafzimmer aufgefunden, und seine Miene hatte ihr seine Besorgnis verraten. Sie hatte sich eingeschlossen, saß in eine Wolldecke gehüllt in einer Ecke und hielt sich die Ohren mit beiden Händen zu. Hier konnte niemand sie erreichen, das hatte sie jedenfalls geglaubt. Sie hatte den Stecker des Telefons herausgezogen und das Handy ins Wasser gelegt, was sie sich eigentlich hätte sparen können, denn sie konnte sowieso nichts mehr hören.

Ein auf seelisch-körperliche Wechselwirkungen basierender Hörverlust, so hatte die Diagnose des Arztes gelautet. Mit ihren Ohren und ihrem Gehör war aus ärztlicher Sicht alles in Ordnung. Natürlich hatte der Mediziner ihr nicht ins Gesicht gesagt, sie wäre hysterisch, doch sie nannte die Dinge immer gern beim Namen. Es war ihr schrecklich peinlich, und sie empfand es als demütigend, dass sie sich wie ein kleines Kind benommen hatte. Das half ihr allerdings auch nicht weiter, denn sie konnte trotzdem akustisch nichts mehr wahrnehmen.

Das alles erklärte nicht, wie sie in dieses Krankenzimmer gelangt war und wer dieser attraktive Fremde war – und schon gar nicht, was er von ihr wollte.

Am Nachmittag desselben Tages beglückwünschte Maguire sich zu der Entscheidung, den älteren seiner beiden Privatjets gewählt zu haben, der zwar nicht ganz so luxuriös ausgestattet war, dafür aber eine breite Schlafcouch aufwies, auf der Carolina bequem liegen konnte.

Nachdem sie die Great Plains, die als Kornkammer der USA bezeichnet wurden und sich mitten durch das Land von Norden nach Süden erstreckten, und die Schlechtwetterfront hinter sich gelassen hatten, präsentierten sich die Berge in der Ferne im Sonnenschein. Normalerweise hätte Maguire den Flug genossen, aber heute war alles anders. Er konnte kaum still sitzen, und seine Ruhelosigkeit brachte ihn dazu, immer wieder nach der zierlichen blonden Frau zu sehen.

Doch das hätte er sich sparen können, denn Carolina schlief tief und fest und bekam von ihrer Außenwelt nichts mit. Trotzdem musste er sie immer wieder betrachten.

Sie aus dem Krankenhaus wegzuzaubern, wie er es nannte, weil er den Begriff „entführen“ nicht mochte, war zwar ziemlich schwierig, letztlich jedoch nicht unmöglich gewesen. Mit Geld kann man eben fast alle Probleme lösen, dachte er wieder einmal. Allerdings handelte er normalerweise nicht so spontan und überstürzt. In den letzten zwei Monaten hatte er Carolinas Leben genau verfolgt und nicht erwartet, sie jemals kennenzulernen oder sich persönlich um sie kümmern zu müssen. Doch ob es ihm passte oder nicht, er hatte keine andere Wahl mehr.

„Mr Cochran?“, ertönte in dem Moment die Stimme des Piloten.

„Ja? Gibt es Probleme?“

„Wir geraten in leichte Turbulenzen, Sie sollten sich anschnallen.“

Maguire war oft genug mit Henry geflogen, deshalb war ihm klar, dass es ihm eigentlich nur um ihren Passagier ging. Außerdem fragte er sich wahrscheinlich, was sein Arbeitgeber jetzt schon wieder im Schilde führte.

„Ich bin gleich bei Ihnen“, sagte er und warf einen Blick auf die junge Frau.

Er hatte sie mit einer leichten Wolldecke zugedeckt, und sie hatte sich nicht gerührt, seit er sie auf dem Rollfeld von der Trage gehoben und in die Maschine getragen hatte.

Da er strikt dagegen gewesen war, ihr Beruhigungsmittel zu verabreichen, hatte es im Krankenhaus einen heftigen Streit mit dem behandelnden Arzt gegeben über die Medikamente, die Behandlung und darüber, dass er kein Recht habe, sie ohne das Einverständnis des Mediziners mitzunehmen, zumal er mit ihr nicht verwandt sei.

Doch das war Schnee von gestern. Er überprüfte, ob Carolina richtig angeschnallt war, damit sie nicht von der Couch fiel, und zog ihr die Decke bis unters Kinn. Dabei streifte er mit den Fingern versehentlich ihren Hals. Zu seinem Entsetzen stieg heftiges Verlangen in ihm auf bei dieser leichten und harmlosen Berührung. Diese verdammte Frau, dachte er ärgerlich und konnte sich seine Reaktion nicht erklären.

Sie wirkte völlig normal, hatte ein hübsches Gesicht und hellblondes gelocktes und schulterlanges Haar. Ihr Gewicht schätzte er auf höchstens fünfzig Kilo, denn sie war ausgesprochen schlank, sehr leicht und hatte keine auffallend üppigen Rundungen, wie er festgestellt hatte.

Die grellviolett lackierten Fußnägel schienen allerdings nicht so ganz zu dem Gesamteindruck zu passen. Insgesamt hatte er das Gefühl, sie wäre sehr zerbrechlich und der leichteste Windhauch könnte sie umwerfen.

Maguires Vater Gerald Cochran hatte sich erkenntlich zeigen wollen und ihr fünfzehn Millionen Dollar hinterlassen. Doch dieses überaus großzügige Geschenk hatte sich für sie als riesige Belastung und echtes Problem erwiesen. Und das konnte kein Mensch begreifen, weder die Ärzte noch die Rechtsanwälte noch ihre hart arbeitende Mittelstandsfamilie. Nur Maguire wusste sehr gut, dass Geld einen Menschen auch zerstören konnte. In weniger als zwei Monaten war es bei ihr fast so weit gewesen.

„Mr Cochran“, meldete Henry sich schon wieder.

Maguire ging durch den Gang an den Ledersesseln und der Bordküche vorbei in das Cockpit, wo er sich auf den Sitz des Copiloten sinken ließ.

Vor vier Jahren hatte er Henry eingestellt, der mit seinen knapp dreißig Jahren das Gesicht eines alten Mannes hatte. Man hatte bei ihm das Gefühl, er wäre nie richtig jung gewesen. Glücklicherweise war er absolut zuverlässig und korrekt, und er war einer der wenigen Menschen, denen Maguire voll und ganz vertraute.

„Alles in Ordnung?“, fragte er betont unbekümmert. „Voraussichtlich landen wir um acht Uhr Ortszeit. Die Wetterlage ist günstig.“ Henry war Pilot aus Leidenschaft, trotzdem wirkte seine Miene finster.

„Und was gibt es sonst noch?“ Maguire spürte, dass sein Begleiter noch etwas auf dem Herzen hatte.

Henry warf ihm einen kurzen Blick zu. „So etwas haben Sie noch nie gemacht.“

„Ja, ich weiß.“

„Es steht mir nicht zu, meine Meinung zu äußern, Sir. Aber es ist wirklich sehr …“ Henry verstummte.

„Ungewöhnlich“, beendete Maguire den Satz. Anders konnte man es gar nicht ausdrücken.

„Ja. Die junge Frau dort hinten …“ Der Pilot schüttelte den Kopf. „Wie wollen Sie sich denn mit ihr verständigen, wenn sie nicht hören kann?“

„Keine Ahnung. Wir müssen uns etwas einfallen lassen.“

„Ist es nicht etwas illegal, sie ohne ihre Einwilligung mitzunehmen?“

„Mein Vater ist indirekt schuld an ihrem Zusammenbruch. Ich sah keine andere Möglichkeit, das Ganze wiedergutzumachen. Keiner ihrer Freunde und Bekannten kann ermessen, wie schwierig die Situation für sie ist. Meinen Sie, es wäre besser gewesen, ich hätte sie alleingelassen?“

„Das kann ich nicht beurteilen, Sir.“

„Ich durfte sie nicht im Stich lassen, denn ich bin der Einzige, der die Sache in Ordnung bringen kann. Das Erbe hat nicht nur ihr Leben auf den Kopf gestellt, sondern auch meins.“ Er seufzte. „Sie sollten sich entspannen, Henry. Falls ich verhaftet werde, sorge ich dafür, dass Sie nicht mit in die Angelegenheit hineingezogen werden.“

„Das ist mir sowieso klar, Sir.“

„Nach der Landung schlafen Sie sich erst einmal aus, und dann möchte ich, dass Sie morgen nach South Bend zurückkehren. Ich gebe Ihnen eine Aufstellung über alles mit, was Sie für mich erledigen sollen. Wir müssen so etwas wie eine Kommunikationszentrale einrichten mit einer E-Mail-Adresse und einer Handynummer, damit ihre Freunde und Angehörigen Kontakt mit ihr aufnehmen können. Mit den Rechtsanwälten werde ich mich persönlich in Verbindung setzen. Ihre Wohnung muss sie natürlich behalten, aber sie wird mehrere Wochen bei mir bleiben.“

„Mehrere Wochen?“, wiederholte Henry verblüfft.

„Na ja, ich hoffe, dass es nicht mehr als zwei, höchstens drei werden. Deshalb ist es wichtig, dass Sie morgen zurückfliegen, sobald Sie sich von diesem anstrengenden Tag erholt haben. Eigentlich gibt es in der Wohnung selbst nicht viel zu tun. Vielleicht sind Pflanzen zu gießen und verderbliche Lebensmittel aus dem Kühlschrank zu entfernen. Und erstellen Sie bitte eine Liste mit den Medikamenten und Kosmetika, die Sie vorfinden. Die Heizung müsste auch kontrolliert und eingestellt werden.“

„Wird gemacht.“

„Die Post können Sie sortieren und mir die Rechnungen schicken. Auch an sie persönlich adressierte Briefe können Sie an mich weiterleiten, ich händige sie ihr dann aus. Aber Sie bekommen das alles noch schriftlich.“

„Brauchen Sie mich denn in den nächsten Tagen nicht?“

„Eigentlich schon. Doch sobald sie aufwacht, wird sie sich über all die unerledigten Dinge aufregen, um die sie sich jetzt nicht kümmern kann. Deshalb müssen wir alles für sie regeln, so gut wie wir können. Mehr Einzelheiten erfahre ich erst, sobald es ihr etwas besser geht.“

„Sir?“

„Lassen Sie endlich diese Anrede, Henry, das macht mich ganz verrückt. Sprechen Sie einfach aus, was Ihnen auf der Seele brennt.“

„Ja, Sir. Was werden Sie machen, wenn sie nach Hause zurückwill und nicht bei Ihnen bleiben möchte?“

„Ich rechne damit, dass es so kommt, denn sie kennt mich ja gar nicht. Dann muss ich mich bemühen, ihr Vertrauen zu gewinnen.“

„Sicher …“

Maguire seufzte. „Nun äußern Sie schon Ihre Bedenken, Henry.“

„Die Frau ist so jung und sehr hübsch.“

„Denken Sie etwa, ich würde die Schwäche einer Frau ausnutzen?“

„Nein, Sir.“

„Sie lernen es wohl nie, diese förmliche Bezeichnung wegzulassen. Es müsste Ihnen eigentlich aufgefallen sein, dass es genug attraktive Frauen in meinem Leben gibt, oder?“

„Ja.“

„Okay, ich habe diese junge Dame gewissermaßen entführt und bin für sie verantwortlich. Das bedeutet, dass ich ihr niemals ein Haar krümmen werde. Selbst wenn sie mich darum bitten würde oder wenn es meine letzte Chance wäre, Sex zu haben, würde ich sie nicht anrühren. So etwas geht einfach nicht. Es verbietet sich von selbst. Während sie sich in meiner Obhut befindet, ist sie so sicher wie an keinem anderen Ort der Welt.“

„Ich habe es begriffen, Sir.“

„Haben Sie noch mehr Fragen, oder kann ich Sie allein lassen und versuchen, noch eine Stunde zu schlafen?“

„Das sollten Sie unbedingt tun. Es ist alles geklärt, Sir.“

Hin und wieder zeigte Henry durchaus so etwas wie Sinn für Humor. Meistens umsorgte er Maguire wie eine altmodische Tante und achtete darauf, dass er regelmäßig aß, es weder zu warm noch zu kalt hatte und er genug Schlaf bekam. Er war ein verdammt guter Mitarbeiter, manchmal jedoch etwas anstrengend.

Maguire ging in den Passagierraum zurück, nahm sich eine Decke aus der Gepäckablage und ließ sich in den riesigen Polstersessel neben der Schlafcouch sinken. Dann saß er einfach nur da und betrachtete Carolina erneut.

Ihre Haut und ihr Haar wirkten seidenweich, ihre Züge sanft. Er konnte sich gut vorstellen, dass sie ihr Leben riskiert hätte, um seinen jüngeren Bruder Tommy zu retten, obwohl er für sie letztlich ein Fremder war. Sie zögerte bestimmt keine Sekunde zu helfen, wenn jemand in Not war.

Doch die Belastungen der letzten beiden Monate waren auf jeden Fall zu viel gewesen für sie. Um so etwas zu ertragen, war sie nicht hart genug, und sie war auch nicht darauf vorbereitet gewesen, weder durch ihr Elternhaus noch durch ihre Ausbildung.

Sein Vater hatte ihr spontan – was für ihn typisch war – ein großzügiges Erbe hinterlassen. Niemals wäre es ihm in den Sinn gekommen, wie sehr er die junge Frau damit überforderte.

Der Einzige, der ihr in dieser Situation raten und helfen konnte, war er, Maguire. Und das bedeutete genau das, was er Henry gegenüber betont hatte. Es spielte für ihn keine Rolle, wie seidenweich ihre Haut und ihr hellblondes Haar und wie verführerisch ihre Lippen waren, er würde sie nicht anrühren. Das kam für ihn einfach nicht infrage. Sie war eine ganz bezaubernde junge Frau, die immer nur gab, statt zu nehmen. Mehr wusste er nicht. Alles andere musste er herausfinden, ohne ihr zu nahezukommen oder sie seelisch zu verletzen.

2. KAPITEL

Verschlafen öffnete Carolina die Augen. Plötzlich runzelte sie die Stirn. Man könnte fast glauben, ich führte ein ausschweifendes Leben, schoss es ihr durch den Kopf, als ihr bewusst wurde, dass sie schon wieder in einer fremden Umgebung aufwachte.

Eigentlich war es eine interessante Erfahrung, doch irgendwie hatte sie das Gefühl, man hätte ihr so etwas wie ein Beruhigungsmittel verabreicht, und das gefiel ihr gar nicht.

Allmählich kehrten die Erinnerungen an die zwei letzten Tage und den Streit zwischen dem Fremden und ihrem Arzt im Krankenhaus zurück. Sie hatte nicht hören können, was gesagt wurde, aber die beiden waren aufgeregt hin- und hergelaufen und hatten ärgerlich die Köpfe geschüttelt.

Wann und wie sie das Krankenhaus verlassen hatte, wusste sie nicht, denn sie war erst wieder auf der bequemen Schlafcouch in dem luxuriös ausgestatteten Privatjet wach geworden. Ihr Entführer tauchte ab und zu neben ihr auf, berührte ihre Wange und fuhr ihr mit den Fingern über das Haar. Schließlich waren sie abends im Dunkeln gelandet. Gegessen hatte sie auch etwas: Wildreis, Huhn mit Basilikum und Koriander, später ein Omelett. Und da war auch noch ein relativ kleiner und jüngerer Mann gewesen mit schütterem Haar.

Doch das hatte sie alles nur ziemlich undeutlich wahrgenommen. Es kam ihr so vor, als hätte sie tagelang geschlafen. Warum sie trotzdem so erschöpft war, war ihr rätselhaft.

Während sie sich umsah, entspannte sie sich etwas.

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