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Wenn ein Italiener feurig küsst

1. KAPITEL

Mariella Holmes stand auf der Terrasse und ließ den Blick über den im Sonnenschein glitzernden See gleiten. Das musste ein sehr Wagemutiger sein, der da mit halsbrecherischer Geschwindigkeit auf dem Jetski über das Wasser brauste. Sie warf einen kurzen Blick zurück in das Haus. Glücklicherweise war Dante durch das Dröhnen des Motors nicht aufgewacht, was ärgerlich gewesen wäre, denn es hatte lange gedauert, bis er eingeschlafen war.

Der Herbst ist eigentlich die falsche Jahreszeit für diesen Wassersport, fand sie. Sie betrachtete die bewaldeten Hügel jenseits des Sees. Es war ein traumhaft schönes Fleckchen Erde, im Sommer wahrscheinlich noch reizvoller als jetzt Ende Oktober. Aber das hing natürlich von den persönlichen Vorstellungen ab.

Wieder beobachtete sie den Mann und hoffte, er würde seine riskante Fahrt unbeschadet überstehen. Es war ein faszinierender Anblick, wie das in allen Regenbogenfarben schillernde Wasser hinter ihm aufspritzte.

Sie hüllte sich fester in ihre Jacke und atmete die frische Luft tief ein. Noch nie zuvor hatte sie Ferien in dieser zauberhaften hügeligen Landschaft gemacht. Wie gern würde sie das alles erkunden und erforschen, aber dazu reichte die Zeit leider nicht. Da sie gerade wenig zu tun hatte, hatte sie sich spontan entschlossen, sich wenigstens kurz die Gegend anzuschauen, aus der Dantes Vater kam.

Als der Jetski mit lautem Getöse auf die Welle prallte, die er selbst verursacht hatte, konzentrierte sie sich wieder auf den dunkelhaarigen Mann mit den breiten Schultern. Angst schien er nicht zu kennen, denn er ließ den Motor aufdröhnen und erhöhte die Geschwindigkeit noch einmal.

Schließlich ging sie in das kleine Haus zurück. Normalerweise hätte sie jetzt Ariana angerufen und ihr erzählt, wie begeistert sie von dem kleinen Ort Clarissa am gleichnamigen See war und dass ihr ein Mann aufgefallen war, der ihre Fantasie beflügelte. Noch immer fiel es ihr schwer zu glauben, dass sie mit ihrer besten Freundin nie wieder stundenlang Neuigkeiten austauschen konnte. Ariana würde auch nie wieder ihren Sohn auf den Armen halten. Mariella wischte sich die Tränen weg, die ihr plötzlich über die Wangen liefen. Die Freundin war nach dem Tod ihrer Eltern für sie da gewesen, und jetzt hatte auch sie sie allein zurückgelassen.

Die Zeit heilt alle Wunden, versuchte sie sich zu trösten. Im ersten Jahr ihres Studiums in New York hatte sie mit dem viel zu frühen Tod ihrer Eltern fertig werden müssen. So würden auch ihr Kummer und ihre Verzweiflung über Arianas Tod irgendwann einmal nicht mehr ihr ganzes Denken beherrschen. Aber sie würde sich immer voller Liebe an die Freundin erinnern. Momentan tat alles viel zu weh, der Schmerz war zu neu. Mit ihren zweiundzwanzig Jahren hatte Ariana ihr ganzes Leben noch vor sich gehabt.

Mariella schüttelte den Kopf, wie um die traurigen Gedanken abzuschütteln. Sie musste sich auf ihre Arbeit und das Kind konzentrieren. Ein Baby zu versorgen, das man ihr völlig überraschend anvertraut hatte, war nicht leicht. Glücklicherweise war es kerngesund und recht unkompliziert. Sie würde lernen, mit der Mutterrolle, die man ihr ohne ihr Zutun übertragen hatte, umzugehen.

Während sie das kleine Wohnzimmer durchquerte, vergewisserte sie sich, dass der Junge im Kinderwagen immer noch schlief. Sie konnte ihm also in aller Ruhe sein Fläschchen zubereiten und anfangen, ihre Koffer auszupacken.

Das Ferienhaus hatte sie für eine Woche gemietet, und sie wollte die Zeit nutzen, Arianas Foto nicht nur hier, sondern auch in Monta Correnti herumzuzeigen und zu fragen, ob jemand sich an sie erinnerte. Allerdings wusste sie nicht, ob sie überhaupt am richtigen Ort war. Ariana hatte nur erzählt, sie hätte ein traumhaft schönes Wochenende am See Clarissa verbracht.

In den letzten Wochen ihres Lebens war sie sehr krank und schwach gewesen und voller Sorgen um ihr Baby. Mariella wünschte, die Freundin hätte sie früher über ihren Zustand informiert. Doch erst kurz vor dem Abschluss ihres Studiums erfuhr sie, wie krank Ariana wirklich war. Leider war sie nicht bereit gewesen, den Namen von Dantes Vater preiszugeben.

Jetzt stand Mariella ganz allein da und musste ein elternloses Baby betreuen und versorgen. Vielleicht hatte sie das große Glück, seinen Vater aufzuspüren, der dann auch noch eine große Familie hatte, in der das Kind gut aufgehoben war.

Nachdenklich betrachtete sie den Jungen. Natürlich liebte sie ihn, dennoch fiel es ihr schwer, mit der Mutterrolle zurechtzukommen. Würde sie ihn überhaupt wieder hergeben? Sie war froh, dass sie diese Entscheidung noch nicht zu treffen brauchte. Zuerst musste sie seinen Vater finden, alles andere ergab sich von selbst.

Cristiano düste mit Vollgas auf dem Jetski über das Wasser. Er befand sich in einem Geschwindigkeitsrausch und fühlte sich so lebendig wie schon seit vielen Monaten nicht mehr. Alles, was ihn belastete, war für einen kurzen Augenblick vergessen.

Nachdem die Verletzungen verheilt waren, konnte er endlich wieder seinen Lieblingssport ausüben, auf den er während des Sommers hatte verzichten müssen. Doch während der rasanten Fahrt spürte er plötzlich den pochenden Schmerz in seinem Fuß, der ihn daran erinnerte, dass er noch vorsichtig sein musste. Aber obwohl es heute ziemlich kühl war, wollte er den sonnigen Tag voll auskosten.

Schließlich fuhr er zur Anlegestelle zurück. Der Strand war völlig menschenleer. Die Touristen waren längst abgereist, und die wenigen Leute, die hier Winterurlaub machten, waren noch nicht da. So hatte er den See für sich ganz allein.

Im Vorbeifahren fiel ihm auf, dass eins der Ferienhäuser der Bertatalis bewohnt war. Jemand wollte offenbar die Ruhe und Stille genießen, die im Oktober in dieser schönen Landschaft herrschten. Zum Baden war das Wasser nicht mehr warm genug, und der kleine Ort bot wenig Abwechslung.

Wenig später legte er an seinem überdachten Bootsliegeplatz an und befestigte das Jetboot, ehe er an Land und in die Umkleidekabine ging. Rasch zog er den Neoprenanzug aus und schlüpfte in die Jeans, den warmen Pullover und die Stiefel. Zum Schluss setzte er den Helm auf, ehe er sich schließlich auf sein Motorrad schwang und losfuhr. Nach wenigen Metern bog er in die um diese Jahreszeit wenig befahrene Hauptstraße ein. Als Kinder hatten er und seine Geschwister sich immer auf den Aufenthalt in dem Ferienhaus der Familie am See Clarissa gefreut. Doch als Erwachsener hatte er es spannender gefunden, berufsbedingt durch die Welt zu reisen oder bei der Ausübung von Extremsportarten persönliche sportliche Grenzen zu überschreiten.

Das hatte sich jedoch nach dem Unglück geändert.

Nachdem Cristiano das Motorrad vor Pietros Ristorante abgestellt hatte, betrat er das gemütliche Lokal. Sekundenlang blieb er stehen, um sich an das gedämpfte Licht zu gewöhnen. Der Duft nach Kräutern und Gewürzen und die behagliche Atmosphäre erinnerten ihn an das Rosa, das Restaurant seines Vaters, das allerdings größer und meist gut besetzt war. Momentan aß er jedoch lieber hier, weil er noch eine Zeit lang seine Ruhe haben wollte.

„Hallo, Cristiano. Setz dich doch, ich bin gleich bei dir“, begrüßte Emeliano ihn, während er anderen Gästen das Essen servierte.

Zu seinem Leidwesen saß an seinem Lieblingstisch am Fenster eine Frau mit einem Baby auf dem Arm. Cristiano nahm am Nebentisch Platz und betrachtete sie genauer. Sie war noch sehr jung und hatte hellblondes Haar, das golden schimmerte. Wahrscheinlich eine Touristin, denn er hatte sie hier noch nie gesehen.

Plötzlich sah sie auf und begegnete seinem Blick. Ihr Lächeln traf ihn mitten ins Herz. Sie hatte helle, fast silberfarbene Augen, und ihre Wangen waren gerötet. Rasch wandte sie sich wieder ab.

„Heute wieder Rigatoni?“, riss Emeliano ihn aus den Gedanken.

„Klar, wie immer“, antwortete Cristiano.

„Im Rosa würde es dir sicher besser schmecken“, scherzte Emeliano.

„Darüber habe ich noch nie nachgedacht“, erwiderte Cristiano.

„Ich habe dich auf dem See beobachtet. Bist du lebensmüde? Bei der Geschwindigkeit hätte dir wer weiß was passieren können.“

Sie kannten sich seit der Kindheit, hatten viel zusammen unternommen und oft auch seinen Bruder Valentino auf ihre Streifzüge durch die Wälder mitgenommen.

„Ist es aber nicht“, entgegnete Cristiano lächelnd.

„Du solltest an die Zukunft denken, Cristiano. Warum beteiligt ihr euch nicht an dem Restaurant eures Vaters, du und Valentino? Wenn er nicht drei Söhne hätte, würde ich als Partner bei ihm einsteigen.“

„Am besten gehst du nach Rom, da hast du ganz andere Möglichkeiten“, schlug Cristiano vor. Dass die junge Frau am Nebentisch interessiert zuhörte, störte ihn nicht, er hatte nichts zu verbergen. Nein, das stimmt nicht ganz, korrigierte er sich sogleich. Es gab ein Geheimnis in seinem Leben, das er sorgsam hütete und von dem niemand etwas ahnte.

„Was wird dann aus meiner Mutter? Du hast gut reden, Cristiano.“

„Wie geht es ihr eigentlich?“

„Nicht so gut. Die Arthritis macht ihr sehr zu schaffen.“

„Das tut mir leid. Grüß sie von mir.“

„Mache ich.“

„Ich habe Sie auf dem Jetboot gesehen“, sprach die junge Frau ihn zu seiner Überraschung an, nachdem Emeliano verschwunden war.

„Ah ja. Wie alt ist Ihr Kind?“

Sie lächelte ihn an, wobei ihre Augen silbern schimmerten. Zu gern hätte er gewusst, wer sie war.

„Der Kleine ist beinah fünf Monate.“

Also war es ein Junge. Mein Vater hat eine Tochter und zwei Söhne, nein, eigentlich sogar vier Söhne, überlegte er etwas zusammenhanglos. An den Gedanken, dass er zwei ältere Halbbrüder in Amerika hatte, hatte er sich noch nicht gewöhnt, denn er hatte es erst vor einigen Monaten von Isabella erfahren. Wie er sich seinem Vater gegenüber verhalten sollte, der die Existenz seiner Zwillingssöhne dem Rest der Familie all die Jahre verschwiegen hatte, wusste er noch nicht.

„Mit dem dunklen Haar und den dunklen Augen kommt er wohl ganz nach dem Vater, oder?“, erkundigte er sich.

„Keine Ahnung. Vielleicht kann man später mehr Ähnlichkeit mit dem Mann feststellen, dem er seine Existenz verdankt, doch momentan sieht er für mich aus wie seine Mutter.“ Sie fuhr dem Kind liebevoll über das flaumige Haar.

„Dann ist es gar nicht Ihr Sohn?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Sind Sie sein Kindermädchen?“

Wieder schüttelte sie den Kopf. „Nein, sein Vormund und seine Pflegemutter, seine Mutter ist gestorben.“ In ihren Augen schimmerten Tränen. Cristiano hoffte, sie würde nicht anfangen zu weinen, denn damit konnte er nicht umgehen.

„Möchtet ihr lieber zusammen an einem Tisch sitzen?“, fragte Emeliano, ehe er das Tablett mit den Rigatoni, einem gemischten Salat und warmem Brot abstellte.

„Nein“, antwortete Cristiano.

„Ja, warum nicht?“, erwiderte die junge Frau gleichzeitig und fügte dann mit einem strahlenden Lächeln hinzu: „Ach, schade, dass Sie nicht einverstanden sind. Aber das macht nichts, ich hatte sowieso vor, zu gehen.“

O nein, ich wollte sie doch nicht in Verlegenheit bringen, dachte er. „Setzen Sie sich zu mir, und leisten Sie mir beim Essen Gesellschaft“, versuchte er, den Fehler wieder gutzumachen.

„Nein, vielen Dank, ich muss weiter.“ Sie zog das Portemonnaie aus der Tasche.

Emeliano warf ihm einen leicht spöttischen Blick zu und ging an den Nebentisch.

Nachdem sie bezahlt hatte, stand die junge Frau auf und eilte mit dem Baby auf dem Arm hinaus, ohne Cristiano noch einmal anzusehen. Er verstand sich selbst nicht und kam sich ziemlich dumm und rüpelhaft vor. Warum hatte er nicht einige Sekunden gewartet und nachgedacht, ehe er den Mund aufmachte?

Seine Schwester hätte ihm wegen dieses Benehmens die Leviten gelesen, das war ihm klar. Und sein Vater hätte ihn nur traurig angeblickt.

Das Baby hatte ihn an Stephanos kleine Tochter erinnert. Cristiano konnte immer noch nicht glauben, dass sein bester Freund bei der Explosion der zweiten Bombe ums Leben gekommen war. Zunächst hatte er das schreckliche Erlebnis nicht an sich herangelassen und sich vorgestellt, er würde Stephano und alle anderen Kollegen eines Tages wiedersehen und mit ihnen zusammen im Einsatz sein.

Doch sein Freund war für immer gegangen, damit musste er sich abfinden.

Jedenfalls bereute er, dass er die junge Frau vor den Kopf gestoßen hatte. Sich mit ihr zu unterhalten wäre sicher eine nette Abwechslung gewesen, es hätte ihn auf andere Gedanken gebracht.

Nachdem Mariella das Restaurant beinah fluchtartig verlassen hatte, legte sie Dante in den Kinderwagen, den sie vor dem Eingang abgestellt hatte. Es war ihr schrecklich peinlich, dass sie dem Mann angeboten hatte, sich zu ihr an den Tisch zu setzen. Ganz offensichtlich hatte er sich darüber geärgert. Er war so attraktiv mit den unwiderstehlichen dunklen Augen und der gebräunten Haut, dass ihm die Frauen wahrscheinlich scharenweise nachliefen. Von seiner schlanken Gestalt, den breiten Schultern und der faszinierenden Ausstrahlung war sie beeindruckt. Er wirkte sehr lebendig, vital und kraftvoll, und er hatte sie aus der Fassung gebracht.

War der Fremde etwa Dantes Vater? Immerhin hatte er dieselbe Haarfarbe und die gleichen dunklen Augen wie das Baby.

„Ich wünschte, du könntest mir verraten, wer dein Vater ist, mein kleiner Liebling“, sagte sie zu dem Jungen. Wohnte er hier irgendwo, oder hatte er mit Ariana nur ein Wochenende am See verbracht? Nachdenklich schob sie den Kinderwagen durch den Ort und setzte sich vor der Kirche auf die Bank mit Blick auf den Marktplatz. Hier war es wunderbar friedlich und still und trotz des kühlen Windes in der Nachmittagssonne angenehm warm.

Mariella hatte alle möglichen Bücher über Neugeborene gelesen und sich von zwei Freundinnen, die selbst Kinder hatten, beraten lassen. Dennoch fühlte sie sich zuweilen damit überfordert, Dante rund um die Uhr und sieben Tage in der Woche zu versorgen. Die meisten Mütter konnten sich monatelang seelisch auf die Aufgabe vorbereiten und zusammen mit dem Partner Pläne schmieden für die Zeit nach der Geburt ihres Kindes.

Sie hingegen hatte den Jungen kaum einen Monat gekannt, ehe er ihr von einem Tag auf den anderen übergeben wurde. Seitdem musste sie sehen, wie sie ganz allein damit zurechtkam, für ihn zu sorgen.

Als ihm die Augen zufielen, beschloss sie zurückzugehen. In dem Kinderbett, das sie für ihn hatte aufstellen lassen, konnte er besser schlafen. Unterdessen würde sie damit weitermachen, ihre Sachen auszupacken und sich einzugewöhnen.

„Ich wollte Sie nicht vertreiben“, ertönte auf einmal eine Männerstimme neben ihr.

Sie sah auf und dem Mann aus dem Restaurant direkt in die Augen. Sekundenlang verschlug es ihr die Sprache, und ihr Herz klopfte wie wild. Ihr wurde fast schwindlig, so sehr fühlte sie sich zu ihm hingezogen.

„Nein, das ist schon in Ordnung, ich wollte sowieso nicht lange bleiben“, behauptete sie und wandte sich ab. Mit der schlanken Gestalt und der gebräunten Haut war er einfach viel zu faszinierend. Vermutlich machte er Urlaub hier, oder er hatte einen Job, der es ihm erlaubte, seine Zeit frei einzuteilen.

Er setzte sich neben sie und betrachtete gedankenverloren den Brunnen mitten auf dem Platz und die Hügel in der Ferne, ehe er sich zu ihr umdrehte.

„Darf ich mich kurz vorstellen?“ Er reichte ihr die Hand. „Ich bin Cristiano Casali und war von Emelianos Vorschlag völlig überrascht. Da Sie das Kind bei sich hatten, war ich der Meinung … Ach, vergessen Sie es. Jedenfalls entschuldige ich mich für mein unhöfliches Benehmen.“

Sie schüttelte ihm die Hand, und prompt kribbelte ihr die Haut nach der kurzen Berührung. Sie versuchte, die Gefühle zu ignorieren, die er in ihr weckte, und sich auf seine Worte zu konzentrieren. Er wollte sich doch nur entschuldigen, sonst nichts.

„Das war wirklich nicht so schlimm. Ich bin Mariella Holmes.“

„Sie haben mich neugierig gemacht. Darf ich Sie fragen, wie Sie zu dem Baby gekommen sind? Sind Sie nicht etwas zu jung für einen Vormund?“

„Nein, das finde ich nicht, mit zweiundzwanzig traue ich mir diese Aufgabe ohne Weiteres zu. Ich habe gleichaltrige Freundinnen, die nicht studiert, sondern früh geheiratet und schon zwei Kinder haben.“ Niemals würde sie diesem Fremden gegenüber zugeben, wie überfordert sie sich noch mit der neuen Rolle fühlte.

„Gut. Aber sind Sie denn die einzige Angehörige des Kindes?“

„Vor ihrem Tod habe ich Dantes Mutter versprochen, mich um ihn zu kümmern. Ariana war meine beste Freundin, ihre Eltern leben schon lange nicht mehr, und Geschwister hatte sie keine, auch keine anderen Verwandten.“ Sie beobachtete ihn aufmerksam, doch der Name schien ihm nichts zu bedeuten. Jedenfalls war sie froh, dass sie über ihre Freundin sprechen konnte, ohne gleich wieder in Tränen auszubrechen.

„Hat sein Vater nichts dagegen?“, erkundigte er sich.

„Ich habe keine Ahnung, wer er ist.“ Mariella hatte im gemeinsamen Freundes- und Bekanntenkreis herumgefragt, doch niemand hatte etwas gewusst. Ariana hatte das Geheimnis mit ins Grab genommen.

Als Cristiano die Stirn runzelte, fügte sie hinzu: „Ariana hatte jemanden kennengelernt und sich Hals über Kopf in ihn verliebt. Offenbar hat er sie verlassen, als sie ihm mitteilte, dass sie schwanger war. Da ich zu der Zeit in New York gerade mein Studium beendete, habe ich nichts davon mitbekommen. Erst kurz vor der Geburt des Babys rief Ariana mich an. Als ich erfuhr, wie krank sie war, bin ich gleich nach dem bestandenen Abschlussexamen nach Rom zurückgekommen. Obwohl wir uns so nahestanden wie Schwestern, hat sie mir auch auf meine wiederholte Bitte den Namen von Dantes Vater nicht verraten.“ Sie seufzte.

„Woran ist Ihre Freundin gestorben?“ Cristianos Stimme klang sanft.

Es fiel ihr immer noch schwer, über den Tod und die Krankheit ihrer liebsten und treuesten Freundin zu reden, aber sie nahm sich zusammen. „Sie hatte Leukämie, was man erst während der Schwangerschaft feststellte. Um dem Kind nicht zu schaden, wollte sie sich erst nach seiner Geburt behandeln lassen. Der Junge kam einige Wochen zu früh zur Welt, war aber glücklicherweise völlig gesund. Knapp einen Monat später ist sie gestorben.“

Eigentlich wollte sie gar nicht daran denken, wie die Freundin damals ausgesehen hatte mit den eingefallenen Wangen, dem glanzlosen Haar und den traurigen Augen. Ariana hatte gewusst, dass sie ihr Kind nicht heranwachsen sehen würde, und sich von Mariella immer wieder versprechen lassen, an ihrer Stelle für Dante zu sorgen. An dem Tag, als Ariana die entsprechende Verfügung unterschrieb, lächelte sie zum letzten Mal. Kurz darauf fiel sie ins Koma.

„Sie scheinen trotzdem noch viel zu jung zu sein, um eine solche Verantwortung zu übernehmen. Würden Sie nicht lieber das Leben noch eine Zeit lang unbeschwert genießen?“, wandte er ein.

„Vielen Dank für Ihre Besorgnis, aber ich fühle mich wohl dabei, ich habe die Aufgabe gern übernommen.“ Es ging ihn nichts an, dass sie oft nachts wach lag und sich fragte, ob sie der Sache auf Dauer gewachsen war.

Manchmal grollte sie Ariana, denn wenn sie nicht schwanger geworden wäre, lebte sie wahrscheinlich trotz ihrer Krankheit noch. Und dann würde ich mich jetzt nicht so allein und verlassen vorkommen wie noch nie zuvor, dachte Mariella traurig. Aber auch darüber würde sie niemals reden.

„Ich muss weiter“, erklärte sie und stand auf. Sie wollte sich nicht länger den trüben Gedanken hingeben.

„Offenbar schlage ich Sie jedes Mal in die Flucht, wenn wir uns begegnen“. Er stand auch auf und ging neben ihr her, während sie den Kinderwagen schob. „Warum sind Sie ausgerechnet im Herbst hier? Die meisten Touristen kommen im Sommer, wenn es warm genug zum Baden ist. Außerdem wird es bald regnen, es ist also nicht das ideale Urlaubswetter.“

„Ich dachte, ich könnte etwas über Dantes Vater herausfinden.“ Wahrscheinlich war es eine dumme Idee, sie klammerte sich eben an jeden Strohhalm. Vielleicht hatten Ariana und dieser Mann ja wirklich nur ein romantisches Wochenende in dieser Gegend verbracht.

„Was wissen Sie denn über ihn?“, fragte Cristiano.

„Nichts, überhaupt nichts.“

Auf dem Weg zum See war außer ihnen kein Mensch weit und breit zu sehen, und in der Stille um sie her war nur das Gezwitscher der Vögel zu hören.

„Sie haben das Haus ganz am Ende gemietet, oder?“

„Woher wissen Sie das?“ Mariella blickte ihn erstaunt an.

„Es ist mir beim Jetskifahren aufgefallen“, antwortete er.

„Ach so. Wohnen Sie hier?“

„Nein.“ Seine Miene wirkte auf einmal verschlossen.

„Aber ein Tourist sind Sie auch nicht, oder?“, hakte sie trotzdem nach.

„Ich brauche eine Zeit lang Ruhe“, war alles, was er darauf antwortete.

Gern hätte sie ihm noch mehr Fragen gestellt, aber dazu kannten sie sich nicht gut genug.

„Lassen Sie mich das machen.“ Unvermittelt nahm Cristiano ihr den Kinderwagen ab, der sich auf dem holprigen Weg nicht so leicht schieben ließ. Versehentlich streifte er dabei ihre Hand, und prompt verspürte sie wieder dieses verräterische Kribbeln ihrer Haut. In seiner Begleitung fühlte sie sich sehr weiblich und sehr beschützt, so als wären sie eine Familie.

O nein, jetzt verliere ich mich schon in Tagträumen, dachte sie selbstironisch.

„Vielen Dank für Ihre Hilfe und die Begleitung“, sagte sie vor ihrem Ferienhaus höflich. Von der kleinen Terrasse aus hatte man einen herrlichen Blick auf den See und die Hügel. Der Wind hatte allerdings aufgefrischt, und es war kühler geworden, sodass man heute nicht in der Sonne sitzen konnte. „Ich komme jetzt allein zurecht. Vielleicht laufen wir uns ja wieder einmal über den Weg“, fügte sie mutig hinzu.

Er ließ den Kinderwagen los und blickte sie an „Ja, das ist möglich. Meist esse ich mittags in Pietros Ristorante. Dann bis zum nächsten Mal“, verabschiedete er sich.

Sie sah hinter ihm her, während er mit federnden Schritten zurückeilte. Kaum eine Minute später war er verschwunden, und es kam ihr so vor, als hätte ohne ihn der Tag etwas von seiner Helligkeit verloren.

Warum hatte sie ihm Arianas Foto nicht gezeigt? Vielleicht war er ihr ja einmal begegnet. Und warum hatte er sich plötzlich verschlossen, als sie ihn gefragt hatte, ob er hier wohne? Obwohl es sie eigentlich nichts anging, hätte sie gern mehr über ihn erfahren, auch ob er verheiratet oder geschieden war.

Hoffentlich sehen wir uns bald wieder, wünschte sie sich.

Auf dem Rückweg zweifelte Cristiano an seinem Verstand. Schon lange hatte ihn keine Frau mehr so sehr fasziniert wie Mariella Holmes. Sie war nicht nur hübsch und attraktiv, sondern etwas ganz Besonderes. Wie gern hätte er ihr langes hellblondes Haar berührt und sich vergewissert, dass es sich so seidig anfühlte, wie es aussah. Ihr klarer Blick beeindruckte ihn genauso sehr wie ihre grauen Augen, die zuweilen wie reines Silber schimmerten und in denen sich ihre Emotionen spiegelten.

Er gab sich Mühe, ihr Bild zu verdrängen, es stieg jedoch immer wieder vor ihm auf. Mit ihrem strahlenden Lächeln und der Art, wie sie das Haar zurückstrich, das der Wind ihr ins Gesicht wehte, hatte sie sein Herz berührt. War er wirklich schon bereit, wieder ein normales Leben zu führen? Oder schleppte er immer noch zu viel seelischen Ballast mit sich herum, um sich auf eine Beziehung einzulassen?

Andererseits war Mariella auch nicht frei von Belastungen, sie hatte das Baby ihrer Freundin zu versorgen.

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