Logo weiterlesen.de
Wenn du mich so ansiehst …

1. KAPITEL

Wuäh! Wuäh! Wuähäääh!

Gerade hatte Annie Harnesberry es sich auf der Terrasse ihres neu erworbenen Reihenhauses gemütlich gemacht. Sie saß in ihrem Lieblingskorbstuhl und blätterte in der neuesten Zeitschrift für Wohnideen.

Wuäääääh!

Stirnrunzelnd blickte Annie von ihrer Lektüre auf. Zwar war sie nicht selbst Mutter, doch als Vorschullehrerin konnte man ihr eine gewisse Kompetenz, was Kindererziehung betraf, nicht absprechen. Seit sieben Jahren übte sie ihren Beruf bereits aus. Und die letzten zwei Jahre, die sie mit Conner, einem Witwer und Vater von fünf Kindern, zusammen gewesen war, hatten ihr noch so einiges an zusätzlicher Erfahrung eingebracht. Nicht nur, was Kinder anbelangt.

Wenn man bedachte, wie sehr dieser Mann sie verletzt hatte, dann konnte sie wirklich von Glück sagen, dass sie ihn los war. Der Abschied von den Kindern war ihr allerdings schwergefallen.

Die kleine Sarah war gerade mal neun Monate alt gewesen, als Conner sie und seine Zweitjüngste, die dreijährige Clara, zum ersten Mal in den Kindergarten brachte, in dem Annie damals arbeitete.

Sämtliche Betreuerinnen waren sofort hingerissen gewesen von den süßen kleinen Mädchen mit den blonden Lockenköpfen und den großen blauen Augen.

Und den Vater fanden alle mindestens ebenso beeindruckend. Auch Annie ließ sich von seinem Charme blenden und verliebte sich Hals über Kopf in ihn. Eine Zeit lang war sie tatsächlich überzeugt gewesen, dass er sie ebenfalls liebte und sie nicht nur als kostenloses Kindermädchen betrachtete.

Nachdem sie zwei Jahre mit ihm zusammengelebt und für ihn und die Kinder gesorgt hatte, kam das böse Erwachen. Am Valentinstag holte er ein Ringetui aus der Jackentasche, und Annie hielt schon den Atem an, weil sie dachte, er würde ihr gleich den Verlobungsring anstecken.

Doch stattdessen zeigte er ihr bloß den Ring, den er einer gewissen Jade schenken wollte, die seine Frau werden sollte, und fragte Annie im selben Atemzug, ob sie nicht in Zukunft als Kindermädchen bei ihnen arbeiten wolle.

Denn Jade mache sich leider so gar nichts aus Kindergeschrei und Fußgetrappel, und daher müsse er ganz schnell ein Kindermädchen finden. „Wir alle zusammen unter einem Dach, als glückliche Großfamilie. Das wäre doch toll, findest du nicht auch?“

Wuäh! Wuääääääh!

Wer ließ denn sein Kind so jämmerlich schreien? Hatten die Leute aus dem Reihenhaus gegenüber denn gar keine Ahnung, wie man mit Babys umging? Man musste doch etwas tun, um das Kind zu beruhigen. War es womöglich krank?

Annie zupfte ein verwelktes Blatt von dem Fleißigen Lieschen ab, das ihren Gartentisch zierte, dann widmete sie sich wieder dem Artikel über innovative Wandanstriche. Sie würde diese neue Technik gern in ihrem Gäste-WC in der Nische unter der Treppe ausprobieren.

Vielleicht in Weinrot?

Oder in Gold?

Irgendetwas Luxuriöses, Dekadentes musste her. Viel zu lange hatte sie zwischen langweilig gestrichenen Wänden gewohnt.

Als Kind hatte sie das Haus ihrer Großeltern geliebt, das vom Keller bis zum Dachboden in lebhaften bunten Farben gestrichen war. Im Alter von sechs Jahren war sie in das schöne alte Haus gezogen, damals wurde sie schulpflichtig. Zuvor war sie mit ihren Eltern, die als Ingenieure arbeiteten, in der Welt herumgereist. An keinem Ort waren sie länger als ein halbes Jahr geblieben.

Ihre kurze, katastrophale Ehe mit Troy hatte sie in einem Haus verbracht, das innen in einem schmutzigen Beige gestrichen gewesen war. Sie war gar nicht mehr dazu gekommen, die Wände neu zu streichen, denn bald schon hatte sie dieses Scheusal von Ehemann verlassen.

Danach war sie in ein kleines Apartment gezogen, dessen Farbgestaltung ebenso trist gewesen war wie die ihres vorherigen Domizils. Damals war sie total am Boden zerstört gewesen und hatte nicht die Energie gehabt, alles neu zu gestalten.

Ihr neues Zuhause wollte sie nun farblich ganz nach ihren eigenen Vorstellungen gestalten. So gern sie ihre Arbeitswoche zwischen grellbunten, mit Kinderzeichnungen behängten Wänden verbrachte, in ihrer Freizeit bevorzugte sie eine etwas stilvollere Umgebung.

Wuäh! Wuäh! Wuäh!

Wuäh häää!

Wuääääääääh!

Annie klappte ihre Zeitschrift zu. Irgendwie hörte sich das Babygeschrei komisch an. Waren es vielleicht mehrere Kinder?

Zwei auf jeden Fall, entschied sie nach genauerem Hinhören, vielleicht sogar drei.

Als sie vor ein paar Wochen hier eingezogen war, war weit und breit kein Baby zu sehen oder zu hören gewesen. Zum Teil war das der Grund, weshalb sie sich überhaupt für diese Gegend entschieden hatte.

Unten am Fluss hätte sie eine viel bessere Aussicht gehabt. Auf die Stadt und die Uferpromenade mit den Pecannussbäumen, denen das Städtchen Pecan in Oklahoma seinen Namen zu verdanken hatte. Allerdings war dieses Apartmenthaus auf Familien mit Kindern ausgerichtet. Nachdem sie gerade tränenreich von Sarah, Clara und ihren drei älteren Geschwistern Abschied genommen hatte, konnte sie keine glücklichen Familien um sich herum ertragen.

Conners Kinder waren von Jades plötzlichem Erscheinen genauso verwirrt gewesen wie Annie. Es hatte ihnen gar nicht gefallen, eine Stiefmutter und ein neues Kindermädchen vorgesetzt zu bekommen, denn sie hatten sehr an Annie gehangen.

Um Conner und seiner Familie nicht ständig zu begegnen, war sie aus ihrer Heimatstadt Bartlesville nach Pecan gezogen. Hier kannte sie niemanden, und es gab keine vertrauten Orte, die quälende Erinnerungen hochkommen ließen. Keine Erinnerungen an Einkäufe mit den Kindern im Einkaufszentrum von Bartlesville oder an Hamburger-Restaurants, wo sie oft in fröhlicher Runde ihr Essen verspeisten. Kein klopfendes Herz mehr, wenn sie in der Hauptstraße von Bartlesville ein Auto sah, das Conners silbernem BMW ähnelte.

Diese kleine, charmante Stadt, in die Conner nie einen Fuß setzen würde, war genau richtig für einen Neuanfang.

Wuäh! Wuäh häää! Wuääääh!

Keine verantwortungsvolle Person würde ein Baby derart lange schreien lassen. Ob den Eltern etwas passiert war? Am Ende war das Kind – oder die Kinder – allein.

Nachdenklich knabberte Annie an ihrem kleinen Finger, dann stand sie auf und spähte über die Hecke, die ihre Terrasse umgab, zu dem Haus gegenüber.

Der kühle Wind blies ihr durchs blond gelockte Haar. Er brachte den heimeligen Duft nach frisch gebackenem Brot aus der nahegelegenen Großbäckerei mit sich.

Normalerweise hätte sie in der heißen Jahreszeit drinnen im kühlen Wohnzimmer gesessen. Aber nach dem Regen der vergangenen Nacht hatte die Hitze nachgelassen, und es lag fast schon ein Hauch von Herbst in der Luft.

Wuäääääh!

Kurz entschlossen zog Annie ihre Schuhe an, schloss die Terrassentür ab und überquerte die kleine Rasenfläche, die ihr Grundstück umgab. Nach dem langen, trockenen Sommer sah der Rasen etwas verdorrt aus. Auch das Vogelbad, das der Vorbesitzer stehen gelassen hatte, war ausgetrocknet. Das nächste Mal, wenn sie Blumen goss, musste sie es unbedingt auffüllen.

Wuäääh!

Über die Grünfläche zwischen den Reihenhäusern lief sie zu dem Haus, aus dem das Babygeschrei zu hören war. Ihr fiel ein, dass Veronica, die in der Wohnanlage ein Klubhaus betrieb, ihr erzählt hatte, dort wohne ein alleinstehender Feuerwehrmann. Merkwürdig, hatte der etwa Kinder?

Beim Anblick der vertrockneten Azaleenbüsche neben der Eingangstür hoffte Annie, dass der Mann brennende Häuser besser wässerte als seine durstigen Pflanzen.

Wuäh häää! Wuääääh!

Unschlüssig blickte sie auf die verschlossene Haustür. Was auch immer da drin vor sich ging, war eigentlich nicht ihre Angelegenheit.

Ihre Freundinnen meinten, sie kümmere sich viel zu sehr um andere Leute, statt sich mit ihren eigenen Problemen zu beschäftigen. Aber abgesehen von ihrem Liebeskummer, was hatte sie schon für Probleme?

Klar, sie fühlte sich ein wenig einsam, seit sie eine Autostunde von ihrer Großmutter entfernt wohnte. Und ihre Eltern erreichte sie telefonisch nicht, weil die sich gerade in einer abgelegenen chinesischen Provinz aufhielten. Doch davon abgesehen ging es ihr ziemlich gut, und bald …

Wuäääääääääh!

Egal, was ihre Freundinnen meinten, genug war genug. Sie konnte doch nicht untätig danebenstehen, wenn ein Baby hilflos schrie – möglicherweise sogar mehrere.

Zunächst klopfte sie bloß zaghaft an. Wie eine besorgte Nachbarin eben.

Als niemand reagierte, wurde ihr Klopfen lauter, und schließlich hämmerte sie ein paar Mal kräftig gegen die Tür. Ohne Erfolg.

Gerade wollte sie um das Haus herumgehen, als die Tür aufflog. „Patti? Wo zum … oh, tut mir leid. Ich dachte, es sei meine Schwester.“

Annie starrte ihr Gegenüber mit offenem Mund an.

Vor ihr stand der bestaussehende Mann, den sie je gesehen hatte – mit sage und schreibe drei Babys im Arm. Alle drei plärrten mit hochroten Gesichtern. Drillinge?

Ganz automatisch griff sie nach dem Baby, das am jämmerlichsten schrie, und drückte das zitternde Wesen an ihre Brust. Dem rosafarbenen Strampelanzug nach zu urteilen, handelte es sich um ein Mädchen.

„Hallo du“, sagte sie leise und wiegte das Baby im Arm, während sie ihm gleichzeitig über den Kopf streichelte. Zu dem umwerfend aussehenden Mann sagte sie: „Ich bin Ihre neue Nachbarin, Annie Harnesberry. Ich wollte wirklich nicht aufdringlich sein, aber es hat sich angehört, als ob jemand Hilfe brauchte.“

Der Mann lächelte gequält, wobei er eine Reihe blendend weißer Zähne zeigte. „Da haben Sie ganz richtig vermutet. Meine Schwester hat mir heute Vormittag diese drei Kerlchen gebracht und wollte sie nach zwei Stunden wieder abholen, aber …“

Das kleine Mädchen hatte sich inzwischen beruhigt, und Annie schob sich an ihrem Nachbarn vorbei, um es vorsichtig in eine der Babywippen zu legen, die im Flur standen. Dann nahm sie sich das nächste der plärrenden Babys vor.

„Reden Sie ruhig weiter, ich wollte Sie nicht unterbrechen. Aber ich kann nun mal rein von Berufs wegen keine Kinder schreien hören.“

„Ich leide auch am Helfersyndrom“, sagte er und verzog gequält das Gesicht, als das verbliebene Baby in seinem Arm einen neuerlichen Schreianfall bekam. „Ich bin nämlich Feuerwehrmann. Jed Hale.“ Er streckte ihr seine freie Hand hin. „Und was machen Sie beruflich?“

„Mittlerweile bin ich Vorschullehrerin, aber davor war ich Erzieherin in einem Kindergarten.“

Sein jungenhaftes und doch männliches Lächeln wärmte Annie bis in die Fußspitzen.

Bald hatte sie auch das zweite Baby beruhigt und legte es in eine der Wippen. Dann nahm sie den dritten Schreihals auf den Arm, der nach ein paar beruhigenden Worten nur noch einen kurzen Schluchzer von sich gab und sofort einschlief.

„Wow“, sagte sein Onkel und blickte Annie ehrfürchtig an. „Wie machen Sie das bloß?“

Annie zuckte mit den Achseln und legte das Baby behutsam in die dritte Babywippe. „Übung. Außerdem war mein Hauptfach frühkindliche Entwicklung, und ich habe bestimmt mein halbes Studium im Uni-Kindergarten verbracht, um die Kinder zu beobachten. Das fand ich äußerst faszinierend.“

Jed lehnte sich gegen den Türrahmen. „Das hört sich sehr gebildet an. Ich wusste gar nicht, dass man als Vorschullehrerin ein Studium braucht – ich meine, nicht, dass Sie mich falsch verstehen, aber …“

„Ich verstehe, was Sie meinen. Sie haben recht, für meinen Beruf braucht man kein Studium. Ursprünglich wollte ich allerdings Kinderpsychologin werden, und das interessiert mich noch immer, aber …“ Sie brach verlegen ab. Warum sie das alles diesem wildfremden Mann erzählte, war ihr schleierhaft. „Tut mir leid, ich wollte Sie wirklich nicht belästigen. Jetzt, da Sie alles im Griff haben, gehe ich mal wieder.“ Sie ging rückwärts zur Tür und deutete mit einer linkischen Geste zu ihrem Haus hinüber.

Was für wundervolle Augen der Mann hat, dachte sie. Braun, mit goldenen Sprenkeln. Solche Sprenkel wollte sie an ihre Badezimmerwände malen. Sinnlich und warm und definitiv ganz ihr Geschmack …

Vielleicht wäre der Mann was für eine ihrer Kolleginnen … Sie selbst hatte ja im Augenblick keinen Bedarf.

„Bitte bleiben Sie doch“, sagte Jed und merkte selbst, wie flehend seine Stimme klang. Bisher hatte er immer steif und fest behauptet, er brauche niemanden. Doch diese Frau brauchte er unbedingt. Unglaublich, wie schnell sie seine Nichte und seine beiden Neffen beruhigt hatte. Ihm war klar, wenn seine Schwester nicht bald kam, um ihre Sprösslinge abzuholen, würde er ohne Annies Hilfe nicht zurechtkommen.

Mit einer Geste bat er sie ins Wohnzimmer. „Ich hatte sowieso bei Ihnen vorbeikommen wollen, um Hallo zu sagen. Aber ein paar von meinen Kollegen sind krank oder in Urlaub, und ich muss Doppelschichten einlegen.“ Er blickte auf die Uhr. „In ein paar Stunden muss ich wieder los. Ich hoffe, meine Schwester ist bis dahin zurück.“

Er hörte sich selbst reden und reden und dachte, was ist bloß los mit mir? Sicher, er brauchte seine Nachbarin als Babysitterin, aber er merkte auch, dass sie ihn als Frau interessierte.

Sie war bezaubernd. Blonde Locken umkräuselten ihre Wangen und ihren Nacken, ihr eng anliegendes weißes T-Shirt erlaubte verlockende Blicke in ihren Ausschnitt und betonte ihre leicht gebräunte Haut. Und ihre Beine in den Jeansshorts waren einfach atemberaubend.

Wuäh! Wuäh! Wuhähäääh!

Natürlich liebte er Pattis kleine Schreihälse, aber es wäre gut, wenn sie möglichst bald lernten, dass sie nicht Onkel Jeds Chancen beim weiblichen Geschlecht vermasseln durften.

„Wahrscheinlich hat er Hunger“, stellte Annie fest und nahm den schreienden kleinen Jungen aus seiner Wippe. „Haben Sie irgendwo eine Milchflasche?“

Ihre Lippen waren eine Wucht. Wenn sie sprach, kräuselten sich ihre Mundwinkel so lustig. Zu gern hätte er mit ihr über etwas anderes als Babys geredet. Zum Beispiel, wo sie herkam und wo sie vielleicht noch irgendwann hinwollte. Was sie so im Leben machte.

„Jed? Alles okay?“ Annie lächelte ihn an. „Wenn Sie mir mal eben zeigen würden, wo ich die Fläschchen finde. Dann füttere ich den kleinen Kerl, und Sie können sich etwas ausruhen.“

„Nein, ich bin nicht müde.“ Er ging ihr voraus in die Küche, eine schmale, beigefarben gestrichene Zelle, die er nur ungern benutzte. Meistens aß er in der Feuerwehrstation oder auf dem Sofa vor dem Fernseher.

Er nahm eine Flasche aus dem Kühlschrank und drehte sich zu Annie um. „Soll ich sie in die Mikrowelle tun?“

Annie lächelte und küsste das Baby auf die Stirn. „Wir stellen sie besser in ein Wasserbad, sonst wird die Milch zu heiß.“

„Aha.“

Sie trat an die Spüle. „Haben Sie eine große Schüssel?“

Jed holte die einzige Schüssel, die er besaß, aus dem Schrank. Einen Behälter für Kartoffelchips mit dem Aufdruck einer Bierfirma, den er mal beim Billardspielen in der Bar eines Freundes gewonnen hatte. „Geht das?“

Etwas argwöhnisch beäugte Annie das Ding, dann sagte sie: „Ja, ich denke schon.“

Eine Stunde später hatte Annie die Babys gefüttert und gewickelt. Inzwischen kannte sie auch ihre Namen und ihr Alter. Sie waren fünf Monate alt. Das kleine Mädchen hieß Pia, ihre beiden Brüder Richard und Ronnie.

Da die beiden Jungs gleich angezogen waren, konnte man sie kaum auseinanderhalten, und deshalb trugen sie normalerweise Bändchen ums Handgelenk. Doch die waren Jed, wie er bedauernd erwähnte, am Morgen abhandengekommen.

„Ich weiß gar nicht, wie ich Ihnen genug danken kann“, sagte Jed, der neben Annie am Wickeltisch stand. „Patti kann was erleben, wenn sie kommt! Das wird so ähnlich wie damals, als ich sie in der Kirche beim Rauchen erwischt habe.“

„Ihre Schwester war wohl ein kleiner Wildfang“, bemerkte Annie, während sie den letzten Druckknopf an Pias Strampelanzug zuknipste.

Jed lachte. „Das ist noch stark untertrieben. Ich war heilfroh, als sie endlich Howie ihr Jawort gegeben hat und ich nicht mehr für sie verantwortlich war.“

„Mussten Sie sich denn viel um Ihre Schwester kümmern?“, fragte Annie und setzte sich mit Pia im Arm aufs Sofa.

„Ja“, sagte Jed und nahm im Sessel gegenüber Platz. „Unsere Eltern sind tödlich verunglückt, als ich gerade angefangen hatte zu studieren. Patti war damals dreizehn und hatte ihre rebellische Phase. Sie fing an zu rauchen und zu trinken und zog mit Jungs herum. Manchmal dachte ich, dass sie sich nur ablenkte, weil sie traurig war. Gelegentlich hatte ich auch den Eindruck, dass sie mich einfach ärgern wollte.“ Er zog eine Grimasse. „Tut mir leid, ich will Sie nicht mit meinem Kram belästigen.“

„Das macht doch nichts“, sagte Annie. Inzwischen war die kleine Pia auf ihrem Arm eingeschlafen. Ihre Brüder schliefen bereits tief und fest.

„Vor Kurzem war sie ziemlich deprimiert, weil ihr Mann seine Stelle hier in Pecan verloren hat“, fuhr Jed fort. „In seinem neuen Job muss er viel herumfahren und ist oft tagelang weg, sodass sie die Kinder alleine versorgen muss. Natürlich ist sie dann entsprechend erledigt.“

„Kein Wunder, mit Drillingen“, erwiderte Annie. Sie streichelte Pias weiches Haar. So süß die Babys waren, sie konnte gut verstehen, dass Jeds Schwester das alles manchmal über den Kopf wuchs.

„Deshalb habe ich ihr angeboten, ein paar Stunden auf die drei aufzupassen, damit sie sich ein bisschen ausruhen kann. Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie so lange wegbleiben würde. Jetzt ist das schon über sechs Stunden her.“ Er schüttelte den Kopf. „Keine Ahnung, weshalb sie sich nicht meldet. Ich erreiche sie nicht am Handy, und ihre Nachbarin, die ich angerufen habe, meinte, Patti sei gegen Mittag in meinem Jeep weggefahren.“

Erklärend fügte er hinzu: „Sie hat mir ihren Wagen dagelassen, weil in meinem kein Platz für drei Kindersitze ist.“

Er fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, bevor er weitererzählte. „Als sie jünger war, ist sie ein paarmal weggelaufen. Ich habe Angst, dass sie wieder abgehauen ist. Aber vielleicht ist ihr ja auch was passiert …“

Annie wurde es mulmig. „Haben Sie denn schon versucht, ihren Mann anzurufen? Oder vielleicht die Polizei?“

Er zuckte mit den Achseln, stand vom Sofa auf und begann, im Zimmer hin und her zu laufen. „Ja, sicher. Howie ist nicht zu erreichen. Und die Leute hier im Polizeirevier haben mir geraten abzuwarten, sie würde schon von selbst wiederkommen. Sie sind Freunde von mir und kennen die Vergangenheit meiner Schwester. Sie meinten, dass ihr vielleicht der Stress mit den Babys zu viel geworden ist und sie sich für eine Weile abgesetzt hat.“

„Und ihr Mann meldet sich gar nicht?“

„Nein, sein Handy springt immer auf den Anrufbeantworter, genau wie sein Telefon im Büro. Und anscheinend geht in dieser komischen Firma niemand anderer an den Apparat.“

„Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen.“

„Das haben Sie doch schon. Was hätte ich bloß ohne Sie gemacht.“ Er betrachtete das schlafende Trio. „Wenn die drei gleichzeitig zu schreien anfangen, kann man schon in Panik geraten. Irgendwie könnte ich es verstehen, wenn meine Schwester das nicht mehr ausgehalten hat.“

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Mutter so einfach ihre Kinder im Stich lässt.“

„Ich will ja nicht schlecht von ihr denken, aber was könnte es sonst für eine Erklärung geben? Ich meine, wenn ihr was passiert wäre, hätte sie oder jemand anderer mich doch längst benachrichtigt.“

„Vielleicht hat sie keine Möglichkeit, sich zu melden.“

„Ich bitte Sie, nennen Sie mir heutzutage auch nur einen Grund, weshalb jemand nicht anrufen kann.“

Annie hätte ihm gern ein Dutzend Gründe genannt, aber ihr fiel absolut keiner ein.

2. KAPITEL

Patricia Hale-Norwood starrte die Krankenschwester vor der Intensivstation fassungslos an. „Wieso lassen Sie mich denn nicht kurz telefonieren? Ich möchte doch nur meinem Bruder Bescheid geben, wo ich bin. Ich bin Hals über Kopf losgefahren, und er wollte ja mit meinen Drillingen spazieren gehen, und ich konnte ihn nicht …“

„Tut mir leid.“ Der Wachhund in Schwesternuniform bedachte Patti mit einem stahlharten Blick. „Das Telefon darf nur in absoluten Notfällen benutzt werden. Das ist strenge Vorschrift.“

„Aber das ist ein Notfall!“ Patricia ballte die Fäuste. Ihr Herz schlug mindestens doppelt so schnell wie das des Patienten auf Zimmer 110, den ein Monitor piepend verkündete. Seit dem verhängnisvollen Anruf kam sie sich vor wie in einem nicht enden wollenden Albtraum. Gerade hatte sie sich wohlig in ihr Schaumbad gleiten lassen, als das Krankenhaus anrief und ihr mitteilte, Howie sei schwer verunglückt, und sie wüssten nicht, ob er durchkäme.

Im Nachhinein war ihr schleierhaft, wie sie es in ihrem kopflosen Zustand überhaupt bis ins Krankenhaus geschafft hatte. Zu allem Überfluss hatte sie sich noch den Knöchel verstaucht, als sie in Windeseile die Treppe hinuntergesaust war, nachdem sie hastig ein paar Sachen eingepackt hatte. Dann war sie im Jeep ihres Bruders zum Flughafen gerast und hatte den nächsten Flug nach North Carolina gebucht. Bei der Ankunft hatte sie sich einen Leihwagen genommen und war ins Krankenhaus gerast, wo ihr Mann mehr tot als lebendig auf der Intensivstation lag.

Die Schwester seufzte. „Ich darf Ihnen das Telefon nicht geben, es sei denn, Sie brauchen eine Bluttransfusion oder wollen ein Organ spenden. Aber überall im Krankenhaus stehen Münzautomaten.“

„Jetzt reicht’s aber.“ Patricia schlug mit der Faust auf den Tresen. „Falls Sie es noch nicht wissen, in diesem tollen neuen Flügel, der gerade gebaut wird, hat ein Bagger es geschafft, sämtliche Telefonleitungen durchzutrennen. Es gibt auf dem ganzen Gelände kein einziges funktionierendes Telefon – außer diesem hier. Ich habe gehört, sie hätten eine Notleitung bis hierher gelegt.“

„Bitte schreien Sie nicht so, Mrs Norwood. Hier liegen schwerkranke Leute.“

„Ganz recht!“, erwiderte Patricia, um keinen Deut leiser. „Und zufällig ist einer davon mein Mann. Sein Leben hängt an einem seidenen Faden, und Sie tun so, als ob er für eine Schönheitsoperation hier wäre.“ Ihre Stimme wurde immer schriller. „Mein Akku ist leer, und das Ladegerät liegt tausend Meilen von hier zu Hause in meinem Flur. Und mein Knöchel ist mittlerweile auf Fußballgröße angeschwollen. Ich kann einfach nicht auf dem ganzen Gelände herumlaufen und ein Telefon suchen! Bitte lassen Sie mich telefonieren.“

Die Schwester lächelte Patricia honigsüß an. „Vielleicht leiht Ihnen ja einer der Besucher sein Handy. Damit können Sie dann mit dem Aufzug in den sechsten Stock in unseren Telefonierbereich fahren.“

Empört knallte Jed sein schnurloses Telefon auf den Küchentresen.

Was war denn mit diesen Typen im Polizeirevier los? Er hatte sie immer für seine Freunde gehalten. Und nun erzählte ihm dieser Ferris, dem er mehr als einmal einen Gefallen getan hatte, sie können nichts weiter unternehmen.

Was sollte er bloß anfangen, wenn die Drillinge wieder gleichzeitig aufwachten und anfingen zu schreien? Ohne die Hilfe seiner neuen Nachbarin wäre er vorhin völlig aufgeschmissen gewesen. Er hatte zwar schon etliche Medaillen für tapfere Einsätze als Feuerwehrmann bekommen, doch drei brüllenden Babys gegenüber fühlte er sich vollkommen hilflos.

Das Klingeln des Telefons unterbrach seine quälenden Überlegungen. „Patti?“, rief er atemlos in den Hörer.

„Ist sie immer noch nicht da?“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Wenn du mich so ansiehst" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen