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Wenn du mich berührst …

1. KAPITEL

Carter Sinclair schob sich die schulterlangen Haare aus dem Gesicht. Er sehnte sich nach einem Haarschnitt. Drei Jahre hatte er als verdeckter Ermittler beim Abschaum der Gesellschaft verbracht, und jetzt war er am Ende seiner Kräfte. Er hoffte, der Grund für diese Unterredung war die von ihm beantragte Versetzung.

Ihm gegenüber saß sein Vorgesetzter, Evan Kincaid. Der stellvertretende Leiter der Behörde beendete sein Telefonat und schlug einen Aktenordner auf. Carter erkannte, dass es sich dabei um seine Personalakte handelte.

Kincaid blickte ihn über den Rand seiner Halbbrille an. “Ihrer Akte entnehme ich, dass Sie einen neuen Aufgabenbereich suchen.”

“Ja, Sir. Ich hätte gern einen Job in einem der Außenbüros.”

“Warum?” Kincaid lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust.

“Ich möchte meinen Lebensstil ändern, Sir. Drogendealer zu jagen übt nicht mehr denselben Reiz auf mich aus wie früher.”

“Verständlich. Sie arbeiten schon lange als Undercover-Agent.”

Nach vier Versetzungsanträgen war dies nicht die Antwort, die Carter erwartet hatte. Mit seinem Wechsel von der Polizei in Waxahachie, Texas, zum FBI hatte er sich die Chance erhofft, Schwerverbrecher dingfest zu machen. Er hatte die Chance bekommen und eine beachtliche Anzahl von Kriminellen geschnappt. Aber jetzt war er emotional und körperlich ausgepowert. Er brauchte entweder eine neue Aufgabe beim FBI, oder er würde kündigen.

Er räusperte sich. “Heißt das, das FBI kommt meiner Bitte nach?”

“Das hängt von Ihnen ab.”

“Ich verstehe nicht ganz, Sir.”

“Haben Sie die Nachrichten verfolgt? Die Erpressung von Prominenten?”

Carter nickte. “Ich habe davon gehört. Mehrere Prominente aus der Wirtschaft und Politik waren betroffen.” Er hätte schon auf dem Mars leben müssen, um diesen Schlagzeilen zu entgehen.

“Diese hochkarätigen Opfer sind nur die Spitze des Eisbergs”, sagte Kincaid. “Nur wenige sind bereit, an die Öffentlichkeit zu gehen, statt nachzugeben. Und deshalb ist das FBI eingeschaltet worden.”

“Ein neuer Fall?”, fragte Carter.

Kincaid zog einen mehrseitigen Bericht aus seinem Eingangskorb und blätterte ihn durch. “Unseren Informationen zufolge gibt es noch mehr Opfer.” Kincaid schob Carter den Bericht zu.

Carter überflog die Zusammenfassung. Der Verfasser des Berichts hatte eine Verbindung zwischen allen bekannten Opfern festgestellt: Irgendwann in den letzten zwei Jahren hatten sämtliche Opfer eine Ferienanlage nördlich von Santa Barbara, Kalifornien, besucht. Eine ziemlich interessante Ferienanlage, wie es schien. Das Kama Resort wurde von einem Sextherapeuten geleitet und hatte eine eigene Radioshow, bei der die Zuhörer sich telefonisch beteiligen konnten. Carter hatte die Sendung ein paarmal gehört.

Er legte die Akte auf den Schreibtisch. “Das ist ein Sex-Camp.”

“Mehr oder weniger, ja.” Kincaid nahm die Akte und legte sie wieder auf den Stapel. “In der Broschüre heißt es, die Einrichtung kümmere sich um Paare, die sich eine Verbesserung ihres Liebeslebens erhoffen.”

Amüsiert schob Carter seinen Stuhl zurück und streckte seine langen Beine aus, bis er mit den Turnschuhen gegen den Schreibtisch stieß. “Wie ich bereits sagte, ein Sex-Camp.”

“Ja.”

“Verdächtigt das FBI den Besitzer?”

“Wir haben ihn überprüft, und er erscheint uns sauber.” Kincaid lehnte sich in seinem Stuhl zurück. “Aber natürlich können wir in diesem Stadium noch keine sichere Aussage treffen. Vielleicht gibt es auch gar keine Verbindung zu diesem Etablissement. Es könnte reiner Zufall sein, dass alle Opfer des Erpressers einmal dort gewesen sind.”

“Und was hat das alles mit mir zu tun?”, fragte Carter.

“Das FBI ist gebeten worden, an einem Sonderkommando teilzunehmen. Wir arbeiten mit der Polizei in Santa Barbara zusammen”, erklärte Kincaid. “Wie ich schon sagte, es könnte ein Zufall sein, aber ich glaube nicht an solche Zufälle.”

“Und ich gehöre zu dem Sonderkommando.”

“Sie gehören nicht nur zu dem Sonderkommando, sondern stehen ihm vor und leiten auch das Undercover-Team. Es sei denn, Sie haben andere Pläne.”

Carter verkniff sich eine bissige Bemerkung. Oh ja, seine Planung sah anders aus. Das Letzte, was er wollte, war ein neuer Undercover-Job. Wenn Kincaid nicht bereit war, ihn gehen zu lassen, dann war es vielleicht an der Zeit, die Kündigung einzureichen.

“Sinclair?”

Carter setzte sich auf. “Sir, ich fürchte, diesen Auftrag kann ich nicht annehmen. Ich will nicht länger …”

“Ich weiß, Sie wollen nicht mehr als Undercover-Agent arbeiten. Wenn Sie diesen Job erfolgreich erledigen, garantiere ich Ihnen ein neues Aufgabengebiet. Einen Bürojob, wenn es das ist, was Sie wollen. Sie können wählen, wo.” Er breitete die Arme aus. “Sie haben völlig freie Hand, aber nur, wenn Sie …”

“Ich weiß, ich weiß.”

“Meinen Sie, Sie können noch einen Undercover-Auftrag annehmen? Immerhin ist es keiner, bei dem Sie mit Rauschgiftsüchtigen zu tun haben. Ihnen muss dieser Job doch wie ein Urlaub vorkommen.”

Carter wusste, wann er sich geschlagen geben musste. “Wer gehört zum Team?”

“Sie und die Verfasserin des Berichts. Sie fliegen beide nach Burbank und holen sich in unserem dortigen Büro Ihre Papiere und einen Leihwagen.”

“Nur eine weitere Person? Sprachen Sie nicht von einem Team? Und nicht von einem Partner?”

“Wie Sie bereits festgestellt haben, handelt es sich um ein Sex-Camp. Sie werden von einem Sonderkommando außerhalb des Camps unterstützt, aber Sie und Agentin Lowell gehen allein in das Camp.”

“Agentin Lowell?” Carter beugte sich vor. Er musste sich verhört haben. “Doch nicht Tori Lowell?”

Kincaid sah ihn über den Brillenrand hinweg an. “Sie kennen sie?”

“Wir sind zusammen auf der FBI-Akademie gewesen.”

“Dann wissen Sie vielleicht, dass sie seit der Ausbildung in Quantico am Schreibtisch arbeitet. Sie leistet verdammt gute Arbeit, aber sie brennt darauf, als Undercover-Agentin eingesetzt zu werden. Und da sie die Verbindung der Erpressungsfälle mit der Ferienanlage herausgefunden hat, haben wir beschlossen, ihr diese Bitte zu erfüllen.” Wieder warf Kincaid einen abschätzenden Blick über den Brillenrand. “Wenn Sie Lowell kennen, dann kennen Sie auch ihren Ruf.”

“Ja, Sir”, murmelte Carter.

“Gut. Denn ich vertraue darauf, dass Sie es schaffen, Sie in Schach zu halten. Die Frau ist eine gute Agentin, aber sehr impulsiv.”

Irritiert sah Carter auf. “Ich soll also den Babysitter für sie spielen?”

“Nein, Sie leiten lediglich das Team. Machen Sie Ihren Job gut, dann haben wir kein Problem mehr, Ihrem Versetzungsgesuch nachzukommen.” Kincaid sah Carter direkt in die Augen. “Ich gehe davon aus, das ist kein Problem.”

“Nein, Sir.” Dieser Auftrag war sein Ticket in ein neues Leben. Und dafür würde er viel in Kauf nehmen. Selbst eine Tori Lowell.

Erst als er Kincaids Büro verließ, wurde es Carter bewusst, worauf er sich eingelassen hatte – er und Tori als Pärchen in einem Sex-Camp. Vielleicht sollte er doch noch ablehnen.

Nein, es gab hundert Gründe, den Job anzunehmen, und nur einen, es nicht zu tun.

Als Mann hatte Carter sich vom ersten Moment an zu ihr hingezogen gefühlt. Sie war brillant und zielstrebig, und ihre Leistungen hatten ihn angespornt. Seinen eigenen Erfolg an der Akademie verdankte er dem ständigen Konkurrenzkampf.

Vielleicht besaß sie das Zeug zu einer ausgezeichneten Agentin, doch sie war auch immer sehr impulsiv gewesen und war es offenbar auch heute noch. Tori, die Tochter eines berühmten Undercover-Agenten, hatte aus ihrer Absicht, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten, nie einen Hehl gemacht. Und für ihre Karriere tat sie alles.

Dates waren während der Ausbildung in Quantico nicht gern gesehen, doch Carter war so hingerissen gewesen von Tori, dass er sich nicht danach richtete. Fast täglich hatte er sie zum Kaffee, zu einer Pizza und einem Bier in die Bar über der Cafeteria eingeladen. Beharrlich lehnte sie ab. Erst eine Woche vor der Abschlussprüfung hatte sie eingewilligt.

Carter konnte sich noch genau daran erinnern, wie verführerisch sie an jenem Abend ausgesehen hatte. Sie trug ein schwarzes Kleid, Seidenstrümpfe und Pumps mit hohen Absätzen. Sie waren in einen Nachtclub gegangen und hatten stundenlang getanzt. Jeder wollte den anderen mit seiner Ausdauer übertrumpfen. Sie erfrischten sich mit Wodka Tonic. Allerdings konnten die kühlen Drinks nicht das Feuer löschen, das Tori in ihm entfacht hatte. Im Gegenteil. In Toris Nähe zu sein genügte, um sein Blut in Wallung zu bringen.

Auch Tori war erregt gewesen. Und als sie das Wohnheim erreichten, konnten sie die Hände nicht voneinander lassen. Carter war so heiß auf sie gewesen, dass er sie schon an der Treppe, die zu ihrem Zimmer führte, in die Arme genommen hatte.

Sie hatte sich nicht gewehrt, sondern ihre Arme um seinen Nacken geschlungen und ihre Lippen … Er seufzte bei dem Gedanken daran. Was für Lippen!

Er hatte sich ein wenig von ihr gelöst, damit er sie berühren und den Körper unter dem hautengen Kleid streicheln konnte. Sie hatte gestöhnt. Er erinnerte sich, dass ihm schwindelig geworden war. Nicht vom Alkohol, sondern weil diese Frau, mit der er während der ganzen Zeit der Ausbildung im Wettstreit gelegen hatte, ihn genauso begehrte wie er sie.

Er hatte ihren Mund erforscht und war dann mit den Händen von ihren schmalen Schultern zu ihren Brüsten geglitten. Sie hatte gestöhnt, und er hatte sie enger an sich gezogen, wollte mehr, wollte alles. Natürlich war ihm klar gewesen, dass sie entweder in sein oder ihr Zimmer gehen sollten, aber er wollte den erotischen Moment nicht unterbrechen.

Sie hatte sich zurückgelehnt und ihn lächelnd angesehen, dann aber hatte sie die Stirn gerunzelt und sich losgerissen. “Ich muss gehen.”

“Was?”, hatte er verstört gefragt.

Sie hatte ihn von sich gestoßen. “Ich muss gehen.”

Sie war die Treppe hinaufgerannt, während er sich umgeschaut hatte, ob sie beobachtet worden waren. Glücklicherweise war die Halle menschenleer gewesen.

Erst als Toris Schritte verklangen, wurde Carter klar, was passiert war. Es war ein Trick gewesen. Die letzten Prüfungen standen bevor, und bisher hatte er es geschafft, sie auf jedem Gebiet zu übertrumpfen. Es gab beim FBI zwar keine offizielle Rangliste, doch trotzdem wusste jeder, wer den Spitzenplatz einnahm. Im Moment war es Carter. Und Tori wollte ihn von dem Platz vertreiben. Unbedingt. Sie setzte sogar ihre Verführungskünste ein, um ihn aus der Bahn zu werfen. Warum aber war sie weggelaufen? Vielleicht war sie letztendlich doch zu feige gewesen. Oder vielleicht hatte sie auch von Anfang an geplant, ihn erst heiß zu machen und dann zu verschwinden.

Er seufzte. Welch eine Schmach! An jenem Abend hatte er seine heftige Erregung nur mit einer langen, kalten Dusche dämpfen können.

Er verdrängte die Erinnerung daran, denn der Fahrstuhl kam. Wahrscheinlich war sie immer noch wütend auf ihn, weil er sie während der Ausbildung in den meisten Bereichen übertroffen hatte.

Er trat in den Fahrstuhl. Nicht, dass er noch an Tori interessiert wäre. Sein Beruf bot genug Aufregung. Die brauchte er nicht auch noch bei Frauen. Egal, wie er jetzt für sie empfand, damals in Quantico war er dank dieser Frau Tag und Nacht erregt gewesen. Dabei hatte sie sich wahrscheinlich nie wirklich für ihn interessiert. Und ausgerechnet diese Frau sollte jetzt seine Partnerin sein?

Worauf hatte er sich nur eingelassen?

“Adlerhorst, hier Rotkehlchen. Ich bin bereit.” Spezialagentin Tori Lowell duckte sich hinter dem Müllcontainer in der Hogan’s Alley. Sie ignorierte den widerwärtigen Gestank nach vergammelten Lebensmitteln und wartete auf Murphys Antwort aus dem Kopfhörer. Sie musste nicht lange warten.

“Roger, Rotkehlchen.” Es folgten statische Störungen, dann meldete sich wieder die Männerstimme: “Nesthocker, bitte alle melden.”

“Hier Drossel. An Ort und Stelle. Keine Aktion.”

“Hier Sperling. Bei mir ist auch alles ruhig.”

“Hier Seemöwe. Jemand kommt. Bleibt dran.”

Adrenalin schoss durch ihre Adern. Hinter dem Container stank es zum Himmel, und sie sehnte sich danach, ihr Versteck zu verlassen. Doch sie hatte strikten Befehl, bei diesem Routinetraining nur zu beobachten, es sei denn, sie erhielt einen anders lautenden Befehl.

Sie seufzte. Wie zum Teufel sollte sie jemals beweisen, was in ihr steckte, wenn man ihr keine Gelegenheit dazu gab? Carter Sinclair arbeitete als Undercover-Agent, seit sie die Akademie verlassen hatte. Offensichtlich hatte seine Karriere nicht unter dem kurzen Flirt in jener Nacht in Quantico gelitten.

Sie verstärkte den Griff um ihre Pistole. Sie war eine genauso gute Agentin wie Carter – vielleicht sogar eine bessere – und doch saß sie in einem Büro fest. Ihre Vorgesetzten gaben als Grund ihre überragenden Fähigkeiten bei Nachforschungen und Auswertungen an, und auch ihr Mentor beim FBI – ein überfürsorglicher Freund der Familie – bekräftigte diese Einschätzung. Doch Tori war anderer Meinung. Sie war zu gut, um an den Schreibtisch gefesselt zu sein. Folglich war die Geschichte mit Carter die einzige Erklärung. Sie hatte einen Fehler gemacht und war mit diesem supersexy Agenten ausgegangen. Der Wein und das Mondlicht hatten sie in romantische Stimmung versetzt.

Sie seufzte bei der Erinnerung daran. Oh, es war himmlisch gewesen, von ihm geküsst zu werden. Zumindest, bis sie gesehen wurden. Sie hatte nie herausgefunden, wer Zeuge ihrer Zärtlichkeiten geworden war, aber sie hatte im Schatten jemanden gesehen. Wer immer es war, er musste Bericht erstattet haben; eine andere Erklärung gab es nicht. Ihre Vorgesetzten hatten von der Affäre erfahren. Kein Problem für Carter, er bekam als Mann trotzdem die besten Aufträge, doch sie, eine Frau, war an den Schreibtisch verbannt worden.

Es war einfach nicht fair.

Peng! Schüsse fielen.

Tori drückte sich mit dem Rücken an die Mauer, eine Hand legte sie an einen Stapel leerer Farbeimer. Sie verspürte ein Kribbeln im ganzen Körper, als sie dagegen ankämpfte, hochzuschnellen und zu sehen, was los war.

Bleib, wo du bist. Rühr dich nicht vom Fleck! betete sie sich vor und hoffte, endlich den Befehl zum Handeln zu erhalten. Sicher, sie war eine gute Ermittlerin und fertigte hervorragende Analysen an, doch verdammt, sie war nicht zum FBI gegangen, um am Schreibtisch zu hocken.

Ihr Vater war ein legendärer Undercover-Agent gewesen. Klar, er war kaum zu Hause gewesen, aber nur, weil seine Arbeit so wichtig gewesen war. An seinem Tod waren Tori und ihre Mutter fast zerbrochen. Und von dem Zeitpunkt an hatte Tori davon geträumt, in die Fußstapfen ihres Vaters zu treten.

Sie hoffte, dass sie das Zeug dazu besaß. Während der Ausbildung hatte sie zwar immer zu den Besten gehört, doch hatte sie nie Gelegenheit gehabt, ihr ganzes Können unter Beweis zu stellen.

Sämtliche Versuche, einen Auftrag als Undercover-Agentin zu bekommen, waren abgeschmettert worden. Toris Arbeit war interessant, aber es war nicht dasselbe wie ein Undercover-Einsatz. Bisher war sie mit ihren Bitten auf taube Ohren gestoßen, und sie war wütend auf sich selbst, weil sie sich die Schuld an der Situation gab. Vom ersten Tag an war sie Carter verfallen gewesen. Ihm schien es nicht anders zu gehen, wenn sie überlegte, wie oft er sie um ein Date gebeten hatte. Schließlich hatte sie nachgegeben und einem Treffen zugestimmt. Und für diesen Fehler zahlte sie seit Jahren.

Jetzt aber sah sie ihre Chance gekommen. Sie hielt den Atem an und wartete auf den Befehl zu agieren.

Leider jedoch herrschte nur beharrliches Schweigen in ihrer Ohrmuschel.

Auf der Straße war es nicht annähernd so ruhig. Schwere Schritte hallten durch die Stille. Jemand rannte. Und eine Stimme befahl ihm, stehen zu bleiben und die Hände zu heben.

Sie könnte ihn fassen. Sie brauchte nur den Befehl.

Nichts kam.

“Adlerhorst, hier Rotkehlchen. Ich habe den Kerl direkt im Visier. Soll ich eingreifen?”, fragte sie.

“Nein, Rotkehlchen.”

Tori verkniff sich ihren Protest. Instinkt und Training befahlen ihr, vorzustürmen und den Kerl zu ergreifen. Ihr gesunder Menschenverstand riet ihr jedoch, sich nicht vom Fleck zu rühren.

Der Verbrecher war jetzt so nah, dass sie seinen keuchenden Atem hören konnte. Es gab keinen Grund, weshalb sie den Kerl nicht dingfest machen sollte. Er stand direkt auf der anderen Seite des Müllcontainers. Sie hielt ihre Pistole fest in der Hand. Bleib, wo du bist, befahl sie sich erneut. Rühr dich nicht vom Fleck.

Im gleichen Moment änderte sie ihre Meinung und griff nach einem leeren Farbeimer. Ihre Sicht war eingeschränkt, doch sie nahm den Arm zurück, und als er an ihr vorbeilief, sprang sie auf und versetzte ihm einen kräftigen Schlag zwischen die Schultern, sodass er zu Boden ging. “Hände hinter den Kopf!”, schrie sie und zog die Pistole, blieb jedoch hinter dem Container.

Der Kerl stöhnte auf dem Boden und legte die Hände in den Nacken. Sie hatte ihn gefasst. Und sie hatte keine Befehle missachtet. Rein technisch gesehen jedenfalls nicht.

Spezialagent Travis Murphy kam auf sie zu und ging neben dem “Verbrecher” in die Hocke. “Alles okay, Junge?”

Der Mann setzte sich auf und rieb sich den Rücken. “Ja, Sir.”

Murphy schlug ihm dann auf die Schulter. “Lassen Sie sich untersuchen. Sie hat sie ziemlich hart erwischt.”

Der Agent, den Tori nicht kannte, warf ihr einen bösen Blick zu. “Ja, das hat sie.”

Sie machte ein unschuldiges Gesicht. “Ich habe den Verbrecher gefasst, Sir.”

“Sie haben einen Befehl missachtet.”

“Nein, Sir, ich bin hinter dem Container geblieben und ich …”

“Verdammt, Lowell, lassen Sie die Haarspalterei. Das hier ist kein Spiel.”

Sie unterdrückte die Antwort, die ihr auf der Zunge lag.

“Wie soll ich Ihre Eignung für den Feldeinsatz beurteilen, wenn Sie nicht einmal in der Lage sind, einen einfachen Befehl zu befolgen? Ganz abgesehen davon, dass O’Henry sich wahrscheinlich bei Ihrem Angriff die Schulter ausgekugelt hat.” Murphy seufzte.

Tori biss sich auf die Lippen. Ihr Verstand und ihr Stolz kämpften gegeneinander. Der Stolz sagte ihr, dass sie richtig gehandelt hatte. Wenn sie den Farbeimer nicht geworfen hätte, wäre der Verbrecher entkommen, und das FBI hätte niemanden verhaftet. Fakt aber war, dass sie einen Befehl missachtet hatte.

“Tut mir leid, Sir. Ich habe instinktiv gehandelt.”

“Hören Sie endlich auf, wie Ihr Vater sein zu wollen, Lowell.” Murphy sah sie über seine Brillengläser hinweg an. “Das wird in Ihrer Akte vermerkt. Tut mir leid, aber ich habe keine andere Wahl.”

Tori kochte vor Wut. “Travis!” Sie hielt ihn am Ärmel fest, bevor er sich umdrehen konnte.

Der Blick, den er ihr zuwarf, war alles andere als freundlich.

“Ich meine, Agent Murphy.” Sie senkte die Stimme, damit niemand den vertraulichen Ton hören konnte. “Gib mir eine Chance. Seit ich beim FBI bin, sitze ich am Computer. Ich möchte einen Undercover-Auftrag.”

“Dann verdien dir die Chance.”

“Das habe ich bereits in Quantico getan.”

Er starrte sie an.

Tori straffte die Schultern. “Was ist mit dem Bericht über die Erpressungen, den ich letzte Woche eingereicht habe?” Sie begann an den Fingern abzuzählen. “Der Senator, der Stadtplaner und dieser Regisseur. Es gibt dort eine Verbindung. Hast du den Bericht gelesen? Und das sind nur diejenigen, von denen wir wissen. Irgendjemand zieht da eine ganz miese Masche ab. Wenn ich dorthin könnte …”

“Verdammt, Tori. Dein Job ist die Analyse, und darin bist du verdammt gut.”

Die Worte klangen barsch, doch einen Moment später wurden die Gesichtszüge des alten Mannes weicher. Travis Murphy und Toris Vater waren beste Freunde gewesen und hatten eng zusammengearbeitet. Als Mark Lowell starb, hatte Travis sich um Tori und ihre Mutter gekümmert.

“Ich bin darin vielleicht gut, aber es ist nicht mein Ziel, am Schreibtisch zu versauern. Ich bin zum FBI gegangen, um …”

“Ich weiß, um als Undercover-Agentin zu arbeiten. Wie dein Vater.” Sein Gesichtsausdruck verdüsterte sich. “Ich nehme an, ich kann dich nicht dein Leben lang beschützen. Aber du wirst es nicht bis an die Spitze schaffen, wenn du ständig Regeln brichst.”

Ihr Vater hatte viele Regeln gebrochen, aber Tori wusste, wann es klüger war, den Mund zu halten. Sie schloss die Augen und zählte bis zehn. Während sie zählte, drangen Murphys Worte in ihr Bewusstsein. Langsam öffnete sie die Augen. “Was meinst du damit, dass du mich nicht mein Leben lang beschützen kannst.” Sie holte tief Luft. “Bekomme ich einen Undercover-Auftrag?”

“Ja, Mädchen. Es sieht so aus.”

“Was? Wann? Mit wem?” Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus, und sie musste sich zurückhalten, um Murphy nicht zu schütteln, damit er endlich alles erzählte.

Lachend hob er die Hand. “Langsam. In einer Stunde erfährst du mehr. Ich weiß im Moment nur, dass du Beweise für die Behauptungen in deinem Bericht bringen sollst. Und du wirst mit jemandem zusammenarbeiten, den du schon von der Akademie kennst.”

“Dough Leyman?”, fragte sie.

“Carter Soundso”, erwiderte Murphy. Tori drehte sich der Magen um, auch wenn sie sich wunderte, warum Carters Name Murphy nicht vertraut war. Sicherlich war ihr kleiner Flirt mit Carter mittlerweile jedem beim FBI bekannt.

Murphy schien jedoch tatsächlich keinen blassen Schimmer zu haben. “Carter Simmons? Kann das sein?”

“Sinclair”, korrigierte Tori. Sie sah Murphy in die Augen und fragte sich, ob es ein grausamer Scherz sein sollte. Doch er schien nicht zu scherzen. Sie richtete sich auf und sagte mit fester Stimme: “Der Name des Agenten ist Carter Sinclair.”

2. KAPITEL

Tori saß auf einer Bank außerhalb des Burbank Airports und las den Bericht über das Kama Resort zum hundertsten Mal, um sich von Carter abzulenken. Sie wollte nicht an ihn denken. Denn das frustrierte sie nur und weckte eine Menge anderer Gefühle, die nicht willkommen waren. Allein die Vorstellung, dass sie zusammenarbeiten würden, noch dazu in einem Sex-Camp …

Sie erschauerte. War es ein Fluch oder ein Segen?

Sie erinnerte sich an sein Gesicht – das anmaßende Grinsen, die nachdenklich blickenden Augen.

Ja, ihn als Partner zu haben war eindeutig ein Fluch. Nicht nur, weil er sie in vielerlei Hinsicht frustrierte. Während der Ausbildung hatte er sie immer wieder übertroffen, und anschließend war er derjenige gewesen, dem man die aufregendsten Fälle zuteilte, während sie vor dem Computer saß. Aber sie war eine vernünftige Frau. Sie wusste, dass nicht Carter derjenige war, der ihr Steine in den Weg legte. Diese Ehre gebührte ihren Vorgesetzten.

Aber dies war ihr Fall. Schließlich war sie diejenige, die den Bericht verfasst hatte, der das Ganze ins Rollen gebracht hatte. Von Rechts wegen müsste sie das Team leiten. Und tat sie es? Nein. Wieder einmal hatte Carter sie überflügelt, und sie war ihm unterstellt.

Die Sache stank zum Himmel. Zumal der Auftrag, den man ihr übertragen hatte, nicht dem entsprach, was sie eigentlich wollte. Sie hatte darauf gehofft, sich in einen Drogenring einzuschleusen oder sich mit Mitgliedern einer Verbrecherbande anzufreunden. Stattdessen hatte man ihr diese leichte Form eines Undercover-Auftrags zugeschanzt – sie sollte eine verheiratete Frau in einem Sex-Camp spielen. Nicht gerade das, was sie erwartet hatte, aber in der Not durfte man nicht wählerisch sein.

Sie würde alles in ihrer Macht Stehende tun, um in diesem Job zu glänzen. Und wenn das bedeutete, dass sie Carter Sinclair gehorchen musste, dann würde sie es eben tun.

Sie hatte sich schon überlegt, wie sie diese Geschichte angehen könnten.

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