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Wenn du fort bist, ist alles nur halb

Anna Ditzen – Hans Fallada

Wenn du fort bist, ist alles nur halb

Briefe einer Ehe

Herausgegeben von Uli Ditzen

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Inhaltsübersicht

Vorwort des Sohnes als Herausgeber

Briefe einer Ehe

Verlobung und frühe Ehezeit. 1928–1930

Begegnung und erstes Glück

Die frühe Ehezeit

Ulis Geburt

Annäherung und Verständnis. Januar/Februar 1931

Suses Kur in Weimar

Jahre im Frieden. 1932–1937

Von der kleinen Blonden bis Carwitz

Depressionen in guten Zeiten

Suse im Krankenhaus – Die Galle

Suse in Leipzig bei Mutter Ditzen

Krieg und Zusammenbruch. 1944–1946

Carwitz im Chaos, das Westend in Flammen

Von der Thüringer Idylle zur Scheidung

Die Landesanstalt in Strelitz

Zweite Ehe und Berliner Neubeginn

Der letzte Brief

Anhang

Anmerkungen

Zu dieser Ausgabe

Vorwort des Sohnes als Herausgeber

Mein Vater schrieb schnell und viel. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er mit seinem – zeit seines Lebens beibehaltenen – Zwei-Finger-System auf die Tastatur seiner Remington-Reiseschreibmaschine einhieb und schneller vorankam als manche Sekretärin. Dabei dachte er immer noch schneller, als er schreiben konnte. Nur selten, etwa wenn die Maschine in einer seiner Haftzeiten unerreichbar war oder er ganz persönliche Bemerkungen einzufügen hatte, griff er zu seinem Montblanc-Füllfederhalter, schrieb langsam und schwerfällig, immer behindert durch seinen Schreibkrampf.

Von meiner Mutter hingegen hat sich mir das Bild eingeprägt, wie sie während der tagelangen Stromsperren bei Kriegsende im matten Schein des großen Petroleumleuchters ihre Briefe und Haushaltsaufzeichnungen handschriftlich zu Papier brachte. Das ging langsam, zumal sie alles erst bedachte, bevor sie schriftlich formulierte.

Dass ungeachtet aller Unterschiede in der Schreibtechnik in den Jahren von der ersten Begegnung bis zu dem Tode meines Vaters ein harmonisches, in sich stimmiges Korrespondenzwerk entstand, ahnten wir, die Kinder, über Jahrzehnte hinweg nicht. Noch nach dem Tode meiner Mutter im Jahre 1990 gingen weder mein Bruder Achim noch ich an den Ordner »Wir«, der sich im Nachlass befand; schwer zu entziffern waren viele Partien, manche nur in der Kohlepapier-Durchschrift vorhanden, oft schon recht verblasst.

Erst das Interesse des Verlages und meine als Rentner schließlich gewonnene neue Freiheit (Freizeit) führten zur Erarbeitung der Texte, zur Entdeckung eines Schatzes. Gezählt habe ich die Briefe bis heute nicht, aber abgeschrieben habe ich sie, vom ersten bis zum letzten. Es wurden 905 Schreibmaschinenseiten, engzeilig.

 

Hätten meine Eltern überhaupt gewollt, ihre Ehekorrespondenz – einschließlich der Briefe aus vor- und nachehelicher Zeit – veröffentlicht zu sehen? Für einen Schriftsteller, der vorwiegend aus dem eigenem Erfahrungsbereich berichtet, liegt diese Frage nahe. Und so haben sich meine Eltern tatsächlich schon früh in ihrer Beziehung hierzu geäußert. Der Vater schrieb der Mutter: »Ich glaube eigentlich nicht, dass sich unsere, oder vielmehr meine Braut- und Ehebriefe zum Druck eignen.« (28. Januar 1931) Meine Mutter postwendend: »Dass unsere Briefe sich nicht zum Druck eignen, ist auch meine Ansicht. Und wenn Du jemals diese ungeheuerliche Idee haben solltest, streike ich! Jawohl! Das geht keinen Menschen was an, was wir uns schreiben.« (30. Januar)

Jahrzehntelang blieb es dabei, weit über den Tod der Beteiligten hinaus. Und nun hat sich der Sohn als Herausgeber doch darangemacht, dieses gegenseitige Versprechen der Eltern zu brechen. Zum 60. Todestag des Vaters, über fünfzehn Jahre nach dem Tod der Mutter, wurde die Ausgangs- und Eingangsfrage noch einmal bedacht: Was sprach aus diesem zeitlichen Abstand eigentlich noch gegen eine Publikation?

Die Mutter hatte ihre ursprünglich rigide Auffassung im Laufe der Jahre gemildert. Sie hat sich, als der Abstand zur gescheiterten Ehe groß genug war, sehr offen darüber geäußert (Ulrike Edschmid, Diesseits des Schreibtisches, Düsseldorf 1990). Da war die Ungeheuerlichkeit der frühen dreißiger Jahre nichts Besonderes mehr in einem Lande, in dem auch die Schilderung von Intimitäten zu gängiger Münze verkommen war.

Mein Vater hingegen hatte, so scheint es mir, den Gedanken einer Veröffentlichung von Anfang an nicht so recht als bedrohlich empfunden: Das Wort »eigentlich« wirkt auf mich heute, werden Grundsatzerklärungen abgegeben, ebenso zweideutig, wie es damals gewesen sein wird – als richtig ernst gemeint verstehe ich eine damit verbundene Aussage nicht. Und es gab ja auch noch einen Zusatz zu dem zitierten Passus im Vater-Brief: »Ach die Armen, die mal meinen Nachlass in Buchform rausgeben wollen.« Ich fühle mich kurzerhand von beiden Seiten dispensiert.

 

So lege ich nun diesen ersten Blick in die Korrespondenz vor. Verlegerische Überlegungen haben dazu geführt, dass nur ein gutes Drittel des Bestandes abgedruckt wird. Aber das Wesentliche der Beziehung meiner Eltern zueinander, der Kernbereich des Schriftwechsels ist erhalten geblieben.

Dass Eheleute ihr Leben und ihr Denken so umfangreich füreinander zu Papier bringen, ist für uns Nachgeborene ein Glücksfall – für die Briefschreiber war es das nicht. Denn Anlass für die Korrespondenz waren fast immer Krankenhausaufenthalte und Erholungskuren, kein Grund zur Freude für die Jungverheirateten. Die Weimarer Zeit der Trennung, sechs Wochen im Januar und Februar 1931, während der meine Mutter eine Privatkur machte – sie wurde den beiden lang. Sie führte aber auch dazu, dass täglich vier, sechs, ja acht Seiten lange Briefe ausgetauscht wurden, Briefe, in denen so deutlich wie nicht zuvor und nicht danach die Eltern einander darlegten, was in ihnen vorging – um das, was um sie herum vorging, gar nicht weiter zu erwähnen, das war selbstverständlich.

 

Wer heute das Fallada-Haus in Carwitz betritt, wird den ersten Blick auf die beiden Reihen von aktuellen, zum Verkauf stehenden Werkausgaben meines Vaters werfen, auch Bücher über ihn. Meist sind es Taschenbücher, die Umschläge tragen die üblichen bunten Bilder. Kneift man die Augen etwas zusammen, wirkt die Bücherschau wie ein abwechslungsreicher Flickenteppich. Letztes Jahr waren andere Titel dabei, nächstes Jahr kommen neue hinzu. Das Bild ändert sich ständig.

So geht es mir auch mit dem Verständnis des Lebens meiner Eltern: Im Laufe der Jahre wird es immer deutlicher. Hierzu wird auch der jetzt vorgelegte Briefband beitragen. Das Leben der beiden Eheleute, meiner Eltern, ist uns zeitlich fern, menschlich rückt es uns näher. Der Teppich changiert, er lebt.

 

Im März 2007

Uli Ditzen

Briefe einer Ehe

Verlobung und frühe Ehezeit

1928–1930

Das Jahr 1928 – geschichtlich nicht von Bedeutung, persönlich für die Familien Ditzen und Issel aber von entscheidender. Mein Vater Rudolf Ditzen wurde nach 2 ½-jähriger Haft wegen Unterschlagung aus dem Gefängnis Neumünster entlassen, schrieb in Hamburg Adressen für Werbungszwecke und fand dort ein Untermietzimmer bei Frau Issel; es war das der Tochter Anna, die sich wochenlang zur Kur in Bad Wildungen aufgehalten hatte. Und Anna Issel, die meine Mutter wurde, kehrte heim, um anderntags wieder ihre Arbeit als Lageristin in der Putzwarengroßhandlung Hut-Brammer anzutreten. Im Hausflur vor Mutter Issels Wohnung begegneten sich die heimkehrende Anna und der ausziehende Rudolf – wenige Tage später begann die Beziehung zwischen dem mit 27 Jahren späten Mädchen und dem besitzlosen 35-jährigen Ex-Häftling – und es begann fast gleichzeitig die Korrespondenz zwischen den beiden, denn sie arbeitete weiter in Hamburg, er fand trotz seiner Vorgeschichte in seinem vormaligen Haftort Arbeit als Annoncenwerber und Lokalreporter für ein von Rechts wegen längst bankrottes Lokalblatt.

Die allerersten Briefe dieses Schriftwechsels fehlen, später sortierten die Ditzens alle Originale zusammen. Der gleich anfangs erwähnte Hans ist Annas Bruder, der – anders als ihre drei schon verheirateten Schwestern – noch nicht ausgezogen war. Er hat die Beziehung Issel-Ditzen wohl geknüpft, nachdem er wie mein Vater in der Guttemplerloge Phoenix eine soziale Bleibe gefunden hatte.

Begegnung und erstes Glück

Hamburg, d. 8. 12. 28.

Lieber Herr Ditzen!

In Ihrem heutigen Brief an Hans schreiben Sie, daß Sie sich von der Familie Issel ein wenig vernachlässigt fühlen; daß Sie trotz Ihrer vielen Briefe keinen Brief wieder erhalten. Das tut mir wirklich leid. Diese Woche war aber mal wieder so ausgefüllt, daß ich mir den Brief an Sie auch zum Weekend aufsparen mußte. Dafür bekommen Sie nun aber morgen früh auch gleich zwei, denn Hans will auch noch schreiben, wenn er von der Phönix zurück kommt.

Für Ihren schönen Brief seien Sie nun recht bedankt. Ich will nun versuchen, Ihnen einen ebenso schönen zu schreiben. (Ob’s was wird, ist ja noch sehr die Frage; Sie müssen dann eben den guten Willen für die Tat nehmen.)

Ihre Schilderung von Frl. Harder No. II hat mich anfangs sehr belustigt. Aber ist es nicht traurig, daß das kl. Mädel sich wegen solcher Bagatelle vor Fremden anfahren lassen & Tränen vergießen muß? Die Vorgesetzte würde doch sicher viel mehr erreichen & eine viel freudigere Arbeitskraft gewinnen, wenn so etwas in Ruhe & Ordnung erledigt würde. Hoffentlich lernt das kl. Mädchen es auch bald, solche Sachen lächerlich zu nehmen.

Unser Frl. Harder leistet sich auch ungefähr jeden Tag etwas Anderes. Gestern fragte sie meine kl. Kollegin, wie diese einen Karton auf einen Lagertisch stellte, ob sie zu Hause die Eimer auch auf das Tischtuch stelle, und ich wurde vor einigen Tagen bei einer ähnlichen Gelegenheit gefragt, ob ich meine Schuhe auch auf die Butter stelle. Haben Sie solche Vergleiche schon mal gehört? So geht das immer in schönem Wechsel. Mir ist es einfach unbegreiflich, wie ein sonst kluger & tüchtiger Mensch so lächerlich reden kann. Wir sind ja zum Glück schon soweit, daß wir nach einem Moment Aerger drüber lachen. Aber daß die Arbeitslust dabei nicht groß ist, können Sie sich wohl vorstellen. Na, Schluß davon.

Und Sie haben tüchtig zu tun? & können einen Teil Ihrer Arbeit sogar auf herrlichen Spaziergängen erledigen? Wer’s auch mal so gut hätte. Schließlich wird es Ihnen in Neumünster noch so gut gefallen, daß Sie garnicht wieder von dort fort möchten?

In Ihrem heutigen Brief schreiben Sie auch, daß aus dem Weihnachts-Wiedersehen mit Ihrem stettiner Freund nichts wird. Mutter Issel meint, daß Sie, wenn Sie nichts Besseres vorhaben, auch ohne stettiner Freund Weihnachten nach Hbg. kommen könnten. Und ich schließe mich dieser Meinung an.

Hierbei wollen wir doch auch noch einmal, zum letzten Mal, die leidige Zimmerfrage beim Wickel kriegen. Sie brauchen & sollen sich deswegen nicht quälen. Es geht wirklich! Für die paar Tage, die Sie immer nur da sind, trete ich mein Paradies gerne an Sie ab & habe dann auch selbst noch genug Gemütlichkeit. Ich hoffe, nun sind Sie beruhigt & wir können auch hierbei Schluß der Debatte machen.

Heute beginnt hier in Hbg. die Lichtwoche. Was ich heute davon gesehen habe, war jedoch noch nicht überwältigend. Ich sehe mir aber fast täglich im Geschäft vom 5. Stockwerk aus den hamburger Dom an. Da hört & sieht man von dem ganzen Trubel nichts, sondern sieht nur die Lichtkonturen der Gebäude & Aufbauten. Das sieht ganz wundervoll aus. Wie eine leuchtende, goldene Märchenstadt.

Nun noch einen recht schönen Sonntagsgruß von Mutter & von mir,

Ihre

Anna Issel

 

Hbg. 10. 12. 28.

Lieber Herr Ditzen,

ich sitze wieder einmal so recht gemütlich hier in meiner Sofaecke & finde, daß ich Ihnen, trotzdem ich ja eigentlich keine Zeit habe, schnell ein paar Zeilen auf Ihren gestrigen Brief schreiben könnte. Ihr Gefühl, daß sich unsere Briefe kreuzen, war wirklich richtig, aber mein Brief wird doch wohl erst heute angekommen sein, es war doch schon zu spät, wie ich ihn einsteckte. Ebenso der von Hans. Er kam am Sonnabend natürlich wieder furchtbar spät nach Hause & konnte erst gestern schreiben. Augenblicklich sitzt er in der Küche & bastelt an seinem Radio. Der »Accu«, der ja bisher der Grund war, daß der Apparat nicht ging, ist jetzt auch da, also können wir hoffen, bald etwas zu hören.

Mutter ist wieder in’s Theater & ich will gleich, wenn der Brief fertig ist, weiter arbeiten. Und während man dann so emsig stichelt, kann man so wunderschön träumen & an alles Mögliche denken. Dann gehen meine Gedanken meistens auf Reisen, und sind dann überall da, wo ich gern hinmöchte.

Mir geht es sonst immer noch … na, so, wie immer. Ich war die ganze letzte Woche immer müde & komme auch fast garnicht zum Lesen, sodaß ich beim »Raskolnikoff« noch nicht viel über den I. Teil des I. Bandes hinausgekommen bin. Augenblicklich habe ich einfach keine Ruhe & Sammlung zum Lesen.

Auf Hans’ Geburtstag waren wir wieder ein bischen gemütlich beisammen, meine Schwestern mit Kindern, Geschw. Ebers, Rosa & wir. Nachdem meine Schwestern fort waren, haben wir noch ein Stündchen verklöhnt. Da haben nur Sie in der Runde gefehlt.

Aber nun muß ich doch endlich Schluß machen. Ein paar Zeilen sollten es nur werden & ein langer Brief ist es schon wieder.

Ich sende Ihnen viele Grüße, Ihre Anna Issel

 

Am 14. 12. 1928.

Rudolf Ditzen.

Neumünster Holstein.

Schützenstr. 29 II.

 

Liebes Fräulein Issel,

ich habe Ihnen heute sogar für zwei Briefe zu danken und einen Sonntagsgruss zu senden. Wobei mir einfällt, dass ich noch nicht weiss, ob meine Sonntagsgrüsse Sie überhaupt am Sonntag und nicht erst am Montag erreichen? Ja, ich muss Ihnen schreiben, ich habe auch das Bedürfnis mit Ihnen zu plaudern, und weiss doch, dass heute wieder einmal nichts rechtes daraus wird.

Woran das liegt? Entweder an diesem schrecklichen Dreckwetter, in das sich der gestrige nette erste Schnee natürlich sofort auflöste, oder daran, dass die Geschäfte augenblicklich sehr mies gehen, oder, und das glaube ich fast, daran, dass ich gestern den Vertrag unterschrieben habe, der mich vorläufig auf ein Jahr fest an Neumünster bindet. Von beiden Seiten bis zum 1. 1. 1930 unkündbar! Das ist gut und doch hart. Es entstehen für mich auch eine Menge andere zweifelhafte Fragen, die mich etwas quälen. Z. B. ob ich Guttempler bleiben kann, wenn ich, wie im Vertrage vorgesehen, die Geschäfte des Gastwirteverbandes zu führen habe? Wenn ich auch weiter abstinent lebe – und das ist für mich selbstverständlich –, so habe ich doch ständig Behörden gegenüber die Interessen des Alkoholgewerbes zu vertreten und Vorteile dafür herauszuholen. Aber ich bitte Sie, mir auf diesen Punkt nicht zu antworten, ich muss mir das selbst erst einmal klar legen. Wir werden vielleicht zu Weihnachten darüber sprechen können.

Womit gesagt ist, dass ich höchstwahrscheinlich am 22. 12. dort eintreffen werde. Zum Weihnachtsfest komme ich jedenfalls, nur über den Termin kann ich mich nicht ganz bestimmt äussern. Und ich freue mich sehr darauf.

Dabei fällt mir ein, dass Sie mir unbedingt noch schreiben müssen, ob Hans denn eine Anodenbatterie für sein Radio hat. Bitte vergessen Sie das nicht. Ich will und muss in den Feiertagen Radio hören. –

Schach und Raskolnikoff, ach, die Zeit, die uns armen geplagten Berufswesen immer fehlt! Mir geht es auch schon so. Die Bücher türmen sich nur so bei mir und ich komme nicht dazu. Kaum, dass ich eilig einmal solch einen Gruss tippen kann. Und doch steht nichts Vernünftiges drin.

Verzeihen Sie Ihrem Rudolf Ditzen

 

Hamburg, 17. 12. 1928.

Lieber Herr Ditzen!

Herzlichen Dank für den Sonntagsgruß, den ich dieses Mal bereits am Sonnabend erhielt. Sonst sind die Grüße immer richtig am Sonntag eingetroffen.

Also jetzt haben Sie sich für 1 ganzes Jahr in Neumünster gebunden. Ich wünsche Ihnen von Herzen, daß Sie damit eine Stellung bekommen haben, wo die Arbeit Ihnen Freude macht & Sie vor allen Dingen nicht dauernd hetzt, wie es in den letzten Wochen der Fall war, sondern Ihnen auch für sich selbst Zeit läßt.

Auf ihrem Geburtstage schwamm Mutter in einem Meer von Glückseligkeit. Denken Sie nur: 2 Telegramme, div. Karten, 1 Paket mit Brief aus der Heimat, verschiedene nützliche & schöne Sachen von ihren Kindern & aus Neumünster ein langes Gedicht mit einer richtig gehenden Uhr. Das war der Clou des Abends.

Ja, und am letzten Mittwoch hätten wir »beinahe« Radio gehört. Hans hörte schon mit dem Kopfhörer & mußte nur noch ein bischen fummeln, wie es so schön in der Radiosprache heißt, & da zischte es nur einmal ganz kurz – & alle 4 Röhren = 32 Mk. waren durchgebrannt. Pech, nicht? Ob Sie nun Weihnachten werden hören können, ist sehr fraglich. 4 Röhren müssen nämlich dabei sein, sonst taugt der ganze Apparat nichts. Eine Anodenbatterie hat Hans nicht, dafür hat er einen Netzanschluß. Und dieser unglückselige Netzanschluß hat letzten Endes das ganze Maleur verschuldet, weil das Ding immer noch ein starkes Nebengeräusch entwickelte.

Und heute in höchstens 8 Tg. haben Sie Neumünster wieder für einige Tage den Rücken gewandt & sind wieder in Hbg. & können sich wieder mal gründlich ausschlafen & wir können mal wieder recht gemütlich klöhnen. Glauben Sie, daß Sie sich allein darauf freuen? Meinen Sie Familie Issel nicht?

Es grüßt Sie bis dahin herzl.

Ihre Anna Issel

 

Neumünster, den 27. Dezemb. 1928.

Johannisstr. 1

K. H. Berthold

Verlag

Schleswig-Holstein. Verkehrszeitung

Verkehrsbüro

 

Liebe Suse,

ich bin glücklich hier angekommen – wirklich sehr glücklich – und bin schon wieder an der Kette. Aber in jede Kette lassen sich schliesslich Rosen flechten und ich tippe jetzt seelenruhig diesen Brief an Dich, während drei Chefs um mich toben, und nur durch den Vermerk Privat von Neugierdebefriedigung abgehalten werden.

Erst einmal das Sachliche:

1. Ich habe Mutter 4 Mark dagelassen und sende Dir nun in der Beilage Los und Rechnung. Bitte sorge dafür, dass die Sache gleich bezahlt wird und denke in der Folge an die Erneuerung. Am einfachsten lässt Du von der Firma die ganze Sache auf Deinen Namen überschreiben, wir wirtschaften ja doch aus und hoffentlich auch in einen Topf.

2. Ich habe Hans wegen Sylvester geschrieben. Solange ich in Deiner Nähe war, schien mir die Sylvesterfrage nicht sehr wichtig, aber kaum sass ich im Zug, da wurde es mir auch schon klar, dass wir unbedingt gemeinsam ins Neue Jahr gehen müssen.

Es ist jetzt nicht Ort noch Stunde, Dir zu sagen, wie glücklich ich bin. Das soll später, vielleicht noch heute Abend, wenn ich irgend dazu komme geschehen. Aber mein liebes süsses Mädchen, ich hoffe nur, dass Du immer mit Blindheit geschlagen sein mögest und Deinen hässlichen alten Kerl lieb behalten mögest – in die hündert Jahre, wie die alten Juden sagten. Du bist meine Ganze Freude, mein völliger Stolz, endlich lohnt es sich in meinem Leben, wieder vorwärts zu kommen, und wir wollen einen guten Kampf kämpfen, Seite an Seite, ohne Furcht, mutig!

Du meine Suse, ich küsse Dich

Dein David

 

Am 28. 12. 1928.

Rudolf Ditzen

Neumünster Holstein.

Schützenstr. 29 II.

 

2. Brief vom Tage meiner Sklaverei an gerechnet.

 

Liebste

ich wollte Dir heute einen ganz langen, schönen Sonntagsgruss senden, nun wird es wieder nichts. Nachdem ich den ganzen Tag herumgeprescht bin, bekomme ich eben Bescheid, dass ich unbedingt um 9 Uhr an einer Sitzung des Vergnügungsausschusses der Mittelstandspartei teilnehmen soll. Vergnügungsausschuss ist gut – und ich möchte so gern früh in meine Baba. Es schläfert mich schon den ganzen Tag mit weisser Decke. Aber ich bin eben leichtsinnig gewesen: ich habe mal an einer vorbereitenden Sitzung dieses Ausschusses teilgenommen, der im Februar zur Maskenzeit ein grosses Trachtenfest veranstalten will unter der Devise: Huldigung des Handwerks an Hans Sachs, und habe dabei verraten, dass ich so einiges von Hans Sachs weiss. Meuchlings haben sie mich hinterrücks in den Vergnügungsausschuss gewählt – mein Chef ist der Hauptschuldige – und ich gehöre doch der Partei nicht einmal an! Nun es helpt nix, aber Du jedenfalls und nicht minder ich bin der Leidtragende.

Liebes Mädchen, nun musst Du mir bald einmal ein paar Zeilen schreiben. Und wenn es nur wenige Worte sind. Nur so zu meiner Beruhigung. Es kommt mir immer wieder ganz unwahrscheinlich vor, was ich in den Weihnachtstagen erlebt habe, ich kann’s wirklich noch nicht fassen und denke oft, es ist ein Irrtum gewesen. Liebste, Liebste, Liebste, seit ein paar Tagen ist das Leben so herrlich geworden, und ich will mir alle Mühe geben, ich will immer daran denken, dass ich für uns arbeite, und will vorwärts, vorwärts, vorwärts.

Du musst nicht glauben, dass unsere Verlobung – und es ist doch nach Bürgeransicht noch nicht einmal eine Richtige Verlobung – hier noch unbekannt ist. Der Logenhauswirt weiss sie jedenfalls und wenn der sie weiss, wissen sie auch bald alle. Das kam so. Der Wirt hat die Gewohnheit, wenn grade nichts zu tun ist, sich bei mir an den Mittagstisch zu setzen und ein bischen mit mir zu plaudern. Gestern nun – ich war grade aus Hamburg gekommen, setzt er sich an meinen Tisch und bemerkt: »Ja, glauben Sie denn nun wirklich, dass Sie das Richtige gefunden haben?« Wenn man das einen frisch Verlobigten fragt, so denkt er natürlich, man meint die Brut, und so sagte ich denn auch: »Um alles in der Welt. Herr Ahlf, woher wissen Sie denn schon wieder, dass ich mich verlobt habe?« – Lachen. Er hatte den neuen Wirt in der grossen Allee gemeint. Gratulieren. Und nun sind wir in hiesigen Logenkreisen rum.

Geht es Dir wie mir, meine Suse, dass Du immer wieder an die vergangenen Tage zurückdenkst und Dir die einzelnen Situationen ausmalst? Ich bin noch immer innerlich so erregt, so froh, dass alles andere nur schwer an mich herankommt. Gestern habe ich einen Brief dreimal auf der Schreibmaschine schreiben müssen und dann war er auch noch recht mässig. Heute ist der Kopf um ein geringes klarer, aber im Grunde gehst nur Du auf aller Welt mich an. Heute weiss ich’s, dass ich immer auf Dich gewartet habe, alle andern waren nur Umweg und Vorbereitung. Aber Du bist der volle holde Glanz.

Suse, ich bin so glücklich.

Mutter Issel hat es mir zwar verboten, Dir zu erzählen, aber ich will es Dir lieber doch sagen, da aus der Bemerkung entschieden zu schliessen ist, dass sie sich über meinen Nachmittagsbesuch an Deinem Bett Gedanken gemacht hat. Sie hat mir dringend ans Herz gelegt, Dich und sie mit un- oder vorehelichen Kindern zu verschonen. Du darfst natürlich keinesfalls mit ihr über diesen Punkt sprechen, denn im Grunde ist sie viel zu stolz auf Dich, um das ernsthaft zu fürchten. Sie fürchtet nur die »Schwachen Stunden«, Ich fürchte sie nicht mehr, nicht für Dich und nicht für mich, wir sind so frei, wir stimmen so überein, dass wir immer über diesen Punkt Klarheit behalten werden.

Von ganzem Herzen

Dein David

 

Hamburg, 29. 12. 28.

Mein erster Brief im Glück!

 

Mein Liebster,

ich wollte Dir schon gestern Abend gleich nach der Logensitzung schreiben. Aber erst mußten wir doch wegen Sylvester alles besprechen, da war es schon etwas spät, ehe ich nach Hause kam & dann mußte ich noch Haarwäsche machen (damit ich am Montag auch ein bischen schön für Dich bin) & da war es ganz zu spät. Aber nun habe ich mich vor Mutter in mein Zimmer geflüchtet (ich habe Angst, daß sie mir in meine Briefe hineinschaut), habe Deine beiden lieben Briefe vor mir liegen & träume & träume.

Ach Du, Du Lieber! Wer ist glücklicher von uns beiden? Das ist wohl nicht genau festzustellen, was? Mir geht es genau so wie Dir. Manchmal denke ich, es ist alles nur ein Traum gewesen. Aber dann habe ich mit einem Mal die selige Gewißheit, daß Du wirklich mich, ausgerechnet mich liebst. Ich muß immerzu nur an Dich denken & an unser Weihnachtsglück. In meinem ganzen Leben habe ich kein solches Glück kennen gelernt. Ich gehöre Dir mit Leib & Seele & bete immer nur, daß ich Dir immer genügen & Dich nie enttäuschen möge. Aber Du mußt sicher noch viel Geduld mit mir haben.

Inzwischen hast Du wohl schon mein Telegramm erhalten & weißt, daß wir alle kommen. Ich wäre ja auf jeden Fall gekommen. Wir hatten uns nämlich am Mittwoch kaum getrennt, da war es auch für mich schon ganz unmöglich, daß wir Sylvester nicht zusammen sein sollten. Wer weiß, wenn Du nicht gleich davon geschrieben hättest, ob Deine Suse sich nicht ganz unweiblich & unpassend benommen hätte & einfach gekommen wäre.

Das darf Mutter natürlich nicht wissen, sonst schlägt sie die Hände über dem Kopf über ihre ungeratene Tochter zusammen. Sie ist ganz aus dem Häuschen vor Freude & gibt mir dauernd gute Ratschläge.

Lieber David! Allmählich gewöhne ich mich an diesen Namen und bis ich einen ganz eigenen Namen für Dich habe, wird dieser aushalten müssen.

Übermorgen sind wir bei Dir. Ich soll Dich herzl. wiedergrüßen & zwar vom Schwarm auch wieder 2 x, von Rosa 1¼ x, aber vom schönen Oskar nur ¼ x und von Mutter und Hans. Und ich grüße & küsse Dich & wünsche Dir recht gute Nacht.

Mein David, ich hab Dich lieb.

Deine Suse

 

Neumünster, den 1. Januar 1929

Liebste holde Suse,

vor einer Stunde haben wir uns Lebewohl gesagt. Du sitzest im Zuge nach Hamburg. Ich habe unterdes im Wartesaal noch eine Tasse Kaffee getrunken, bin nach Haus gegangen, habe zu Abend gegessen und will nun gleich – noch vor 8 – ins Bett.

Nicht, ohne Dir noch einen Grusz gesandt zu haben. Einen Grusz, ein frohes Gedenken, einen Dank. Mag alles in diesen Tagen verunglückt sein –: Du bist bei mir gewesen, ich habe Deine Liebe mit ihrem Duft, Deinen Lippen gespürt, Du bist in meinem Zimmer gewesen, Du kennst die Stadt, das Büro, den Chef – näher noch bist Du in meinem Leben, Teil auch meines hiesigen Lebens. Ich danke Dir.

Du mußt sehen, wie Du Dich mit dieser Schrift abfindest. Das ist meine langsame Denkschrift, ich schreibe sie nur, wenn mir etwas sehr, sehr am Herzen liegt. Aber ich habe ja gesehen, dasz Du Dich mit Handschriften recht gut abfindest. Ausserdem bietet diese Handschrift einen gewissen Schutz gegen Indiskretionen. Schreibe mir möglichst bald, dasz meine Briefe gesichert sind, der Gedanke, andere könnten sie lesen, stört mich sehr. Lieber schreibe ich noch vom Wetter.

Du meine Einzige! Du Du Du!

Dein.

 

Hamburg, 2. 1. 29. 24 Uhr

Liebster!

Eben ist mein Besuch fort & ich will Dir noch schnell einen Gruß senden. Hab vor allen Dingen vielen Dank für den lieben, lieben Brief. Siehst Du, ich habe es wieder geahnt, daß ein Brief da sein würde & habe mich so sehr gefreut. An Deiner Schrift habe ich allerdings sehr studieren müssen & vieles habe ich erst nach mehrmaligem Lesen richtig herausgekriegt. Aber, wenn es auch etwas schwer geht, ich werde es doch immer lesen können, was Du mir schreibst. Mach Dir auch bitte keine Sorgen mehr, daß jemand anders Deine Briefe lesen wird, ich werde jetzt schon aufpassen.

Lieber, mach Dir doch bitte auch wegen meiner Schulden nicht soviel Gedanken. Sie drücken mich ja auch, aber ich werde sie jetzt in nicht allzu langer Zeit bezahlt haben. Und Du sollst Dir deswegen nicht noch mehr vom Munde absparen, wie Du jetzt schon tust. Ich will doch auch einen gesunden & keinen halb verhungerten Mann haben, so wie Du eine gesunde Frau haben willst.

Liebster, ich muß Schluß machen. Ich bin jetzt wieder sehr müde, meine Gedanken laufen mir direkt davon & ich könnte Dir jetzt doch nichts Vernünftiges mehr schreiben. Aber ich werde jeden Tag & jede Stunde zählen, bis Du wieder bei mir bist. Gruß & Kuss von

Deiner Suse

 

Neumünster,

den 3. Januar 1929.

Wirtschafts- u. Verkehrsverein

zu Neumünster e. V.

Geschäfts-Nr. …… Geschäftszimmer: Rathaus

Fernsprecher 1200 – 1206

 

Liebste liebste Suse,

es mag biegen oder brechen, es gehe über Stock oder Stein, heute wird Dein Sonntagsgruss geschrieben, und wenn der Chef zehnmal darüber wütet. Das Neue Jahr hat reizend angefangen, eine Arbeitsmasse, Du machst Dir keine Vorstellung, gestern habe ich von Morgens 8 bis abends ½ 10 Uhr mit 20 Minuten Mittagspause geschuftet, und morgen wird es noch schlimmer. Heute ist aber dem ersten Tage zum Verwechseln ähnlich. Wenn ich nun noch sagen könnte, das Anzeigengeschäft sehe einigermaßen aus. Aber bei meiner ganzen Herumrennerei habe ich bisher zwei Mark Provision verdient, gegen etwa 100 Mark im vorigen Monat, und wir müssen doch unbedingt viel Geld verdienen. Ginge es mich allein an, würde ich die Sache ruhiger nehmen, aber jetzt hat sich ja alles geändert.

Es ist belämmert. Ich bin mit mir sehr unzufrieden, solchen Brief schickt man nicht an eine junge Brut. Ich werde mir jetzt in Gemütsruhe eine Zigarette drehen und wenigstens drei Sätze schreiben, die meinem Gefühl entsprechen und nicht meinem tobsüchtigen Hirn. –

Zigarettendrehpause.

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-.-

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Liebste, im Grunde ist alles schnuppe, wie das Aeusserliche klappt. Ich denke daran, was Du mir in Deinem schönen Brief schriebst, für den ich Dir noch lange nicht genug gedankt habe, wie Du einfach über das Schimpfen von Frl. Harder lachst, die ganze Welt ist eben voll Harders und nur wir beiden …

Ich liebe Dich, ich denke an Dich, Du bist bei mir im Einschlafen und auch im Traum habe ich neulich einen Zipfel von Dir zu fassen bekommen.

Herzlichst

allein Dein

David

 

Neumünster,

den 5. Januar 1929.

Wirtschafts- u. Verkehrsverein

zu Neumünster e. V.

Geschäfts-Nr. …… Geschäftszimmer: Rathaus

Fernsprecher 1200 – 1206

 

Mein süsses Mädchen,

es ist Sonnabend Nachmittag und ich will nun doch sehen, ob ein Brief, den ich gegen 7 Uhr am Bahnhof einstecke, nicht noch rechtzeitig als Sonntagsgruss bei Dir eintrifft.

Ich bin schon den ganzen Nachmittag in Versuchung gewesen, mein Kram hier hinzuschmeissen und rüberzufahren. Kurz nach 3 Uhr, als ich zu kurzer Mittagsruhe auf meinem Sofa lag, war es besonders schlimm, ich bin überzeugt, dass Du zu dieser Stunde sehr lebhaft an mich gedacht hast. Bei dem herrlichen Wetter, das wir hier heute haben – ich sehe von meinem Fenster ein Stück blassblauen Himmel mit ganz matt rosa gefärbten Wölkchen – bei diesem herrlichen Wetter also wäre es ein Genuss, mit Dir Störchin in Hamburg herumzustrolchen. Manchmal denke ich mit Neid an die andern Brautpaare, die am gleichen Orte wohnen. Wie schön wäre es für uns, wenn wir abends zusammen sitzen und ich vorlesen könnte! Aber manchmal denke ich doch auch, dass es vielleicht ganz gut ist, wenn wir nicht ganz so viel zusammen sind, die Entdeckung für Dich, was ich im Grunde für ein unleidlicher Kerl bin, bleibt Dir so ein wenig aufgespart.

Dass auch andere Leute dieser Ansicht sind, sehe ich aus dem letzten Brief meiner Mutter, die meine Möbelbitte abgelehnt hat aus zwei Gründen: erstens macht es ihnen zu viel Umstände, die Möbel zu verpacken und auf den Weg zu bringen und zweitens – und das ist entschieden ihr Hauptgrund – fürchten sie, dass ein so enges ständiges Beisammensein mit Berthold bei meiner Unverträglichkeit unser ganzes Verhältnis gefährden würde. Es ist halt so und den wirklichen Rudolf Ditzen kennst Du noch nicht. Aber meine Mutter kennt ihn natürlich auch nicht mehr. Das ist der Rudolf von vor 4, 5 Jahren, von dem sie spricht. Und seitdem habe ich mich wirklich geändert. Und, wie ich Dir ja auch schon gesagt habe, wenn Dir etwas nicht gefällt, so musst Du es mir sagen so.

Du musst mich nur weiter lieb haben, dann wird schon alles werden. Ich will Dir auch ein Geständnis machen: so viel ich auch erlebt habe, ich habe mich nie gern lieben lassen, die Gefühle der andern waren mir lästig. Ich finde die Geschichte Rilkes vom verlorenen Sohn, der nicht geliebt werden wollte, so schön und habe immer gefunden, dass sie auch ein wenig meine Geschichte ist. Ich habe mich einmal in der Liebe wirklich hingegeben, mich ganz so gegeben, wie ich wirklich war und ich bin dabei böse verletzt worden. Ich bin so verletzt worden, dass ich das Gefühl Liebe bei mir wirklich gefürchtet habe; ich habe die andern von Liebe reden lassen, ich habe gelächelt, aber ich habe gemeint, das gebe es für mich nicht mehr. Ich hab Angst gehabt. Nur nicht merken lassen, dass man sich innen vielleicht doch einmal nach Weichheit sehnt, lieber darüber spotten, lieber einem andern auch einmal weh tun, als sich noch einmal einem Menschen in die Hand geben, der einen so wehrlos machen kann.

Dann bist Du gekommen. Ich habe in den letzten Tagen viel über das alles nachgedacht. Ich weiss jetzt, dass ich bis zur letzten Minute, ja, bis zur Sekunde, wo ich Dich in meinen Arm nahm und küsste – oh gesegnete Sekunde! – nie an meine Liebe zu Dir geglaubt habe. Ich habe es Freundschaft genannt, habe nichts gewusst. Ich wollte Dein Freund sein. Ich wollte Dir auf Deinem Wege ein paar Stunden leichter machen dürfen und mich einmal Deines Glückes neidlos freuen.

Und dann wurde ich sehend. Es wurde plötzlich taghell. Die Liebe, die arme verachtete, verspottete Liebe war plötzlich bei mir, sie hielt ich mit Dir in den Armen, sie sah mich mit tausend frohen Lichtern aus Deinen Augen an.

Aus all dem, was Dich gefreut, was Dir Schmerzen gemacht hat, was Dich einmal gequält hat, aus all dem ist jene Suse geworden, die ich heute liebe. Grade die. Und wenn ein Erlebnis aus Deinem Leben ausgestrichen würde, Du wärest nicht mehr genau die, die ich heute liebe, ein wenig verändert. So, wie Du bist, so wie Du wurdest, so liebe ich Dich und werde ich Dich immer lieben, Du mögest sprechen oder schweigen – ich bin Dein.

Und nun, liebe Suse, ade! Der Mutter sage einen recht herzlichen Gruss und Dank für die Sardinen. Ich bin noch bei der Vertilgung, sie sollen mir heute Abend gut schmecken.

Dein Ehegatte in spe grüsst Dich verbindlichst.

Kuss!

Dein

David

 

[Handschriftlicher Zusatz] Ach, Suse, Suse, Suse!

Ach, Suse!

 

Rudolf Ditzen.

Am 7. 1. 1929.

Neumünster-Holstein.

Schützenstr. 29 II.

 

Liebe süsse Suse,

der Sonntag ist vorbei und eine Woche wieder in Angriff genommen und ich sage Dir, dass das eine gute Woche werden wird. Erstens hat sich im allgemeinen der heutige Tag ganz hübsch angelassen – trotzdem es mit dem Verdienst noch immer recht flau steht, – und zweitens habe ich am gestrigen Tage den festen Beschluss gefasst, unbedingt am nächsten Sonnabend schon nach Hamburg zu Dir zu kommen. Denn ich glaube, wir beide haben gestern im Verein das Gefühl gehabt, dass es ein Unding ist, wenn wir uns grade in dieser ersten Zeit, wo alles besonders schön ist, so selten sehen sollen. Und warum eigentlich? Wenn ich alle 14 Tage einmal nach Hamburg auf Sonntagskarte komme, so ist das doch wahrhaftig kein übertriebener Luxus.

Ich denke, wir bummeln dann den Nachmittag ein wenig in der Stadt herum und zu Abend finden wir uns bei Muttern ein. Die Luft ist da ja rein und wir haben dann einen netten Schwatzabend.

Weisst Du übrigens, dass Du mich noch nie mit irgend einem Vornamen, geschweige denn einen Kosenamen angeredet hast? Für meinen nächsten Besuch schlage ich Dir Rudolf besonders in seinen Abartungen Rudel, Rudi, Rolf vor, wenn Du den Wunsch hast, mich gewaltig zu erbosen. Dabei fällt mir ein, dass ich mich nach den Erzählungen meiner Mutter als kleiner Junge »Utemann« genannt habe, wie wäre es denn damit? »Utemann« als Männername hätte sicher den Reiz der Neuheit für sich.

Herzlichst Dein Utemann

 

Hamburg. 8. Januar 1929.

Lieber süßer »Utemann«,

David, Rudolf, Rudel, Rudi, Rolf u.s.w., ich habe wirklich die Auswahl in Vor- & Kosenamen.

Liebster, Du konntest wirklich keinen anderen Grund finden, als daß ich Dich, so wie Du bist, liebe. Was fragt die Liebe nach »Warum« und »Weshalb«, was fragt sie nach Äußerlichkeiten. Sie ist einfach da. Und ich tue mir garnicht leid. Im Gegenteil! Jetzt erst hat ja mein Leben einen Inhalt bekommen & gingest Du plötzlich wieder aus meinem Leben hinaus, so wäre es nicht mehr lebenswert. Mein bisheriges Leben war ja nur ein Suchen & Warten. Wie oft habe ich geglaubt: »Jetzt, jetzt kommt die Liebe auch zu Dir.« Aber immer wieder war es eine Enttäuschung. Und jetzt ist die Liebe, die echte, große Liebe doch noch zu mir gekommen und macht mich so unbeschreiblich glücklich. Soll ich es wirklich manchmal etwas schwerer haben als die andern, habe ich ja auch ein nicht so alltägliches Glück wie die andern. Ich habe aber die feste Überzeugung, daß meine Liebe immer stark & groß genug sein wird & alles, was mein Liebster, mein großer Junge braucht, für ihn bereit halten wird.

Daß Deine Mutter Dir Deine Möbelbitte abgeschlagen hat, hat mir schrecklich leid getan. Das war doch sicher eine sehr große Enttäuschung für Dich, nicht wahr? Du, ich habe doch ein wenig Angst vor Deinen Verwandten. Aber das liegt ja alles noch in weiter Ferne. Vorläufig freue ich mich auf Sonnabend & sende Dir viele, viele Grüße & Küsse.

Deine Suse

 

[Postkarte]

General-Anzeiger

für Neumünster

Neumünstersche Zeitung

 

Liebste Suhse!

Indem daß ich deihnen Briv erhalten haben tun und hir einen Saukälten is, möchte ich Dich kundmachen, das ich am sonnabend um 4 Uhr 51 auf dem Altonaer Hauptbahnhof ankommen und aussteigen werde und wenn Du nicht auf dem Bansteig bihst, mache ich mich ihn den Wartesahl 2. Klasse, weihl eine Kälten is, daß das Kind einem erfrihren kann und soh gahr die Schreibmaschihne will nich und dihse Dinte ist soh mit Spucke getauft, aber deswegen keine Feindschafft, sondern weihter die herzliche Lihbe, weil das guht is und eine Saukälten is doch, womit ich heute bleihbe Deihn Ruhdolff

 

Neumünster, den 10. Jänner 1929.

 

Neumünster,

den 17. Januar 1929.

Wirtschafts- u. Verkehrsverein

zu Neumünster e. V.

Geschäfts-Nr. …… Geschäftszimmer: Rathaus

Fernsprecher 1200 – 1206

 

Liebes Mädchen,

Ein grosser Abschluss in Druckarbeiten wurde heute von mir getätigt: ich habe unsere Verlobungsanzeigekarten dem Generalanzeiger mit 100 Stück in Auftrag gegeben. Wir werden diese Anzeigen dann am Sonntag der nächsten Woche, also am 27. herausschicken, gemeinsam auch an Deine Angehörigen und zwar von hier aus.

Damit komme ich zum wichtigsten Punkt der ganzen heutigen Schreiberei: ich kann am 27. diesmal nicht nach Hamburg. Berthold muss in den Tagen nach Berlin und damit hier doch wenigstens einer ist, muss ich hier bleiben. Aber ich denke, Du wirst ganz gerne die Gelegenheit benutzen, einmal nach mir zu sehen und hierher zu kommen. Voraussetzung ist natürlich dafür, dass Du durch diesen Besuch keine zu grossen Schwierigkeiten bei Mutter bekommst. Ich denke freilich, dass bei ihrem Temperament sich der Sturm bald ausgetobt haben wird (und erwarte Deine Nachrichten deswegen) aber ich will natürlich auch keinesfalls, dass Du zu Haus unerquickliche Szenen hast. Also darin hast Du vollkommen freie Hand. Es bleibt nur zu bedenken, dass es vielleicht richtig ist, prinzipiell vom ersten Zweifelsfall an einwandfrei festzustellen, dass wir frei sind zu tun und zu lassen, was wir wollen.

Selbstverständlich müssen wir dann auch Ringe haben und ich denke doch, mit einiger Sparsamkeit, Glück und Gottvertrauen werde ich es schon schaffen. Wenn wir eben mit den teuren Dukatenringen nicht zurecht kommen, nehmen wir provisorisch andere, es liegt mir nur eben viel daran, dass wir endlich auch offiziell nach bürgerlichen Begriffen aneinander gebunden sind, es ist für Dich angenehmer und auch für mich. Ausserdem bin ich für mein armselig Teil stolz darauf, Dein Brüdgam zu sein, und habe garnichts dagegen, mit den Rosenketten zu prunken, die Du mir um die Hörner gelegt hast.

Ich aber gehöre Dir ganz.

So viel Küsse vom Utemann.

 

[Briefkarte gedruckt]

 

Anna Issel / Rudolf Ditzen

haben sich am 26. Dezember 1928 verlobt

 

Hamburg 35

Eiffestr. 259

Neumünster

Schützenstr. 29

 

Am 18. 1. 29.

Neumünster-Holstein.

Schützenstr. 29 II.

 

Liebste,

wenn Du nicht unbedingt einen Sonntagsgruss haben müsstest, würde ich heute wegen Überarbeit wirklich nicht schreiben. Aber ich mag das Kind doch nicht ohne alles Lebenszeichen von ihrem grossen Manne lassen. Ich bin schlechter Laune, die Schlamperei von Berthold fällt mir je länger je mehr auf die Nerven. Glaubst Du, dass es möglich war, von ihm die 20 Mark, die ich ihm für die Hamburger Reise gepumpt hatte, wiederzubekommen? Er hatte immer vergessen, auf die Bank zu gehen, und so erklärte ich ihm denn heute nachmittag kategorisch, ich würde mir das Geld aus der Kasse nehmen. Du hättest einmal sehen sollen, wie begeistert er von diesem Ausweg war, trotzdem das Geld in der Kasse ja garnicht ihm, sondern allen möglichen Vereinen gehört. Morgen werde ich ihn mal wegen meines Januar-Gehalts interviewen, ich bin mal neugierig, was dann erfolgt. – Das Kärtchen wirst Du heute erhalten haben. Gefällt es Dir? Aber bezähme Dich und zeige es trotz aller berechtigten Freude den andern noch nicht. Ich denke es mir viel netter, wenn sie diese Überraschung zusammen mit dem Ring bekommen. Wegen der Ringe bin ich heute auch in allen möglichen Geschäften gewesen. Die Ausführung, wie ich zuerst dachte, ist zu teuer, auch nicht praktisch, da das ganz hochkarätige Dukatengold zu weich ist und sich ständig bei Druck verbiegt. Ich werde schon irgend einen Weg finden, um die Sache zu deichseln.

Jetzt habe ich wieder jeden Abend Vorträge oder Theater, glaubst Du, dass ich gestern wirklich beinahe einmal im Vortrag eingeschlafen wäre? Auch jetzt bin ich schon hundemüde und habe noch Büro und Abendessen und Theater, Schülertheater, vor mir. Und wenn man dann müde zu Haus ist, muss man noch schnell den Artikel für den nächsten Morgen fertig machen. Es wird Zeit, dass Du hierher kommst, nicht, dass ich dann etwa weniger besetzt wäre, aber ich könnte Dich doch mehrschtenteels mitschleppen.

 

Liebe, liebste Suse, nur ein Gruss, ein guter Gruss hintenan an diesen dummen Brief. Einen schönen Kuss und auch sonst alles Gute. Wie war es im Jungfernklub? Heute bist Du in der Helios. Und ich bin immer bei Dir

Dein

Dein

Dein

Dein

Dein

Dein

Dein

Dein Deindeindeindeindeindeindeindeindeindeindeindeindeindeindein dein

DEIN Utemann

 

Am 19. 1. 29.

Mächen,

wenn das Geklapper auf meiner Brust mich nicht ständig an meine haarige Suse erinnern würde – ich hätte Dich längst vergessen. So mahnt es mich aber wieder einmal, dass, wenn ich ganz eilig noch ein paar Wörtlein an Dich tippe, die vielleicht morgen früh Dir von Mutter auf die Sonntagmorgenbettdecke gelegt werden. Und ich denke es mir eigentlich ganz nett, wenn man gleich am Morgen eines solchen Tages den Gruss bekommt, dass gut an einen gedacht wird. Mir gehts gut, ja, mir gehts bene. Von Signore Berthold habe ich eben den festen Schwur bekommen, dass ich zum 1. 2. mein Gehalt bekommen soll. Gott, Allmächtiger, lass dieses Wort in seinem Munde zu Gift werden, wenn ers in den Wind schlägt. Er zieht grade um. War eben in seiner neuen Wohnung. Herrlich, sage ich Dir. Wenn wir erst nur so weit sind. Es ist ein Elend, dass wir so arme verregnete Hühner sind, sonst schmisse ich heute noch zur Stunde unsere Zwetschen zusammen und schlösse die Wohnungstür hinter uns ab. Fahr wohl, du schnöde Welt! Und der hohe Herr Berthold hat sich unter Ausnützung seiner hiesigen Beziehungen ein wirklich hübsches Herrenzimmer für ganze 600 Mark gekauft (und natürlich nicht bezahlt). Sein Gedankengang ist dabei köstlich. Höre zu, wie gewohnheitsmässige Pumper sich Gründe, ihre Käufe schuldig zu bleiben, heransuchen: »Ed. Müllers Wwe. (seine Möbellieferfirma) ist dem Generalanzeiger doch noch 1000 Mark schuldig. Nun haben wir doch wenigstens durch meine Möbel eine Sicherheit.« Denk Dir das einmal aus und bedenke dabei, dass der gute Berthold beim General auch bergetief in den Schulden steckt. – Ich habe heute eine wirklich nette Kritik über die Schüleraufführung geschrieben. Und ich habe heute die Genugtuung gehabt, dass sowohl der Lokalreporter wie Geschäftsführer Scharf mir heute sagten, man werde in der Konkurrenz schon aufmerksam auf mich. Ach, Suse, lass mich nur ein bissel Schwein haben, dass ich aus diesem Annoncendreckgeschäft herauskomme, ich will den Leuten schon nette Theaterkritiken und Artikelchen schreiben. Vor allem, wenn Du bei mir bist. Ich denke so gerne an Dich und ich vergesse nie, dass Du mein ganz herrliches unvergängliches Glück bist. Ich küsse Dir die Hände.

Schäfchen, schönes weisses Bählamm,

was Du mir fehlst!!!!!!

Also wieder einmal Schluss und auf Wiedersehen.

Dein Ute

 

Hamburg. 19. 1. 29.

Liebster Utemann,

wenn Du meinen Sonntagsgruß noch rechtzeitig haben sollst, muß ich ihn unbedingt jetzt gleich vom Stapel lassen & habe daher Mutter einfach in der Küche im Stich gelassen.

Aber, Liebster, so sehr es mich freut, wenn Du mir recht oft schreibst; wenn Du aber gar so müde bist, werde ich es auch verschmerzen, wenn ich mal einen Tag keinen Gruß von Dir bekomme. Wenn Du nur zwischen aller Arbeit mal an mich denkst.

Die Karte gefällt mir sehr gut und ich denke, daß ich mich auch so lange werde bezähmen können. Aber auf die verschiedenen erstaunten Gesichter freue ich mich doch. Wenn Du zu den Ringen noch Geld gebrauchst, könnte ich ja evtl. Gehalts-Vorschuß nehmen. Dann schreib es mir bitte bald. Ich mag nicht, daß Du Dir alles an Deinem Essen und Deiner Behaglichkeit abknappst.

Liebster, liebster Utemann, einen schönen, guten, herzlichen Sonntagsgruß & Kuss & Dank

von Deiner Suse

 

Hans hat mich gestern abend schon ganz teilnahmsvoll gefragt, ob uns der Stoff zum Schreiben denn noch immer nicht ausgegangen wäre!

 

Am 21. Januar 1929.

Rudolf Ditzen

Neumünster-Holstein.

Schützenstr. 29 II.

 

Liebes Mädchen,

herzlichen Dank für Deinen lieben Brief, einen etwas verspäteten Sonntagsgruss, der aber auch heute Freude bereitet hat. Du siehst aber, dass das mit den Stimmungen noch nicht ganz einheitlich funktioniert: Du bist gestern fröhlich, beinahe ausgelassen gewesen, ich finster wie die Nacht. Aber es ist schon besser, Du bekommst von meinen Gewitterstimmungen nicht allzu viel ab.

Wegen der Ringe darfst Du auf keinen Fall Vorschuss nehmen, ich mag Vorschussnehmen überhaupt nicht leiden, und halte mich an meinen Satz, dass ich mehrschtendeels das Geld gehabt habe, was ich brauchte. Ich werd’s also allein schaffen, bestimmt. Verhungern tu ich deswegen noch lange nicht.

Also, Mädchen, ein günstiger Stern scheine auf Deinen Scheitel, Deine Träume seien süss, Deine Hausschuhe vorgewärmt, und Deine Stimmung wie Himbeer mit Ölsardinensaft.

Tjüs, mein grosses Mächen!

Kuss!!

Dein Ute

 

Am 24. 1. 1929.

Rudolf Ditzen

Neumünster-Holstein.

Schützenstr. 29 II.

 

Liebste Suse,

es ist mir heute den ganzen Tag schon so, als wäre es Freitag und als feierten wir morgen unser Wiedersehen. Aber ich muss meine Erwartung immer wieder verbessern: noch einen Tag hast Du zu warten, noch ein ganzer unangebrochener Tag ohne die Suse. Und es wird nicht einmal ein leichter Tag sein. Heute Abend höre ich erst noch einmal noch einen Vortrag, Thema: Für oder gegen die Todesstrafe, der mich bannig interessiert, den ich aber aus internen Gründen runterreissen muss, ob er mir nun gefällt oder nicht. Zu diesem Zweck ist mir eine ganze Drittel Seite zur Verfügung gestellt worden, Du kannst Dir denken, dass es seine Last haben wird, morgen bis 9 Uhr das alles zusammenzuschreiben und dann noch abzutippen, weil meine Klaue ja doch kein Setzer lesen kann.

Aber dann fängt erst das Unheil an. Du erinnerst Dich vielleicht der Verkehrszeitung, von der ich Dir schon Anfang des Monats erzählte. Natürlich haben wir nach beliebter Manier die Vorbereitungen dafür und dann das Erscheinen immer weiter aufgeschoben, bis es uns auf den Nägeln brannte. Noch zur Inventur sagte ich Berthold, dass das doch die beste Gelegenheit wäre, denn 4 Seiten Annoncen verkaufen sich nicht so leicht. Nein, aber das hatte Zeit. Heute morgen nun, ausgerechnet am Morgen nach der Inventur sind wir beide losgejagt. Bei mir ist das Ergebnis eines Tages 1/8 Seite und sehr viel Grobheiten, denn welcher Kaufmann hat heute Zeit, an Annoncen zu denken? Bei Berthold wird das Ergebnis wohl ähnlich sein, denn er hat sich garnicht erst wieder sehen lassen, sondern sich ins Auto gesetzt und ist nach Kiel gefahren. Irgend eine wahnsinnig dringliche Schankkonzessionsangelegenheit, die auch in drei Wochen noch zu früh erledigt wäre Aber darin ist er wie ein Kind. Jede Autofahrt, Kneiperei, Zusammenkunft lockt ihn von der Arbeit fort, Arbeit, die ihm nicht auf den Fingern brennt, macht er überhaupt nicht usw. Eben war ich in der Setzerei. Dort herrscht eine schöne Wut, die Zeitung soll am Sonnabend raus und drei 7/8 Seiten Annoncen fehlen noch.

Wenn ich wirklich einmal ganz Ruhe bei einem Brief an Dich habe und in der neuen Wohnung werde ich die ja wohl auch einmal kriegen, denn dort darf ich die ganze Nacht tippen, das habe ich mir gleich ausgemacht – also wenn ich Dir einmal in aller Seelenruhe schreiben darf, so werde ich Dir einmal über das Kapitel schreiben, dass ich eigentlich noch garnichts von Dir weiss, Dich eigentlich noch garnicht kenne. Du hast ein paar mal gesagt, dass ich Dich besser kenne als selbst Deine nächsten Angehörigen. Aber, Mächen, dann will ich einen körperlichen Eid darauf ablegen, dass kein Mensch und auch der liebe Gott Dich überhaupt noch kennt. Du bist so still und so sanft, Du sagst nie, das mag ich nicht an Dir, das missfällt mir usw. Du erzählst kaum von Dir – Kunststück, wer soll gegen mich anreden? ach, Mädchen, ich bin wahrscheinlich auch gegen Dich sehr gedankenlos und oft rücksichtslos und schlecht.

Mine Söte, hoffentlich hast Du nicht zu viel Ärger mit Mutter wegen der Fahrt zu mir. Ich denke, wenn ich jetzt nach Haus komme, finde ich einen Brief von Dir auf meinem Tisch. Und erst, wenn ich in diesem Briefe lese, dass Du kommst, bin ich ganz sicher. Und dann bekomme ich ja doch noch einmal, wenn ich auf dem Bahnsteig stehe, Angst, dass Du den Zug verpasst hast.

Und dann bist Du da! Und wir haben mindestens 24 Stunden für uns.

Knix

Dein Ute

 

Neumünster, den 27. I. 29.

Liebe Suse,

An Mutter habe ich eben geschrieben und sende den Brief gleichzeitig ab. Es ist unnötig, daß Du ihn liest, herzlicher kann ich doch nicht schreiben.

Aber Du darfst nicht anfangen, von dem Brief zu reden, warte ab, ob Mutter ein Wort sagt.

Suse, Suse, Suse!

Große Liebe, viel Sonne, so glücklich –!

Ich trage den Ring, Deinen Ring, unser Zeichen.

Ich bin Dein.

 

Hamburg. 29. Januar 1929

Liebster Ute,

erst sollte dieser Brief noch gestern abend nach dem Geburtstagsbesuch geschrieben werden. Aber, wie ich um ½ 2 Uhr nach Hause kam, war ich wirklich froh, wie ich meinen Bettzippel zu fassen hatte. Und heute wollte ich Dir nun schreiben & dann sehr früh ins Bett gehen. Aber ich habe so besonderes Glück damit.

Von dem Ring wurde zuerst garnichts gemerkt. Aber wie er dann doch gesehen wurde, war ein unglaubliches Hallo. Mutter war aber doch noch etwas ungläubig & fragte mich leise: »Du, das ist doch mein Ring, nicht? Das ist doch kein neuer?« Ich hab sie dann aber doch überzeugt, daß es ein neuer ist.

Lieber, lieber Ute, ich will immer, immer Dein guter Kamerad sein und glaube auch, daß ich es sein kann. Nur manchmal kommt in all meinem Glück so ein kleiner Zweifel, eine heisse Angst, daß Du mich viel zu hoch einschätzt, daß Du viel mehr in mir siehst, wie ich wirklich bin & daß Du dann eines Tages enttäuscht sein wirst.

Behalt mich lieb, Ute. Ich bin immer Deine Suse

 

Neumünster,

den 29. Januar 1929.

Wirtschafts- u. Verkehrsverein

zu Neumünster e. V.

Geschäfts-Nr. …… Geschäftszimmer: Rathaus

Fernsprecher 1200 – 1206

 

Min Söte,

vielleicht wird man wirklich durch Schaden klug. Jedenfalls schreibe ich heute meinen Brief an Dich schon am Vormittag, damit ich in aller Gemütsruhe mit Dir kakeln kann. Lebenszeichen, dass alles beim Alten ist.

Nicht nur beim Alten. Jedes Mal, da wir uns sehen wird es besser, aus der Anna Issel, die ich ganz von ferne verehrte, aus dem hohen Fräulein, an die ich nie, nie für mich gedacht hab, ist in diesen wenigen Wochen diese Suse geworden, meine Suse, der gute Kamerad, vor dem man sich nicht zu schämen braucht, der man alles sagen kann, und die einen verstehen wird, auch wenn man einmal nicht ganz einwandfrei gewesen ist.

Vertraut sein, sich nicht schämen, alles sagen können, das wird’s auch bei uns sein, ist’s schon, nicht wahr? Wir sind uns schon sehr nah, und wenn ich von Dir, mein holdes Mädchen, auch erst sehr wenig weiss, so weiss ich doch, dass Dein mildes Herz nicht in mich verliebt ist, sondern dass es nicht nur den Mann in mir liebt, sondern auch sehr viel für den kleinen Jungen übrig hat und ihn auch sehr mütterlich liebt. Ich bin Dir so dankbar, dass Du neulich sagtest, Du hast nie für mich geschwärmt. Du hast mich eben nie als junges Mädchen geliebt – und das ist sehr gut –, sondern nur als grosse erwachsene Frau.

Es ist wirklich ein ganz anderes Leben, das man seitdem führt, und ich denke, auch Du wirst das spüren. Man hat so schon am Morgen etwas, auf das man sich freut, dessen man froh ist, man hat den ganzen Tag etwas zu denken, und man ist nie mehr allein. Seit Du diese zwei Male bei mir warst, ist es garnicht mehr so, als wäre ich hier allein, diese Strasse bist Du mit mir lang gegangen, am Platz, an dem ich zu Mittag esse, hast auch Du gegessen, in Kleinflecken hast Du die Schlidderbahnen gebraucht und meine Würde missbraucht, die Menschen, mit denen ich umgehe, kennen Dich, in meinem Zimmer bist Du gewesen, meine Sachen hast Du in der Hand gehabt, meinen Mantel hast Du genäht – ich soll allein sein? Keine Ahnung! Du bist immer bei mir.

Du darfst nicht vergessen, unsere Lose zu erneuern. Wir haben zwar noch veel Tid, gewinnen müssen wir noch lange nicht, aber es wäre doch ganz schön, wenn wir so dreissig, vierzigtausend Mark auf der Sparkasse hätten und sagen könnten: nu, man los!

Min Söte, ich habe für heute ausgekakelt. Ich hoffe, Du bist zufrieden. Morgen ist Berthold wieder da und nachmittags will ich packen, da wird es nur ein ganz kleiner kurzer Gruss wie ein Kinderkuss. Also, Susala, ich hoffe, Deine Geburtstagsfeier ist Dir gut bekommen, Du bist nicht gar zu spät ins Bett gekommen, Du bist kregel und munter, wie es sich für eine Braut gehört und Du schreibst bald einmal

Deinem Ute

 

Am 30. Januar 1929.

Rudolf Ditzen

Neumünster – Holstein

Johannisstr. 4 I bei Frau Gehl

 

Liebste Suse,

der Mittwoch ist gekommen, aber unser lieber Herr Berthold ausgeblieben. Drüben in der Setzerei toben sie, die Verkehrszeitung kann nicht fertig gemacht werden, die Postboten präsentieren heute zum so und sovielten Male ihre Nachnahmen und Einschreibbriefe, alle Nase lang klingelt das Telefon, aber Berthold ist futsch. Bliebe er doch futsch – aber dieses Kreuz wird noch lange für mich aufgepflanzt sein. –

Du jedenfalls hast heute das Gute davon, denn Du bekommst schon wieder einen Extrabrief, ganz ausser der Reihe, Du wirst nach Noten verwöhnt, und ich denke, Hans wird sich jetzt eine neue Frage einüben: »Hast Du heute auch zwei Briefe bekommen?« Aber Du gehörst nun einmal zu den Menschen, die Verwöhnen vertragen.

Ich denke mir so, der gute Berthold wird grade heute abend eintreffen, wenn ich pünktlich nach Haus will, um meine Sachen zu packen. Aber umziehen tue ich heute, es mag biegen oder brechen, d. h. packen werde ich heute und morgen einziehen. Polizeilich und postalisch habe ich heute mich schon umgemeldet, und habe dabei die Gelegenheit benutzt, mich gleich wegen des vom Standesamt geforderten Staatsgehörigkeitsausweises zu erkundigen.

Also, Geliebte meines Herzens, ich habe erst einmal einen Fragebogen zu beantworten. Liebe Suse, ich bin noch hin. Auf diesem Fragebogen ist gleich auf der ersten Seite bemerkt, dass, wenn auch solche Ausweise beschleunigt ausgefertigt werden, und dass, wenn man auch alle Papiere mustergiltig zusammenhat, und alle Fragen restlos geklärt sind, dennoch die Ausfertigung dieses Ausweises noch 3– 4 Wochen beansprucht. Ich schweige davon, was ich alles für meine Person beantworten soll. Aber ich soll auch erzählen, wo mein Vater zuletzt in Preussen polizeilich gemeldet war, wie lange, wie seine sämtlichen Vornamen lauten etc. etc. Dann soll ich dieselben Angaben für meine uneheliche Mutter machen. Und ich hab doch gar keine! Suse, Suse, wo schaff ich in der Eile eine uneheliche Mutter her! Warum ist meine Mutter auch so solide gewesen und hat vorher geheiratet? (Zu erwägen bleibt, ob wir nicht im Interesse unserer Kinder auf die Ehelichkeit verzichten wollen. Sonst stehen die in 20 Jahren ebenda, wo wir jetzt stehen.)

Aber es kommt noch schlimmer. Alles was ich von meinem Vater erzählt habe, das soll ich auch von meinem Grossvater feststellen und von meiner unehelichen Grossmutter! Was die preussischen Behörden ihren Untertanen an Sittenlosigkeit zutrauen, ist ein bischen viel. Und was sie den von Amor Getroffenen zumuten, ist eigentlich noch mehr.

Doch ich verstehe sie. Es ist eine letzte Mahnung an die armen Wahnsinnigen: halte ein auf Deinem Wege. Du siehst, wohin er führt. Kaum beschäftigst Du Dich mit Ehe, so wird Dein Weg steinig und trostlos, aber das ist erst ein ganz sanfter Vorgeschmack dessen, was Dich in den Armen Deiner angetrauten Beiliegerin erwartet. Halte ein, Unseliger. Besinne Dich, Betörte. Noch ist es Zeit! Besinne Dich …

Aber sie besinnen sich nicht. Sie keuchen ihres Weges hinter einem Stück Papier her und sie meinen, wunderwas getan zu haben, wenn sie endlich vor dem Gefängnisbeamten stehen, der die Kette schliesst. Und sie haben wirklich wunderwas getan. Nur Wahnsinn kann solche Taten vollbringen.

Wieder fällt mir etwas ein: ich habe neulich festgestellt, dass ich Dir eigentlich garkeine Liebesbriefe schreibe, sondern reine Geschäftsbriefe. Geschäftsbriefe ist vielleicht auch nicht ganz das richtige Wort, das muss ich bei näherer Überlegung Dir nun doch zugeben, aber was meinst Du zu freundschaftlichen Plauderbriefen. Von Liebe ist doch verdammt wenig die Rede. Oder versteht sich die etwa so? Steht zwischen den Zeilen? Hoffentlich findest Du sie ab und zu.

Und wenn Du nun morgen wirklich nicht bebrieft wirst, das heisst, bei Dir übermorgen der Postbote wirklich einmal nicht die 4 Treppen zu steigen braucht (was der sich wohl über unsere Korrespondenz freuen mag!), dann bist Du auch nicht traurig?

So viel Küsse

von Deinem Utemann

 

[ohne Datum]

 

Mein Mädchen, ich denke eben daran, daß morgen Berthold kommen wird (von seiner Berliner Reise zurück) und meine Zeit sehr beanspruchen (die Januar-Ausgabe der Verkehrszeitung ist noch immer nicht fertig), und daß übermorgen Donnerstag ist, an dem ich einziehen und auspacken will (geht nicht so schnell), über einen Vortrag referieren, und daß all diese Konstellationen, Behinderungen, Arbeiten, Aufenthalte etc. es ratsam erscheinen lassen, schon heute einen Brief an Dich zu schreiben, damit morgen das Kind nicht weint. Aber ich fürchte, ich fürchte, das Kind weint heute schon. Ich habe so ein Gefühl, als ginge es in Hamburg garnicht so, wie es sollte, als quälte eine gewisse Harder mein Mädchen, und als quäle auch mein Mädchen sich. Ich wollte, ich hätte erst ein paar Zeilen von Dir. Und wenn sie auch 24 Stunden alt sind, ich höre doch aus ihnen von Deinem Empfang, ob das, was Du mir über unsern Sonntag gesagt, auch so geblieben ist, ob Du weiter mit Deinem Jungen zufrieden bist, ob Du ihn noch genau so lieb hast. Ich bin unruhig und muß doch einen guten Tag und eine böse Nacht warten, bis ich Nachricht von Dir vorfinde. Aber in einem bin ich Gottlob sicher: Du bist kein kleines Schäfchen mehr, kein Mama-Kindchen, kein Hausputtchen, andere können Dich wohl quälen, können Dir weh tun, aber Dich trennen von mir – das können sie nicht. Du gehörst zu mir, Du bleibst bei mir, Du bist mein Hafen, mein seliges Ende, mein Alles. Trennen könnte nur ich Dich von mir. Dadurch, daß ich schlecht wäre zu Dir, Dich böswillig quälte, Dich gerne verletzte. Und, – liebe, liebe Suse, ich habe so viele Ehen gesehen, soviel Bösartigkeit, soviel Gleichgiltigkeit – wir wollen zuschauen, daß wir immer neben unserer Liebe die Kameradschaft, die Freundschaft festhalten. Es gibt eben nichts Besseres auf dieser belämmerten Erde als Einen Menschen haben, dem man sich ganz anvertrauen kann, dem man mit Haut und Haaren gehört. Aber es ist nur bei einer Frau möglich, die auch die Mutter des Mannes ist. Nicht wahr, ich brauche nicht auf Zehenspitzen vor Dir zu stehen, meine Suse? Ich brauche mich nicht größer zu machen als ich bin, ich darf ruhig Fehler und Schwächen und Lächerlichkeiten haben – Du liebst mich doch! Manchmal meine ich, daß ich, der ich immer so viel davon kakele, wie gut ich Dich kenne, an Kenntnis meiner Person weit von Dir geschlagen werde. Ich glaube oft, daß Du durch mich durchschaust wie Glas, daß Du manchmal über mich lächelst (manchmal? – oft!), daß Du viel, viel klüger bist als ich und daß ich nur ein paar Erfahrungen vor Dir voraus habe, die Du schnell genug aufholen wirst. Und dann stehe ich ganz nackt und bloß vor Dir und – will ich mich nicht schämen – bleibt mir nichts anderes, als in Deine Arme, an Deine Brust zu flüchten. Du große Frau – Du kommst aus einer fremden Welt, aus [nicht entziffert] einer ….welt, einem Märchendasein. Oft will es mir nicht in den Kopf, dass Du in Hamburg rumläufst, mit andern Mädeln im Jungfernklub sitzt, in einem Geschäft …, von Herren auf der Straße angequatscht wirst, daß Du also ein Leben wie alle andern führst, sondern mir scheint, Du müßtest grade für die paar Stunden, die ich Dich sehe, aus einer ganz andern Welt gekommen sein, wo Du irgend etwas ganz Unfaßbares tust, irgendwelche Blumen pflegst oder Sonnenstrahlen polierst. Daß ich erdiger Maulwurf ein Wesen wie Dich glücklich machen kann – und doch kann ich es, ich sehe es an Deinen Augen – das ist eine der ganz großen Unbegreiflichkeiten – Gute Nacht, meine Suse, langer, langer Kuß. Und weine nicht, wenn am Freitag kein Brief kommt, ich bin und bleibe doch

Dein seliger Utz-Buba

 

Am 31. 1. 29.

Rudolf Ditzen.

Neumünster-Holstein.

Johannisstr. 4.

 

Liebste,

eben ist Berthold gekommen und riecht! Und riecht!! Ich hoffe, der Himmel wird mich und Dich davor bewahren, dass ich Dir je einmal einen Mann zumuten muss, der wegen übermässig genossener Alkoholika sich hat erbrechen müssen.

Jedenfalls aber ist von hier aus der Weg frei zum Besuch Deiner Person am Sonnabend. Wenn Du nun keine Einwendungen erhebst, werden wir am Sonnabend 5 Uhr auf dem Bahnsteig einander in die leibenden Arme sinken. (Leibend ist beinahe so richtig wie liebend.)

Mittags gehe ich auspacken. Ich habe mir meine Mittagspause unbegrenzt verlängern lassen, was bei der jetzigen Bertholdschen Stimmung nicht schwierig war. Die Gehaltsfrage tauchte heute am 31. dämmernd am Horizonte auf, ich kann mich auf einiges gefasst machen, aber ich habe den Trost, auch ich kann ein Aas sein, und ein sehr schofles dazu.

Gib mir Deinen Mund. Addio, meine Schönste. Am Sonnabend auf Wiederschauen! Noch ein Tag!

Dein Ute

 

Am 4. 2. 1929.

Rudolf Ditzen.

Neumünster-Holstein.

Johannisstr. 4 I.

 

Liebste Suse,

glücklich bin ich angekommen, nicht einmal sehr müde und auch nicht sehr verfroren – und dann ging es in den Betrieb.

Dann habe ich gleich wieder so ein bischen nebenbei verdient und habe mir allerlei Köstlichkeiten zum Abendessen eingekauft, Gervais und Teewurst und Tilsiter und sons. Ich muss mich doch gut nähren, was?

Für unsere Einrichtung habe ich auch allbereits wieder einen Einkauf getätigt, nämlich einen schönen Aluminiumwasserkessel 2 Liter fassend, mit isoliertem Griff. Den will ich vorläufig in die Röhre von meinem Ofen setzen, dass ich mich nicht so kalt zu waschen brauch.

So, Suserich, meine Zeit ist rum, ich will nach Haus, Abendessen, Kasse machen und dann mit einem gewissen Elan in die Baba. Vielleicht träume ich von Dir. Aber kein Traum kann so gut sein, wie Du’s bist, und wie ich’s Dir bin.

Ich hab Dich zu (immerhin 99,9999999999999999 %) lieb.

Dein Ute

 

Am 5. 2. 1929.

Liebste Suse,

ich muss sehen, dass ich wenigstens ein paar Zeilen heute an Dich unter Dach und Fach bekomme. Es ist wirklich recht viel zu tun und heute Abend muss ich unbedingt erst einmal an die Eltern und Schwestern schreiben, die ich in letzter Zeit recht vernachlässigt habe. Von meiner Mutter hatte ich einen langen Brief am heutigen Morgen, der sich auch wieder mit unserer Verlobung beschäftigt. Und da wir ja keine Geheimnisse voreinander haben wollen, will ich Dir die Zeilen meiner Mutter, so weit sie unsere Verlobung angehen, vollinhaltlich hiernach hersetzen.

»Nun muss ich doch noch einmal«, schreibt sie, »auf die Angelegenheit Deiner Verlobung kommen. Ich möchte sie vorläufig den Verwandten nicht mitteilen, vielleicht nur, wenn wir uns mit ihnen sehen. Ich weiss, sie würden sich da schwer hineindenken können. – Ich war nach allem Erlebten so fest davon überzeugt, dass Du nicht heiraten dürftest, dass Deine innere Unruhe, Deine kritische Art und Deine Unbeständigkeit Dir in einer Ehe kein Glück bringen würden, und auch der nicht, die Du erwähltest. Dieser Brief soll nur für Dich sein, lieber Rudolf. Ich habe beim Ordnen Deiner Sachen nach dem Unglück zwischen den Blättern eines Briefblocks ein Konzept gefunden, in dem Du dem jungen Mädchen in Marzdorf alle Gründe auseinandersetztest, warum Du sie nicht heiraten könntest, auch dass Deine Gesundheit untergraben wäre durch Morphium usw. Ihr auch keine Kinder haben könntet u. a. Wie ich es las, sagte ich mir: es ist alles nur zu wahr, und nun, nachdem dies Traurige geschehen, scheidet jeder Gedanke an Heirat vollständig aus. – Dass nun trotz aller Resignation meinerseits Dir nun doch die Wege zu einem Emporkommen wieder geöffnet sind, hat auch mich mit Freude und Hoffnung erfüllt. Aber nur in dem Sinne, dass Du allein Deinen Weg gehen würdest. Nun kam Deine Nachricht, und ich habe einen großen Schrecken gehabt. Es ist ja alles erst im Werden bei Dir, nicht nur, dass Du Dich bewähren musst erst längere Zeit, auch dass Du gesunder wirst, denn ich denke doch auch mit Sorgen an Deine Herzbeschwerden, die doch nicht so leicht zu nehmen sind. – Aber es ist nun einmal geschehen. Nach Deiner impulsiven Art hast Du Dich über diese schweren Bedenken schnell hinweg gesetzt. Ich habe nun doch die Pflicht in mir gefühlt, dass ich Dir das noch einmal sage. Du musst Dich nun in jeder Weise bemühen, wirklich ein anderer ruhiger, zuverlässiger und beständiger Mensch zu werden. Wie Du sagst, so ist es jetzt schon so. – Es bedarf noch einiger Zeit bei uns, bis wir festen Glauben an diese Veränderung haben. Auch die Geldfrage ist von grosser Wichtigkeit. Auf wie anderer Grundlage muss erst Deine Stellung aufgebaut sein, ehe Du an Heiraten denken kannst. – Und Du bist nicht mehr jung, lieber Rudolf. Was Deine Wahl anbetrifft, kann ich garnicht darüber urteilen. Wünsche, die ich wohl in Zeiten des Glücks für meinen Sohn hatte, habe ich längst begraben. So will ich nur hoffen, dass Frl. Issel gut und tüchtig ist. Worte des Willkommens kann ich ihr heute noch nicht sagen, es ist ja nach dem Vergangenen auch so schwer, je mit ihr in persönliche Beziehungen zu kommen. [Handschriftlicher Zusatz: Weil mein Vater persönliche Beziehungen mit mir ablehnt.] Lass uns das der Zeit überlassen. Es wäre gut, wenn Frl. Issel eine Tätigkeit hätte – ich denke, das ist auch so – dann kommt ihr beide über das unvermeidliche Warten besser hinweg. Ob es richtig ist, dass Ihr der Mutter nichts Näheres sagt, mag ich nicht entscheiden. Überlege es Dir genau.«

Gute und Tüchtige, das ist der Brief meiner Mutter. Ich höre ja daraus nicht nur all das Absprechende heraus, sondern die Sorgen, die sich meine Mutter hauptsächlich Deinetwegen macht. Sie hat ja natürlich, wenn ich auch selten zu Haus gewesen bin, doch von manchen Frauen gehört, mit denen ich zu tun gehabt habe. Und sie fürchtet, es könnte sich wieder ereignen, was schon geschehen, und sie müßten sich wegen meiner Unbeständigkeit und der Schmerzen, die ich Dir machen würde, sorgen. Aber aus dem Brief klingt mir nur, dass sie mich eben nicht mehr kennen, wie ich heute bin, dass sie noch immer an den andern Rudolf denken, wie er früher war. Das werde ich ihr sagen. Und werde ihr auch sagen, dass ich keine Geheimnisse vor Dir habe, dass ich Dir ihren Brief mitgeteilt habe, und dass Du, Du, Du ganz allein die Gefahr übernimmst, wissentlich, mit offenen Augen. Ich habe Dich ja auch gewarnt, aber ich warne Dich nun nicht mehr. Ich glaube heute selbst, dass wir beide miteinander leben können, dass Du sanft und klug genug bist, mit mir auszukommen, auch wenn ich einmal gegen Dich meine Einsiedlerstacheln hervorkehren sollte, und dass ich Dich viel zu lieb habe, um Dir je willentlich weh zu tun. Und ganz jung sind wir ja alle beide nicht mehr. Dass die Welt und die Menschen in ihr keine fehlerlose Einrichtung sind, haben wir ja gelernt. Und was mich an Dir immer erstaunt, ist das, dass Du trotz all Deines grossen innerlichen und äusserlichen Sauberkeitsbedürfnisses Dir gar keine Illusionen über den Schmutz machst, der überall liegt, der auch die nächsten und liebsten Mitmenschen nicht verschont.

Suserich, es ist wieder länger mit dem Schreiben geworden, als ich wollte. Ich muss noch viel tun und darum heute Schluss machen. Nimm vorlieb mit dem, was ich Dir erzählt, und denke daran, dass ich mit meinen Gedanken ganz, ganz bei Dir bin.

Grüsse die Mutter herzlich und sage ihr noch einmal meinen Dank für ihre freundliche Aufnahme und für die köstliche Ernährung.

Ich küsse Dich.

Dein Ute

 

Hamburg. 5. Februar 1929.

Liebster Ute,

sei nicht bös, wenn Du heute keinen vernünftigen, oder besser gesagt, einen blöden Brief bekommst. Ich bin heute absolut unfähig zum Briefeschreiben & da nützt der beste Wille nix.

Ich bin gestern zwar schon um 9 Uhr schlafen gegangen & habe herrlich geschlafen & sollte demnach eigentlich ausgeschlafen haben, aber es scheint doch nicht so zu sein. Sonst geht’s aber doch ganz gut.

Nachgearbeitet haben wir gestern und heute noch nicht, aber morgen geht’s los & zwar, wie ich heute zu meiner größten Wut gehört habe, wahrscheinlich ohne Vergütung. Entweder hat sich der Chef über die z. Zt. schwebenden Tarifverhandlungen (wobei er im Vorstand der Arbeitgeber ist) geärgert, oder er will auf diese Weise die Zulage wieder herausholen. Möglich ist beides. Und wir können da leider nichts gegen machen; da nützt aller Ärger nichts.

Ich führe jetzt übrigens auch wieder ein Kassabuch über meine Einnahmen & Ausgaben. Und muß Dir zu meiner Schande gestehen, daß ich schon ein Defizit von M 2,60 habe. An diese Ausgabe kann ich mich trotz allen Nachdenkens nicht erinnern. Traurig, was?

Und nun gehts eins, zwei, drei in die Baba.

Gute Nacht, lieber, lieber Junge. Ich hab Dich lieb!

Deine Suse

 

Morgen werde ich Dir wohl kaum schreiben, ist wieder Jungfernklub.

 

Am 6. 2. 1929.

Min olen Lütten, min Schieterchen,

ick läs dor so äben in de Tidung, dat de Rikspost son bannig good Geschäft in dat verlatene Johr makt hätt, un ick denk dor so bi mi, dat dat nu de richtige Tid wär for uns, an de Post to schriwen un för unsre dolle Bimäuungen furts eene Prämie to verlangen. Woans dücht di dat, min Säuten? Twars, mit di süht dat man stakerig ut, Du hest all wedder nich schrewen un müst dor wohl mit de föfteigen Pens weiter die Vorseite von din Ergüsse an mi beklacksen, aber bi mi möt dat doch anner warn, i denk, dat ick doch tom wenigsten up dat Dutzend eenen Freibrief kreeg.

So, das hält aber bannig auf, wenn ich in Eurer vermückelten Kalmückensprache schreiben tun muss, ich wollte Dir auch nur so mal den Beweis ins Auge treten, dass ich das auch bis zu einer gewissen Vollendung kann. Min Plattdütsch ist ein ganz besondres edel gebornes Kind und ich ventiliere mir schon den Gedanken, ob ich das nicht für Zeitungen ausschlachten soll.

Gestern Abend bin ich übrigens garnicht so früh ins Bett gekommen, wie ich hoffte, ich hab noch sehr ausführlich an min olsch Modersch schreewen, und habe ihr dann sogar noch ein Bild von Dir beigepackt, dass sie Dich mal besehen kann. Und dein Gesicht ist schliesslich ein Gesicht, das man andern Leuten schon mal vorweisen kann.Und ich habe ihr ziemlich viel von Dir und von uns erzählt, und habe nur die Tatsache unterschlagen, dass wir uns ganze 9 Mal – oder war es noch weniger? – gesehen hatten, bis wir uns verlobten. Wenn das bei meinen Eltern vor meiner silbernen Hochzeit durchsickert, sind sie noch, und wenn unser Ältester schon längst sich selbst für junge Mädchen interessiert, überzeugt, dass die Sache schief geht, und dass wir schrecklich voreilig gehandelt haben. –

Berthold ist genau so schusselig und so dämlich und so hin und her wie nur immer. Ein neuer Monat hat angefangen und nun geht das neue Kreuz wieder los, dass wir seine Zeitungen in Gang bringen. Die letzten Tage wollte er ein paar mal was an mir aussetzen. Aber ich habe dabei wieder gefunden, dass sich sehr schön mit ihm auskommen lässt, wenn man sich rein garnichts sagen lässt. Und im übrigen habe ich mit meiner Kaution ja ein herrliches Druckmittel ihm gegenüber. Da er sie ja doch nicht rückzahlen kann, aber sehr viel Schaden an seinem Ruf leidet, wenn ich darüber rede, so muss er immer fein still sein. Natürlich werde ich diese Lage nie ausnützen, aber ich werde mir auch nie dumm kommen lassen.

Grüss die Mutter und wen Du sonst noch zum Grüssen an der Hand hast. Und dann, bitte, stelle den Rasierspiegel an, begucke Deine erleuchtete Schnut und gib Dir selber einen Söten, Langdauernden,

von

Deinem Utekinde

 

Hamburg. 7. 2. 29.

Liebster Utejung,

»Din Plattdütsch kann sik wirklich sehn loten, dat is wirklich edel & dor verdeenst Du tatsächlich ne Prämie för.« Dabei muß ich feststellen, daß ich wohl plattdeutsch lesen & auch etwas sprechen kann, aber schreiben – nee, is nich; das muß ich auch andern Leuten überlassen. –

Der Brief heute wird wohl wieder mal nicht sehr ausführlich werden. Ich bin nämlich halb tot. Heute haben wir von morgens 8 – abends ½ 9 gearbeitet & ich habe außer der kurzen Mittagspause keinen Stuhl zu fassen bekommen. Und so ähnlich wirds wohl in den nächsten Wochen weiter gehen. Also sei nicht bös, wenn ich mir keine Prämie bei der Reichspost verdiene, zumal das Briefschreiben bei mir nicht so fix geht, wie wahrscheinlich bei Dir. Ich hab Dir immer eine ganze Menge zu erzählen, aber meistens fällt es mir hinterher erst wieder ein.

Liebster, auf den Brief Deiner Mutter brauche ich ja nicht näher eingehen. Die Hauptsache ist doch, daß wir beide wissen, daß wir zueinander gehören & daß wir beide uns gegenseitig glücklich machen. Und Deine Eltern werden auch noch zu der Erkenntnis kommen, daß Du nicht mehr der bist, der Du warst, & dann werden sie auch mit Dir froh sein.

Schluß, mein Ute! Nach 12 Uhr, läge ich doch erst in der Baba.

Einen lieben, langen Kuß sende ich Dir wieder.

Dein Suserich

 

Am 8. Februar 1929.

 

Heissgeliebte Isabella, ich ergreife die Feder, um Dich mal zu schreiben. Ja, ich bin da nicht gross drin.

Liebe Suse, ich soll hier nämlich ein wenig durch den Kakao durch den Kakao (ich stottere schon) gezogen werden mit meinem täglichen Brief an Dich – nicht nur Du wirst damit aufgezogen – und man machte eben den Versuch, mir einen Liebesbrief an Dich zu diktieren, gab es aber gleich resigniert mit obigem Schlussatz auf, als ich ernstlich mitschrieb.

Ich bin eben zwei Stunden nach Annoncen für die weisse Woche losgewesen. So schändlich habe ich glaube ich den ganzen Winter noch nicht gefroren. Es war wirklich nahe daran, dass mir übel wurde, und zum ersten male seit langer Zeit fühlte ich Sehnsucht nach einem Cognak. Es wäre aber zu viel gesagt, wollte ich schreiben, ich hätte dieser Versuchung widerstanden: es war gar keine Versuchung, sondern nur ein flüchtiger Gedanke, so wie man eben draussen in der Kälte auch an den warmen Ofen im Zimmer denkt. Übrigens ist das üppige Ergebnis von 2 Stunden Rennerei und Frieren 1.90 RM. für mich. Damit ist wirklich kein Blumenpott zu gewinnen. Und auch keine Reise nach Hamburg zu machen.

Ich glaube, unser guter Berthold, der in den letzten Tagen düster wie die Nacht ist, und der – allerschlimmstes Zeichen – wirklich stundenlang arbeitend auf dem Büro sitzt, ich glaube, mit unserm guten Berthold ist es Mathäi am Letzten. Seine 150 RM. Vergütung vom Verkehrsverein hat er wenigstens nicht bekommen, da ist irgend etwas vorgekommen, vorläufig hat er sich einmal eine Quittung über 75 Mark ausschreiben lassen. Und auch sonst ist nicht alles in Butter. Vielleicht wird er überhaupt nicht Geschäftsführer und dann fliegt der ganze Laden auf, zumal Bürgermeister Lindemann über ihn zu Wachholtz auch sehr ungünstig gesprochen haben soll. Er wird wohl mal wieder irgend einen beschissen haben, und das ist ans Licht der Welt gekommen und stinkt so, dass es eben nicht zu überriechen ist. – Verzeih diese sehr ländliche Ausdrucksweise, aber wenn man Mist anfässt, wird man stinkerig. Für mich ist das alles natürlich sehr wenig erfreulich, aber irgendwie werde ich mich schon herauswickeln, wenn es denn auch wieder einige Zeit nur mit Margarine, Bückling und Brot zu leben heisst.

Reden wir von angenehmeren Dingen, z. B. davon, dass Du Dir ein Kassenbuch eingerichtet hast. Das hat mich wirklich und aufrichtig gefreut. So hoch ich Dich schätze, ganz offengestanden halte ich Dich auch nicht grade für ein Spargenie, und da ist so eine Kassenführung wirklich eine gute Hilfe, unter der Voraussetzung allerdings, dass man vollkommen ehrlich ist und jeden Tag anschreibt. Liebe Suse, ich muss auch Dir gleich sagen, dass ich im Hinblick

  1. auf den wahrscheinlich ungelöhnten Ersten

  2. auf meine allgemeine Geldknappheit

  3. auf meine feudale Wohnung

  4. auf einen immerhin nahenden, nicht ganz unwichtigen Geburtstag

mich gezwungen sehe, vorläufig den Daumen auf der Kasse zu halten und garnichts mehr rauszurücken.

So, nun weiter und zum Schluss. Ferner bitte ich Dich dringlich, mein Mädel sehr, sehr, sehr, sehr, von mir zu küssen und ihr zu sagen, dass sie keiner so liebt und so lieben wird wie ihr

Utemann

 

Hamburg. 8. Februar 1929.

Lieber, lieber Ute,

quäl Dich doch nicht so. Du weißt doch, wie glücklich Du mich machst, wieviel Glück Du mir schenkst. Du gehörst so sehr in mein Leben hinein, wie ich in Dein’s. Freiwillig werde ich nie, niemals wieder von Dir gehen. Und wie könnte ich jemals mein Herz fortgeben? Du hast es doch und hältst es doch? Und wenn ich mal nicht so froh aussehe, nimm es nicht so tragisch. Hab Geduld mit mir, Ute, nur ein bischen Geduld. Ich bin eigentlich immer, trotz vieler Freunde, allein gewesen & das hat es wohl mit gemacht, daß ich meine innersten Gedanken immer für mich behalten habe & so verschlossen geworden bin. Immer hatte ich Angst, daß das, was ich sagen wollte, falsch verstanden würde. Aber, paß auf, das wird auch besser. Wir kommen uns doch immer, immer näher, nicht wahr? Und lernen uns immer besser kennen. Und wir haben uns lieb & können ohne einander nicht mehr sein.

Mein Junge, mein Liebster. Einen schönen Sonntagsgruß und einen schönen Kuss.

Deine Suse

 

Neumünster, den 11. 2. 1929.

Liebste,

diese Woche hat wieder einmal gut angefangen. Als ich morgens um 8 auf den General kam, fand ich unsern Herrn Kahlert vermummt bis an die Ohren, mit dem Hut auf dem Kopfe, an seinem Pult schreibend sitzen. In den Räumen der Redaktion wehte ein erfrischendes Lüftchen. »Nicht geheizt« grunzte er grimmig. Ich eilte zur Reinmachefrau und stellte fest, dass ich gestern in meiner Begabtheit das Sicherheitsschloss, zu dem ich allein einen Schlüssel habe, abgeschlossen hatte, so dass die Reinmachefrau nicht herein gekonnt hatte. So war nicht geheizt worden und bei 0 Grad war es wirklich nicht angenehm. Vormittags um 11 waren wir auf 4 Grad angelangt, dann entwich ich fluchtartig und ging auf die Annoncenjagd.

Ich mache heute wieder einmal Redaktionsspätdienst, aber das ist keine unangenehme Tätigkeit. Im allgemeinen beschränkt sich meine Kundschaft auf ein paar bedrippste alte Weiblein und Männlein, die sich ihre Zeitung persönlich holen, um die Botenträgerin zu sparen. Dann kamen noch zwei Schuljungen, die mir einen jämmerlichen abgegriffenen erfrorenen Schmetterling vorzeigten und dafür 50 Pfg. als wichtige lokale Neuigkeit haben wollten. Ich hab sie ihnen aber nicht gegeben, denn wir haben erst am Sonnabend einen viel besseren Schmetterling und Mitte voriger Woche einen krabbligen Maikäfer gehabt. Dann war ein Geschäftsführer da, der wissen wollte, ob seine Firma in Liquidation sei oder nicht und wie es dann mit seinem Gehalt und seiner Kündigung stände, und dann am Ende noch einer, der einen Brief aus Zagreb bekommen hatte, und wissen wollte, wo diese Stadt eigentlich liegt (ich ermittelte sie als Agram in Serbien) und sonst habe ich so ein bissel an Dich getippt.

Mein Mädchen, es ist Feierabend, d. h. ich arbeite schon wieder über. Ich freue mich auf mein Zuhaus, eigentlich am meisten weil es so schön warm und gemütlich sein wird, dann aber auch ein bissel, weil ich beinahe vermute, dass da ein Brief von Dir liegen wird. Ich werde sehr schön essen – ich wollt Dir doch immer sagen, wie ich von meiner guten Frau Gehl verwöhnt werde. Alle Augenblicke schleicht sie in mein Zimmer, dann mit einem Pott Kakao, dann mit Bratkartoffeln und Frikadellen (es kommt sonst doch um!), dann mit Eierkuchen, dann mit Stollen – ich hab’s schon sehr gut getroffen, dieses Mal, hoffentlich kann ich es finanziell halten.

Tjüs, Maidele, morgen auf Wiederlesen. Ich habe Dich gräßlich doll lieb. Dein Ute

 

Hamburg. 11. 2. 29

Liebster Ute,

auf Deinen langen, langen, lieben Brief kriegst Du heute nur einen ganz kurzen Brief wieder. Ich muß Dir nur schnell sagen, daß mich dieser Brief sehr gefreut hat. Er hat mir wieder einmal gezeigt, daß Du mich so gut verstehst & so gut kennst; wie noch kein Mensch zuvor.

Wir haben heute im Geschäft ganz toll ran müssen. Heute hat nämlich unsere Modellhutausstellung begonnen & und wir haben gedacht: »Ach, bei dieser Kälte wagt sich doch kein Mensch hinaus, wenn es nicht unbedingt sein muß.« Und haben demnach kaum Kundschaft erwartet. Und es hat sich zeitweise gedrängelt bei uns & die Leute haben »Strohhüte« gekauft?!! Stell Dir das Paradoxon doch nur mal vor, bei dieser Kälte, wo einem die Nasenspitze nur bald abfriert, Hochsommerhüte zu kaufen. Nebenbei dann noch einen blödsinnigen Posteingang. Also wir sind nicht zur Besinnung gekommen. Aber manchmal kann das sogar Spass machen.

Und nun ganz energisch Schluß, sonst wird’s mit dem Arbeiten nichts mehr. Gruß & Kuss, mein Utejung, von Deinem Susemädchen

 

Neumünster, den 12. 2. 29.

Liebes Mädchen,

ich bin heute leider garnicht recht auf dem Damm, Kopf, Magen und Darm streiken und ich weiss nur noch nicht, wem ich schuld geben soll, der Külle, der Grippe, der viel zu vielen Fresserei, drei Tassen Kaffee am Sonntag Nachmittag, zu starkem Tee oder zu vielem Rauchen. Vorläufig irre ich erst einmal ständig zwischen Büro und dem Boden, zwischen meiner Wohnung und dem anderen Boden, denn leider sind in beiden Häusern die »Örtchen« unters Dach verlegt und, nebenbei sei’s gesagt, natürlich eingefroren. Ich steige denn auch immer mit einem weissen Emailleeimer voll Wasser hinauf und errege Aufsehen durch meinen Konsum. Denn ein Übel hat mich ergriffen, das man in Männerkreisen wohl die »schnelle Mathilde« nennt, ich weiss nicht, wie Ihr jungen Mädchen das benamst.

Unserm Herrn Kahlert geht’s ähnlich, nur, dass er noch zwischen Lungenentzündung und Grippe schwankt und mit heissem Bemühen vollgemachte Taschentücher am Ofen trocknet.

Den Clou schoss aber doch Berthold, der ausgerechnet am heutigen Nachmittag um drei Uhr auf der Redaktion endlich wieder erschien und mitteilte, er müsse an den Folgen einer Gasvergiftung leiden, die er sich am Montag Morgen, als wir so hastig und mit soviel Qualmaufwand die vergessenen Öfen entzündet, geholt haben müsse. Seltsamerweise hat sich diese Gasvergiftung, die sich in ausgiebigem Erbrechen geäußert haben soll (ich glaub’s ihm schon), erst nach der silbernen Hochzeit mit nachfolgender Ratssitzung der Karnevalsgesellschaft bemerkbar gemacht. Es kommen schon recht seltsame Typen vor und die Frechheit mancher verblüfft immer wieder.

Ich für mein Teil habe zur Gesundung meines Ichs drei Zitronen und ein Pfund Zucker erstanden und werde diese Dinge wenigstens teilweise heute abend mit meinem Tee konsumieren, dann in ein von einem Bügeleisen angewärmtes Bett mich verkriechen und dann hoffentlich das ausschwitzen, was ich an Krankheitskeimen dieser Art in mir trage. (Aber nicht den holden Wahnsinn.) Aber Du mein holdes Mädel, sollst Dich keinesfalls ängstigen. Es ist eine ganz harmlose Geschichte, die mit ein bisserl Schwitzen aus der Welt geschafft sein wird. –

Von Berthold will ich Dir nun auch noch etwas sehr Hübsches erzählen. Kurz nach den Reichstagswahlen hat die hiesige Wirtschaftspartei eine freiwillige Sammlung zum Auffüllen des Wahlfonds veranstaltet und B. ist Kassierer gewesen. Zwei dieser Sammellisten habe ich nun mittlerweile aufgetrieben, per Zufall, durch seine Schusselei begünstigt, und stellte fest, dass die vereinnahmten Beträge – es ist das nicht viel, aber immerhin annähernd 100 Mark – nicht in der Kasse vereinnahmt sind. Berthold hat mir das damals so erklärt, dass die Beträge wohl gezeichnet, nachher aber nicht kassiert worden sind, nur 27 Mark seien wirklich kassiert worden und daher zu vereinnahmen.

Möglich war das ja bei seiner Schusselei und ich habe darum diesen Betrag mir von ihm geben lassen, nachträglich vereinnahmt und die auf einen sehr viel höheren Betrag lautende Liste als Beleg beigefügt.

Das alles ist so weit klar, nicht wahr?

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