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Wenn die Sehnsucht im Herzen brennt

1. KAPITEL

Das Ereignis war als Hochzeit des Jahres angekündigt worden – Manhattans romantischstes Paar gibt sich das Jawort. Und soweit Kara de Montaine es beurteilen konnte, hatte die Presse tatsächlich nicht zu viel versprochen. Kara stand am Eingang der Saint Patricks Cathedral, umgeben von den oberen Zehntausend der New Yorker High Society. Dies war ihre Welt, in diesen Kreisen war sie zu Hause. Und trotzdem fühlte sie sich einsam und verloren, während sie darauf wartete, den Gang entlang zu ihrem Platz geführt zu werden.

Die unerwartete Hochzeit des erfolgreichen Verlegers Tristan Sabina hatte sich zu dem Ereignis der Frühlingssaison entwickelt. Kara wäre froh gewesen, das Ganze einfach als irgendeine weitere Party abtun zu können, aber sie war fast dreißig, noch immer Single und ohne Aussicht, dass sich daran in absehbarer Zeit etwas ändern könnte. Und eben das machte jede Hochzeit, zu der sie eingeladen war, zu einer Qual, einer Art Ausdauertest – immer wieder aufs Neue machte es ihr klar, dass sie wohl niemals in die Rolle der Braut schlüpfen würde. Kara versuchte die trübe Stimmung abzuschütteln, die sich wie ein Hermès-Schal um sie zu schlingen drohte. Aber es wollte ihr einfach nicht gelingen.

Mit der Braut hatte das rein gar nichts zu tun. Kara wusste wenig über Sheri Donnelly, aber sie hatte nur Gutes von ihr gehört. Von ihrer Schwester Rina hatte sie zudem erfahren, dass Sheris Brautkleid einzigartig und wunderschön sein sollte.

Kara verspürte eine Sehnsucht, die sich in letzter Zeit immer häufiger in ihr breitmachte. Die Sehnsucht, ein blütenweißes Kleid zu tragen und ihren Bräutigam am Altar ungeduldig auf sie warten zu sehen. Die Sehnsucht, zwischen den Sitzreihen einer Kirche entlangzuschreiten, während die Hochzeitsgäste sie mit neidischen Blicken betrachteten – sie, an diesem Tag die schönste Frau auf Erden.

Tränen traten Kara in die Augen bei der Erinnerung an gemütliche Stunden im Bett ihrer Mutter mit Plaudereien über die Traumhochzeit, die ihr ganz sicher eines Tages bevorstehen würde. Ganze Sonntagvormittage hatten sie und ihre Schwester so im Doppelbett ihrer Eltern verbracht. Rina hatte sich immer rechts von ihrer Mutter zusammengerollt, Kara links. Damals hatte sie nicht wissen können, dass sie niemals eine solche Märchenprinzessin sein würde. Auch nicht, wie sehr Männer eine Größe von knapp eins achtzig und eine kräftige Statur Männer abschreckte.

Resigniert schloss sie die Augen und hörte im Geist wieder die sanfte Stimme ihrer Mutter. Alisha de Montaine war gestorben, als Kara sechzehn gewesen war, kurz bevor sie in die Gesellschaft eingeführt werden sollte. Rina hatte ihr Debüt bereits ein Jahr zuvor gegeben.

Rina und Kara waren so verschieden, wie zwei Frauen nur sein konnten. Während Rina klein und schlank war und für ihre Schönheit bewundert wurde, war Kara groß, etwas stämmig und eher für ihre karitativen Tätigkeiten bekannt.

Kara schniefte und blinzelte, weil sie wusste, dass es zwar völlig legitim war zu weinen, wenn die Braut erschien, aber als großer Fauxpas angesehen wurde, wenn man schon schluchzte, bevor die Trauung überhaupt angefangen hatte.

Da legte sich eine Hand auf ihre Schulter, ein weißes Taschentuch erschien vor ihren Augen. Die Hand, von der es gehalten wurde, war gebräunt, maskulin und groß.

„Eine Hochzeit ist doch ein Tag der Freude“, sagte der Mann mit einer tiefen, kräftigen Stimme und einem leichten spanischen Akzent.

Kara blickte in die braunen Augen des Mannes. Er sah unglaublich gut aus und betrachtete sie mit ernster Miene. Außerdem war er größer als sie, mindestens ein Meter neunzig. Kara räusperte sich und wischte sich hastig über die Augen. „Das sind Freudentränen.“

Der Mann zog skeptisch eine Augenbraue hoch. Es wirkte leicht arrogant. „Ich kenne Frauen.“

Zweifellos, dachte Kara. Er strahlte einen unglaublichen Sex-Appeal aus, der vermutlich mehr Frauen anzog, als ihm lieb war. Andererseits machte er den Anschein, als könnte er es mit jeder Situation aufnehmen, selbst mit einer Horde von Frauen, die sich auf ihn stürzten. Okay, jetzt wurde sie langsam ein wenig hysterisch. Kara holte tief Luft. Haltung war schließlich eine ihrer nobelsten Eigenschaften. Es wurde Zeit, dass sie ihre Selbstbeherrschung wiedergewann und ihre Gefühle unter Kontrolle bekam.

„Sie mögen vielleicht die Frauen kennen“, sagte sie, „aber mich kennen Sie nicht.“

Er nickte. „Das sollten wir ändern. Ich bin Guillermo Conde de Cuaron y Bautista de la Cruz. Und Sie?“

Kara kannte den Namen. Die Medien waren voll mit Berichten über den Grafen und seine Eskapaden. Außerdem gehörte er zu Rinas Bekanntenkreis.

Guillermo hatte stets eine wunderschöne Frau an seiner Seite. Niemals eine mollige Erbin wie Kara. Verflixt, sie tat ja ihr Bestes, um sich in ihrem Körper wohlzufühlen, aber es gelang ihr einfach nicht. Genauso wenig wie es ihr gelang, sich auf eine kleinere Kleidergröße herunterzuhungern. Es war einfach unmöglich, trotz der unzähligen Diäten, die sie in ihrem Leben schon gemacht hatte.

„Kara de Montaine“, sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen.

Er nahm sie und hob sie galant an seine Lippen. „Jetzt, da wir nicht länger Fremde sind … was treibt Ihnen an solch einem freudigen Tag die Tränen in die Augen?“

Sie schüttelte den Kopf. Als ob sie ausgerechnet diesem atemberaubend gut aussehenden Mann erzählen würde, wie traurig sie war, weil sie niemals solch eine Bilderbuchbraut sein würde. „Das würden Sie ohnehin nicht verstehen.“

„Stellen Sie mich auf die Probe.“

„Señor Conde …“

„Meine Freunde nennen mich Gui.“

„Gui“, sagte sie, ohne es eigentlich zu wollen. Sie mochte es, wie sein Name aus ihrem Mund klang. Und sie mochte seine Stimme. Der Akzent war so faszinierend, sie hätte Gui den ganzen Tag lang zuhören können.

„Kara, erzählen Sie es mir. Ich habe drei Schwestern und zahlreiche Cousinen. Ich bin ein guter Zuhörer.“ Der Ausdruck in seinen Augen zeugte von so viel Mitgefühl, dass Kara ihm am liebsten die traurige Wahrheit anvertraut hätte. Dass sie selbst vermutlich nie die Hauptrolle auf einer so wunderbaren Hochzeit wie dieser bekommen würde. Dass sie die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte, einen Mann zu finden, der sie so vergötterte. Dass sie wohl niemals eine Braut werden würde, die von aller Welt beneidet wurde. Aber das konnte sie diesem Mann natürlich nicht sagen. Er sah so fantastisch aus – genau genommen schon fast schön mit seinen klassischen Gesichtszügen, dem dunkelblonden Haar und den ausdrucksstarken Augen. Ein Traummann, während sie eine Frau war, die man allenfalls wegen ihres Geldes heiratete. „Es ist albern.“

„Ah, das bedeutet, dass es etwas sehr Persönliches ist. Etwas, was Ihnen viel bedeutet“, erwiderte er.

Himmel, hoffentlich ging sein Einfühlungsvermögen nicht so weit, tatsächlich zu erraten, was in ihr vorging. Sie hatte – wenn auch widerstrebend – ihren Frieden geschlossen mit sich und ihrem Äußeren. Und sie hatte inzwischen auch akzeptiert, dass alle Welt anzunehmen schien, sie sei zufrieden und glücklich damit, stets im Schatten ihrer Schwester zu stehen. Denn meistens war sie es ja auch. „Bitte nicht.“

„Was soll ich nicht?“

„Versuchen Sie nicht, mir weiszumachen, es sei Ihnen wichtig, was ich zu sagen habe oder was mich bewegt. Ich bin doch wohl kaum eine der Frauen, mit der Sie sich normalerweise abgeben.“

Er zog sie aus dem überfüllen Foyer der Kirche in einen etwas ruhigeren Seitengang. Kara liebte diese Kathedrale. Obwohl ihre Familie nicht katholisch war, hatte sie diese Kirche schon häufig besucht, einfach um darin herumzuschlendern, die Ruhe zu genießen und die Architektur zu bewundern.

„Was wissen Sie von mir? Wir haben uns doch gerade erst kennengelernt, oder?“, fragte er. Sie musste an die Geschichten denken, die sie über ihn gehört hatte. Tristan kannte sie seit Jahren, weil ihre Schwester mit seiner Schwester Blanche befreundet war. Also kannte sie auch die Geschichten des Dreiergespanns Gui, Tristan und Christos. Sie hatte von „Seconds“ gehört, der Nachtklub-Kette, die die drei auf der ganzen Welt betrieben, und natürlich waren ihr auch Berichte über die wilden Partys zu Ohren gekommen. Und etwas neidisch hatte sie registriert, dass er stets von den schönsten Frauen umgeben war.

„Ich bin Rinas Schwester“, sagte sie, als würde das alles erklären.

„Ach ja? Und was hat Rina von mir erzählt?“, wollte er wissen.

Rina beschützte Kara wie eine Glucke ihre Küken. Sie hatte Kara gewarnt, sich mit Männern wie Guillermo einzulassen. Von Männern, die über zu viel Selbstvertrauen und zu gutes Aussehen verfügten und deshalb davon überzeugt waren, jede Frau für sich gewinnen zu können.

„Nur dass … Hören Sie, können wir die Sache nicht einfach auf sich beruhen lassen?“

„Nein.“

„Nein?“, fragte sie fassungslos.

„Ich glaube, es bedeutet dasselbe in fast jeder Sprache, querida.“

„Ich bin nicht Ihr Liebling!“, presste Kara zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und verfluchte wieder einmal die Tatsache, dass sie so nah am Wasser gebaut war. Wäre es nicht so, hätte Guillermo sie niemals bemerkt, und sie bräuchten diese idiotische Unterhaltung nicht zu führen.

„Warum werden Sie denn gleich böse?“

„Graf …“

„Gui“, unterbrach er sie. „Ich möchte gern eine Antwort.“

Sie schüttelte den Kopf. „Was interessiert es Sie?“

„Es interessiert mich, weil Sie so traurig aussahen. Ich möchte Sie zum Lächeln bringen.“

„Mich zum Lächeln bringen?“, fragte sie ungläubig. „Ich bin die pummelige Schwester. Die wohltätige Schwester. Das hässliche Entlein. Diejenige, der niemand Beachtung schenkt.“

Gui strich mit einem Finger über ihre Wange und zeichnete dann ihr Kinn nach. „Sie sind exquisit, Kara. Und kein bisschen dick. Wie kommen Sie überhaupt darauf?“

„Weil ich in den Spiegel schaue, bevor ich das Haus verlasse.“

„Dann stimmt mit Ihrem Spiegel etwas nicht.“

Mit seiner Hand umschloss er ihre Wange, und Kara hielt unwillkürlich den Atem an. Es hatte fast den Anschein, als könnte er gar nicht anders, sondern müsste sie berühren, einem inneren Zwang gehorchend. „Nein, seien Sie nicht albern.“

Er schüttelte den Kopf. „Sagen Sie mir, warum Sie geweint haben.“

„Es war nichts Spezielles. Ich habe nur diese wunderbare Kulisse angeschaut und an die Braut gedacht.“

„Sheri und Tristan sind füreinander bestimmt“, sagte er. „Sind Sie in Tristan verliebt gewesen?“

„Nein! Tristan hat mich immer wie eine kleine Schwester behandelt. Und ich habe ihn nie als potenziellen Mann für mich angesehen.“ Es entsetzte sie, dass jemand denken könnte, sie hätte geweint, weil sie in den Bräutigam verliebt war.

„Warum dann?“, hakte Gui nach.

Sie holte tief Luft, wohl wissend, dass sie es ihm erzählen würde, und sei es nur, um diese absurde Unterhaltung zu beenden. Aber das ging einfach nicht, solange er sie berührte und dabei so anschaute. Also zog sie seine Hand von ihrem Gesicht und gab ihm sein Taschentuch zurück.

„Weil ich niemals diese Art von Braut sein werde.“

Mit dem letzten Rest von Stolz, der ihr noch geblieben war, ging sie davon. Sie musste von Guillermo de la Cruz fort, denn er hatte etwas an sich, was in ihr den Wunsch hervorrief, ihm all ihre Geheimnisse anzuvertrauen. Geheimnisse, die sie normalerweise um keinen Preis verriet.

Mit ihrem langen schwarzen Haar, der gebräunten Haut und den exotischen Augen sah Elvira wie eine mediterrane Sexgöttin aus. Umgeben von ihren Bewunderern bildete sie das Zentrum des Tisches. Gui hätte nur zu gern von sich behaupten können, er gehöre nicht zu ihren Verehrern, doch da er sich nach Möglichkeit selbst nichts vormachte, gestand er sich ein, dass Elvira schon immer seine Schwäche gewesen war.

Auf die Tatsache, dass er ihrem Charme widerstand, seit sie seinen ehemaligen Freund Juan geheiratet hatte, war er stolz. Aber trotzdem konnte er die begehrlichen Gefühle, die sie stets in ihm weckte, nie ganz unterdrücken. Und als Katholik wusste er, dass eine Sünde, die im Kopf begangen wurde, genauso schlimm wie die körperliche Sünde war.

Es hatten sich stets viele Gerüchte um ihn und Elvira gerankt, obwohl er sich bemüht hatte, auf Distanz zu ihr zu bleiben. Sie hatte etwas an sich, was ihn fast magisch anzog, und sein Interesse blieb von der Presse nie unbemerkt.

Gui sah sich auf dem Hochzeitsempfang um, der in einem der angesagtesten Hotels in Manhattan stattfand. In Kürze würde er auf das Podium treten, um eine kurze Rede auf Sheri und Tristan zu halten, und er sollte sich lieber darauf konzentrieren. Stattdessen war er fixiert auf eine Frau – Elvira. Seit gut zehn Jahren war er regelrecht besessen von ihr.

„Hast du etwas im Auge, das dir gefällt?“

Er sah Christos an, der sich zu ihm gesellt hatte und ihm ein Glas Champagner reichte. Auch Christos hatte vor Kurzem geheiratet. Und obwohl Gui der Institution Ehe skeptisch gegenüberstand, musste er zugeben, dass er seinen Freund seit Jahren nicht so glücklich erlebt hatte. Genau genommen hatte die Ehe Christos zum Besseren verändert.

„Ja.“

„Welche?“, fragte Christos.

Gui war klug genug, um nicht einzugestehen, dass er Elvira beobachtet hatte, also ließ er seinen Blick über die Menge gleiten und entdeckte Kara de Montaine. „Äh … groß, dichtes, lockiges Haar, hochgesteckt …“, sagte er.

„Aha, die jüngere der de Montaine-Schwestern. Kerri?“

„Kara. Kennst du sie?“

„Ein wenig. Ich kenne Rina ganz gut. Sie hält immer ein wachsames Auge auf ihre jüngere Schwester.“ „Wirklich?“ „Ja. Sie hat mal jemanden heruntergeputzt, als der eine abfällige Bemerkung machte.“

Gui schwieg und trank einen Schluck Champagner, während er so tat, als könnte er die Augen nicht von Kara losreißen. Ihr Haar war tatsächlich dicht und schwarz, und es lockte sich um ihr Gesicht wie bei einem Engel von Botticelli. Sie war groß, er schätzte sie auf fast einen Meter achtzig. Und sie besaß eine üppige Figur. Allerdings konnte man diese Rundungen nicht als dick bezeichnen. Er hatte es ernst gemeint, als er ihr vorhin ein Kompliment gemacht hatte. Sie war keine klassische Schönheit wie Elvira, und sie würde auch niemals wie seine Exgeliebte die Männer mühelos betören, aber Kara strahlte eine Art von Unschuld aus, die erfrischend war.

„Gui?“

„Hm?“ Gui versuchte nicht weiter darüber nachzudenken, dass es ihm wirklich schwerfiel, den Blick von Kara loszureißen.

„Alles in Ordnung?“, fragte Christos.

„Ja, sicher, wieso? Hochzeiten sind für jeden Junggesellen ein Freudentag.“ Die Band spielte ein schnelles Stück, und er würde eine Single-Frau finden, mit der er die Nacht verbringen konnte. Nicht Elvira. Und auch kein Unschuldslamm wie Kara.

„Nur so“, wich Christos aus.

„Du klingst so merkwürdig. Was ist los?“ Es passte so gar nicht zu Christos, um den heißen Brei herumzureden.

„Ava glaubt, dass du …“

„Was?“, hakte Gui nach.

„Ach, verflixt. Ich komme mir komisch vor, es überhaupt auszusprechen.“

„Nun sag schon.“

„Sie glaubt, jetzt wo Tristan und ich verheiratet sind, könntest du dich ein wenig isoliert fühlen.“

Gui lächelte. Ava Monroe-Theakis war eine überaus sympathische Frau und besaß ein großes Herz. Auf Tristans Verlobungsfeier hatte sie Gui gesagt, sie wünsche sich, er und Tristan würden Familien gründen, damit Christos, Tristan und er zusammen ihre Kinder großziehen konnten.

Aber um ehrlich zu sein, konnte Gui diesem Zukunftsbild nichts abgewinnen. „Ich fühle mich überhaupt nicht isoliert. Du und Tristan, ihr seid meine besten Freunde, und daran wird sich auch nichts ändern, nur weil ihr verheiratet seid.“

Christos rieb sich den Nacken. „Ich habe dir ja gesagt, dass …“

„Christos, es ist okay. Ich verstehe schon. Es ist lieb von Ava, sich um mich zu sorgen.“

„Sie bräuchte sich noch weniger Sorgen zu machen, wenn die Gerüchte über dich und Elvira endlich verstummen würden.“

„Sie macht sich Sorgen wegen Elvira?“, fragte Gui und wunderte sich, woher Ava den Namen seiner ehemaligen Geliebten überhaupt kannte. Wahrscheinlich aus der Regenbogenpresse, die zu Sheris liebsten Lastern gehörte. Und Sheri und Ava waren bereits enge Freundinnen geworden.

Christos zuckte die Schultern.

„Ich habe kein Interesse daran, irgendjemanden zu heiraten. Du weißt, dass ich ein Gelübde sehr ernst nehme.“

„Stimmt. Aber warum starrst du sie dann an, wenn du dich unbeobachtet fühlst?“

„Tue ich doch gar nicht.“

„Juan sieht aus, als wollte er dich jeden Moment zum Duell fordern.“ „Wo ist er?“ „An der Bar.“ Juan konnte mit Alkohol nicht umgehen. Schon früher hatte man ihn bitten müssen, Veranstaltungen am spanischen Hof zu verlassen. Guis Schwägerin, die spanische Thronfolgerin, machte sich ebenfalls Sorgen um Juan, der ein Cousin ersten Grades von ihr war.

„Ich schaue Elvira nicht öfter an als andere Frauen“, verteidigte Gui sich.

„Gui …“

„Christos, ich habe mich nie in dein Leben eingemischt.“

Christos schnaubte. „Und was war, als du auf Mykonos aufgetaucht bist, um Ava vor unserer Hochzeit kennenzulernen und unter die Lupe zu nehmen? War das etwa keine Einmischung?“ Gui zuckte die Schultern, und Christos lachte. „Na schön, belassen wir es dabei. Pass nur gut auf dich auf.“

Gui nickte und rief sich in Erinnerung, dass er ein glückliches Leben führte. Er war nicht wie Tristan, der zu lange um seine verstorbene erste Frau getrauert hatte, bevor er Sheri kennen und lieben gelernt hatte. Oder wie Christos, der sich von der Frau, die er liebte, betrogen gefühlt hatte, und dem es erst vor Kurzem gelungen war, dieses Hindernis aus dem Weg zu räumen.

Das Leben als Junggeselle gefiel ihm, und ihm gefielen die Frauen. Er war der Überzeugung, dass ein Mann mit seinem leidenschaftlichen Naturell sich besser mit kurzen Affären zufriedengab.

Die einzige Frau, der er je sein Herz geöffnet hatte, war Elvira gewesen, und die hatte, um ihn zu ärgern und ihn eifersüchtig zu machen, einen anderen geheiratet. Daher hatte Gui auf die harte Weise lernen müssen, dass die Liebe nicht nur Schönes bereithielt, sondern auch Schattenseiten.

Er schaute zur Bar und sah, wie Juan ihn böse anfunkelte. Er musste etwas tun. Irgendetwas, was Juan davon überzeugte, dass er sich nicht länger zu Elvira hingezogen fühlte. Es war nicht unbedingt hilfreich, dass Elvira ihn irgendwann aufspüren würde. Das tat sie immer. Und er wartete stets darauf.

„Möchten Sie tanzen?“

Kara hatte einen kleinen Schwips von all den Martinis, die sie getrunken hatte. Im Kreis ihrer Freundinnen genoss sie nun doch den Abend. Grund genug also, um Gui todesmutig zum Tanzen aufzufordern.

Das und die Tatsache, dass ihre Freundin Courtney überzeugt davon gewesen war, dass Kara Gui noch nicht vorgestellt worden war. Courtney hatte ihr nicht geglaubt, dass sie den umwerfendsten und begehrtesten Junggesellen im Saal nicht wirklich kannte.

„Entschuldigung?“

Sie räusperte sich. Himmel, wenn er ihr einen Korb gab, würde sie augenblicklich im Erdboden versinken. „Ich habe gefragt, ob Sie tanzen möchten.“

„Tanzen?“

„Ja, es sei denn, Sie haben etwas anderes Wichtiges vor.“

„Ich habe noch einen Moment Zeit, bis ich meine Rede halten muss. Zeit genug, um mit einer schönen Frau zu tanzen.“ Gui lächelte eine überaus charmantes Lächeln. „Es wäre mir ein Vergnügen.“

Sie errötete, als ihr ein völlig unpassender Gedanke durch den Kopf schoss. Dann schüttelte sie den Kopf und führte ihn zur Tanzfläche, wo auch ihre Freundinnen standen. „Kennen Sie einander?“

Gui schüttelte den Kopf. „Guten Abend, meine Damen.“

Kara stellte ihm Emily, Katie und Courtney vor. Es waren ihre besten Freundinnen und einige der wenigen Menschen, in deren Gesellschaft sie sich wirklich wohlfühlte.

„Dies ist Señor Conde … Gui. Es tut mir leid, ich erinnere mich nicht an den vollständigen Titel.“

Er lächelte und deutete eine Verbeugung an. „Guillermo Conde de Cuaron y Bautista de la Cruz. Habe die Ehre. Aber bitte, meine Damen, nennen Sie mich einfach Gui.“

Die Musik wechselte von einem schnellen Stück zu einer langsamen Ballade, was Kara veranlasste, sich ein wenig von der Tanzfläche fortzustehlen. Gui legte ihr eine Hand auf den Arm und hielt sie auf. „Ich glaube, wir wollten tanzen.“

„Ja“, erwiderte sie zögernd. Ihr Mut hatte sie plötzlich wieder verlassen.

Lächelnd zog er sie in die Mitte der Tanzfläche und schloss sie in die Arme. Trotz ihrer hohen Absätze überragte er sie. Fast unmerklich strich er über ihren Rücken, bevor er die Hände direkt über ihrer Hüfte ruhen ließ.

Wie vorauszusehen war, entpuppte sich Gui als exzellenter Tänzer. Schließlich besaß er ja auch mehrere Nachtklubs und hatte vermutlich einen Großteil seiner Zeit damit verbracht, sich in den heißesten Nachtlokalen der Welt herumzutreiben. Immer mit einer anderen Frau.

Kara seufzte. Warum musste sie ausgerechnet daran denken?

„Woran denkst du?“, fragte Gui und ging damit ganz selbstverständlich zum vertraulichen Du über.

Sie schüttelte den Kopf. Es gab gar nicht genügend Martinis in diesem Saal, um sie so weit zu bringen zuzugeben, woran sie gedacht hatte. „Nichts.“

„Du hast geseufzt.“

„Stimmt.“

„Also …“

„Gui?“

„Ja, Kara.“

„Hör auf, so verflixt charmant zu sein.“

Er lachte und hob den Kopf. „Kann ich nicht. Es ist mein Fluch.“

„Und du nutzt ihn zu deinem Vorteil.“

„Du sagst das, als wäre es verwerflich.“

„Nun, auf jeden Fall scheint es, als wärest du ein Mann, der immer genau das Richtige zu sagen weiß.“

„Und du glaubst, ich meine nicht ernst, was ich sage?“

Sie biss sich auf die Unterlippe. „Ja. Genau. Du sagst Sachen, die sich so anhören, als hättest du wirkliches Interesse an mir, dabei kennst du mich gar nicht.“

„Vielleicht ist es einfacher, Interesse an dir zu haben, als du glaubst.“

Sie schüttelte den Kopf. „Ich weiß, dass es nicht so ist. Kein Mann hat in mir bisher etwas anderes gesehen als eine reiche Erbin.“

„Dann haben sie nicht richtig hingesehen“, beharrte Gui.

Kara spürte ein leichtes, angenehmes Kribbeln in ihrem Bauch, als sie Gui ansah. Er zog sie noch enger in seine Arme, bis ihre Brüste seinen Oberkörper berührten und ihr Kopf an seiner Schulter ruhte.

War das alles ein Traum, von zu viel Alkohol befeuert? Doch es kam Kara alles so echt vor, und sie wünschte sehnlichst, es möge noch ein wenig länger dauern. Morgen konnte sie wieder die mollige Millionenerbin sein. Heute jedoch wollte sie sich dem Gefühl hingeben, eine Märchenprinzessin mit ihrem Grafen zu sein.

„Guillermo, querido?“

Die Stimme war leise, weiblich und sehr sinnlich. Darin schwang ein gewisser Besitzanspruch mit, als die Frau, zu der diese Stimme gehörte, Gui ansprach.

Er versteinerte regelrecht, aber Kara kannte ihn nicht gut genug, um seine Reaktion wirklich deuten zu können. „Si, Elvira.“

„Stell mich deiner hübschen Freundin vor“, forderte die Frau namens Elvira.

Die Häme in der Stimme der Frau war kaum zu überhören. Warum tanzt du mit dieser molligen Frau statt mit mir?, sagte sie eigentlich. Es war ein Ton, den Kara im Laufe der Jahre schon oft genug gehört hatte.

„Elvira, dies ist Kara de Montaine. Kara, dies ist Gräfin Elvira de Castillo y Perez.“

„Freut mich, Sie kennenzulernen“, sagte Kara und verneigte sich leicht vor der etwas älteren Frau.

„Was für ein nettes Mädchen“, sagte die Gräfin herablassend. „Gehen Sie und spielen Sie mit Ihren Freundinnen. Ich möchte mit Guillermo sprechen.“

Kara begann, sich von Gui zu lösen, doch der hielt sie auf. „Kara ist meine Verlobte, Elvira. Was auch immer du zu sagen hast, kannst du mir auch in ihrer Gegenwart sagen.“

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