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Wenn die Lust siegt

1. Kapitel

 

Tyler Farrells Geschäftspartner kam ins Büro gestürzt und bat in einem Anflug von Panik: "Du musst mir helfen, Ty. Nimm sie mir für die nächsten paar Tage ab."

"Wen soll ich dir abnehmen?"

"Sie wird nicht viel von deiner Zeit beanspruchen. Sie ist ja noch ein junges Mädchen."

"Wer ist noch ein junges Mädchen?" Tyler wurde langsam ärgerlich. "Wovon redest du, Mac?"

McConnor Coleman atmete tief durch, um sich zu beruhigen. "Soweit ich von Mom weiß, will meine kleine Schwester von Portland nach Seattle ziehen und sich einen Job und eine Wohnung suchen. Sie kam gestern Abend an und wird bei mir wohnen, bis sie mit meiner Hilfe hier Fuß gefasst hat. Ich habe Mom versprochen, ein Auge auf sie zu haben. Vielleicht könntest du abends einmal mit ihr ins Kino gehen und Pizza essen. Mach eine Hafenrundfahrt, oder fahr mit ihr auf die Space Needle. Irgendetwas in der Art."

Mit Nachdruck fuhr Mac fort: "Du brauchst deine anderen Verabredungen deswegen ja nicht abzusagen, du musst meine Schwester auch nicht groß zum Dinner ausführen. Wie gesagt, Angelina ist noch sehr jung. Du weißt ja, ich muss jede Menge Überstunden machen, bis der Entwurf für das neue Bootsmodell endlich fertig ist. Schließlich hängt der Ausbau unserer Firma davon ab. Und ich möchte nicht, dass sie allein in meinem Haus herumsitzt, und schon gar nicht möchte ich, dass sie nachts allein ausgeht."

Ty versuchte, aus Mac schlau zu werden. "Wir sind hier auf Bainbridge Island, nicht in Seattle. Es gibt keinen Grund, warum deine Schwester nicht allein ausgehen kann."

"Ein junges Mädchen sollte nachts nicht ohne Begleitung unterwegs sein."

Ty runzelte die Stirn. Vor seinem geistigen Auge sah er Angelina Coleman, das nervige kleine Mädchen, das er einmal in Macs Elternhaus in Portland, Oregon, getroffen hatte. Seufzend schüttelte er den Kopf. "Ich habe wirklich nicht die Zeit …"

"Bin ich zu früh zum Lunch?"

Ty wirbelte herum. Die angenehme Stimme passte perfekt zu der hübschen Blondine, die in der Tür stand. Eine heftige Welle glühenden Verlangens verdrängte Tys anfänglichen Schock. Konnte diese hinreißende Frau dieselbe Person sein, von der Mac als seiner kleinen Schwester gesprochen hatte?

Mac eilte zu ihr. "Angie, ist es schon Mittag?" Er sah auf seine Armbanduhr. "Anscheinend ist der Vormittag glatt an mir vorbeigeflogen."

Sie lächelte ihren Bruder belustigt an. "Das überrascht mich gar nicht."

Nachdem er sich von seinem Schrecken erholt hatte, wurde Ty aktiv und gab Angie die Hand. "Guten Tag, Angie. Ich bin Tyler Farrell. Du erinnerst dich wahrscheinlich nicht, aber wir haben uns vor einigen Jahren einmal getroffen." Als ihre Hände sich berührten, war es, als jage ein Stromstoß durch seinen Körper. Der Blick ihrer schönen grünen Augen löste erneut einen Schauer in ihm aus – eine Mischung aus sexueller Begierde und Alarmiertheit.

"Natürlich erinnere ich mich an dich. Das war vor vierzehn Jahren, etwa einen Monat bevor du und Mac euren Abschluss an der University of Washington gemacht habt. Mac war derjenige, dem es vor den Abschlussprüfungen graute. Ich war die dürre Zehnjährige mit der Zahnspange." Ein strahlendes Lächeln huschte über ihr schönes Gesicht, und sie setzte vergnügt hinzu: "Und du warst der arroganteste Typ weit und breit."

Ty ließ ihre Hand los und trat benommen ein paar Schritte zurück. Angie brach in herzliches Gelächter aus. Es klang bezaubernd, und Ty hätte es am liebsten immer wieder gehört. In dem Moment, in dem er ihre Hand losließ, überkam ihn das seltsame Gefühl, einen Verlust zu erleiden.

Er fasste sich schnell und nahm sich eine Minute Zeit, um Angie zu betrachten. Er schätzte sie auf knapp einssiebzig, was perfekt zu seiner eigenen Größe von einszweiundachtzig passte. Er ließ den Blick von ihren betörenden Augen über jede Kurve ihres Körpers bis hinab zu ihren Schuhen wandern. Ein anerkennendes Lächeln umspielte seinen Mund. Sie war schlank, aber mit Rundungen an den richtigen Stellen.

Er verspürte eine eigenartige Enge in der Brust, obwohl seine Haut immer noch prickelte, da, wo ihre Hände sich berührt hatten. Betont lässig, obwohl ihm gar nicht danach war, bedachte er Angie mit einem frechen, sexy Grinsen. "Tja, wie ich sehe, hat sich wenigstens einer von uns beiden über die Jahre positiv verändert."

Angie schob die Hände in die Taschen ihrer schicken Stoffhose, eine unbewusste Geste, um das Kribbeln, das seine Berührung bei ihr ausgelöst hatte, zu stoppen. Das frivole Funkeln in seinen haselnussbraunen Augen verriet ihr genau, woran er dachte. Diesen Blick kannte sie, aber er hatte noch nie eine solche Auswirkung auf sie gehabt. Er verhieß Aufregung und der Frau, die das Glück hatte, das Bett des Betrachters zu teilen, Nächte voll sinnlicher Lust.

Dieser Blick verhieß auch Spaß, Freude an alltäglichen Dingen und am Leben im Allgemeinen – etwas, was in ihrem Leben seit dem vergangenen Jahr definitiv fehlte. Sie wollte diese Lebenslust unbedingt zurückgewinnen.

Tyler Farrell war ein sehr beunruhigender Mann, doch er hatte auch etwas Faszinierendes an sich. Da war mehr als nur sein fantastisches Aussehen, sein dichtes dunkles Haar und seine athletische Figur. Sie erschauerte wohlig, denn sie spürte seine unterschwellige Leidenschaft, die sie mit aller Macht erfasste und nicht wieder loslassen wollte.

Angie sah ihren Bruder an. Macs Miene spiegelte einen Anflug von Unsicherheit und Missfallen wider, während sein Blick zwischen seinem Geschäftspartner und seiner Schwester hinund herflog.

Mac räusperte sich. "Angie … wegen des Mittagessens heute …"

Sofort ergriff Ty das Wort. "Mach dir keine Gedanken, Mac. Ich weiß ja, wie beschäftigt du bist. Es wäre mir eine Ehre, Angie zum Lunch zu begleiten." Er grinste. "Um der Firma und um unserer Erweiterungspläne willen."

"Ich will deine Termine nicht durcheinander bringen, Ty. Ich kann mich gut allein amüsieren, bis Mac heute Abend nach Hause kommt." Dass er etwas von Firmenerweiterung gesagt hatte, war ihr nicht entgangen. Hoffentlich würde dieses Vorhaben zu ihren eigenen Plänen passen – Pläne, von denen ihr Bruder noch nichts wusste, obwohl von ihm deren Erfolg abhing. Sie waren der eigentliche Grund für ihren Umzug nach Seattle.

Ty zwinkerte ihr mit einem strahlenden Lächeln zu. "Unsinn. Es gibt nichts, was ich lieber täte, als eine bezaubernde Lady zum Lunch auszuführen." Als er zu Mac hinüberschaute, fing er dessen warnenden Blick auf.

Gleich darauf verließ Ty mit Angie das Büro. Das beengende Gefühl in seiner Brust verstärkte sich, als er den Duft ihres Parfüms wahrnahm. Ihn überkam ein gewisses Unbehagen. Er wusste nicht, worüber er mit dieser wundervollen Frau, die ihn offenbar seiner Fähigkeit beraubt hatte, gewandt und charmant zu sein, reden sollte. Er holte tief Luft. Mac mochte in ihr ja immer noch seine kleine Schwester sehen, aber es bestand kein Zweifel, dass diese junge Dame durch und durch Frau war – bildschön und faszinierend.

Er atmete erneut durch, bemüht, die Flut lustvoller Gedanken, die über ihn hereinbrach, zu verdrängen. Denn er hatte nicht vor, Macs kleiner Schwester zu nahe zu kommen … nicht ernsthaft. Das Stahlband schloss sich noch enger um seine Brust. Das heiße Begehren setzte sich tief in ihm fest. Egal, wie sehr er sich bemühte, Pizza und Kino waren das Letzte, wonach ihm der Sinn stand.

Seine lüsternen Gedanken waren unter den gegebenen Umständen völlig unangebracht, aber deshalb verschwanden sie trotzdem nicht. Sie war Macs Schwester, seine kleine Schwester – ein Ausdruck, der sehr nach Beschützen klang. Und das passte bestens zu dem warnenden Blick, den Mac ihm zugeworfen hatte.

Ty wandte sich Angie zu. "Wollen wir gehen? Es gibt ein nettes kleines Lokal nicht weit von hier."

Sie spazierten am Wasser entlang Richtung Hafen. So sehr er sich auch bemühte, es gelang Ty nicht, Angie nicht ständig anzusehen. Er bewunderte ihre feinen Gesichtszüge, ihre hübsche Nase und ihren unglaublich verführerischen Mund.

"Warum beobachtest du mich dauernd?"

Ihre Bemerkung überraschte ihn. Er suchte fieberhaft nach einer passenden Antwort. "Ich … ich wollte Ähnlichkeiten zwischen dir und Mac herausfinden."

"Ich glaube, wir gleichen beide unserer Mutter."

"Du bist ganz anders, als ich es erwartet habe. Im Geist habe ich immer noch dieses zehnjährige Mädchen vor mir gesehen."

Angie seufzte auf. "Das sieht Mac auch immer noch. Mom genauso. Sie wollen mir ständig helfen. Irgendwie kann ich das sogar verstehen. Ich bin nicht nur das einzige Mädchen in der Familie, ich bin auch die Jüngste – das Nesthäkchen mit fünf großen Brüdern. Mac ist der Älteste, dreizehn Jahre älter als ich. Trotzdem gebe ich die Hoffnung nicht auf, dass sie eines Tages aufhören werden, in mir ihre kleine Schwester zu sehen. Aber das dürfte noch eine Weile dauern."

Ty und Angie erreichten das Restaurant. Da es ein sonniger Herbsttag war, nahmen sie auf der Außenterrasse Platz. Nachdem sie ihren Lunch bestellt hatten, lehnte Ty sich zurück, bemüht, locker zu wirken, denn er fühlte sich seltsam unbehaglich. "So, und was hast du so gemacht, seit du dieses kleine Mädchen warst?"

Sie lächelte verschmitzt. "Hauptsächlich habe ich versucht, die Leute davon abzubringen, mich für dieses kleine Mädchen zu halten."

Machte sie sich über ihn lustig? Im Moment war sein Verstand derart umnebelt, dass er nicht wusste, was er denken sollte. Er betrachtete sie erneut eingehend, ließ den Blick kurz auf der Bluse über ihren Brüsten verweilen. Doch schließlich wurde er wie magisch von ihrem verführerischen Mund angezogen, einem Mund, den man ausgiebig küssen sollte – und das immer und immer wieder.

"Was hast du denn sonst noch so gemacht, außer den Kinderschuhen zu entwachsen?" Seine Stimme klang irgendwie rau, und darüber war er gar nicht glücklich. Als er Angie in die Augen schaute, lief ihm ein Schauer über den Rücken. Pizza und Kino mit Macs kleiner Schwester – worauf hatte er sich da eingelassen? Er war sich dessen absolut nicht sicher.

"Ich bin natürlich zur Schule gegangen. Nach dem Highschool-Abschluss habe ich an einem Schönheitswettbewerb teilgenommen und wurde Zweite."

"Aha … du bist also fast eine Schönheitskönigin."

"Der Titel war mir völlig egal. Mich hat nur das Stipendium fürs College interessiert. Ich hatte zwar etwas Geld, aber das reichte nicht. Ich wollte die fehlende Summe selbst aufbringen. Da ich möglichst viele Kurse belegen wollte, wäre es mir jedoch nicht möglich gewesen, nebenbei noch viel zu arbeiten."

Eine solche Erklärung hatte Ty nicht erwartet. Das klang sehr ehrlich und keineswegs nach lockerem Geplauder. Er war es nicht gewohnt, mit Frauen solche Gespräche zu führen. "Und wie ging die Sache mit dem Studiengeld aus?"

"Mac sprang ein, wie er das für jeden in der Familie tut, der irgendetwas braucht."

Die Serviererin brachte das Essen. Einen Moment lang wirkte Angie nachdenklich, dann wandte sie sich wieder an Ty. "Wie Mac dir sicher erzählt hat, ist unser Vater gestorben, als ich noch sehr klein und Mac noch auf der Highschool war. Mom hatte finanziell ziemlich zu kämpfen. Schließlich zog sie sechs Kinder alleine groß. Gleich nach der Schule ging Mac zwei Jahre lang arbeiten, um sich das Geld fürs Studium zu verdienen. Deshalb war er damals auch zwei Jahre älter als die anderen Studienanfänger, du zum Beispiel." Sie lächelte Ty an und bewies einmal mehr ihren Sinn für Humor. "Und viel reifer als die meisten."

"Autsch!" Bei diesem neuerlichen Angriff auf sein Ego verzog Ty gespielt schmerzlich das Gesicht.

"Mac war für mich da. Er übernahm meine restlichen Studiengebühren. Ich habe mein Studium mit Auszeichnung beendet – und das in meinen beiden Hauptfächern Betriebswirtschaft und Industriedesign."

Ty stieß einen leisen Pfiff aus. "Das ist ein sehr beeindruckender Abschluss."

"Ohne Macs Hilfe hätte ich es nie geschafft. Er war immer großer Bruder und Ersatzvater zugleich für mich. Er hat sich immer um mich gekümmert." Schnell blinzelte sie ihre aufsteigenden Tränen weg. "Ich schulde ihm so viel." Was sie nicht erwähnte, war, dass sie Mac und seine vielen Fähigkeiten stets bewundert und dass er sie auch ein klein wenig eingeschüchtert hatte. Sie vergötterte ihren Bruder, und ihr war bewusst, dass sie nie in der Lage sein würde, sich für seine Hilfe zu revanchieren.

Und selbst wenn sie es könnte, würde er es nicht annehmen.

"Ja, Mac ist sehr großzügig und hilfsbereit."

"Seit dem Abschluss an der University of Oregon vor drei Jahren habe ich in Portland in einer Firma für Industriedesign gearbeitet. Leider bot der Job keine Herausforderungen oder Zukunftsperspektiven." Ganz zu schweigen von einem Boss, der in mir nur eine Dekoration fürs Büro gesehen und meine Arbeit nie ernst genommen hat. Das war ein wunder Punkt für Angie und eine Haltung, die sie sehr ärgerte. Sie wollte nach ihren Leistungen beurteilt werden, nicht nach ihrer Schönheit.

Ty war ganz Ohr. Angie war intelligent und wortgewandt, besaß Humor und eine Offenheit, die er sehr erfrischend fand, besonders im Vergleich zu den vielen überheblichen Frauen, mit denen er sich im Laufe der Jahre verabredet hatte.

"Verstehst du dich mit deiner ganzen Familie gut?" Das war ein Thema für ihn, mit dem er keine Erfahrung hatte. "Ich weiß, dass Mac sich seiner Familie sehr verbunden fühlt, auch wenn er sie nicht allzu oft sieht – was bei seiner Arbeitswut kein Wunder ist. Er nimmt sich ja nicht einmal für sich selbst Zeit, um zu entspannen und Spaß zu haben."

Spaß … dieses Wort traf bei Angie ins Schwarze. Einen Moment lang sah sie Ty gebannt an. Er schien jemand zu sein, der es verstand, sich zu amüsieren – jemand, mit dem zusammen zu sein Vergnügen bereitete.

"Ja, wir sind alle ziemlich eng miteinander verbunden, auch wenn wir nicht mehr nah beieinander wohnen. Nur noch einer meiner Brüder lebt in Portland. Die anderen sind wegen ihrer Berufe in alle Himmelsrichtungen verstreut."

"Was tust du denn zum Zeitvertreib? An welchen Unternehmungen hast du Freude?"

"Unternehmungen? Also, ich gehe gern in Museen, Konzerte, Kunstgalerien und ins Theater. Ich fahre gern Ski und Wasserski. Eigentlich mag ich alles, was mit Wasser zusammenhängt. Außerdem reise ich gern."

Er nickte zustimmend. "Für mich steht Segeln ganz oben auf der Liste. Schließlich entwirft und baut unsere Firma ja Segelboote. Ansonsten habe ich genau die gleichen Vorlieben."

Angie aß ein paar Gabeln voll von ihrem Salat. "Jetzt haben wir aber lange genug über mich geredet. Wie steht es mit deiner Familie?"

Sie hatte Tyler Farrell vor vierzehn Jahren zum ersten Mal getroffen. Selbst eine Zehnjährige konnte einen arroganten Kerl erkennen, der gern mit Frauen flirtet. Die Art und Weise, wie er sie die letzte Stunde über betrachtet hatte, machte deutlich, dass sich daran nichts geändert zu haben schien.

Für Angie gab es keinen Zweifel daran, was Ty dachte. Das frivole Funkeln in seinen Augen und sein freches Grinsen sagten alles. Aber an Tyler Farrell war mehr als nur sein blendendes Aussehen. Sie erahnte eine Ehrlichkeit in ihm, die in krassem Gegensatz zu dem Playboy-Image stand, das er offenbar pflegte. Diese Ehrlichkeit sagte ihr, dass sie vor unerwünschten Avancen sicher sein würde. Er würde vermutlich einen Annäherungsversuch machen, aber einen Korb akzeptieren und sie nicht drängen. Und das würde auch gelten, wenn sie nicht die Schwester seines Geschäftspartners und besten Freundes wäre.

Ja, mit zehn hatte sie ihn für einen Armleuchter gehalten. Dass seine Gegenwart sie nun ganz kribbelig machte, verriet ihr, wie anziehend sie ihn jetzt fand. Es war sechs Monate her, seit sie ihre Verlobung mit Caufield Woodrow III. gelöst hatte, einem Mann, an dem festzuhalten ihr ihre Mutter immer wieder geraten hatte. Einem Mann, der alles hatte – Reichtum, eine angesehene Familie, eine herausragende gesellschaftliche Stellung und eine sichere Zukunft. Einem Mann, der ihr jeden Wunsch hätte erfüllen können. Aber Angie war anderer Meinung gewesen. Denn er hatte ihre Vorstellungen vom Leben überhaupt nicht beachtet – es war immer nur um ihn gegangen und darum, was er wollte.

Und Humor schien ein Fremdwort für ihn zu sein. Sie hatte nie mit Caufield gelacht. Dabei lachte sie gern. Alles war immer so ernst mit ihm gewesen. Alles hatte genau geplant werden müssen. Es war eine erdrückende Beziehung gewesen, und sie hatte schließlich erkannt, dass sie daran zu ersticken drohte. Energisch schüttelte Angie ihre Gedanken ab. Sie wollte die alte Geschichte vergessen und war froh, dass die Beziehung zu Ende war.

"Meine Familie …" Ty holte tief Atem. Im Grunde hatte er keine Familie. Er war ein Einzelkind, das mit Geld und Privilegien aufgewachsen war, aber das war kein Ersatz für die Nähe, die Mac mit seiner Familie verband. Die vorherrschenden Erinnerungen aus seiner frühen Kindheit waren die ständigen Streitereien seiner Eltern. Als er auf der Highschool war, hatten sie sich schließlich scheiden lassen.

Und dann war da noch seine katastrophale Ehe, die er kurz nach seinem College-Abschluss eingegangen war. Zwei Jahre hatte sie gedauert. Kaum ein Tag war ohne Streit oder zumindest schlechter Stimmung vergangen. Familie? Eine glückliche Ehe und ein liebevolles Familienleben kannte er nicht. Er wollte auch keinen zweiten Versuch riskieren und erneut eine Beziehung eingehen – denn der würde mit Sicherheit von vornherein zum Scheitern verurteilt sein.

Er lächelte und hoffte, es würde überzeugt aussehen. "Ich war ein Einzelkind und wuchs in Seattle auf. Meine Eltern leben beide in der Umgebung von Seattle, meine Mutter in Bellevue, mein Vater auf Mercer Island. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen."

"Das ist in der Tat kurz und bündig." Sie erwiderte sein Lächeln und ließ ihn dadurch wissen, dass seine ausweichende Antwort sie nicht kränkte, auch wenn sie sie verwirrend fand.

Nachdem sie einiges übereinander erfahren hatten, sprachen sie über unverfänglichere Themen, und zwei Stunden, in denen sie erstaunlich viel lachten, vergingen wie im Flug. Nach dem Lunch spazierten sie zur Firma zurück.

"Mac wird einige Tage ziemlich viel arbeiten müssen. Meine Arbeitszeit ist momentan wesentlich flexibler als seine, und ich würde dich gern herumführen …", Ty schaute Angie einen Moment lang tief in die Augen und wurde dabei erneut von heißem Verlangen erfasst, "… falls du nichts gegen den in letzter Minute einspringenden Stadtführer einzuwenden hast."

"Nein." Der kurze, knisternde Blickkontakt verriet Angie mehr, als ihr lieb war über Tyler Farrells erotische Anziehung. Ihr wurde ein wenig beklommen zu Mute. "Ich habe überhaupt nichts dagegen."

"Hast du für heute Abend schon etwas vor?" Das Gefühl, ein Stahlband um die Brust zu haben, kehrte zurück und machte Ty das Atmen schwer. "Ich könnte dich um sieben in Macs Haus abholen."

"Das passt mir bestens."

Ty sah zu, wie Angie in ihren Wagen stieg und wegfuhr. Er reckte sich einmal, ehe er das Bürogebäude betrat und zu seinem Büro ging, doch es half nicht, seinen inneren Aufruhr zu beschwichtigen. Angie Coleman hatte ihn völlig aus dem Gleichgewicht gebracht, und er wusste nicht, was er dagegen unternehmen sollte.

An Macs offener Bürotür blieb er kurz stehen. "Ich bin vom Lunch zurück."

Mac schaute von seiner Arbeit hoch. "Wo ist Angie?"

"Weggefahren. Ich nehme an, zu dir nach Hause."

"Danke, dass du für mich eingesprungen bist."

"Mach dir keine Gedanken, Mac. Es war mir ein Vergnügen."

"Ich werde es heute Abend wieder gutmachen. Sie vielleicht schick zum Essen ausführen oder so etwas." Mac warf einen Blick auf die Uhr auf seinem Schreibtisch. "Falls ich rechtzeitig hier herauskomme."

"Du brauchst dich nicht abzuhetzen. Ich gehe heute Abend mit Angie aus." Er versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken. "Du weißt schon … zum Pizzaessen und ins Kino, genau wie du es vorgeschlagen hast."

Ty entging Macs warnender Blick keineswegs, doch er wollte keine Diskussion anfangen. Er wollte nicht, dass sein Geschäftspartner fragte, was er mit Angie vorhatte. Und er wollte nicht darüber nachdenken, warum es so war, dass seltsame Gefühle und Empfindungen ihn seit dem Moment in Aufruhr versetzten, seit er Angelina Coleman in der Bürotür hatte stehen sehen.

 

Angie schaute auf die Uhr. Ihr blieb noch eine Stunde Zeit, bis Ty sie abholen würde. Sie hatte den Nachmittag damit verbracht, an ihrem Lebenslauf zu arbeiten. Sie war enttäuscht, dass Mac den gemeinsamen Lunch abgesagt hatte. Sie hätte gern die Gelegenheit genutzt, mehr über die Firma zu erfahren, zu ergründen, wo es ein Plätzchen für sie in seinem Unternehmen gab, um Mac dann ihre Idee zu unterbreiten, sie einzustellen.

Aber sie wollte keinen Job von ihm, nur weil sie seine Schwester war. Sie wollte sich ihm beweisen und allein auf Grund ihrer Fähigkeiten für ihn arbeiten. Sie wollte, dass er sie als kompetente Erwachsene respektierte und sie nicht wie ein Kind beschützte. Sie wollte seine Anerkennung.

Dann kreisten ihre Gedanken um Ty. Wenn sie einen Verbündeten in der Firma hätte, wären ihre Chancen vielleicht größer, dass Mac ihr zuhörte – statt ihr zu verstehen zu geben, sie solle sich ihr hübsches Köpfchen nicht unnötig zerbrechen. Denn das hatte er quasi getan, als sie vor einem halben Jahr zum ersten Mal erwähnt hatte, dass sie gern in seiner Firma arbeiten wollte. Er hatte nur gelacht und es süß gefunden, dass die kleine Angie für ihn arbeiten wollte. In dem Moment wurde ihr klar, dass sie erst dafür sorgen musste, von ihm ernst genommen zu werden.

Ty gehörte nicht zur Familie. Er würde keine Vorbehalte gegen sie haben oder gegen das, was sie aus ihrem Leben machen wollte. Zumindest hoffte sie, dass Mac Ty nicht mit seinen altmodischen Ansichten infiziert hatte. Falls sie ihn auf ihre Seite ziehen könnte, würden sie beide Mac ganz sicher dazu bewegen können, sich ihren Vorschlag anzuhören und seine Befangenheit über Bord zu werfen.

Angie schaute erneut auf die Uhr, dann räumte sie ihre Unterlagen weg, um sich für ihre Verabredung zurechtzumachen. Sie hielt einen Moment inne. Nein, eine Verabredung war es nicht. Er war nur höflich, wollte sie nicht allein zu Abend essen lassen. Das war alles. Sie schloss die Augen, und sofort sah sie sein betörendes Lächeln und sein attraktives Gesicht vor sich. Das gleiche Prickeln, das sie empfunden hatte, als er ihre Hand ergriffen hatte, lief ihr über die Haut. Und eine Spur von Aufgeregtheit ließ sie ahnen, dass dieser Mann etwas ganz Besonderes an sich hatte – ob ihr das passte oder nicht.

Sie legte gerade ihre Haarbürste beiseite, als es an der Haustür klingelte. Sie ging öffnen und ließ Ty eintreten.

"Du hast gar nicht gesagt, wohin wir gehen." Sie sah an ihrem schlichten Rock und ihrer Bluse hinunter, ehe sie seinen Blick suchte. Das Funkeln in seinen haselnussbraunen Augen ging ihr durch und durch. "Ich hoffe, ich bin passend angezogen."

"Du siehst hinreißend aus." Ty zwang sich, gelassen zu klingen, obwohl er das ganz und gar nicht war. Angie war viel mehr als nur hinreißend. Außer dass sie bildschön war, hatte sie Köpfchen und eine Persönlichkeit. Er war noch nie mit einer Frau wie ihr liiert gewesen. Liiert – wie war er bloß auf dieses Wort gekommen? Mit Angie war er ganz bestimmt nicht liiert. Sie war die Schwester seines besten Freundes, und dieser Freund war zufällig auch sein Geschäftspartner. Und der hatte ihm auch ohne Worte deutlich zu verstehen gegeben, dass Angie für ihn tabu war.

Er versuchte, die Emotionen, die in ihm aufstiegen, zuergründen. Emotionen, die zugegebenermaßen hauptsächlich aus purer Lust bestanden. Aber da war auch noch ein Anflug von etwas anderem. Etwas, das er nicht genau benennen konnte. Etwas, das ihn nervös machte. Seine Aufmerksamkeit wurde auf Angies perfekten Mund gelenkt, auf ihre leicht geöffneten Lippen, die sie mit einem warmen Rotbraun betont hatte.

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