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Wenn die Liebe siegt

1. KAPITEL

Marco Moretti besaß ein ausgeprägtes Sieger-Gen – in jeder Hinsicht. Und als Sieger aus dem Rennen des heutigen Tages hervorzugehen, war ein weiterer Schritt auf dem Weg, der erfolgreichste Moretti-Fahrer aller Zeiten zu werden. Sein Großvater Lorenzo hatte schon drei Grand-Prix-Titel in Folge gewonnen. Und Marco hatte bereits mit ihm gleichgezogen. Aber in diesem Jahr wollte er aus dem Schatten seines Großvaters treten und Lorenzo noch übertrumpfen.

Es gab nur noch drei andere Fahrer außer den beiden Morettis, die diese Erfolgsbilanz vorzuweisen hatten, und Marco hatte sich vorgenommen, in diesem Jahr mit einem vierten Sieg an ihnen vorbeizuziehen. Das war schon sein Traum gewesen, als er damals als Neuling zum ersten Mal in der Formel 1 gestartet war.

Marco war davon überzeugt, dass er es schaffen konnte. Bisher hatte er alles erreicht, was er sich vorgenommen hatte. Trotz seiner Zuversicht und der Sicherheit, die ihm ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein verlieh, fühlte er sich an diesem Abend merkwürdig leer und unruhig.

Sein Teamkollege Keke Heckler saß beim Bankett neben ihm und plauderte angeregt mit Elena Hamilton, einem Model, das kürzlich auf der Titelseite der populären Zeitschrift Sports Illustrated zu bewundern war. Keke strahlte übers ganze Gesicht und schien mit sich und der Welt vollkommen im Reinen zu sein. Doch als Marco ihn so ansah, musste er unwillkürlich daran denken, dass zum Leben doch eigentlich mehr gehörte, als Rennen zu gewinnen und Partys zu feiern.

Was ist los mit mir, fragte er sich. Er fühlte sich, als wäre eine Grippe im Anzug. Vielleicht lag es aber auch daran, dass ihm der Familienfluch wieder in den Sinn kam. Ein alter italienischer Aberglaube, der seit zwei Generationen auf der Familie lastete und besagte, dass es keinem der männlichen Moretti-Nachkommen vergönnt sein sollte, im Beruf erfolgreich zu sein und gleichzeitig in der Liebe glücklich zu werden.

„Marco, Elena fragt mich gerade, wo Allie bleibt“, fragte Keke mit seinem starken deutschen Akzent. „Kommt sie noch?“

„Wir sind nicht mehr zusammen.“

„Oh, das tut mir leid“, meinte Elena.

Nach einer Weile standen Keke und Elena auf, um zu tanzen. Marco lehnte sich in seinem Stuhl zurück und betrachtete das Treiben. Mit diesem Bankett und der Party, die inzwischen begonnen hatte, feierte man ihn und seinen Sportskameraden Keke als die Sieger, und zugleich feierte der Jetset, der dem Rennzirkus überallhin folgte, natürlich ausgiebig sich selbst. In der Menge, die sich hier tummelte, entdeckte Marco Fahrerkollegen und unzählige schöne Frauen. Aber er konnte sich nicht dazu aufraffen, sich unter sie zu mischen.

Mit Allie und ihm war es in der Rennpause vor dieser Saison auseinandergegangen. Sie schien in den Wochen, in denen nicht alle Kameralinsen auf ihn – und auf sie – gerichtet waren, das Interesse an ihm verloren zu haben. Marco ging es in zumindest einer Hinsicht völlig anders. Zwar wusste er, dass er dem ganzen Rummel um den Rennsport nicht aus dem Weg gehen konnte. Er hätte sich aber gerade für die Ruhepausen von diesem aufreibenden Leben jemanden an seiner Seite gewünscht – für die wenigen, wertvollen Wochen, die er in seiner Villa, mit Blick auf die Bucht von Neapel, fern vom Fokus der Öffentlichkeit verbringen konnte. Auch wenn er sich hier unter den wunderschönen Frauen umsah, konnte er sich bei keiner von ihnen vorstellen, dass sie seine heimliche Vorliebe für ein zurückgezogenes Leben teilte.

Was war los mit ihm?

Eigentlich gab es keinen Grund für ihn, über sein Los zu klagen. Er war dazu berufen, eine neue, glorreiche Moretti-Ära einzuleiten. Zusammen mit seinen älteren Brüdern Dominic und Antonio hatte er seit einigen Jahren die Geschicke der exklusiven Nobelmarke Moretti in der Hand. Mit einer Kombination aus unschlagbaren Motoren und erlesenem Design war es ihnen gelungen, im knallharten Geschäft der Formel 1 wieder Fuß zu fassen.

Während Marco noch immer mehr oder weniger gelangweilt das Partytreiben verfolgte, stockte ihm plötzlich der Atem, als er eine Frau erblickte, die ihm vorher noch nicht aufgefallen war. Sie war hochgewachsen – schätzungsweise einen Meter fünfundsiebzig – und hatte pechschwarzes Haar. Ihr Teint war blass wie das Mondlicht einer hellen Sommernacht, und ihr Blick wirkte äußerst geheimnisvoll. Marco wurde neugierig, aber noch stand sie zu weit entfernt, als dass er sie genauer in Augenschein hätte nehmen können.

Sie trug ein himmelblaues Kleid, in dem sie äußerst sexy aussah. Merkwürdigerweise hatte es eine ganz ähnliche Farbe wie die seines Rennanzugs. Das Haar hatte sie hochgesteckt. Einige Locken fielen heraus und umschmeichelten ihr schönes Gesicht.

Marco stand vom Tisch auf. Normalerweise wartete er in aller Ruhe ab, bis eine Frau, die ihn interessierte, auf ihn zukam. Aber in diesem Fall wollte er kein Risiko eingehen und sie einfach so verschwinden lassen. Er musste in Erfahrung bringen, wer sie war. Kaum jedoch war er zwei Schritte auf sie zugegangen, drehte sie sich um und verschwand in der Menge. Gerade wollte er ihr folgen, als jemand ihm die Hand auf den Arm legte. Es war sein Bruder Dominic. Dass sie Brüder waren, war nicht zu übersehen. Sie hatten etwa dieselbe Größe und Statur sowie dasselbe „klassisch-römische Profil“, wie es eine italienische Sportzeitung einmal poetisch ausgedrückt hatte. Eine Beschreibung, mit der ihr Bruder Antonio sie nur zu gerne aufzog.

„Nicht jetzt, lass mich“, meinte Marco ungeduldig, während er versuchte, der Unbekannten mit seinen Blicken zu folgen.

„Doch, jetzt“, widersprach Dominic schroff. „Es ist wichtig. Antonio ist gerade gekommen, und wir müssen reden.“ Dominic war eindeutig der Chef der drei Moretti-Brüder. Nicht nur, weil er als der älteste der drei Brüder zum Direktor des Unternehmens ernannt worden war, sondern weil vor allem er es gewesen war, der die Firma Moretti Motors wieder zu Erfolg und Ruhm verholfen hatte.

„Kann das nicht einen Augenblick warten, Dominic? Ich habe heute das erste Rennen der Saison gewonnen und denke, ein Recht darauf zu haben, das auch ein bisschen zu feiern.“

„Du kannst später weiterfeiern. Komm mit. Es dauert nicht lange.“

Marco warf noch einen verzweifelten Blick in die Richtung, in die die Frau gegangen war, aber sie war verschwunden. Vielleicht war es auch nur eine Erscheinung, dachte er noch. „Was gibt es denn? Wo steckt überhaupt Antonio?“

„Er ist auf dem Weg. Wir gehen nach hinten in die VIP-Lounge. Ich möchte ungestört sein. Den Leuten hier traue ich nicht.“

Marco folgte seinem Bruder. Dominics fast misstrauische Vorsicht war typisch für ihn. Wenn es um Moretti Motors ging, ließ er es auf nichts ankommen. Er war es auch gewesen, der die Sache mit dem Fluch aufgedeckt hatte, den sie ihrem Großvater Lorenzo zu verdanken hatten und der ihre Eltern fast in den Ruin getrieben hatte. Marco hielt persönlich nicht viel von diesem italienischen Hokuspokus. Tatsache war jedoch, dass mit der Geschäftsführung seines Vaters ein zeitweiliger Niedergang von Moretti Motors verbunden war und die Erfolge ausblieben. Tatsachen, die Dominics Theorie vom Familienfluch zu bestätigen schienen. Es ging darum, dass sich Liebe und Karriere bei den männlichen Erben der Moretti-Sippe nicht miteinander vereinbaren ließen. Ihr Vater hatte sich damals für die Liebe entschieden. Demzufolge hatten Marco und seine Brüder schon in Teenagerjahren ein heiliges Gelübde abgelegt und sich gegenseitig geschworen, sich niemals in ihrem Leben zu verlieben, um dem Namen Moretti wieder zu seinem früheren Ansehen zu verhelfen.

Marco und Dominic waren in dem durch mehrere dicke rote Kordeln abgegrenzten Raum angekommen. Es hatte ein wenig gedauert, denn überall auf dem Weg wurde Marco von Leuten aufgehalten, die ihm gratulieren und auf die Schulter klopfen wollten, während er nur halb hinhörte und unentwegt nach der schönen Unbekannten Ausschau hielt. Aber sie war nirgendwo mehr zu sehen.

Antonio saß in der hintersten Ecke, halb verborgen hinter schweren Vorhängen, die diesen Platz noch einmal von dem übrigen Raum abtrennten. „Das wurde auch langsam Zeit“, begrüßte er sie.

„Du weißt doch, wie das ist“, verteidigte sie Dominic. „Marco ist der Champion. Alle wollen sich heute Abend in seinem Ruhm sonnen.“

„Was gibt es denn nun so Dringendes“, fragte Marco ungeduldig, denn er hatte keine Lust auf das übliche brüderliche Geplänkel.

„Wir haben ein Problem mit der Familie Vallerio“, erklärte Antonio. „Sie macht Ärger wegen der Namensrechte.“

Marco wusste sofort, worum es ging. Der „Vallerio“ war in den sechziger Jahren das Flaggschiff der Serienwagenproduktion von Moretti gewesen. Dominic hatte die Idee gehabt, das Modell wieder aufzulegen, um die Popularität, den die Formel-1-Erfolge brachten, auch für den Markt auszunutzen und den Verkauf anzukurbeln.

„Die Vallerios wollen uns den Gebrauch ihres Namens verbieten und drohen mit juristischen Schritten. Ihre Anwälte haben uns bereits eine Unterlassungserklärung zukommen lassen“, ergänzte Dominic. „Uns wird nichts anderes übrig bleiben, als sie irgendwie dazu zu bringen, sie zurückzunehmen.“

„Und wie stehen unsere Chancen?“, fragte Marco. Für einen Moment hatte er die dunkelhaarige Frau vergessen. Zu wichtig war für sie alle, worum es hier ging.

„Schwierig zu sagen. Pierre Henri Vallerio führt wahrscheinlich gerade Freudensprünge in seiner Familiengruft auf, da seine Enkel nun endlich etwas gegen uns in der Hand haben. Er hat Nonno gehasst“, erläuterte Antonio. Nonno war – wie in den meisten italienischen Familien auch bei den Morettis – die liebevolle Bezeichnung für den Großvater.

„Immer diese albernen Familienfehden. Hört das denn nie auf?“, warf Marco unwillig ein.

„Was hilft es? Natürlich nutzen sie jede sich bietende Gelegenheit, um uns eins auszuwischen. Ich bin der Meinung“, fuhr Antonio nach kurzer Überlegung fort, „man sollte ihnen ein Angebot machen, das sie nicht ablehnen können.“

„Zum Beispiel welches?“

„Ich denke darüber nach. Überlasst das ruhig mir.“

Die anderen beiden nickten. Die Familie Vallerio samt ihren Anwälten tat Marco jetzt schon leid. Mit Antonio zu verhandeln, war alles andere als ein Vergnügen.

„Einverstanden. Kümmere du dich darum“, meinte Dominic zu Antonio. „Auf keinen Fall dürfen wir uns von unserem Kurs abbringen lassen“, stellte er abschließend fest.

Für einen Moment hatte Virginia Festa die Panik gepackt, als Marco Moretti sich von seinem Stuhl erhoben hatte und auf sie zugekommen war. Sie hatte prompt den Rückzug angetreten. Eine Zeit lang wollte sie sich einreden, dass diese Flucht ein Teil ihrer weiblichen List gewesen war, aber sie wusste es selbst besser: Es war reine Panik, die sie gepackt hatte.

Virginia hatte sich, bevor sie von ihrem Zuhause auf Long Island, in der Nähe von New York, aufgebrochen war, minutiös auf diese Reise vorbereitet. Doch nicht nur auf das dunstige Wetter, das für gewöhnlich im März in Melbourne herrschte. Vor allem kam es auf ein gutes Timing an. Womit sie allerdings nicht gerechnet hatte, war die eigene menschliche Schwäche. Nicht anders dürfte es damals ihrer Großmutter ergangen sein, als sie sich so unglücklich in Lorenzo Moretti verliebt hatte, dass sie am Ende ihren Fluch gegen ihn und seine Familie schleuderte.

Die Folgen des Fluchs waren fatal – leider nicht nur für die Morettis. Virginia vermutete, dass ihre Nonna doch nicht ganz so sattelfest in der Stregheria, der geheimnisvollen alten Hexenkunst, gewesen sein konnte. Denn ansonsten hätte sie wissen müssen, dass der Fluch, den sie aussprach, auf sie selbst und ihre weibliche Nachkommenschaft zurückfiel, der es demnach ebenfalls versagt blieb, Glück in der Liebe zu finden. So viel hatte Virginia herausgefunden, nachdem sie miterleben musste, wie unglücklich ihre Mutter geworden war. Den bösen Zauber lösen konnte nur diejenige, die den Bann ausgesprochen hatte, aber dazu war es zu spät. Ihre Großmutter Cassia war längst gestorben.

Immerhin hatte Virginia auch noch ein kleines Schlupfloch entdeckt, nachdem sie unendlich lange über alten Büchern und dem Tagebuch ihrer Nonna gebrütet hatte. Es war zumindest eine vage Möglichkeit, den Bann zu lösen. Da der Fluch, der auf den männlichen Morettis und den Festa-Frauen lag, sich sozusagen gegenseitig bedingte, musste man ihn aufheben können, wenn man beide Seiten zusammenbrachte. Mit anderen Worten – wenn eine Festa von einem Moretti ein Kind empfing. Und genau diese Aufgabe hatte Virginia sich gestellt. Kein leichtes Unterfangen, denn bis es so weit war, war der Fluch wirksam, und Virginia riskierte wenigstens ein gebrochenes Herz. Weder konnte sie damit rechnen, bei Marco Moretti, für den sie sich entschieden hatte, auf ehrliche Zuneigung zu stoßen, noch durfte sie selbst Gefühle in dieses Vorhaben investieren. Vor allem durfte sie, sollte der Plan überhaupt funktionieren, auf keinen Fall ihre Identität preisgeben.

Nun war also der Augenblick gekommen, und Virginia hatte gemerkt, was für einen gewaltigen Unterschied es bedeutete, nur zu Hause zu sitzen und sich einen Plan auszuhecken, und letztlich hier auf einem fremden Kontinent allein dazustehen und ihn in die Tat umzusetzen. Sie war bisher nicht sehr weit herumgekommen. Außer Long Island und dem Heimatdorf ihrer Familie in Italien kannte sie nichts von der Welt.

Virginia wurde der Trubel der Party zu viel, und sie trat auf die Dachterrasse hinaus. Augenblicklich fühlte sie sich wohler. Die Lichter der Melbourner City lagen ihr zu Füßen, über ihr wölbte sich der Nachthimmel. Ihr fiel ein, dass ihre Nonna und ihre Mutter ihr schon immer gepredigt hatten, dass die Festa-Frauen den freien Himmel über sich brauchten, um sich entfalten zu können. Und dieser Himmel hier mit seinen unzähligen Sternen und dem hellen Mond war beeindruckend.

„Eine schöne Nacht, finden Sie nicht auch?“, hörte sie plötzlich eine Männerstimme hinter sich.

Sie drehte sich um und war nicht wirklich erstaunt, Marco Moretti dort stehen zu sehen. Dieses Mal jedoch blieb sie ruhig. Die Panik, mit der sie vorhin reagiert hatte, kehrte nicht wieder zurück.

„Ja, eine sehr schöne Nacht“, antwortete sie.

„Darf ich Ihnen ein wenig Gesellschaft leisten?“

Sie nickte.

„Ich bin Marco Moretti.“

„Ich weiß. Glückwunsch zum Sieg heute.“

„Das ist mein Job, carissima.“

„Ich bin nicht Ihre carissima“, wies sie ihn zurecht, obwohl sie den melodischen Klang ihrer Muttersprache aus seinem Mund als sehr angenehm empfand.

„Dann verraten Sie mir doch, wie Sie heißen.“

„Virginia“, antwortete sie und behielt ihren Familiennamen wohlweislich für sich.

„Virginia … sehr hübsch. Und was machen Sie in Melbourne, Virginia?“

„Ich bin gekommen, um Sie siegen zu sehen.“

Er lachte auf. Sie spürte, wie ein angenehmer Schauer sie überlief. Der konnte aber auch von einer leichten Brise herrühren, die sich gerade erhoben hatte. „Wollen wir etwas trinken?“, fragte er.

„Meinetwegen. Aber ich möchte gern hier draußen bleiben.“ Sie hatte keine Lust, sich wieder in das Getümmel der Party zu begeben. Sollte es außerdem stimmen, was ihre Mutter und ihre Nonna behaupteten, dass sie unter freiem Himmel stärker war, war ihr das auch recht. Sie konnte gerade jetzt jede Art von Unterstützung gebrauchen.

„Natürlich“. Marco trat ein paar Schritte beiseite und gab eine Bestellung auf, nachdem er einen der Kellner herangewinkt hatte.

Es dauerte nicht lange, bis der Ober mit den gewünschten Drinks zurück war. Marco gab Virginia ihr Glas. Dann lenkte er sie sanft am Ellenbogen ein Stück weiter weg zu dem weniger belebten Ende der Dachterrasse, die sich über die ganze Frontseite des Gebäudes erstreckte. Jede Faser ihres Körpers schien auf die Berührung seiner Hand zu reagieren.

Endlich hatten sie einen Platz gefunden, wo sie ungestört waren. Marco ließ ihren Arm los und lehnte sich gegen die Brüstung. Aufmerksam betrachtete er sie mit seinen dunklen braunen Augen. Virginia fragte sich, was er in ihr wohl sah. Sie hoffte, dass das, was er sah, sein Interesse wenigstens so weit fesselte, dass ihm ihre Nervosität nicht auffiel. Irgendwie hatte sie sich das alles einfacher vorgestellt. In ihrer Naivität hatte sie vermutlich gedacht, sie könnte einfach ein bisschen Bein zeigen, ihm einen Blick in ihr Dekolleté gewähren, und schon würden sie zusammen ins Bett hüpfen. Am nächsten Morgen könnte sie dann, emotional völlig unberührt und im Bewusstsein, ihren Auftrag erfüllt zu haben, einfach nach Hause fliegen.

Stattdessen stand sie hier und sah ihn mit großen Augen an. Hingerissen lauschte sie auf seine Stimme, deren Akzent und Melodie sie faszinierte, roch sogar den dezenten Duft seines Aftershaves und merkte kaum, wie sie alles andere um sich herum vergaß. Es stimmt also, dachte sie. Nach allem, was sie über ihn gelesen hatte, waren seine Beziehungen zu Frauen zwar kurzlebig, aber äußerst intensiv.

„Erzählen Sie mir doch ein wenig von sich, mein schöner Engel.“

„Was wollen Sie denn wissen, schöner Teufel?“

Wieder lachte er. Er hatte nicht nur Charme, sondern offensichtlich auch Sinn für Humor. „Wenigstens haben Sie schöner Teufel gesagt.“

„Die Betonung lag trotzdem auf Teufel.“

„Ich liebe diesen Zungenschlag. Ich höre heraus, dass wir dieselbe Muttersprache sprechen. Erzählen Sie mir doch von sich auf Italienisch. Das würde mir eine große Freude machen.“

„Mit dem Sprechen hapert es bei mir leider. Ich kann nur wenige Sätze auf Italienisch. Mit welchen Auskünften kann ich Ihnen denn dienen?“

„Erzählen Sie mir alles.“

Virginia schüttelte den Kopf. „Das würde Sie nur langweilen. Leider kann ich nicht mit einem so aufregenden Leben aufwarten, wie Sie es führen.“

„Das glaube ich Ihnen nicht. Was machen Sie beruflich?“

„Augenblicklich gar nichts. Ich habe mir ein ganzes Jahr Auszeit genommen.“ Das entsprach der Wahrheit. Tatsächlich hatte sie an der Hochschule, an der sie unterrichtete, ein Sabbatjahr beantragt und genehmigt bekommen, sodass sie Zeit genug hatte, dem Trupp der Formel 1 zu folgen und sich an Marcos Fersen zu heften.

„Warum das?“

„Es war so eine Idee. Nächstes Jahr werde ich dreißig. Da habe ich gedacht, es könnte nicht schaden, ein wenig von der Welt zu sehen. Das wollte ich schon immer.“

„Ach, dann ist es also reiner Zufall, dass Sie sich ausgerechnet für Melbourne entschieden haben und wir uns hier treffen?“ Virginia bejahte seine Frage. „Melbourne war immer schon eine meiner Lieblingsstationen während der Rennsaison“, fügte er hinzu.

„Was gefällt Ihnen denn so sehr an der Stadt?“

„Heute besonders die Tatsache, dass wir uns hier begegnet sind.“

„Das ist doch nur so ein alberner Spruch.“

„Das ist kein Spruch, das ist die reine Wahrheit. Kommen Sie, tanzen wir.“

Virginia trank einen Schluck von ihrem Bellini. So weit, so gut, dachte sie. Sie hatte sein Interesse geweckt. Und es war ihr gelungen, das Gespräch von sich selbst abzulenken. „Okay“, sagte sie.

„Haben Sie gerade überlegt, ob Sie mir einen Korb geben?“, fragte Marco mit einem spöttischen Lächeln, während er nach ihrer Hand griff und sie ein Stück zu sich heranzog.

Virginia erwiderte das Lächeln. „Nein. Ich hatte das bloß nicht erwartet.“

„Was erwartet?“

„Dass Sie sich mit mir abgeben.“

Er lachte. „Ich hatte auch nicht erwartet, dass Sie sich mit mir abgeben.“

Virginia horchte auf. Die letzte Bemerkung ließ tiefer blicken, als er vermutlich beabsichtigt hatte. Bevor sie jedoch etwas sagen konnte, hatte er ihr Gesicht zwischen die Hände genommen und näherte sich ihr mit seinen Lippen. Dann küsste er sie.

Sie schmeckte den Scotch, den er getrunken hatte, und spürte seine Zunge und seinen warmen Atem. Virginia wurde schlagartig klar, dass sie sich auf einer gefährlichen Mission befand. Bei dem charmanten Marco Moretti nicht schwach zu werden erschien ihr mit einem Mal weitaus schwieriger, als sie es sich vorgestellt hatte. Dagegen schien auch die alte Hexenkunst nicht viel ausrichten zu können.

2. KAPITEL

Virginia staunte. Das lief ja wie am Schnürchen. Vielleicht sogar ein bisschen zu glatt, überlegte sie. So ganz traute sie dem Frieden noch nicht.

Marco war charmant und hatte eine unkomplizierte, verbindliche Art. Er war humorvoll mit einem leichten Hang zur Selbstironie. Alles äußerst sympathische und angenehme Züge.

Das fand Virginia umso bemerkenswerter, da an diesem Abend jeder etwas von ihm wollte. Jeder wollte sich eine Weile im Ruhm des Siegers sonnen und die Luft des Erfolgs atmen, die ihn umgab. Als sie von der Dachterrasse zurückkehrten, war er sofort von einer Traube von Menschen umgeben. Virginia versuchte mehrere Male, sich ein Stück zurückzuziehen, weil es ihr unangenehm war, dermaßen im Mittelpunkt zu stehen. Aber Marco hielt sie an der Hand und verwehrte ihr jegliche Fluchtversuche. So bahnten sie sich einen Weg durch die Menge.

Dabei brauchte ich mir nicht einmal Sorgen darum zu machen, dass jemand meiner Identität auf die Spur kommt, dachte Virginia. Sie kannte niemanden hier, und es schien auch niemand an ihr Interesse zu haben. Sie war eben nichts als eine weitere attraktive Begleiterin des Champions, eine von den zahllosen schönen Frauen, mit denen er sich gerne schmückte. Ihr weiblicher Stolz wehrte sich gegen diese Rolle, aber das war nun einmal der Preis, den sie zu zahlen hatte.

„Es tut mir leid, carissima, aber es ist nun einmal so.“ Marco schien ihre Gedanken zu erahnen. „Als Sieger ist man auf solchen Veranstaltungen öffentliches Eigentum. Da muss man eine Weile auf seine Privatsphäre verzichten.“

„Ist schon in Ordnung“, meinte Virginia, die sich dazu entschlossen hatte, das Treiben einfach zu beobachten und ihre eigenen Schlüsse daraus zu ziehen. So versuchte sie sich beispielsweise vorzustellen, wie es ihrer Großmutter an der Seite von Lorenzo Moretti wohl ergangen sein mochte. Ob es diesen Rummel damals schon gegeben hat?, überlegte sie. Oder hatte Lorenzo vielleicht seinen Ruhm erst einmal auskosten wollen, bevor er sich an eine Frau band? Und war das schließlich der Grund gewesen, warum sie nicht zusammengekommen waren?

„Was denken Sie gerade, cara mia?“

„Ich denke, dass Sie ein Problem mit Ihrem Namensgedächtnis haben. Sonst müssten Sie nicht die ganze Zeit diese albernen Kosenamen benutzen.“

„Es tut mir weh, wenn Sie so etwas sagen, Virginia.“

„Das bezweifle ich.“

Wieder dieses umwerfende Lächeln. „Trotzdem hätte ich gern gewusst, was Sie denken. Sie wirken so ernst, viel zu ernst für eine Party.“

Virginia wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie wollte, nein, sie musste ernst und konzentriert bleiben. Keinen kurzen Augenblick durfte sie vergessen, dass sie seinem Charme nicht erliegen durfte, dass sie nicht zu ihrem Vergnügen hier war, sondern eine Mission zu erfüllen hatte. Sie war hier, um den Fluch von ihrer Familie zu nehmen.

Aber als sie auf der Tanzfläche angekommen waren und Marco sie an sich zog, waren so gut wie alle Warnungen und guten Vorsätze über Bord geworfen. Virginia fühlte seine Wärme, die starken Arme, die sie hielten, seine Schulter, an die sie ihren Kopf lehnte – aber nur kurz, denn das wurde ihr nun doch zu gefährlich. Dieser Mann fühlte sich zu gut an, er roch zu gut, als dass sie ihm gefahrlos so nahe kommen konnte.

„Sagten Sie nicht, auf dieser Party wollen alle etwas von Ihnen?“, fragte sie.

„Hmm. Gilt das denn auch für Sie?“

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