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Wenn die Liebe erblüht…: Wenn du mich liebst

Emilie Richards

Wenn die Liebe erblüht… Wenn du mich liebst

Aus dem Englischen von M.R. Heinze

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Mit erfrorenen Fingern kann ein Mann eine Menge nicht machen: arbeiten, sich rasieren oder kämmen. Eine ganze Menge kann er mit einer Frau nicht machen und eine ganze Menge würde sie ihn nicht machen lassen, selbst wenn er könnte.

Im Moment weigerten sich Jason Millingtons Finger, eine Kaffeetasse von der Theke eines Coffee Shops im Stadtzentrum anzuheben und an seine Lippen zu führen.

„Stimmt was nicht mit dem Kaffee, Kumpel?“

Mit triefenden Augen starrte Jase den Besitzer an. Der war klein und fett, ein kahlköpfiges Bleichgesicht mit dem unpassenden Namen Red. Der Coffee Shop hieß Red’s Place. „Ich lasse mir nur Zeit.“

„Viel Zeit.“

Jase blickte nach beiden Seiten, obwohl er bereits wusste, dass er und Red zwei von sechs Personen in einem Raum waren, der vierzig Leuten Platz bot. „Ist ja nicht so, als ob Sie einen Platz brauchen würden, oder?“

„Wir haben Gesetze gegen Herumtreiben.“

„Wahrscheinlich haben wir auch Gesetze gegen Bedrängen von zahlenden Kunden.“

„Ich habe noch kein Geld gesehen.“

Jase stocherte mit seinem Zeige-Eiszapfen in seiner Hosentasche herum und hörte das beruhigende Klimpern von Münzen. Er hatte an diesem Abend genug Altaluminium zum Recycling gebracht, um sich auch ein Sandwich zu leisten. Aber das wollte er nicht bei Red kaufen. Jase hatte eine lange Nacht vor sich und musste noch einige Zwischenstopps einlegen. Wenn er sich diese Stopps richtig einteilte, brauchte er sich bis zur Morgendämmerung nicht der Kälte aussetzen.

Er stand auf und krümmte seine Finger gerade genug, um drei Quarters zu fassen und sie über die Theke zu schieben. Red murmelte irgendetwas, ging jedoch weg. Jason wärmte sich wieder seine Hände an der Tasse.

Clevelands Winter waren in der Hölle erdacht worden. Niemand zog wegen des Wetters in die Stadt. Vielleicht wegen der Symphonie oder des Kunstmuseums, sogar wegen der Seepromenade im Sommer mit ihren farbenfrohen ethnischen Festen. Aber niemand ließ sich hier nieder – oder versuchte es zumindest weil er die Januarwinde direkt vom Erie-See oder die tückischen Blizzards des Februar mochte.

Die Optimisten betrachteten den März als Vorspiel des Aprils. An diesem Abend war Jase ein Optimist. Draußen waren es drei Grad, und er besaß nur wenig Schutz. Den Mantel hatte er von seiner Schwester erhalten, und das Ding hatte mehr Löcher als die vom Frost aufgebrochenen Straßen der Stadt. Was noch von dem Fellbesatz übrig war, litt gewaltig unter Räude, und die Ärmel waren acht Zentimeter zu kurz. Pamela hatte noch nie ein Auge für Kleidergrößen gehabt.

Der Mantel brandmarkte Jase, genau wie die Jeans mit den Knien und dem Gesäß, die vom Tragen schimmerten, und die mit Pappe verstärkten Schuhe, die überhaupt nicht schimmerten. Dutzende Männer waren an diesem Abend in den Straßen mit der gleichen unzureichenden Bekleidung, dem gleichen Minimum an Kleingeld in den geflickten Taschen und dem gleichen lustlosen Gesichtsausdruck unterwegs. Mangel an gutem Essen und Schlaf machte jeden lustlos, sogar den Stärksten und Fröhlichsten.

Die Tür des Coffee Shops flog mit einem Knall auf. Zwei Männer, neben denen Jase wie ein Model aus dem „Esquire“ aussah, wurden von einer Böe vom Erie-See hereingeweht. Der eine hatte einen fettigen Pferdeschwanz, und an einem Ohr hing ein Vorhangring aus Messing. Der andere Mann hatte ein engelsgleiches zahnloses Lächeln.

Red Dewayne war an der Tür, bevor sie zuschlug. „Ich habe euch tausendmal gesagt, dass ich euch nicht hier drin haben will. Raus!“

„Ach, Red, wem tun wir denn was?“, fragte der Zahnlose. „Wir haben heute Geld für das Abendessen.“

„Sieht nicht gut fürs Geschäft aus, wenn ihr euch hier aufhaltet. Sieht aus, als wäre hier ein Obdachlosenasyl.“

Jase hörte dem Wortwechsel zu. Als die beiden Männer aufgaben und gingen, schätzte er, dass seine Minuten gezählt waren. Er schaffte es, die Hände um die Tasse zu legen und sie an seine Lippen zu heben.

Gerade als Red sich zu Jase wandte, flog die Tür wieder auf. Dankbar für den Aufschub, blickte Jase hinüber. Er hoffte, dass dieser Wortwechsel lange genug dauerte, dass er seinen Kaffee austrinken konnte.

Diesmal stand eine Frau an der Tür. Quer durch den Raum sah Jase, dass sie zitterte. Sie trug einen Mantel aus einem unattraktiven rattenbraunen Wollstoff, keine Handschuhe, keinen Hut und keinen Schal. Ihre Beine sahen auch nackt aus, und er hoffte, dass sie wenigstens unterm Mantel etwas anhatte.

„Mr Dewayne?“ Sie ging auf Red zu. „Ich bin Becca Hanks. Ich war gestern Abend wegen eines Jobs hier, aber der Mann hinter der Theke sagte, ich sollte heute Abend wiederkommen und mit Ihnen sprechen.“

Sie streckte die rechte Hand aus. Jase zuckte unwillkürlich zusammen, als Red sie widerwillig mit seiner Hand quetschte. Händeschütteln war auch etwas, bei dem gefrorene Finger nicht gerade ideal waren.

Wenn es ihr wehtat, zeigte sie es nicht. „Tut mir leid, dass ich so spät komme, aber ich hatte Probleme mit dem Wagen und musste die letzten zwei Meilen zu Fuß gehen.“ Sie griff in eine große Plastiktasche, zog ein Stück Papier heraus und hielt es dem kleinen Dicken hin.

Red rümpfte die Nase, als würde das Mädchen ihm ein schmutziges Papiertaschentuch reichen. Er nahm es auch, als wäre es eines, mit Daumen und Zeigefinger an einer Ecke, offenbar um sich nicht anzustecken. Er überflog die wenigen Zeilen und gab den Bogen zurück.

„Ich sehe keine Telefonnummer und keine richtige Adresse, nur ein Postfach. Ich kann Sie nicht in einem Postamt anrufen.“

„Ich weiß. Tut mir leid, aber ich bin neu in der Stadt, und ich … ich wohne bei Freunden, bis ich eine eigene Wohnung finde.“

„Die Freunde haben ein Telefon?“

„Ich möchte sie nicht mit meinen Anrufen belästigen. Aber wenn Sie mich anstellen wollen, kann ich so oft kommen, wie Sie es sagen.“

Jase lauschte dem heiseren Klang der Stimme. Die Frau sprach, als hätte sie eine gewisse Bildung.

Sie war nicht hübsch. Soweit er ihren Körper sehen konnte, war sie viel zu dünn. Ihr hellbraunes Haar war lang, und die Enden waren abgebissen, als hätte jemand mit einer stumpfen Schere daran herumgeschnippelt. Die Masse der Haare wurde mit einem Gummiband aus ihrem Gesicht ferngehalten, ordentlich aber wenig schmeichelnd, und diese Frisur entblößte ein von der Kälte raues Gesicht. Es war nicht so, dass mit ihren Zügen irgendetwas nicht stimmte, aber der Mangel an Vitalität, vielleicht sogar der Mangel an Hoffnung in ihrer Miene war dominierend.

Sie hustete, wobei sie höflich ihren Kopf abwandte und die Hand vor den Mund hielt, aber dieses tiefe und krampfhafte Husten war der letzte Tropfen, der bei Red das Fass zum Überlaufen brachte.

„Ha, Sie brauchen gar nicht zurückzukommen. Ich kann Sie nicht einstellen.“

Sie sah aus, als hätte er sie geschlagen, aber nur für einen Moment, dann hob sie das Kinn an. „Ich würde hart arbeiten. Niemand würde härter oder schneller arbeiten.“

„Sie haben nicht mal eine richtige Wohnung. Woher soll ich wissen, dass Sie nicht nur kurz jobben wollen? Ich muss meine Hilfe ausbilden. Ich hätte Sie gerade ausgebildet, und Sie wären wieder weg.“

„Oh nein, ich werde bleiben, ich …“

„Wie wollen Sie eine Uniform kaufen? Wie wollen Sie die Sachen sauber halten, während Sie auf Ihren Gehaltsscheck warten? Trinkgelder gibt es hier nicht, wenigstens nicht in dieser Schicht. Wenn Sie kein Geld für den Anfang haben, halten Sie es keine zwei Wochen durch. Und ich gebe Ihnen keinen Vorschuss.“

Der Dicke ließ ihr keine Zeit für eine Antwort, obwohl Jase bereits bezweifelte, dass sie überhaupt eine geben wollte. Red wischte sich die Hände an der Schürze ab, ging hinter die Theke und verschwand durch eine Schwingtür.

Jase wollte seinen Blick abwenden, um der völlig jungen Frau wenigstens etwas Privatsphäre zu gönnen, doch gerade in dem Moment wurde ihr dünner Körper von einem Hustenkrampf geschüttelt, bis ihre Beine sie nicht mehr trugen. Noch während er hinsah, knickten ihre Knie ein.

Er war aufgesprungen und quer durch den Raum geeilt, bevor ihm bewusst wurde, dass er sich bewegt hatte. Er wollte nichts mit der Sache zu tun haben. Er hatte seine eigene brutale Nacht, die er durchstehen musste. Er brauchte keine Komplikationen. Kälte, Hunger und kein Platz zum Schlafen waren Komplikationen genug. Aber eine Fremde namens Becca Hanks brach vor seinen Augen zusammen, und das machte ihre Probleme drängender als seine eigenen.

Im nächsten Moment schlang er die Arme um sie. „Stützen Sie sich auf mich!“, befahl er. „Ich passe auf, dass Sie nicht hinfallen.“

Sie hatte keine andere Wahl, als sich gegen ihn zu lehnen. Er hielt ihr Gewicht, während eine Hustenwelle nach der anderen sie schüttelte. Sie wog so wenig wie ein Kind. Bei bester Gesundheit wäre sie wahrscheinlich noch immer leicht gewesen, aber jetzt hatte sie auf ihrem feinknochigen Körper Platz für gut zwanzig Pfund.

„Ich kann nicht … ich kann nicht …“

„Sprechen Sie nicht. Konzentrieren Sie sich aufs Atmen!“ Jase hielt sie noch fester.

Becca rang nach Luft, was noch mehr Husten auslöste.

„Ich bringe Sie zu einem Tisch. Im Sitzen geht es besser.“ Er zog sie halb in die Richtung des nächsten Refugiums.

„Was machen Sie da?“

Jason blickte hoch und sah Red auf sie beide losstürmen. „Wonach sieht das aus?“

„Sieht so aus, als wärt ihr nicht auf dem Weg zur Tür.“

„Sie sind ein schlauer Mann, Red.“

„Ich will, dass ihr beide verschwindet.“

„Sobald sie sich besser fühlt.“

„Sofort!“

Jase drückte Becca auf einen Stuhl. Sie krümmte sich nach Luft ringend vornüber. Jase fiel auf, wie alle Farbe, die der Wind in ihre Wangen gepeitscht hatte, schwand. „Holen Sie ihr ein Glas Wasser!“ Er kauerte sich neben den Stuhl und tätschelte ihr vorsichtig den Rücken.

„Ich werde nicht …“

Sein Kopf ruckte hoch, seine Augen zogen sich schmal zusammen. „Red“, sagte er ruhig, „Sie holen jetzt das Wasser, oder Ihr Name wird Grün-und-Blau sein.“

Der Dicke setzte zu einer Entgegnung an, aber Jase erhob sich in einer fließenden Bewegung und überragte den Mann, der ihn blitzartig einschätzte, hinter der Theke verschwand und mit dem Wasser wiederkam.

„Sie ernähren sich von der Milch der frommen Denkungsart.“ Jase nahm das Wasser und ging neben Becca wieder in die Hocke. „Hier, Honey, machen Sie kleine Schlucke.“

Sie griff nach dem Glas, aber ihre Hand zitterte zu sehr, als dass sie es halten konnte. Jase hob das Glas an ihre Lippen, und sie nahm einen kleinen Schluck.

„Gut. Großartig.“

„Ich will, dass ihr verschwindet.“ Red war tapferer, weil Jase neben dem Stuhl kauerte, aber er wich zurück, als er hinzufügte: „Ihr verscheucht mir die Kundschaft.“

„Keine Sorge. Wer so dumm ist, in diesem Schweinestall zu essen, lässt sich nicht verscheuchen.“

Von dem Stuhl kam ein Geräusch, das sich nicht wie Husten anhörte. Jase war nicht sicher, ob es Lachen oder ein unterdrücktes Schluchzen war. Er fragte sich, ob diese Frau irgendetwas in ihrem Leben zu lachen hatte.

Er hielt ihr das Glas an die Lippen, und sie nahm noch einen Schluck. Der Husten ließ nach, und sie war fähig, das Glas selbst zu halten. Schließlich hob sie den Kopf und sah Jason an. „Vielen Dank.“

„Ich habe doch gar nichts getan.“

„Ich wäre nur noch ein Haufen Elend auf dem Boden.“

„Ein sehr kleines Häufchen.“

„Dieses Lokal könnte so eine Art Bodenschmuck gebrauchen.“

„Sie wären hier eine Verschwendung.“

Becca versuchte zu lächeln, aber ein neuer Hustenanfall schüttelte sie. Sie wandte ihr Gesicht von ihm ab.

Jason stand auf. Einer der Männer, die am anderen Ende der Theke gesessen hatten, kam zu ihm. Er war alt und sichtlich arm, aber nichts an ihm deutete darauf hin, dass er obdachlos war. Wahrscheinlich nur einer der vielen Alten, die in der Nachbarschaft in kleinen Apartments wohnten. „Ich will euch nur warnen“, sagte er gedämpft. „Red ruft die Cops. Ich habe es von meinem Platz aus gehört.“

Jase nickte dankend. „Können Sie jetzt gehen?“, fragte er Becca.

„Ich glaube schon.“

Er half ihr auf die Beine. Sie war unsicher, bemühte sich jedoch um ihr Gleichgewicht.

Jason erklärte ihr, was der alte Mann gesagt hatte. „Sie könnten hierbleiben. Die werden nur ein paar Fragen stellen.“

„Nein!“ Sie hustete erneut. „Lassen Sie uns verschwinden.“

„Es ist bitterkalt da draußen.“

„Ich komme schon zurecht. Danke. Gehen Sie nur.“

Er lockerte nicht seinen Griff an ihrem Arm. „Wir gehen zusammen. Keine Widerrede“, fügte er hinzu, als sie zu protestieren versuchte.

„Ihr Abendessen“, sagte sie, als er eine Hand nach der Tür ausstreckte. „Haben Sie nicht gerade gegessen, als ich hereinkam?“

„Nein, ich hatte nur Kaffee.“ Er blickte sehnsüchtig zur Theke und glaubte Dampf aus der fast vollen Tasse aufsteigen zu sehen.

„Tut mir leid, dass Sie nicht austrinken können“, sagte Becca.

„Es war nur Kaffee.“ Er öffnete die Tür und führte sie in die Kälte hinaus.

Becca fasste in ihre Manteltasche, als der Wind um ihre nackten Ohren heulte, und zog einen Schal hervor. Mottenzerfressen und verwaschen, hatte er nicht zu einem Vorstellungsgespräch gepasst, aber nun schlang sie ihn mit zitternden Fingern um ihren Kopf und den Hals. Dabei betrachtete sie den Mann, der sie gerettet hatte.

Captain Kidd oder Blaubart hatten wahrscheinlich sanfter ausgesehen. Ein rotes Piratenkopftuch bedeckte seine dunklen Haare, und ein mehrere Tage alter Bart verdüsterte sein Gesicht. Er war wie viele andere Obdachlose gekleidet, denen sie begegnet war. Zum Glück war er sauberer als die meisten.

Er wirkte entweder zu jung oder zu alt, um auf der Straße zu leben. Sie schätzte ihn ein oder zwei Jahre jünger als dreißig.

„Wir sollten weitergehen“, sagte er. „Ich glaube nicht, dass die Cops nach uns suchen, aber es hat auch keinen Sinn, auf die zu warten.“

„Ich bin Becca.“

Er ergriff behutsam ihre ausgestreckte Hand. „Jase.“

„Danke.“ Sie schob ihre Hände in die Taschen, um sie warm zu halten. „Ich sollte lieber wieder zurück … zu der Wohnung meiner Freunde. Sie werden sich schon fragen, was mit mir passiert ist.“

Jason erkannte die Wahrheit, wenn er sie hörte. Und er erkannte auch eine Lüge. Becca log nicht gut. „Sie hatten eine Panne?“

„Der Motor ist einfach abgestorben.“ Sie begann wieder zu husten.

„Zwei Meilen von hier?“

Sie nickte.

Im Umkreis von zwei Meilen war es in diesem Teil der Stadt nicht sicher. „Sie schaffen es nicht so weit.“

„Ich habe es einmal geschafft, ich werde es wieder schaffen.“

„Und wenn Ihr Wagen nicht anspringt?“

„Wahrscheinlich musste er sich nur ausruhen.“

„Genau wie Sie.“

Becca blickte auf. Er hatte grüne Augen unter dichten dunklen Brauen. „Danke, aber ich komme klar.“

„Ich begleite Sie zu Ihrem Wagen.“

„Sie haben mir schon genug geholfen.“

„Ich begleite Sie zu Ihrem Wagen.“

Sie musste sich darauf konzentrieren, den Husten zu unterdrücken, weshalb sie auf Widerspruch verzichtete. Jeder Schritt war eine Qual. Eine Sturmböe fegte zwischen den Gebäuden durch und warf sie fast um. Ihre nackten Beine waren steif, und sie sehnte sich nach der Jeans, die sie im Kofferraum ihres Wagens verstaut hatte.

Sie waren fünf Querstraßen weit gegangen, bevor Jase fragte: „Können Sie wirklich irgendwo unterkommen?“

„Habe ich doch gesagt.“

„Nicht weit von hier ist ein Asyl für Frauen, und dort haben sie für gewöhnlich Betten für Notfälle.“

„Ich bin kein Notfall.“

Sie waren wieder fünf Querstraßen weiter, als er erneut sprach. „Ich schätze nach Ihrem Akzent, dass Sie aus West Virginia sind.“

„Kentucky.“

„Sie sind weit weg von daheim.“

„Das hier ist jetzt daheim.“

„Warum Cleveland?“

Becca lachte verbittert und bekam wieder einen Hustenanfall. Sie blieb stehen, bis sie sich erholt hatte. „Weil es hier Jobs gibt“, antwortete sie und ging weiter. „Ich hatte gehört, dass es hier viele Jobs gibt.“

„Das Land ist in einer Rezession.“

„Es ist immer eine Rezession für Leute wie mich.“

„Leute wie Sie?“

Sie antwortete nicht, und er drängte nicht.

Sie bogen auf eine kurze Wohnstraße mit alten, heruntergekommenen Häusern und leeren Grundstücken, die da mit Schutt übersät waren, wo Häuser abgerissen worden waren. Sie gingen die Straße entlang, wichen einem kleinen Rudel Hunde aus und erreichten eine große Hauptstraße. Einen halben Block weiter befestigte gerade ein Abschleppwagen der Stadt eine Kette an der Stoßstange eines rostigen alten Chevrolets.

Becca stieß einen spitzen Schrei aus.

Jase wusste sofort warum. „Ihr Wagen?“

Sie schaffte ein Nicken, hustete wieder.

„Die lassen sich nicht mehr aufhalten. Sie werden die Strafe zahlen müssen, um den Wagen wiederzubekommen.“

Der Fahrer des Abschleppwagens stieg ein, und gleich darauf waren der Abschleppwagen und Beccas Fahrzeug verschwunden.

An der Ecke direkt hinter ihnen stand eine Kirche, ein Ziegelmonument, dass an Clevelands Einwanderervergangenheit erinnerte. Becca ließ sich auf die dritte Stufe sinken und stützte ihren Kopf in die Hände. „Das war der Ort, an dem ich unterkommen konnte.“

„Es gibt bessere Orte für ein Eigenheim als eine Parkverbotszone.“

„Der Motor hat hier gestreikt.“

„Die Freunde? Das Apartment? Lügen?“

„Ich musste Red etwas erzählen. Niemand stellt eine Kellnerin ein, die in einem Auto wohnt.“

„Haben Sie Geld, um Ihren Wagen auszulösen?“

„Ich habe nicht einmal Geld für ein Stück Kaugummi.“ Sie blickte zu ihm hoch. „Aber ich kriege welches. Ich finde schon eine Möglichkeit.“

„Nicht heute Nacht.“

Sie stützte ihren Kopf wieder in die Hände. „Vielleicht nicht heute Nacht.“

Jase war hin und her gerissen. In seinem Plan kam nicht vor, dass er sich um jemanden kümmerte. Aber was konnte er machen? Becca war schon krank. Eine Nacht auf der Straße konnte sie umbringen.

„Nicht weit von hier ist eine Mission“, erklärte er. „Da servieren sie Suppe, wenn Sie vorher zum Gottesdienst gehen.“

„Ich bin nicht hungrig.“

„Sie brauchen nicht das Gefühl zu haben, als würden Sie Wohltätigkeit annehmen. Ich habe gehört, dass man die Suppe bezahlt, indem man der Frau des Geistlichen beim Singen zuhört.“

„Sie gehen hin. Danke für alles, aber ich möchte allein sein.“ Sie bekam einen Hustenkrampf und schaute dann wieder hoch. „Sie sind ja noch immer hier.“

„Ich gehe erst, wenn Ihnen warm ist und Sie zu essen haben.“

„Seien Sie vernünftig und verschwinden Sie.“

„Ware ich vernünftig, wäre ich dann auf der Straße?“

Sie sah ihn forschend an. „Warum machen Sie das?“

„Weil Sie offenbar zu müde und zu krank sind, um eine gute Entscheidung zu treffen.“

„Ich kann alles machen. Niemand braucht mir zu helfen.“

Sie begann wieder zu husten.

„Becca, Sie werden hier draußen sterben.“

Sie erkannte, dass dieser Fremde, der sein eigenes Leben nicht in Ordnung hatte, recht haben mochte, was das ihre betraf. Angst krampfte sich in ihr zusammen, mächtiger als Schmerz und Verzweiflung. Sie hatte Gründe, zwei Gründe, um weiterzuleben. „Also gut, ich gehe. Aber es ist meine Entscheidung.“

„Sicher.“ Er stand auf. „Wir gehen langsam.“

Sie passte sich seinem Tempo an. Die Strecke war ihr nicht vertraut, aber es war ihr egal. Sie hatte keinen Wagen mehr, zu dem sie zurückkehren konnte. Ein Ort war so gut wie der andere. Becca hatte kein Gefühl mehr in den Füßen und Fingern, als sie ein blinkendes Neonkreuz am Ende eines Blocks mit schäbigen Ladenfronten sah.

Jase blieb stehen. „Das ist es. Halten Sie den Gottesdienst durch? Er wird bald beginnen.“

Sie versuchte, sich zusammenzureißen. „Ich kann alles.“

„Braves Mädchen.“

Zwei Menschenschlangen zogen sich über die Stufen der Mission auf den Bürgersteig herunter, aufgeteilt nach Geschlecht. Becca stellte sich in die eine, Jase in die andere. Die Schlangen rückten langsam vor, und als Jase die Stufen halb hinauf war, erkannte er den Grund. Jeder wurde vor dem Eintreten einer kurzen Durchsuchung unterzogen.

„Wonach sucht ihr?“, fragte er, als er an der Reihe war.

„Drogen, Messer.“ Der alte Mann an der Tür lächelte ihm zu. „Du bist sauber. Willkommen, Bruder!“

Jason nickte. Becca wartete drinnen auf ihn. Sie fanden einen Platz in der Kapelle. Während des in die Länge gezogenen Gottesdienstes behielt er sie im Auge. Nach Gebeten behielt sie die Augen geschlossen. Und wenn sie für Hymnen aufstand, schwankte sie. Selbst die relative Wärme in der stallartigen alten Kapelle half nur wenig gegen ihren Husten. Die meiste Zeit hörte Jase nicht einmal den Prediger, was eine eigene Art von Wohltat war.

Als der Gottesdienst endlich zu Ende war, standen die ungefähr hundert Menschen auf und gingen in einen großen Speisesaal. Dort stellten sie sich für einen Teller Suppe und eine Scheibe Brot an. Jase gab Becca sein Brot und trug die Suppe. Hätte sie ihren Teller selbst tragen müssen, wäre kein Tropfen übrig geblieben.

Die Suppe sah wässrig aus und das Brot trocken. Nachdem sie sich an einen langen Tisch gesetzt hatten, krümelte er das Brot in seine Suppe und löste damit beide Probleme. Selten hatte ihm etwas besser geschmeckt. Er sah zu, wie Becca ein paar Bissen hinunterschlang. „Wie lange haben Sie schon nichts gegessen?“

„Ich weiß es nicht.“

Er glaubte ihr. „Essen Sie langsam. Hier gibt es auch Betten.“

„Fünfzig Betten“, erklärte der Mann neben ihm. „Die ersten fünfzig an der Tür kriegen sie, fünfundzwanzig Männer, fünfundzwanzig Frauen. Hat man euch die Hand gestempelt?“

Jase sah Becca an. Sie schüttelte den Kopf.

„Dann werdet ihr hier nicht schlafen“, sagte der Mann.

„Sie sind krank“, sagte Jase zu ihr. „Vielleicht machen sie eine Ausnahme.“

„Ich kann doch nicht um den Platz einer anderen bitten.“

Er wollte sie schütteln. Was musste sie denn beweisen? Und wem? Sie war nichts weiter als eine obdachlose junge Frau, und niemand, absolut niemand kümmerte sich darum, ob sie Stolz hatte oder nicht. „Wie Sie wollen“, sagte er. „Aber bevor Sie erfrieren, schreiben Sie eine Nachricht für die Stadtverwaltung, dass Sie Ihr Begräbnis selbst bezahlen wollen, sobald der Heilige Petrus Ihnen Ihren Gehaltsscheck überreicht.“

„Was ich tue, geht Sie nichts an“, murmelte Becca.

„Stolz und Tod sind nichts, womit man prahlt. Sie müssen heute Nacht irgendwo warm schlafen.“

„Ich werde schon etwas finden.“

„Ich finde schon einen Platz.“

Jase beendete das Essen. Dann gingen er und Becca zur Tür. Der Prediger und seine Frau sprachen mit jeder einzelnen Person, die vorbeiging. Der Prediger runzelte die Stirn, als Becca zu husten begann. „Du bist krank. Du hast Fieber, Schwester“, sagte er und befühlte ihre Stirn.

„Könnte sie nicht diese Nacht bleiben?“, fragte Jase.

„Ich nehme niemandem das Bett weg“, sagte Becca zwischen Hustern.

„Am besten wäre sie in einer Notaufnahme aufgehoben.“ Der Prediger nannte zwei Krankenhäuser in der Nähe. „Eines nimmt sie vielleicht auf.“

„Danke“, sagte Becca.

Draußen warf Jase einen Blick auf sie und wusste, dass sie den Rat des Predigers ignorieren würde. Er versuchte es mit einem eigenen Rat. „Ich habe das mit der Unterkunft für Frauen ernst gemeint. Ich kenne jemanden von den Mitarbeitern. Bestimmt findet man einen Platz für Sie. Da kann man Ihnen helfen, wieder auf die Beine zu kommen.“

„Ich will keine Wohltätigkeit. Ich sorge für mich selbst.“

Jason erkannte, dass er sie an niemanden weitergeben konnte. Sie hätte sich lieber selbst geschadet, als sich von jemandem helfen zu lassen. Irgendwie bewunderte er sie, während er überlegte, was zu tun war.

„Suchen Sie einen Job?“

Die Frage überraschte ihn. „Nein.“

„Also, ich werde nicht aufhören, bevor ich etwas finde.“

„Alles erdenklich Gute, aber jetzt brauchen wir einen Platz zum Schlafen.“

„Mir geht es bestens.“

„In der Nähe ist eine Baustelle, und das Untergeschoss ist fertig. Es wird nicht so warm sein wie in der Unterkunft, aber es gibt wenigstens keinen Wind. Dahin gehen wir.“

„Ich gehe nirgendwohin mit Ihnen. Sie haben genug getan.“

Er legte seine bereits taub werdenden Finger auf ihre Schulter. „Sie kommen mit mir. Ich verfolge Sie die ganze Nacht, bis Sie vernünftig werden.“

Für einen Moment fragte sie sich, ob er ihr etwas antun wollte. Bisher war er nur freundlich gewesen. Sie begegnete seinem Blick und versuchte, seine Motive zu ermitteln.

„Ich werde nicht zulassen, dass Ihnen etwas passiert“, versprach er. „Ich will Sie aus Wind und Kälte wegbringen. Und ich will etwas Schlaf. In Ordnung?“

Welche Wahl hatte sie schon? Sie brachte die Worte nicht über die Lippen, aber sie nickte.

Er lächelte ein wenig. „Gut.“

Als sie die Baustelle eines neuen Wahrzeichens in Clevelands Skyline erreichten, hatte Becca keine Kraft mehr. Ihre Knie zitterten, als sie Jase folgte. Er schien genau zu wissen, wohin er ging, und sie tippte darauf, dass er hier schon geschlafen hatte.

„Es gibt hier Sicherheitsleute“, sagte er. „Machen Sie sich keine Sorgen. In kalten Nächten lassen sie Leute drinnen schlafen.“

Sie fand das sehr seltsam, war jedoch zu erschöpft, um etwas zu erwidern. Sie suchten sich einen Weg durch Baustoffreste und provisorische Tunnels aus Sperrholz. Schließlich führte Jase sie zu einigen Stufen. „Schaffen Sie das?“

Becca nickte und ließ sich in das Untergeschoss führen. Auf halber Strecke durch den riesigen Raum sah er einen Mann mit einer Taschenlampe in der Hand. Jase schob sich vor Becca. Der Strahl glitt über sein Gesicht. Er winkte ab. Der Mann verschmolz mit der Dunkelheit.

„Jase?“, fragte sie.

„Schon gut. Ich habe Ihnen gesagt, dass die uns hier schlafen lassen. Die haben mich schon hier gesehen.“

In einem Raum ganz hinten gab es einen Ölofen. Es dauerte nur Sekunden, um ihn anzuzünden. Becca stand erstaunt daneben und wärmte sich die Hände. Jase beobachtete sie einen Moment, ehe er in den Nebenraum ging und eine Zeltbahn und zwei Schaumstoffbahnen brachte, die eine Ausrüstung für Tausende von Dollar geschützt hatten.

„Das ist besser als auf der Straße“, sagte er.

„Sie haben so viel für mich getan.“

„Tun Sie mir einen Gefallen, schlafen Sie. Ich halte Wache.“

„Aber Sie müssen auch schlafen.“

„Ich schlafe tagsüber“, log er. „Was machen Sie nachts?“

„Ich versuche, Ärger zu vermeiden.“

„Sie wirken so …“

Es war offensichtlich, dass sie nach einem Wort suchte. „Normal?“

„Nein. Tüchtig. Ich wette, Sie könnten eine Menge machen.“

„Schlafen Sie, Becca. Wir reden morgen früh.“

Sie ging zu dem behelfsmäßigen Lager, rollte sich auf der Seite zusammen, setzte sich wieder auf und nahm ein Foto aus ihrer Handtasche. Sie betrachtete es, als hätte es ihr Trost spenden können. Seine Neugierde war bereits voll erwacht.

„Darf ich Ihnen etwas zeigen?“, fragte Becca.

„Sicher.“ Er kniete sich neben ihr auf das Lager. „Was?“

Sie hielt ihm das Foto hin. In der fast vollständigen Dunkelheit konnte er nur zwei Gestalten ausmachen. Zwei kleine Gestalten mit Zöpfchen und in rosa Overalls. „Wer sind die zwei?“

„Das sind meine.“

„Wo sind sie?“

Becca schüttelte den Kopf. Das Foto verschwand wieder in ihrer Handtasche. Sie legte sich hin.

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