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Wenn die Liebe erblüht…: Viel mehr als nur eine Affäre

Mary Lynn Baxter

Wenn die Liebe erblüht…: Viel mehr als nur eine Affäre

Aus dem Englischen von Eleni Nikolina

Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

Calhoun Webster blieb vor Überraschung einen Moment der Mund offen stehen. Dann presste er die Lippen fest zusammen. Sein Anwalt und Freund Hammond Kyle lächelte nachsichtig. „Deine Sprachlosigkeit ist verständlich. An deiner Stelle ginge es mir wohl nicht anders.“

„Willst du mich auf den Arm nehmen, Kyle?“, verlangte Cal zu wissen. „Wenn ja, dann hast du einen ganz schön miesen Humor.“

„Beruhige dich, Cal. Niemals würde ich dich in einer so ernsten Angelegenheit auf den Arm nehmen.“ Hammond fuhr sich mit der Hand durch das schüttere graue Haar. „Wie ich dir eben schon sagte, du bist Vater. Du hast ein Kind. Einen Sohn, um genau zu sein.“

Cal stieß heftig die Luft aus. Er war blass geworden und fühlte sich plötzlich unglaublich erschöpft. Die Anstrengungen wegen seines Auftrags in Kolumbien steckten ihm noch in den Knochen, und er wurde schnell müde. „Macht es dir etwas aus, wenn ich mich setze?“

„Ich wollte es dir selber gerade vorschlagen.“ Wieder umspielte ein Lächeln die Lippen des Anwalts. „Es wäre mir sehr unangenehm, wenn ein erwachsener Mann mitten in meinem Büro einfach umkippte.“

Cal warf ihm einen finsteren Blick zu, während er sich in einen der bequemen Sessel vor Hammonds schwerem Schreibtisch fallen ließ. Unzählige Fragen schwirrten ihm durch den Kopf, aber er konnte keine Ordnung in sie bringen.

Er hatte einen Sohn?

Das war unvorstellbar.

Unmöglich.

Nein, nicht unmöglich, aber es musste ein Irrtum sein. Das war es, nichts als ein Irrtum.

Cals Stimmung hob sich ein wenig bei diesem Gedanken, und er setzte sich etwas gerader auf. „Es muss sich um einen Irrtum handeln.“

„Das glaubst du doch selbst nicht“, antwortete Hammond ruhig.

„Aber Connie lebt nicht mehr“, erwiderte Cal fast verzweifelt. „So viel habe ich auch schon mitbekommen.“

Hammond warf ihm einen ungeduldigen Blick zu. „Deine Exfrau war schwanger, als sie dich verließ, behielt das aber offensichtlich für sich.“ Er seufzte tief. „Kommt immer wieder vor und lässt den armen Teufel von Vater wie einen Idioten dastehen, wenn er es schließlich doch herausfindet.“

Cal biss die Zähne zusammen, gleichzeitig umklammerte er die Armlehnen des Sessels so fest, dass die Knöchel an seinen Händen weiß wurden. „Miststück“, sagte er mehr zu sich.

„Das wusstest du doch schon, als du sie geheiratet hast“, bemerkte Hammond ungerührt.

„Stimmt. Aber ich weiß immer noch nicht, warum sie mir nichts von ihrer Schwangerschaft gesagt hat.“ Cals Stimme hatte etwas von ihrer Lebhaftigkeit wiedergewonnen.

„Wenigstens musstest du nicht beides auf einmal erfahren, ihren Tod und die Existenz des Babys.“ Hammond hielt kurz inne. „Wenn dir das ein Trost ist.“

Cals Miene wurde finsterer. „Mit wem war sie zusammen, als sie getötet wurde? Ich weiß, dass sie nicht allein war.“

„Nachdem Connie dich verlassen hat, ließ sie sich mit irgend so einem Biker ein. Sie kamen beide bei dem Unfall ums Leben.“

„Waren sie verheiratet?“

„Nicht dass ich wüsste. Es heißt, dass sie zusammenlebten.“

„Woher weiß ich dann, dass es mein Kind ist?“

„Dein Name steht auf der Geburtsurkunde“, sagte Hammond.

Cal sprang auf und griff nach dem Dokument, das sein Anwalt ihm reichte. Nachdem er es geprüft hatte, trat er ans Fenster und starrte hinaus in den strahlenden Sonnenschein.

Über ein Jahr lang hatte er sich diesen Luxus, für alle deutlich sichtbar vor einem Fenster zu stehen und keine Angst um sein Leben zu haben, nicht leisten können. Sein Job als Undercover-Agent der Regierung hatte ihn gezwungen, ständig auf der Hut zu sein, da er sich überwiegend im gefährlichen Drogenmilieu bewegt hatte.

Bevor er zum Geheimdienst gegangen war, hatte Cal sich eigentlich für einen recht normalen Mann gehalten, der vielleicht ein wenig hitziger und störrischer war als die meisten. Dann hatte er Connie Jenkins geheiratet, und sofort waren ihm Zweifel gekommen, ob er wirklich so normal war, wie er immer angenommen hatte, denn die Heirat war der größte Fehler seines Lebens gewesen.

Nun, da er den Dienst quittiert hatte, konnte sein Leben wieder in normalen Bahnen verlaufen. Dennoch hatte er insgeheim ein ungutes Gefühl, obwohl er nach außen hin sehr ruhig wirkte. Seit er sich mit dem Abschaum der Menschheit befasst hatte, wusste er nicht mehr so genau, wohin er gehörte oder wer er war. Manchmal befürchtete er, er könnte inzwischen den Mistkerlen, mit denen er zu tun gehabt hatte, ähnlicher sein, als ihm lieb war. Eins wusste er allerdings genau. Er würde sich nie wieder in den Morast zurückziehen lassen, der ihn fast zerstört hätte.

Sein Blick fiel auf das Schreiben, das der Anwalt ihm gereicht hatte, und er zuckte zusammen. Wenn dieses Kind wirklich seins war – und er war noch lange nicht bereit, das zu glauben –, war er doch unmöglich in der Lage, ihm ein richtiger Vater zu sein.

Cal versank in Grübeleien, bis ihm eins klar wurde: Er mochte in vielerlei Hinsicht ein Hundesohn sein, aber er hatte noch nie seine Pflichten vernachlässigt und würde auch jetzt nicht damit anfangen. Wenn sich tatsächlich herausstellen sollte, dass in seinen Adern dasselbe Blut wie in den Adern des Kindes floss, wer weiß, vielleicht könnte er es lernen, sich um seinen Sohn zu kümmern.

„Cal, hörst du mir noch zu?“

Cal stieß heftig die Luft aus und wandte sich mit entschlossener Miene vom Fenster ab. „Ich versuche noch zu verarbeiten, was du mir da gerade gesagt hast.“

„Du kannst natürlich einen DNS-Test machen lassen“, sagte Hammond. „Und das solltest du wohl auch, da sie ja mit einem anderen Mann zusammengelebt hat.“

„Ich könnte auch vergessen, dass du mir je von dem Kind erzählt hast.“ Cal hob eine Augenbraue. „Das ist doch auch eine Möglichkeit, oder?“

Hammond zuckte die Achseln. „Das hängt natürlich ganz von dir ab.“

„Aber du weißt, dass ich das nicht tun werde“, fuhr Cal fort. „Wenn mein Name auf der Geburtsurkunde steht, dann ist es mein Kind, und ich nehme die Verantwortung an.“

„Das überrascht mich nicht, mein Freund. Du hast noch nie halbe Sachen gemacht. Für dich heißt es immer: alles oder nichts. Was wohl auch keine schlechte Lebensphilosophie ist.“ Hammond stemmte seinen langen, schlaksigen Körper aus dem Sessel und ging zur Bar, wo er sich eine Tasse Kaffee einschenkte. „Willst du auch einen?“, fragte er.

Cal schüttelte den Kopf.

Hammond nahm einen Schluck von seinem Kaffee und fuhr fort: „Andererseits solltest du dieses eine Mal besser schlafende Hunde ruhen lassen, wenn du verstehst, was ich meine. Vielleicht solltest du das Kind einfach vergessen und völlig unbelastet ein neues Leben beginnen. Das wäre in diesem Fall nicht das Schlechteste.“

„Für mich schon“, entgegnete Cal schroff.

„Es tut mir leid, dass ich dich gleich mit Problemen konfrontieren musste, wo du doch erst seit zwei Tagen wieder in der Stadt bist. Aber ich wollte, dass du es von mir erfährst, und nicht von den hiesigen Klatschmäulern. Du weißt doch, wie es hier bei uns in Tyler zugeht. Es ist wie in allen Kleinstädten in Texas. Dieser Ort ist nicht so groß, dass die Leute ihre Nachbarn nicht mehr kennen und sich nur um ihren eigenen Kram kümmern.“

„Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich musste es erfahren, und ich erfahre es lieber von dir als von sonst jemandem. Dir kann ich wenigstens vertrauen.“

„Du kannst vielen Leuten vertrauen, Cal. Du hast Freunde, die froh darüber sind, dass du wieder in die Zivilisation zurückgekehrt bist.“

„Ich weiß, ich werde nur ein wenig Zeit brauchen, um mich davon zu überzeugen.“

„Es ist selbstverständlich, dass du nicht darüber sprechen kannst, was du durchgemacht hast oder wo du gewesen bist, aber war es tatsächlich so schlimm, wie es den Anschein hat?“

„Schlimmer“, sagte Cal knapp.

„Nun, wenigstens hast du es jetzt hinter dir.“

„Wenn mein Plan aufgeht, werde ich demnächst für eine Sicherheitsfirma arbeiten“, erwiderte Cal. „Dann habe ich es wirklich hinter mir.“

Hammond setzte sich und nippte an seinem Kaffee. „Ich dachte, man hätte dich schon eingestellt.“

„Das stimmt. Ich habe allerdings noch nicht endgültig zugesagt. Sie lassen mir sechs Wochen Zeit, mich zu entscheiden.“

„An der Neuigkeit über dein Kind kann es nicht liegen, dass du zögerst. Ich hatte den Eindruck, das war schon vorher der Fall.“

„Verdammt, Hammond, ich werde bei diesem Job wieder oft ins Ausland reisen müssen, wenn auch in sichere Gebiete.“

„Und?“

„Und ich möchte vielleicht zur Abwechslung auch mal ein bisschen Zeit in meiner Heimat verbringen.“

„Was also bedeutet, dass du dich außerhalb der Staaten aufgehalten hast.“

Cal sah seinen Freund aus zusammengekniffenen Augen an. „Das habe ich nicht gesagt.“

„Okay. Schon gut, ich weiß, deine Arbeit ist top secret.“

„Genau, also hör auf, nach Informationen zu angeln.“

Hammond verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. „Ich bin nur neugierig, mehr nicht.“

„Nun, das kannst du ein für alle Mal vergessen, weil mein Job bei Onkel Sam nie ein Thema zwischen uns sein wird.“

Hammond lächelte. „Ich wette, du warst verdammt gut in deinem Job, was für einer es auch war. Du hattest schon immer den Ruf, ein hartgesottener Kerl zu sein.“

„Du musst dich ausführlich mit meinem Ex-Schwiegervater unterhalten haben.“ Cal hatte es nur als sarkastischen Scherz gemeint, aber als Hammond nicht darauf einging, sondern ihn nur weiter ernst ansah, gingen bei ihm alle Alarmglocken los. Allerdings war er auch darauf trainiert worden, auf alles Ungewöhnliche zu achten.

„Seltsam, dass du das sagst“, meinte Hammond und senkte den Blick.

„Hast du etwa wirklich mit Patrick Jenkins gesprochen?“

„Nein“, antwortete Hammond.

„Aber?“

Hammond seufzte und sah auf seine auf Hochglanz polierten Stiefel hinunter.

„Er hat das Kind“, stellte Cal entsetzt fest.

„Nein, seine Tochter Emma hat den Jungen.“

Cal stieß einen herzhaften Fluch aus.

„Ich wusste, dass dir das nicht gefallen würde.“

Cal fluchte noch einmal. „Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts. Der Mistkerl hasst mich, und seine Tochter tut es sicher auch, obwohl ich nie das Vergnügen hatte, sie kennenzulernen.“ Seine Stimme triefte vor Sarkasmus. Er hatte nie den Wunsch gehabt, die Beziehung zur Familie seiner Exfrau zu vertiefen. Wie die Dinge jetzt standen, würde er es sich allerdings anders überlegen müssen.

Cal fühlte sich angespannt und rieb sich den Nacken. „Persönlich ist es mir völlig egal, was sie von mir halten, aber …“

„Aber jetzt haben sie etwas, das dir gehört.“

„Da hast du verdammt recht.“

„Ich bin froh, dass du das sagst, Cal.“ Hammond erhob sich und füllte seine Kaffeetasse wieder nach. Sein sonst so freundlicher Gesichtsausdruck war verschwunden, und er sah Cal grimmig an. „Ich muss zugeben, dass die Zuversicht, die ich vorhin so gekonnt an den Tag gelegt habe, nicht ganz echt war. Ein bisschen habe ich schon befürchtet, du würdest einfach aus meinem Büro spazieren, wenn ich dir von dem Baby erzähle.“

„Das hätte ich wahrscheinlich auch tun sollen.“

„Keiner zwingt dich zu etwas. Ich ganz bestimmt nicht. Ich bin sicher, Logan …“

„So heißt der Kleine also“, unterbrach Cal ihn.

„Ja. Vielleicht war es Schicksal oder weiß der Kuckuck, was. Jedenfalls bin ich Jenkins neulich zufällig begegnet, und er hatte den Jungen bei sich.“

„Sieht er mir überhaupt ein wenig ähnlich?“, fragte Cal zögernd und kämpfte mit einer Unmenge verwirrender Gefühle, die ihn plötzlich überkamen. Zum Teufel mit Connie, dachte er ohne besondere Schuldgefühle.

Wenn das bedeutete, dass er gefühllos war, dann war das eben so. Man konnte ihm viel vorwerfen, aber nicht, dass er ein Heuchler war. Er hatte immer alles ohne Angst vor den Konsequenzen beim Namen genannt und ging keinem Feind aus dem Weg, wenn er ihn bekämpfen konnte. Deswegen hatte er es auch geschafft, einen der härtesten Drogenringe des Landes zur Strecke zu bringen, der auch international tätig gewesen war.

Aber diese Phase seines Lebens lag hinter ihm. Er musste lernen, sich in die Gesellschaft einzufügen und sich mit der Familie seiner Exfrau gut zu stellen. Und doch wurde ihm übel bei dem Gedanken, irgendetwas mit Patrick Jenkins und seiner zweiten Tochter zu tun zu haben.

„Es ist nicht so leicht zu sagen, wem ein Kind ähnelt. Jedenfalls für mich“, sagte Hammond schließlich. „Jetzt, da du weißt, wo Logan ist – wie ist dein Plan?“

„Ich habe keinen.“

„Jedenfalls kannst du nicht einfach so aus heiterem Himmel auf ihrer Türschwelle auftauchen.“

„Warum nicht?“

Hammond verdrehte die Augen. „Diese Frage verdient keine Antwort.“

„Connies Schwester hat mich noch nie gesehen.“

„Das heißt also, dass du zuerst zu ihr gehst?“

Cal zuckte die Achseln. „Vielleicht. Ich habe erst mal eine ganze Menge zu verdauen, bevor ich irgendwelche Schritte unternehme.“

„Genau. Und du weißt natürlich, dass ich dich in allem beraten werde, was die rechtliche Seite angeht.“

„Danke. Ich kann mir gut vorstellen, dass es Krieg geben wird.“

„Damit musst du wohl rechnen.“ Hammond stellte die Kaffeetasse ab. „Es war offensichtlich, dass Jenkins an dem kleinen Jungen hängt. Er wird ihn vermutlich nicht ohne Kampf hergeben. Und ich bin sicher, dass die Tochter genauso empfindet.“

„Was weißt du von ihr, abgesehen von ihrem Namen?“, fragte Cal.

„Sie ist Besitzerin einer gut gehenden Gärtnerei und liefert die Pflanzen für die Bürokomplexe, die die Firma ihres Vaters aus dem Boden stampft.“

Cal schnaubte verächtlich. „Patrick ist also immer noch im Baugewerbe tätig?“

„Ja, und er macht damit ein Vermögen.“

„Das hatte er schon, als ich noch mit Connie verheiratet war. Das war ja eins unserer Probleme. Sie war Daddys blonde Prinzessin, der man alles auf einem silbernen Tablett servieren musste.“

„Offenbar ist Emma ganz anders, aber wer weiß das schon so genau? Ich kann mich nur an Gerüchte aus Jenkins' Kreisen halten.“

Cal schnaubte wieder. „Diese Leute sind das reine Gift, und wenn es nach mir geht, werde ich ihnen so weit wie möglich aus dem Weg gehen.“

„Es tut mir leid, dass du nach deiner aufreibenden Arbeit schon wieder in ein Wespennest gerätst.“

Cal zuckte die Achseln und ging zur Tür. „Ist ja nicht deine Schuld.“

Hammond folgte ihm und reichte ihm die Hand. „Lass von dir hören.“

„Oh, da kannst du sicher sein.“

„Und in der Zwischenzeit gehe es langsam an und gewöhne dich wieder an den Gedanken, dass es in dieser Welt auch anständige Menschen gibt.“

„Ja, okay“, sagte Cal und verließ das Büro.

Erst als er hinter dem Steuer seines neuen Jeeps saß, atmete er tief durch. Doch sofort fiel ihm das Gespräch mit Hammond wieder ein, und er schlug heftig mit der Handfläche auf das Lenkrad. Was in aller Welt sollte er nur tun? Er wollte seinen Sohn sehen – und andererseits auch wieder nicht. Lieber Himmel, allein das Wissen, dass er ein Kind hatte, war überwältigend.

Es war nicht leicht, eine Entscheidung zu treffen. Nach allem, was er durchgemacht hatte, war er kaum in der Verfassung, sich um ein Kind zu kümmern. Nicht, solange er jedes Mal, wenn er die Augen schloss, einen Kerl vor sich sah, der ihm eine Waffe an die Schläfe drückte und mit dem größten Vergnügen russisches Roulette mit seinem Leben spielte.

Wieder brach ihm der kalte Schweiß aus, und es wurde ihm übel. Am liebsten wäre er an den Straßenrand gefahren und hätte sein Mittagessen von sich gegeben. Irgendwie schaffte er es jedoch, sich zusammenzureißen, bis das Schwindelgefühl vorbei war und sein Herz wieder ruhiger schlug.

Na schön, das Leben hatte ihm noch einen Schlag versetzt, aber er würde es überstehen. Wenn Connie ihm wirklich einen Sohn geschenkt hatte, dann konnte ihn nichts auf der Welt davon abhalten, ihn sich wenigstens anzusehen. Was danach kommen würde … nun, das musste er entscheiden, wenn es so weit war.

Zunächst einmal musste er sich einen Plan machen, das war etwas, das er perfekt beherrschte. Vater und Tochter Jenkins ahnten nicht, was sie erwartete. Er war noch nie einer Herausforderung ausgewichen und würde es auch jetzt nicht tun. Zum ersten Mal seit er zu Hause war, gab es wieder ein Ziel in seinem Leben.

Und das war ein wundervolles Gefühl.

2. KAPITEL

Was für ein wundervoller Frühlingstag.

Emma betrachtete den texanischen Himmel, dessen Schönheit von keiner einzigen Wolke beeinträchtigt wurde. Niemand hätte sich besseres Wetter wünschen können, schon gar nicht jemand, der seinen Lebensunterhalt unter freiem Himmel verdiente wie sie mit ihren Pflanzen. Allerdings erledigte sie selten die körperliche Arbeit. Die Gärtnerei gehörte ihr, und die Buchführung, die Bestellungen und die Verwaltungsarbeiten fesselten sie praktisch die ganze Woche an den Schreibtisch.

Aber es gab auch Tage wie diesen, an denen sie die Gelegenheit ergreifen und durch ihr Reich, wie sie es gern nannte, wandern konnte, um an den Rosen zu schnuppern und um sich an allem zu erfreuen, was sie erreicht hatte.

Ihr Vater hatte natürlich auch sehr viel mit dem Erfolg von „Emmas Baumschule“ zu tun. Er hatte ihr vor einigen Jahren das Startkapital geliehen, das sie ihm inzwischen wieder zurückgezahlt hatte. Aber es war vor allem ihre harte Arbeit gewesen, die die Gärtnerei zu dem gemacht hatte, was sie heute war. Es war ein typisches Emma-Projekt, denn wenn sie sich erst einmal zu etwas entschloss, dann gab sie nicht auf, bis sie ihr Ziel erreicht hatte.

„Du bist viel zu dickköpfig, Mädchen“, sagte ihr Vater ihr ständig, doch sie wusste, dass er ihre Hartnäckigkeit eigentlich bewunderte, weil er genauso war.

Bei dem Gedanken an ihren Vater erschien ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht. Sie war zwar nie seine Prinzessin gewesen – Connie hatte diese Ehre gehabt –, aber sie hatte immer Patricks Respekt gespürt.

Patrick Jenkins hatte mit seiner Baufirma Millionen verdient. Er hatte inzwischen das Rentenalter erreicht und könnte sich eigentlich zur Ruhe setzen, doch er lebte für seine Arbeit – und für seinen Enkelsohn.

Emma musste wieder lächeln. Ihr kleiner Junge war ihr wichtiger als jede Karriere. Er bedeutete ihr alles und gab ihrem Leben einen tieferen Sinn.

Sie war fünfunddreißig und immer noch ledig und wollte das auch nicht ändern, besonders jetzt, da sie die Vormundschaft für das Kind ihrer Schwester erhalten hatte. Es hatte zwar Männer in ihrem Leben gegeben, sogar einen besonderen, den sie vielleicht sogar geheiratet hätte, wenn die Umstände anders gewesen wären, aber das waren sie nicht, und sie bedauerte nichts.

Auch wenn sie nie mehr haben sollte als ihre Arbeit und das Kind ihrer Schwester, würde sie trotzdem zufrieden sein. Das Leben meinte es gut mit ihr.

„Hallo, mein Mädchen, wie läuft es heute Morgen?“

Emma drehte sich um und lächelte ihren Vater an, wobei sie die Arbeitshandschuhe auszog. „Wunderbar. Und bei dir?“

„Alles in Ordnung bei mir.“

Patrick sah allerdings nicht so aus und klang auch nicht so, als entspräche das den Tatsachen, und Emmas Herz zog sich beunruhigt zusammen. Seit ihre Schwester Connie bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen war, fürchtete sie sich vor dem Unerwarteten. Und wenn Patrick Jenkins nicht wie üblich ruhig und gefasst war, dann stimmte etwas nicht.

Emma versuchte sich ihre Unruhe nicht anmerken zu lassen. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und gab ihrem Vater einen Kuss auf die raue Wange. Dann trat sie einen Schritt zurück und sah zu ihm auf. Mit seinen achtundsechzig Jahren bot er einen attraktiven Anblick. Er war immer noch sportlich und kleidete sich passend.

Jahrelang hatte er auf den Baustellen an der Seite seiner Männer in der heißen Sonne gearbeitet. Seine Haut war stark gebräunt und wies tiefe Falten auf. Er kniff immer leicht die Augen zusammen, als müsste er sie vor der brennenden Sonne schützen. Sein dunkles Haar war dicht und zeigte nicht die geringste Spur von Grau.

Patrick war ein gut aussehender Mann und hatte mehr als eine Gelegenheit gehabt, wieder zu heiraten, hatte sie allerdings nie ergriffen. Emma hatte immer gehofft, dass er seine Meinung noch änderte, aber jetzt, da Logan in ihr Leben getreten war, zweifelte sie sehr daran.

Der Kleine war Connies Sohn, und das machte ihn zu etwas Besonderem. Patrick hatte seine jüngere Tochter vergöttert und war davon überzeugt gewesen, dass sie nichts falsch machen konnte, obwohl sie sich seinen Wünschen widersetzt und einen Mann geheiratet hatte, den Patrick entschieden missbilligt hatte. Der viel zu frühe Tod seiner Lieblingstochter hatte ihn sehr viel mehr getroffen als der seiner Frau.

„Gibt's Kaffee?“, fragte Patrick.

„Klar.“ Emma warf ihre Handschuhe zur Seite und ging auf das kleine Backsteingebäude zu, in dem sich ihr Büro und ihr Geschäftsraum befanden. Nachdem sie den großen, luftigen Raum betreten hatten, der nach frisch geschnittenen Blumen duftete, hielt Patrick abrupt inne und lächelte. „Was macht er denn hier?“

Emmas Blick folgte seinem zur weichen Spieldecke auf dem Boden, wo ihr achtzehn Monate alter Neffe dicht an seinen Teddybären, Mr Wiggly, geschmiegt schlief.

„Er hatte heute Morgen ein wenig Temperatur und wollte nicht, dass ich weggehe.“

„Also wechselst du dich mit Janet ab?“

„Genau. Obwohl ich ihn wirklich nur sehr ungern mit ins Geschäft bringe.“

„Ach, ab und zu schadet das schon nichts“, meinte Patrick und sah seinen Enkel liebevoll an.

„Außer dass es ihn auf die Idee bringen könnte, er kann mich um den kleinen Finger wickeln und es zur Regel werden lassen.“

Patrick schnaubte amüsiert. „Das kann er doch sowieso schon.“

Emma warf ihm einen gespielt empörten Blick zu. „Ich weiß, dass ich ihn viel zu sehr verwöhne, aber ausgerechnet du kannst dich nicht darüber mokieren.“

Patrick lachte. „Ich sage doch auch nichts. Das wäre wie der Esel, der seinesgleichen Langohr schimpft.“

Emma holte zwei Tassen aus dem Schrank und schenkte sich und ihrem Vater Kaffee ein. Sie setzten sich und tranken ihren Kaffee, während sie das schlafende Kind betrachteten.

Schließlich sah Emma ihren Vater an. „Ich habe das Gefühl, dass dein Besuch nicht nur geselliger Natur ist, Dad.“

„Ist er auch nicht“, gab Patrick zu.

Emma spürte wieder leise Unruhe in sich aufsteigen. „Was ist los?“

„Nichts ist los. Zumindest hoffe ich das.“

„Warum hast du dann diese Leichenbittermiene aufgesetzt?“

„Wegen Cal Webster.“

Emmas Hände begannen zu zittern, und sie setzte ihre Kaffeetasse ab, weil sie befürchtete, sie könnte ihr aus der Hand fallen. „Was ist mit ihm?“, fragte sie leise.

„Er ist wieder in der Stadt.“

Ihr Vater hörte sich an, als würde er über eine unheilbare Krankheit sprechen. Emma presste unwillkürlich eine Hand auf ihre Brust, und ihr Blick ging zu dem kleinen Kind auf dem Boden. „Oh mein Gott“, flüsterte sie.

Patrick stand auf, machte ein paar Schritte und setzte sich wieder. Es war lange her, dass Emma ihren Vater so rastlos erlebt hatte – nicht seit dem Tag, an dem Connie gestorben war. Und auch da war er nicht wirklich rastlos gewesen, sondern am Boden zerstört und unvorstellbar wütend. Dieselbe Wut sah sie auch jetzt in seinem Blick.

„Dad …“ Ihre Stimme versagte.

„Ich glaube nicht, dass es Grund zur Panik gibt“, sagte Patrick rau. „Jedenfalls noch nicht.“

„Wie kannst du das sagen?“, rief Emma erregt.

„Ich habe die Neuigkeit von einem Freund, der ihn gesehen hat.“ Patrick hielt inne. „Ich glaube nicht, dass Webster überhaupt von Logan weiß.“

„Du glaubst nicht?“ Emma stand auf und ging nun ebenfalls nervös auf und ab. „Das reicht mir nicht.“

„Ich kümmere mich darum, Emma. Lass mir nur etwas Zeit. So wie ich Cal Webster kenne, hätte er schon längst an meine Tür geklopft, wenn er den leisesten Verdacht hätte, dass ich seinen Sohn habe.“

„Oh, Daddy, ich will ja nicht in Panik geraten, aber wenn ich mir vorstelle, wir könnten Logan verlieren …“

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