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Wenn die Angst dich heimsucht

Für meine Leser:

Entstanden ist dieses Werk, weil eine Arbeitskollegin meinte, sie fände es schade, dass ich nur Bücher im Horrorgenre schreibe. Sie würde es begrüßen, wenn ich mal eine Liebesgeschichte verfassen würde. In einer der Nächte, als ich nicht schlafen konnte, kam mir dieser Satz in den Sinn und so traf mich die Inspiration zu diesem Roman.

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© 2017 Caroline Simanek

Umschlag, Illustration: Pixabay

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback978-3-7345-9762-6
Hardcover978-3-7345-9763-3
e-Book978-3-7345-9764-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Prolog

Obwohl ihre Lider bis zum Zerreißen geöffnet waren, konnte sie nichts sehen. Finsternis hüllte sie ein. Das laute Klopfen ihres Herzens wurde von weiteren Geräuschen übertönt. Ein seltsames Wummern wie von einer Verbrennungsmaschine drang an ihre Ohren. Auch das schwache Röcheln einer Person konnte Carina vernehmen. Als sie sich aufrichten wollte, durchzuckte ein stechender Schmerz ihre Stirn, als hätte ihr jemand gerade eine Axt in den Schädel gejagt. Sie schmeckte Blut auf ihren Lippen und eine zähe Flüssigkeit rann über ihrem Auge. Ermattet sank sie wieder auf den kalten Steinboden. Du musst schnell zu dir kommen, flehte sie sich selbst in Gedanken an, doch sie war zu schwach. Ihr Körper fühlte sich an wie ein verhasster Gegenstand, den jemand mit voller Wucht gegen eine Wand geschmettert hatte, um seine Wut herauszulassen. Weggeworfen und verdammt. Vielleicht hatte er sich auch noch an ihr vergangen? Übelkeit stieg in ihr auf, aber der Schmerz hinter ihrer Schläfe verbat ihr, sich zu bewegen, um dem Drang nachzugeben. Wie konnte sie es nur so weit kommenlassen?

Vater hatte sie noch gewarnt. "Durch deine Dummheit wirst du großes Unheil heraufbeschwören". Tränen rannen ihr aus den Augen und bahnten sich den Weg durch ihr Haar bis in ihre Ohren. Vater sollte recht behalten. Jeder hatte es ihr gesagt und sie vor ihm gewarnt, doch sie wollte nicht hören. Naiv hatte sie das Schicksal herausgefordert. Sie atmete tief ein und eine neue Woge des Schmerzes fegte über ihren Körper hinweg. Ihre Gedanken trieben davon und verweilten in dem Moment, als die Welt noch in Ordnung war.

Der erste Schritt

Auf den Bildern im Internet sah das Gebäude viel gepflegter aus, dachte Carina enttäuscht, als sie sich der heruntergekommenen Fassade des Mehrfamilienhauses näherte. Das trübe Wetter färbte den Klotz in ein tristes Grau. Ein Rollo im mittleren Fenster hing schief, wie das Augenlid eines betagten Piraten nach einer Sauftour. Schwarze Fingerabdrücke zeichneten sich über das weiße Türblatt. Die Namensschilder unter den Klingeln fehlten oder waren nur lieblos mit einem Stift gekritzelt. Auf dem Rasen neben dem Gebäude lag lieblos ein Kinderfahrrad, von dessen Speichen das Regenwasser tropfte. Vor dem Haus gab es acht Mieterparkplätze. Je vier auf jeder Seite. Die meisten standen leer. Neben einem roten Kleinwagen parkte ein sportliches Motorrad. Aus einem silbernen Mercedes stieg ein Mann mittleren Alters aus und kam mit schnellen Schritten auf sie zu. Konzentriert hielt er sich ein Mobiltelefon an das Ohr und schien, in ein wichtiges Gespräch vertieft zu sein. Falten zerfurchten seine Stirn. »Hartmann!«, raunte er und streckte ihr seine Hand entgegen. Auch Carina nannte ihren Namen. Der Hausherr widmete sich wieder dem Gesprächspartner am Telefon zu. Vergeblich versuchte er, diesem zu erklären, dass er nun auflegen müsse.

Als Herr Hartmann nebenbei die Haustür aufschloss, waberte ihnen Zigarettenrauch entgegen. Angewidert rümpfte Carina die Nase. Erstaunlicherweise glänzten die Stufen frisch geputzt und auch alles andere wirkte sehr ordentlich. Vielleicht war es doch nicht so schlimm, wie der erste Eindruck vermitteln wollte. Auf dem oberen Absatz wischte eine ältere Dame im Putzkittel über die fleischigen Blätter einer ausladenden Topfpflanze. Augenblicklich drehte sich die Putzende um und begrüßte die Eintretenden.

Der noch immer telefonierende Hausbesitzer nickte stumm zurück und deutete Carina, die Treppe hinunterzugehen. Schüchtern lief sie die beigefarbenen Stufen hinab. Schlagartig wandelte sich das Bild. Der Schmutz knirschte unter ihren Füßen. Dicke, schwarze Spinnweben hingen schwer von der Decke. In der Nische unter der Treppe färbte sich der Fußboden dunkel vor Dreck. Von einem Wäscheständer, der neben einer der beiden Wohnungstüren stand, strömte intensiver Seifengeruch hervor.

Herr Hartmann, der sein Telefonat nun endlich beendet hatte, lief gerade die Treppe hinunter. Er deutete auf den Wäscheständer und hob seinen Finger wie ein Schuldirektor. »Für diesen Zweck haben wir extra einen Trockenraum. Im Treppenhaus oder in den Wohnungen darf keine Wäsche aufgehängt werden!«

Endlich schloss der Vermieter die Tür auf der linken Seite auf. Carina folgte ihm. Die frisch gestrichenen, weißen Wände verströmten das typische Aroma einer neuen Bleibe. Nach wenigen Schritten deutete der Hausherr in das erste Zimmer. Carina staunte nicht schlecht, denn eine Kellerwohnung hatte sie sich immer düster vorgestellt, doch dem war hier nicht so. Das breite Fenster, verziert mit dezenten Scheibengardinen, schenkte ihr einen Blick zum Eingangsbereich. Löwenzahnblüten und Unkraut zierten den unteren Rand ihrer Aussicht. Weiter konnte sie von hier direkt auf den Parkplatz blicken. Das Zimmer maß mindestens sechzehn Quadratmeter. Der lilafarbene Teppichboden sah aus wie neu.

Sie folgten dem Flur bis zum Ende und betraten die nächste Räumlichkeit. Zwei große Fenster, die ebenfalls über dem Erdreich ragten, erhellten den Raum. Ein kleines Beet bereicherte den Blick nach draußen mit bunten Blumen am unteren Fensterrand.

Neben dem Wohnzimmer schloss sich das Badezimmer an. An den alabasterfarbenen Fliesen thronte ein moderner Spiegelschrank mit drei Türen. »Dieser muss dort hängen bleiben, damit Sie mir nicht noch mehr Löcher in die Kacheln bohren!«, brummte Herr Hartmann. Carina nickte. Das Bad wirkte sauber, die durchsichtigen Duschwände glänzten glasklar. Allgemein schien die Wohnung sehr gepflegt. Herr Hartmann erzählte etwas von der Vormieterin. Sie war kaum zuhause und auch der Mieter vor ihr, ein Amerikaner, nutzte diese Wohnung nur als Bleibe am Wochenende. Carina hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie blickte aus dem Fenster. Nebenan lag ein verwaister Bauplatz. An windschiefen Holzpfosten flatterte ein Absperrband mit dem Wind. Ihr war schon aufgefallen, dass dieses Mietobjekt recht einsam lag. Weiter die Straße hinauf erinnerte Carina sich, einen Rohbau gesehen zu haben. Möglich, dass sie in wenigen Monaten mit Baulärm rechnen musste. Aber zeitgleich würde sich auch etwas verändern und sie würde nicht ganz so abgeschnitten wohnen.

Auf dem Rasen vor dem Badezimmerfenster bemerkte Carina einen abgetretenen Pfad. »Wo kommt man da hin?«, fragte sie neugierig.

»Hinter dem Haus gibt es zwei Gärten für die Familien, die im Erdgeschoss wohnen. Doch brauchen Sie sich keine Gedanken darüber zu machen, dass hier jetzt dauernd Leute vorbeilaufen. Die Mieter haben den Zugang zum Garten über die Wohnung. Aber man kann eben hier auch von außen zu ihnen gelangen, wird aber selten genutzt!« Herr Hartmann wirkte gereizt, als er antwortete und Carina beschloss, keine unnötigen Fragen mehr zu stellen.

Am Ende des L-förmigen Flurs befand sich die Küche. Mit einer hellbraunen Küchenzeile und einem großen Kühlschrank. Auf der anderen Seite eine rustikale Eckbank. Im Gegensatz zum Rest der Einrichtung schien das gute Stück schon viele Jahre auf dem Buckel zu haben. Kratzer und Macken charakterisierten das Holz. Die Polster ausgeblichen und abgewetzt. Dennoch versprühte die Essecke einen gewissen Charme und Carina konnte sich gut vorstellen, hier mit ihren Freundinnen einen gemütlichen Abend zu machen. Sie überlegte schon, wie sie die Polster aufpeppen und die Küche dekorieren könnte.

»Und?«, fragte Herr Hartmann und riss sie aus ihren Gedanken. Diese Wohnung war genau das, was sie sich vorgestellt hatte, hell, günstig und in perfekter Lage.

»Oh, es gefällt mir!«, stotterte Carina verlegen.

»Gut!« Herr Hartmann legte seine Aktentasche auf den Küchentisch. »Eine Sache wäre da noch vorab zu klären. Frau Mayer, also die Vormieterin dieser Wohnung, möchte eine Ablöse von 850 Euro.«

»Achthundertfünfzig Euro«, echote Carina. Das entsprach beinahe ihrem Monatsgehalt.

Der Hausbesitzer blickte Carina streng an. Sein Aussehen entsprach einem Hochschullehrer, der einen harten Tag hinter sich hatte. Das komplett ergraute Haar stand wirr vom Kopf ab und hellgraue Stoppeln zeigten sich auf seinem Kinn. Hinter einer randlosen Brille schauten graue, gefühlskalte Augen auf sie herab. Er wirkte irgendwie einschüchternd auf sie. »Ich möchte ehrlich sein. Die Sache soll hier schnell von Hand gehen und ich nehme nur jemanden, der auch die Ablöse zahlen will.«

Um Carinas Brust schnürte sich ein immer enger werdendes Korsett. In den letzten Tagen hatte sie viele Mietobjekte verglichen. In einigen war eine Ablöse für eine Küche angegeben gewesen. Oft lag der Preis jedoch im Rahmen von 100-200 Euro. Als Alternative zog Carina auch eine Single-Küche aus dem Möbelladen in Betracht, die sie dann in Raten bezahlen würde. Für einen Moment überlegte sie, ob es nicht klüger wäre, noch eine Nacht darüber zu schlafen. Aber die bohrenden Augen des Vermieters durchdrangen förmlich ihren Geist. Er verlangte jetzt eine Entscheidung. Carina öffnete ihren Mund, brachte jedoch keinen Ton heraus. Tiefe Falten zeichneten sich auf der Stirn des Mannes. »Je hundert für den Teppich im Wohnzimmer und den im Schlafraum. Fünfhundert für die Küche. Hundert für die Essecke und dann noch fünfzig für die Gardinen und Gardinenstangen!« Er sprach betont langsam, als würde er zu einem Begriffsstutzigen sprechen. Carina fühlte wie die Hitze in ihrem Gesicht aufstieg. Scheinbar hielt er sie für unterbelichtet. Noch immer konnte Carina keine Entscheidung von sich abringen.

Herr Hartmann sog laut die Luft durch seine Nase. »Sie können es akzeptieren oder lassen. Aber es warten noch andere Leute, die sich diese Wohnung ansehen möchten. Also?«

Im Kopf schlug Carina alles zusammen. Die erste Miete und die Kaution hatte sie ja bereits im Vorfeld ausgerechnet. Dazu die Kosten für den Umzug und dann noch etwas für die Einrichtung. Genau das, was sie sich zur Seite gelegt hatte. Die Ablöse sprengte diesen Rahmen bei Weitem. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als etwas von ihrem Sparbuch zu nehmen. Das Geld, welches sie eigentlich für ihren Führerschein gespart hatte. Die Fahrerlaubnis musste eben noch warten, entschloss Carina für sich. Schließlich hielt hier in der Nähe ein Bus. Von diesem Kaff hier wären es ohnehin keine sieben Kilometer zu ihrer Arbeitsstelle. »Aber im Internet stand nichts von einer Ablöse. Auf den Bildern sah es so aus, als gehörte die Küche mit dazu.« Carina traute sich nicht, den Vermieter anzusehen.

»Glauben Sie wirklich, dass Sie eine Küche gratis bekommen? Wissen Sie überhaupt, was so eine Küche kostet. Selbst wenn Sie eine gebrauchte günstig ersteigern, müssen Sie noch die Arbeitsplatte ausmessen und zuschneiden lassen. Den Einbau schenkt Ihnen auch niemand. Aber mir scheint …«

»Okay…«, brachte Carina stotternd hervor. »Ich möchte diese Wohnung gern haben!«

»Gut, dann kümmern wir uns gleich um die Formalitäten.« Herr Hartmann nahm auf einem Stuhl Platz. Mechanisch setzte Carina sich auf die Bank. Zugern hätte sie den Hausbesitzer um einen Tag Bedenkzeit gebeten, doch sie konnte sich ausmalen, dass er sie im hohen Bogen herauswerfen würde.

Während Herr Hartmann schon die ersten Daten auf den Vordruck eines Vertrages kritzelte, wog Carina in Gedanken alles noch einmal ab. In zwei Wochen endete ihr Urlaub. Bis dahin wollte sie eine Bleibe gefunden und am besten schon eingerichtet haben. Diese Wohnung entsprach genau ihren Vorstellungen, auch wenn der erste Eindruck von dem Außenbereich sie abgeschreckt hatte.

Mit zitternden Fingern setzte sie ihren Namen unter den Mietvertrag. Als hätte sie ihr Todesurteil unterschrieben, begann ihr Herz zu rasen und eine bleierne Taubheit legte sich auf ihre Glieder. Reiß dich zusammen, schrie sie sich innerlich an. Du hast dir gerade eine Küche gekauft und einen Mietvertrag für deine Wohnung unterschrieben. Was willst du mehr?

Herr Hartmann erzählte ihr noch einiges, doch Carina konnte ihm nicht folgen. Alles vor ihren Augen drehte sich. Ihre Finger fühlten sich eisig an und diese lähmende Kälte strahlte weiter in ihre Glieder aus. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf den Vertrag vor sich. Etwas hatte sie irritiert. Dann sah sie es: das Einzugsdatum. Erster Oktober! Auch das noch. Da wäre ihr Urlaub vorbei.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«

Carina atmete tief ein. »Ja, danke. Ich bin nur etwas nervös. Habe vorher so etwas noch nie gemacht!« Sie versuchte ein verkrampftes Lächeln, obwohl sie sich jetzt noch blöder vorkam. Der Vermieter wirkte deutlich entspannter. »Sie haben das gut gemacht. Haben Sie noch Fragen?«

Jetzt, nachdem ihr Gegenüber nicht mehr so hektisch auftrat, löste sich der geistige Schraubstock, der sie einengte. »Wie sieht es aus?«, fragte sie schüchtern, »Eigentlich beginnt der Vertrag erst Anfang Oktober. Aber kann ich nicht schon zum Wochenende einziehen? Es wären ja nur zwei Wochen eher und ich könnte so nach und nach meine Sachen einrichten.«

Herr Hartmann zog seine Augenbrauen zusammen, doch dann nickte er ihr zu. »Ist in Ordnung, aber nur, wenn Sie mir morgen gleich die Kaution und auch die Ablöse vorbeibringen. Sie werden Wasser und Strom sicher auch gleich nutzen, dann müssen wir auch den Zählerstand notieren.«

Carina war regelrecht verwundert, dass er nicht noch einen Obolus dafür verlangte, dass sie zwei Wochen eher einzog. Deutlich stand ihm die Geldgier ins Gesicht geschrieben. Sie verabschiedeten sich und Herr Hartmann schlug vor, sich morgen zur gleichen Zeit für die Schlüsselübergabe zu treffen. Noch immer bedrückte sie die Gewissheit, einen Fehler begangen zu haben. So sehr sie auch ihren Kopf zermarterte, sie wusste nur nicht was. Mit dem Blick auf die Unterlagen lief sie die Stufen hinauf. Kurz hielt sie inne, als sie bemerkte, wie der Vermieter bei der Wohnung ihr Gegenüber klingelte. Sicher würde er den Leuten dort eine Predigt wegen der Wäsche halten. Am liebsten wollte sie stehen bleiben, um zu erfahren, wie der Mann wohl mit den Bewohnern sprach. Aber über ihr auf den Stufen stand die Dame im Kittel und reinigte gerade die Sprossen des Geländers. Die Frau schien offensichtlich an einen Sauberkeitstick zu leiden, dachte Carina. Nur leider endete dieser wohl vor dem Kellergeschoss. »Sin Sie wecha der Wohnung do?«, riss die Putzende Carina aus den Gedanken. Obwohl Carina schon seit der Grundschule in Bayern wohnte, tat sie sich noch immer schwer mit dem fränkischen Dialekt. »Ich habe den Mietvertrag gerade unterschrieben!«, erklärte die gebürtige Schleswig-Holsteinerin freundlich. »Vurher hot a soar scheens Madla …«, die Kittelträgerin verstummte und blickte nach oben. Auch Carina vernahm die schnellen Schritte, die von oben herunter hasteten. Dieser jemand schien es sehr eilig zu haben oder sehr sportlich zu sein, weil man deutlich hören konnte, wie er die letzten Stufen übersprang.

»Wann ziehngs ei? «, fragte die Frau, nachdem sie ihre Augen wieder auf Carina richtete.

»In den nächsten Tagen … ich muss …«

Da die Fragende offensichtlich nicht mehr zuhörte, sondern wieder auf die oberen Stufen schaute, verstummte Carina und folgte ihrem Blick. Schon sah sie einen schlanken Mann mit einem Motorradhelm in der Hand. Durch seinen Kapuzenpulli und der Sonnenbrille konnte Carina nicht viel von seinem Gesicht erkennen. Ein Kabel, welches verräterisch an seinem Hals baumelte, verriet, dass dieser wohl gerade Kopfhörer trug. Leise Bässe, die davon ausgingen, bestätigten den Verdacht. Die Alte stellte sich dem Herunterkommenden in den Weg, stemmte ihre Hände in die Hüfte und zeterte:»Horngs a moll zu junger Moo. Doo im Treppenhaus wert fei net graacht! Homs mi verstandn!«

Der Angesprochene reagierte nicht auf ihre Worte. Lässig huschte er an der Frau vorbei und stieß ihren Putzeimer um. Ein Schwall Wasser plätscherte die Stufen hinunter.

Geistesgegenwärtig konnte Carina dieser Fontäne gerade noch ausweichen - dennoch manövrierte sie sich dadurch direkt vor den Ausgang. Der ungehobelte Mann rempelte sie unsanft zur Seite und öffnete die Tür. Kurz senkte er seinen Kopf, sodass er über den Rand seiner Sonnenbrille sehen konnte. Sein Blick war so eigenartig, dass Carina erschauderte.

»Soo a Sauerei«, brüllte die Putze außer sich, ehe sie wie eine Furie nach dem Vermieter rief. Schon stapfte Herr Hartmann, der unten in der Wohnung scheinbar niemanden erreicht hatte, die Stufen hinauf. Carina beschloss, so unbeteiligt wie möglich zu bleiben. Mit schnellen Schritten verließ sie das Haus. Der Rempler saß bereits auf seiner Maschine und ließ sie einige Male aufheulen. Während Carina die Straße zur Bushaltestelle hinunter lief, raste das Motorrad lautstark an ihr vorbei. Hoffentlich waren nicht alle Bewohner des Hauses so unverschämt, dachte Carina entrüstet.

Die Prophezeiung

Nach einem guten Abendessen, welches Carina sofort bereute, da sie bei Hähnchen und Bratkartoffeln nie Nein sagen konnte, übernahm sie den Abwasch. Während das schäumende Wasser das Spülbecken füllte, erzählte sie ihrer Mutter von der neuen Wohnung. Der Vater saß unweit am Esstisch der kleinen urigen Küche und las gerade die Zeitung. Ohne Vorwarnung brüllte er plötzlich:»Du hast den Mietvertrag unterschrieben, ohne die Wohnung auf Schäden zu prüfen? Wie naiv bist du eigentlich?«

Carina schluckte. An so etwas hatte sie überhaupt nicht gedacht. Während sie noch immer mit offenem Mund ihren Vater anblickte, winkte dieser genervt ab und schaute wieder auf sein Tagesblatt. »Du hättest mir Bescheid sagen sollen. Ich hätte mir das genau angesehen. Auch mit der Ablöse hat er dich voll über den Tisch gezogen«, grummelte er leise, als würde er nicht zu ihr sprechen, sondern zu sich selbst.

Wieder überkam Carina dieses Gefühl, welches sie überwältigt hatte, als sie den Mietvertrag unterschrieb. Es war ein Fehler!

Carina widmete sich wieder dem Abwasch zu und versuchte die Tränen weg zublinzeln, die sich in ihren Augen sammelten.

»Wo sagtest du, wäre diese Wohnung?«, fragte Vater wie beiläufig. Carina wusste, dass es wieder auf einen Streit hinauslaufen würde. Der Verlierer, besser gesagt, die Verliererin stand jetzt schon fest. Also murmelte sie nur ein: »Ist doch egal!«

Sein Bierglas klirrte auf den Boden. Die Zeitung flatterte wie ein erschrockenes Huhn durch die Luft, als der Vater wie eine gespannte Feder aufsprang. Sein Kopf färbte sich knallrot. »Was?«

In Rage schimpfte er auf sie ein. Jetzt brach der Damm und sie konnte das Schluchzen kaum mehr zurückhalten. Mit Tränen in den Augen rannte sie in ihr Zimmer. Der Vater brüllte ihr hinterher, dass sie durch ihre Dummheit in die Schuldenfalle tappen würde. Aber nicht nur das. Derart verantwortungslos könnte sie auch ihre Eltern ruinieren.

Carina lag auf ihrem Bett und starrte auf die Zimmerdecke. Langsam hatte sie sich wieder beruhigt. Noch immer hörte sie ihren Vater schimpfen. Er hasste es, wenn man seinen selbstgefälligen Monologen nicht lauschen wollte. Die Stimme ihrer Mutter ertönte sanft auf dem Flur. Sicher versuchte sie wieder, ihren Mann zu beruhigen. So war sie. Eine sehr liebenswürdige Frau, die damit gut zurechtkam, einen cholerischen und rechthaberischen Mann zu lieben. So einen Kerl möchte ich niemals heiraten, dachte Carina. Es gab nie etwas, das man ihm recht machen konnte. Genau so war es aber auch mit Armin. Vor weniger als zwei Monaten hatte sie sich von ihrem Freund getrennt. Eine stürmische Beziehung, die sich sofort wandelte, kaum dass sie bei ihm eingezogen war. Armin meinte wohl, eine Freundin wäre so etwas wie eine Putzfrau. Nach der Arbeit war sie dauernd damit beschäftigt, seine schmutzige Wäsche aufzusammeln. Beim Putzen oder Abwaschen machte er auch nie einen Finger krumm. Damit hätte sie gut leben können. Doch sein respektloses Verhalten ihr gegenüber fand sie zunehmend unerträglicher. Gern stellte er sie als dumm hin und untermalte alles mit seinen Witzen über Blondinen. Ihr eh so schwaches Selbstbewusstsein litt sehr darunter und langsam glaubte sie wirklich, durch ihre Gene kognitiv benachteiligt zu sein. Vielleicht waren alle Männer so?

Dennoch hatte Vater recht. Etwas stimmte mit diesem Vertrag nicht. Schon vor Ort überkam ihr dieses Gefühl und noch immer lag es schwer in ihrem Magen, wie ein Stein. Unschlüssig griff Carina nach ihrem Handy und überlegte, Herrn Hartmann anzurufen, um den Mietvertrag zu canceln, falls dies überhaupt möglich wäre. Auf der einen Seite wünschte sie sich nichts sehnlicher, als eine eigene Wohnung. Raus aus dem bunten Kinderzimmer, in dem sie sich wie ein kleines Mädchen fühlte. Dazu diese Busverbindung, die ihr jede Selbstständigkeit raubte. Ihre Mutter musste sie jedes Mal abholen, wenn Carina Spätschicht hatte, weil kein Bus mehr fuhr. Morgens musste sie das Haus schon zwei Stunden vor Arbeitsbeginn verlassen, um rechtzeitig im Geschäft anzukommen. Das Klingeln ihres Handys riss sie aus ihren Gedanken. Zuverlässig wie immer meldete sich Claudia auf der anderen Seite der Leitung. Carina war erfreut, die Stimme ihrer besten Freundin zu hören. Wie ein Wasserfall sprudelte es aus ihr heraus und sie erzählte von der neuen Wohnung und ihren Bedenken. Claudia redete ihr gut zu. »Ach Carina, was soll denn da so falsch sein? Nur weil dein Vater das sagt? Der ist doch nur sauer, weil er nicht mitentscheiden durfte. Zudem bist du doch nicht alleine. Du hast doch uns - deine Freunde. Zerbrich dir also nicht den Kopf. Wenn du dir trotzdem unsicher bist, fahre ich dich morgen gern zu der Schlüsselübergabe.«

Nach dem Telefonat ging es Carina deutlich besser. Wieder und wieder ging sie im Kopf die Vor- und Nachteile der neuen Wohnung durch. Ihre Gedanken verfingen sich im Kreis und sie schlief ein.

Als sie aufwachte, war es schon dunkel draußen. Der Traum schwirrte noch in ihrem Kopf herum: Es war weit nach Sonnenuntergang, als Carina vor dem Supermarkt einen Obdachlosen beobachtete, der in den Abfallbehältern nach etwas Brauchbarem suchte. Obwohl es draußen kalt war, trug er nur eine dünne, mit Flecken übersäte Stoffjacke. Als der Suchende eine Pfandflasche entdeckte, stopfte er diese in eine ausgebeulte Plastiktüte. Plötzlich drehte sich die Person zu ihr um, und Carina erkannte, dass es nicht irgendein armer Schlucker war, sondern ihre Mutter. Mutter lächelte ihr zu und versuchte, die schmutzige Tragetasche hinter ihrem Rücken zu verstecken. Mit Schrecken erkannte Carina, dass ihre Mama keine Zähne mehr im Mund hatte. Ein brennendes Schuldgefühl drückte auf Carinas Bauch.

Was für ein blöder Traum, dachte sie und verscheuchte den Gedanken mit einem Kopfschütteln. Wie vereinbart, rief kurz vor Mitternacht Claudia erneut an. »Ich habe es mit Jul besprochen. Nächste Woche ist er auf einen Kongress und den Sonntag darauf hat er ein Spiel. Aber er könnte uns kommenden Sonntag helfen. Da würde er uns nicht nur seinen Wagen zur Verfügung stellen, sondern auch mit anpacken. Glaub mir, eine starke Hand könnten wir schon gebrauchen.«

»Das wäre ja schon in vier Tagen. Ich weiß nicht, ob ein Einzug am Sonntag so gut kommt. Die Leute dort scheinen mir etwas eigen und ich habe keine Lust, gleich von Anfang an, negativ aufzufallen.«

»Das ist ein vernünftiger Gedanke«, warf Claudia ein.

Obwohl Claudia noch recht jung war, arbeitete sie als Verwaltungschefin einer namhaften Firma. Diesen Umstand verdankte sie offensichtlich ihrem Geschick, alle Eventualitäten mit einzubeziehen und dennoch einen guten Plan zu schmieden. Es gab kein Problem, dem sie nicht gewachsen wäre.

»Dafür habe ich eine gute Idee. Wir kaufen uns diese Minikuchen von Alfons. Die stellen wir auf diese weißen Teller, die ich noch von meinem alten Kaffeeservice übrig habe. Das verpacken wir nett mit Cellophanpapier und Schleifchen und du verteilst es an die Mieter im Haus. So kannst du dich vorstellen und die Leute gleich auf den Umzug am Sonntag vorbereiten!«

Die Idee an sich war nicht schlecht, überlegte Carina. Doch ehe sie etwas entgegnen konnte, fragte Claudia: »Wie viele Wohnungen sind denn in diesem Haus?«

»Ich glaube, es waren acht. Aber nicht alle sind bewohnt!«, antwortete Carina nachdenklich.

Vielleicht war es plump, dass Claudia die Leute mit ihren Ideen überfiel und die Initiative ergriff, dachte Carina nach dem Telefonat. Wieder jemand, der ihr gern unter die Arme griff. Doch diesmal war Carina ihrer Freundin dankbar dafür.

Der Vermieter schien nicht erfreut, dass Carina eine Begleitung mitbrachte, besonders nicht bei einer, wie Claudia.

»Du erlaubst doch?«, fragte ihre Freundin und Carina wusste erst nicht, was sie meinte. Schon begann Claudia professionell mit der Wohnungsbesichtigung. Auf einem Block notierte sie alle Kratzer und Unebenheiten, die sie entdeckte. »An der Wohnzimmertür fehlt der Schlüssel. Über dem Waschbecken ist ein Sprung …«

Herr Hartmann war offensichtlich übelster Laune und brummte unverständliche Worte. Carina schämte sich zu Boden, aber im Endeffekt musste sie erkennen, dass Claudia eine ganze Seite an Mängeln gefunden hatte, die der Vermieter unterzeichnete. Sie bestand ebenso auf eine Quittung für die Kaution sowie auch eine für die Ablöse. »Hören Sie«, donnerte der Hausbesitzer. »Wenn Sie mir nicht vertrauen, dann hätten sie den Mietvertrag nicht unterschreiben sollen!«

Carina fühlte, wie ihr die Schamröte ins Gesicht stieg und am liebsten wäre sie in einem Loch im Boden verschwunden. Ehe sie antworten konnte, mischte sich Claudia wieder ein. »Selbstverständlich, doch muss doch auch alles seine Richtigkeit haben.« Sie schenkte den Worten ihr freundlichstes Zahnpastalächeln und auch der Vermieter schien dem nichts mehr entgegensetzen zu können.

So war das schon immer mit Claudia, erkannte Carina amüsiert. Ihre Freundin war allgemein das komplette Gegenteil von ihr. Groß gewachsen, dunkler Teint und die Figur eines Models. Doch am meisten unterschieden sie sich im Selbstbewusstsein. Während Carina sich nie traute, den Mund aufzumachen, wusste Claudia immer, wann und wie sie ihre Wünsche an den Mann bringen konnte.

Während Herr Hartmann nach dem Schlüssel für den Kellerraum suchte, den er beinahe vergessen hatte, klingelte es an der Tür. Fahrig wischte sich der Vermieter den Schweiß von der Stirn, ehe er den elektronischen Drücker betätigte. Eine sportliche Frau, sicher nicht viel älter als Carina selbst, kam die Treppe herunter. Auch sie war wie Claudia groß gewachsen und schien keine Scheu vor autoritären Personen zu haben.

Anstatt einer Begrüßung schnauzte sie:»Ich stehe schon seit gut einer halben Stunde da oben. Wollten Sie nicht schon um halb elf fertig sein?«

»Es hat sich etwas verzögert!«, knurrte Herr Hartmann und warf Claudia einen verärgerten Blick zu. Anschließend reichte er der Dame den Umschlag mit der Ablöse. Als ob auch sie nicht geneigt wäre, ihrem ehemaligen Vermieter zu trauen, überprüfte sie keck den Inhalt. »850 Euro? Ich wollte nur 750! Aber damit bin ich auch zufrieden!«

»Oh, das ist mein Fehler, dann habe ich Sie wohl falsch verstanden.« Verlegen nahm er Frau Mayer den Umschlag aus der Hand und reichte Carina einen grünen Schein zurück. Beinahe wütend riss er Carina die Quittung aus der Hand und korrigierte den Betrag. Dabei murmelte er etwas von je zwei Teppichen.

»Zieht ihr beide hier ein?« Der Blick der ehemaligen Mieterin wechselte von Claudia zu Carina.

»Nur ich!«, murmelte Carina noch immer schüchtern.

»Du? Na dann viel Spaß!«

Mit einer Grußgeste zu ihrem ehemaligen Vermieter verließ Frau Mayer, das verdutzte Trio.

Bevor der Hausbesitzer sich verabschiedete, führte er seine neue Mieterin noch durch die weiteren Räume im Kellergeschoss. Gleich neben ihrer Eingangstür führte ein Gang zu den Abstellräumen. Die meisten davon waren mit einfachen Holzlatten verschlossen. Der hinterste Kellerraum war der ihrige. Sie liefen wieder zurück zum Treppenhaus und durchschritten die nächste Metalltür. Hier befand sich an erster Stelle der Trockenraum. Ein undefinierbarer Geruch drängte sich Carina in die Nase. Ein winziges Fenster, knapp unterhalb der Zimmerdecke spendete kaum Licht. Der Öffnungsmechanismus, ein rostiger Hebel befand sich zu weit oben, sodass Carina das Fenster kaum ohne Hocker öffnen könnte. Quer durch den Raum spannte sich eine Wäscheleine, die offensichtlich auch für größere Personen angebracht worden war. Neben dem Trockner, auf welchem ein Schild mit der Aufschrift: "Defekt" klebte, lehnten zwei zusammengeklappte Wäscheständer.

In diesem Kellerabteil kamen noch weitere Verschläge, die ebenfalls nur mit Latten versperrt waren. Zuletzt öffnete Herr Hartmann eine massive Eisentür. Hier befand sich der Heizungsraum. Ein düsteres Gebäudeteil mit Apparaturen, die Carina nicht kannte. Verschiedene Rohre liefen an der Wand entlang. Das Flimmern der nackten Leuchtstoffröhre erinnerte sie an eine Folterkammer aus einem Horrorfilm. Die Luft in diesem fensterlosen Raum kam ihr vor, als bestünde sie aus giftigen Partikeln, die sich wie Staub auf ihrer Haut niederließen. Carina konnte hier einfach nicht atmen. Herr Hartmann erzählte ihr etwas von der Technik, doch Carina wollte nur wieder raus.

»Hier hinten haben Sie eigentlich auch nichts zu suchen. Diese Tür ist auch immer abgesperrt. Herr Helmut Müller unser Hausmeister und Herr Szabo, sein Stellvertreter haben jeweils einen Schlüssel hierfür, sollte es mal von Nöten sein!«, verdeutlichte der Hausbesitzer monoton. Auf dem Weg zurück ins Treppenhaus erklärte Herr Hartmann noch die Hausordnung und auch die Regelung für die Mülltonnen. Carina war erschlagen von der Flut an Informationen, dass sie froh war, als der Vermieter sich endlich verabschiedete. Sie trat mit ihrer Freundin in die neue Wohnung zurück.

»Was für ein Ekel!«, bekundete Claudia belustigt. »Ich bin mir sicher, er wollte die Hundert Euro in seine Tasche wirtschaften!«

»Das glaube ich auch!«, stimmte Carina ihrer Freundin zu.

»Ich dachte je hundert für die Teppiche!«, äffte Claudia ihn nach und beide mussten Lachen wie damals, als sie noch gemeinsam die Schulbank drückten.

Schon war Claudia wieder beim Wesentlichen. »Meine Süße, ich beglückwünsche dich zu deiner neuen Wohnung. Der Vermieter ist ein Arsch. Aber den brauchst du ja hoffentlich nicht oft zu sehen. Ich muss jetzt aber los. Dort in dem Korb sind die Kuchen für die Mieter und auch alles andere. Erzähl mir heute Abend, wie es gelaufen ist. Okay?«

Carina zögerte. »Danke. Ähm, soll ich jetzt wirklich bei jedem klingeln? Was mache ich, wenn sie genervt sind oder nicht da?« »Ach, mach dir doch nicht so viele Gedanken«, sagte Claudia tröstlich. »Niemand wird genervt sein und wenn doch, dann sind sie Idioten und du weißt gleich, wo du dran bist. So kannst du aber gleich die Leute kennenlernen und wegen Sonntag Bescheid geben. Wenn sie nicht da sind, stellst du den Kuchen vor die Tür und legst einen Zettel hin. Das klappt schon. Sei doch nicht so schüchtern!«

Das war leichter gesagt als getan. Carina blickte skeptisch auf sich herab. Mit ihrer Körpergröße von 158 cm, dem blonden Haar und den großen blauen Knopfaugen, wie ihre Mutter es immer so schön sagte, sah sie aus wie ein Kind. Niemand glaubte ihr, dass sie schon über zwanzig Jahre alt war. Bei Claudia hingegen war es anders. Sie strahlte Stärke und Selbstsicherheit aus.

Die Nachbarn

Carina saß an ihrem neuen Küchentisch und verpackte die winzigen Kuchen mit dem Cellophanpapier. Jedes verzierte sie mit einer kleinen Schleife und stellte sie auf die achteckigen zierlichen Teller, die Claudia ihr für diesen Zweck geschenkt hatte. Vorsichtig räumte sie die Köstlichkeiten in den Korb und legte neben einen kleinen Block noch einen Stift dazu. Carina trat ins Treppenhaus und zögerte. Ihre Finger waren so feucht vom Schweiß, dass sie den Korb kurz abstellte, um sich die Hände an der Hose abzuwischen. Ihr Atem ging schwer und ihre Zunge fühlte sich an, als würde sie sich zu Stein verwandeln. Etwas in ihr schrie, dass sie es lassen sollte. Warum fällt mir das jetzt so schwer, fragte sie sich. Carina atmete noch einmal tief durch und gab sich einen Ruck.

Zuerst klingelte sie bei ihren Nachbarn. Niemand hörte. »Das fängt ja schon gut an«, brummte sie schwermütig. Vielleicht war es doch keine gute Idee. Sie nahm sich vor, es bei der nächsten Wohnung zu probieren. Sollte sie da auch keinen Erfolg erzielen, würde sie die Sache einfach abbrechen. Sie wandte sich gerade zum Gehen, als sich die Tür doch öffnete. Ein verrunzeltes Gesicht schaute fragend heraus.

»Guten Tag …«, stotterte Carina. »Ich ziehe hier nebenan ein und wollte mich kurz vorstellen!«

»Oh das ist aber lieb von Ihnen. Kommen Sie doch rein!«

»Eigentlich wollte ich nur ...«

Die Oma winkte Carina herein. »…die Sache schnell hinter mich bringen!«, flüsterte Carina den Rest ihres Satzes. Sie musste sich wohl der Prozedur stellen. Also kam sie der Einladung nach.

Die Wohnung der Alten war im Prinzip aufgebaut wie die von Carina, nur eben spiegelverkehrt. Doch irgendwie wirkte alles viel düsterer. Carina lief zuerst am Schlafzimmer vorbei, welches nun auf der rechten Seite lag. Ein Blick durch die offene Tür zeigte ein großes Bett und einen wuchtigen Kleiderschrank, der eine ganze Wandseite einnahm. Alles aus Großmutters Zeiten. Es roch auch so und der muffige Geruch steigerte sich, je weiter sie den Flur entlang schritt. Das Wohnzimmer, an dem sie vorbei kam, wirkte ebenso zugestellt. Neben einem klobigen Ohrensessel gab es noch einen alten Röhrenfernseher und ein mit Kissen bedecktes, moosgrünes Sofa. Die dicken Vorhänge schienen das wenige Licht komplett aufzusaugen. Die Oma führte Carina in die Küche. Schon machte sie sich daran, Kaffee zu kochen. Zeitgleich stellte sie auch zwei Teller auf den Tisch. Hilflos stand Carina da, alles in ihr sträubte sich, sich jetzt zu der alten Dame zu setzen. Aber war es nicht genau das, was ihr Missionsziel sein sollte, die Nachbarschaft kennenlernen? Also gab sie sich einen Ruck und nahm Platz. Da sie heute Morgen nichts gefrühstückt hatte, merkte sie, dass die Idee von dieser Dame, doch nicht so verkehrt war. Eine schwarze Katze streifte Carina um die Beine. »Das ist Mohrle und ich bin übrigens Kunigunde. Aber Sie dürfen gern Gunda zu mir sagen. Wie ist denn Ihr Name, hübsches Kind?«, plauderte die Alte los.

Wie Carina es befürchtet hatte, dauerte es über eine Stunde, ehe sie sich weiter auf dem Weg machen konnte. Als sie sich verabschiedete, wirkte die Dame sehr enttäuscht. Ein schlechtes Gewissen legte sich auf Carinas Brust. So versprach sie Gunda, nach ihrem Einzug gern mal auf einen Kaffee vorbeizukommen.

Carina hatte noch einige Mieter vor sich. Wenn alle so gesprächig wären, würde sich das Vorstellen den ganzen Tag hinziehen.

Auf der rechten Seite im Erdgeschoss öffnete Frau Müller, die Gattin des Hausmeisters und wohl auch die Dauerputze vom Haus, die Tür. Wie schon am Tag davor trug sie einen Arbeitskittel. Dankbar nahm sie den Kuchen an und auch hier konnte Carina nur schwer dem Gespräch entfliehen. Frau Müller entpuppte sich als sehr wissensdurstig, besonders wenn es um die Nachbarschaft ging. Sie hatte über jeden etwas zu erzählen. Somit bekam Carina eher unfreiwillig eine Vorschau darüber, was sie noch alles erwarten würde. Frau Müller riet ihr ab, bei dem jungen Mann ganz oben zu klingeln. Sie nannte ihn einen unberechenbaren Psychopathen, mit dem sie hier schon viel Ärger hatten. »Die Poliza war wecha dem a schon einigs Moi doa. Körperverletzung, Sachbeschädigung und all so a Zaich halt!«

Da Carina ihn am Vortag auch schon zu Gesicht bekommen hatte, konnte sie sich das gut vorstellen. Es war ein Segen, dass etwas auf dem Herd der Familie Müller überkochte. Sonst hätte Carina wohl den ganzen Tag vor der Tür verbringen müssen. Nach dem die Frau des Hausmeisters in ihrer Wohnung verschwunden war, klingelte Carina gegenüber. Eine zierliche Frau, Anfang dreißig öffnete. Zwei Kinder klammerten sich an sie und rissen Carina förmlich den Kuchen aus der Hand. Carina gelang es nur schwer sich bekanntzumachen und ihr Anliegen zu übermitteln, da die beiden Jungen so lärmten. Die Frau, die sich als Petra vorgestellt hatte, dankte ihr und verschwand mit ihren weniger gut erzogenen Söhnen wieder in der Wohnung.

Carina stieg weiter nach oben und klingelte an der nächsten Tür. Selbst hier konnte sie die Mutter mit ihren Kindern noch schimpfen hören. Niemand war zuhause. Wie Claudia ihr geraten hatte, stellte Carina der Familie eines der Küchlein vor die Tür. In Schönschrift schrieb sie ihr Anliegen auf einen Zettel und legte diesen dazu.

Gegenüber öffnete sich wieder die Tür. Eine Frau mit blondiertem Haar schaute sie streng an. Nachdem Carina auch hier ihr Anliegen und den Kuchen überreicht hatte, stellte die andere sich vor. Daniela war ihr Name. Verheiratet mit Richard und Mutter von fünf, schon fast erwachsenen Kindern. Wobei sie tröstend darauf hinwies, dass nur noch zwei davon im Haus wohnten. Auch diese weit über Vierzigjährige wusste einiges zu berichten. Berufsbedingt war Carina eine gute Zuhörerin, dennoch fühlte sie sich von der Prozedur schon richtig ermattet. Gerade als sie sich von dem Gespräch lösen wollte, um weiter ihre Kuchen zu verteilen, deutete Daniela mit dem Finger nach oben. »Zu dem da im Obergeschoss würde ich nicht gehen! Mit dem will hier niemand im Haus etwas zu tun haben. Das ist ein ganz Kaputter. Drogen, Alkohol und er hat auch schon einige Hausbewohner angegriffen. Leider kann der Hartmann den nicht rausschmeißen, weil der Typ die Wohnung damals gekauft hat. Jetzt denkt er, er ist etwas Besseres als wir und er kann sich alles erlauben. Läuft sogar mit der Zigarette durch das Treppenhaus. Wenn man ihn anspricht, ignoriert er einen. Einmal hat Frau Müller, die Frau des Hausmeisters, ihren Schlüssel versehentlich in den Müllkübel geworfen. Als sie dann den Abfall zwangsläufig durchsuchen musste, hat sie darin Spritzen gefunden!«

Carina schüttelte sich angewidert. Warum musste ausgerechnet so einer hier wohnen? Aber sicher gehörte ein ungenießbarer Nachbar in jedes Mehrfamilienhaus.

Nachdem sie sich verabschiedet hatten, stand Carina unentschlossen im Treppenhaus. So weit sie wusste, gab es oben nur noch eine leerstehende Wohnung und die des Typen, den sie meiden sollte. Wenn es der Rempler war, konnte Carina den Rat der Hausbewohner gut nachvollziehen. Also beschloss sie, den Kuchen ihm nur vor die Tür zu stellen. Beinahe schleichend trat sie die Stufen hinauf. Sie fühlte sich wie eine Diebin, die fürchtete, jeden Moment ertappt zu werden. Ein Knarzen in seiner Wohnung ließ sie aufschrecken. Hoffentlich würde er nicht ausgerechnet jetzt aus seiner Bude kommen. Als sie die letzten Stufen erklommen hatte, bemerkte sie, dass die Wohnungstür anders aussah, als bei den übrigen Mietern hier im Haus. Statt einfache Dekor-Buche empfing sie hier eine massive, dunkelblaue Tür mit Messing-Garnitur. Er ließ es wohl wirklich heraushängen, dass er sich für etwas Besseres hielt, dachte Carina pikiert.

Selbst der Klingelknopf machte einen hochwertigeren Eindruck.

Eilig holte sie den Zettel und den Stift raus und schrieb ebenfalls ihr Anliegen darauf. Anschließend stellte sie den Kuchen und die Nachricht neben seine Türmatte. Schon lief sie wieder hinunter in ihre Wohnung. Die Mission war geschafft.

Der Umzug

Sonntag früh um acht Uhr ging es mit dem geplanten Umzug los. Sabine, eine gute Freundin, die in der gleichen Mall arbeitete, war als Erste da. Sie begrüßte Carina mit einer festen Umarmung und gratulierte ihr zur neuen Wohnung. Kurz danach trafen auch schon Claudia und ihr Mann Julian ein. Carina war froh, dass ihr Vater heute bei einer Vereinsversammlung war und somit nicht auch noch mit seiner Besserwisserei die Stimmung drücken würde. Mutter hingegen war von dem Besuch so begeistert, dass sie Carina und ihre drei Freunde zum Frühstück einlud. Julian lehnte dankend ab. »Es wird noch ein langer Tag und eine Pause haben wir uns wirklich noch nicht verdient!«

Doch hatte der junge Mann die Rechnung nicht mit Livia gemacht. »Ich habe extra für euch eine Kanne Kaffee aufgebrüht und die Hörnchen aufgebacken. Du würdest mich beleidigen, wenn du das jetzt ablehnst. Außerdem sollten die Mädchen doch gestärkt ans Werk gehen, oder meinst du nicht?« Die Strenge aus ihrem Gesicht wich und mit einem schelmischen Grinsen zeigte sie, dass es nicht so ernst gemeint war. Dennoch gab Julian nach. Im Stehen trank er seinen Kaffee und schlang das Butterhörnchen mit wenigen Bissen herunter. »So jetzt aber auf, Mädels«, kommandierte er und schon ging es los.

Zuerst luden sie die Sachen ein, die Carina gestern mit ihrer Mutter eingekauft hatte. Carina freute sich schon darauf, diese auszupacken und in ihrer neuen Wohnung aufzustellen. Noch immer war es für sie wie ein Traum. »Sag mal«, raunzte Jul sie an, »Hättet ihr das nicht gestern gleich in die neue Wohnung bringen können?«

Betroffen schaute Carina zu Boden. »Wir waren spät dran und …« Sie brach ab, denn Jul schien nicht wirklich auf eine Antwort zu warten. Allgemein schien er heute einfach schlecht gelaunt. Nachdem alles Zerbrechliche in Sabines Fiesta und die großen Sachen in dem Transporter untergebracht waren, ging es weiter. Jul fuhr mit Carina zur Wohnung ihres Exfreundes. Auch dort hatte Carina noch einige Sachen stehen. Sabine und Claudia würden zwischenzeitlich die Gegenstände aus ihrem Fahrzeug in Carinas neue Bleibe bringen.

Während der Fahrt sagte Jul kein Wort und so blickte Carina auch nur aus dem Fenster. Obwohl Armin von ihrem Kommen informiert war, mussten sie ihn erst aus dem Schlaf klingeln, ehe er sie in die Wohnung ließ. Carina musterte ihren Verflossenen. Wie immer, wenn er nicht zur Uni musste, trug er eine Jogginghose und ein Schlabber-Shirt. Sein beleidigter Blick erinnerte an ein Kind im Supermarkt, das seinen Kopf nicht durchsetzen konnte. Wenn ihn das Alleinsein etwas verändert hatte, war es ihm nicht anzusehen. Zuerst wollte er eine Show abziehen. Provozierend verlangte er von Carina eine Teilzahlung wegen der Miete. Doch Jul schnitt ihm das Wort ab. Jeder wusste, dass Armin bei seinen Eltern nichts für die Miete zahlen musste. So verzog sich Armin beleidigt vor die Spielkonsole. Carina holte eine Kiste mit Kleidung, die noch immer im Schlafzimmer auf demselben Fleck stand. Sie blies die feine Staubschicht weg, die sich darauf gebildet hatte. Als sie die Kiste hochhob, hinterließ diese einen Abdruck auf dem hellbraunen Teppich. Dieser typische Geruch in der Wohnung, wenn sich das Holz der Dachschräge in der Morgensonne aufheizte, flutete ihren Geist mit vielen Erinnerungen. Sie dachte an die romantischen Bäder mit Rosenblättern und Duftölen. Doch diese Überraschungen waren genauso schnell verschwunden wie das gemeinsame Sonntagsfrühstück oder das liebevoll hergerichtete Abendessen. Carina kam der Moment in den Sinn, als sie für den nächsten Tag Freunde eingeladen hatte. Den Abend davor verbrachte sie mit Aufräumen und Putzen. Doch als sie am nächsten Tag nach der Arbeit nach Hause kam, sah man nichts mehr von ihrer Reinigungsaktion.

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