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Wenn dich die Hoffnung küsst

1. KAPITEL

April Ross war von Natur aus nah am Wasser gebaut und hatte daher beim Fernsehen immer ein Taschentuch parat, falls ein kitschiger Kaffeewerbespot sie plötzlich zu überwältigen drohte. Zugegeben, die letzten Wochen waren eine einzige emotionale Achterbahnfahrt von Wiederbegegnungen, Renovierungsarbeiten und wichtigen Lebensentscheidungen gewesen. Aber – April zog ein Taschentuch aus der einzigen echten Designerhandtasche, die sie je besessen hatte, und putzte sich die Nase – beim Anblick von Pflanzen in Tränen auszubrechen?

Mehr als erbärmlich.

Zumal sie diejenige war, die gesagt hatte: „Was ist schon dabei? Man geht in eine Gärtnerei, sucht ein paar Bäume aus, engagiert zwei Typen, die sie einbuddeln – und fertig.“

Kein Wunder, dass ihre beiden Cousinen nur wortlos die Augen verdreht hatten.

April hüllte sich wegen des kalten, von der Bucht kommenden Windes tiefer in ihren dicken Cardigan und marschierte an einem Haufen Kürbissen vorbei auf den graubärtigen Mann hinter der Kasse zu, der bei ihrem Anblick lachen musste.

„Da scheint ja jemand ein bisschen überfordert zu sein“, sagte er in jenem entspannten Dialekt der Küste Marylands, der bei April immer Erinnerungen an die Sommer ihrer Kindheit wachrief. „Und halb erfroren. Jetzt stellen Sie sich erst mal unter den Heizstrahler – nur zu, ich warte so lange –, bis Sie mir sagen, womit ich Ihnen helfen kann. Ich habe so ziemlich alles im Kopf, was wir auf Lager haben.“

April schossen schon wieder die Tränen in die Augen – erstens, weil dieser Mann so freundlich war, und zweitens wegen der herrlichen Wärme, die aus dem Heizstrahler drang. Dankbar zog sie ihre Handschuhe aus, um sich die Hände zu wärmen. „Ich muss drei Morgen Dreck und Bauschutt in einen Garten verwandeln. Und zwar bis Mitte Dezember, wenn meine ersten Gäste ankommen.“

Der Mann hob die Augenbrauen. „Sind Sie etwa die Kleine, die das Rinehart-Haus sanieren lässt?“

„Stimmt genau.“ April schob sich das windzerzauste Haar hinter ein Ohr und hielt dem Mann ihre inzwischen etwas wärmer gewordene rechte Hand hin. „April Ross.“

„Sam Howell. Ist mir ein Vergnügen, junge Dame.“ Sam schüttelte ihr die Hand und verschränkte die Arme über seiner karierten Wolljacke. „Drei Morgen Land, sagen Sie?“

Sie wurden von dem Quietschen eines Kindes unterbrochen. Breit grinsend kam Sam hinter dem Tresen hervor und fing ein kleines dunkellockiges Mädchen auf, das wie der Blitz auf ihn zuschoss. Es hatte rosige Wangen und trug eine leuchtend blaue Strumpfhose und eine rote Steppjacke. Wie niedlich!

„Daddy sagt, ich darf mir einen Kürbis für Halloween aussuchen!“, erklärte das Mädchen und hob stolz einen mit einem glitzernden Sneaker bedeckten Fuß. „Und ich habe neue Schuhe! Siehst du?“

„Das sind ja hübsche Schuhe, Miss Lili. Hat dein Dad sie für dich ausgesucht?“

„Nein.“ Die Kleine schüttelte heftig den Kopf. „Hab’ ich ganz allein getan. Mommy werden sie bestimmt gefallen, oder?“

„Oh. Klar, da bin ich mir sicher …“

Lili schenkte April ein Babyzahn-Lächeln und bewunderte weiter ihre Schuhe. „Daddy sagt, das sind Prinzessinnen-Schuhe.“

April lachte. „Das sind sie auf jeden Fall“, sagte sie. Als sie hinter sich ein tiefes Lachen hörte, drehte sie sich um. Ihr stockte der Atem, als sie einen groß gewachsenen, breitschultrigen Mann sah, dessen Gesicht zum Teil von einer albernen Mütze mit Ohrenschützern bedeckt war. Er nahm seine Tochter auf den Arm und tat so, als wolle er sie in die Schultern beißen.

Die Kleine kicherte.

Aprils Herz machte einen Satz.

Verdammt, verdammt, verdammt!

Unwillkürlich griff sie nach ihren Eheringen und drehte nervös daran herum. Okay, sie könnte sie allmählich mal abnehmen. Aber irgendwie gaben sie ihr ein … sicheres Gefühl. So, als würde der liebenswürdigste und großzügigste Mann, den sie jemals kennengelernt hatte, noch immer auf sie aufpassen.

„Miss Ross“, sagte Sam, nachdem der fremde Mann die Hände des kleinen Mädchens von seinem Hals gelöst und es zu Boden gesetzt hatte, „das ist Patrick Shaughnessy. Und diese junge Dame“, fuhr er fort und zwinkerte April verschmitzt zu, „braucht Sie dringend.“

War ihr eben noch kalt gewesen? Ihr wurde ganz heiß vor Verlegenheit. Entgeistert starrte sie Sam an, der ihr Unbehagen zu genießen schien. „Die Shaughnessys sind die besten Garten- und Landschaftsarchitekten des Staates.“

„Des Staates?“ Patrick wandte April das Gesicht nur weit genug zu, dass sie seine Augen sehen konnte, die noch blauer als ihre waren. Wie Laserstrahlen leuchteten sie aus einem Gesicht hervor, das größtenteils von der Mütze verdeckt war. Augen, die sich verdunkelten, als er ihrem Blick begegnete. „Eher der ganzen Ostküste.“

Nach kurzem Zögern reichte er ihr seine behandschuhte Rechte und schob sie wieder in die Tasche seiner nicht ganz sauberen Baumwolljacke. Sofort wandte er wieder den Blick von April ab, anscheinend, um seine Tochter im Auge zu behalten, die die Kürbisse so kritisch beäugte wie ein anspruchsvoller Kunde die Autos eines Gebrauchtwagenhändlers. „Ich nehme an, Sie brauchen Hilfe mit Ihrem Garten?“

Tief Luft holen. „Ich dachte erst, es würde genügen, einfach ein paar Bäume zu kaufen und jemanden zu engagieren, der sie einpflanzt. Bis ich hier ankam und mir einfiel, dass ich noch nicht mal eine Packung Kresse am Leben erhalten kann.“

Seine Mundwinkel zuckten. „Und? Wie groß ist Ihr Grundstück?“

„Drei Morgen ungefähr.“ Eine eisige Brise verdrängte die Wärme des Heizstrahlers. Fröstelnd hüllte April sich tiefer in ihre Jacke. Sie war bisher noch nie im Herbst in St. Mary’s gewesen und hatte daher keine Ahnung gehabt, wie brutal die nasse Kälte sein konnte. „Ich verwandle das Haus meiner Großmutter in ein Hotel zurück, daher sollte der Garten halbwegs präsentabel aussehen.“

Weiteres Mundwinkelzucken. „Das Rinehart-Haus?“

„Ja. Woher wissen Sie …“

„Kleinstadt.“

Es nervte sie allmählich, dass der Typ ständig den Blick abwandte. Zumal Sam sich bereits zu dem Mädchen gesellt hatte, um ihr beim Aussuchen eines Kürbisses zu helfen.

Patrick verschränkte die Arme vor der Brust. „Haben Sie ein Budget?“

„Nicht wirklich.“

Als er endlich ihrem Blick begegnete, wurde ihr schon wieder ganz heiß … und zwar überall. Wie absolut unpassend.

„Was wollen Sie denn ausgeben?“, fragte er, die Aufmerksamkeit wieder auf seine Tochter richtend. „Ein paar Hundert? Ein paar Tausend?“

„Sorry, ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung. Obwohl … Geld ist kein Problem.“

April hatte sich immer noch nicht von dem Schock erholt, dass Clayton ihr ein Vermögen hinterlassen hatte. Sie hatte sich das Testament drei Mal vorlesen lassen, um sicherzugehen, sich nicht verhört zu haben. Claytons Begleitbrief hatte sie jedoch allein gelesen.

Ja, es gehört alles dir. Du kannst damit machen, was du willst. Wie du siehst, habe ich mein Versprechen gehalten …

„Und trotzdem wollten Sie das Projekt allein durchführen?“, fragte Patrick.

April lachte. „Ich glaube, ich habe einfach nicht richtig darüber nachgedacht. Wie dem auch sei, ich bin fast immer zu Hause, also … Könnten Sie vielleicht diese Woche noch vorbeikommen und sich das Grundstück ansehen?“

„Ich werde mal einen Blick in meinen Terminkalender werfen. Aber grundsätzlich dürfte das kein Problem sein.“

„Super.“ April legte ihre Sonnenbrille und ihre Handschuhe auf den Tresen, um ihre Handtasche nach einer Visitenkarte zu durchsuchen. Sie reichte ihm eine und nahm seine entgegen.

„Daddy! Ich habe einen gefunden!“

„Ich komme gleich, Liebes!“ Er nickte April zum Abschied kurz zu und ging davon.

Komischer Kauz, dachte sie, hängte sich ihre Tasche um und ging zu ihrem Lexus zurück, einem Modell, von dessen Besitz sie vor fünf Jahren noch nicht mal zu träumen gewagt hatte. Kaum saß sie hinterm Steuer, fiel ihr auf, dass sie ihre Sonnenbrille auf dem Tresen vergessen hatte. Typisch!

Kopfschüttelnd ging sie zurück in das Gartencenter. Als sie ihre Sonnenbrille und ihre Handschuhe vom Tresen nahm, hörte sie wieder Lilis unwiderstehliches Kichern und ging neugierig zu den Kürbissen. Verstohlen beobachtete sie, wie Patrick abwechselnd auf zwei der größten Kürbisse zeigte. „Den hier. Nein, den hier“, sagte er zu seiner kleinen Tochter. „Nein, den hier. Obwohl, wenn ich so darüber nachdenke …“

Gott sei Dank stand er gerade mit dem Rücken zu ihr, sodass sie die rührende Szene unbemerkt verfolgen konnte. Patrick hatte seine alberne Mütze abgesetzt, und April konnte sein fast militärisch kurz geschnittenes dunkles Haar sehen.

In diesem Augenblick drehte er sich abrupt zu ihr um. Sein Lächeln erstarb bei ihrem Anblick. Herausfordernd sah er sie an …

… und zwar aus einem Gesicht, dessen rechte Hälfte komplett vernarbt und verfärbt war.

Erschrocken drehte April sich um und stolperte tief beschämt aus dem Gewächshaus. Draußen musste sie sich erst mal gegen ihr Auto lehnen, um ihre aufkommende Übelkeit zu unterdrücken. Dabei war ihr nicht wegen Patricks Aussehen schlecht, sondern weil …

Was hatte sie getan?

Ihre Augen brannten von der Kälte und Tränen. Am liebsten wäre sie jetzt einfach ins Auto gestiegen und mindestens bis nach Uruguay gefahren, doch das war ausgeschlossen. Und das nicht nur deshalb, weil sie keinen Ausweis dabei hatte. Sie holte tief Luft, griff wieder nach ihrer Handtasche und ging mit wackligen Knien zurück ins Gartencenter. Denn wer seine Fehler nicht wiedergutmachte, war dazu verdammt, sie zu wiederholen. Oder so ähnlich.

Sam lachte wieder bei ihrem Anblick. „Na? Was haben Sie diesmal vergessen?“

„Meinen gesunden Menschenverstand offensichtlich“, murmelte April und reckte den Hals. „Ist Patrick noch da?“

„Gerade gegangen“, erklärte Sam. „Sein Wagen stand hinten“, fügte er hinzu, als sie ihn bestürzt ansah. „Brauchen Sie noch etwas?“

Ja. Den Namen eines anderen Landschaftsarchitekten.

Doch da April keine Lust hatte, Erklärungen abgeben zu müssen, die sie nicht geben wollte oder konnte, schüttelte sie nur den Kopf und ging durch den kalten Wind zu ihrem Wagen zurück. Und dabei kam sie sich erbärmlich vor.

Das war ja zu erwarten gewesen, dachte Patrick mit jener seltsamen Mischung aus Ärger und Resignation, mit der er meistens auf derartige Situationen reagierte. Womit er allerdings nicht gerechnet hatte, war seine körperliche Reaktion auf die zierliche Rotblonde. Eine Reaktion, die ihm zwar gegen den Strich ging, aber alles andere als etwas Resigniertes gehabt hatte.

Er verzog die Lippen zu einem humorlosen Lächeln. Anscheinend war er doch noch nicht tot. Oder zumindest seine Libido nicht. Stattdessen war er ein Idiot. Denn so, wie die Frau vor ihm zurückgeschreckt war, beruhte die Anziehungskraft nämlich nicht gerade auf Gegenseitigkeit. Und selbst wenn – die dicken Klunker an ihrem linken Ringfinger waren abschreckend genug.

Sollte er ihren Auftrag selbst übernehmen oder an seinen Vater oder einen seiner Brüder weitergeben? Er konnte weiß Gott gut auf die Versuchung verzichten. Oder auf die Frustration. Aber auf der anderen Seite konnte er sich die Gelegenheit, sie ein bisschen zu provozieren, nicht entgehen lassen, oder? Was soll’s, dass er hässlich wie die Nacht war. Die Welt war voller solcher Typen. Die hübschen kleinen April Rosses dieser Welt mussten eben damit leben.

An der großen Kreuzung in der neuen Siedlung südlich von St. Mary’s Cove dehnte Patrick die Finger seiner rechten Hand, deren Muskeln nach vier Jahren Physiotherapie und zahlreichen Operationen endlich halbwegs funktionierten. Wenigstens hatte er die Hand noch …

„Daddy?“

Und seine kleine Tochter hatte noch ihren Vater, wenn auch einen, der zusammengeflickt war wie Frankensteins Monster. Patrick bekam einen Kloß im Hals, als er seinen ganzen Lebensinhalt im Rückspiegel sah. Nicht, dass er den zahlreichen Ärzten, Therapeuten und Psychologen, die ihn zusammengeflickt hatten, nicht dankbar war. Immer wenn er vor Schmerz hatte sterben wollen, war ihm wieder eingefallen, dass seine kleine Tochter ihn brauchte – im Gegensatz zu ihrer Mutter – und dass er irgendwoher die Kraft nehmen musste, den Tag zu überstehen. Und den nächsten. Und dann noch einen …

„Können wir dem Kürbis heute ein Gesicht schnitzen?“

Patrick warf seiner Tochter einen weiteren Blick im Rückspiegel zu, wobei er wie immer seinem eigenen Spiegelbild auswich. „Noch nicht“, antwortete er. „Wenn wir das jetzt schon machen, ist der Kürbis Halloween ganz matschig.“

„Wann ist Halloween?“

„Noch fünf Mal schlafen.“ Er lächelte ihr zu. Für sie war er einfach ihr Daddy, ganz egal, wie er aussah. Entscheidend war nur, was er tat. Und seit dem Auszug ihrer Mutter hatte er ihr ständig versichert, dass er sie nie verlassen würde. „Hältst du bis dahin durch?“

„Ich glaube schon“, antwortete Lili mit einem dramatischen Seufzen, das ihn nur allzu sehr an Natalie erinnerte. Unwillkürlich musste er wieder daran denken, wie seine Exfrau ihn angesehen hatte, als er endlich nach Hause gekommen war. Ihre Ehe war kurz darauf vorbei gewesen. Das hatte Patrick jedoch weitaus weniger überrascht als die Tatsache, dass Nat ihm das volle Sorgerecht für ihre Tochter übertragen hatte. Die Nachricht hatte ihm einen regelrechten Schock versetzt.

„Wo fahren wir hin?“

„Zurück zu Grandma.“

Das Schweigen vom Rücksitz war kein gutes Zeichen. Patrick beschloss, dem Protest seiner Tochter zuvorzukommen. „Sorry, Schatz, aber ich muss zurück zur Arbeit.“

Einer der vielen Vorteile bei sechs fast um die Ecke wohnenden Geschwistern bestand darin, dass sich immer jemand bereit erklärte, sich um Lili zu kümmern. Patricks Mutter und seine älteste Schwester Frannie, eine Hausfrau mit vier Kindern, rissen sich geradezu um das Privileg. Seine Tochter war daher alles andere als vernachlässigt. Aber in den letzten Monaten wurde sie immer anhänglicher, wenn Patrick weg musste. Zumal die seltenen Besuche seiner Exfrau sie eher verwirrten, als dass sie ihr Sicherheit gaben.

Er bog in die Einfahrt des großen zweistöckigen Hauses seiner Eltern ein. Kate O’Hearn Shaughnessy empfing ihn in ihrem üblichen aus Leggings, Wollpullover und Fleece-Stiefeln bestehenden Outfit und drückte ihre Enkeltochter erfreut an sich.

„Geh zu Poppa“, sagte sie zu Lili und fuhr ihr mit einer Hand durch die dunklen Locken. „Er ist in der Küche.“ Sie richtete den Blick auf Patrick. „Ich habe Gemüsesuppe gemacht. Möchtest du auch welche?“

„Gern.“ Patrick folgte ihr den langen Flur entlang in die Küche, wobei er unwillkürlich die Schultern einzog, um nicht eines der Familienfotos von den Wänden zu reißen. Wie viele der Häuser in St. Mary’s Cove war sein Elternhaus zu einer Zeit gebaut worden, als die Menschen kleiner und die Bedürfnisse geringer waren. Dass seine Eltern hier sieben Kinder großgezogen hatten, war verblüffend. Aber sie hatten nie das Verlangen gehabt, sich etwas Größeres oder Besseres zuzulegen, und diese genügsame Einstellung hatten sie an ihre Kinder weitergegeben.

Lilianna hatte sich bereits auf den Hochstuhl gesetzt, der schon seit Jahren am Küchentisch stand, und schlürfte die Gemüsesuppe, die sie bei Patrick nie und nimmer anrühren würde.

Patrick setzte sich neben sie an den abgeschabten Holztisch. Sonnenlicht strömte in den gemütlichen, makellos sauberen Raum. Er zog Aprils Visitenkarte aus seiner Hemdtasche und reichte sie seinem Vater. „Wir haben einen neuen Job.“

„Ach ja?“ Joe kniff die Augen zusammen, um die Karte besser lesen zu können. Offensichtlich wurde es mal wieder Zeit für eine neue Brille. „Bei wem denn?“

„Beim alten Rinehart-Haus.“

Patricks Vater hob den Blick. „Hat das etwa jemand gekauft?“

„Eine der Enkeltöchter macht wieder ein Hotel daraus. Sam hat uns vorhin miteinander bekannt gemacht.“

Stirnrunzelnd reichte Joe die Karte zurück. „Amelia Rinehart soll das Haus total verkommen lassen haben. Ich wundere mich, dass die Mädchen es nicht einfach abgerissen …“

„Wir hatten dort unseren Hochzeitsempfang“, unterbrach ihn seine Frau und stellte eine Schüssel Suppe vor Patrick, bevor sie sich zu ihrer Familie an den Tisch gesellte. „In der Glanzzeit des Hotels.“

„Und unserer“, fügte Pop lachend hinzu.

Patrick runzelte die Stirn. „Echt?“

„Wirf doch mal einen Blick auf die Hochzeitsfotos, wenn du rausgehst. Das Haus war schon lange im Besitz der Familie von Amelias Mann, bevor sie es nach dem Zweiten Weltkrieg in ein Hotel umbauten. Nach seinem Tod hat Amelia die Zimmer nicht mehr vermietet. Bis auf ihre drei Enkeltöchter, die jeden Sommer …“

„Darf ich aufstehen?“, fragte Lili.

Ma beugte sich vor, um ihrer Enkelin das suppenverschmierte Gesicht abzuwischen. „Die alte Frau war ein schräger Vogel, anders kann man das nicht nennen. Man erzählt sich, dass sie kaum ein Wort mit ihren drei Töchtern gesprochen hat, noch nicht mal mit der, die hier in St. Mary’s geblieben ist. Aber ihre Enkeltöchter hat sie anscheinend geliebt. Auf ihre Art zumindest.“ Ma lehnte sich zurück und zog die Augenbrauen zusammen. „Du bist doch mit einer von ihnen zur Schule gegangen, oder?“

„Ja, Melanie.“ Patrick schob sich einen Löffel mit Kartoffeln und Möhren in den Mund. „Eine Zeit lang wenigstens. Aber sie und ihre Mutter sind noch vor den Abschlussprüfungen weggezogen.“

„Glaubst du, dem Mädchen ist es ernst?“, schaltete Patricks Vater sich ein. Er hatte offensichtlich die Nase voll von Small Talk.

„Warum nicht?“

„Weil ihr ziemlich schnell das Geld ausgehen könnte.“

„Ich glaube, das dürfte kein Problem sein. Sie hat angedeutet, genug Geld zu haben. Hättest du diese Woche Zeit?“

„Ich? Wofür brauchst du mich?“

Patrick hatte eine Menge dazugelernt, seit er vor fast einem Jahr in die Firma zurückgekehrt war, fühlte sich aber immer noch als Neuling. „Es sieht nach einem großen Auftrag aus. Ich kann gern die Entwürfe machen, aber du bist der Experte, wenn es um Zeitpläne und Kostenvoranschläge geht. Außerdem vertrauen die Menschen dir …“

„Das ist doch Unsinn!“

„Was? Dass die Menschen dir vertrauen?“

Patricks Vater sah ihn scharf an. „Nein.“

„Ich will dich ja nur mit einbeziehen“, erklärte Patrick, den Blick auf seine Suppe gesenkt.

„Dafür gibt es Handys.“

„Ich weiß noch, wie hübsch die Mädchen waren“, sagte Patricks Mutter versonnen und stand auf, um Liliannas Schüssel abzuräumen. „Sieht die junge Frau gut aus?“

„Kate!“, sagte Joe genervt.

„Was ist? Ich unterhalte mich doch nur. Und du bist derjenige, der den Jungen dazu drängt, alles allein zu machen!“

Patrick hörte gar nicht hin. Seine Eltern drängten ihn immer dazu, sich eine Frau zu suchen, die ihn so liebte, wie er war. Schade nur, dass er nicht die Absicht hatte, ihren gut gemeinten Rat zu befolgen. Er war in seinem Leben schon mehr als genug Risiken eingegangen und hatte immer wieder dafür büßen müssen. Nein, danke. Erst seit er sich und allen anderen nicht mehr krampfhaft beweisen wollte, dass sich nichts geändert hatte, ging es ihm wieder besser.

Die Tatsache, endlich zu akzeptieren, dass sein Leben nie wieder so sein würde wie früher, hatte ihm inneren Frieden gegeben und ihn von seinen Schuldgefühlen, seinem Selbstmitleid und seinen ihn Nacht für Nacht plagenden Albträumen befreit. Als er zum ersten Mal durchgeschlafen hatte, hatte er vor Dankbarkeit geweint. Er würde alles tun, um sich diesen Seelenfrieden zu erhalten. Nicht um seinetwillen, sondern vor allem wegen seiner Tochter, die zumindest ein Elternteil verdiente, der für sie da war.

Sie brauchte einen Vater, der sich mit den Gegebenheiten abfand, anstatt darüber nachzugrübeln, was hätte sein können.

Oder sein konnte …

Patricks Handy klingelte. Er zog es aus seiner Hemdtasche und runzelte beim Anblick der unbekannten Nummer auf dem Display die Stirn. „Patrick Shaughnessy“, meldete er sich.

„Mr Shaughnessy, hier ist April Ross.“

Sein Herz machte einen Satz, als er ihren lieblichen Südstaatendialekt hörte, der ausgeprägter war als in seiner Erinnerung. Da er seine Eltern nicht mithören lassen wollte, stand er auf und ging in den Flur hinaus. „Ms Ross. Was kann ich für Sie tun?“

„Würde Ihnen morgen früh passen, sich mein Grundstück anzusehen? Es ist schon Ende Oktober, da sollten wir vielleicht so schnell wie möglich anfangen, finden Sie nicht?“

Sie sagte das so, als sei sie vorhin nicht wie ein verängstigtes Kaninchen vor ihm davongerannt. Interessant.

„Ja, morgen passt gut. So gegen neun?“

„Ausgezeichnet. Wir sehen uns.“

Wir.

Patrick steckte das Handy zurück und ging in das vollgestellte Wohnzimmer seiner Eltern, wo Lili vor dem Kamin saß und eine einseitige Unterhaltung mit ein paar alten Puppen führte. Bei seinem Anblick lächelte sie so vertrauensvoll zu ihm auf, dass sein Herz sich schmerzlich zusammenzog. Wie er dieses Kind liebte!

Nur für sie zwang er sich, wieder zu lächeln. Er bemühte sich, die guten Dinge des Lebens zu schätzen und nicht über das nachzugrübeln, was schiefgegangen war. Er wollte ein gutes Vorbild für sie sein, so wie seine Eltern für ihn. Er hockte sich neben sie und nahm ihr Gesichtchen in die Hände. „Ich muss los, Schätzchen. Gibst du mir einen Kuss?“

Lili stand auf und schlang die Arme um seinen Hals.

„Sei schön lieb zu deiner Grandma, okay?“

Sie nickte. „’kay.“

Patrick verabschiedete sich von seinen Eltern und ging nach draußen zu seinem Wagen. Der kalte Wind blies schmerzhaft gegen seine Narben. Die Aussicht, April Ross wiederzusehen, machte ihn ganz nervös – ein Gefühl, das er schon sehr, sehr lange nicht mehr gehabt hatte. Aber nach der Hölle, die er durchgemacht hatte, war das sein geringstes Problem. Zumal das Ganze sowieso zu nichts führen würde. Schließlich war sie verheiratet.

Gott sei Dank.

„Das hattest du vor fünf Minuten noch nicht an.“

April warf ihrer Cousine Melanie einen gereizten Blick zu und stellte die Kaffeemaschine in ihrer neuen Küche an. Die alte Maschine war so unzeitgemäß gewesen, dass man sie unter Denkmalschutz stellen lassen könnte, wenn sie nicht so hässlich gewesen wäre. Die jetzige hingegen war der Traum eines jeden Kochs.

Es gab jede Menge Arbeitsflächen, Schränke, einen Doppelofen, eine große Kücheninsel mit Edelstahlfläche und einen Großküchenherd mit sechs Flammen … in Rosa. Für Mel. Die jetzt, wo ihre große Liebe sie nach zehnjähriger Abwesenheit nach St. Mary’s zurückgebracht hatte, zugestimmt hatte – nach hartnäckigem Drängen Aprils – im Inn ihre fantastischen Kochkünste einzusetzen.

„Mir war kalt“, rechtfertigte April sich. „Deshalb habe ich einen dickeren Pullover angezogen.“

„Und eine neue Jeans. Und das Haarband …“

„Halt die Klappe!“

„Außerdem ist das heute Morgen schon deine vierte Tasse Kaffee“, fügte Mel grinsend hinzu. Ihre graugrünen Augen unter dem dunklen Pony glitzerten durchtrieben. „Mit dem ganzen Koffein intus wirst du dich wie ein Erdhörnchen auf Speed anhören. Obwohl mir der dunkle Rotton an dir gefällt.“

Ihre andere Cousine Blythe, die als Inneneinrichterin in Washington D. C. arbeitete und für ein paar Tage gekommen war, um die Umbauten zu überwachen, betrat gähnend die Küche. Groß, blond und unglaublich schick gekleidet, sah sie April stirnrunzelnd an. „Hast du zum Frühstück nicht etwas anderes angehabt?“

Melanie biss herzhaft in eines ihrer selbst gebackenen Zimtbrötchen. „Ich kann mich noch an Patrick Shaughnessy erinnern. Der Typ ist den Garderobenwechsel eindeutig wert.“

April nahm ihren fertigen Kaffee und drehte sich zu der großen altmodischen Schuluhr um, die Blythe in einem Antiquitätenladen aufgestöbert hatte. Noch zehn Minuten. Seufzend lehnte sie sich gegen die Arbeitsplatte. Es wurde allmählich Zeit, ein paar Details nachzuliefern, die sie bei ihrer ersten Ankündigung von Patricks Besuch nicht erwähnt ...

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