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Wenn der Todesengel naht...

1. KAPITEL

Im Gemeindehaus von St. Michael herrschte ein höllisches Durcheinander.

Von der offenen Tür aus konnte Dan alles überblicken. Ein Dutzend Leute liefen hektisch durch den Raum, hoben Bücher auf, fegten Glasscherben zusammen, wischten verschüttete Marmelade und zerbröselte Kekse weg und stellten umgekippte Tische auf.

An die Wände waren mit scharlachroter Farbe Schimpfwörter gesprayt, bei denen selbst Dan das Gesicht verzog. Ein untersetzter Mann in Jeans, schwarzem Hemd und dem weißen Kragen eines Pfarrers überstrich die Graffitis beige.

Dan drückte sich die Brille fester auf die Nase und wollte gehen.

„He!“ Jemand hielt ihn am Ärmel fest. „Dich können wir brauchen. Du bist schön groß.“ Vor Dan stand eine Bohnenstange von Mann in einem grünen Anzug. Sein breites Grinsen reichte fast bis zu den spitzen Ohren, die aus struppigem knallrotem Haar herausragten. In der Hand hielt er einen Hammer.

„Lass mich raten. Bist du ein Kobold?“, fragte Dan. Die Ohren waren natürlich nicht echt. Die Haarfarbe wahrscheinlich auch nicht.

„Großartig, oder?“ Der dünne Mann – Dan schätzte ihn auf Anfang zwanzig, etwa so alt wie er selbst – führte ein wildes Tänzchen auf, dass seine falschen Ohren wackelten. „Ich verkaufe Talismane aus Kräutern, Glücksperlen, Glücksklee, solche Sachen. Zumindest wollte ich das. Und nun diese Bescherung!“ Er deutete mit ausladender Geste auf das Chaos, was mit dem Hammer nicht ungefährlich war.

„Ist hier ein Tornado durchgefegt?“

„Vandalen“, grummelte der Mann, bevor er Dan den Hammer in die Hand drückte. „Der Verkauf fängt in drei Stunden an, wir brauchen Hilfe. Komm mal mit.“

Dan zuckte mit den Schultern und folgte ihm. Draußen balancierte ein zierliches Mädchen auf einem Stuhl, um ein Transparent über der Tür zu befestigen. Dan übernahm ihren Platz, ließ sich von dem Kobold Nägel anreichen und befestigte eine Seite des Transparents. Danach rückte er den Stuhl weiter und nagelte die andere Seite fest.

In einer keltisch anmutenden Schrift stand dort: Suppenküche der Gemeinde St. Michael – Fantasy-Markt mit Kunsthandwerk – 16. August, 18–21 Uhr.

Dan stieg vom Stuhl und gab den Hammer zurück. „Ich suche Connor Kelly. Er soll hier irgendwo sein.“

„Du hast ihn schon gefunden!“ Eilig huschte der Mann in den Gemeindesaal und zog den Stuhl hinter sich her.

„Du?“ Dan lief ihm nach. „Warte mal! Ich brauche ein Zimmer in Uninähe. Man sagte mir, dir gehört ein großes Haus.“

„Ich habe ein wunderbares Haus, aber es ist voll. Vor einer Woche habe ich die letzten Zimmer vermietet.“ Er grinste, als er Dans enttäuschten Gesichtsausdruck sah. „Keine Panik, ich weiß zufällig, dass es eine Straße weiter noch eine leere Wohnung gibt.“ Er zog eine Visitenkarte aus der Tasche und schrieb etwas auf die Rückseite. „Hier. Sag ihnen, dass Conn dich schickt.“

Dan las die hingekritzelte Adresse und drehte die Karte um. Auf der Vorderseite prangten eine Blumenbordüre und die Worte Kellys Kräuterküche. Heilkräuter, Nahrungsergänzungsmittel, Amulette. „Amulette?“

„Ich habe einen Laden in der Dundas Street. Tja, was nun …“ Conn ließ den Blick durch den Saal schweifen.

„Ich räume das Papier weg“, warf Dan schnell ein. Er befürchtete, den ganzen Tag hier verbringen zu müssen, wenn Conn ihn erst mal richtig in die Finger bekam.

Eine Ecke des Gemeindesaals war mit Papier und Pappe übersät, zerrissen, zerknüllt und zum Teil mit roter Farbe beschmiert. Auf allen vieren sammelte Dan die Fetzen zusammen.

Als er sah, womit die Blätter bemalt waren, schnaubte er. Engel, ausgerechnet! Einige waren mit Kohle gezeichnet, andere mit Pastellfarben gemalt, wieder andere mit Bleistift oder Tinte. Albernes, sentimentales Zeug! Wer zum Teufel würde auch nur einen Cent für … Plötzlich hielt Dan inne.

Eine der Tuschezeichnungen zeigte einen Engel, der Pilze pflückte. Wie erwartet hatte der Engel ein klassisch schönes Gesicht, Flügel und ein langes Gewand. Dazu trug er allerdings modische Gummistiefel mit Paisleymuster, an einem Arm hing ein passender Einkaufsbeutel. Und was Dan hatte stutzen lassen: In einer Hand hielt der Engel einen …

Dan nahm die Brille ab und hielt sich die Zeichnung dicht vor die Augen. Dieses Detail war beinahe fotorealistisch getroffen. Es bestand kein Zweifel, der Engel hatte ein hübsches Exemplar eines Ganoderma applanatum gepflückt. Im Gras zu seinen Füßen waren noch weitere Pilze zu sehen.

Aufmerksam betrachtete Dan die Zeichnungen mit Engeln, Pilzen, Wildblumen, Gräsern und Libellen – die Motive waren detailliert und ausgesprochen schön gezeichnet. Alle Bilder waren in einer sauberen grazilen Schrift mit T. Tremaine unterschrieben.

Als Dan einen langen Tisch erreichte, bückte er sich, um weitere Blätter einzusammeln. Plötzlich erblickte er tatsächlich einen Engel, eine weibliche Ausgabe, die bäuchlings unter dem Tisch lag und sich auf die Ellbogen stützte.

Sie trug eine Jeans und ein T-Shirt, und aus ihren Schultern ragten weiße flauschige Schwingen. Dans Herz schlug höher, aber dann entdeckte er die Gummibänder an den Flügeln. Als ihm aufging, wie dämlich er sie anstarrte, riss er sich zusammen.

Sie war doch kein Engel. Eigentlich hatte sie eher etwas von einer übellaunigen Katze. Ihr weißes T-Shirt war verdreckt, die Jeans staubig, und ihr dichtes dunkles Haar stand wirr ab. Sie sah aus, als sei sie rückwärts durch eine Hecke gekrochen.

Aus der Nähe konnte Dan erkennen, wie ihre haselnussbraunen Augen vor Zorn funkelten.

Vor ihr lag ein Stapel zerknitterter Blätter. „Danke“, murmelte sie und riss Dan das eingesammelte Papier aus der Hand. Das Blatt mit dem Ganoderma holte er sich zurück.

„Warte, das gefällt mir. Ich würde es gerne kaufen.“

„Das ist nicht zu verkaufen.“ Wütend wischte sie sich Tränen von den Wangen.

Dan krabbelte unter den Tisch. Als er sich aufsetzte, schlug er sich den Kopf an der Tischplatte. Fluchend stützte er sich auf einen Ellbogen. Mit einer Kopfbewegung deutete er auf den unordentlichen Papierstapel. „Die Bilder sind von dir, oder? Du musst T. Tremaine sein.“

„Stimmt. Und wenn ich den erwische, der das gemacht hat …!“ Sie ballte die Faust. „Ich habe wochenlang an den Bildern gearbeitet. Sieh dir das mal an.“

Sie zeigte ihm ein farbenfrohes, mit Pastellkreide gemaltes Bild, auf dem ein Mann mit einer Geige Einrad fuhr. Es war in der Mitte durchgerissen.

„Ich habe eine ganze Serie gemalt, zwölf Bilder von Menschen auf der Straße. Sie kommen richtig gut an und hätten der Suppenküche eine schöne Stange Geld gebracht. Und jetzt …“ Sie warf das zerrissene Bild auf den Stapel.

„Das hier würde ich immer noch gerne kaufen.“ Dan wedelte mit dem Bild des Engels mit den Pilzen.

„Es ist kaputt. Das verkaufe ich nicht.“ Als sie eine Hand danach ausstreckte, hielt er das Bild außer Reichweite.

„Es ist nur zerknittert. Also, wie viel?“, fragte Dan.

„Hör mal“, sagte sie angespannt. „Es geht nicht nur um den Schaden, verstehst du das nicht? Es wurde …“ Sie holte tief Luft. „Beschmutzt.“

Er verstand es wirklich nicht ganz, aber als er ihren Blick sah, gab er ihr das Bild lieber zurück. Ihre Wut schien zu verrauchen. „Wie wäre es damit – ich male dir das gleiche Bild noch mal oder sogar besser. Ein original Tremaine! Für zehn Dollar für die Suppenküche. Das heißt, falls du es ernst meinst und mich nicht nur anbaggern wolltest.“

Er grinste. „Ich meine es ernst. Aber ich muss schon wissen, was ich da kaufe. Wer ist die Künstlerin? Wofür steht das T?“

Als sie zu einer Antwort ansetzte, hob er eine Hand. „Nein, verrate es mir nicht. Lass mich raten. Thelma?“ Lächelnd schüttelte sie den Kopf. „Trixie? Nein? Tallulah? Warte, ich hab’s. Tuscarora!“

Sie lachte. „Tansy!“

„Tansy!“, jubelte er.

Ihr Lächeln verblasste. „Was ist daran so witzig?“

„Tansy ist ein anderer Name für Tanacetum vulgare, den Rainfarn. Du bist ein Unkraut.“ Wieder lachte er.

Im ersten Moment war sie sprachlos. Dann fing sie an zu kichern.

„Bist du Gartenbauprofessor oder was?“ Sie wischte sich wieder Tränen aus den Augen, dieses Mal vom Lachen. „Nein, dazu bist du zu jung. Student, richtig?“

„Stimmt. Dan Crookshank. Freut mich, dich kennenzulernen.“ Sie schüttelten sich förmlich die Hand. „Ich arbeite an meinem Master, aber nicht in Gartenbau. Ich habe mich auf Fungi spezialisiert.“

„Also auf Pilze.“

„Genau. Meinen Bachelor habe ich in Vancouver gemacht, jetzt bin ich gerade an die Uni hier gewechselt. Und du?“ Er hob eine der Zeichnungen hoch. „Da in der Ecke wächst Leindotter. Man sieht, dass du dich auskennst. Studierst du Botanik?“

„Nein, Kunst. Ich habe gerade das zweite Jahr abgeschlossen. Wissenschaftler sind nicht die Einzigen, die sich Dinge genau ansehen.“

„Künstler offenbar auch“, stimmte er ihr zu.

„Natürlich. Und jetzt …“ Sie warf einen Blick auf ihre Uhr. „Ups, schon halb vier durch. Ich sollte mich lieber beeilen. Der Basar fängt um sechs an.“

„Heißt das, er soll immer noch stattfinden? Was könntest du jetzt noch machen?“

„Keine Zeit mehr! Muss los!“ Rasch kroch sie unter dem Tisch hervor und schob den Papierstapel weiter. Sie schnappte sich einen Pappkarton und stopfte die Blätter hinein. Dan suchte einen zweiten Karton und half ihr. „Danke!“ Tansy schob sich den Gurt einer schweren Ledertasche über eine Schulter neben einen fluffigen Flügel, stellte die Kartons aufeinander und wollte sie aufheben.

Dan war schneller. „Wohin soll das?“

„Zu mir nach Hause. Ein paar Sachen kann ich noch retten.“

„Wo geht’s lang?“, fragte Dan.

2. KAPITEL

In der sanften Spätsommersonne zeigte sich die leicht schmuddelige Valency Road von ihrer besten Seite. Die alten Häuser waren vor hundert Jahren für große wohlhabende Familien errichtet worden, jetzt wurden dort kleinere Wohnungen oder möblierte Zimmer vermietet. Obwohl die Fassaden etwas abgeblättert waren, wirkten die Gebäude immer noch würdevoll.

Tansy musterte Dan Crookshanks Gesicht. Nicht leicht zu zeichnen, dachte sie. Kräftig, unsymmetrisch. Interessante Schatten. „Hast du dich in letzter Zeit oft geprügelt?“, fragte sie neugierig.

„In letzter Zeit nicht.“

„Die Narbe über deinem Wangenknochen sieht aus, als wärst du mal mit einem Schwert verletzt worden.“

„Es war ein Messer.“

„Cool! Woher hast du sie?“

Er lachte. „Ich war elf. In Vancouver kann es ganz schön rau zugehen.“

„Offensichtlich. Hast du gewonnen?“

„Ich habe mich gut geschlagen. Zumindest wurde ich danach nicht mehr gemobbt.“

„Abgesehen von der Brille siehst du nicht unbedingt wie ein typischer Masterstudent aus. Ach, da sind wir.“ Vor dem Haus mit der Nummer 21 blieb sie stehen.

„Hier wohnst du? Das ist Connor Kellys Haus.“ Er klang etwas verschnupft.

„Stimmt damit irgendwas nicht?“

„Nein, aber wenn ich eine Woche früher gekommen wäre, hätte ich mit dir im gleichen Haus wohnen können.“

Er wirkte so enttäuscht, dass sie lachen musste.

Nummer 21 war ein großes rotes Backsteinhaus mit weißen Säulen auf der Veranda, die ein reich verziertes Gesims trugen. An einer Ecke ragte ein Türmchen mit kegelförmigem Dach hervor. An der Seite befanden sich Spaliere mit scharlachroten Rosen.

Nachdem sie die schwere Eingangstür passiert hatten, standen sie in einem weiß gestrichenen Vorraum. Hinter einer Tür zur Linken lag Conn Kellys Erdgeschosswohnung, rechts führte eine Treppe in den Keller. Geradeaus ging es unter einem Bogen hindurch zur Treppe, auf deren Stufen ein Juteläufer lag.

„Jetzt schaffe ich es allein“, sagte Tansy und wollte die Kartons nehmen.

Dan hielt sie fest. „Ich bringe sie dir noch zur Tür.“ Er ging die ersten Stufen hinauf.

„Du hast mir echt sehr geholfen“, sagte Tansy, als sie den Absatz im zweiten Stock erreichten. „Danke noch mal. Ich …“

„Tansy!“, schallte es laut die Treppe hinauf. Die Stimme gehörte Conn Kelly, der ebenfalls einen Karton unter dem Arm trug. „Ich habe noch mehr Zeug von dir gefunden. Auch zerrissen.“

Leise fluchend kramte Tansy ihren Schlüssel hervor und schloss die Tür auf. Ihre Wohnung war unordentlich und lichtdurchflutet. Die Einrichtung wirkte bunt zusammengewürfelt – hier ein teuer aussehender Kristalllüster, dort eine Papierlampe.

Nur die Mitbewohnerin Ellen Slate passte nicht hinein, wie Dan fand. Sie wirkte kühl und zurückhaltend. Die große schlanke Frau hatte einen langen blonden Zopf, eine sanfte Stimme und ernste graue Augen. Wie Tansy erzählte, machte sie an der Fachhochschule eine Ausbildung zur Physiotherapeutin. Sie hatte kräftige Hände, war sehr fit und so grazil gebaut wie eine Turnerin.

Tansy winkte Dan hinüber zum Sofa. „Dahinter kannst du die Kisten abstellen. Danke!“

„Post für dich.“ Mit einem Nicken deutete Ellen auf den Sofatisch.

Tansy musterte den quadratischen weißen Umschlag und riss ihn nach kurzem Zögern auf. Darin steckte eine Doppelkarte mit leerer Vorderseite. Tansy schlug sie auf und verzog das Gesicht. „Seht mal“, sagte sie mit brüchiger Stimme. „Wie nett.“ Sie warf die Karte auf das Sofa.

Ellen sog scharf Luft ein. „Nicht noch eine!“

Als Conn die Karte aufhob, sah Dan ihm über die Schulter. Auf der Innenseite war ein schlichter Engel zu sehen, wie man ihn in Malbüchern für Kinder findet. Nur die Hände waren ausgemalt – in Knallrot. Die Karte enthielt weder eine Nachricht noch eine Unterschrift.

„Ähm …“ Dan entging die angespannte Stimmung im Zimmer nicht. Doch was war der Grund dafür? Die Karte wirkte doch harmlos.

„Ein neues Meisterwerk von unserem Freund, dem Geist.“ Conn hielt das Bild hoch, als wollte er es bewundern.

„Der Geist?“, wiederholte Dan verständnislos.

Tansy warf die Hände hoch. „Ach, das ist nichts.“

„Das ist nicht nichts“, widersprach Ellen ruhig. „Tansy hat einen Stalker. Wir haben es der Polizei erzählt, aber sie kann ihn nicht schnappen. Wir können ihn nicht mal filmen.“

„Deshalb bin ich auf den Namen Geist gekommen“, erzählte Tansy leichthin. „Es ist, als würde er sich in Nebel verwandeln und verwehen.“ Sie wedelte mit den Fingern.

„Was hat er gemacht?“, fragte Dan.

„Nichts“, setzte Tansy an, aber Ellen fiel ihr ins Wort. „Er hat ihr unheimliche Geschenke geschickt.“

Tansy wirkte genervt. „Nur Karten und Bilder. Selbst gemacht, glaube ich. Er hat sie in den Briefkasten geworfen, unter der Tür durchgeschoben …“

„Immer Engel“, ergänzte Conn.

„Engel?“, fragte Dan verwundert. Obwohl er Tansy kaum kannte und nicht wusste, ob er sie je wiedersehen würde, fand er das beunruhigend. „Wie die Bilder, die zerrissen im Gemeindesaal lagen?“

„Zerrissen?“ Ellen wurde blass.

„Das hättest du auch für dich behalten können“, entgegnete Tansy verärgert. „Jetzt macht Ellen sich Sorgen. Du hast doch bestimmt was zu tun.“ Sie öffnete die Wohnungstür und machte ihm ein Zeichen, dass er gehen sollte. Als er sich verabschiedete, knallte sie ihm die Tür vor der Nase zu.

Tansy wäre es am liebsten gewesen, wenn sich niemand über den verwüsteten Gemeindesaal aufgeregt hätte. Doch der Vandalismus war eine ernste Sache für die Gemeinde St. Michael, das wollte sie gar nicht herunterspielen. Aber wenn sie nicht mehr daran denken müsste, dass jemand ihre Bilder mit roter Farbe beschmiert hatte, die wie Blut aussah, würde sie heute Nacht mit etwas Glück sogar schlafen können.

„Ruiniert“, flüsterte Ellen. „Jedes Einzelne. Sieh dir das an.“ Zitternd hielt sie ein zerrissenes Blatt hoch. Es zeigte Pfarrer Greg, der unter einem gotischen Bogen stand. „Wie schrecklich!“

„Nicht nur meine Sachen sind zerstört worden“, wandte Tansy ein.

„Aber die Engel haben das meiste abbekommen, und das beweist meine Theorie.“ Conn hatte seine Stimme zu einem bedrohlichen Zischen gesenkt. „Der Geist ist ein Satanist!“

„Ach, Conn!“, erwiderte Tansy beschwichtigend. Allerdings kannte er sich gut mit solchen Themen aus. Durch Conn war Tansy überhaupt auf Engel gekommen. Er hatte richtig eingeschätzt, wie beliebt sie sein würden, und sogar vorgeschlagen, wo sie ihre Arbeiten verkaufen konnte. Ihre Grußkarten mit Engeln liefen ziemlich gut in zwei Geschenkeläden in der Innenstadt und besserten ihre Haushaltskasse auf.

Conn deutete auf die zerrissenen Blätter, die Ellen auf dem Wohnzimmerboden durchsah. „Wie schrecklich. Du hast so viel Arbeit in die Bilder gesteckt.“

„Sei nicht zu traurig. Ich habe ja noch mein Skizzenbuch.“

Ellen blickte auf. „Die Originale sind also in Sicherheit?“

„Ja. Nach dem Skizzenbuch kann ich neue Straßenbilder zeichnen.“ Als sie mit den Schultern zuckte, merkte sie, dass sie immer noch die albernen Flügel trug, und zog sie aus. „Aber ich glaube nicht, dass ich noch mal Engel male. Von denen habe ich genug.“

In den nächsten zwei Stunden rettete Tansy, was sie konnte, und packte ein halbes Dutzend Grußkarten mit Engeln dazu. Und der Basar wurde trotz allem ein Erfolg. Der Vandalismus hatte sich herumgesprochen und brachte ihnen viele mitfühlende Besucher. Sie verkaufte alle Bilder.

Kurz vor Mitternacht lag Tansy auf dem Sofa, ihr Skizzenbuch auf den Knien. Zum Schlafen war sie zu unruhig. Sie musste erst mal runterkommen, und dabei half es ihr immer, Papier und Stifte in den Händen zu spüren.

Sie war beinahe eingenickt, als sie plötzlich wach wurde und blinzelnd auf das Gesicht starrte, das auf dem Papier Form annahm. Sie zog die Augenbrauen hoch. Dan Crookshank! Und genau, wie sie gedacht hatte, waren seine schroffen Züge nicht einfach zu zeichnen. Konzentriert arbeitete sie weiter. Zehn Minuten später legte sie den Stift weg.

Ihr gefiel, was sie sah. Es war ein ehrliches Gesicht. Der Mund vermittelte einen Eindruck von Stärke, aber auch von Dickköpfigkeit. Aus den braunen Augen hinter den Brillengläsern sprühten Intelligenz und Humor. Es war interessant, dieses Gesicht zu zeichnen, und vielleicht wäre es interessant, den Mann kennenzulernen.

Wahrscheinlich würde sich die Gelegenheit nicht ergeben. Allerdings hatte Tansy ihm ein Bild versprochen … Sie tippte sich mit dem Stift gegen die Lippen, dann schüttelte sie den Kopf. Die Übergabe sollte sie lieber schnell und unpersönlich über die Bühne bringen. Dem ersten Eindruck nach hatte er aufdringlich und übertrieben selbstsicher gewirkt. Eine solche Person konnte sie in ihrem Leben nicht gebrauchen.

Sie setzte sich auf und griff nach ihrer Umhängetasche mit den Zeichenutensilien. Mitten in der Bewegung hielt sie inne. Ihr sträubten sich die Nackenhaare.

Langsam wandte sie den Kopf Richtung Fenster, wo sich zwischen den offenen Gardinen Dunkelheit abzeichnete. Da draußen waren Augen. Jemand beobachtete sie.

Erst saß sie nur reglos da, dann vertrieb Wut ihre Angst. Sie sprang auf und lief zum Fenster. „Ich mache mich doch nicht wegen jeder Kleinigkeit verrückt, nur weil so ein blöder …“

Vor dem Fenster bewegte sich eine Silhouette, die im nächsten Moment verschwunden war.

Tansy hielt den Atem an und schaute aufmerksam in den dunklen Garten. Unter den Bäumen bewegte sich etwas. Im Licht der Straße erkannte sie einen Umhang, dann einen Zweiten, die beide um die Hausecke verschwanden. Erleichtert seufzte sie.

Nur Pireski und Kearns bei einem kleinen Mitternachtsspaziergang. Ein komisches Pärchen! dachte sie.

Als sie gerade die Vorhänge zuziehen wollte, sah sie, dass etwas außen am Fenster klebte. „Nicht schon wieder!“ Sie überlegte zuerst, es einfach zu ignorieren. Doch dann schob sie das Fenster hoch, griff herum und löste das Ding von der Scheibe. Ihr Herz hämmerte, als sie es betrachtete.

Ellen kam im Morgenmantel herein. „Noch wach? Was ist das?“

„Rate mal.“ Tansy streckte es ihr entgegen. Es war wieder ein klassischer Engel, ausgeschnitten aus einem Malbuch und auf festes Papier geklebt. Aber bei diesem Bild hatte jemand das Gesicht sorgfältig entfernt und durch einen grinsenden Totenschädel ersetzt.

Tansy riss es in Fetzen. „Langsam wird es wirklich nervig!“

„Was … was sollen wir machen?“, fragte Ellen ängstlich.

„Machen? Aufpassen. Mehr können wir nicht tun.“ Sie legte Ellen einen Arm um die Schultern und drückte sie kurz. „Keine Sorge, irgendwann erwischen wir diesen Spinner!“

3. KAPITEL

Dan sah die Sachen in seinem Einkaufskorb durch. Hammer, Schraubenzieher, Haken, Bilderdraht. Er hatte sich in seiner neuen Wohnung schon einen Platz für Tansys Engelzeichnung ausgesucht. Normalerweise machte er sich nichts aus Dekoration, ihm reichte es, wenn die Wohnung sauber war. Aber dieses Bild sollte einen Ehrenplatz bekommen.

Als er den Ladenbesitzer suchte, wanderte sein Blick durch die geöffnete Eingangstür. Tansy! Als hätte er nur an sie denken müssen, um sie herzuzaubern. Sie saß vor dem Eingang neben einem hohen Stapel Zementsäcke auf einem kleinen Klapphocker und zeichnete.

Dan beobachtete, wie sie immer wieder zur anderen Straßenseite schaute. Mit dünner Zeichenkohle fing sie die Szene vor dem Lebensmittelladen gegenüber ein, wo eine hutzelige alte Frau mit Kopftuch dem hünenhaften Verkäufer wütend mit einer Kartoffel unter der Nase herumwedelte. Fasziniert ging Dan einen Schritt näher. Die Zeichenkohle flog nur so über das Papier und ließ das Bild lebendig werden.

Es war sehr warm, und Tansy hatte ihr dunkles Haar zusammengebunden und zu einem Knoten aufgesteckt. Ein paar kleine Strähnen hatten sich gelöst und kräuselten sich schweißfeucht auf ihrem Nacken. Hübsch, dachte Dan, dieser Schwung vom Hals zu den Schultern …

Er riss sich zusammen und wollte Tansy gerade begrüßen, als ihm im Augenwinkel eine Bewegung auffiel. Hatten sich die Zementsäcke verschoben? Tatsächlich, der Stapel neigte sich schon. Gleich würde er kippen.

Auf dem obersten Sack sah Dan eine Hand, aber nur ganz kurz, denn er ließ sofort seinen Einkaufskorb fallen, rannte zur Tür, packte Tansy unter den Achseln und riss sie zurück.

Sie fielen zu Boden. Erschrocken sah Tansy ihn an. Bevor Dan die Sache erklären konnte, stand der Ladenbesitzer schon fluchend vor den umgestürzten Säcken. Einer war aufgeplatzt, und das graue Zementpulver lag verstreut auf dem Gehweg.

Dan rappelte sich auf und half Tansy auf die Beine. „Alles in Ordnung?“

Sie nickte, aber sie war blass und hatte die dunklen Augen weit aufgerissen.

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