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Wenn der Tod mit süßen Armen dich umfängt

C. J. Lyons

Wenn der Tod mit
süßen Armen dich umfängt

Roman

 

Ins Deutsche übertragen von
Dorothea Kallfass

 

Über dieses Buch

Eine junge Studentin verschwindet von einem Kreuzfahrtschiff, und FBI-Agentin Caitlyn Tierney erhält Order von oberster Stelle, die Tochter eines Großunternehmers so schnell wie möglich wiederzufinden. Bei der Befragung ihrer Mitreisenden stellt sich jedoch heraus, dass Maria Alvarado das Schiff in Guatemala freiwillig verlassen hat, um sich einer Expedition zu einem bisher unentdeckten Mayatempel anzuschließen. Maria ist es als Erste gelungen, die genaue Position des Tempels zu bestimmen. Damit ist sie die Einzige, die den Weg zu dem wertvollen Schatz kennt, der vermutlich in seinen Mauern verborgen liegt. Caitlyn ahnt, dass nicht nur die Forscher großes Interesse an dem Maya-Gold haben könnten, und stößt bei ihren Ermittlungen tatsächlich bald auf Ungereimtheiten. Ein Anruf bei der Universität bestätigt ihren Verdacht: Weder das Forschungsteam noch die Expedition in Guatemala existieren. Maria wurde unter einem Vorwand in das Land gelockt und schwebt in großer Gefahr. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt, der Caitlyn tief in das dunkle Herz des Dschungels treibt – und was sie dort entdeckt, ist grausamer, als sie es sich je hätte vorstellen können …

1

Supervisory Special Agent Caitlyn Tierney war froh, dass sie heute Morgen auf ihren Kaffee verzichtet hatte. Denn als der Fahrer des Cadillac Escalades eine 45er Automatik zog, wäre ihr auch ohne Koffein im Blut beinahe das Herz stehengeblieben. Und wach war sie jetzt ohnehin, vielen Dank auch.

»Waffe runter, Commissioner Schultz!«, brüllte Sheriff Mona Holdeman hinter ihrem Streifenwagen hervor, mit dem sie dem Escalade auf der anderen Seite den Weg abgeschnitten hatte.

Ein schneidend kalter Wind fegte an diesem frühen Märzmorgen über die einsame Landstraße und kündigte Schnee an. Während Caitlyn über den Lauf ihrer Glock 22 hinweg den Fahrer anvisierte, musste die FBI-Agentin unwillkürlich daran denken, wie sie als Kind an solchen Tagen aufgewacht und mit nackten Füßen über den kühlen Boden zum Fenster gerannt war, ohne auf die prickelnden Fußsohlen zu achten. Wie sie auf Schnee gehofft hatte und gleich darauf das Gefühl der Enttäuschung verspürt hatte. Nicht wegen des Wetters, sondern weil ihr in diesem Augenblick das Schreckliche wieder eingefallen war – dass ihr Vater fort war. Tot. In North Carolina begraben, dem Zuhause, das sie und ihre Mutter zurückgelassen hatten.

Caitlyn schüttelte die Kindheitserinnerung ab und konzentrierte sich wieder auf ihren Verdächtigen, einen korrupten Polizeibeamten hier im County, und obendrein ein selbst erklärter Waffennarr. Holdemans Streifenwagen sowie zwei Einsatzwagen der State Troopers versperrten Schultz den Weg. Diesen abgelegenen Straßenabschnitt mitten in Dutch Country von Pennsylvania hatten Holdeman und ihr Team ganz bewusst gewählt, da sie sich hier bei einem Schusswechsel höchstens um drei Pferde sorgen mussten, die auf einer benachbarten Weide grasten.

Caitlyn war als Verstärkung mitgekommen – die hatte Sheriff Holdeman auch dringend nötig, denn gleich, nachdem sie ins Amt gewählt worden war, hatte sie feststellen müssen, dass zwei Drittel ihrer Leute vom County Commissioner geschmiert worden waren und dass Schultz ihren Mord in Auftrag gegeben hatte.

Wenn in einem Verwaltungsbezirk auf jeden Ortsansässigen zwei Kühe kamen und kaum jemand Interesse für Politik aufbrachte, geschweige denn überhaupt zur Wahl ging, führte das zu äußerst interessanten politischen Karrieren. Nur so hatte Schultz seit nunmehr zehn Jahren diesen beschaulichen Landstrich unter seine Kontrolle bringen und sich an den Steuereinahmen bereichern können. Da Korruptionsbekämpfung zu den vorrangigen Zielen des FBI gehörte, hatte Caitlyn nur zu gerne Hilfe zugesichert, als Holdeman und die State Police sich an sie gewandt hatten.

Allerdings war es nicht ihre Absicht gewesen, gleich an vorderster Front mitzukämpfen. Immerhin war ihr ein handfester Einsatz nicht unwillkommen, schließlich hatte sie zwei Monate lang nur telefoniert, geskypt oder Papierkram erledigt. Was leider unvermeidlich war bei ihrer neuen Stelle als Local Law Enforcement Liaison, durch die der Kontakt zwischen FBI und den örtlichen Polizeibehörden verbessert werden sollte. Gemeinsam mit den Polizisten hatte Caitlyn eine Menge über Schultz zutage gebracht, der Commissioner hatte von Bestechungsgeldern über Erpressung bis hin zu Auftragsmord wirklich nichts ausgelassen.

Da Schultz niemals unbewaffnet unterwegs war und auch zu Hause sowie im Büro ein ganzes Arsenal an Schusswaffen hortete, hatten sie seine Festnahme hierherverlegt: Schultz fuhr jeden Tag auf dem Weg zur Arbeit über diese Landstraße, deren eine Seite von Äckern und Wiesen gesäumt war, während sich auf der anderen dicht bewaldete Hügel erstreckten.

»Legen Sie die Waffe auf den Boden und treten Sie vom Wagen weg«, tönte Holdemans Stimme aus dem Lautsprecher ihres Einsatzfahrzeugs. »Arme über den Kopf!«

Schultz zögerte. Wenn er die Pistole auf Holdeman richtete, bedeutete das seinen sicheren Tod, da sowohl Caitlyn auf ihn zielte als auch die beiden State Trooper mit ihren Gewehren. Genau wie vorgesehen, blieb dem Tatverdächtigen also nichts anderes übrig, als sich zu ergeben. Wenn alles glattging, sollten sie noch rechtzeitig für Kaffee und selbst gemachte Donuts mit Ahornsirup wieder auf dem Revier sein.

Langsam, übertrieben langsam, beugte Schultz sich nach vorn und legte seine Waffe auf den Asphalt, die andere Hand streckte er dabei weiter in die Luft. Dann hob er auch die zweite Hand und trat von der Pistole weg.

Da passierte es.

Caitlyn hatte den Kofferraum und die Beifahrerseite des Escalades sichern sollen – eine einfache Aufgabe, da Schultz angeblich allein unterwegs war. So war es ihnen zumindest gesagt worden. Durch die getönten Scheiben konnte man nicht ins Innere des Wagens blicken. Schultz stand jetzt auf der Fahrerseite neben seinem Wagen, sämtliche Waffen und alle Blicke waren auf ihn gerichtet – einzig Caitlyn sah das kleine Mädchen, das da plötzlich aus der Beifahrertür sprang und mit einer halb automatischen Pistole direkt auf ihr Herz zielte.

Fieberhaft überlegte sie, was zu tun war. Automatisch hatte Caitlyn ihre Waffe auf die Kleine gerichtet, drückte jedoch nicht ab. Das Mädchen war ein dürres Ding, schätzungsweise elf Jahre alt, mit blonden Zöpfen und Sommersprossen auf der Nase. Sie trug eine fliederfarbene Jacke mit Puffärmeln, auf die eine grinsende Katze mit überdimensional langen Schnurrbarthaaren aufgestickt war. Die Schnurrbarthaare verliefen direkt über dem Herzen des Mädchens und bildeten eine perfekte Zielscheibe.

»Waffe runter!«, rief Caitlyn.

»Lassen Sie meinen Vater gehen!« Die Kleine fuchtelte mit der Waffe in Caitlyns Richtung.

Alle Augen richteten sich auf das Mädchen. Ihr Vater nutzte die Gunst der Stunde, um in den Wald neben der Straße zu flüchten. Sofort hefteten sich ihm Holdeman und einer der Polizisten unter lauten Rufen an die Fersen.

Caitlyn rührte sich nicht. Wagte nicht einmal zu blinzeln. Ihre ganze Aufmerksamkeit galt dem Mädchen und der Pistole.

Schultz’ Tochter stand mit leicht geöffneten Beinen da und machte insgesamt den Eindruck, als wisse sie genau, wie man mit einer Pistole umgeht. Ein Grund mehr für Caitlyn, nicht länger zu zögern – ein bewaffneter Gegner, der nicht auf Zurufe reagiert … jahrelanges Training gebot, die Bedrohung auszuschalten. Auf der Stelle.

Aber der Gegner war noch ein Kind. Wären weitere Menschenleben in Gefahr gewesen, hätte Caitlyn abgedrückt. Aber auf dieser Seite des Wagens standen nur sie und das Mädchen. So unvernünftig es war, das eigene Leben für das der Kleinen zu riskieren, sie musste es zumindest versuchen.

»Das wird deinem Vater nicht helfen«, sagte Caitlyn und blendete alles um sich herum aus, bis es nur noch sie und das Mädchen gab. Sogar das fröhliche Zwitschern der Vögel, die neben den Pferden auf den Feldern pickten, war verstummt. »Wie heißt du?«

Die Tochter des Commissioners zog die Stirn kraus. Als würde sie gleich anfangen zu weinen und die Waffe niederlegen. Doch genau in diesem Moment zerrten Holdeman und der Polizist den in Handschellen gelegten Schultz aus dem Wald.

Die Kleine richtete sich zu voller Größe auf. Ihre Augen waren vor Wut nur noch schmale Schlitze, und sie zielte weiterhin direkt auf Caitlyn.

»Ich habe gesagt«, ihre Stimme wurde vor Zorn ganz schrill, »sie sollen meinen Vater loslassen. Jetzt gleich!«

»Wir können überhaupt nichts tun, ehe du nicht die Waffe runtergenommen hast.« Caitlyns Sichtfeld verengte sich zu einem schmalen Tunnel, doch sie kämpfte dagegen an, um weiterhin den Überblick zu behalten. Der zweite Polizist war hinter das Mädchen gerückt und visierte es an. Eine falsche Bewegung, und er würde auf die Kleine schießen.

Dazu würde es jedoch nicht kommen, schwor Caitlyn sich. Sie löste eine Hand von der Waffe und streckte sie nach dem Mädchen aus. So wollte sie Nähe schaffen, obwohl noch gut sechs Meter zwischen ihnen lagen.

»Deinem Vater wird nichts geschehen, Kleines.« Verdammt, sie hatte den Namen der Tochter vergessen, obwohl er vorhin bei der Einsatzbesprechung gefallen war. »Und er würde doch auch nicht wollen, dass dir etwas zustößt, nicht wahr?« Oder irgendjemandem sonst – zumindest hoffte sie das. »Leg einfach die Pistole auf den Boden und komm zu mir. Dann darfst du mit deinem Vater mitgehen.«

Auf der anderen Seite des Escalades führte Sheriff Holdeman Schultz zu einem der Streifenwagen. Das Mädchen wirbelte herum und trat einen Schritt zurück, damit sie Caitlyn und ihren Vater gleichzeitig im Auge behalten konnte. »Lassen Sie ihn in Ruhe! Gehen Sie sofort von ihm weg!«

Zeit für eine härtere Gangart. Caitlyn legte beide Hände wieder fest um die Glock und beugte sich vor. »Sieh mich an«, befahl sie. Das Mädchen gehorchte und schaute sie über den Lauf ihrer Pistole hinweg an. »Spürst du, wie deine Finger langsam taub werden? Und wie schwer die Waffe wird? Das kommt vom Adrenalin. Schau nur, wie deine Hand zittert.«

Es wirkte. Das Mädchen blickte auf ihre Hände hinunter, deren Fingerknöchel bereits weiß hervortraten. Die Waffe schwankte hin und her, und sie spannte die Schultern an, um sie wieder gerade zu halten, doch das Zittern wollte nicht nachlassen.

»So wirst du mich nie treffen«, fuhr Caitlyn fort. »Sobald du abdrückst, wird der Gentleman hinter dir dich erschießen. Und was noch schlimmer ist, dein Vater wird losrennen, um dir zu helfen, und dann werde ich ihn ebenfalls erschießen müssen. Ist es das, was du willst? Möchtest du, dass dein Vater stirbt?«

Alles, was bei dem Mädchen hängenbleiben sollte, war: Dein Vater stirbt, stirbt, stirbt. Es schien gewirkt zu haben, denn die Kleine heulte plötzlich los, dass ihre Schultern bebten. Sie schüttelte den Kopf. Die Waffe nahm sie aber immer noch nicht runter.

Mach schon, Kleines. Wir haben nicht den ganzen Tag Zeit. Nicht mehr lange, und den Polizisten würde der Geduldsfaden reißen.

Mit ruhiger, fester Stimme redete sie weiter auf das Mädchen ein. »Wenn du bei deinem Vater bleiben willst, dann musst du die Waffe hinlegen und mit mir kommen. Jetzt gleich.«

Das Mädchen zögerte, blinzelte angestrengt, ihr Blick schnellte zwischen ihrem Vater und Caitlyn hin und her. Endlich nickte sie und legte die Pistole behutsam auf den Boden.

Caitlyn zielte weiter auf sie, während einer der Polizisten ums Auto gelaufen kam und das Kind in Gewahrsam nahm.

Die Gefahr war gebannt, doch Caitlyn musste erst ein paarmal tief durchatmen, bevor ihre eigene Hand wieder ruhig genug war, um die Glock ins Holster zurückzustecken. Sie schickte ein kurzes Dankesgebet in den klaren blauen Himmel über Pennsylvania, heilfroh, dass sie heute niemanden hatte töten müssen. Insbesondere kein kleines Mädchen, das bloß seinen Vater hatte retten wollen.

2

Maria Alvarado schritt von der Laufplanke des Schiffes, und zum allerersten Mal in ihrem Leben betrat sie den Boden ihres Heimatlands. Es wimmelte hier nur so von Touristen, die meisten davon Studenten wie sie selbst, die an der feuchtfröhlichen Springbreak-Kreuzfahrt teilnahmen und sich jetzt an ihr vorbeidrängelten, hin zu den wartenden Reiseleitern und billigen Souvenirs, die von einheimischen Straßenhändlern feilgeboten wurden. Maria atmete tief ein. Der Duft von Kakao, Kaffee und exotischen Gewürzen kitzelte sie in der Nase. Selbst die Luft hier in Guatemala war anders: Sie schmeckte nach Freiheit.

Und nach Gefahr. Denn sobald ihr Vater das alles herausbekam … aber sie musste ihrem Traum folgen, auch wenn sie dafür seinen Zorn riskierte. Unbedingt.

Außerdem war sie eine Alvarado, und wie ihr Vater stets betonte, gaben die Alvarados niemals auf. Wie übermächtig der Widerstand oder die eigenen Ängste auch sein mochten.

Maria blinzelte in die grelle Morgensonne. Wenngleich das Blut ihres Vaters durch ihre Adern rann, war sie nicht überzeugt, auch etwas von seiner Tapferkeit geerbt zu haben. Zweifel regten sich in ihrer Brust – noch konnte sie es sich anders überlegen, mit ihren Freundinnen mitgehen und ihre Pläne, sich Professor Zigler bei der Ausgrabung anzuschließen, begraben.

Der heisere Ruf eines Vogels gellte durch die Luft. Fremdartig, anders als alle Vögel, die Maria je zuvor gehört hatte. Und genau deswegen war sie schließlich hier. Sie wollte ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, ihren Vater stolz machen. Sie würde nicht aufgeben.

»Also, Maria, wo steckt denn dein toller Typ? Wolltest du nicht den Assistenten von diesem Professor hier treffen?«, fragte Linda, eine von Marias Freundinnen. Tracey und Vicky kamen dazu und verstauten ihre Pässe wieder in den Taschen.

»Er wird schon kommen«, sagte Maria, der es schwerfiel, all die unterschiedlichen Eindrücke zu verarbeiten. Den Hafen hatte sie sich ganz anders vorgestellt. Ihr hatte eher eine Szene wie aus einem Film vorgeschwebt, mit Strohdachhütten und bunt angestrichenen Bungalows, vielleicht noch eine Steeldrum-Band, die zur Begrüßung der Caribbean Dream aufspielte.

Tatsächlich war Santo Tomás ein geschäftiger Frachthafen. Im Süden ragten übereinandergestapelte Schiffscontainer in den Himmel auf, und das einzige Gebäude in Sichtweite war ein modernes Lagerhaus aus Beton mit unromantischem Stahldach. Ohne das auf dem Dach angebrachte Schild, auf dem WELCOME TO GUATEMALA stand, hätte es auch in die Straßen von Miami gepasst.

»Bist du dir wirklich ganz sicher?«, fragte Vicky, die alte Schwarzseherin. »Du könntest auch mit uns kommen und die Finger von dieser verrückten Schatzsuche lassen.«

»Und damit die Gelegenheit verpassen, Professor Zigler kennenzulernen und bei der größten archäologischen Entdeckung überhaupt dabei zu sein? Auf keinen Fall.« Maria konnte ihr Glück immer noch kaum fassen, weil sie den Assistenten Professor Ziglers, Prescott Wilson, in einem Online-Forum für Archäologen kennengelernt hatte. Durch ihre Hilfe war es gelungen, Hinweise zu entschlüsseln, die möglicherweise dazu führten, dass das Team des Professors einen seit zweitausend Jahren verschollenen Schatz der Maya barg. Das war ihre große Chance, nachdem sie sich erfolglos bei dem Ausgrabungsprojekt ihrer eigenen Uni, der University of Central Florida, beworben hatte. Ganz zu schweigen davon, dass sie ihrem Vater beweisen wollte, dass sie mit neunzehn Jahren gut auf sich allein aufpassen konnte.

Er würde schrecklich wütend werden, wenn er ihr auf die Schliche kam, denn er dachte, sie würde hier einfach nur die Frühlingsferien mit ihren Freundinnen genießen. Geschah ihm ganz recht. Sie war überzeugt, dass er hinter der Absage der UCF-Ausgrabung in Belize steckte. Weder ihre Mutter noch ihr Vater waren dafür, dass sie ihren Abschluss als Archäologin machte, und schon gar nicht in dem von ihr gewählten Schwerpunkt: die späte vorklassische Mayakultur.

Sie war gerade erst ein paar Monate alt gewesen, als ihre Eltern aus Guatemala geflüchtet waren und sich ein neues Leben in Amerika aufgebaut hatten. Sie redeten nie über ihre Heimat, sprachen nicht einmal Spanisch miteinander, wenn sie Maria in der Nähe wussten. Ihre Familie sollte ganz amerikanisch sein. Wenn es nach ihnen ginge, hätte Maria diesen Springbreak wie im letzten Jahr zu Hause in Coral Gables am Pool oder im Tennisklub verbracht. Was sich ihre Eltern eben unter Spaß vorstellten.

Solche Langweiler. Maria wollte mehr erleben. Sie sehnte sich nach aufregenden Abenteuern, wollte neue Menschen, neue Orte, die Welt kennenlernen und vielleicht sogar anderen dabei helfen, sie besser zu verstehen. Maria atmete noch einmal tief durch – so tief, bis ihr ganzer Körper kribbelte. Freiheit.

»Wenn mein Vater fragt, wo ich bin«, bläute sie ihren Freundinnen ein letztes Mal ein, während sie sich einen Weg zwischen Touristen, Einheimischen und vor dem Kreuzfahrtschiff aufgereihten Reisebussen hindurchbahnten, »dann sagt ihm, ich würde mich melden, sobald ich wieder bereit bin, nach Hause zu kommen.«

»Und er kann den Firmenjet schicken, um dich abzuholen«, sagte Linda und rollte die Augen. »Wir haben es verstanden.«

Vicky wirkte immer noch nicht überzeugt. Mit großen Augen blickte sie auf die dschungelbedeckten Berghänge, die sich hinter dem regen Treiben der Stadt mit ihren eng stehenden, niedrigen und leuchtend bunten Häusern erhoben. »Ich halte das immer noch nicht für eine gute Idee.«

»Professor Zigler hat in Cambridge unterrichtet. Er genießt einen sehr guten Ruf«, wandte Maria ein. »Für diese Ausgrabung ist er extra aus dem Ruhestand zurückgekommen. Das könnte meine letzte Chance sein, mit jemand Namhaftem wie ihm zusammenzuarbeiten. Außerdem war ich diejenige, die darauf gekommen ist, mit welchem Bildverarbeitungsalgorithmus die NASA-Satellitenaufnahmen am besten ausgewertet werden können, um so die genaue Lage des Tempels herauszufinden. Ich finde, es ist mein gutes Recht, bei der archäologischen Sensation des Jahrhunderts dabei zu sein.« Als sie vor Aufregung in einen Laufschritt verfiel, rutschte ihr der Reiserucksack von der Schulter. Sie konnte sich nicht helfen; vor lauter Tatendrang und überschäumenden Gefühlen war sie kurz davor zu platzen.

Angst hatte sie auch. Immerhin würde sie sich mit wildfremden Menschen in den Dschungel aufmachen – nur waren die ihr gar nicht wirklich fremd. Mit Prescott hatte sie stundenlang geskypt. Und auch den Professor meinte sie bereits zu kennen, da sie sämtliche Artikel von ihm gelesen hatte. Zwar hatte er seit Jahren nichts mehr publiziert und seine Methoden waren inzwischen völlig veraltet. Aber genau darum brauchte er jemanden in seinem Team, der sich mit moderner Technik auskannte. Sie blickte sich um, leicht benommen von all den neuen Eindrücken, den ungewohnten Geräuschen und Gerüchen. Ein wenig Angst gehörte eben dazu.

Ihr Vater würde sie wahrscheinlich ins Kloster schicken, sobald sie wieder zu Hause war. Sie schob diesen Gedanken beiseite, genau wie die Schuldgefühle, die sie hatte, weil sie sich ihm das erste Mal im Leben widersetzte.

Ganz in der Nähe hupte ein gutaussehender Mann, vielleicht Ende zwanzig, in einem offenen Jeep und hielt mitten im Getümmel an. Er sprang vom Wagen, ohne die Tür zu öffnen, stützte sich dabei mit einer Hand leicht auf dem Überrollbügel ab und landete geschmeidig wie ein Gepard auf dem Boden. Oder wie ein Jaguar, schoss es Maria durch den Kopf. In Guatemala gab es noch Jaguare. Wieder stieg dieses leicht beklemmende Gefühl in ihr auf, wurde jedoch rasch von ihrer Begeisterung verdrängt.

»Maria?«, rief der Mann, während er sich durch die anderen geparkten Fahrzeuge schlängelte. Blond und mit dem Gesicht eines Hollywoodstars stach er deutlich zwischen all den dunkelhäutigen Spaniern und Maya hervor. Ohne auf eine Antwort zu warten, umarmte er sie stürmisch und hob sie hoch. »Wie schön, dass wir uns endlich treffen! Tut mir leid, dass ich zu spät bin; ich musste noch ein paar Dinge für den Professor erledigen. Wir kommen ja nicht so oft in die Stadt.«

Maria rang um Fassung. In natura sah er noch viel besser aus als bei ihren Skype-Chats. Stolz wandte sie sich ihren Freundinnen zu, um ihn vorzustellen. »Prescott, das sind Linda, Vicky und Tracey.«

»Sehr erfreut, die Damen.« Er griff nach Marias Reiserucksack, in dem sie alles Nötige für das Leben unter einfachsten Bedingungen bei einer archäologischen Ausgrabung gepackt hatte: Schlafsack, lange und kurze Outdoor-Hosen, Moskitonetz, Kochgeschirr. Im Gegensatz zu ihren bunt gekleideten Freundinnen trug Maria auch jetzt schon Khakishorts, Wanderstiefel und ein Trägerhemdchen sowie eine Gürteltasche; und für später hatte sie sich noch ein langärmeliges Oberteil um die Hüfte geschlungen. Trotz ihrer dunklen Haut hatte sie einen Sonnenhut aufgesetzt – ebenfalls khakifarben und mit breiter Krempe –, der ihrem Outfit hoffentlich den letzten Schliff verlieh.

»Also, bloß keine Sorge wegen Ihrer Freundin, meine Damen«, sagte Prescott, als könne er Gedanken lesen. »Wir haben ein Satellitentelefon im Basislager – solange das Wetter mitspielt, kann sie also jederzeit ihren Freund anrufen und ihm eine gute Nacht wünschen.« Er lachte und drehte sich wieder zu Maria um, dabei presste er eine Hand flach auf seine Brust, als hätte ihn ein Pfeil getroffen, und fügte leicht ironisch hinzu: »Aber bitte sag mir jetzt nicht, dass du tatsächlich einen Freund hast, denn sonst bricht es mir das
Herz.«

Maria errötete. »Nein, kein Freund. Noch nicht«, fügte sie entgegen ihrer sonst eher schüchternen Art hinzu. Während Prescott Marias Rucksack zum Jeep trug, umarmte sie ihre Freundinnen zum Abschied. »Denkt dran, zu keinem ein Wort«, ermahnte sie die drei und überreichte Linda ihren Bordausweis. »Und sagt meinen Eltern, sie sollen sich keine Sorgen machen.«

Sie lächelten Maria zu und winkten ihr zum Abschied. »Viel Spaß!«, rief Linda.

»Bring uns was vom Schatz mit«, sagte Tracey.

»Pass gut auf dich auf!«, rief Vicky.

Maria fühlte sich wie ein Filmstar, als sie mit Prescott am Steuer des Geländewagens vom Hafen weg und durch enge Gassen brauste, die von grellbunt gestrichenen Lehmziegel- und Betonhäusern gesäumt wurden. Es kam ihr vor, als würde ihr Leben endlich beginnen. Und was für ein aufregender Beginn das war, einem weltberühmten Professor bei einer Ausgrabung zu helfen, die die bisherige Sicht auf die Maya für immer verändern könnte. Von dem Schatz gar nicht erst zu reden – wenn sie richtiglag, dann hatten sie das im Codex Dresdensis erwähnte Gold ausfindig gemacht, einen seit Jahrhunderten verschollenen Schatz, der Millionen wert war. Abgesehen von dem Gold barg er jedoch auch wertvolle Einblicke in die Kultur der alten Maya, konnte vielleicht sogar das Geheimnis ihres Untergangs lüften.

»Der Professor freut sich schon darauf, dich kennenzulernen«, sagte Prescott und lenkte den Wagen um die langsameren Laster und bunten camionetas herum, in denen sich Einheimische drängten. Dabei hielt er nur eine Hand am Lenker, den rechten Arm hatte er lässig hinter ihrem Rücken auf ihre Sitzlehne gelegt. »Er war sehr beeindruckt von deiner Theorie. Wie du unsere Ausgrabungsstätte mit dem Dresdner Kodex in Verbindung gebracht hast – das war echt der Hammer.«

Marias Wangen brannten, als Prescott sie anstrahlte. »Danke. Aber wenn man erst einmal die gängige Annahme, dass der Kodex vom Izabal-See spricht, verwirft, kann eigentlich jeder darauf kommen. Und die modernen Satellitenbilder haben mir natürlich auch geholfen.«

Tatsächlich war sie sehr stolz auf ihre nicht unbedeutende Leistung. Indem sie einen ganz besonderen Bildverarbeitungsalgorithmus für die Auswertung der Satellitenaufnahmen eingesetzt hatte, war es ihr gelungen, ihre Theorie zu untermauern, nach der sich vor zwei Jahren durch ein Erdbeben ein Flusslauf verschoben hatte, und so Hinweise auf eine große Metallmenge nur wenige Kilometer vom Invierno-See entfernt freigelegt worden waren. Durch weitere Bildoptimierung und beim Abgleich mit historischen Bildern, die verdeutlichten, wie sich das Gelände über die Jahre hinweg verändert hatte, war ihr klar geworden, dass sie auf einen Mayatempel gestoßen war, den aufgrund seiner Lage tief im Dschungel niemand bislang entdeckt hatte. Bis jetzt.

Sie wünschte bloß, sie hätte schon eher eine Möglichkeit gehabt, sich der Expedition des Professors anzuschließen. Sein Team hatte den ganzen letzten Monat damit verbracht, ihre Entdeckung zu erkunden und die Ausgrabung des Tempels vorzubereiten. Prescott hatte ihr über Skype fast täglich von den Fortschritten berichtet. Bislang hatte man zwar nur eine Straße gebaut, Gerätschaften antransportiert und mit der Vermessung des Geländes begonnen; dennoch wäre sie liebend gern von Anfang an dabei gewesen.

Es hatte sie überrascht, wie schnell es dem Professor gelungen war, eine Finanzierung auf die Beine zu stellen und alle für das Unternehmen erforderlichen Genehmigungen der guatemaltekischen Behörden zu bekommen. Ein weltberühmter Archäologe zu sein hatte eben viele Vorteile. Vielleicht würde sie eines Tages auch so einflussreich sein. Vorerst konnte sie sich schon glücklich schätzen, überhaupt dabei zu sein, wenn auch nur für zwei Wochen als freiwillige Mitarbeiterin.

Davor hatte sie gefühlte tausend Nachweise und Formulare zusammentragen müssen: erst die Anmeldeformulare, dann Versicherungsnachweise, Belege über ihre Krankengeschichte, Verschwiegenheitserklärungen, Einverständniserklärungen, dass sie keinerlei Vergütung oder für die Universität anrechenbare Scheine erhalten würde, Reiselisten und noch eine Haftungsverzichtserklärung. Kein Wunder, dass Zigler alle Details seinem wissenschaftlichen Assistenten überließ – sie fragte sich, wie er in diesem bürokratischen Morast überhaupt jemals etwas fertigbrachte. Sollte der Professor mit ihrer Arbeit zufrieden sein, würde sie im Sommer allerdings ein richtiges Praktikum absolvieren können, das dann auch für ihr Studium zählte, wie ihr Prescott versprochen hatte. Wenngleich das noch mehr Papierkram bedeuten würde.

Doch jetzt standen erst einmal zwei Wochen voller Abenteuer an, in denen sie so viel wie möglich an Wissen und Erfahrung von einer der größten Koryphäen ihres Fachgebiets aufsaugen würde.

»Die berühmtesten Wissenschaftler haben über diesem Kodex gebrütet, seit er im Zweiten Weltkrieg aufgetaucht ist«, sagte Prescott. »Aber niemand vor dir kam auf die Idee, dass er auf den Invierno-See verweisen könnte. Geschweige denn, dass sich dort ein lange verschollener Tempel befindet. Wenn deine Theorie sich bewahrheitet, wird das eine größere Entdeckung als die des El-Diablo-Tempels durch die Brown University vergangenes Jahr.« El Diablo nannten Archäologen den Tempel des Sonnengottes der Maya, der lange verschollen gewesen war. Mit seinem hellroten Anstrich hatte er früher wohl weithin in der Sonne geleuchtet, ehe der Dschungel ihn dann vor tausend Jahren vollständig verschluckt hatte.

Prescott unterbrach sich, drosselte den Motor und blickte in alle Spiegel. Sie drehte sich im Sitz um und schaute nach hinten. Die Straße war leer.

Er fing ihren besorgten Blick auf und sagte: »Man kann nie vorsichtig genug sein.« Zum ersten Mal wirkte er ein klein wenig unsicher. »Meinst du wirklich, das Gold liegt dort?«

»Oh, ja.« Maria musste ihre Begeisterung im Zaum halten, um professionell zu klingen. »Ich denke, es ist sehr wahrscheinlich. Wäre das nicht unglaublich aufregend, wenn es so wäre?«

Sie verließen die breite Schnellstraße und fuhren tiefer in den Dschungel, hoch in die Ausläufer des Berges. Der Weg, so schmal, dass nur ein Fahrzeug Platz hatte, war matschig und mit Kies ausgelegt, aber nicht zu unwegsam. Sie erreichten eine Weggabelung, an der sich die Straße in zwei schlammige Pisten aufteilte, gerade noch breit genug für den Jeep. Prescott hielt den Wagen an und schaute erst in die eine, dann in die andere Richtung.

»Hast du dich verfahren?«, fragte sie, und erst in dem Moment wurde ihr bewusst, dass sie seit einer Stunde kein anderes Fahrzeug mehr gesehen hatte. Ohne den Fahrtwind legte sich die schwüle Hitze wie eine Decke über sie und schnürte ihr die Luft ab. Sie waren allein in einem grünen Dickicht, das in allen erdenklichen Farbschattierungen schimmerte, einzig von gelegentlich über ihnen aufblitzenden blauen Himmelsfetzen durchbrochen. Aber je weiter sie bergaufwärts kamen, desto dichter schlossen sich die Baumkronen über ihnen, und Maria konnte immer seltener einen Blick auf den Himmel erhaschen.

»Stimmt etwas nicht?« Sie griff nach ihrem Handy. Ein sinnloser Reflex der Stadtbewohnerin – hier gab es bestimmt keinen Empfang.

Prescott wandte sich ab, warf einen wütenden Blick auf den linken Pfad und riss das Steuer dann nach rechts herum. »Nein, alles in Ordnung. Ich will nur sichergehen, dass wir dort eintreffen, ehe es dunkel wird.«

Klang einleuchtend, sie würde auf dieser Straße auch nicht gerne im Dunkeln fahren. Obwohl der Nachmittag gerade erst begonnen hatte, hatte er in den Schatten des Dschungels bereits die Scheinwerfer eingeschaltet. Außerdem brach die Dämmerung hier oben am Berg schneller herein als im Tiefland. Prescott sah sie nun nicht mehr an, er lächelte auch nicht mehr. Stattdessen fuhr er über das Lenkrad gebeugt und fluchte jedes Mal, wenn er wegen eines umgefallenen Baumstammes oder einer Schlammpfütze vom Gas gehen musste. Die Straße glich allmählich eher einem Feldweg.

Gott sei Dank war Prescott bei ihr. Alleine hätte sie es nie hierhergeschafft. Sie fuhren um eine enge Kurve. Ein schlammbedeckter Pick-up blockierte den Weg. Neben dem Fahrzeug standen Männer mit Maschinenpistolen in der Hand, die ihnen bedeuteten anzuhalten.

»Prescott!«, schrie Maria. Er schlug das Lenkrad herum und legte eine Kehrtwende ein. Der Jeep schlingerte und schwankte, die Räder drehten im Schlamm durch, und sie fuhren über ein paar kleinere Sträucher, aber irgendwie schafften sie es, ohne umzukippen. Prescott raste den Weg zurück.

»Wer war das?« Sie langte nach dem Türgriff und zog den Kopf ein, für den Fall, dass die Männer das Feuer eröffneten. Das Herz schlug ihr bis zum Hals, aber Prescott fuhr einfach ungerührt weiter. »Was wollten die von uns?«

»Dich.« Er fuhr wieder tief über das Lenkrad gebeugt. Angst stand ihm ins Gesicht geschrieben, aber auch Wut. Sie nahmen die nächste Kurve und ließen die bewaffneten Männer hinter sich.

»Mich? Warum mich?« Panik machte sich in ihr breit, jede einzelne gruselige Geschichte über Entführungen und Vergewaltigungen von Touristinnen kam ihr wieder in den Sinn. Dann erst begriff sie. Der Schatz. Diese Männer dachten, sie wisse, wo der Schatz liegt. Nein, das konnte es nicht sein. Wie hätten sie darauf kommen können?

Plötzlich trat Prescott auf die Bremse, und der Jeep geriet ins Schleudern. Ein großer gelber Land Rover versperrte ihnen den Weg. Vor dem Wagen stand ein Mann, der sich mit verschränkten Armen lässig gegen die Stoßstange lehnte, als warte er auf jemanden, mit dem er verabredet war. Ein Spanier, gutaussehend, aber mit einer blassen Narbe auf der rechten Wange.

Der Jeep kam quer zum Stehen, sodass die Fahrerseite dem Mann am nächsten war. Prescott atmete geräuschvoll aus und sah Maria aus schmalen Augen an. »Warte hier. Und rühr dich nicht vom Fleck. Tu genau, was ich sage.«

Wie konnte er nur so ruhig bleiben? Sie hatte sich tief in den Wagen gekauert und nickte zu ihm auf. All das fühlte sich unwirklich an. So etwas konnte einfach nicht wirklich passieren, ihr jedenfalls nicht. Ihr passierte nie etwas. Marias Leben war sogar noch langweiliger als das ihrer Eltern.

Prescott kletterte aus dem Jeep und ging langsamen Schrittes auf den Mann zu.

»Ich denke, Sie sind falsch abgebogen«, sagte der Spanier. Seine Stimme klang beinahe fröhlich, aber als Maria einen Blick über die Scheibe wagte, sah sie eiskalte Augen.

Entgegen Prescotts Mahnung öffnete sie vorsichtig die Tür. Was auch immer geschah, sie wollte vorbereitet sein. Ihre Seite des Wagens lag am Wegesrand und war von Büschen und Farnen umgeben; wenn sie losrannte, wäre sie nach wenigen Schritten im Dickicht verschwunden. Allerdings würde sie sich dann auch heillos verirren.

In der Hoffnung, dass es nicht so weit kommen würde, glitt sie vom Sitz und setzte, verborgen hinter der Tür, einen Fuß auf den weichen Boden. Prescott wusste, was er tat, er würde das klären. Schon bald würden sie mit dem Professor, seinen Studenten und Mitarbeitern fröhlich um ein Lagerfeuer sitzen und über ihr Dschungelabenteuer lachen.

»Sie hatten einen klaren Auftrag«, sagte der Mann in tadelndem Tonfall, wie ein Vater, der ein ungehorsames Kind schilt. »Sie sollten sie sicher zu El Doctor bringen. Aber dann hat Sie wohl die Gier gepackt«

»Es tut mir leid«, sagte Prescott und streckte die Arme aus, wie um sich zu ergeben. Maria hörte die Angst in seiner Stimme, was ihre eigene Panik noch weiter anfachte. Und was sollte das heißen, »gierig«? Vielleicht konnte Prescott das hier doch nicht klären. All diese Fragen über den Schatz – wollte Prescott ihn etwa für sich?

Sie schob die verwirrenden Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf das Nächstliegende. Tief hinter der Tür geduckt glitt sie weiter aus dem Wagen, hinter die großen Blätter eines farnartigen Busches. Sie bewegte sich sehr langsam, kroch nur zentimeterweise voran, damit keine Bewegung der Blätter sie verriet, bis zu einer Palme, hinter deren Stamm sie sich verstecken und von wo aus sie die Männer auf der Straße beobachten konnte.

Der Mann mit der Narbe nahm Prescotts Entschuldigung nickend zur Kenntnis. Er lächelte sogar und bleckte die Zähne, als sei alles vergessen und vergeben. Prescott entspannte sich ein wenig.

Da zog der Mann seine Pistole und schoss Prescott in den Kopf.

Alles lief wie in Zeitlupe ab. Prescotts Körper zuckte, sackte zusammen und fiel zu Boden.

Maria schrie auf, doch vor Entsetzen war ihre Kehle wie zugeschnürt, sodass kein Laut hervordrang. Sie konnte nicht anders und musste über die Schulter zurück zu Prescott schauen, obwohl ihre Füße sie bereits von dem grauenvollen Anblick forttrugen.

Der Mann ging an Prescott vorbei auf den Jeep zu. Mit einem Mal lief die Zeit wieder in normaler Geschwindigkeit. Maria wandte sich von Prescott ab – er war offensichtlich tot, sie konnte also nichts für ihn tun – und rannte los.

Blätter und Ranken trafen sie am Körper, sie zog den Kopf ein, falls irgendwelche Kugeln fliegen sollten, streckte die Arme aus und rannte wie nie zuvor in ihrem Leben. Sie wünschte, ihr Vater wäre hier, um sie zu retten, zu beschützen.

Warum war sie bloß je von zu Hause fortgegangen?

3

Während der knapp dreizehn Kilometer langen Fahrt zum Revier zählte Caitlyn sieben Scheunen und drei Häuser. Die einzigen Menschen, die sie sah, waren ein Amisch-Bauer und seine Söhne, die in weiter Ferne ein Feld pflügten. Ihre von Pferden gezogenen Pflugscharen wirbelten eine Staubwolke auf, die dem Märzsonnenschein einen goldenen Schimmer verlieh. Es war schwer vorstellbar, dass diese Männer in derselben Realität wie Caitlyn lebten.

Sie fragte sich, ob die Amischen wohl Konvertiten aufnahmen. Halb-atheistische FBI-Agentinnen mit blutbefleckter Seele, um genau zu sein. Wohl kaum.

Sie nahm eine Kurve und die Bauern mit ihren Pferden verschwanden aus ihrem Sichtfeld. Das Polizeirevier befand sich in Blue Ball. Ein Dorf mit weniger als tausend Seelen, das entstanden war, als ein unerschrockener Händler hier vor zweihundert Jahren eine Herberge an der Kreuzung zweier Indianerpfade errichtet hatte.

Sie fuhr hinter Sheriff Holdeman auf den Parkplatz des zweckmäßigen quadratischen Betonbaus und parkte hinter einer ihr wohlbekannten Harley. Vergebens versuchte sie, ein Lächeln zu unterdrücken. Was zum Teufel hatte Carver hier verloren?

Sie suchte ihn mit den Blicken, als sie dem Sheriff auf die Wache folgte und ihre Füße ein kleines Freudentänzchen aufführten. Carver war jedoch nicht zu sehen.

Die Leute von der State Police und Holdemans Deputies fertigten Schultz und seine Tochter ab. Sheriff Holdeman blieb in dem offenen Großraumbüro stehen und sah zu, wie sich die Tür der Arrestzelle hinter Schultz schloss. Dann musterte sie die wenigen noch verbliebenen Deputies, allesamt Männer.

Es gab keine offensichtlichen Beifallsbekundungen, aber jeder der Männer saß ein wenig aufrechter da und erwiderte den Blick des Sheriffs, die meisten mit einem zufriedenen, anerkennenden Nicken.

Holdeman nickte zurück. Sie hatte es geschafft. Dann öffnete sie die Tür zu ihrem Büro, Caitlyn folgte ihr.

Zumindest besaß Carver genügend Anstand und hatte sich nicht in Holdemans Stuhl gesetzt. Stattdessen lehnte er sich mit selbstgefälligem Lächeln und lässig ausgestreckten Beinen in einem der den Gästen vorbehaltenen Stühle zurück, die Füße über Kreuz gelegt.

»Carver, was hast du hier zu suchen?«, fragte Caitlyn. Grauenvoll, die Worte waren viel zu schnell hervorgekommen, als ob es ihr etwas bedeuten würde.

»Als du sagtest, dass du an einem Korruptionsfall in Blue Balls arbeitest …« Er sprach den zweideutigen Namen des Örtchens extra langsam aus.

»Blue Ball«, verbesserte ihn Sheriff Holdeman automatisch. »Singular.«

»Nein, ich bin mir ziemlich sicher, dass ich zwei …«

»Ermutigen Sie ihn nicht auch noch«, schnitt ihm Caitlyn das Wort ab, konnte sich ein Grinsen jedoch nicht verkneifen.

Carver betrachtete beide Frauen genüsslich, bei Caitlyn ließ er sich jedoch ein wenig mehr Zeit. Sie und Holdeman trugen beide Tarnkleidung, waren beide rothaarig und etwa gleich groß, um die eins achtundsechzig. Caitlyn war jedoch eindeutig die Kurvigere von beiden.

»Ich nehme an, Sie beide könnten mir wegen einer fixen Idee helfen, die mich schon länger plagt«, fuhr Carver schalkhaft fort. »Ich hatte da immer diesen Traum von Zwillingen …«

»Solange auch Handschellen in diesem Traum vorkommen …«, warnte ihn Holdeman, die selbst ein Lachen unterdrücken musste. Caitlyn war das bereits aufgefallen. Holdeman nahm ihre Arbeit sehr ernst, dachte immer zuerst an die Menschen, zu deren Schutz sie angetreten war, aber sie hatte auch einen ziemlich derben Humor. Vermutlich hatte sie nur deswegen so lange in einem von Männern dominierten Beruf ausgehalten.

Carver nickte eifrig. »Handschellen sind immer eine gute Idee.«

Caitlyn musste noch einiges erledigen, und jetzt, da Carver hier war, lag ihr noch mehr daran, das schnell hinter sich zu bringen. »Schluss mit dem Blödsinn. Sheriff Mona Holdeman, darf ich Ihnen Special Agent Jake Carver vorstellen – einer der besten FBI-Spezialisten für Wirtschaftskriminalität, auch wenn man es bei seinem kindischen Betragen nicht vermuten würde.«

»Die haben mich der Steuerbehörde weggenommen.« Carver legte die Arme hinter den Kopf und ließ die Oberarmmuskeln spielen. Bis vor zwei Monaten hatte er verdeckt in einer kriminellen Rockervereinigung ermittelt, und zwar aus dem Grund, weil er eben kein bisschen wie ein Wirtschaftsprüfer aussah. Da er immer noch die Ledermontur für die Fahrt von Virginia nach Pennsylvania trug, ließ er quasi seine Rolle als gut gebauter zwielichtiger Rocker wieder aufleben.

»Mal im Ernst, Carver, weswegen bist du hier?«, wiederholte Caitlyn ihre Frage.

Solange der Staatsanwalt ihn über die anderthalb Jahre seines Undercover-Einsatzes vernahm, sollte er eigentlich in ihrer Wohnung in Manassas bleiben, wo er sicher vor eventuell nachtragenden Rockern wäre. Die erste Vorverhandlung mit den gegnerischen Anwälten stand bevor, und der stellvertretende Bundesstaatsanwalt wollte sicherstellen, dass sein Kronzeuge einsatzbereit war.

Carver starrte sie an und seufzte leise, was er jedoch rasch mit einem weiteren anzüglichen Grinsen überspielte. Doch Caitlyn hatte ihn durchschaut: Er hatte sie vermisst.

Und was noch überraschender war, ihr war es genauso gegangen. Das war nicht, was sie erwartet oder sich gewünscht hätte, also gab sie sich ebenso cool. Hoffentlich konnte er ihr die Freude nicht ansehen. Denn sonst würde sie sich das ewig und drei Tage anhören müssen.

»Mit dem Staatsanwalt war ich schon früher als gedacht durch, und da dachte ich mir, die meisten Korruptionsfälle sind doch aufgedeckt worden, indem Geldströme zurückverfolgt wurden, also könnte ich vielleicht helfen. Erzählen Sie mir von Ihrem Fall, Sheriff.«

Während Holdeman die Vorwürfe gegen Schultz zusammenfasste, nahm Caitlyn auf der anderen Seite des Büros Platz. Sie nannte ihn niemals Jake. Sie wusste auch nicht genau, wieso, schließlich schliefen sie schon seit Monaten miteinander, und er lebte quasi bei ihr.

Nur fühlte es sich irgendwie gar nicht so an, als würden sie zusammenleben. Sie war durch ihre neue Stelle ohnehin ständig unterwegs – mit dem schicken Titel Local Law Enforcement Liaison wurde umschrieben, dass sie den Kommunen dabei half, Fälle zu lösen, die ihnen wegen mangelnder personeller oder finanzieller Ressourcen über den Kopf wuchsen, die aber eigentlich nicht in den Zuständigkeitsbereich des FBI fielen.

Außerdem waren sie und Carver beide selbst ernannte Einzelgänger. Caitlyns letzte Beziehung hatte ein katastrophales Ende gefunden, und sie legte keinen Wert auf eine Wiederholung; ebenso scheute er eine feste Bindung, weil seine erste Ehe grandios gescheitert war. Was Carver selbst zuzuschreiben war, wie er freimütig eingestand. Weiter als bis zu diesen Erkenntnissen waren sie bei Gesprächen über ihre ungeklärte Beziehung zueinander bislang nicht vorgedrungen.

Also nannte sie ihn Carver. Besser als Goose, sein Deckname als Rocker. Dennoch erwischte sich Caitlyn in letzter Zeit manchmal dabei, dass sie ihn – wenn auch nur in Gedanken – Jake nannte. Wenn sie seine Meinung zu einem Fall hören oder ihm interessante Neuigkeiten von ihrem Tag erzählen wollte, rief sie ihn von unterwegs aus an. Sie unterhielt sich gern mit ihm, er hatte stets eine gute Idee parat, und nachdem sie aufgelegt hatte und allein in ihrem Motelbett weit weg von zu Hause lag, träumte sie öfter davon, wie ihre Welt wohl aussehen würde, wenn sie ihn jeden Tag um sich hätte.

Wozu es niemals kommen würde. Denn sobald er ausgesagt hatte, würden sie ihn in eine abgelegene Außenstelle versetzen, fernab von rachsüchtigen Rockern, wo er vermutlich hinter irgendeinem Schreibtisch versauern würde. Verflucht, so wie das FBI und der Staatsanwalt sich aufgeführt hatten, als er seine Aufpasser das erste Mal abgehängt und bei Caitlyn vor der Tür gestanden hatte, weil er nicht in Schutzhaft leben wollte, würde er am Ende noch auf Guam landen. Wenn er Glück hatte. Ansonsten drohte ihm Fairbanks, Alaska.

Carver war nur ein Besucher in ihrem Leben, so viel stand fest. Sich gefühlsmäßig tiefer einzulassen würde ihnen beiden auf lange Sicht nicht gut bekommen. Also blieb es bei Carver. Außer in ihren Träumen.

Sheriff Holdeman hatte ihre Zusammenfassung beendet. »Schultz hat jahrelang betrügerischen Bauunternehmen Projekte zugeschustert, illegal Provisionen dafür eingestrichen und dieselben Firmen dann erneut beauftragt, um die schlechte Arbeit auszubessern, die sie zuerst geleistet hatten. Unsere Schulen verfallen, das Dach vom Krankenhaus ist löchrig wie ein Sieb – nach einem Schneesturm mussten wir das Gebäude sogar evakuieren, weil der schmelzende Schnee Kurzschlüsse ausgelöst hat –, und es gibt Brücken bei uns, die nur auf eine starke Windböe warten, die sie umwirft.

»Ein Wunder, dass noch niemand umgekommen ist – und meine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass das alles aufhört, ehe es so weit kommt.« Niemand konnte Holdeman vorwerfen, dass sie ihren Beruf nicht mit Leidenschaft ausübte. Das war einer der Gründe, warum Caitlyn diesen Fall angenommen hatte und persönlich hierhergefahren war, um zu helfen.

»Wow«, sagte Carver. »Jetzt weiß ich, warum Sie gewählt wurden, Sheriff. Wie kann ich Ihnen dabei helfen, diesen Scheißkerl festzunageln?«

Maria presste beide Hände fest vors Gesicht, atmete tief durch. Sie roch ihren eigenen Schweiß, den Geruch nach Angst. Schnell war ihr klar geworden, dass Wegrennen wegen der verräterisch raschelnden Zweige nicht die beste Wahl war, und hatte sich deshalb lieber ein Versteck gesucht, während der Mann mit der Narbe noch Verstärkung zusammenrief.

Darin war sie auf jeden Fall richtig gut – sich zu verbergen. Seit ihrer einsamen Kindheit, dem ewigen Kampf um die Anerkennung ihres Vaters, hatte sie sich in die Welt aus Büchern und Träumen geflüchtet. Zwar hatte sie auch andere Talente. Über ihr räumliches Sehvermögen sagte ihr Vater immer, es wäre, als hätte sie eine 3-D-Brille auf, weil sie Dinge zum Leben erwecken konnte. Diese Fähigkeit hatte ihr auch dabei geholfen, den Tempel auf den Satellitenaufnahmen ausfindig zu machen. Doch wenn es nach ihrem Vater gegangen wäre, hätte Maria dieses Talent nicht für archäologische Studien, sondern für die Erforschung von Proteinstrukturen und Enzymen eingesetzt – für sein Biotechnologie-Unternehmen. Unendlich langweilig.

Schon als Kind hatte sie stets die besten Verstecke ausfindig gemacht, Orte, die den anderen zu klein oder von der Form her ungeeignet erschienen, als dass ein Mensch dort hineinpassen würde. Wie dieser morsche Baumstumpf hier. Auf den ersten Blick war der Boden um ihn herum kahl, Maria war jedoch eine Mulde unter einer der großen Wurzeln aufgefallen, die teilweise von den tief hängenden Zweigen eines anderen Baumes bedeckt war. Breite, flache Blätter. Sie hatte keine Ahnung, um was für einen Baum es sich handelte, ob Palme, Bananenbaum oder himmlisches Manna … jedenfalls hatte sie im Schatten und unter der Wurzel ein perfektes Schlupfloch gefunden.

Sie ignorierte die umherkrabbelnden Insekten, machte sich so klein wie möglich und grub sich tiefer in die weiche Erde, wartete und wagte kaum zu atmen.

Ihr Herz schlug so heftig und schnell, dass sie überzeugt war, die Blätter der anderen Bäume über dem Stumpf müssten erzittern. Doch hier würde sie niemand finden, es sei denn, ihre Verfolger nahmen sich die Zeit, jeden einzelnen toten Baum auf Herz und Nieren zu prüfen oder sämtliche tiefliegenden Äste anzuheben, um darunter nachzusehen.

Eine Zeit lang war sie hier sicher. Außer sie kamen mit einer ganzen Armee. Maria hatte jedoch zusammen mit dem Mann mit der Narbe, der Prescott erschossen hatte, nur fünf Männer gezählt.

Sie war immer noch verwirrt, wegen dem, was er zu Prescott gesagt hatte. Hatte Prescott sie etwa hierhergeführt, weil er gehofft hatte, ganz allein den Schatz zu finden? Aber der Mann hatte auch erwähnt, Prescott hätte sie zu El Doctor bringen sollen – damit musste er Professor Zigler gemeint haben. Der Professor, was würden die Männer ihm und seinem Team antun? Er war schon alt, über siebzig, ihn würden sie doch sicher nicht anrühren … Die Erinnerung an Prescotts blutüberströmtes Gesicht löschte diesen kleinen Hoffnungsfunken gleich wieder aus.

Während sie so zusammengekauert dalag und ihr nach und nach alle Gliedmaßen einschliefen, entwarf sie im Geiste eine Karte von der Umgebung. Der Tempel lag weniger als drei Kilometer Luftlinie von hier in nordöstlicher Richtung, etwas mehr, wenn man die Straße nahm. Die würde sie aber ohnehin meiden müssen. Die nächste Stadt war über fünfunddreißig Kilometer weit entfernt, das konnte sie also vergessen. Aber wenn sie sich bis zum Fluss durchschlug, könnte sie ihm in Richtung der Berge bis zu dem Krankenhaus folgen, das sie auf einer der Karten gesehen hatte. An dem verschlungenen Fluss entlang würde sie zwar wesentlich länger brauchen, aber es wäre sicherer als die Straße. Sie musste es also nur bis zum Fluss schaffen.

»Maria«, rief eine Männerstimme, und löste damit wildes Vogelgekreische aus. Sie hörte einen leichten spanischen Akzent heraus. »Wir werden dir nichts tun. Wir sind hier, um dir zu helfen. Komm raus.«

Ja, genau. Hielten die sie für dämlich? Prescott hatte es vielleicht auf den Schatz abgesehen gehabt, aber diese Männer hier waren Mörder.

Ihre Verfolger standen zwischen ihr und der Straße, aber das war gut. Dorthin wollte sie sowieso nicht zurück. Was die wiederum nicht erwarten würden.

»Wir brauchen sie lebendig«, wies der Mann seine Komplizen an. »Schwärmt aus und sucht die Strecke bis zur Straße ab. Sie kann nicht weiter als bis hierhin gekommen sein, wir werden sie ins offene Gelände treiben.«

Nein, das werdet ihr nicht, dachte sie dickköpfig. Ihr taten die Beine weh, und der Drang, sich zu bewegen, wurde langsam übermächtig. Sie biss sich auf die Innenseite der Wange, um sich durch diesen Schmerz von dem anderen abzulenken.

Unter lautem Geraschel trampelten die Männer durchs Unterholz. Vor ihrem geistigen Auge sah sie geschwungene Macheten und Maschinengewehre. Einer von ihnen hob tatsächlich die Blätter auf der anderen Seite des Baumes an, der sie verbarg.

Maria schloss die Augen und erwartete, jeden Moment von einer Kugel getroffen zu werden. Ihr Herzschlag pulsierte an ihren Schläfen, ihr Brustkorb zog sich eng zusammen.

Dann war der Mann fort. Sie verspürte plötzlich den dringenden Drang zu pinkeln und versuchte, sich davon abzulenken, indem sie an etwas anderes – irgendetwas anderes –dachte. Ihr Vater kam ihr in den Sinn, mit seiner militärischen Haltung, der ernsten Miene und dem finsteren Blick, mit dem er jeden bedachte, der es wagte, sich ihm zu widersetzen. Doch hinter dieser Fassade war er so unglücklich, dass Maria jedes Lächeln von ihm wie einen Schatz hütete. Sie dachte an ihre Mutter, mit der Schönheit und Eleganz einer Königin, stets würdevoll und selbstbewusst, das Gegenteil von Maria.

Sie wünschte, sie wäre nie von zu Hause fortgegangen. Sie hätte auf ihre Eltern hören sollen. Die beiden hatten recht. Sie gehörte sicher nach Hause, wo sie es sich mit einem ihrer Bücher gemütlich machen konnte.

»Maria, bitte, lass uns dir helfen«, rief der Mann. »Dein Vater schickt uns. Wir sind alte Freunde von ihm aus Armeezeiten. Er macht sich große Sorgen um dich.«

Maria spitzte die Ohren, hoffte wider besseres Wissen darauf, eine vertraute Stimme zu erkennen. War ihr Vater ihr etwa auf die Schliche gekommen? War er hier, um sie zu retten?

»Es wird bald dunkel«, fuhr der Mann fort. »Du kannst hier draußen im Dschungel nicht allein überleben. Nicht in der Nacht. Dann gehen die Jaguare auf die Jagd.«

Sie gab keinen Mucks von sich. Wenn diese Männer ihren Vater kannten und sie retten wollten, warum hatten sie dann Prescott getötet?

Lügen. Alles, was der Mann erzählte, waren Lügenmärchen. Ihr Vater würde nicht kommen. Sie war auf sich allein gestellt. Schweiß mischte sich in die Tränen, die sie nicht länger zurückhalten konnte, dennoch bemühte sie sich, so leise wie möglich zu sein.

»Maria, hast du je einen Jaguar gesehen? Seine Krallen sind so scharf, dass sie einen Mann mit nur einem Hieb aufschlitzen können.«

Jetzt hatte sie dieses Bild vor Augen, während sie im Dunkel kauerte, eingehüllt vom Gestank nach Fäulnis. Die Geräusche des Dschungels verstummten, die Stille war erdrückend.

Einer der Männer brüllte laut und gab einen Schuss ab. Ein Jaulen war zu hören, dann hallte ein Schmerzensschrei durch die Luft, bei dem sich jeder Muskel ihres Körpers verkrampfte.

»Nicht schießen!«, schrie der Mann. »Wir brauchen sie lebend.«

Die Schreie wurden lauter und kamen aus allen Richtungen, als ob eine Heerschar gequälter Seelen durch den Dschungel stürmen würde.

»Verdammte Brüllaffen«, fluchte einer der Männer, der gerade an Marias Baumstumpf vorbei zu dem Mann rannte, der den Schuss abgegeben hatte.

Es folgte ein Durcheinander aus Spanisch und Englisch, gefolgt von rauem Gelächter. Wenn Maria das richtig interpretierte – ihre Spanischkenntnisse beschränkten sich auf Begrüßungsfloskeln und darauf, wie man ein Bier bestellte –, dann war der Mann wohl gestolpert und hatte versehentlich geschossen. Nur gut, dass er nicht irgendwo in die Nähe von Marias Versteck gezielt hatte.

»So weit kann sie nicht gekommen sein, besser wir gehen zurück zur Straße.« Die Schritte entfernten sich.

Sie wagte nicht, den Kopf zu heben und nachzuschauen, aber sie spürte, wie sich die Bäume über ihr bogen, als die Gruppe Brüllaffen unter ohrenbetäubendem Gekreische an ihr vorbeizog. Nachdem sie fort waren, kehrte wieder Normalität im Dschungel ein. Von den Männern war nichts zu hören. Nur die heiseren Schreie der Papageien, das Quaken der Frösche und raschelndes Unterholz, in dem jede Menge Kleingetier herumwuselte.

Dennoch wartete Maria weiter ab. Nicht sicher, ob sie sich bewegen könnte, selbst wenn sie wollte. Ihre Beine waren taub. Der Mund staubtrocken. Zu gern hätte sie einen Schluck Wasser genommen, aber sie traute sich nicht, nach der Flasche an ihrem Gürtel zu greifen. Ihre Bauchtasche mitsamt Inhalt war alles, was ihr zum Überleben geblieben war: eine Flasche Wasser, ein Energieriegel, ein Kopftuch, Block und Stift, ein Kompass und ihr Handy.

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