Logo weiterlesen.de
Wenn der Sturm tobt

Inhalt

  1. Cover
  2. Über das Buch
  3. Über die Autorin
  4. Titel
  5. Impressum
  6. Was bisher geschah …
  7. Personen
  8. Kapitel 14, Teil 2
  9. Kapitel 15
  10. Kapitel 16
  11. Kapitel 17
  12. Kapitel 18
  13. Kapitel 19
  14. Kapitel 20
  15. Kapitel 21
  16. Kapitel 22
  17. Kapitel 23
  18. Kapitel 24
  19. Kapitel 25
  20. Kapitel 26
  21. Kapitel 27
  22. Kapitel 28
  23. Kapitel 29
  24. Kapitel 30
  25. Kapitel 31
  26. Epilog
  27. Zweiter Epilog
  28. Danksagung

Über das Buch

Sommer hat ein Problem. Dilys hört nicht auf, sie zu umwerben, egal wie häufig sie erklärt, dass sie ihn nicht heiraten wird. Sie kann nicht mit ihm zusammen sein – ihre Magie ist zu unkontrollierbar. Doch nicht nur Sommers Magie birgt Gefahren, auch tödliche Feinde schmieden im Verborgenen einen schrecklichen Plan. Als Sommer und ihre Schwestern vom mächtigsten Sklavenhändler Mystrals entführt werden, nimmt Dilys die Verfolgung auf. Ein Liebesbeweis, der Sommer alle Bedenken vergessen lässt …

Über die Autorin

C. L. Wilson wurde in Houston, Texas geboren. Ihre Eltern arbeiteten bei der NASA, und schon als Kind liebte sie Mythen und Geschichten über andere Welten. So ist es kein Wunder, dass sie Schriftstellerin wurde. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Kindern an der Golfküste Floridas.

C. L. WILSON

WENN DER STURM TOBT

ROMAN

Aus dem amerikanischen Englisch
von Anita Nirschl

~~~

Was bisher geschah …

Dilys Merimydion, Prinz der Calbernischen Inseln, wünscht sich nach Jahren des Krieges nichts sehnlicher als eine Ehefrau, die er lieben und umsorgen kann. Er hat eine Vereinbarung mit der Königin von Winterfels, dass seine Männer während eines Besuchs in Winterfels drei Monate Zeit haben, interessierte Frauen aus ihrem Königreich für sich zu gewinnen. Dilys selbst darf die drei Jahreszeiten von Sommergrund umwerben.

Da Calberna eine starke, selbstbewusste Thronfolgerin braucht, wird Dilys vom Rat der calbernischen Königin angewiesen, zwischen Frühling und Herbst Coruscate zu wählen, den mächtigeren Wettermagierinnen. Er selbst fühlt sich viel mehr zu der schüchternen Sommer hingezogen, der jedoch nachgesagt wird, die sanfteste und auch schwächste der drei Jahreszeiten zu sein.

Sommer hat nämlich inzwischen die gutmütige Maske perfektioniert, die sie der ganzen Welt zeigt. Von klein auf hat sie gelernt, für Harmonie zu sorgen und keine starken Gefühle zuzulassen. Denn nur so kann sie die gefährliche Magie in sich kontrollieren, eine Magie, die weit über ihre Wettergaben hinausgeht. Deswegen darf sie sich auch nie erlauben, zu lieben. So, wie ihr Vater ihre Mutter liebte – denn er ist nach dem Verlust dieser Liebe wahnsinnig geworden. Sommer trägt eine viel größere Macht in sich als ihr Vater. Wenn sie diesem Wahnsinn verfallen würde, wären die Konsequenzen unvorstellbar.

Dennoch wird sie von dem Verlangen überwältigt, das Dilys in ihr weckt, und lässt sich zu einem leidenschaftlichen Kuss hinreißen. Ohne es zu ahnen, knüpft sie damit ein magisches Band zwischen sich und ihm, das calbernische Paare miteinander verbindet. Sie setzt sofort ihre Überredungsgabe ein, um ihn alles vergessen zu lassen. Doch aufgrund ihres starken Bandes lässt die Überredung bald nach, und schließlich verrät ihre Magie sie endgültig.

Denn was sie bisher nicht wusste: Sie ist eine Sirene, die erste seit zweitausendfünfhundert Jahren. Und das bleibt den Calbernianern, dem Volk, das seine Sirenen so schmerzlich vermisst, nicht lange verborgen.

Obwohl Sommer sich weiterhin hartnäckig weigert, auf seine Brautwerbung einzugehen, lässt Dilys nicht locker. Er weiß, dass sie füreinander bestimmt sind. Und er weiß, wie man eine Frau verführt … Mit allen Mitteln versucht er, Sommer für sich zu gewinnen. Sie merkt, wie ihr Widerstand immer mehr bröckelt, als sie Dilys’ Einladung zu einem gemeinsamen Abendessen folgt – um ihm erneut zu sagen, dass sie ihn nicht heiraten wird …

Personen

Gabriella Coruscate, Prinzessin Sommer von Sommergrund, verfügt über Wettermagie, ist die erste Sirene seit zweitausendfünfhundert Jahren

Dilys Merimydion, Prinz des Hauses Merimydion, hat sich in den Kopf gesetzt, Gabriella für sich zu gewinnen und zu heiraten

Frühling und Herbst Coruscate, Prinzessinnen von Sommergrund, Gabriellas Schwestern

Chamsin Coruscate, Königin von Winterfels, Gabriellas Schwester

Wynter Atrialan, König von Winterfels, Gabriellas Schwager

Arilon Calmyria, Dilys’ Cousin, auch Ari genannt

Ryllian Ocea, Dilys’ Cousin, auch Ryll genannt

Myerial Alysaldria I., Königin der Calbernischen Inseln, Dilys’ Mutter und Matriarchin des Hauses Merimydion

Calivan Merimydion, Dylis’ Onkel, Zwillingsbruder der Myerial

Nemuan Merimynos, Dilys’ Cousin, Sohn der ehemaligen Königin der Calbernischen Inseln

Mur Balat, Mystrals berüchtigtster und gefürchtetster Sklavenhändler

Der Hai, geheimnisvolle Gestalt, Anführer von Piraten, die seit einiger Zeit in der Nähe von Calberna Schiffe angreifen und versenken

Kapitel 14, Teil 2

Die Nachricht, dass Prinzessin Gabriella Coruscate seiner Einladung zum Abendessen Folge leisten würde, erreichte Dilys lange bevor die Frau selbst in Sicht kam, die er zu heiraten beabsichtigte.

Dilys Merimydion, Prinz der Calbernischen Inseln, stand im gesprenkelten Schatten der weinumrankten Laube in den Gärten des Palastes von Konumarr. Die Abendsonne schien kühl auf ihn herab, während eine sanfte Brise flüsternd über seine Haut strich und den Geruch des Meeres und die duftende Schönheit des Gartens an ihn herantrug.

Hinter ihm, zum Wohlgefallen seiner Lady gedacht, standen ein kleiner, gemütlicher, mit strahlend weißem Leinen gedeckter Esstisch, zwei gepolsterte Stühle und ein silberner Weinkühler mit frischem Eis und einer geöffneten Flasche des feinsten süßen Schaumweins aus den Kellern von Cali Va’Lua, dem königlichen Palast von Calberna.

Nach dem Wein hatte er an dem Tag schicken lassen, an dem ihm klar geworden war, dass Gabriellas Kälte ihm gegenüber nichts mit mangelndem Interesse zu tun hatte. Er hatte ihn diese Woche abgeholt, während er die nächste Stufe seiner Belagerung geplant hatte, um die Festung zu erobern, die Gabriella Coruscates Herz darstellte.

Jetzt, als er hier auf ihre Ankunft wartete, nahm Dilys eine eigenartige Enge in seiner Brust und eine unangenehme Unruhe in seinem Bauch wahr. Seine Hände, die sonst locker an seinen Seiten ruhten, öffneten und schlossen sich zu Fäusten.

Nervosität, erkannte er.

Er war nervös.

Es war das erste Mal, dass sie die Entscheidung getroffen hatte, zu ihm zu kommen. Das erste Mal, dass sie ihre Bereitschaft andeutete, seine Werbung in Betracht zu ziehen.

Sie glaubte vielleicht, dass sie kam, um ihn abzuweisen. Wie er seine sprunghafte kleine Honigrose kannte, hatte sie genau das im Sinn. Aber ganz ungeachtet ihrer Absichten – sie hatte die Entscheidung getroffen, zu ihm zu kommen. Sie hatte seine Einladung angenommen und folgte nun dem Pfad, den er für sie ausgebreitet hatte …

Jetzt lag es gänzlich an ihm, dafür zu sorgen, dass sie blieb, wenn sie bei ihm war.

Allein und schweigend stand er da, als sie kam. Die langen, grünlich-schwarzen, in sich gedrehten Stränge seines Haars fielen ihm über den nackten Rücken. Er trug seine typische calbernische Tracht, eine um die Hüften geschlungene, strahlend weiße Shuma, die von einem mit Diamanten besetzten Gürtel aus reinem Platin gehalten wurde. Mit unverwandtem Blick beobachtete er Gabriella und nahm ihre sanfte, beruhigende Schönheit in sich auf. Sie trug ein zartes Kleid in der Farbe von Lavendel, ein hübscher Pastellton, der ihren schönen blauen Augen eine leicht violette Nuance verlieh. Die dichte, schwarze Fülle ihres Haars war zu einem kunstvollen Arrangement aus Locken und Zöpfen aufgetürmt, wobei ihr eine Kaskade langer Locken über den Rücken bis zur Taille fiel. An den Füßen trug sie schmale lavendelfarbene Pantoffeln.

»Du siehst außerordentlich schön aus heute Abend, Gabriella. Die Farbe steht dir.«

»Danke.« Ihre Stimme war kühl, sachlich. »Seelord Merimydion, ich dachte, ich hätte vollkommen deutlich gemacht, dass …«

»Dilys«, korrigierte er. »Nenn mich Dilys.« Er sprach absichtlich leise, was seinen Namen zu einem so heiseren Flüstern machte, dass es beinahe ein Schnurren war. Seine hellen, wachsamen Augen bemerkten das winzige Stocken ihres Atems, das leichte Erschaudern, das sie nicht unterdrücken konnte. Er verbarg ein Lächeln. Oh ja, sie glaubte, sie sei gekommen, um seine Brautwerbung ein für alle Mal zu beenden.

Er hatte aber nicht die Absicht, das zuzulassen.

»Komm, moa leia, setz dich.« Er ging zu dem gedeckten Tisch unter der Laube und zog einen Stuhl für sie heraus, aber sie machte keine Anstalten, sich zu setzen.

»Seelord … Dilys«, verbesserte sie sich, als er einen warnenden Blick in ihre Richtung warf. »Das hier muss aufhören.«

»Wovon sprichst du, Gabriella?«

»Den Blumen, den Nachrichten, den Geschenken. Dem hier!« Sie wies auf den wunderschön gedeckten Tisch unter der Laube, zu den Dienern, die in taktvoller Entfernung stramm auf Dilys’ Anweisungen warteten. »Das alles!«

Er nahm ihre Hand. Sie war so zierlich im Vergleich zu seiner, die schlanken Finger unglaublich zart. Ihre braune Sommerländerhaut war weich und glänzte seidig. Er führte die Hand an seine Lippen und hauchte einen langen Kuss auf die köstlich duftende Haut, dann sagte er ruhig: »Nein.«

Ihre Lippen teilten sich überrascht. So weiche, rosige, köstliche Lippen. Er wollte sie so gerne küssen.

»›Nein‹? Wie meint Ihr das?«

Er küsste ihre Hand noch einmal – ein schwacher Ersatz für ihre vollen, feuchten Lippen, aber besser als nichts – und antwortete: »Ich meine nein, Gabriella. Ich werde mein Recht, um dich zu werben, nicht aufgeben.«

»Euer Recht?« Ihre Nasenflügel bebten, und ihre Augen blitzten. Er hatte ihre Augen noch nie diese Schattierung von Blau annehmen sehen. Eher wie Feuer als der Himmel, heiß und elektrisierend. Er liebte es.

»Wenn Ihr glaubt, Ihr hättet ein Recht auf irgendeinen Teil von mir, dann irrt Ihr Euch, Sir!«, fuhr Gabriella fort. »Meine Schwester, Königin Chamsin von Winterfels war doch sehr deutlich.« Ihre Betonung des Wortes Königin brachte ihn beinahe zum Lächeln. Als ob der Titel ihrer Schwester ihn überreden könnte, seinen Kurs zu ändern. Ihn, den Sohn der Myerial von Calberna, Enkel zu vieler Myerials, um sie zu zählen! »Sie hat ganz klar gesagt, dass weder ich noch meine anderen beiden Schwestern Eure Werbung annehmen müssen. Und ich ziehe es ganz gewiss vor, sie nicht anzunehmen. Also vielen Dank für die Einladung zum Abendessen, aber ich muss diese und auch jede zukünftige Einladung, die Ihr zu machen gedenkt, leider ablehnen.« Sie zog an ihrer Hand, um sie aus seinem Griff zu befreien, doch seine Finger hielten ihr zartes Handgelenk mit sanftem, aber unnachgiebigem Druck fest.

Sie zog fester. Probierte es erneut. Versuchte, seine Finger von ihrem Handgelenk zu lösen.

Er blieb unbeweglich wie ein Fels. Die Luft um sie herum wurde wärmer und der Wind kräftiger. Gabriella rief nicht oft unbeabsichtigt ihre Wettergaben, denen sie ihren Gabennamen Sommer verdankte – wahrscheinlich, weil sie ihr ganzes Leben damit verbracht hatte, ihre Gefühle und ihre Gaben fest unter Kontrolle zu halten –, aber jetzt tat sie es. Der Wind ließ den Stoff seiner Shuma flattern, aber Dilys hätte eine aus Stein gemeißelte Statue sein können. Als sie sich mit dem ganzen Gewicht ihres schlanken Körpers zurückwarf, um zu entkommen, schwankte kein Teil von ihm auch nur um den Bruchteil eines Zolls.

»Lasst mich los!«, rief sie.

Er schenkte ihr ein träges Lächeln. »Nein.«

Süße Göttin des Meeres, sie war bezaubernd. Ihr Gesicht war gerötet, ihre Augen sternenklar. Die schönen Brüste hoben und senkten sich vor Anstrengung, wodurch die sanften Rundungen gegen das enge Mieder ihres lavendelfarbenen Kleids drängten, als sie um Atem rang. Wenn er auch nur einen Augenblick lang geglaubt hätte, dass sie es zuließe, dann hätte er sie auf der Stelle ins süße Gras gelegt, ihr dieses Kleid vom Leib gerissen und jeden weichen, köstlichen, berauschenden Zoll von ihr verschlungen, bis dieser Vulkan in ihr ausbrach und sie ihn mit all diesem schönen, mächtigen, sengenden Feuer ertränkte, das sie so fest verschlossen hielt.

»Ihr habt kein Recht, mich hierzubehalten«, sagte sie ihm.

Das Lächeln auf seinem Gesicht verblasste. Mit absoluter Ernsthaftigkeit und aller Zärtlichkeit der Welt erwiderte er: »Aber doch, das habe ich, Gabriella. Ich habe für dieses Recht mit dem Blut bezahlt, das ich vergossen habe, und mit den Männern, die ich im Eis und Schnee der Schlachtfelder von Winterfels verloren habe.«

Sie erstarrte, ihre feurige Leidenschaft vorübergehend gedämpft.

»Der Vertrag, den ich mit deinem Bruder Milan geschlossen hatte, gab mir das Recht, dich zu meiner Liana zu nehmen, mit oder ohne deine Einwilligung. Dieses Recht gab ich auf, als ich meinen Vertrag mit deinem Bruder brach. Aber mein Vertrag mit deiner Schwester Chamsin garantiert mir immer noch das Recht, um dich zu werben. Drei Monate, um dich und deine beiden Schwestern, die drei Jahreszeiten von Sommergrund, zu umwerben. Die habe ich mir erkauft, als ich mich deiner Schwester anschloss, um den Eiskönig zu besiegen. Ich war geduldig, weil ich anfangs so viele Fehler bei dir gemacht habe. Aber von heute an beabsichtige ich, jeden Tag der Brautwerbung einzufordern, der mir zusteht.«

Er hatte die letzten sieben Tage damit verbracht, sich zu entscheiden, wie er bei ihr am besten weiter vorgehen sollte. Nun, da er besser verstand, warum sie ihn so entschlossen abwies, hatte er sich einen anderen Plan überlegt, um sie für sich zu gewinnen. Sie war eine Sirene. All die Geschenke, die er mit solcher Sorgfalt ausgewählt und mit denen er sie überschüttet hatte, spiegelten seine unablässig wachsende Hingabe wider. Es waren freimütig gegebene Geschenke der Liebe, was der Macht einer Sirene nur noch mehr Nahrung gegeben und sie in ihrer Entschlossenheit, ihn abzuweisen, bestärkt hatte. Er hatte unwissentlich genau die Mauern verstärkt, die er einzureißen versuchte. Und er hatte es aus der Ferne getan – ohne die persönliche Interaktion und Kameradschaft, die vielleicht dabei geholfen hätten, diese unnachgiebigen Mauern zu schwächen.

Also hatte er seine Taktik geändert. Er hatte die Geschenkeflut beendet, in der Hoffnung, dadurch ein Vakuum des Brauchens zu erzeugen, das für ihn anstatt gegen ihn arbeitete. Es war äußerst schwierig gewesen, sich ihr in dieser letzten Woche vorzuenthalten. Er war bereits an sie gebunden, und ihr vollständig fernzubleiben – sich nicht einmal einen verstohlenen Blick auf sie zu erlauben, damit seine eigene Entschlossenheit nicht ins Wanken geriet – war das Schwerste, das er je in seinem Leben getan hatte. Es schmerzte ihn körperlich, so lange von ihr getrennt zu sein, während die Dinge zwischen ihnen noch nicht geklärt waren.

Aber gestern, als sie seinen Cousin Ryllian aufgesucht hatte, um ihn zu fragen, ob Dilys die Stadt verlassen habe, hatte er gewusst, dass seine Strategie funktionierte. Und jetzt war es Zeit für die nächste Phase seines neuen Plans: sie dazu zu zwingen, sich mit seiner Hilfe ihren Ängsten zu stellen.

Er deutete auf den Stuhl neben sich. »Bitte, moa kiri, setz dich. Ingarra, die Köchin deines Schwagers, hat etwas Besonderes für uns zubereitet. Du willst doch bestimmt nicht, dass ihre Mühe umsonst war.«

Sommer setzte sich. Eine andere Frau hätte sich vielleicht in einem Anfall von Groll trotzig auf den Stuhl plumpsen lassen, aber Gabriella war, wie immer, äußerst anmutig. Sie ließ sich mit einer geschmeidigen, mühelosen Eleganz auf den Stuhl sinken, einer Eleganz, die völlig im Widerspruch zu dem schwelenden Ausdruck in ihren Augen und der Anspannung in ihrem zarten Kiefer zu stehen schien.

Er streichelte als eine letzte Liebkosung mit dem Daumen über ihre Hand, dann ließ er sie widerstrebend los. Mit einem kurzen Nicken zu den wartenden Dienern nahm er ebenfalls Platz.

Die höfische Etikette verlangte eigentlich, dass er ihr an dem kleinen Tisch gegenübersaß, aber er wollte nicht einmal diesen geringen Abstand zwischen ihnen haben. Deswegen stellte er seinen Stuhl seitlich zu ihr, nah genug, dass er erneut ihre Hand hätte nehmen können, als sie die gefaltete Serviette von ihrem Teller nahm.

Der erste Gang wurde vor ihnen aufgetragen. Ein delikates kaltes Sommersüppchen aus frischen pürierten Früchten und süßem Nektar. Ein makellos gekleideter Diener schenkte ihnen perlenden goldenen Wein in die schlanken Kristallflöten neben ihren Tellern ein.

Sie ignorierte sowohl das Süppchen als auch den Schaumwein und sah ihn finster an. »Selbst wenn Ihr das Recht erworben habt, hat es keinen Sinn, Euch die Mühe zu machen, um mich zu werben«, sagte sie ihm unverblümt. »Es wird Euch nichts nützen. Ich werde Euch nicht heiraten.«

»Umwerben werde ich dich dennoch. Wie durch meinen Vertrag mit deiner Schwester festgelegt.«

»Ihr verschwendet nur unser beider Zeit und vertut die Gelegenheit, für die Ihr so teuer bezahlt habt, wie Ihr sagt. Wenn Ihr wirklich eine Jahreszeit als Eure Liana haben wollt, dann solltet Ihr Eure Bemühungen auf Frühling oder Herbst konzentrieren. Die mögen Euch wenigstens.« Sie funkelte ihn an und fügte spitz hinzu: »Ich nicht.«

Er fragte sich, ob sie wirklich glaubte, dass ihre finstere Miene ihn abschrecken würde oder dass er ihre erklärte – und in Wahrheit vorgetäuschte – Abneigung gegen ihn als irgendetwas anderes als eine Herausforderung aufnehmen könnte. Einen Moment lang war er versucht, ihr zu sagen, wie schön, wie absolut bezaubernd er sie fand, wenn sie wütend war. Aber wenn er ihr sagte, wie sehr er ihr Temperament schätzte, würde sie versuchen, es zu unterdrücken. Das Letzte, was er von ihr wollte, war diese gelassene Maske, die sie bei allen anderen trug.

Also lächelte er stattdessen ruhig in ihre flammenblauen Augen und sagte: »Vergiss nicht, moa kiri, der Preis für jede Lüge ist eine Intimität meiner Wahl.« Aber anstatt sie zu einem weiteren Kuss zu drängen, sagte er: »Probier das Süppchen, shishi. Die Köchin hat sie mich diese Woche bereits versuchen lassen. Sie ist mit nichts zu vergleichen, was ich bisher je gekostet habe. Ein süßer Traum für die Zunge.« Er aß einen Löffel davon und schloss mit einem genießerischen Laut die Augen. »Sogar noch besser, als ich sie in Erinnerung hatte. Ich meine es ernst, Gabriella, das musst du probieren.« Nur um sie ein wenig zu reizen und diese Augen noch etwas stärker blitzen zu lassen, füllte er seinen Löffel erneut und hielt ihn ihr an die Lippen, als intime Forderung, die Suppe zu versuchen.

Er hatte unterschätzt, wie kurz vor dem Ausbruch der schlafende Vulkan ihres Temperaments wirklich war.

Sie schlug nach seiner Hand, sodass die Suppe über das blütenweiße Tischtuch spritzte und sein Löffel klirrend auf die Pflastersteine fiel.

~~~

»Ich bin nicht an der Suppe interessiert! Und Ihr könnt diesen Vertrag mit meiner Schwester nehmen und ihn Euch in den …« Gabriella brach den Rest ihres vulgären Befehls ab, warf ihre Serviette auf den Tisch und machte Anstalten, aufzustehen. Sie war fertig mit Dilys Merimydion. So was von fertig.

Dilys’ Hand schnellte vor, um sie am Handgelenk zu fassen. Sie stieß zwischen zusammengebissenen Zähnen einen schrillen Wutschrei hervor und wollte ihre Hand aus seinem Griff losreißen, doch der Ausdruck auf seinem Gesicht ließ sie erstarren.

Zum ersten Mal, seit der Prinz von Calberna nach Konumarr gekommen war, funkelte echter Ärger in seinen Augen und verwandelte das warme geschmolzene Gold in ihnen in etwas Kaltes, Hartes und Furchteinflößendes. Nicht furchteinflößend, weil sie fürchtete, er würde ihr weh tun. Nun, vielleicht ein bisschen. Schließlich war er todbringend. Aber hauptsächlich war der Ausdruck in seinen Augen deshalb furchterregend, weil ihr bewusst wurde, dass sie nicht wollte, dass er sie jemals wieder so ansah. Nie wieder.

»Mein Vertrag mit deiner Schwester hat viele Leben gekostet – manche davon waren mir so teuer, dass ihr Verlust ein Loch in meinem Herzen hinterlassen hat, das nie wieder geschlossen werden wird. Also nein, ich werde das Opfer meiner calbernischen Männer und meiner Freunde nicht entehren, indem ich das Recht wegwerfe, für das sie mit ihrem Leben bezahlt haben.« Jedes Wort war ein scharfer Schlag, der auf ihrer Haut brannte. »Ebenso wenig werde ich zulassen, dass du deine Schwester entehrst, indem du dich nicht an die Bedingungen ihres Schwurs hältst, und ich lasse dich nicht die Köchin deines Schwagers beleidigen, indem du dich weigerst, das Mahl zu würdigen, das sie eine ganze Woche lang geplant und vorbereitet hat, um dir eine Freude zu bereiten. Du bist besser als das, Gabriella Coruscate. Benimm dich entsprechend.«

Ihre Wangen brannten heiß, und der Mund blieb ihr offen stehen. Der vorübergehende Schmerz, den sie verspürt hatte, als er seine verlorenen Freunde erwähnt hatte – sie kannte die schreckliche Qual von Verlust –, versiegte sofort, als er die geißelnde Anklage auf sie richtete. Sie konnte nicht glauben, dass er sie gerade gemaßregelt hatte – noch dazu mit so rasiermesserscharfer Heftigkeit! Sie biss sich auf die Lippe, sank auf ihren Stuhl zurück und starrte betont auf die Hand, die ihr Handgelenk festhielt, bis er sie wieder freigab. Dann legte sie die Serviette zurück auf ihren Schoß. »Ich dachte, Calbernianer seien stolz darauf, einer Frau gegenüber nie die Beherrschung zu verlieren.«

»Ich habe nicht die Beherrschung verloren, Gabriella. So etwas würde mir dir oder irgendeiner anderen Frau gegenüber nie passieren. Aber ich werde nicht stumm danebenstehen, während du dich dadurch beschämst, dass du keine Rücksicht auf die Opfer, Schwüre oder Bemühungen anderer nimmst.«

Gekränkt, aber unfähig, sich gegen einen wahren Vorwurf zu verteidigen, saß sie in betretenem Schweigen da, während die Diener das bekleckerte Tischtuch und den bespritzten Blumenschmuck ersetzten, die Ränder der beiden Suppenteller sauberwischten und Dilys einen sauberen Löffel brachten. Sie fühlte sich wie ein ungezogenes, unhöfliches Kind ohne Manieren. Das Gefühl gefiel ihr kein bisschen.

»Danke«, sagte sie kleinlaut, als die Diener damit fertig waren, ihre Schweinerei sauberzumachen.

Die Frau, die das Blumengesteck durch eine neue Vase mit Blumen ersetzt hatte, machte einen Knicks. »Es war mir ein Vergnügen, Euer Hoheit«, sagte sie.

Die Diener zogen sich in eine diskrete Entfernung zurück. Unangenehmes Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus.

Gabriella wollte Dilys nicht ansehen. Sie starrte in den Garten, auf einen Schmetterling in der Nähe, den neu gedeckten Tisch. Ihre Finger zeichneten das Muster des Silberbestecks nach, das perfekt ausgerichtet neben ihrem Suppenteller lag.

Er seufzte. »Bitte, probier die Suppe, Gabriella. Ingarra hat sie eigens dir zu Ehren kreiert. Sie hat sie ›Sommers Süße‹ genannt.«

Sommer wollte ihm nicht nachgeben, aber noch weniger wollte sie Ingarra kränken, indem sie die Suppe unberührt zurückgehen ließ – besonders nicht, wenn sie das Gericht eigens für sie kreiert hatte. Es kam ihr nicht in den Sinn, Dilys’ Behauptung anzuzweifeln. Wenn er sagte, dass Ingarra die Suppe ihr zu Ehren kreiert hatte, dann hatte sie das auch.

Sie tauchte den Löffel in die Suppe und führte ihn zum Mund. Erlesene Aromen explodierten auf ihrer Zunge.

»Das schmeckt köstlich«, gestand sie. Zu gut, um ihm dafür zu grollen, dass er sie zum Probieren gezwungen hatte. Seufzend gab sie ihren schwelenden Ärger auf.

»Ich habe dir doch gesagt, dass sie dir schmecken wird.« Das harte Glitzern in seinen Augen hatte sich bereits wieder gelegt. Sein warmer, goldener Blick lag mit Anerkennung und noch etwas anderem auf ihr, und sofort fühlte sie Schmetterlinge in ihrem Bauch flattern.

»Was ist da drin?«

»Verschiedene Früchte, Nektar, Gewürze und ein bisschen Magie, glaube ich. Ingarra wollte es mir gegenüber nicht zugeben, aber ich bin mir sicher, sie ist eine Art Kochzauberin.« Seine weißen Zähne blitzten.

Die flatternden Schmetterlinge in ihrem Bauch verfünffachten sich. Dieses Lächeln sollte gesetzlich verboten werden. Rasch senkte sie den Kopf, um noch einen Löffel Suppe zu nehmen, und gab einen genüsslichen Laut von sich. Leicht, süß, fruchtig, säuerlich, voller Überraschung und Genuss. Ingarras Kreation war fantastisch.

Vielleicht konnte Konumarrs Köchin wirklich eine Art Zauber mit ihren Kochkünsten wirken.

Oder vielleicht, dachte Sommer, als Dilys damit aufhörte, sie zu beobachten, um sich um sein eigenes Mahl zu kümmern, war der wahre Zauber, der hier am Werk war, dieser Mann, der neben ihr saß – so nah, dass sie praktisch die Wärme spüren konnte, die von seiner wohlriechenden Haut ausging. Er duftete nach exotischen Ölen, voll und männlich und absolut verlockend. Der Bronzeton seiner Haut war auf dekadente Weise dunkel und leuchtete im Kontrast zum strahlend weißen Tischtuch und seiner ebenso weißen Shuma. Seine Hände waren groß und stark. Ihr Blick wanderte an seinen Armen empor, verharrte auf der beeindruckenden Wölbung seines Bizeps und glitt dann über die sogar noch beeindruckendere Breite seiner Schultern und Brust. Alles an ihm war groß und stark.

Eine verstörende Wärme breitete sich in ihrem Bauch aus. Seit sie nach Winterfels gekommen war, hatte sie sich daran gewöhnt, von Riesen umgeben zu sein. Der kleinste Wintermann, dem sie bisher begegnet war, maß immer noch mindestens sechs Fuß, wohingegen Wynter selbst gut über sieben Fuß hoch aufragte. Und sie alle waren ebenso muskulös und stark, wie sie groß waren. Dennoch hatte keiner von ihnen sie dazu gebracht, sich so klein, zart und weiblich zu fühlen wie Dilys Merimydion es gerade tat, nur indem er neben ihr am Tisch saß. Sie wollte mit den Händen über seine nackte, glänzende Haut streichen, ihre seidige Weichheit und das harte Spiel der Muskeln darunter aufs Neue entdecken. Sie wollte all diese faszinierenden schimmernden Tätowierungen erforschen, ihren verschlungenen Linien mit den Fingern folgen. Sie mit der Zunge kosten. Ihn immer wieder in ihren Körper aufnehmen, wie sie es die ganze Woche in ihren Träumen getan hatte. Unruhig rutschte Sommer auf ihrem Sitz herum, und als sie hochschaute, stellte sie fest, dass Dilys’ Blick mit so überwältigender Intensität auf sie gerichtet war, dass ihr das Herz erneut in der Brust pochte.

Sie schlug die Augen nieder und schalt sich gehörig für ihren außerordentlichen Mangel an Selbstbeherrschung in seiner Nähe.

Verzweifelt kramte sie in ihren Gedanken nach einem Gesprächsthema, das ihn dazu bringen würde, sie nicht mehr so anzusehen, als wollte er sie verschlingen. Dann platzte sie mit dem ersten nicht-sexuellen Gedanken heraus, der ihr in den Sinn kam.

»Erzählt mir von Euren Freunden, die beim Kampf gegen den Eiskönig gestorben sind.« Noch bevor die Worte ganz aus ihrem Mund gekommen waren, errötete sie bereits zu gleichen Teilen aus Scham und Entsetzen. Der Calbernianer brachte sie so stark aus der Fassung, dass sie vergessen hatte, wie man höfliche Konversation betrieb! In keiner Kultur ganz Mystrals betrachtete man es als akzeptabel, einen Gast über den kürzlichen Verlust eines geliebten Menschen auszufragen. Instinktiv streckte sie die Hand aus und legte sie entschuldigend auf seinen Arm. »Das tut mir so leid! Bitte vergesst, dass ich gefragt habe. Das geht mich nichts an.«

Doch anstatt beleidigt zu sein, legte Dilys seine Hand auf ihre. »Die Frage ist keine Beleidigung, moa myerina. Calbernianer, die ehrenhaft sterben, würden es wünschen, dass man sich an sie erinnert und dass man ihre Siege feiert. Außerdem hat mir ihr Tod das Recht eingebracht, heute hier neben dir zu sitzen, also warum solltest du denken, es gehe dich nichts an?«

»Ich wollte Euch keinen Kummer bereiten. Es ist offensichtlich, dass Ihr sie noch immer betrauert.«

»Natürlich. Ich werde mein ganzes Leben lang um sie trauern.« Sein Daumen strich über ihren Handrücken, jedes Streicheln eine federleichte Liebkosung. »Aber das Herz eines Calbernianers ist groß. Obwohl seine Verluste zahlreich sein können, seine Freuden sind es auch.« Er lächelte. »Aanas Holokai war der älteste meiner Freunde, der an diesem Tag fiel. Wir waren gemeinsam Schiffsjungen auf unserer ersten Fahrt zur See. Er hatte ein strahlendes Lächeln und eine Singstimme, die Vögel vom Himmel herunterlocken konnte. Er hatte sich gerade sein Ulumi-lia verdient.« Mit einem Finger seiner freien Hand strich Dilys über die verschlungene blaue Tätowierung auf seinem rechten Wangenknochen, die wie stilisierte Wellen aussah und ihn als einer eigenen Gemahlin würdig auswies. »Er brannte darauf, eine Liana für sich zu finden und eine Familie zu gründen. Er träumte von einer lieben, sanftmütigen Frau, die es ihm erlauben würde, sie zu beschützen und zu verwöhnen. Einer Frau, der er jeden Tag Freude bereiten konnte, indem er für sie sang. Er wünschte sich eine große Familie. So viele Kinder, wie seine Frau ihm schenken wollte.«

»Wenn er die Liana, die er sich wünschte, hier nicht gefunden hätte, hätte er sich dann eine von den Sklavenmärkten gekauft?«

Ein Schulterzucken. »Wahrscheinlich. Es gibt viele Frauen auf den Sklavenmärkten, die Zuwendung und Fürsorge brauchen.« Sein Kiefer verhärtete sich. »Leider ist Mystral voller barbarischer Unmenschen, die Frauen nicht besser als Vieh behandeln. Es macht uns Freude, Frauen aus solchen Orten zu befreien. Sogar den wenigen, die sich entscheiden, keinen Calbernianer zu heiraten, wird auf den Inseln ein sicherer Zufluchtsort angeboten.«

»Ihr befreit die Frauen, die Ihr von den Sklavenmärkten kauft?«

Er hob die Augenbrauen. »Natürlich tun wir das. Was dachtest du denn?« Es lag keine Gekränktheit in seinem Tonfall, nur Neugier.

»Das Naheliegende natürlich. Eure Männer wollen Ehefrauen. Sie kaufen Frauen von den Sklavenhändlern.« Sie hob die gespreizten Hände.

Dilys schnaubte. »Kein Calbernianer, der das Ulumi-lia verdient hat, würde je eine unwillige Frau zur Gemahlin nehmen, egal, wie viel Gold den Besitzer gewechselt hat. Alle versklavten Frauen werden befreit und umworben und mit dem Calbernianer verheiratet, den sie selbst aus freien Stücken wählen. Oder mit keinem von uns verheiratet, falls das ihr Wunsch ist.«

»Und doch habt Ihr mir gerade gesagt, Euer Vertrag mit meinem Bruder habe Euch eine der Jahreszeiten zur Frau versprochen.«

»Ja, und diejenige von euch, die ich gewählt hätte, wäre mit mir nach Calberna gekommen, wo ich sie angemessen umworben hätte, und sie hätte mich freiwillig erwählt, bevor man uns miteinander vermählt hätte.«

»Wart Ihr schon immer so arrogant?«

»Nicht arrogant«, korrigierte er. »Selbstbewusst. Da ist ein Unterschied.«

»Kein großer, aus meiner Sicht.«

»Ich bin ein Prinz von Calberna. Ich habe mein ganzes Leben lang nicht nur trainiert, um unsere Krieger siegreich in die Schlacht zu führen, sondern auch, um die Frauen zu versorgen und zu beschützen, die unser Herz und unsere wahre Stärke sind. Ich habe Jahre damit verbracht, zu lernen, was Frauen wollen und wie man es ihnen gibt, damit ich an dem Tag, an dem ich meine Liana finde, weiß, wie ich alles für sie sein kann, was sie braucht. Und glaub mir, Gabriella, diese Lektionen waren sehr intensiv.«

Ihre Wangen wurden heiß, als sie sich daran erinnerte, wie er ihr bei ihrem kleinen Intermezzo in der Höhle hinter den Schneebart-Wasserfällen genau das gegeben hatte, was sie gebraucht hatte. Sie senkte den Kopf, um ihr Erröten zu verbergen, und nahm einen letzten Löffel von Ingarras »Sommers Süße«. Dann nickte sie den Dienern zu, die gekommen waren, um den Tisch für den nächsten Gang abzuräumen. »Also, was werdet Ihr tun, wenn Eure drei Monate um sind und ich Euch nicht heiraten werde? Werdet Ihr Euch eine Frau auf den Sklavenmärkten suchen?«

Er warf sich die langen, seidigen Haarstränge über die Schulter. »Die Sorge besteht nicht.«

»Seid Euch da nicht so sicher.« Sie zog ihre Hand unter seiner heraus und griff nach ihrer Flöte mit Schaumwein.

Er hob eine geschmeidige, dunkle Augenbraue. »Ah, kalika u moa kiri, Sonne meines Herzens, bevor meine Zeit hier um ist, wirst du mich freiwillig als deinen Akua erwählen. Du wirst mich für dich beanspruchen und mich als deinen Gemahl, deinen Geliebten, den Vater deiner Kinder, deinen Gefährten und deinen Beschützer an dich binden.«

Sie zwang ihre Mundwinkel, sich zu kräuseln. »In Euren Träumen«, schnaubte sie spöttisch und hob die Weinflöte an die Lippen.

»Ja, Gabriella. In meinen Träumen.« Seine Stimme senkte sich zu diesem leisen, tiefen Tonfall, der feurige Schauer durch ihre Adern sandte. »Und in deinen Träumen auch, vermute ich.«

Ihre Hand zitterte, und Wein schwappte über den Rand der Kristallflöte und benetzte ihre Finger. Ihr Blick traf seinen. Er konnte unmöglich von diesen Träumen wissen … oder doch?

Seine Lippen kräuselten sich zu einem wissenden Lächeln. Er nahm ihr die Weinflöte aus den rastlosen Fingern und stellte sie beiseite. Dann, ohne dass seine hypnotisierenden goldenen Augen ihren Blick losließen, hob er ihre Hand an seinen Mund und leckte ihr langsam den Wein von den Fingern.

Jedes langsame, warme, feuchte Streichen seiner Zunge durchzuckte ihren Körper wie ein elektrischer Schlag, der knisternd von ihren empfindsamen Fingerkuppen geradewegs in ihr weiblichstes Zentrum fuhr. Er hielt weiterhin ihren Blick fest, nahm ihre Hand und legte sie auf die heiße Haut seiner Brust, über die mächtige Wölbung seines Brustmuskels.

Ihr Mund wurde trocken. Gütige Halla, er fühlte sich an wie die Sünde, wie jede sündige Fantasie, von der sie je hätte träumen können. Steinharte Muskeln unter weicher, seidiger Haut. Ihre Finger krümmten sich und bebten an seinem Fleisch. Ihr ganzer Körper bebte. Langsam breitete sich ein siedend heißes Lächeln auf seinem Mund aus. Als Antwort rutschte sie auf ihrem Stuhl herum, und seine goldenen, löwenhaften Augen glühten mit träger, männlicher Genugtuung.

»Oh ja, moa halea. Du wirst meine Liana. Daran gibt es nicht den geringsten Zweifel.«

~~~

Gabriella riss ihre Hand zurück. »Wenn Ihr es ernst damit meint, um mich zu werben, dann müsst Ihr damit aufhören. Zu einer Ehe gehört mehr als sexuelle Anziehungskraft.«

Es freute Dilys über die Maßen, dass sowohl ihre Hand als auch ihre Stimme zitterten, als sie sich zurückzog. Es freute ihn sogar noch mehr, dass sie die Anziehungskraft zwischen ihnen zugab. Die Erwähnung einer möglichen Ehe war natürlich nur eine List, ein Köder, um ihn dazu zu bringen, eine seiner mächtigsten Waffen bei ihrem Kräftemessen aufzugeben. Aber ihm gefiel dennoch, dass Gabriella sie erwähnt hatte. Je öfter sie von Ehe sprach, desto mehr würde sie sich an den Gedanken gewöhnen.

»In der Tat«, stimmte er zu und lehnte sich in seinem Stuhl zurück, um die Illusion eines kleinen Rückzugs zu erzeugen. »Ich glaube, es ist üblich, dass Paare die Zeit des Werbens dazu nutzen, einander besser kennenzulernen. Fangen wir mit dir an. Ich weiß bereits, dass die meisten Leute dich für ehrlich halten, obwohl du lügst, wann immer es dir in den Kram passt.« Sie verdrehte die Augen, was ihn zum Lachen brachte. »Ich weiß, dass du schöne Blumen liebst, aber nur die mit einem ebenso schönen Duft, und dass du sehr großzügig bist – außer wenn es darum geht, Zephyr Hallowills Schokoladenkreationen zu teilen. Die hütest du sogar vor deinen Schwestern.«

Mit offenem Mund starrte sie ihn an. »Wer hat Euch da…« Verärgert schürzte sie die Lippen. »Herbst.«

Er grinste. »Sie und ich sind in den letzten Wochen gute Freunde geworden.«

»Zu gut, wie es scheint«, murrte Sommer.

»Ihre Loyalität gilt an erster Stelle dir. Sie ist nur zufällig auch der Meinung, dass ich einen ausgezeichneten Ehemann für dich abgeben würde.« Bevor Herbst eingewilligt hatte, ihm bei seiner Brautwerbung um Sommer zu helfen, hatte sie geschworen, ihn wie ein Würstchen am Stock zu rösten, falls er ihre Schwester je auf irgendeine Weise schlecht behandeln sollte. Dabei hatte sie nicht gescherzt. »Meine Cousins und ich genießen ihre Gesellschaft sehr. Ich habe das Gefühl, es ist selten für sie, männliche Freunde zu haben, besonders attraktive unverheiratete Männer im besten Alter.«

»Eure Bescheidenheit macht mich immer wieder sprachlos.«

Er lachte. »Eigentlich bezog ich mich dabei auf Ari und Ryll, aber danke.«

Die Diener trugen den zweiten Gang auf, einen Salat aus jungem Grün mit Birnenspalten, kandierten Nüssen, Aprikosen und zerkrümeltem Ziegenkäse. Er wartete, bis sich die Diener wieder zurückgezogen hatten und Sommer ihre Gabel genommen hatte, bevor er sagte: »Erzähl mir von deiner Mutter. Woran erinnerst du dich noch?«

Gabriella zuckte mit den Schultern. »Nicht viel. Ich war noch sehr jung, als sie starb.«

»Du warst sieben, glaube ich?«

Sie stocherte in ihrem Salat. »Ja.«

Alt genug, um sich an mehr als nur vage Eindrücke zu erinnern. Sie hatte Erinnerungen. Sie wollte sie nur nicht teilen. »Ich habe gehört, sie sei sehr gütig und sanft gewesen, ein beruhigender Einfluss auf deinen Vater.«

»Das war sie.«

»Wie ich hörte, bist du ihr sehr ähnlich.«

»So sagt man.«

Er griff nach seinem Wein, nahm einen Schluck und betrachtete sie über den Rand der Kristallflöte hinweg, bis das Schweigen sie dazu brachte, mit dem Stochern in ihrem Salat aufzuhören und zu ihm hochzusehen. Sanft und ohne Tadel sagte er: »Eine Unterhaltung funktioniert am besten, wenn sich beide Parteien tatsächlich daran beteiligen, Gabriella.« Er stellte sein Glas beiseite und griff über den Tisch, um ihre Hand zu nehmen. »Oder sollten wir doch darauf verzichten, einander kennenzulernen, und einfach wieder dazu übergehen, unsere gegenseitige sexuelle Anziehungskraft zu erforschen?«

Sie riss ihre Hand zurück. »Ja, meine Mutter war gütig und sanft. Sie war wahrscheinlich der gütigste, sanfteste, liebevollste Mensch, den ich je gekannt habe. Ihr Lächeln gab einem das Gefühl, als schiene einem die Sonne ins Herz. Und wenn sie lachte … Nicht einmal der traurigste Mensch der Welt hätte an bitteren Gefühlen festhalten können, nachdem er ihr Lachen gehört hatte. Ich erinnere mich an den Tag, an dem sie starb, als wäre es gestern gewesen.« Sie rieb sich mit der Hand übers Herz, als ob es schmerzte. »Sie fehlt mir. Jeden Tag. In meinem Herzen ist ein Loch an der Stelle, wo sie vorher war, und nichts hat es je geschlossen. Ich glaube nicht, dass irgendetwas das je tun wird.«

»Sie klingt wunderbar.«

»Das war sie. Und von meinem Aussehen einmal abgesehen bin ich wirklich überhaupt nicht wie sie.«

»Oh, das bezweifle ich.«

Mit blauen Augen, die so hell vor dem schwarzen Rahmen ihrer dichten Wimpern und dem dunklen Sommerländerteint ihrer Haut wirkten, sah sie zu ihm hoch. Aber obwohl sie so hell waren, beherbergten diese Augen auch viele Schatten. »Nein. Das bin ich wirklich nicht. Das könnt Ihr mir glauben.«

Er wollte sie in die Arme nehmen und ihren Schmerz fortküssen, bis all diese Schatten verschwanden. »In ganz Mystral gab es nie ein Geschöpf mit einem größeren Herzen oder einer größeren Fähigkeit zu lieben als die Sirenen. Die Intensität ihrer Gefühle war ein Spiegelbild ihrer Macht. Ihre Quelle, um genau zu sein. Was sie liebten, das liebten sie tief, vollständig, rückhaltlos. Niemand kann so lieben, ohne auch so zu trauern. Deine Gefühle für deine Mutter sind ein perfektes Beispiel dafür, obwohl es, um ehrlich zu sein, ein kleines Wunder ist, dass du die Trauer um ihren Tod überlebt hast, ohne deine Macht auf brutale Weise entfesselt zu haben. Besonders in Anbetracht deiner Jugend zu dem Zeitpunkt. Dein Vater konnte dir gewiss keinen Halt geben. Er muss zu sehr in seiner eigenen Trauer gefangen gewesen sein. Und deine Geschwister waren zu jung, um eine große Hilfe zu sein.«

»Dann irrt Ihr Euch vielleicht darin, dass ich eine Sirene bin.«

Er verbarg ein Lächeln. Sie war so schnell darin, alles von sich zu weisen, was sie verunsicherte. So entschlossen, an ihren Masken festzuhalten. »Ono, moa kiri. Das ist kein Irrtum. Nur ein weiteres Rätsel. Ich wurde gelehrt, dass die meisten Sirenen die volle Kontrolle über ihre Gaben erst im Erwachsenenalter erlangten, aber vielleicht hast du irgendwie schon viel früher gelernt, sie zu kontrollieren.« Er nahm einen Bissen von seinem Salat und wartete, bis sie es ihm gleichtat, bevor er fragte: »Erinnerst du dich vielleicht an irgendeinen anderen traumatischen Verlust, den du vor dem Tod deiner Mutter erlitten hast? Irgendeine Gelegenheit, bei der sich deine Gaben so manifestiert haben könnten, dass der Schock darüber dich deine Macht vor Angst unterdrücken ließ?«

Wenn er sie nicht auf eine Reaktion hin beobachtet hätte, dann wäre ihm entgangen, dass ihre Gabel leicht bebend in der Luft verharrte, weil ihre Hand bei der Erinnerung zitterte.

»Nicht, dass ich wüsste«, antwortete sie. Und da war dieser Tonfall in ihrer Stimme, den er inzwischen kannte. Das kleine Vibrieren, das ihm verriet, dass sie log. Wieder einmal.

Er zog sich zurück. Er hatte die Bestätigung bekommen, dass es da einen Vorfall gegeben hatte. Einen, der so traumatisch gewesen war, dass Gabriella sich genötigt fühlte, selbst jetzt, zwanzig Jahre später, noch deswegen zu lügen.

Dennoch brauchte er die Wahrheit. Sie musste ihm von den Dämonen ihrer Vergangenheit erzählen, damit er ihr helfen konnte. Er wechselte die Taktik und versuchte, aus einem anderen Winkel an die Wurzel des Problems zu kommen.

»Wenn man bedenkt, welche Gaben du besitzt, ist es nicht überraschend, dass dein Vater letztlich wahnsinnig wurde, nachdem deine Mutter starb. Denn damit du diese Gabe erben konntest, musste sie genug Sirenenmacht in sich gehabt haben, um ihn zumindest teilweise an sich zu binden. Als diese Verbindung durchtrennt wurde … Nun, die Tatsache, dass er so lange überlebte, ist ein Beweis für seine eigene Stärke. Und es spricht für dich. Von all deinen Schwestern warst du diejenige, die er am meisten liebte, nicht wahr?«

Sie legte ihre Gabel nieder und sah ihn an. »Meine Mutter war keine Sirene, und ich will nicht über meinen Vater sprechen.«

Ihre Weigerung war enttäuschend, aber nicht unerwartet. Gabriella war Expertin darin geworden, sich zu weigern, ihre Ängste zu konfrontieren.

»Worüber sollen wir dann reden? Wir haben einen ganzen Abend zu füllen.«

Finster sah sie ihn an. »Ich weiß nicht. Vielleicht stelle ich Euch alle möglichen neugierigen Fragen über Euer Leben.«

Sie meinte das offensichtlich als Drohung, in der Hoffnung, seinen neugierigen Fragen ein Ende zu machen, aber er war aufrichtig erfreut und lächelte. »Das ist eine ausgezeichnete Idee.« Einladend breitete er die Hände aus. »Für dich, moa liana, bin ich ein offenes Buch. Du kannst mich alles fragen.«

Kapitel 15

Empört kniff Sommer die Lippen zusammen. Wieder einmal hatte er ihr eine Falle gestellt, und wieder einmal war sie geradewegs hineingetappt. Eindeutig wollte er, dass sie ihn ausfragte, dass sie Interesse an seinem Leben, seiner Geschichte, seinen Vorlieben und Abneigungen zeigte. Weil er wusste, dass es leichter für sie war, ihn auf Abstand zu halten, wenn sie nichts über ihn wusste.

»Na schön«, stieß sie zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. »Da Ihr solches Interesse an Vätern habt, reden wir über Euren.«

Sie hatte gehofft, ihn aus seiner Selbstgefälligkeit herauszureißen, aber er zuckte nur mit den Schultern. »Was würdest du gern wissen? Sein Name war Dillon, aus dem Hause Ocea.«

»Dem Haus Eures Cousins Ryllian?«

»Rylls Mutter war die Schwester meines Vaters. Mein Vater war ein sehr guter Calbernianer mit einem starken Herzen. Ausgezeichnet im Kampf, weise auf so vielerlei Arten. Und meiner Mutter natürlich treu ergeben. Sie waren einander von Geburt an versprochen gewesen und heirateten am Tag, nachdem er sich sein Ulumi-lia verdient hatte. Sie erwarteten ein zweites Kind, eine Tochter, als er getötet wurde. Meine Mutter verlor das Baby. Sie wäre ihm gefolgt – ihr Band war sehr stark –, aber sie hatte noch ihren Zwillingsbruder, meinen Onkel Calivan, der ihr dabei half, ihre Trauer zu überleben. Und mich hatte sie ja auch, obwohl ich noch zu jung war, um ihr in der Hinsicht eine große Hilfe zu sein.«

»Ihr meint, sie hätte sich umgebracht, weil er starb?«

»Nein, das meinte ich damit nicht.« Wehmut legte sich um seine Mundwinkel. »Meine Mutter ist keine Sirene – nicht einmal jetzt, da sie zusätzlich zu der Magie des Hauses Merimydion auch noch die Magie der Myerials in sich trägt –, aber sie kommt einer Sirene so nah, dass ihr Band mit meinem Vater sie umgebracht hätte, als er starb, wenn mein Onkel nicht gewesen wäre.«

»Sirenen überleben ihre Gefährten nicht?«

»Laut unseren Überlieferungen war das einer der Preise für ihre Macht. Sirenen mit einem Gefährten konnten ohne ihn nicht leben – ebenso wenig wie ihr Gefährte ohne sie. Sobald ihr Band einmal geschmiedet war, lebten sie in einer Art Symbiose, und jeder war notwendig für das Überleben des anderen. So wurden die Sirenen vernichtet. Die Angreifer entdeckten das Geheimnis, weißt du. Sie zerstachen sich die eigenen Trommelfelle, damit ihre Gedanken nicht durch Susirena manipuliert werden konnten, dann schlichen sie sich in unsere Paläste und Villen und ermordeten die Gefährten und Kinder der Sirenen, wodurch ihre tiefsten Verbindungen zu denen gekappt wurden, die sie am meisten liebten. Selbst die größte und mächtigste der Sirenen, Myerial Maikalaneia, überlebte das Massaker an ihrer Familie nicht. Deshalb wurde ihre Familie zuerst angegriffen. Auch wenn die Feinde ihren Gesang nicht hören konnten, hätte sie ihnen das Fleisch von den Knochen schreien und jedes Schiff ihrer Armada zerschmettern können. Sie hätte ganze Kontinente zurück ins Meer schreien können, so groß war ihre Gabe. Aber alles, was sie tun mussten, um sie zu vernichten, war, diejenigen zu töten, die sie liebte.« Er griff über den Tisch nach ihrer Hand. »Ich brauche dir nicht zu sagen, dass das ein weiteres dieser calbernischen Geheimnisse ist, die du anderen niemals enthüllen darfst.«

»Nein«, murmelte Sommer. Sie war völlig aufgewühlt von dem Gedanken, was diese grässlichen Männer damals getan hatten, um die Sirenen, die sie fürchteten, zu vernichten. Kein Wunder, dass Dilys so darauf bestand, dass sie die Wahrheit über sich nie irgendjemandem verraten durfte – nicht einmal ihrer Familie. »Euer Vater … Wie ist er gestorben?«

»Diebe brachen in das Lagerhaus des Hauses Merimydion ein. Wir haben strenge Beschränkungen, wer in unsere Häfen segeln darf, aber diese Diebe waren schlau. Sie schmuggelten sich an Bord des Schiffes eines unserer vertrauenswürdigsten Handelspartner, dann warteten sie, bis fast die ganze Stadt an der Geburtstagsfeier unserer Prinzessin teilnahm. Mein Vater und ich waren auf dem Rückweg zu unserem Schiff, um nach Hause zu segeln.«

»Ihr wart bei ihm, als er getötet wurde?«

»Er ließ mich schlafend bei unseren Wachen zurück, während er ins Lagerhaus ging, um ein Geschenk zu holen, das für meine Mutter angekommen war. Um die Feier zur Geburt meiner Schwester vorzubereiten, ließ er Schätze aus ganz Mystral herbeischaffen. Das war es, was die Diebe angelockt hatte – die vielen unbezahlbaren Dinge, die er angehäuft hatte. Er überraschte sie auf frischer Tat. Sie waren bewaffnet. Er hatte nur seine Krallen und Fangzähne. Trotzdem gelang es ihm, sechs von ihnen zu töten, bevor er starb.« Die Worte waren sachlich. Der Tonfall ganz und gar nicht.

»Wie alt wart Ihr?«

»Acht.«

Ihr Herz krampfte sich zusammen. So jung. Kaum älter, als sie gewesen war, als Mama gestorben war, und sie erinnerte sich noch an diesen schrecklichen Tag, als wäre er gestern gewesen.

»Das tut mir leid. Ich weiß, wie schlimm das gewesen sein muss.« In einer instinktiven Geste des Mitgefühls legte sie ihre Hand auf seine.

Er umfasste sie zärtlich und legte seine andere Hand darüber, sodass ihre Hand von seiner Wärme umgeben war. Seine Lider waren gesenkt und verbargen seine Augen, aber als er wenige Momente später wieder aufsah, war dort ein Funkeln von etwas, bei dessen Anblick die Leere in Sommer zu kribbeln anfing.

»Danke«, sagte er, und das Kribbeln wurde zu einem vibrierenden Summen, das in ihr widerhallte. Den Schmerz linderte. Als helfe dieser Widerhall dabei, die Leere zu füllen.

Sie zog ihre Hand zurück. Er versuchte nicht, sie daran zu hindern, aber er öffnete auch nicht seine Hände. Seine Finger übten kaum merklichen Druck aus, sodass es sich wie ein langsames, widerstrebendes Loslassen anfühlte, als sie sich ihm entzog. Selbst nachdem sie frei war, fühlte es sich an, als bänden winzige Fäden sie immer noch aneinander und zerrten umso stärker an ihr, je weiter sie sich zurückzog.

»Jedenfalls«, fuhr Dilys nach einem Augenblick fort, »hätte meine Mutter den Tod meines Vaters beinahe nicht überlebt. Sie verlor ihr Baby, was ihre Trauer nur noch verstärkte. Manchmal glaube ich, dass sie sogar trotz des Halts, den mein Onkel und ich ihr gaben, vollständig dahingeschwunden wäre, wenn nicht im darauffolgenden Jahr die Myerial gestorben wäre.«

Er verstummte, als sich die Diener näherten, um die Salatteller abzuräumen. Dann folgte eine Parade aus mit Tabletts beladenen Dienern, die die verschiedenen Hauptgänge ihres Mahls auftrugen. Das Abendessen war ein kulinarischer Genuss. Nicht so übertrieben wie ein Staatsdinner, aber ebenso erlesen zubereitet. Es gab zweierlei schmackhafte Fischgerichte, mit Früchten und Nüssen gefülltes Geflügel und Lammpastete mit perfekt gebackener goldener Kruste. Als Beilagen hatte Ingarra leichte, knackige Seegurken in leckerer Soße, gebratenen Sommerkürbis, ein Soufflé aus Kokosnuss und Calava-Wurzeln, winzige gebratene und mit Knoblauchöl beträufelte Kartoffeln und ein säuerliches Gericht aus Seegras zubereitet. Letzteres war laut Dilys eine Leibspeise der Calbernianer.

Die Lammpastete, der Kürbis und die Kartoffeln waren drei von Gabriellas Lieblingsspeisen. Die anderen Gerichte waren calbernische Spezialitäten, die sie noch nie gekostet hatte. Obwohl Dilys sie nicht dazu drängte, probierte sie eine kleine Portion von jedem der calbernischen Gerichte. Jedes Mal, wenn sie das tat, strömte eine zarte Welle der Wärme durch ihre Adern. Sie brauchte ein paar Minuten, um zu erkennen, dass das Gefühl von Dilys kam – dass sie körperlich spüren konnte, wie seine erfreute Anerkennung in sie hineinströmte. Es fühlte sich … wohltuend an, belebend. Wie Regen nach einer langen Dürre.

Sie wollte ihm vorwerfen, irgendeine Art von Zauber zu wirken, aber was auch immer es war, fühlte sich nicht falsch an. Es fühlte sich richtig an. So unglaublich richtig, dass sie nicht wollte, dass es aufhörte. Die Anspannung, die sich während der ganzen Woche in ihr angestaut hatte, strömte langsam aus ihr heraus.

Sie kostete einen Bissen des ersten Fischgerichts, ein Barsch in leichtem Backteig mit einer köstlichen Drei-Aromen-Soße. Die Kombination aus süß, sauer und scharf, gepaart mit der Knusprigkeit des Teigs und der Saftigkeit des zarten Fischs war ein wahrer Genuss für ihre Geschmacksknospen.

»Das schmeckt herrlich.« Ihr Lob brachte ihr eines von Dilys’ breiten, anerkennenden Lächeln und eine weitere Welle schmelzender Wärme ein.

»Ich bin sehr froh, dass du es magst. Ich habe nur Speisen gewählt, von denen ich glaubte, dass sie dir schmecken würden.«

»Ihr habt sie gewählt? Soll das heißen, Ingarra hat das Menü nicht vorbereitet?« Sie war überrascht. Ingarra ließ nicht jeden in ihre Küche und war sehr wählerisch, was die Gerichte anging, die sie zubereiten würde.

»Sie hat die Suppe und den Salatgang ausgewählt, aber für den Hauptgang wollte ich dir eine Kostprobe von Calberna geben. Wir verwenden viele andere Nahrungsmittel und Gewürze als ihr auf den Æsir-Inseln. Ich habe diejenigen ausgewählt, von denen ich dachte, sie würden dir am meisten zusagen, basierend auf den Gerichten der lokalen Küche, die dir am besten schmecken. Die Auswahl deiner Lieblingsgerichte habe ich für den Fall hinzugefügt, dass du dich nicht experimentierfreudig fühlst.«

»Ihr habt gut gewählt«, murmelte sie, nachdem sie all die anderen neuen Speisen gekostet hatte. »Das schmeckt alles köstlich.«

Wellen der Wärme schwappten an ihre Sinne. »Es ist mir ein Vergnügen, meiner Liana in allen Dingen Freude zu machen.«

»Ich bin nicht Eure Liana«, versetzte sie. Aber zum ersten Mal fühlte sich die Zurückweisung mehr wie eine fadenscheinige Lüge als wie eine unerschütterliche Wahrheit an.

»Noch nicht.«

Ein ersticktes Lachen platzte aus ihr heraus, bevor sie es verhindern konnte. »Seid Ihr immer so von Euch überzeugt?«

Er lächelte, und seine goldenen Augen funkelten wie die einer jagenden Raubkatze. »Ich bin Calbernianer.«

»Ah … ja. Calbernianer ist in Meereszunge das Wort für arrogant, nicht wahr?«

Sein leises, heiseres Lachen strich über ihre Haut und ließ sie erschaudern. »Wie ich dir schon sagte: Seit ich fünf war, habe ich jeden Tag meines Lebens damit verbracht, die notwendigen Fähigkeiten zu erlernen, um eine Ehefrau zu versorgen und zu beschützen.« Mit einem Finger strich er ihr eine weiche Locke ihres schwarzen Haars hinters Ohr. Seine Stimme senkte sich zu einem sinnlichen Flüstern. »Und die notwendigen Fähigkeiten, um sie auf jede Weise glücklich zu machen.«

Ihr Mund war plötzlich wie ausgetrocknet. »Wirklich?« In ihrem Verstand tauchten alle möglichen Bilder von Dilys auf, wie er seine Frau – wie er Gabriella auf jede Weise glücklich machte. Falls das, was in der Grotte zwischen ihnen passiert war, irgendein Anhaltspunkt war, dann hatte er diese Lektionen gemeistert. Ihre Wangen wurden heiß. Sie räusperte sich, verdrängte die erotischen Bilder aus ihren Gedanken und versuchte, die Unterhaltung wieder zurück auf einen sichereren Pfad zu lenken. »Ihr habt jeden Tag trainiert, seit Ihr fünf wart?«

»So wie alle calbernischen Jungen. Am Tag nach meinem fünften Geburtstag zog ich vom Haus meiner Eltern in die Ausbildungsvilla auf unserem Grundstück und wohnte dort unter der Fürsorge meiner Lehrer, bis ich im Alter von zwölf zur See ging.«

»Welche Art von Ausbildung habt Ihr erhalten?«

»Die übliche. Militärische, nautische und natürlich Überlebenstraining. Jagen, segeln, kämpfen, militärische Strategie zu Land und Wasser. Grundlegende wirtschaftliche Fertigkeiten, zum Beispiel Verträge zu lesen und zu verhandeln. Meine Meeresgaben zu benutzen. Ein Tag in der Woche war Myeriasu gewidmet, der Kunst der Brautwerbung und des Sorgens für eine Liana. Wie man sich mit ihr unterhält, wie man dafür sorgt, dass sie sich wohlfühlt. Wie man versteht, was sie braucht und es ihr gibt.«

Wieder räusperte Gabriella sich. »Und wann hattet Ihr Zeit, einfach nur ein Junge zu sein?«

Er zuckte mit den Schultern. »Dafür war in den ersten fünf Jahren meines Lebens genug Zeit.«

»Das ist ja furchtbar.«

»Ganz im Gegenteil. Ich habe meine Ausbildung genossen und mich in jeder Disziplin ausgezeichnet.« Ein schelmisches Funkeln trat in seine Augen. »Einschließlich meiner Ausbildung in den erotischen Künsten, die begann, als ich mein siebzehntes Lebensjahr erreichte.«

Sie errötete – heftig – und sah rasch nach, ob die Diener nahe genug waren, um seine letzte Bemerkung mitangehört zu haben. Das waren sie nicht. Genau genommen waren überhaupt keine Diener mehr da. Irgendwann, nachdem sie den Hauptgang des Mahls serviert hatten, waren sie verschwunden und hatten Dilys und Sommer allein im Garten zurückgelassen.

Die Sonne war immer noch mehrere Stunden davon entfernt, unterzugehen, aber sie war schon so weit gesunken, dass dieser Teil des Gartens in den Schatten des Palastes gehüllt war. Der Esstisch unter der Laube fühlte sich plötzlich viel intimer an als zuvor. Viel mehr wie auf eine Verführung ausgerichtet.

Und obwohl sie sich genug entspannt hatte, um dieses private Mahl mit ihm zu teilen, war sie nicht bereit für eine Wiederholung dessen, was in der Grotte passiert war.

»Seelord Merimydion …«, setzte sie an.

»Dilys«, unterbrach er sie mit freundlichem, aber bestimmtem Tonfall.

Sie seufzte, dann entschied sie, dass dies ein Kampf war, der es nicht wert war, gekämpft zu werden, und kapitulierte. »Also gut, Dilys. Wenn du weiterhin jedes Mal versuchst, mich zu verführen, wenn wir zusammen sind, dann werde ich dafür sorgen, dass all unsere zukünftigen Treffen in Gesellschaft meines Schwagers stattfinden.«

Er fasste sich an die Brust. »Ah, moa kiri, du verletzt mich.«

»Schön wär’s«, brummte sie kaum hörbar.

»Na gut. Keine weiteren Demonstrationen meiner herausragenden Talente in den erotischen Künsten oder Diskussionen darüber, bis du dich anders entscheidest. Ein großer Verlust, gewiss, aber ich werde deine Wünsche befolgen.«

Gegen ihren Willen brach sie in Gelächter aus. Götter! Der Mann war viel zu überzeugt von sich.

Aus offenkundigem Grund, flüsterte eine verräterische Stimme tief in ihr.

Nein. Sie würde sich nicht von seinem Charme einwickeln lassen. Sie würde sich nicht einwickeln lassen.

Er lächelte sie an. Charmant.

Ihr Herz hämmerte gegen ihre Brust.

Sie nahm ihre Gabel und machte sich über das Essen her. Diesmal konzentrierte sie sich bewusst auf die nicht-calbernischen Gerichte, damit sie nicht wieder irgendwelche Wellen der Anerkennung hervorrief, die ihren Willen schwächten.

»Ich muss schon sagen«, meinte sie, nachdem sie die äußerst köstlichen gebratenen Kartoffeln probiert hatte. »Ich kann die Gebräuche deines Landes gar nicht gutheißen.« Ihr Tonfall war kämpferisch. Einen Streit vom Zaun zu brechen schien viel sicherer zu sein, als ihr Inneres ganz weich und schwach werden zu lassen.

Seine Brauen hoben sich zu einem Ausdruck milder Neugier. »Ach wirklich? Von welchen Gebräuchen sprichst du?«

»Von allen. Sämtliche Männer zum Militärdienst zu zwingen. Ein Kind im Alter von fünf Jahren seiner Mutter wegzunehmen.« Sie machte ein finsteres Gesicht. »Ich dachte, deine Rasse hätte sich dem Glück ihrer Frauen verschrieben. Die calbernischen Mütter können doch gewiss nicht glücklich darüber sein, dass ihnen ihre Babys in so jungem Alter aus den Armen gerissen werden.« Um ihr Argument zu unterstreichen, sah sie ihm direkt in die Augen und sagte: »Ich weiß, dass ich das nie wäre. Niemals.«

Ich werde nie deine Liana sein. Ich werde bei der Brautwerbung mitspielen, wenn es sein muss, aber daran wird sich niemals etwas ändern. Du verschwendest deine Zeit. Mit all ihrer Willenskraft legte sie diese Aussage in ihren Blick, um ihn dazu zu bringen, aufzugeben und sich abzuwenden.

Doch das tat er nicht. Sein Lächeln verschwand, aber das brachte nicht die Erleichterung, die sie sich erhofft hatte. Sein dunkles, auf exotische Weise attraktives Gesicht wurde ernster. Gefahr, Stärke und unerschütterliche Entschlossenheit vermählten sich zu Konturen, die viel weniger umgänglich und doch unwiderstehlicher denn je aussahen.

Der lachende, schelmische Dilys bezauberte sie. Der ernste, düstere Dilys machte ihr ein wenig Angst, obwohl seine greifbare Aura von Macht und Befehlsgewalt sie anzog wie die Motte das Licht.

»Die Frauen meines Landes verstehen, was unsere Männer sein müssen, zu unser aller Wohl.« Seine Stimme war leise, sanft, ein dunkles Flüstern, das jeden Nerv in ihrem Körper vibrieren ließ.

Mit zitternder Hand griff sie nach ihrem Wein und nahm einen hastigen Schluck. »Und das wäre?«

»Stark. Furchtlos. Tüchtig.« Er beugte sich zu ihr, kam ihr mit seiner rohen Macht und überwältigenden Gegenwart noch näher. »Bereit, für das zu sterben, was uns am wichtigsten ist.«

Der Puls hämmerte in ihren Adern, pochte an ihrem Hals. »Und was ist das?«

»Du hast über Calberna gelesen, über unsere Geschichte, unsere Legenden. Du weißt es bereits.«

Sie schluckte und leckte sich über die Lippen. »Eure Frauen.«

»Unsere Frauen«, bestätigte er. Die Worte strichen über ihre Haut wie ein geflüsterter Zauberspruch. Seine Augen glänzten, golden, geheimnisvoll, hypnotisierend. »Unsere Mütter, unsere Schwestern, unsere Töchter. Vor allem unsere Ehefrauen. Die Lianas, die uns vervollständigen. Viele Oulani glauben, dass es kein stärkeres Band gibt als das zwischen einer Mutter und ihrem Kind. Vielleicht stimmt das für sie. Vielleicht stimmt das sogar für die Frauen meines eigenen Landes. Ich weiß es nicht. Aber für einen männlichen Calbernianer gibt es kein stärkeres Band, keine lebenswichtigere Bindung als das Band zwischen einem Calbernianer und seiner Liana. Ob sie Imlani oder Oulani ist, macht keinen Unterschied für ihn. Nur mit ihr kann er alles geben, was er ist. Nur von ihr kann er im Gegenzug alles erhalten.«

Da war es, in der dunklen Magie seiner Stimme … das Versprechen, das ihr … alles versprach. Alles, was sie fürchtete. Alles, wonach sie sich sehnte. Alles, was in ihr schmerzte wie eine klaffende Wunde im Gewebe ihrer Seele, leer und unerfüllt.

Sie holte Luft, ein keuchender Atemzug, der zitternd hinein- und zitternd wieder herausströmte.

Einfach so, und sie ertrank wieder in diesem sonnendurchfluteten Meer. Jedes Wort aus seinem Mund war wie ein Stein, den er an ihren Körper band und der sie beschwerte, sie durch die dunkelsten Tiefen des Meeres hinunterzog zu diesem furchteinflößenden Ort im Innersten ihrer Seele. Zu dem Vulkan. Dieser feurigen Sonne, die im Zentrum ihres Wesens loderte, diesem geschmolzenen Inferno, das sich in ihr bewegte wie ein wilder, gefangener Drache, der hinter einer lebenslangen Mauer aus steinernem Willen eingesperrt war.

Ruf ihn. Beanspruche ihn. Sag seinen Namen. Mach ihn zu deinem vor allen anderen.

Die Verlockung war so stark. Ihm alles von sich zu geben … die Last dieser furchterregenden, tödlichen Gabe, die in ihr wohnte, mit ihm zu teilen. Im Gegenzug alles von ihm zu erhalten: seine Stärke, seine Furchtlosigkeit, seine selbstsichere Gewissheit, alles meistern zu können. Darauf zu vertrauen, dass er stark genug war, sie zu beschützen, sogar vor ihr selbst.

Wie wäre es, ohne Angst zu leben? Wie wäre es, so gänzlich, so vollkommen zu lieben? Hemmungslos zu lieben, ohne die Wahrheit über sich selbst zurückzuhalten?

Es wäre Wahnsinn.

Ein wunderbarer Wahnsinn, da sie sich völlig fallen lassen könnte.

Sie wusste, wessen Blut in ihren Adern floss. Sie hatte mit eigenen Augen gesehen, welcher Wahnsinn Verdan Coruscate befallen hatte, als er das verlor, was er so tief und so innig geliebt hatte.

Dilys behauptete, dass Sirenen nicht ohne ihren Gefährten überleben konnten – aber was, wenn er sich irrte? Sie war nicht einfach nur eine Sirene, falls sie denn tatsächlich eine war. Sie war eine Wettermagierin von Mystral, eine Nachfahrin von Helos, dem Sonnengott. Was, wenn die Regeln und Einschränkungen, die für die Sirenen aus alten Zeiten gegolten hatten, auf sie nicht zutrafen?

Was, wenn sie sich ihm schenkte, sich erlaubte, ihn zu lieben, nur um herauszufinden, dass ihr Band sie bei seinem Tod nicht zerstörte?

Sommer wusste, der Wahnsinn ihres Vaters war nur ein schwacher Schatten dessen, was kommen würde, falls die Trauer je das Monster weckte, das in ihrer Seele hauste.

Sie versuchte, sich aus der geheimnisvollen Magie von Dilys Merimydions Stimme zu befreien. Es war unmöglich, wenn er ihr so nah war und dabei so verführerisch düster und stark aussah. Das Beste, was sie zustande brachte, war eine schwache, fadenscheinige Herausforderung.

»Und du glaubst, der Wunsch eines Calbernianers nach einer Ehefrau rechtfertige es, ein Kind in so jungem Alter aus den Armen seiner Mutter zu reißen?«

»Nicht sein Wunsch, nein. Aber das Band? Ja. Das ist alles wert.« In seinen Worten lag unerschütterliche Sicherheit. »Unsere Frauen – unsere Gemahlinnen – sind das Herz von Calberna. Ohne sie könnten Calbernianer nicht funktionieren. Wir würden sterben. Genauso wie du sterben würdest ohne das Herz, das in deiner Brust schlägt.«

Langsam streckte er die Hand aus und legte sanft drei Finger auf den dünnen Stoff, der ihre linke Brust bedeckte. Ihr stockte der Atem. In schockiertem Schweigen starrte sie ihn an. Sie machte keinen Versuch, sich zu bewegen oder seine Hand wegzunehmen. Diesmal war nichts Sexuelles oder Neckendes an seiner Berührung. Dennoch war sie wie betäubt.

»Aber trotz all seiner Stärke ist das Herz ein verletzliches Ding«, fuhr er fort. »Es muss von einem Käfig aus Knochen umgeben sein, der es beschützt.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Wenn der Sturm tobt" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen






Teilen