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Wer den Schattenmann ruft

PROLOG

„Mama! Es spukt! Ich habe Angst!“

Die siebenjährige Alyssa saß senkrecht in ihrem Bett und starrte in ihrem nachtschwarzen Kinderzimmer in die Ecke zwischen Wand und Fenster.

Dorthin, wo der hünenhafte Schattenmann lauerte.

„Was ist denn, mein Schatz?“ Ihre Mom betrat das Zimmer und schaltete das Licht an. Im warmen Schein der Lampe verschwanden Traumwesen und Nachtgeschöpfe, und der Raum leuchtete in sanftem, mädchenhaftem Rosa. „Hattest du einen Albtraum?“ Alyssas Mutter setzte sich zu ihr ans Bett und strich ihr die vom Angstschweiß nassen, hellblonden Ponyfransen aus der Stirn.

„Es war kein Albtraum! Hier ist ein Mann!“, jammerte Alyssa und zeigte in die Ecke. „Er hat sich über mein Bett gebeugt und nach mir gegriffen. Er wollte mich mitnehmen!“

„Aber Schatz, hier ist niemand.“ Der Blick ihrer Mom folgte Alyssas Fingerzeig, und sie betrachtete die leere Ecke und den leicht verrutschten Bilderrahmen an der Wand. „Siehst du? Nichts!“, bekräftigte sie noch einmal. „Du hast einfach nur schlecht geträumt. Ich werde deinem Daddy verbieten, dich bis in die Puppen aufbleiben zu lassen. Kein Wunder, dass du völlig übermüdet bist und Horrorvorstellungen hast.“

Sie küsste ihre Tochter auf die Stirn und strich ihr über die Wange. „Mein Gott, du zitterst ja! Nicht, dass du krank wirst.“ Sie drückte das Mädchen zurück in die Kissen und zog sorgsam die Bettdecke über den kleinen Körper.

„Ich werde nicht krank!“, protestierte Alyssa, und ihre Augen füllten sich mit Tränen, weil ihre Mutter ihr nicht glaubte. „Ich friere! Und er hat die Kälte mitgebracht“, erklärte sie und beobachtete die Eiswölkchen, die aus ihrem Mund kamen, während sie sprach. „Siehst du nicht meinen Atem?“

„Hör auf, Märchen zu erfinden!“, erwiderte ihre Mom. „Ich sehe gar nichts. Und es ist auch nicht kalt – ganz im Gegenteil! Die Heizung läuft auf vollen Touren.“ Sie stockte. „Aha, jetzt weiß ich, was du willst. Und die Antwort lautet Nein! Du bist mit sieben Jahren schon ein großes Mädchen und zu alt, um bei Mommy und Daddy im Bett zu schlafen. Und nun wird nicht gebettelt, und ich will auch keine Widerworte hören. Jetzt wird geschlafen!“ Sie küsste Alyssa. „Mommy hat dich lieb.“ Dann stand sie auf und ging in die Ecke, um das schiefe Bild zu richten.

„Nicht!“, flüsterte Alyssa angsterstickt. Zwar konnte sie den Schattenmann nicht mehr sehen, aber sie spürte seine Anwesenheit in ihrem Zimmer.

Ihre Mutter rückte das Bild zurecht und drehte sich lächelnd um. Da tauchte hinter ihr aus der Wand der Schattenmann auf und überragte riesenhaft ihre zarte Gestalt. Er bleckte die Zähne und stürzte sich mit spitzen Krallen auf sie.

„Mooom! Aaah!!!“ Alyssa schrie wie am Spieß – und wurde ohnmächtig.

1. KAPITEL

Zwölf Jahre später

„Du musst die Séance machen, Alyssa! Bitte!“ Sandra zog alle Register und sah die Freundin mit einem bettelnden Hundeblick an.

„Nein!“, wiederholte Alyssa zum gefühlten hundertsten Mal. „Und guck nicht so hilfsbedürftig. Das zieht bei mir nicht. Ich bin kein Typ! Außerdem: Was ist an dem Wort Nein so schwer zu verstehen?“

„Nichts“, erwiderte Sandra. „Ich begreife nur nicht, warum du nicht willst. Deine hellseherischen Fähigkeiten sind der Hammer! Du hast alle Fragen unserer Uni-Prüfungen vorhergesehen. Du wusstest, welche Liebesbeziehungen in unserem Freundeskreis von Dauer sind und welche nicht. Und du konntest Simon und David hilfreiche Dating-Tipps geben, damit sie sich nicht in die falschen Mädchen verlieben. Deine Trefferquote liegt bei hundert Prozent! Bitte, bitte, bitte! Lass uns nur ein einziges Mal eine spiritistische Sitzung abhalten.“

„Ich bin kein Medium“, erwiderte Alyssa unnachgiebig.

„Das weißt du doch gar nicht, wenn du es noch nie ausprobiert hast“, beharrte Sandra.

„Es gibt Gründe, warum ich keine Geisterbeschwörung abhalten will“, sagte Alyssa und schob genervt ihren halb vollen Teller Spaghetti von sich.

„Hast du Angst, als Medium zu scheitern?“, mischte David sich neugierig ein. „Ich glaube, deine Bedenken sind unbegründet. Ich halte deine außergewöhnliche Gabe für ausbaufähig. Wenn ich du wäre, würde ich bis an meine Grenzen gehen.“

„Du bist aber nicht ich“, konterte Alyssa, stellte ihren Teller auf das Tablett und machte Anstalten, aufzustehen, um die Mensa zu verlassen.

Sandra hielt sie fest. „Warte! Du bist meine einzige Chance! Ich möchte meine tote Cousine Madeleine so gerne wiedersehen. Ich will wissen, wie es zu ihrem Unfall kam und ob es ihr im Jenseits gut geht. Wenn es nicht klappt, frage ich dich auch nie wieder.“

„Mein Gott, Sandy! Nun lass Alyssa endlich in Ruhe“, unterbrach Jacob sie. „Sie will nicht. Akzeptier das! Man könnte meinen, du wärst nur mit ihr befreundet, weil sie hellsehen kann.“

„Das stimmt nicht!“, protestierte Sandra. „Ich mag Alyssa als Mensch …“

Doch bevor sie weiter ausholen konnte, fiel Simon ihr ins Wort. „Deine Cousine ist nach einer Party besoffen Auto gefahren und mit überhöhtem Tempo gegen einen Baum geprallt. Das hat sie und ihren Beifahrer das Leben gekostet. Dumm gelaufen! Vor allem für ihn. Aber im Grunde waren beide selbst schuld. Sie hätte nicht trinken sollen und er nicht mit ihr mitfahren. Noch Fragen?“ Er zuckte mit den Schultern.

„Ihr seid total ätzend!“, giftete Sandra Simon und Jacob an. „Maddie war gerade mal einundzwanzig Jahre alt, als sie gestorben ist. Das ist viel zu jung! Und es ist voll ungerecht! Auch wenn es falsch war, dass sie sich betrunken hinters Steuer gesetzt hat. Aber es hat sie keiner der Leute, mit denen sie aus war, zurückgehalten. Somit tragen die anderen genauso viel Schuld! Es ist so schade … Sie wollte mich Weihnachten besuchen. Wir hatten uns zwei Jahre nicht gesehen und nur via Facebook und Skype Kontakt gehalten. Ich mochte sie immer gern. Und deshalb will ich einfach wissen, ob es ihr gut geht, wo auch immer sie jetzt sein mag. Ich möchte glauben, dass sie im Jenseits weiterlebt. Kapiert ihr das nicht?“

„Sorry, aber für mich ist das Esoterik-Mist“, meinte Jacob. „Madeleine ist tot und kommt nicht wieder. Das ist schade für sie und für alle, die sie liebten. Aber so ist es. Also bringt es auch nichts, eine Séance abzuhalten.“

„Da bin ich anderer Meinung“, sagte David. „Ich bezweifle zwar, dass es Geistererscheinungen wie im Kino gibt. Ihr wisst schon: Gestalten in langen, weißen Waller-Waller-Gewändern, die die Lebenden heimsuchen. Aber ich bin davon überzeugt, dass übernatürliche Phänomene existieren und es ein Leben nach dem Tod gibt.“

„Genau!“, bestätigte Sandra seine Aussage. „Nur, weil man etwas nicht sehen kann, bedeutet das nicht, dass es nicht vorhanden ist. Wie erklärt ihr euch zum Beispiel Alyssas Fähigkeit, Geschehnisse vorauszusagen?“

„Oh, bitte! Das sind völlig verschiedene Dinge“, warf Jacob ein. „Vielleicht besitzt Alyssa mehr Intuition als andere Menschen. Oder es existiert ein von der Medizin unentdecktes Gen, das Hellsehen vererbt. Aber deswegen kann Alyssa nicht die Seelen der Toten zurückholen.“ Er schüttelte ungehalten den Kopf.

„Simon? Was meinst du dazu?“ Sandra ließ nicht locker.

„Gar nichts. Ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte“, erwiderte Simon. „Mich interessiert das Thema nicht sonderlich. Außerdem ist gerade Mia Shepard zur Tür reingekommen. Sie ist so heiß!“

„Nicht so heiß wie ich“, meldete sich Natalie mit ihrer hellen Püppchen-Stimme zu Wort und grinste so zufrieden wie eine Katze, die gerade einen Kanarienvogel verschlungen hat.

„Auweia! Nimmt das jemals ein Ende?“ Sandra verdrehte die Augen und sah Natalie tadelnd an. „Jedes Mal wenn Mia Shepard in unserem Dunstkreis auftaucht, musst du uns daran erinnern, dass nicht sie, sondern du ‚Miss Campus‘ geworden bist.“

„Ja und? Das wird auch so bleiben! Ich bin nämlich stolz auf meinen Sieg!“ Natalie schmollte, weil Sandra ihr den Spaß verdarb. „Mia war Favoritin, und ich galt als Außenseiterin. Aber Alyssa hat mir vorausgesagt, dass ich es schaffe – und das habe ich. Mia ist bloß Zweite geworden. Und das, obwohl sie Cheerleaderin ist und ich nicht. Hihi … Meinen ersten Platz nimmt sie mir immer noch übel.“

„Und ich nehme es dir übel, wenn du nicht endlich mit dem Eigenlob aufhörst.“ Sandra seufzte.

„Ich wäre mit der zweiten Wahl zufrieden“, verkündete Simon. „Glaubst du, ich hätte nicht doch eine Chance bei Mia?“ Er sah Alyssa fragend an.

Alyssa schüttelte den Kopf. „Wie oft willst du mich noch wegen Mia löchern? Die Antwort lautet noch immer Nein. Außerdem hat sie einen Freund … Quarterback Wade Perkins.“

„Echt? Wow, deine Fähigkeiten als Hellseherin sind wirklich beeindruckend“, meinte Simon.

„Nun ja, diesmal ist es auch ziemlich leicht“, erwiderte Alyssa und deutete mit einem Kopfnicken in Richtung der Cheerleaderin, die sich soeben in die Arme von Quarterback Wade schmiss und selbstvergessen mit ihm knutschend die Schlange zur Essensausgabe blockierte.

Simon schaute mit knallrotem Gesicht erst das Pärchen und dann Alyssa an, sodass die anderen anfingen zu lachen.

„Macht euch ruhig lustig über mich“, schmollte Simon.

„Immer wieder gern“, sagte Alyssa und stand auf. „Ich muss jetzt wirklich los, sonst komme ich zu spät zu meinem Seminar über Rechnungswesen.“

„Versprichst du mir, dass du es dir wegen der Séance noch überlegst?“, hakte Sandra nach.

Alyssa seufzte.

„Lasst uns abstimmen!“, schlug David vor. „Ich bin für eine Geisterbeschwörung. Das macht schon zwei.“

„Ich bin dagegen“, sagte Jacob. „Also steht es unentschieden.“

„Mir ist es egal“, meinte Simon.

„Egal gibt es nicht“, stellte Sandra fest.

„Also gut. Dann bin ich …“, er machte es spannend, „… dafür.“

Sandra jubelte siegessicher, während Alyssa Simon in die Seite boxte. „Wieso bist du dafür? Dir helfe ich nie wieder bei deinen Weibergeschichten!“

„Ach, komm! Das wird lustig. Als BWLer haben wir in unserem trockenen Wirtschaftsstudium sonst nicht viel zu lachen. Ich sehe mich schon in den Fängen eines aus der Unterwelt entflohenen Zombies.“ Simon fletschte die Zähne, hob die Arme und formte seine Hände zu Klauen, um dann Natalie anzufallen. „Ich will dein Fleisch!“, stöhnte er.

„Igitt! Was du unter Humor verstehst, ist so was von krank!“, schimpfte Natalie.

„Lass dich von Simon nicht kirre machen.“ Sandra zwängte sich zwischen ihn und Natalie, schob ihn mit einem verärgerten Kopfschütteln zur Seite und meinte: „Jetzt hängt alles von dir ab, Natalie.“

Die Blicke der Freunde richteten sich auf ‚Miss Campus‘.

„Och nö! Die Rolle gefällt mir nicht“, wehrte Natalie ab.

„Du musst!“, drängte Sandra.

„Also gut.“ Natalie kaute an ihrer Unterlippe. „Ganz ehrlich … Mir ist Alyssa unheimlich.“

Alyssa lachte auf.

„Versteh mich nicht falsch“, lenkte Natalie ein. „Ich mag dich total und fand dich von der Sekunde an toll, als ich dich auf der Erstsemesterveranstaltung vor zwei Monaten das erste Mal sah.“

„Aber …?“ Alyssa grinste. „Als Hexe bin ich dir suspekt.“

„Du bist keine Hexe.“ Natalie winkte ab. „Ich habe Angst … oder vielmehr Respekt vor deinen Voraussagen. Gerade weil bisher alles eingetroffen ist, was du vorhergesehen hast, fürchte ich mich vor Prophezeiungen, die über Liebesgeplänkel und Uni-Prüfungen hinausgehen … Ich denke dabei an so furchtbare Dinge wie den Tod. Ich möchte zum Beispiel nicht, dass du mir mein Todesdatum voraussagst. Ich würde durchdrehen, wenn ich das wüsste. Also: Sag mir, warum du keine Geisterbeschwörungen machen willst. Dann entscheide ich mich dafür oder dagegen.“

„Das ist ganz einfach“, antwortete Alyssa. „Ich fürchte mich genauso wie du davor, dass ich zu weit gehe und mein Können überschätze. Mit schwarzer und weißer Magie – und dazu gehören spiritistische Sitzungen – ist nicht zu scherzen. Wenn man die falschen Geister ruft, wird man sie nicht mehr los. Es kann sein, dass sie ins Diesseits kommen und einen ewig verfolgen.“

„Puh!“, stöhnte Natalie auf. „Das war’s für mich. Ich bin raus! Keine Séance.“

„Oh verdammt!“, begehrt Sandra auf. „Das war unfair, Alyssa, du hast dir den größten Angsthasen aus unserer Gruppe gegriffen und manipuliert!“

Alyssa grinste und packte ihre Sachen zusammen. „Es ist entschieden. Wir haben keine Mehrheit für die Séance. Also, wir sehen uns.“ Sie winkte ihren Freunden zu, nahm ihr Essenstablett und ging damit zur Rückgabestation.

Hinter sich hörte sie Natalie maulen. „Angsthase? Ich gehorche nur meinem gesunden Menschenverstand.“

„Blödsinn! Du bist voll auf Alyssas Trick reingefallen“, erwiderte David.

„Feigling!“, foppte Simon Natalie. „Feigl…“

Dann konnte Alyssa die Stimmen ihrer Freunde in dem Geräuschpegel, der in der Mensa herrschte, nicht mehr hören. Sie stellte ihr Tablett auf dem Fließband ab und eilte zum Ausgang. Der Gedanke an eine Séance mit ihr als Medium verursachte ihr eine dumpfe Übelkeit. Sie stürzte aus dem Gebäude nach draußen und atmete tief die frische Frühlingsluft ein. Nach ein paar Atemzügen ging es ihr besser. Zum Glück hatte sie die grauenhafte spiritistische Sitzung abblocken können, ohne dass ihre Clique bemerkte, wie elend sie sich wegen Sandras Bitte fühlte.

Sie wusste nicht, warum sie so heftig auf die Geisterbeschwörung reagierte. Aber es hing mit diesem Albtraum aus ihren Kindertagen zusammen. Das spürte sie. Leider erinnerte sie sich nicht an seinen Inhalt. Doch er musste grauenhaft gewesen sein. Denn sie durchlebte bis heute immer wieder Flashbacks, in denen sie sich als kleines Mädchen in ihrem Kinderbettchen sitzend und verzweifelt weinend nach ihrer Mutter rufen sah.

Aber wenn sie versuchte, die Details des lange zurückliegenden Erlebnisses heraufzubeschwören, schaltete ihr Gehirn ab. Statt des Hellsehens trat dann Finsternis ein und legte ihre Erinnerung lahm. Alyssa nahm den Komplettausfall hin. Es musste einen wichtigen Grund für die Verdrängung geben, und sie mochte nicht an der Vergangenheit rühren. Denn unmittelbar nach diesem Vorkommnis war ihre Mutter ermordet worden.

Offiziell hieß es, ihr Vater habe seine Frau während eines Ehestreits im Affekt getötet. Aber Alyssa weigerte sich, zu glauben, dass ihr sanfter Dad zu so einer Tat fähig gewesen sein sollte. Außerdem stritten ihre Eltern nie! Sie hatte ihn nicht nach der Wahrheit fragen können. Denn er beging in der Untersuchungshaft Selbstmord, ohne über ihre Mom und die Umstände ihres Todes ein Wort geäußert zu haben.

Alyssa hatte nie jemandem von der Familientragödie erzählt. Mit ihrem Schweigen hatte sie dem Wunsch ihrer inzwischen verstorbenen Großeltern entsprochen. Denn Oma und Opa wollten verhindern, dass diese Familienschande öffentlich wurde und das Leben ihrer Enkelin belastete.

Ein gut gemeinter Wunsch. Aber über die Tragödie zu schweigen hatte Alyssa nicht weitergeholfen. Im Gegenteil hatte sie als Kind einen unsichtbaren Freund erfunden, dem sie all ihren Kummer beichtete. Und jetzt als Erwachsene suchte sie immer noch nach Antworten.

„Alyssa!“

„Jacob! Was ist?“

„Ich wollte sehen, ob es dir gut geht“, erklärte er atemlos. Er war gerannt, um sie einzuholen. „Es tut mir leid, dass Sandy so genervt hat. Sie weiß nie, wann Schluss sein muss.“

„Sie denkt halt ständig an ihre tote Cousine und kann nicht loslassen. Es ist auch schwer, jemanden plötzlich zu verlieren, an dem einem viel liegt.“ Alyssa hörte das Zittern in ihrer Stimme und bemerkte Jacobs intensiven Seitenblick. Bevor er nachhaken konnte, meinte sie: „Begleitest du mich bis zu meinem Seminar?“

„Gerne.“ Er strahlte sie an.

Alyssa lächelte zurück. Sie wusste, dass Jacob in sie verliebt war. Nun ja, alle aus der Clique wussten das und zogen ihn regelmäßig damit auf. Schließlich war es offensichtlich, dass er jede Gelegenheit wahrnahm, um mit ihr allein zu sein und stets für sie Partei ergriff, selbst wenn er anderer Meinung war.

Alyssa fand das unheimlich süß. Überhaupt verkörperte Jacob geradezu den perfekten Jungen. Er war gut aussehend, intelligent, lustig und nett. Sie mochte ihn sehr gern. Dennoch hatte sie seine Annäherungsversuche bisher abgeblockt und ihn zappeln lassen. Dass er sich nicht entmutigen ließ, sprach für seinen entschlossenen Charakter und spiegelte seine aufrichtige Zuneigung für sie wider. Was ihn in ihren Augen noch begehrenswerter machte. Dennoch zauderte sie, eine Liebesgeschichte mit ihm anzufangen. Dabei ärgerte sie sich eigentlich über ihr blödes Verhalten.

Jacob hatte ihre Hinhaltetaktik nicht verdient – und sie selber auch nicht. Sie stand ihrem eigenen Glück im Weg. Irgendwann würde auch Jacobs Geduld ein Ende haben, und er würde sich ein anderes Mädchen suchen. Dann hatte sie das Nachsehen. Und warum das alles? Weil sie unter schrecklicher Verlustangst litt! Sie traute sich nicht, zu lieben, weil sie fürchtete, die geliebte Person zu verlieren … so wie ihre Mom und ihren Dad. Einen solchen Schmerz wollte sie nie wieder ertragen müssen. Aber wenn sie die Liebe nicht zuließ, würde sie dann jemals richtig leben?

Sie seufzte. Die Schicksale aller anderen konnte sie voraussehen und ihnen Hilfestellungen geben oder bei Entscheidungen zustimmen oder abraten. Nur bei sich selbst setzte ihre Gabe aus. Wenn sie versuchte, in ihre eigene Zukunft zu blicken, geschah dasselbe, wie wenn sie sich auf ihre Vergangenheit besann: Ihre Wahrnehmung setzte aus.

„Woran denkst du? Du machst so ein trauriges Gesicht?“, forschte Jacob nach. „Bereust du, dass du uns dein Talent als Wahrsagerin verraten hast?“

„Wahrsagerin?“ Alyssa lachte, und ihre Zweifel rückten in den Hintergrund. „So habe ich mich noch nie gesehen. Das klingt nach Rummelplatz und Kristallkugel.“

„Sorry.“

„Nein, entschuldige dich nicht. Es gefällt mir. Die Bezeichnung Wahrsagerin besitzt eine geheimnisvolle, romantische Aura. Das ist cool. Ich hab meine Gabe, oder wie ich es nennen soll, lange nicht positiv gesehen. Ich fand sie eher belastend.“

„Wann hast du eigentlich bemerkt, dass du anders bist?“

Anders … Alyssa lächelte selbstvergessen. Dieser Ausdruck brachte sie und ihr Dasein auf den Punkt. „Ich konnte schon als kleines Mädchen Dinge vorhersehen“, antwortete sie. „Aber ich hielt mein Talent geheim, weil ich dachte, ich wäre verrückt. Erst als ich älter wurde, erkannte ich die Vorteile. So verdanke ich meinen tollen Highschool-Abschluss definitiv meinen hellseherischen Fähigkeiten. Dennoch hat es mich lange gestört, anders zu sein und nicht darüber reden zu können. Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen, und die haben jedes Gespräch abgeblockt, das ich darüber führen wollte. Und mit meinen Schulfreunden mochte ich nicht über meine Visionen sprechen. Ich hatte furchtbare Angst, ausgegrenzt zu werden.“

„Die Angst musst du bei mir … äh … uns aber nicht haben“, beeilte Jacob sich zu sagen. „In unserer Clique bist du voll akzeptiert! Wenn ich mir Sandy und David so anhöre, stehen sie für meinen Geschmack sogar ein bisschen zu sehr auf dein Anderssein.“

„Naja … Eigentlich stört es mich nicht, wenn sie möchten, dass ich ihnen etwas voraussage. Ihre Neugier ist verständlich. Schließlich begegnet man nicht ständig einer Wahrsagerin“, erwiderte Alyssa lächelnd. Die Bezeichnung gefiel ihr wirklich. „Aber ehrlich gesagt … Sandy ist mir ja auf die Schliche gekommen, weil ich bei unseren Prüfungen schon nach zehn Minuten abgegeben habe und Details aus dem Liebesleben unserer Kommilitonen wusste, die nur die Paare wissen konnten … Wenn sie mir also nicht auf die Schliche gekommen wäre, hätte ich euch nicht eingeweiht. Aber nun bin ich froh, es endlich jemandem erzählt zu haben. Außerdem stimmt, was du sagst: Ihr habt die Sache total entspannt aufgenommen. Das hat mich sehr beeindruckt. Seither fühle ich mich, als wäre mir eine Last von den Schultern genommen worden. Jedenfalls meistens …“ Sie dachte an Sandras Wunsch nach einer Séance und schüttelte unwillkürlich den Kopf.

Jacob beobachtete sie genau. Er grübelte eine Weile, bevor er sagte: „Ich habe zwar keine Visionen und auch sonst keine Geheimnisse, die verborgen bleiben sollten. Aber ich kann nachvollziehen, wie schwer es ist, einen Teil seines Ichs verstecken zu müssen. Im Gegensatz zu Sandra und David beneide ich dich nicht um deine Gabe, sondern stelle es mir verstörend vor, als Einzige vor allen anderen zu wissen, was geschieht. Das macht dich gewiss sehr einsam.“

Alyssa ließ sich nicht anmerken, dass er mit seiner Vermutung ins Schwarze getroffen hatte.

„Außerdem ist mit deinem Wissen eine große Verantwortung verbunden“, fuhr er fort, als sie nicht reagierte. „Hast du schon mal schreckliche Dinge vorhergesehen oder sind dir sogar als Folge deiner Visionen welche widerfahren?“

Alyssa überkam erneut das Unwohlsein, das sie bei der Erwähnung einer Séance empfunden hatte. Zum Glück brummte in diesem Moment ihr Handy, sodass sie Jacob nicht antworten musste und er nicht weiterbohren konnte.

Sie zog das Mobiltelefon aus ihrer Tasche und checkte das Display. „Sandy hat eine SMS geschickt“, informierte sie Jacob und hoffte, ihn damit von seiner letzten Frage abzulenken. Sie las ihm Sandras Nachricht vor. „‚Liebe Lys, ich habe ein schlechtes Gewissen, weil ich dir wegen der Séance das Mittagessen verdorben habe. Ich möchte es wiedergutmachen. Deshalb schmeiße ich heute Abend ab zwanzig Uhr bei mir zu Hause eine Cocktail-Party. Bitte komm! Deine Sandy.‘“

„Es geschehen noch Wunder“, bemerkte Jacob spöttisch. „Fräulein Ich-geb-nicht-auf zeigt sich einsichtig.“

„Hätte ich Sandra gar nicht zugetraut. Naja, gegen ein paar ordentliche Cocktails als Entschuldigung habe ich nichts einzuwenden.“ Alyssa lächelte Jacob an. Er lächelte zurück.

Sie schwiegen und sahen sich einfach nur in die Augen. Es knisterte gewaltig zwischen ihnen. Alyssas Puls beschleunigte sich. Was würde geschehen, wenn sie ihn jetzt einfach küsste?

Nein … Das käme zu überstürzt, nachdem sie ihn wochenlang am ausgestreckten Arm hatte verhungern lassen! Aber sie konnte ihn bitten, sie am Abend zu Hause abzuholen und mit ihr gemeinsam zu Sandra zu gehen. Sie könnten eine Weile bei ihr bleiben, bevor sie zu der Freundin aufbrachen, und sich endlich ohne Cliquen-Anhang unterhalten und näherkommen.

Jacob schien Ähnliches zu denken. Denn sie merkte, dass er sich sammelte und nach Worten suchte. Da nahm sie ihren Mut zusammen, holte Luft …

„Hey, da seid ihr ja!“ Simon kam über den Campus auf sie zugerannt. „Ich hätte vor lauter Quatschen in der Mensa beinah den Unterricht vergessen.“ Er legte seinen Arm um Jacobs Schulter, zog ihn zu sich heran und verpasste ihm mit der Faust eine Kopfnuss. „Alter, du hättest mich echt daran erinnern können. Schließlich gehen wir beide in dieselbe Vorlesung.“

„Ich bin nicht dein Aufpasser“, murrte Jacob. „Du bist erwachsen, Simon! Kümmer dich um deinen eigenen Mist.“

„Wieso bist du denn so sauer?“ Simon schnallte wie so oft nichts. „Nun bleib mal locker! Habt ihr Sandys SMS bekommen?“

„Haben wir.“ Alyssa seufzte und ging die Stufen zum Seminarraum hoch.

„Eine Cocktail-Party ist echt eine geile Idee!“, posaunte Simon heraus und zog Jacob mit sich zum Nachbargebäude, in dem ihre Vorlesung abgehalten wurde. Er winkte Alyssa lässig zu und erklärte Jacob, welche Cocktails er am liebsten trank. Dabei bemerkte er nicht, dass Jacob ihm gar nicht zuhörte, sondern Alyssa einen bedauernden Blick zuwarf.

2. KAPITEL

„Das ist keine Cocktail-Party. Das ist eine Séance!“ Alyssa stand zornesbleich in der offenen Eingangstür zu Sandras Apartment und musterte finster das Ouija-Board, das die Freundin zur Geisterbeschwörung auf dem Wohnzimmertisch aufgebaut hatte.

„Schon …“, gab Sandra zu, schloss eilig die Eingangstür und lehnte sich dagegen, damit Alyssa nicht abhauen konnte. „Aber Cocktails gibt es auch – sogar jede Menge. Was für einen möchtest du?“

Alyssa antwortete nicht. Sie war viel zu sauer auf Sandra. Gleichzeitig bekam sie allein beim Anblick des Ouija-Boards Atemnot.

Die anderen Cliquenmitglieder waren bereits eingetroffen und standen unschlüssig abwartend da. Nicht wissend, ob sie sich für eine spiritistische Sitzung einen Platz am Tisch suchen sollten. Oder ob der Abend schon zu Ende war, bevor er begonnen hatte, weil Alyssa aus der Wohnung stürmen würde.

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