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Wenn der Boss von Liebe träumt …

PROLOG

Lucius Devlin erwachte im Morgengrauen. Allein.

Lisa ist nicht mehr da, dachte er. Doch dann hörte er ihre Stimme – und konnte sich nicht entscheiden, ob er darüber erleichtert war oder nicht.

Diese Nacht war ein Fehler gewesen. Ein Riesenfehler.

Er stand auf und ging zu seiner Kommode. Aus der untersten Schublade nahm er eine Jogginghose und zog sie an. Dann ging er in die Küche, wo Lisa gerade telefonierte. Sie trug wieder das aufreizende rote Kostüm vom Vorabend.

Als er eintrat, klappte sie ihr Handy zu und setzte sich mit ihrer Tasse an den Tisch. Zum Glück hatte sie wenigstens Kaffee gemacht! Den brauchte er jetzt dringend.

Sie sah ihn an, während er sich eine große Tasse Kaffee einschenkte. Ihre Augen waren so dunkel wie seine. „Du bist schon angezogen“, stellte er überflüssigerweise fest. Nachdem er einen Schluck heißen Kaffee getrunken hatte, fragte er: „Ich nehme an, du gehst?“

„Ja.“ Mit ihren langen, schlanken Fingern spielte sie am Handy, während sie die geschwungenen Brauen zusammenzog. Oje, wenn sie sogar Falten riskierte, musste die Lage ernst sein. „Ich gehe. Diesmal für immer.“

„Du meinst, bis ihr euch wieder streitet, Geoff und du.“ Er wies auf das Handy. „Das war er gerade am Telefon, oder?“

Lisa verzog den Mund. „Du warst schon immer schlauer, als gut für dich ist.“

„Da sind wir schon zu zweit.“

Sie lehnte sich seufzend zurück, schlug die atemberaubenden Beine übereinander und musterte ihn, wider Willen amüsiert. „Warum konntest du dich, als wir damals zusammen waren, nicht einfach wie ein dummer Milliardär benehmen und den ungeheuren Fehler begehen, mich zu heiraten?“

„Wahrscheinlich, weil das ein Widerspruch in sich ist. Denn wenn ich dumm wäre, wäre ich nicht mehr lange Milliardär.“

„Das stimmt vielleicht in deinem Fall. Ich glaube, auf Geoff trifft das nicht zu.“

Na großartig! Jetzt hatte sie ihn in die skurrile Lage gebracht, seinen besten Freund vor der Frau verteidigen zu müssen, die mit ihnen beiden geschlafen hatte. Erst mit ihm. Doch als er sie nicht hatte heiraten wollen, hatte sie sich Geoff zugewandt, seinem Marketingdirektor bei Diablo Inc. Vermutlich hatte sie das nur getan, um ihn selbst doch noch zu einem Heiratsantrag zu drängen – doch dieser Versuch war gründlich nach hinten losgegangen.

„Geoff ist weder das eine noch das andere“, stellte er klar. „Vielleicht etwas naiv, wenn es um Frauen wie dich geht, aber vom Charakter her reines Gold.“

„Du meinst … im Unterschied zu uns beiden?“ Sie brauchte seine Antwort nicht abzuwarten, sie kannte sie auch so. „Er ist ein Engel – mit uns zwei Teufeln auf den Schultern, der Arme.“ Sie nahm einen kräftigen Schluck von ihrem Kaffee. „Was meinst du, auf wen von uns wird er hören?“

Lucius runzelte die Stirn. Er durfte sich auf keinen Fall in Lisas Spielchen verwickeln lassen. „Was willst du eigentlich?“

„Von dir? Nichts.“

„Und von Geoff?“

Sie lächelte und sah dabei so zufrieden aus wie eine Katze, die gerade den Kanarienvogel verschlungen hatte. „Von ihm habe ich schon, was ich wollte.“

Das klang ganz und gar nicht gut. „Und das wäre?“, fragte er misstrauisch.

„Einen Heiratsantrag.“ Sie grinste. „Du hattest recht: Das war gerade Geoff am Telefon. Er bereut sein Verhalten, sieht seine Fehler ein und will, dass wir den nächsten Flieger nach Las Vegas nehmen. Wir heiraten noch heute Nachmittag, und am Abend sind wir schon in den Flitterwochen.“

Was Lucius auf diese Ankündigung hin alles durch den Kopf schoss, war so unfein, dass es besser ungesagt blieb, selbst Lisa gegenüber. Er bemerkte lediglich: „Du gehst ja ganz schön ran. Übergangslos von einem Bett ins nächste. Wie nennt man das doch gleich …?“

Sie warf ihm einen wütenden Blick zu. „Mit dem feinen Unterschied, dass ich einen Ehering am Finger haben werde, wenn ich wieder mit Geoff ins Bett gehe. Das ist mehr, als du mir jemals geboten hast.“

„Und wenn ich ihn jetzt anrufe und ihm sage, wo du diese Nacht gewesen bist?“

„Das weiß er doch längst. Warum, glaubst du, hat er um meine Hand angehalten?“ Sie wirkte jetzt doch etwas mitgenommen. „Es wird dich freuen zu hören, dass er mir verzeiht. Dass er uns beiden verzeiht.“

Lucius fluchte. „Tu das nicht, Lisa. Diese Ehe überlebt er nicht. Du frisst ihn mit Haut und Haaren auf.“

Vielleicht hatte er sich darum ein letztes Mal von ihr verführen lassen – damit Geoff Lisa als das sah, was sie wirklich war. Eine Goldgräberin, die jede Gelegenheit zu ihrem Vorteil zu nutzen verstand. Die keine Skrupel hatte, sich an den Meistbietenden zu verkaufen.

Doch leider hatte er damit offenbar das Gegenteil von dem erreicht, was er wollte. Sein Verhalten hatte nur bewirkt, dass sein Freund sich umso schneller auf diese mehr als fragwürdige Ehe einließ!

„Wenn dir das mit mir und Geoff nicht passt, hättest du mich ja heiraten können. Aber du wolltest nicht. Der feine Herr würde ja nie das Heft aus der Hand geben. Wenn hier schon einer manipuliert, dann aber bitte du selbst.“ Sie schob ihre Tasse samt Untertasse so ruckartig von sich, dass der Kaffee überschwappte. „Ich heirate Geoff, dabei bleibt es. Und ich habe vor, ihn glücklich zu machen.“

„Wie heißt es so schön? Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.“

„Tja, dann werde ich wohl zur Hölle fahren, aber nicht allein. Du hast schließlich dasselbe Ziel.“ Sie stand auf. Zu seiner Verblüffung glitzerten Tränen in ihren dunklen Augen. „Und weißt du, was das Beste ist? Geoff will sobald wie möglich eine Familie gründen. In diesem Punkt sind wir uns absolut einig. Mag sein, dass ich auf meinen Vorteil bedacht bin, aber wenigstens bin ich eine mütterliche Egoistin.“

Das schrie geradezu nach einer zynischen Antwort: „Nicht zu vergessen, dass der kleine Bengel dir im Scheidungsfall dicke fette Unterhaltszahlungen garantiert.“

Er wappnete sich für ihren Wutausbruch, doch stattdessen erstarrte sie. „Du bist wirklich ein Arschloch, Lucius. Vielen Dank, dass du mich noch mal daran erinnert hast.“ Sie steckte ihr Handy in die Tasche und sah ihn mit einem so überzeugenden Stolz an, dass er im Geiste Beifall klatschte. „Und eines Tages wirst du diese Unterstellung zurücknehmen. Auch wenn ich Geoff nicht so begehre wie dich … Er ist ein guter Mann. Und er ist anständig, und von der Sorte habe ich in meinem Leben nicht so viele kennengelernt. Ich habe wirklich vor, ihn glücklich machen. Ach was, ich werde ihn selig machen! Und dir wünsche ich, dass du die nächsten fünfzig Jahre damit verbringst, auf unser Glück neidisch zu sein. So lange, bis du an deinem Neid erstickst.“

Damit ging sie.

1. KAPITEL

„Du bist nicht nur ein Teufel, du bist außerdem noch ein richtiger Mistkerl!“

Dem energisch vorgebrachten Statement folgte das unmissverständliche Klatschen von Hand auf Wange.

Angie Colter hob abrupt den Kopf, wirbelte mit ihrem Stuhl herum und starrte auf die geschlossene Bürotür ihres Chefs Lucius „The Devil“ Devlin, Eigentümer und Geschäftsführer von Diablo Inc., einem Millionenunternehmen, das darauf spezialisiert war, Immobilien maroder Firmen aufzukaufen und zu sanieren.

Die Tür wurde aufgerissen, und Ella, eine bildhübsche Rothaarige, die Angie erst vor zehn Minuten zu Devlin hineingeführt hatte, stürmte wutentbrannt aus dem Büro. In den letzten drei Monaten hatte der Boss eine ganze Reihe von Freundinnen gehabt, mit Ella war er immerhin seit zwei Wochen zusammen. Ein absoluter Rekord.

„Wie kommst du nur darauf, ich könnte deinen Antrag annehmen? Ist doch total verrückt!“ Sie stolzierte auf ihren schwindelerregenden High Heels über den weichen Teppich zum Aufzug, ohne sich noch ein Mal umzublicken.

Angie sah ihr nach.

Hm. Sehr interessant. Und ein weiterer Hinweis darauf, dass mit Lucius irgendetwas nicht stimmte. Sie hatte den Verdacht, dass das mit dem Baby zusammenhing, dessen Vormund er seit drei Monaten war.

Der Kleine hieß Mickey und war inzwischen ein halbes Jahr alt. Er war der Sohn von Geoff Ridgeway, dem verstorbenen Marketingdirektor von Diablo Inc. Geoff und seine Frau Lisa waren kurz vor Weihnachten bei einem Zugunglück in Europa ums Leben gekommen.

Angie hatte das Kind sofort ins Herz geschlossen. Vielleicht kam es daher, dass sie ihre biologische Uhr schon leise ticken hörte. Wahrscheinlich aber lag es eher an Mickeys großen dunklen Augen, die sie immer so ernsthaft anschauten. Wie auch immer, sie empfand eine warme, tiefe Zuneigung, und diese ungewohnt mütterlichen Anwandlungen machten keinerlei Anstalten, sich in Luft aufzulösen.

Mit unverhohlenem Interesse linste sie in Lucius’ Büro. Zunächst hatte sie einfach angenommen, dass er eine Nanny suchte, da die nette Frau, die im Moment auf Mickey aufpasste, den Job nur vorübergehend angenommen hatte.

Aber in letzter Zeit waren ihr doch Zweifel gekommen, ob es wirklich nur um Kinderbetreuung ging … Da sie ihre Neugier nicht länger im Zaum halten konnte, nahm sie ihren elektronischen Notizblock, machte sich durch ein kurzes Klopfen an der offenen Tür bemerkbar und trat ein.

Ihr Boss stand vor der großen Fensterfront und gab Eiswürfel in sein Glas mit Scotch. Hinter ihm erstreckte sich Seattle im Morgennebel, die größte Stadt im Nordwesten der Vereinigten Staaten.

Lucius „The Devil“ Devlin war eindrucksvolle ein Meter neunzig groß und eigentlich viel zu sportlich für einen reinen Schreibtischjob. Sicher hatte er sich für teures Geld ein eigenes Fitnessstudio eingerichtet, in dem er mit der für ihn typischen Effizienz trainierte. Er war ein umwerfend gut aussehender Mann mit schwarzen Haaren und geheimnisvollen dunklen Augen. Allein von seinem Anblick blieb den meisten Frauen schon mal die Luft weg.

Ein Lächeln von ihm hatte genügt, und Angie war dahingeschmolzen.

Sie hatte den unverzeihlichen Fehler begangen, sich hoffnungslos in ihn zu verlieben. Sie konnte einfach nicht anders.

Er wandte ihr den Rücken zu. „Das ist gerade kein guter Zeitpunkt.“

Ohne sich um seine finstere Laune zu kümmern, ging sie auf ihn zu. „Nimm etwas von dem Eis und leg es auf dein Gesicht. Dann schwillt es nicht so an.“

„Für eine Frau schlägt sie ganz schön hart zu.“

„Wundert mich nicht. Beim Bankdrücken schafft sie fünfzig Kilo.“

Interessiert fuhr er zu ihr herum. „Ehrlich?“

„Das weiß ich ganz genau. Wir trainieren im selben Studio. Du hattest sogar noch Glück, dass sie dich nur geschlagen hat, denn im Kickboxen ist sie richtig gut. Diese Christian Louboutin-Heels hätten sich an deinem Kinn bestimmt nicht gut gemacht.“

„Sie hat gar nicht erwähnt, dass sie dich kennt.“

Kein Wunder, Ella hatte nur Augen für Männer. „Wahrscheinlich hat sie mich gar nicht bemerkt. Ich bin nicht so auffällig.“

Nachdem Lucius seinen Scotch ausgetrunken hatte, folgte er Angies Rat und presste das Glas mit den Eiswürfeln an die noch ziemlich geröteten Fingerabdrücke auf seiner Wange.

Dabei betrachtete er Angie eingehend – aber leider ohne das geringste sexuelle Interesse. Sie wusste auch warum. Schon vor Langem war sie zu dem Schluss gekommen, dass sie nicht nur den richtigen Kopf fürs Geschäftliche hatte, sondern, Gott sei’s geklagt, auch den richtigen Körper – und zwar nur fürs Geschäftliche.

Mit ihren fast ein Meter achtzig war sie gertenschlank mit nur angedeuteten weiblichen Rundungen. Sie hatte ein hübsches Gesicht und wundervolles Haar, das in allen Braunschattierungen schimmerte – das sie aber immer zu einem festen Knoten geschlungen trug. Das Beste an ihr waren ihre leuchtenden aquamarinblauen Augen, die ihr früherer Freund „atemberaubend“ genannt hatte. Aber das war gewesen, bevor er sich ihrer blonden, kurvenreichen Freundin – nunmehr ehemaligen Freundin – Britt zugewandt hatte. Inzwischen waren die beiden längst verheiratet und hatten ein Baby. Obwohl er ihr immer gesagt hatte, dass er keine Kinder wollte.

Vielleicht hatte Angie sich darum mit voller Kraft auf ihre Karriere gestürzt. Ungefähr zur selben Zeit, als Britt Ryans Nachwuchs zur Welt brachte, hatte sie selbst die begehrte Assistenten-Stelle bei Lucius Devlin ergattert. Und trotz ihres heimlichen Babywunschs war sie sich nicht sicher, wer nun das bessere Los gezogen hatte: Britt oder sie. Wer weiß, womöglich waren ihre Gefühle für Ryan doch nicht ganz so tief gegangen, wie sie geglaubt hatte.

„Ella hat dich nicht bemerkt, weil du eine Frau bist. Nicht, weil du unscheinbar bist. Mit der richtigen Kleidung und der passenden Frisur …“

Angie erstarrte. Aber so war es nun mal, wenn man einen Mann liebte, für den man nur ein Teil des Bürobetriebs war! Sie hob das Kinn und sah ihn mit ihren klaren blauen Augen durchdringend an. „Oh, vielen Dank“, spottete sie. „Für die wertvollen Hinweise von Lucius Devlin, wie ich mich in die perfekte Frau verwandeln kann. Einen Moment, ich notiere.“ Sie nahm den elektronischen Notizblock zur Hand. „Ich höre. Außer bei der Kleidung und Frisur … woran hapert es noch?“

„Zum Teufel, Weib…“

Sie kniff verärgert die Augen zusammen und stellte befriedigt fest, dass er zusammenzuckte. Hmmm. Den Blick sollte sie öfter mal zum Einsatz bringen. „Beim Teufel kennst du dich ja bestens aus, Lucius.“

„Darauf kannst du Gift nehmen“, bestätigte er grimmig und goss sich Scotch nach.

Angie hatte nicht die geringste Lust nachzugeben. „Nein danke, ich glaube dir auch so.“ Herausfordernd fügte sie hinzu: „Also was ist, hast du noch irgendwelche Anmerkungen zu meinem Erscheinungsbild?“

Aber er ließ sich nicht provozieren. Er trank einen Schluck und sah sie mit seinen verflixten dunklen Augen über den Glasrand hinweg an. „Nichts weiter.“

„Das dachte ich mir.“ Sie wies auf das Glas. „Du solltest lieber dein Gesicht weiterkühlen, sonst wirst du noch von Kunden auf dein blaues Auge angesprochen. Wäre nicht gut für deinen Ruf, wenn du zugeben müsstest, dass du das einer Frau zu verdanken hast.“

„So würde ich die Geschichte auch nicht erzählen.“ Trotzdem beherzigte er ihren Rat.

Sie schenkte ihm ein süßes Lächeln. „Aber ich.“

„Wie bin ich nur jemals darauf gekommen, dass du die perfekte Assistentin bist?“, polterte er los. „Ich muss wohl nicht bei Verstand gewesen sein.“

„Könnte stimmen. – Wie um alles in der Welt hast du eigentlich Ella so verärgert?“

„Du gehst also einfach so davon aus, dass es meine Schuld war!“, knurrte er ärgerlich.

„War es das etwa nicht?“

Er kämpfte sichtlich mit sich, aber dann siegte doch die Ehrlichkeit. „Doch, du hast ja recht. Es war mein Fehler. Ich habe ihr einen Heiratsantrag gemacht.“

Angie schnappte nach Luft. Ihr war, als hätte sie den Schlag ins Gesicht bekommen. „Was?“

Er sah sie an und seufzte. „Jetzt komm schon, Angie, wir sind doch nicht mehr auf der Highschool. Mit Romantik hatte das nichts zu tun. Ich kenne Ella ja erst seit zwei Wochen. Ich habe ihr einen geschäftlichen Vorschlag gemacht, zu dem eine Ehe gehört, und aus irgendeinem Grund hat sie das in den falschen Hals bekommen.“

Es dauerte einen Moment, bis Angie sich wieder so weit unter Kontrolle hatte, dass sie ein höflich interessiertes Gesicht machen konnte. Und noch einen Moment länger, bis sie sicher war, dass ihre Stimme nicht schrill wie eine Feuerglocke klingen würde.

Bis zu diesem Augenblick war ihr nicht bewusst gewesen, wie verzweifelt sie in ihn verliebt war. Wie sehr sie ihn bewunderte. Seinen brillanten Verstand. Seine Liebenswürdigkeit, die er so gern hinter dieser coolen, zynischen Maske versteckte …

Seit eineinhalb Jahren kannte sie ihn jetzt, und sie konnte hinter seine Fassade blicken. Sie sah den tiefen Schmerz, der sich in seinen dunklen Augen verbarg. Sie hatte den Mann erkannt, der er wirklich war, und aus dieser Erkenntnis war eine tiefe Liebe geworden, gegen die ihr das, was sie für Ryan empfunden hatte, oberflächlich erschien.

„Ja wirklich, Lucius“, sagte sie so trocken, wie sie es unter diesen Umständen hinbekam. „Ein Heiratsantrag auf rein geschäftlicher Basis? Wie kann eine Frau da nur beleidigt reagieren? Völlig unverständlich.“

Lucius stellte sein Glas ab, und die Eiswürfel klingelten wie zur Warnung. Er kam näher und starrte sie mit undurchdringlichem Blick an. „Wärst du so freundlich, mich deine Einschätzung der Situation wissen zu lassen?“

Sie wagte es nicht, direkt darauf zu antworten. „Ich denke, es ist wegen Mickey. Oder?“ Sie konnte nicht verhindern, dass ihre Stimme einen zärtlichen Klang bekam. Überhaupt wurde ihr immer warm ums Herz, sobald sie an den Kleinen dachte oder ihn in den Armen hielt. Babys waren so etwas Kostbares und Wunderbares!

Er zögerte, und sie spürte, dass er noch immer wütend auf Ella war. Aber er war keiner, der seinen Zorn an anderen ausließ. Schließlich nickte er. „Stimmt.“

„Du suchst nach einer passenden Frau für dich und nach einer passenden Mutter für ihn.“

„Stimmt ebenfalls.“

„Und da hast du gedacht, Ella würde Ja sagen – nach zwei Wochen.“

„Ich hatte meine Gründe“, erwiderte er knapp. „Fertig mit deinem Verhör?“

Angie fand, dass sie ihn nun genug genervt hatte, und lenkte ein. „Aber ja.“

„Wenn es so ist, könnten wir uns ja zur Abwechslung mal wieder der Arbeit zuwenden. Das Treffen mit Gabe Moretti steht noch immer nicht.“

Sie berührte den Bildschirm ihres digitalen Notizblocks mit dem Stift, um die einschlägigen Daten abzurufen. „Er hat seine Bereitschaft bezüglich des Richter Buildings signalisiert.“

„Nur wenn ich ihm die Mehrheitsbeteiligung überlasse.“

„Sieht ihm ähnlich“, bemerkte Angie. „Aber wenn ihm der Umbau so gut gelingt wie bei den Diamondt Towers, lohnt sich die Investition auch mit einem kleineren Anteil.“

„Das reicht mir nicht.“

„Das wiederum sieht dir ähnlich.“ Lucius war es gewohnt, die Zügel in der Hand zu behalten. Gabe Monetti leider auch. „Glaubst du wirklich, er gibt nach?“

„Darüber müssen wir ja reden.“

Mit anderen Worten: nein. Da würde es wohl zum Kampf der Giganten kommen. Wie gerne würde sie dabei Mäuschen spielen! Sie rief Lucius’ Kalender auf. „Was ist dir lieber: Lunch oder Dinner?“

Er überlegte kurz und trank noch einen Schluck Scotch. „Dinner am Freitag. Am besten bei Joe Milano am Puget Sound.“

„Ich kümmer mich drum. Ist dir acht Uhr recht?“

„Nur, wenn es auch bei dir passt.“

Angie stutzte. „Wie bitte?“

„Jetzt, wo Ella weg ist, brauche ich dich als Begleitung. Außerdem bist du eine unglaublich gute Beobachterin. Deine Eindrücke könnten mir von Nutzen sein.“ Wenn er lächelte, wurden seine klassischen Züge so sündhaft attraktiv, dass es Angie einen Stich ins Herz gab. „Hast du damit ein Problem?“

Sie zwang sich, von ihm weg und auf den Notizblock zu sehen. „Ich schau nach, ob ich Zeit habe, und komme wieder auf dich zu“, antwortete sie kurz angebunden.

„Okay.“

„Nächster Punkt“, fuhr sie fort. „Ein Pretorius St. John hat ein paarmal angerufen. In einer Privatangelegenheit, wie er sagte. Anscheinend geht es um irgendein Computerprogramm, das er für dich schreibt. Kümmerst du dich selbst darum?“

„Ja, mach ich.“

Sie zögerte noch. „Der Name kommt mir irgendwie bekannt vor …“

„Gut möglich. Sein Neffe ist Justice St. John, das Wunderkind mit den Robotern. Pretorius ist Spezialist für Roboter-Software.“

Wow! „Das haut mich ja um. Ein so hochkarätiger Wissenschaftler schreibt eigens für dich ein Programm?“

„Also weißt du, an manchen Tagen lässt du wirklich den nötigen Respekt vermissen!“

„Oh, bitte entschuldigen Sie, Mr Devlin, Sir“, scherzte sie. „Ich werde mich bessern.“

„Ich bitte darum.“ Seine Augen funkelten amüsiert. „Du fühlst dich von mir kein bisschen eingeschüchtert, stimmt’s?“

„Stimmt.“

Aus irgendeinem Grund hatte sie tatsächlich keine Angst vor ihm. Was natürlich daran liegen konnte, dass sie ganz andere Probleme mit ihm hatte. Dass sie sich viel zu sehr zu ihm hingezogen fühlte. Am schlimmsten war es, wenn sie einander versehentlich berührten. Dann schmolz sie buchstäblich dahin. Auf keinen Fall durfte er je merken, wie sehr sie diesen zufälligen Körperkontakt genoss. Wie gerne sie mehr von ihm spüren wollte. Seinen Mund. Seinen Körper. Sein Begehren …

Von Tag zu Tag drängten sich ihr diese Gedanken immer stärker auf! Sie schloss die Augen.

Lucius war tabu für sie. Ihre Wünsche würden niemals wahr werden, und je eher sie das akzeptierte, desto eher konnte sie zur Tagesordnung übergehen. Nur dass sie das im Grunde gar nicht wollte. Sie wollte … ihn!

Zu ihrer großen Erleichterung hatte Lucius nichts bemerkt. „Deine Selbstbeherrschung und dein natürlicher Umgang mit mir sind die beiden Vorzüge, die ich an dir am meisten schätze.“

„Was? Nur zwei?“, fragte sie mit gespieltem Entsetzen.

„Fishing for Compliments, Angie?“, fragte er. „Du möchtest wohl unbedingt noch mehr Gutes über dich hören?“

Sie zuckte mit den Schultern. „Wer möchte nicht noch mehr Gutes über sich hören?“

Er umkreiste sie wie ein Hai seine Beute und brachte sie damit zum ersten Mal in eineinhalb Jahren aus dem Konzept. Bisher hatte er sie immer nur als Teil der Büroeinrichtung gesehen, als ein kleines Zahnrädchen im Getriebe der großen Firma.

Aber jetzt betrachtete er sie mit den Augen eines Mannes. Nun galt es, unter allen Umständen Ruhe zu bewahren, damit er ihr die Aufregung nicht anmerkte. Unwillkürlich fasste sie das Notizgerät und den Stift fester und konnte nur hoffen, dass ihm ihre weiß hervortretenden Fingerknöchel nicht auffielen.

„Weißt du, warum ich dich aus den vielen Bewerberinnen ausgewählt habe?“, fragte er.

„Keine Ahnung. Ich bin ganz gut in meinem Job, aber das sind die anderen auch.“

„Da täuschst du dich“, widersprach er sanft. „Du bist nicht gut. Du bist spitze.“

Jetzt erstaunte er sie wirklich. Ihre Mitbewerberinnen und Bewerber hatten zu den fähigsten des Landes gezählt, so viel hatte sie mitbekommen. Zugegeben, sie hatte hart für den Job gearbeitet, vor allem weil ihr in anderen Lebensbereichen leider kein Erfolg vergönnt war. Aber Lucius Devlin konnte sich die besten Mitarbeiter leisten. Die allerbesten. Und zu denen gehörte sie wohl trotz allem eher nicht …

Und nun stand er vor ihr und sprach ihre eine solche Anerkennung aus!

„Jetzt bilde dir aber bloß nichts ein, Angie. Beim Vorstellungsgespräch warst du zwar nicht schlecht, doch es gab Bessere.“

„Also warum …?“ Plötzlich begriff sie. In der Anfangszeit hatte sie viele Überstunden gemacht und sich sehr angestrengt, um sich und ihm zu beweisen, dass er die richtige Wahl getroffen hatte. Ohne Zweifel hatte er im Voraus richtig eingeschätzt, dass sie sich mit voller Kraft in die Arbeit stürzen würde, dass sie alles geben würde. Und das hatte er ausgenutzt.

Die Erkenntnis tat weh. „Das ist fies, Lucius, selbst für deine Verhältnisse“, flüsterte sie.

Offenbar bemerkte er, dass er sie verletzt hatte, denn er erklärte: „Wenn ich dich damals schon so gut gekannt hätte wie jetzt, hätte ich es anders gemacht. Aber ich musste sichergehen, dass wir ein gutes Team werden.“ Ein seltsamer Ausdruck, den sie nicht richtig deuten konnte, trat in seine Augen. „Und das sind wir doch auch, oder Angie?“

„Bis jetzt schon.“ Sie lächelte widerstrebend. „Aber wenn du so weitermachst, kann ich für nichts garantieren.“

„Na schön.“ Er lachte. „Du musst zugeben, dass es geklappt hat. Und soll ich dir was verraten? Du hast meine Erwartungen sogar noch übertroffen.“

„Gern geschehen“, versetzte sie trocken.

„Dein hoher monatlicher Gehaltsscheck soll dir meinen Dank ausdrücken. Ich lege sogar noch etwas drauf, wenn du dir für unser Dinner mit Moretti was Schickes zum Anziehen kaufst. Ich will, dass du so toll aussiehst, dass er sich mal ausnahmsweise nicht aufs Geschäftliche konzentriert. Verstehst du?“

„Dafür wurde ich nicht eingestellt.“

„Doch. Du sollst erledigen, womit ich dich beauftrage. Und jetzt beauftrage ich dich eben damit.“

Was nun? Sollte sie zugeben, dass sie das nicht konnte? Oder es darauf ankommen lassen, dass er es selbst herausfand? Jedenfalls stand für sie fest, dass sie zu Spitzenleistungen nur im Beruf fähig war – ansonsten hielt sie sich für eher durchschnittlich. Vor allem, was Mann-Frau-Beziehungen anging, traute sie sich wenig zu. Vor allem, seit Ryan sich aus heiterem Himmel mit Britt eingelassen hatte.

Noch immer hasste sie die Erinnerung an den Moment, in dem sie die beiden in flagranti erwischt hatte. Was hatte er ihr damals gesagt? Dass sie zwar einen messerscharfen Verstand hätte, aber Defizite im häuslichen Bereich? Gemeint hatte er damit wohl in erster Linie Sex. Nun, sie selbst fand, dass Ryan und Britt dafür im Bereich Freundschaft Defizite hatten – und zwar gewaltige.

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