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Wenn das der Führer sähe …

Jacqueline Roussety

Wenn das der Führer sähe …

Von der Hitler-Jugend in Filbingers Fänge

Ein deutsch-schlesisches Kriegsdrama

In Gedenken an Walter Gröger

(27. 7. 1922 – 16. 3. 1945)

Der Vogel,

der sich hoch

über das weite Feld von Tradition und Vorurteil erheben

will,

braucht starke Flügel.

Kate Chopin, Das Erwachen (1899)

Für

Alexander, Eva-Maria, Evelyn, Claudia, Ursula, Peter und Stephan.

Danke für euer Vertrauen.

In Liebe für

Renate, Timotheus und Tim Jonathan

Besonderer Dank an:

acabus Verlag, Björn Bedey, Daniela Sechtig, Robert Merkel, Susanne Tenzler-Heuser, Rolf Hochhuth und Professor Dr. Wolfram Wette.

Professor Dr. Wolfram Wette

Historiker und Vorsitzender des wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung „Opfer der NS Militärjustiz“.

Empfehlung

Hans Karl Filbinger ist derjenige unter den rund 3.000 Militärjuristen der NS-Zeit, der in der Bundesrepublik Deutschland die steilste Karriere gemacht hat. Vom Amt des Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg musste er zurücktreten, weil er seine Mitwirkung an Todesurteilen leugnete, sie kleinredete und jedes Unrechtsbewusstsein vermissen ließ.

Eines seiner Opfer war der Mannschaftssoldat und Deserteur Walter Gröger. Wenn Filbinger es gewollt hätte, wäre Gröger vermutlich die Todesstrafe erspart geblieben und er hätte gerettet werden können. Doch Gröger wurde verurteilt und erschossen.

Nach 1945 galten Soldaten der Wehrmacht, die sich in den Jahren 1939 bis 1945 dem Vernichtungskrieg entzogen hatten, noch jahrzehntelang als Feiglinge und Verräter. Erst 1998 erfolgte ihre Rehabilitierung durch den Deutschen Bundestag.

Jacqueline Roussety hat über die Filbinger-Gröger-Doppelgeschichte bereits in der Form eines Essays in dem wissenschaftlichen Werk „Mit reinem Gewissen. Wehrmachtrichter in der Bundesrepublik und ihre Opfer“ (Hg.: Joachim Perels/Wolfram Wette, Berlin: Aufbau-Verlag 2011) geschrieben. Sie ist in dem Stoff „zu Hause“.

In ihrem Werk „Wenn das der Führer sähe … Von der Hitlerjugend in Filbingers Fänge“ möchte sie die Geschichte in Romanform bearbeiten. Damit könnte sie die Aufmerksamkeit eines größeren Publikums für das schwierige Thema „Wehrmachtjustiz und Deserteure“ gewinnen, das durch eine rein wissenschaftliche Abhandlung nicht erreicht werden kann. Daher möchte ich ihr Projekt wärmstens unterstützen.

Wolfram Wette

26. Juli 2013

 

Meine Pädagogik ist hart. Das Schwache muss weggehämmert werden. In meinen Ordensburgen wird eine Jugend heranwachsen, vor der sich die Welt erschrecken wird. Eine gewalttätige, herrische, unerschrockene, grausame Jugend will ich. Jugend muss das alles sein. Schmerzen muss sie ertragen. Es darf nichts Schwaches und Zärtliches an ihr sein. Das freie, herrliche Raubtier muss erst wieder aus ihren Augen blitzen. Stark und schön will ich meine Jugend. […] So kann ich das Neue schaffen.

Adolf Hitler

Oslofjord

März 1945

Das fahle Sonnenlicht reicht gerade noch aus, um Ausschnitte der Umgebung mit bloßem Auge zu fokussieren. Nicht mehr lange und die ersten dunklen Wolken schieben sich in den Vordergrund. Der frühe Abend schluckt ganz allmählich das Licht des dahinschwindenden Tages. Damit sinken die Temperaturen weiter und noch immer liegen vereinzelt letzte Schnee- und Eisschichten, Zeugen des hartnäckigen Winters. Noch lange wird der Frühling sich mit dem Winter die Herrschaft teilen müssen.

Die seltsam feierliche Stille hinter den Festungsmauern wird vom Nachhall entfernter Bombeneinschläge im monotonen Rhythmus durchbrochen; auch die Kampfflugzeuge der Alliierten zerreißen mit lautem Getöse in regelmäßigen Abständen die scheinbar himmlische Ruhe. Zurück bleiben Rauchwolken, die sich langsam dehnen und auflösen.

Die pechschwarze Mauer, auf die sich gleich unweigerlich alle Aufmerksamkeit richten wird, bröckelt an einigen Stellen. Gesteinsreste zerfallen zu grauem Staub; dieser vermischt sich allmählich mit anderen organischen Substanzen, hier angesammelt, um für die Ewigkeit zu überdauern.

Selbst das tagtägliche, in emsiger Schwerstarbeit erfolgende Abschrubben der noch vorhandenen Mauer kann die Existenz von dunkel getrocknetem Blut nicht verbergen. Der oben aufgerollte Stacheldraht hat im Laufe der Zeit Federn, Äste und Blätter als Beute ergattert. Braust der Wind kurz auf, flattern menschliche Haare wie Wimpel hin und her und wickeln sich schließlich wie von selbst wieder um den Draht. Farne und Moos zwängen sich durch kleinste Mauerritzen – ein Sieg der Natur über das von Menschenhand erschaffene Bollwerk.

Der Verurteilte betritt den Richtplatz. Mit ihm der Kriegspfarrer vom Kriegslazarett Linten. Ferner ist ein Zug der 1. M.E.A. Oslo anwesend. Mit murmelnder Beschwörung versuchen sie dem Angeklagten ein wenig Seelentrost auf den letzten Gang mitzugeben.

Nur scheint dieser des Seelentrostes nicht zu bedürfen. Er wirkt wie entrückt, als nehme er die Menschen um sich herum nicht wahr. Ein Gesicht, gerade den ganz unschuldigen Jahren entwachsen. Schmal, ausgezehrt, ein schlaksiger Körper. Leicht schwankend geht er auf die Front der Männer zu. Gekleidet in schwarze Ledermäntel, erwarten sie ihn mit regloser Miene. Sie sind laut Protokoll aufgefordert, das Urteil zu vollstrecken: der Marinestabsrichter als leitender Offizier, der Marinearzt vom Kommando 1. M.E.A. Oslo als Sanitätsoffizier, der Marinejustizinspektor und die angetretene Einheit, junge Matrosen wie der Angeklagte, die sich an ihren Gewehren festklammern.

Manch einer der Burschen kann den Blick nicht heben; einem anderen zittern leicht die Knie. Es herrscht tödliches Schweigen.

Der Marinearzt nimmt ein schwarzes Tuch und verbindet dem Verurteilten wortlos die Augen. Alles läuft nach vorliegender Vollstreckungsurkunde, die der Wehrmachtrichter in seinen Händen hält. Die schwarzen Lederhandschuhe verhindern jeden Kontakt mit dem Papier, auf dem unpersönlich die Formalitäten aufgelistet sind, das seine Unterschrift trägt und demzufolge ein junges Leben ausgelöscht wird.

Pünktlich um 18 Uhr steht der Angeklagte auf der ihm zugewiesenen Stelle des Richtplatzes. Direkt vor der Mauer.

Die angetretene Einheit hört auf das Kommando: „Gewehr über still!“

Eine bedrückende Ruhe breitet sich aus. Kein Flieger ist am Himmel zu hören, keine Bombe zerbirst auf dem tiefgefrorenen Boden. Nichts. Nur Stille.

Der leitende Offizier liest dem Verurteilten mit einer Stimme wie kaltes Wasser die Urteilsbegründung und die Bestätigungsverfügung vor. Seine Worte hallen über die Mauer, werden gespenstisch von dem dahinter liegenden Wald echogleich zurückgeworfen.

Es folgt eine Sekunde der Lautlosigkeit.

Der Verurteilte erklärt nichts.

Die Geistlichen erhalten letztmalig Gelegenheit, ihm Trost zuzusprechen. In diesem Moment schluckt eine Wolke das kärgliche Sonnenlicht; das bleiche Gesicht mit der schwarzen Binde hebt sich deutlich von der dunklen Mauer ab.

Er zeigt keine Regung. Das zehnköpfige Vollstreckungskommando hat sich fünf Schritte vor dem Verurteilten aufgestellt. Auch hier kein Ton, keine persönliche Reaktion.

Das Kommando „Feuer!“ durchbricht die atemlose Stille um 18:02 Uhr.

Dohlen fliegen wütend krächzend auf. Ihre Schreie gellen in den Ohren, mischen sich mit dem Nachhall der Feuersalven. Dann schlagartig wieder Ruhe.

Der Verurteilte knickt in sich zusammen, fällt auf die rechte Seite. Sand fliegt hoch, rieselt zurück auf den Boden, vermischt sich mit dem Rinnsal, das aus einer Wunde, dann durch die Uniform austritt, lautlos wie ein sterbendes Geheimnis.

Alles schweigt.

Der Sanitätsoffizier löst sich aus der Gruppe, stellt den Tod fest. 18:06 Uhr.

Daraufhin erscheint das Wachpersonal. Die Leiche wird eingesargt und zum Zwecke der Bestattung abtransportiert.

Die abkommandierte Einheit verlässt mit ihren wuchtigen Stiefeln die Stätte. Nur zwei alte Männer vom Wachpersonal bemühen sich, das frische Blut wegzuwischen.

Später bedeckt pechschwarze Nacht das Grauen dieses Ortes. Der Klageschrei dieser jammervollen Seele wird vom Wind fortgetragen, über die Mauer hinweg und hinauf in den Himmel.

Möge Gott sich ihrer erbarmen!

Berlin

März 2012

Reise zurück in die Vergangenheit

Angst fühlt sich an wie das Herannahen eines unsichtbaren Feindes, der als Bedrohung in jede Pore hineinkriecht, aber nicht wirklich greifbar ist. Der Körper ahnt nur, wie diese Gefahr sich Stück für Stück anschleicht. Die Luft wird dünner, lähmt die Sinne, bis man hoffnungslos den totkalten Klauen ausgeliefert ist.

Diese Angst war meinem nächsten Projekt geschuldet. Einer Biografie, die, wenn ich sie nur als sachlich-fachliche Geschichte abarbeiten würde, sicherlich schnell ad acta gelegt werden könnte. Sollte sie aber den Raum und die Aufmerksamkeit bekommen, die sie verdient, dann – das war mir bewusst – würde es sich um einen längeren Prozess handeln, sie adäquat im Printbereich, in Funk oder Fernsehen zu platzieren.

In einer medial gesteuerten Welt, in der es nur noch um das schnelle Hin- und Wegwerfen eines Themas geht, das gerade in aller Munde ist, ein bisschen populistisch, oft garniert mit einem bekannten Gesicht, das möglichst allabendlich zu uns ins Wohnzimmer blickt, beinahe zur Familie zu gehören scheint und uns weismachen will, dass genau jenes Thema das ist, für das er oder sie lebt, gibt es für die leiseren Töne kaum noch Raum; für persönlich erlebte Geschichten. So kommen und gehen Schicksale und Neuigkeiten, die oft schon am nächsten Morgen für die Gesellschaft keine Bedeutung mehr zu haben scheinen. Da wird nicht immer wirklich nach der Wahrheit gefragt. Weder von den Medien noch von der Bevölkerung. Hinter der prominenten Visage unsichtbar eine riesige Menschenmenge, die das mediale Gesicht häppchenweise füttert; damit besagtes Thema ja bis zum letzten Bissen verschlungen wird.

Die Menge johlt und klatscht brav im Takt. Die Nummer geht zu Ende und schon wartet die hungrige Meute auf die nächste opulente Überraschung, die mit Fanfaren angekündigt wird. Das Gesicht wird ausgetauscht. Einfach eine neue Maske übergestülpt und das Orchester spielt seine beschwingte Musik, um uns bei Laune zu halten. Während hier der Kopf abgetrennt wird, verschwinden dort Dinge vor den Augen der staunenden Menge in einem großen Hut und etwas anderes wird blitzschnell hervorgezaubert. Damit meine ich vor allem die Boulevardblätter, die tagtäglich den Hunger nach Fast-Food-Sensationen zu stillen suchen.

Der Jahrmarkt der Eitelkeiten mit all seinen bunten Ballons, lachenden Clowns und süßen Zuckerwatten – bis einem schlecht wird.

Diese mediale Maschinerie trug ich nicht in meinem seit Jahren angesammelten Gepäck. Meine Geschichte interessierte nur peripher, da der Name eines verstorbenen Politikers im Spiel war. Schon Jahre zuvor hatte ich vorsichtig angeklopft und von Johanna Gröger erzählt, dieser mutigen Frau, die seit Jahrzehnten versuchte, sich an die Öffentlichkeit zu wenden um auf die schmutzige Weste jenes Politikers aufmerksam zu machen, der dieses Land bis vor Kurzem mitregieren durfte. Aber sie war eben kein berühmtes Gesicht. Und noch weniger war das jener Mensch, für dessen Geschichte sie kämpfte. Für dessen Würde sie sich wütend aufbäumte, um der deutschen Gesellschaft einen letzten Rest von Anstand abzuverlangen.

So verschlossen sich leider die paar Türen, an denen ich geklopft hatte. Auch die von angeblichen Freunden und Kollegen. Erst plusterten sie sich auf, um sich dann doch lieber von ihrer eigenen Maschinerie weiter füttern zu lassen. Satt und zufrieden rollten sie sich auf die andere Seite und ließen mich im Dunkeln zurück mit meiner geliehenen Geschichte.

Wer war Johanna Gröger? Immer wieder war sie, zusammen mit ihrer Schwester Paula, kurz in der einen oder anderen regionalen Tageszeitung erwähnt worden. Beide Frauen bemühten sich vehement, auf die Geschichte ihres Bruders Walter Gröger aufmerksam zu machen, eines jungen deutschen Matrosen, der kurz vor Kriegsende 1945 noch hingerichtet wurde. Ihr Anliegen war es nicht, die Tatsache an sich hervorzuheben, sondern vielmehr, die unsäglichen Umstände offenzulegen, die der ganze Fall mit sich gebracht hatte. Die dafür Verantwortlichen waren das Ziel ihrer Wut und Empörung.

Zeit ihres Lebens haben sie sich mit jenen unheilvollen Jahren auseinander gesetzt, in denen das totalitäre Deutschland die Welt veränderte und zu großen Teilen wie eine Bestie verschlang. Beide Frauen wollten anhand des Einzelfalls über Ursachen und Folgen des Nationalsozialismus aufklären. Im Gegensatz zu so vielen ihrer Generation, die ihre Emotionen und Erinnerungen hinter einer Mauer zu schützen suchten. Dem sezierenden Blick auswichen, sich nicht fremden Menschen preisgaben. Viele behielten ihre Erinnerungen lieber umschlossen vom Schatten einer Vergangenheit, die sie nicht ans Licht der Gegenwart zerren wollten.

Diese lähmende, alles überschattende Historie wurde erst allmählich in so manchen stockenden Erzählungen konkreter. Die schmerzlichen Erinnerungen eines ganzen Volkes – von Soldaten und Kriegstreibern; die Erfahrung, als junger Mensch in den Wirren dieser apokalyptischen Zeit Teil des menschenunwürdigen Systems gewesen zu sein – brachen wie eine Wunde auf, die nie wirklich heilen konnte. Wie sollten sie und wie sollen wir, die nachfolgenden Generationen, das Heute begreifen, wenn viele Zeitzeugen jenes Gestern, das man zu Recht als immer noch unbewältigt bezeichnet, nicht wahrhaben wollen?

Durch Tränen schimmerte nicht selten ein Funke Scham in den Augen. Aufgestaute Wut über ein Leben, das ihnen irgendwann aus den Händen geglitten war, gesteuert und getrieben vom Irrsinn der grausamen Politik eines Diktators. Besonders bei jenen, die in der HJ groß geworden waren, der Jugendabteilung der SA. Jugend wird von Jugend erzogen, so der Slogan der Alten. Nur war eine ganze Generation 1933 nicht im wahlmündigen Alter gewesen, hatte nicht Hitler gewählt und ihm damit zur unumschränkten Macht verholfen. Aber sie waren es, die dann letztendlich für Deutschland starben, den Eid ernst nahmen, den die Elterngeneration gutgeheißen hatte. Die Masse der im Kriege unter Waffen gestandenen Männer hatte lange Zeit der Hitler-Jugend angehört. Die HJ galt als Garant der zukünftigen Herrschaftserhaltung, denn die alten Männer der Partei sehnten sich nach Krieg, und die Jugend blutete und zahlte für diese Sucht. Ein Leben lang. Zurück blieb eine von Hitler verbrauchte und zerstörte Generation.

Für viele rückte Jahrzehnte später der letzte Moment heran, sich von der Seele zu reden, was im Verborgenen lag. Ihren Kindern und Enkeln mitzuteilen, was über Jahrzehnte ihr eigenes Leben und das ihrer Angehörigen geprägt hatte. Angekommen an der letzten Station ihres Lebens, bevor sie die Reise antraten, deren Ziel bis heute niemand kennt. Nicht selten besaß solch ein Bericht etwas von einer Beichte; sie erzählten ihre Version der dunklen und grausamen Ära, die sie überlebt hatten – im Gegensatz zu den Millionen Toten dieses Krieges weltweit.

Davon wollte ich mehr wissen. Ich nahm Kontakt zu Johanna Gröger auf, die mich sofort einlud, um mir weiterzugeben, was sie so sehr bewegte. So saß ich jetzt auf einer restlos überfüllten Bank auf dem Bahnsteig zwischen anderen müden, genervten Reisenden, und der Zug – irgendwo in weiter Ferne. Nicht fahrplangemäß eingetroffen. Und wie durch einen Zauber waren all die beamtengleich gekleideten Angestellten dieses Unternehmens spurlos verschwunden. Als hätte es sie nie gegeben.

Ich begab mich auf eine Reise in ein verschlafenes Örtchen, über 200 Kilometer weit weg von Berlin, um mehr über ein zermürbendes Familiendrama aus der nationalsozialistischen Zeit zu erfahren. Ein Thema, von dem ich befürchtete, dass es mittlerweile den meisten schwer verdaulich erscheinen könnte. Vor allem meinen Altersgenossen, der Enkelgeneration. Meine Eltern konnten schon damals nicht mit ihren Eltern, der sogenannten Tätergeneration, reden und wir bekamen über die mit Schweigen und Vertuschen behafteten Familienjahre hinweg ihren Missmut vorgelebt; Jahre, in denen versucht wurde, alte Wunden mit viel Heftpflaster zu verdecken. Die seelischen Verletzungen der Tätergeneration waren nur vernarbt – und damit immer sichtbar.

Im Laufe der Jahre gelang es vielen von ihnen, mit dem neuen Hintergrund des Alltages zu verschmelzen, Teil der modernen Gesellschaft zu sein. Das Renommee, das Hitler und seine Zeit bei vielen einst genossen hatten, ruhte bei dem einen oder anderen versteckt in alten Fotoalben, zwischen den Seiten verstaubter Bücher, gut gehütet vor dem öffentlichen Blick.

Aus meiner Perspektive bestand die von Theodor Heuß einst proklamierte „kollektive Schuld“ vor allem aus den vielen kleinen schuldhaften Einzelhandlungen wie permanentes Wegsehen, Weghören, Denunzieren oder einfach Abtauchen in der Masse. Damit war es die Schuld einer ganzen Gesellschaft, die nicht im Nachhinein auf den Führer und seine Handlanger abgewälzt werden sollte.

Viele wollen heute nicht mit all dieser weitergereichten Schuld und Sühne in gebeugter Haltung mühsam durchs Leben gehen. Auf keinen Fall! Und sie schon gar nicht an die Kinder und Kindeskinder weitergeben. Das kann ich sogar verstehen. Wie erleichtert war auch ich, als mein Sohn begeistert zu einem Deutschland-Spiel seine schwarz-rot-goldene Fahne schwang, „Deutschland! Schland…!“ brüllte und übers ganze Gesicht strahlte, als wir auch noch gewannen. Wie befreiend wirkte diese neue, lustvoll-naive Freude und insgeheim dachte ich: Ja, es ist an der Zeit, dass sich so ein Knirps freuen darf mit seinem Land, in dem er vielleicht den Rest seines Lebens verbringen, arbeiten und letztendlich auch sterben wird. Doch welche Verantwortung tragen wir nichtsdestotrotz in die Zukunft hinein? Reicht unser Geschichtswissen aus, um sorglos nach vorn zu blicken?

Wie überinformiert sind wir, und dabei doch so erschreckend unwissend? Wie viele Zeitzeugen leben überhaupt noch, die den Mut aufbieten, die Geschichte aus der Perspektive wiederzugeben, die man als die der „Täter“ bezeichnet? Die mir erklären können, warum eine ganze Generation erhobenen Hauptes in einen Krieg zog, der aus heutiger Sicht das Unvorstellbare auslöste: das gewollte Auslöschen einer einzigartigen Menschenkultur? Wie kamen Menschen dazu, Teil der dressierten Masse zu sein, ein dunkler Fleck im braunen Sumpf?

Die Vergangenheit reicht immer in die Gegenwart hinein und berührt uns permanent. Aber in der heutigen Medienlandschaft erscheinen viele Seelen verkümmert, nicht willens, sich einer Vergangenheit zu stellen, die uns alle doch immer wieder einholt. Das große Erstaunen angesichts der neuen Nazizelle, der jungen, perfiden Terrorgruppe NSU, konnte ich nicht teilen. Zu viel von dem alten Gedankengut schwirrt noch heute in vielen Köpfen, bis in die höchsten politischen Ämter. Und eine Regierung, welche die Partei der Neonazis weiterhin zulässt, bietet den Nährboden für eine Saat, die, einmal ausgestreut, auch aufgeht.

Die Vergangenheit der Johanna Gröger aber lag anders. Sie weckte meine Neugier – und das auf eigenartige Weise. Meine Recherchen hatten ergeben, dass es sich hier um eine Zeitzeugin handelte, die mit ihren 84 Jahren – sie war Jahrgang 1928 – unermüdlich dem „national neu erwachten Deutschland“ die Geschichte vom ungerechten Tod ihres Bruders erzählen wollte und wohl auch musste. Genau ihre persönliche Geschichte hatte mich berührt. Es erfüllte mich mit Respekt, wie diese alte Frau um die Würde ihres Bruders kämpfte, der, wie sich im Nachhinein herausstellte, in diesem apokalyptischen Krieg einen sinnlosen Tod sterben musste. Ein Schicksal, das viele andere Soldaten, aber auch Männer in Zivil, Frauen und Kinder erlitten.

Hinterlässt nicht jedes einzelne Opfer tiefe Spuren in den Seelen der Angehörigen? Die Zurückgebliebenen müssen mit dem Tod eines lieben Menschen weiterleben. Den eigenen Tod stirbt man bloß, den eines geliebten Menschen jedoch muss man erdulden, mit sich nehmen und tragen wie einen schweren Koffer, den Rest seines Lebens.

An Walter Grögers Tod war der ehemalige Ministerpräsident Baden-Württembergs mit schuldig. Dr. Hans Karl Filbinger, ehemaliger Marinerichter der Wehrmachtjustiz, der in der neu gegründeten Bundesrepublik eine Spitzenkarriere bei der CDU hinlegte. Wie so viele dieser „Blutsrichter“, wie Wissenschaftler diese Schergen im Nachhinein titulierten.

Während der zweiten Entnazifizierungswelle Anfang der 60er Jahre wurden sie von Bundestag und Bundesrat eindringlich gebeten, sich doch bei voller Pension in den „verdienten Ruhestand“ zu begeben. Und nicht unbedingt auf ein einflussreiches Amt in der neu gegründeten Bundesrepublik Deutschland zu bestehen. Es gab einige besonnene Köpfe in der Politik, die nicht wollten, dass Strafrichter der ehemaligen Nazijustiz die Möglichkeit bekamen, weiter über Bürger zu befinden. Vielleicht sogar über jene Bürger, die schon während der Terrorzeit unter ihrem braunen Gedankengut zu leiden gehabt hatten. Diese Juristen hatten einst maßgeblich an der Ausgestaltung des nationalsozialistischen Rechts mitgewirkt, also an dem, was damals Recht sein sollte, was heute per Gesetz als verbrecherisch gilt. Durch grausame Befehle kamen Millionen von Menschen zu Tode. Die Verursacher wurden nie zur Verantwortung gezogen, sondern erhielten sogar noch Gelegenheit, in Ministerien, Universitäten und Gerichten die nachfolgende Generation auszubilden.

Nicht wenige der ehemaligen Nazijuristen nahmen das verlockende Angebot einer üppigen Pension an. Etliche jedoch beharrten darauf, als unabsetzbare Richter weiterhin Recht zu sprechen. Und so geschah es nicht selten, dass Angeklagte in den 50er Jahren in denselben Räumen und von denselben Richtern verurteilt worden sind, denen sie schon vor 1945 begegnen mussten.

Die Forschung geht von mindestens zehn Prozent ehemaliger Wehrmachtrichter und Juristen aus, die nach dem Krieg hohe Ämter und Posten zurückeroberten und einander wichtige Formulare zur Entnazifizierung zuschanzten, um sich und ihr Gewissen oberflächlich reinzuwaschen und einer Verurteilung zu entkommen. Viele dieser Männer trafen sich noch jahrelang, hielten geheime „Kameradentreffen“ ab, teilten ihre Gesinnung und standen einander mit Rat und Tat bei, um ihre blutigen Geheimnisse vor der Öffentlichkeit zu schützen. Man spricht von insgesamt ungefähr 2.800 Kriegsrichtern des Zweiten Weltkrieges, die diesen fast alle wohlbehalten überlebt haben.

Im Gegensatz zu den Soldaten und Matrosen lebten diese Männer ungefährdet, fernab der Front mit all ihren tagtäglichen Grausamkeiten, und verrichteten unbeirrt ihr gnadenloses Werk.

Die Aufbaujahre der Fünfziger boten Dr. Hans Karl Filbinger und all den anderen ehemaligen Nazirichtern einen guten Nährboden, sich in der neuen deutschen Gesellschaft zu profilieren. Das Gedankengut der Nationalsozialisten hatte sich lautlos in der Bundesrepublik eingenistet und wurde von so manchem tief im Innern weitergelebt, während nach außen die Maske des Unschuldigen aufgesetzt wurde. Führende Köpfe der Bundesrepublik waren Mitglieder der NSDAP gewesen, der Schöpfung von Adolf Hitler. Er war ein außerordentliches Organisationstalent, errichtete seinen Machtapparat, die SS und SA, mit denen er die Wählermassen so manches Mal zwang, ihm bedingungslos zu gehorchen. Oft jedoch scharten sie sich freiwillig hinter ihm und fanden sich dann durch ein enges Geflecht von Maßregelungen im Kollektiv wieder – der Führer hatte sie allesamt fest im Griff.

Manche konnten diese Zeit dadurch unbeschadet überdauern und in den Wirren der Nachkriegsjahre verwischte sich die ein oder andere Spur aus der verhängnisvollen Vergangenheit. Die Zeit unter dem Hakenkreuz wurde aus der Biografie ausradiert. Zurück blieb ein schmuddeliger Fleck.

Wohlstand zu ermöglichen und die Gründung einer intakten deutschen Gesellschaft, diese Anliegen standen in den Fünfzigern im Vordergrund und verdrängten erfolgreich die Auseinandersetzung mit dem Morast des schlechten Gewissens, mit dem Leid, das man vernarbt an Leib und Seele mit sich trug. Oder vielleicht auch anderen angetan hatte.

Schließlich aber wurde Dr. Hans Karl Filbinger 1978 doch noch von seinen üblen Machenschaften eingeholt. Gerechterweise sind manchmal die Schatten der Vergangenheit länger als vermutet und verdunkeln die Gegenwart. Die Büchse der Pandora öffnete sich und ein Mann in den besten Jahren redete sich um Kopf und Kragen; hatte urplötzlich sein Gedächtnis verloren, als es um gut recherchierte Vorwürfe ging. Sein arrogantes Gehabe empörte damals vor allem die junge Generation, die nicht mehr tatenlos zusehen wollte, wie sich die Älteren im kollektiven Schweigen versteckten. Es geschah im Deutschen Herbst; kurz nachdem die Aktionen der RAF die deutsche Gesellschaft erschüttert hatten, da gab es erneut ein Pro und Contra zwischen Linken und Rechten, zwischen der saturierten Mittelschicht und den aufrührerischen jungen Menschen.

Seine moralische Kälte, die sich in seinen Taten als Marinerichter offenbarte, trieb Dr. Filbinger in ein Zerwürfnis nicht nur mit der eigenen Partei, sondern auch mit der Gesellschaft. Dennoch konnten viele seiner Generation die Aufregung nicht nachvollziehen: Warum sollte all das Unangenehme wieder ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt werden? Bis dato hatte es doch wunderbar geklappt – das Schweigen, Verdrängen und Vergessen. Die wohlige Nachkriegsbürgerlichkeit der BRD, die keinem wehtat, keinem schadete. Hier herrschte ein Hyperpragmatismus; Reflektieren ausgeschlossen. Über die Vergangenheit wurde der Mantel des Schweigens gebreitet, so fühlte man sich geschützt.

Ministerpräsident Filbinger verteidigte angeblich in einem Gespräch mit drei Journalisten des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL seine verhängnisvolle Tätigkeit als NS-Marinerichter mit dem berüchtigten Satz: „Was damals rechtens war, kann heute nicht Unrecht sein!“

Er konnte wohl nur so denken, weil er davon ausgehen durfte, dass viele diese Meinung vertraten. Mit dieser ungeheuerlichen Aussage löste er einen Skandal aus, stellte er doch das totalitäre System der Nationalsozialisten als Rechtsstaat dar und setzte es mit der Demokratie der Bundesrepublik gleich. Mehr als fünf Monate lang wurde die deutsche Öffentlichkeit durch die Affäre Filbinger/Gröger geradezu elektrisiert. Nicht nur die Vergangenheit des uneinsichtigen Politikers, sondern auch das Schicksal Walter Grögers und seiner Familie trat ans Licht. Der Fall hinterließ Spuren, die nie verwischt werden konnten.

Die Bilderflut von Filbinger im Fernsehen, die Schlagzeilen in den Zeitungen und dazwischen ein verknittertes Schwarzweißfoto des jungen Burschen, das immer wieder eingeblendet wurde.

„Die Toten bleiben jung!“, dieser Satz von Anna Seghers wurde hier deutlich illustriert.

Das junge Gesicht wirkte geradezu gespenstisch, eingebettet in grelle Flimmerlichtfarben. Dieses alte Foto besaß eine seltsame Aura, durch sein künstliches Licht und die düsteren Schatten, durch die Art und Weise wie der Porträtierte in Szene gesetzt war. Mit seinem unschuldigen Lächeln rührte er an mein Gewissen. Dank der modernen Medien hatte ein Unbekannter nach seinem Tod tragische Berühmtheit erlangt.

Unweigerlich musste ich an Walter Benjamins These denken, die besagt, dass ein reproduziertes Foto seine Aura verliert. Hier war es definitiv anders. Es war schwer möglich den voyeuristischen Blick abzuwenden, so sehr fesselte mich seine Unschuld.

Seite um Seite trug ich im Zuge der Recherche zusammen, sammelte sie in Dateien sowie in einem Ordner, Hunderte von Kopien, Zeitungsausschnitten und Interviews.

Den Stein ins Rollen gebracht hatte ein Text, den der Dramatiker Rolf Hochhuth 1978 in der Wochenzeitung DIE ZEIT veröffentlichte, ein Vorabdruck aus seiner neuen Weltkriegsnovelle Eine Liebe in Deutschland. Jetzt, auf meiner Reise zu Johanna Gröger, nahm ich das Buch aus der Tasche; mit bunten Zetteln hatte ich bestimmte Seiten markiert. Auf Seite 157 zum Beispiel prangte ein Text, der mich die Kälte auf dem Bahnsteig für einen Moment vergessen ließ.

Krankenblatt II: Heinrich Müllers Schnellbrief

„Auslieferung asozialer Elemente aus dem Strafvollzug an den Reichsführer SS zur Vernichtung durch Arbeit. Es werden restlos ausgeliefert die Sicherungsverwahrten, Juden, Zigeuner, Russen und Ukrainer, Polen über drei Jahre Strafe, Tschechen oder Deutsche über acht Jahre Strafe. Der von mir geplanten Regelung der vom Führer angeordneten Prügelstrafe stimmt Reichsführer SS in vollem Umfang zu.“

Notiz des Justizministeriums Dr. Otto Georg Thierack über eine Besprechung mit Heinrich Himmler am 18. 9. 1942

Ein weiterer Abschnitt zeigt, wie perfide Propagandaminister Joseph Goebbels Menschen wie Dreck behandelte.

Wen Gott verderben will …

„Der Führer sagt: Und haben wir gesiegt, wer fragt uns nach der Methode. Wir haben sowieso so viel auf dem Kerbholz, dass wir siegen müssen, weil sonst unser ganzes Volk, wir an der Spitze mit allem, was uns lieb ist, ausradiert werden. Also, ans Werk.“

Dr. Joseph Goebbels: Tagebuch am 16. 6. 1941

Diese und viele andere Zitate unterbrechen in regelmäßigen Abständen in sachlich kalter Weise die poetische Liebesgeschichte zwischen dem polnischen Zwangsarbeiter Staniak Zasada und der deutschen Gemüsehändlerin Pauline Kopf, die mit seiner Hinrichtung und ihrer Einweisung in ein KZ endet. Nach einer Verordnung des Jahres 1941 waren Beziehungen zu politischen Gefangenen verboten. Pauline wurde denunziert von Menschen, die noch Jahrzehnte nach dem Krieg weitergelebt haben.

Anhand der eingefügten Zitate, beispielsweise aus Goebbels’ Tagebuch, entdeckten Angehörige der Nachkriegsgeneration die unrühmliche Vergangenheit ihrer Eltern und Großeltern. Plötzlich lag die scheinbar so gut gehütete Zeit unter nationalsozialistischer Herrschaft mit all ihren Grausamkeiten wie ein offenes Buch vor ihnen.

Zugleich beschrieb Rolf Hochhuth die Schwierigkeiten bei seinen Nachforschungen und berichtete über die Vergangenheit Filbingers, die er beim Durchforsten alter Dokumente aus dem Krieg entdeckt hatte. Letztendlich führte seine Veröffentlichung zum Eklat und zu einem monatelangen Streit, der Dr. Filbingers juristische und politische Karriere binnen relativ kurzer Zeit beendete.

Im Fokus der Betrachtung Hochhuths stand aber vorerst der Obergefreite Kurt Petzold, den der Marinerichter Filbinger, der sich zu der Zeit selbst in britischer Gefangenschaft befand, in einem Feldurteil am 29. Mai 1945 mit Unrechtsgesetzen juristisch verfolgte und wegen „Wehrkraftzersetzung“ verurteilte. Der Obergefreite sollte zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt werden, da er „ein hohes Maß von Gesinnungsverfall gezeigt“ habe, so Dr. Filbinger.

Der bis dahin unbekannte Straftatbestand der „Wehrkraftzersetzung“ war erst im Rahmen der „Kriegssonderstrafrechtsverordnung“ im Jahre 1938 eingeführt worden, wie ich bei Prof. Dr. Wolfram Wette, einem der führenden Wissenschaftler zum Thema Wehrmachtjustiz, nachgelesen hatte, und trat mit Beginn des Polenfeldzuges 1939 in Kraft.

Mit diesem Gesetz versuchte die Wehrmacht ihren Soldaten und Matrosen jede Möglichkeit zur Auflehnung zu nehmen, sie einzuschüchtern und von „wehrzersetzenden“ Tätigkeiten abzuhalten. Es galt auch auf dem Schlachtfeld, das Tausendjährige Reich zu errichten, zu wahren und bis zum letzten Moment zu verteidigen. Und koste es das bisschen Leben, das dem Führer geweiht war.

„Ich schwöre bei Gott diesen heiligen Eid, dass ich dem Führer des deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht, unbedingten Gehorsam leisten und als tapferer Soldat bereit sein will, jederzeit für diesen Eid mein Leben einzusetzen.“

Mit diesen Worten hatte der Soldat auf den Führer geschworen, diesen Eid konnte er nicht leichtfertig brechen. Nicht selten war dies ein Grund, warum sich höhere Offiziere fast nie gegen Hitler stellten: Ihr Ehrenkodex erlaubte es nicht.

Ein Feldurteil wurde im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Feld ausgesprochen. Nach dem Krieg setzten die Alliierten nicht selten die selbst unter Arrest stehenden Nazideutschen erneut als Kriegsrichter ein, da es nicht genügend Juristen gab, die all die Urteile aussprechen und vollstrecken konnten. Zudem war die Verständigung immer wieder ein ausschlaggebender Punkt. Die Angehörigen der Deutschen Wehrmacht wurden von den Briten in Internierungslager eingewiesen, in denen die Deutschen weiterhin die Gerichtsbarkeit ausüben durften. Das Gericht wurde unter freiem Himmel abgehalten und so geschah es, dass selbst unter Arrest stehende hochrangige Nazis deutsche Soldaten verurteilten, die sich gegen den Krieg aufgelehnt hatten. Diese Befehlsempfänger versahen selbst nach der Kapitulation ihr Amt mit deutscher Gründlichkeit, sprachen Urteile, vernichteten so manches junge Leben. Sie selbst wurden nie zur Rechenschaft gezogen.

Der Obergefreite Kurt Petzold etwa hatte am 10. Mai 1945 einen Befehl seines Batteriechefs mit den Worten verweigert: „Die Zeiten sind jetzt vorbei. Ich bin ein freier Mann. Ihr habt jetzt ausgeschissen. Ihr Nazihunde. Ihr seid schuld an diesem Krieg. Ich werde bei den Engländern schon sagen, was ihr für Nazihunde seid, dann kommt meine Zeit …“

Dann riss er sich das Hakenkreuzemblem von der Uniform.

Immer wieder wurde Filbinger mit den Worten zitiert: „Der Angeklagte hat es bewusst darauf angelegt, sich gegen Zucht und Ordnung aufzulehnen. Seine Äußerungen stellen ein hohes Maß von Gesinnungsverfall dar.“

Fragt sich nur: Verfall welcher Gesinnung? Und, vertrat Herr Dr. Filbinger diese Gesinnung nach der Kapitulation Deutschlands weiter?

Aufgabe der Militärjustiz war unter anderem die Aufrechterhaltung der damals so bezeichneten „Manneszucht“ in den Truppen. Denn auch in einem Kriegsgefangenenlager musste Ordnung herrschen, damit es nicht zu Mord und Totschlag kam. So waren Dr. Filbinger und seine Beisitzer noch monatelang nach der Kapitulation angehalten, im Status eines deutschen „Feldkriegsgerichts“ und auf Befehl des deutschen Gerichtsherrn und Kommandanten im britischen Lager nach deutschem Militärrecht zu verfahren.

Aber hatten sich Adolf Hitler und seine Entourage zu dem Zeitpunkt nicht bereits selbst gerichtet? Wie perfide waren diese Urteile, die gesprochen wurden, als alles schon dem Boden gleichgemacht war? Die Kapitulation der Wehrmacht war seit dem 7. beziehungsweise seit dem 9. Mai des Jahres 1945 amtlich. In einem weiteren Artikel las ich, wie Kurt Petzold sich 1972 daran zu erinnern glaubte, wie sich besagter Dr. Filbinger im Mai 1945 noch rühmte und staatstragend „von unserem geliebten Führer“ sprach, „der das Vaterland wieder hochgebracht hat“. 1972 hatte der SPIEGEL diesen Fall bereits erwähnt. Daraufhin klagte Dr. Filbinger mit den Worten: „Meine antinazistische Einstellung ist bekannt und belegt.“

Das Gericht gab Filbingers Klage am 3. August 1972 statt, weil es die von Petzold zitierten Aussagen für unwahrscheinlich hielt und eine Verwechslung vermutete. Dem SPIEGEL wurde die weitere Behauptung des von Petzold zitierten Satzes untersagt. Ich fragte mich nur, wieso es im Jahre 1972 keine weiteren Einwände gegen Dr. Filbinger gegeben hatte? War die deutsche Gesellschaft – vor allen Dingen die deutsche Politik – noch nicht so weit, sich wirklich mit seiner braunen Vergangenheit auseinanderzusetzen? Zudem war Wahljahr und Dr. Filbinger gewann die Wahlen. Seine Zeit als Marinerichter spielte hier keine Rolle. Sechs Jahre später hatte sich das politische Blatt gewendet.

Rolf Hochhuth glaubte nun, dass der Marinerichter Filbinger nur dank des Schweigens „der anderen“ 1978 noch auf freiem Fuß war. Diese „anderen“ waren – so Hochhuths Vermutung – mit ihm bekannt, waren selbst Teil des Nazisystems gewesen, führten damals, wie eben auch 1978, gehorsam Befehle aus oder erteilten selbst welche, wurden und werden bis dato durch bekannte Politiker vor der Aufdeckung ihrer eigenen Vergangenheit geschützt.

„Autoren müssen das schlechte Gewissen ihrer Nation artikulieren, weil die Politiker ein so gutes haben.“ Im Sinne seines Zitates aus dem Jahre 1965 sah sich nun der Dramatiker Rolf Hochhuth erneut verpflichtet, die Nation von Filbingers Vergangenheit und anderen verfilzten Seilschaften in Kenntnis zu setzen. Dr. Filbinger verklagte daraufhin Hochhuth und DIE ZEIT auf Unterlassung genau jener Äußerung, dass er als „furchtbarer Jurist“ seine Freiheit nur dem Umstand verdanke, dass Zeugen aus der damaligen Zeit schwiegen und Akten vernichtet hätten.

Der Schriftsteller recherchierte mit Hilfe der Wochenzeitung und des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL weiter und im Rahmen dieser Recherche tauchte ein neuer Name auf: Walter Gröger. Ein junger Matrose. Ein zum Tode verurteilter angeblicher Deserteur, den Dr. Filbinger mit seiner Unterschrift noch kurz vor Kriegsende hinrichten ließ.

Ob das die Öffentlichkeit heute wirklich interessiert, fragte ich mich wiederholt. Angesichts rasch aufeinanderfolgender Finanzkrisen und der Kriege weltweit, an denen wir doch alle zumindest wirtschaftlich beteiligt sind. Konflikte, die nicht sofort lösbar scheinen. Gibt es überhaupt noch Raum für eine Ungerechtigkeit, die so weit zurückliegt? Haben wir unsere Vergangenheit nicht brav aufgearbeitet? Als im Frühjahr 2007 der Ministerpräsident Günther Oettinger am Sarg von Filbinger versuchte, dessen Nazizugehörigkeit kleinzureden – sie mit salbungsvollen Worten zu leugnen –, da horchten die Medien noch einmal auf, denn Oettinger erlaubte sich einen Fauxpas. Proklamierte Sätze wie: „Hans Filbinger war kein Nationalsozialist. Im Gegenteil: Er war ein Gegner des NS-Regimes, der sich aber den Zwängen des brutalen Regimes ebenso wenig entziehen konnte wie Millionen andere auch. Es bleibt festzuhalten: Es gibt kein Urteil von Hans Filbinger, durch das ein Mensch sein Leben verloren hätte.“

Welch ein Hohn.

Das kam nicht gut an. Der Zentralrat der Juden in Deutschland nannte die Rede verfehlt. Der Ministerpräsident musste sich entschuldigen – was er kleinlaut und zerknirscht tat.

In jüngster Vergangenheit haben die Morde des NSU-Trios pures Entsetzen ausgelöst. Wie war es möglich, dass angeblich jahrelang niemand etwas mitbekam, niemand in der Justiz einen Verdacht hegte, niemand eine rechtsextremistische Tat vermutete? Zeigt dieser jüngste Fall nicht, dass zu viele in Deutschland nach wie vor nicht wahrhaben wollen, wie sehr antisemitisches und rassistisches Verhalten unsere Gesellschaft tagtäglich beeinflusst?

Vor allem aber war ich im Zuge meiner Recherchen auf eine Frau aufmerksam geworden, die sich vehement gegen diese Terrorgruppe geäußert hatte. Zu ihr war ich nun unterwegs und bewegte mich gedanklich zwischen zwei Welten, die unterschiedlicher nicht sein konnten: Ich, bestimmt ein Kind meiner Zeit, und Walter Gröger, Kind einer kurzen, verhängnisvollen Ära, Teil einer von Hitler manipulierten und missbrauchten Generation.

Er stand für mich auch stellvertretend für insgesamt 30.000 wegen Desertion verurteilter Wehrmachtsoldaten; davon etwa 20.000 Urteile vollstreckt, verhängt von deutschen Richtern gegen junge Männer, die sich, sicherlich in einer hoffnungslosen Lage, gegen diesen aussichtslosen Krieg entschieden hatten.

So schnell wurde ein junges Leben vernichtet. Das zeigen all die grausamen Kriegsberichte. Junge Männer töten andere, ihnen fremde junge Männer. Und nicht selten wird damit die Genealogie einer ganzen Familie ausgelöscht.

Im Nachhinein haben allerdings Juristen und Wissenschaftler festgestellt, dass im „Fall Gröger“ gar keine Fahnenflucht vorlag, sondern „nur“ unerlaubtes Entfernen von der Truppe, was niemals zu einer Todesstrafe hätte führen dürfen. Dieser Tatbestand hätte einem erfahrenen Juristen wie Dr. Filbinger eigentlich bekannt sein müssen.

Das einzige Foto des Matrosen, das 1978 durch die Presse ging – besagtes Schwarzweißbild – steckte zwischen Laptopdeckel und einigen Unterlagen. Ich zog es hervor und wieder blickte mir dieses junge Gesicht entgegen.

Ein Mann von knapp 23 Jahren. Er könnte mein Sohn sein, aus heutiger Sicht. Und ich wäre vielleicht damals auch eine der Millionen Mütter gewesen, die ihr Kind dem perfiden System und dann dem Krieg geopfert hätte. Bewusst oder unbewusst, freiwillig oder unfreiwillig, stolz oder allen Lebenssinns beraubt. Wer weiß das schon? Wie hätte ich damals reagiert, während der jahrelangen Terrorherrschaft, die vielen und für sehr lange Zeit als das wunderbare deutsche Reich galt? Besonders in den angeblich guten Nazijahren.

Wie manipulierbar bin ich? Ich weiß sehr genau, was für eine Suggestivkraft die Medien besitzen. Jedes gedruckte Wort, jedes Bild, jeder Satz beeinflusst uns, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.

Der Berufsstand der Journalisten hat sich nicht immer mit Ruhm bekleckert. Und diejenigen, welche die Wahrheit suchen, haben es nicht selten schwer, diese gut sichtbar zu platzieren. Da stellt sich die Frage: Wie sieht dieser Beruf in einem diktatorischen Staat wie dem der Nationalsozialisten aus? Wie fühlt es sich an, wenn alles zensiert, alles zu Propagandazwecken missbraucht wird? Wo ist da noch die Wahrheit zu erspüren? Und welche Wege habe ich, sie einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen? Und: Bin ich wirklich mutig genug, stelle ich mich einem ganzen System entgegen, verliere dadurch Freunde, Beruf, meine Existenz und Sicherheit? Was bedeutet es genau, totalitäre Indoktrination am eigenen Leib zu erfahren und diesen Makel vielleicht den Rest des Lebens nicht abschrubben zu können? Immer den Dreck der Vergangenheit – eine Atmosphäre voller unausgesprochener Gedanken – zu spüren, zu sehen und zu riechen?

Gesellschaftliche Strukturen folgten bei den Nationalsozialisten bis hin zum jüngsten Familienmitglied einem ausgeklügelten System, so eng geknüpft, dass ein Ausbrechen oft die Isolation innerhalb der Gesellschaft, ja manchmal sogar innerhalb der Familie bedeutete.

Meistens werden doch nur die kleinen Dinge beim Namen genannt. Die Großen bleiben oft unausgesprochen, versiegelt im Inneren. In der menschlichen Natur ist eben alles möglich.

Das Bild von Walter Gröger hatte mir mehr zugesetzt, als ich wahrhaben wollte. Mein journalistisches Fieber war entfacht, inzwischen auch meine Verantwortung als Deutsche. Und natürlich drängten sich Episoden aus meiner eigenen Familie in mein Bewusstsein.

Wie viel Leid hatten meine Eltern erlebt? Geboren mitten in den apokalyptischen Kriegsjahren, geprägt von Eltern, die in diesem System ihre Bürde aufgeladen bekamen. Diese Last hat bis in meine Gegenwart Schatten geworfen. Die eine Familie glühende Nationalsozialisten, die mir bis zum Schluss hinter vorgehaltener Hand zuraunten: „Der Hitler hat auch viel Gutes geschaffen … Ja, das mit den Juden, das wussten wir nicht.“ Die andere Familie, mitgetrottet in der großen namenlosen Masse derer, die dabei waren, ohne weiter darüber zu reflektieren. „Das war halt so …“

Der Zug, in dem ich meine Reise zu Johanna Gröger antrat, war überfüllt. Koffer und Taschen lagen wie Puzzleteile herum und ich war heilfroh, dass ich einen Platz mit Tisch bekam. Nachdem der Zug sich ächzend und stöhnend in Bewegung setzte, kramte ich meine Papiere hervor, schloss den Laptop an und ließ mich ein auf das neue alte Thema. Mein Blick wurde von den vorbeieilenden Bildern gefangen genommen. Einem Film gleich zogen Landschaften, Häuser und Menschen vorüber. Während ich vorwärts in eine unbekannte Zukunft fuhr, wanderten meine Gedanken zurück in eine Zeit, die mich noch heute nachdenklich stimmt. Eine Vergangenheit, von der ich froh war, dass ich sie nicht als Gegenwart habe erfahren müssen.

Das gierige Maul des Nationalsozialismus verschlang heißhungrig jeden und nach Jahren des permanenten seelischen Umformierens beherrschte nicht selten die Gleichgültigkeit der Einzelnen eine ganze Nation. Nicht nur die Straße sollte beherrscht werden, sondern jedes Mitglied bis in den hintersten Winkel der deutschen Gesellschaft. Das Deutsche Reich wurde im Laufe der Terrorjahre immer mehr in eine unüberwindbare Kriegsmaschinerie verwandelt. Ein Klima der permanenten Angst hielt die Menschen an der politischen Kandare. Restriktive Verordnungen, Gesetze und Erlasse bestimmten von Anfang an das Leben eines jeden Bürgers. Die erlassenen Verordnungen zum Schutz von Volk und Staat setzten die meisten Grundrechte außer Kraft. Ein Abweichen – und schon drohte der Transport in ein Konzentrationslager. Die ersten wurden gleich mit der Machtübernahme 1933 für politisch anders Gesinnte und Juden genutzt.

Im Nachhinein sehen nicht nur die Historiker, sondern die gesamte Öffentlichkeit glasklar: Was dieses System anrichtete, gerade in den Familien und im Alltag, mündete „zwangsläufig“ in einen Jahrhundertkrieg mit mehr als 60 Millionen Todesopfern. In vielen Geschichtsbüchern und wissenschaftlichen Beiträgen wirkt diese Zahl kalt und sachlich, baut eine Mauer auf, hinter der sich Versteck spielen lässt. Dabei stehen dahinter 60 Millionen einzelne Menschen und ihre Familien, unendlich viel Trauer und Schmerz. Ein Meer von Blut und Gewalt.

Ich griff nun unter diesen 60 Millionen einen heraus, einen jungen Menschen, der eine Vergangenheit hatte, aber keine Zukunft bekam. Walter Gröger. Ein Sandkorn der Geschichte, so dachte ich mir. Demgegenüber stand ein Mann, der 93 Jahre alt werden durfte, immer gut gelebt hat, immer genügend Geld besaß, ohne Unterbrechung in der Politik tätig war – selbst nachdem er hatte zurücktreten müssen. Die Lebensläufe von Walter Gröger (1922–1945) und Dr. Hans Karl Filbinger (1913–2007) konnten nicht unterschiedlicher sein. Ihrer beider Begegnung im März 1945 zog für den einen eine „politische Affäre“ nach sich, für den anderen bedeutete sie den frühen, aus heutiger Sicht ungerechten Tod.

Folgende Frage musste ich – aus politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Aspekten – klären: Was hatte letztlich zu dem Skandal geführt, der den Sturz eines der einflussreichsten Männer der Bundesrepublik Deutschland zur Folge hatte?

Und persönlich wollte ich verstehen lernen, weshalb ein Volk noch Jahrzehnte nach den fatalen Terrorjahren nicht aus seinen Fehlern lernen wollte, konnte oder durfte.

Dabei sollte mir eine alte Frau helfen, die vielleicht für die wissenschaftliche Aufarbeitung nicht interessant war, aber doch einen Einblick in den Alltag der Kriegsjahre vermitteln konnte – und damit eine von vielen Erklärungen liefern, wie und warum eine ganze Nation diesem Irrsinn in blindem Gehorsam folgte.

Während ich weiter aus dem Fenster sah, kehrte ich allmählich in die Gegenwart zurück, bekam eine Ahnung davon, wie die Natur sich anschickte, sich aus der langen Winterstarre zu lösen. Winzige Knospen zierten den Reiseweg, so mancher Baum legte einen Kranz von zartem Grün um seine Äste. Der Wind fegte die restlichen Wolken beiseite und filmgleich zogen wechselnde bunte Eindrücke im gleichbleibenden Rhythmus am Fenster vorbei. Die erwachende Natur löste bei den Reisenden eine zufriedene Ruhe aus. Trotz der Fülle im Abteil war es friedlich. Hier und da ein Schnarcher, sinnierende Menschen, die ihre Computer und iPods vergaßen und hinausschauten in die vorbeihuschende Landschaft. Ein kleiner Hund hatte sich zufrieden auf dem Schoß seines Herrchens niedergelassen, wahrscheinlich genauso froh wie wir homo sapiens, im Warmen zu sein. Keiner schien sich an dem Vierbeiner zu stören. Ein Bild des Friedens und des Miteinanders.

Seltsam, dachte ich, und das in dem Land, dessen Einwohner zu so Unmenschlichem imstande gewesen waren. Dieselbe Nation, immer noch dieselbe Sprache, diese eigentlich schöne Sprache, in der jedoch bestimmte Wörter für immer mit einer fürchterlichen Erinnerung verknüpft waren. Weshalb selbst alte Kulturgüter, die schon weit vor dieser Zeit Glanz und Bedeutung gehabt hatten, mit einem auch durch mühevolles Schrubben nicht wegzubekommenden Schmutzfilm überzogen waren. Auf ewig verloren. Bücher, Musik, Bilder – missbraucht, um der Ideologie der nationalsozialistischen Herrschaft zu dienen.

Ich richtete meine Gedanken auf das Gespräch, das nun vor mir lag. Unsere wenigen Telefonate ließen erahnen, wie emotional die alte Frau war. Mich ergriff die Angst, dass persönliche Gefühle mich wegreißen würden, sodass mir die professionelle Distanz, die ich brauchte, um fair zu bleiben und sachlich zu argumentieren, verloren gehen könnte.

Nur wenige Menschen stiegen in dem kleinen Ort aus dem Regional-Express. Auf dem Bahnsteig überkam mich das Gefühl, irgendwo in der Pampa gestrandet zu sein. Selbst auf ein Taxi musste ich zehn Minuten warten. Dann stand ich endlich vor dem Haus. Ein schmuckes, aber einfaches Einfamilienhaus mit ordentlichem Garten und weißen Gardinen vor den Fenstern. Fenster zur Seele, schoss es mir durch den Kopf. Wie weit würde ich hineinblicken dürfen, wie viel sollte mir offenbart werden? Eine der Gardinen hob sich sacht.

Hier hatte sie also die meiste Zeit ihres Lebens gewohnt.

Für mich eine befremdliche Vorstellung. Ich bin so oft umgezogen, dass Wohnungen mir nie wirklich etwas bedeutet haben. Irgendwann packe ich meine Sachen zusammen, schließe die Tür hinter mir und weiß, dass ich diese Räume nie wieder betreten werde. Ich verstaue die paar Erinnerungen in einen Koffer, der Rest bleibt zurück und schweigt. Aber für Johanna Gröger waren diese Wände vielleicht das, was sie gebraucht hatte, um sich vor der Vergangenheit zu schützen. Vor dem zudringlichen Blick der Öffentlichkeit, dieser permanenten Begaffung, diesem Schmerz, der die mediale Schlacht von 1978 in ihr ausgelöst hatte.

Und vor die geschundene Seele hängt man sich die blickdichten Vorhänge; und wenn einem danach ist, zieht man sie beiseite, um selbst einen scheuen Blick nach draußen zu werfen, um zu beobachten, wer dort steht und an der Tür klingelt.

Ich harrte artig aus, bis sich die Tür nach einigen Minuten geräuschlos öffnete. Und ein alter Mann in ausgewaschener Sporthose mich misstrauisch beäugte. Der Blick seiner stahlblauen Augen wirkte auf mich wie ein Blitz, der mich durchbohrte.

Ich reichte dem Mann mit einem tapferen Lächeln die Hand. Ein alter Brauch. Indem ich meine nackte Hand offenbare, ohne Waffe, liefere ich mich aus. Damit signalisiere ich, dass ich in friedlicher Absicht gekommen bin.

So ganz war er wohl nicht überzeugt. Er musterte mich unverhohlen. Mit: „Na, Sie sind wohl die besagte Schriftstellerin“, komplementierte er mich beinahe mehr hinaus als hinein.

Das Haus atmete förmlich Erinnerungen. Fotos aus dem gesamten letzten Jahrhundert zierten die Wände, wirkten wie eine mahnende Gedächtnislandschaft. Man zog an der deutschen Geschichte vorbei, von brüchigen Schwarzweißbildern, die wahrscheinlich noch aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg stammten, bis hin zu Farbaufnahmen von jungen Gesichtern aus der heutigen globalen Medienwelt.

Und dann sah ich sie in der Küchentür stehen. Das fahle Nachmittagslicht fiel auf ihr schlohweißes Haar. Einen Kopf kleiner als ich, aber diese veilchenblauen Augen! Sie schaute mich an und ich erkannte in ihrem sorgenumwobenen Blick ein ganzes Leben voll der Trauer, Wut und Enttäuschungen – aber auch einen starken Überlebenswillen. Ihre Erscheinung verriet etwas Mädchenhaftes, doch die Fenster zu ihrer Seele trugen die Spuren der Vergangenheit in sich. Sie erinnerten mich an die Unbeholfenheit Walter Grögers, die seinem Foto die besondere Melancholie verlieh.

Sie rührte sich nicht. Wartete, dass ich den ersten Schritt wagte, und als ich ihr die Hand reichte, spürte ich einen festen Händedruck. Eine Energie durchströmte mich und ich wusste, dass diese Frau erfahren hatte, wie es ist, sich einem permanenten Lebenskampf zu stellen, herauszufordern und auch anzunehmen. Sie deutete in die Küche.

Ein kleiner Raum, in den durch milchig weiße Gardinen das Nachmittagslicht fiel. Dort setzte ich mich mit den beiden alten Menschen hin. Der gedeckte Tisch, alles akkurat aufgeräumt, die monoton tickende Wanduhr – alles besaß seine Ordnung. Daran würde sich für die letzten Jahre ihres Lebens nichts mehr ändern. Ein beruhigendes Gefühl. Geborgenheit, Sicherheit.

Nun saßen wir schweigend beieinander. Argwöhnisch fixierte mich der alte Mann, permanent auf der Lauer, dass ich ja nichts falsch machte. Dass es mich überraschte, einem Ehemann zu begegnen, erkannte Johanna sofort. Sie trug ja noch immer ihren Mädchennamen „Gröger“. Sie erklärte, dass sie diesen Namen aus Vorsicht bei Interviews angab, damit ihre Familie geschützt blieb. Denn der Name „Gröger“ hatte alle Immunität verloren, war durch die Presse gejagt worden und mittlerweile empfand sie es sogar als beruhigend, dass er immer wieder auftauchte und damit in den Köpfen einiger Menschen herumspukte, gegen das Vergessen.

„Damit lebt auch mein Bruder weiter, erhält die Aufmerksamkeit, die manche für den Namen vielleicht noch haben.“

Ihre Stimme war klar, nicht im Ansatz so brüchig, wie man es sonst von alten Menschen kennt.

Gemeinsam an dem kleinen Tisch, eng beieinander, entstand eine sonderbare Nähe. Frau Gröger musterte mich mit ihren wachen Augen, die in diesem Moment für mich identisch mit denen von Walter waren. Etwas an diesem sezierenden Blick veranlasste mich, nicht die Kamera auszupacken, sondern brav zu verharren, staubtrockenen Kuchen in mich hineinzuzwängen und dazu einen schwarzen Kaffee zu schlürfen, der Tote zum Leben hätte erwecken können. Kurz dachte ich an den Laptop, aber irgendwie schien auch der nicht in diese Welt zu gehören, die sich allein aus gelebten Erinnerungen zu speisen schien. So hielt ich ein unauffälliges Notizbuch mit Stift bereit – und wusste überhaupt nicht, wie und wo ich anfangen sollte. Mir wurde klar, dass hier kein normales Interview vonstatten gehen konnte. Diese beiden Alten hatten zu viel erlebt, als dass ich mit einem normalen Frage-Antwort-Spiel an Informationen kommen würde. Das gefräßige Tier „Angst“ packte mich und hielt mich fest in seinen Pranken.

„Wissen Sie“, begann die alte Dame, als spürte sie mein Unbehagen, und ließ den Blick in eine Ferne schweifen, an der ich nicht teilhaben durfte, „Ihre Generation kann sich glücklich schätzen, ihr Leben in Friedenszeiten zu verbringen. Und was sehe ich, wenn ich hinausgehe? Unzufriedene, mürrische und lebensunlustige Mienen. Für viele hat die Politik überhaupt keine Bedeutung mehr. Ich beobachte eine verbreitete Sorglosigkeit gegenüber einer wachsenden neonazistischen Bewegung, die sich in ganz Deutschland anbahnt. Überlegen Sie einmal, junge Frau, meine Mutter zum Beispiel, die Anna, über die Sie noch viel erfahren werden, die hat als Dreizehnjährige den Ersten Weltkrieg erlebt. Mein Vater wurde mit siebzehn Jahren eingezogen. Gerade mal den Jugendjahren entwachsen.“

Ihr Mann schnaubte kurz und murmelte missmutig: „Damals nannten sie ihn den Großen Krieg, nicht den Ersten, denn in der Zeit danach konnte keiner sich vorstellen, so ein Elend freiwillig zu wiederholen. Obwohl dieser Krieg nur in der unbekannten Ferne stattgefunden hat, tief in den Gräben.“

Johanna nickte langsam.

„Dennoch haben Leid und Unglück, Hunger und Entbehrungen die Zeit der damaligen Heranwachsenden, also die unserer Eltern, bestimmt. Und währenddessen wuchs Unkraut über die Schützengräben und all die verlorenen Stahlhelme junger Soldaten rosteten in der wilden Natur. Fernab jeglicher Zivilisation, als Mahnmal unter freiem Himmel. Unglaublich, zu was wir Menschen fähig sind, nicht?“

Sie hatte ihren Kuchen nicht angerührt. Erwartungsvoll sah sie mich an.

„Und scheinbar hat all das nicht ausgereicht“, stimmte ich ihr zu und sah fragend zu ihrem Mann hinüber.

Der brummelte kurz zustimmend, konzentrierte sich aber hartnäckig auf seinen Kuchen. „Denn was ist mit den gegenwärtigen Kriegen?“, fragte ich. „Auch sie werden wieder nur Leid und Elend hervorbringen, Menschen verfeuern, auswerfen und liegenlassen; Menschen, die nie wieder ein normales Leben führen können.“

„Wohl wahr!“, rief der Alte aus. „Männer suchen wieder den wilden, heroischen Kriegshelden in sich und Frauen halten mit ihren Erzählungen die Erinnerungen wach an diese Helden, die vielleicht nie zurückkehren.“

Er nahm sich ein weiteres Stück Kuchen und drapierte es ordentlich in der Mitte des Tellers. Johanna nickte bedächtig, legte ihm die Serviette zurecht. Dann sah sie mich an. Musterte mich interessiert, bevor sie in ihrer Erzählung fortfuhr.

„Meine Mutter hat als gestandene Frau und Mutter den Zweiten Weltkrieg durchgemacht. Wir, ihre Kinder, wuchsen auf mit den Trommeln und Gesängen der HJ, hinein in die Wirren und Schrecken des Krieges, und dann folgten Vertreibung und Flucht aus Schlesien. Die Familie zwischen Ost und West aufgeteilt, bis 1978 alles wieder aufbrach, vernarbtes Wundgewebe aufgerissen wurde und unser Leid an die Öffentlichkeit kam. Eine deutsch-deutsche Geschichte. Da war meine Mutter Anna eine alte, gebrochene Frau.“

Sie hielt einen Augenblick inne, bevor sie fortfuhr: „Die unheilvolle Saat des Krieges hat noch nirgendwo auf der Welt etwas Gutes hervorgebracht. Krieg bringt nur Kummer und Elend über die Mütter und Entbehrungen für die Männer, die von größenwahnsinnigen Herrschern und selbsternannten Führern in den Schlachten verheizt werden. Kinder werden ihrer Unschuld beraubt, während sie die Welt noch mit staunenden Augen betrachten und hinausziehen mit kleinen Schritten, um sie Stück für Stück zu erobern. Aber bitte nicht mit den Mitteln eines Krieges, sondern mit ihrem kindlichen Eifer und der grenzenlosen Liebe, die sie einfach in sich tragen wie eine Knospe, die allmählich erblüht. Aber wie viele wurden gebrochen, gepflückt, zertreten? Die Knospe der Seele zerstört. Für immer. Über unserer Kinder- und Jugendzeit zogen dunkle Wolken herauf. Die Wärme erlosch und in der Kälte des Krieges und des Todes gefror alles Unschuldige.“

Wieder legte sie eine kurze Pause ein.

„Der ‚Führer und Vater Deutschlands’ hat uns einfach für seine kranke Vision von einem Weltreich missbraucht. Gerechtfertigt hat er seine menschenunwürdigen Taten mit der Behauptung, uns einen sauberen, von Verbrechern befreiten Staat zu schenken. So brachte er viele dazu, mit dem schwarz-weiß-roten Hintergrund zu verschmelzen, Teil der dressierten Masse im braunen Sumpf zu sein. Das Irrwitzigste ist jedoch: Die meisten haben Adolf Hitler nie zu Gesicht bekommen. Nur auf Wahlplakaten und in den Zeitungen. Sie haben ihr Leben in die Hände eines Mannes gegeben, den sie nie erblickt, nie gesprochen haben, nur als geifernd aggressive Stimme aus dem Radio kannten oder als heroische Lichtgestalt in den Wochenschauen. Leni Riefenstahl gelang es schlussendlich mit ihren Filmen, ihn gottgleich erscheinen zu lassen. Der Messias, der vom Himmel zu uns herabstieg. Und gefolgt sind ihm Millionen wie dem Rattenfänger von Hameln. Der Krieg nahm alle in seine morastigen Arme und den einen oder anderen spuckte er bei Gelegenheit wieder aus. Unseren Walter leider nicht.“

Sie sah müde aus. Bedächtig setzte sie die Tasse an die Lippen und schlürfte leise ein paar Schlucke Kaffee. Ohne von seinem Teller aufzusehen, schob der alte Mann seine Hand in ihre Richtung, bis ihrer beider Finger sich berührten. Eine Geste lebenslanger Vertrautheit. Zahllose dunkle Flecken zeichneten die beiden Hände, die in den Gezeiten des Lebens Wind und Wetter ausgesetzt waren. Stille umgab uns. Für einen Moment waren sie wie eins.

„Das hat sich doch bis heute nicht geändert“, kam es von ihm, ohne dass er zu mir aufsah. „Ist es nicht seltsam? Für Kriege gibt es immer genügend Kapital. Sobald der Krieg seine Opfer auswirft, da gibt es dann kein Kapital mehr. Am Krieg verdient jeder, an den Opfern keiner.“ Schnaufend kratzte er mit der Gabel noch den letzten winzigen Krümel auf. „Wenn die Waffen irgendwann schweigen, geht für viele ein Albtraum zu Ende. Aber die Leere, die danach entsteht, nagt an einem, vielleicht ein Leben lang. Und nach jedem Krieg sind sich plötzlich alle einig: Es hat sich nicht gelohnt. Für keinen. Aber die morbiden Kriegsgeheimnisse, die tragen sie alle in sich.“

Er hielt inne. Jetzt war es an ihr, seine Hand zu tätscheln wie zur Beruhigung. Sein Blick blieb an dem leeren Teller hängen. Ich zerkrümelte das letzte Kuchenstückchen, während ich unsichtbare Kreise auf weißes Papier malte, immer noch unschlüssig, wie ich auf diese persönlichen Geschichten reagieren sollte.

„Na, was genau wollen Sie denn wissen?“, fragte prompt ihre helle Stimme und sie lächelte mich weise an. „Viele meiner Generation haben geschwiegen, um überhaupt weiter existieren zu können. Ich aber muss reden, um weiterzuleben. So kämpft jeder auf seine Art ums seelische Überleben. Das, was ich weiß, teile ich Ihnen gern mit. Solange ich noch lebe, möchte ich auf die Geschichte meines Bruders aufmerksam machen, weil das, was wir als ganz normale deutsche Familie erlebt haben, vielen, vielen anderen auch widerfahren ist. Ich denke, jeder sollte lesen, hören oder sehen, um dann zu begreifen, was Krieg für eine Familie bedeutet und welche schrecklichen Wunden für ewig zurückbleiben. Eine Diktatur – mit den menschenverachtenden Systemen, auf die sie sich stützt – bringt nur Chaos, Hass und Entbehrung über die Menschen. Größenwahnsinnige Herrscher oder Führer – auch heute, sehen Sie sich doch nur in der Welt um – nutzen die Männer bloß als Kanonenfutter; mit einem Schulterzucken werden sie in die Schlacht geworfen. Immer unter unwürdigen, unmenschlichen Bedingungen. Das war es, was unseren Walter verzweifeln ließ. Er war doch noch so jung und wusste sich nicht zu helfen. Das rigide System der Nationalsozialisten und der Zweite Weltkrieg fielen in unsere Kinder- und Jugendzeit. Da war es vorbei mit der heilen Welt. Von da an bestimmte über viele Jahre das Grauen unser Leben, leitete unsere Gedanken und prägte unsere Gefühle. Zeit unseres Lebens sind wir Gefangene dieses Krieges geblieben.“

„Wer hat schon nach unseren Träumen gefragt, die für viele von uns bereits in der Kindheit und Jugend ausradiert wurden!“, echauffierte sich ihr Mann und starrte auf die gegenüberliegende Wand. „Und nach dem Krieg, ja, da gehörte man nirgendwohin, denn eine Vergangenheit durfte keiner wirklich besitzen. Schon gar nicht wir, die Vertriebenen. So blieb jeder mit seinen Erinnerungen lieber allein, die einfach nicht verblassen. Obwohl wir alle das Gleiche hinter uns hatten, schwiegen wir uns lieber an, als dass wir redeten.“

Johanna Gröger nickte schnell. „Es galt eben, eine Zukunft voranzutreiben und die Vergangenheit in seiner persönlichen Schublade wegzuschließen.“

Hier verstummte sie. Und fügte schließlich leise hinzu: „Nur unsere Erinnerungen ermahnen uns immer wieder, dass wir sehr wohl Teil des Systems waren. Manchen sogar, dass er den Holocaust mit seinen Mitteln geplant und durchgeführt hat. Das muss jeder für sich klären, worin sein Anteil an dieser Grausamkeit bestand.“

Beide pressten die Lippen aufeinander. Beide sahen wie erloschen vor sich hin. Ein ganzes Leben lag in diesen stummen Blicken und eine sonderbare Ruhe beherrschte den Raum. So viel Unausgesprochenes umklammerte dieses Schweigen. Dann fuhr sie fort, als sei keine Zeit vergangen.

„Bilder mit schreienden Farben, die einem nächtens in dunklen Träumen begegnen, bis zum heutigen Tag. Düstere Erinnerungen, welche die Sinne rauben. Das Innere unseres Schädels ist wie ein Ort, an dem blickdichte Vorhänge die Vergangenheit ausschließen sollen. Und kündet Licht von einem neuen Tag, um alles zu überblenden, werden die zermürbenden Gedanken zurückgedrängt, hinter die Türen, die sich nie ganz schließen. Es bleibt immer ein Spalt offen. Erinnerungsbilder können Furcht erregen. Furcht vor der eigenen Schuld. Die eigene Angst ist einem dermaßen vertraut. Die Farben dieser Bilder verblassen nur allmählich, die anklagenden Schreie so vieler Menschen verhallen langsam zu einem Murmeln. Eine diffuse Mischung aus Erinnerungen und Gedanken. Gesagt werden aber nur kleine, unwesentliche Dinge, die Giganten unserer eigenen Schuld lauern unausgesprochen tief im Inneren.“

Erinnerungen von Frauen sind wie Schmuckkästchen. Alles, jedes noch so kleine Detail, wird hineingelegt, alles Erlebte, glückliche Momente, Trauer und Geheimnisse. Und ganz allmählich vermischen sich die Realität und ihre Gefühle, die im Laufe der Jahre eine Metamorphose durchlebt haben. Und mit dieser neuen Version treten Frauen wie Johanna Gröger irgendwann hinaus und beginnen ihre Geschichte zu erzählen. Dabei kommt ein sehr persönliches Bild der Zeit zum Vorschein, in der sie einst gelebt haben.

Sobald ein alter Mensch auf sein Leben zurückblickt, entsteht jene wundersame Aura, die mich jedes Mal unangenehm berührt. Unweigerlich beginne ich in Jahrzehnten zu rechnen, wie viel Zeit mir wohl noch bleibt, bis ich eines Tages so dasitze – mit der Gewissheit, dass der Tod so viel näher im Raum schwebt als die Geburt. Vielleicht erzähle ich dann meine Geschichte einer Generation der Zukunft, um mein Leben nicht der Vergessenheit zu übergeben. Und meine Welt von gestern, für mich kaum vergangen, wird ihre Welt von morgen beeinflussen. So bleibt vielleicht ein Abdruck von mir. Eine Erinnerung.

Johanna Gröger stand auf, öffnete die Schublade einer Anrichte und zog ein Fotoalbum und mehrere Tagebücher hervor. Alles musste uralt sein, denn die einst blauen Blumen, die die Einbände zierten, waren ausgeblichen. Die Tagebücher legte sie vorerst beiseite, das Fotoalbum schlug sie vorsichtig auf. Die Ecken zeugten von vielen Händen, die immer wieder darin geblättert hatten. Die Fotos standen da wie ein kleines Museum, durch das der Betrachter wandern konnte. Als sie das Album aufschlug, ertönte das aus der Kindheit vertraute Knistern des brüchigen Seidenpapiers. Jeder in einem Bild festgehaltene Moment ein Stück Erinnerung.

Sie deutete auf ein Kind, das mit leicht geneigtem Kopf aufschaute, die Augen zusammengekniffen, weil die Sonne es blendete. Ein strohblondes Mädchen, das sich an einem größeren Jungen festhielt; der wiederum sah an der Kamera vorbei, als hätte er etwas viel Wichtigeres entdeckt.

„Unser Dorf Mohrau in Oberschlesien“, erzählte sie und tippte auf ein anderes Bild. „Benannt nach dem Bach Mohre, nahe der kleinen Stadt Neisse. Es grenzte im südlichen Teil an die Tschechoslowakei und war die Heimat von Anna und Alfred, meinen Eltern. Wir lagen in einem Tal, umringt von vier Nachbardörfern, die zusammen eine große Landgemeinschaft bildeten. So wunderschön war diese Idylle, dass es einem schwerfällt zu glauben, dass das Grauen, das sich überall in Deutschland breitmachte, auch hier seinen Nährboden finden konnte. Wie wenn jemand in einem wunderschönen Gemälde mit schmutzigen Farben herumpinselt. Warum diese Zerstörungswut? Schon früh gab es eine nationalsozialistische, gegen Polen gerichtete Gesinnung. Das muss man einfach so sagen. Schon zur Weimarer Zeit wurde die Grenze zu Polen – wie auch die zur Tschechoslowakei – völkerrechtlich nicht anerkannt. Damit keimte die unheilvolle Saat eines aggressiven, antipolnischen Nationalismus in den Köpfen Hunderttausender Schlesier und nistete sich dort ein, bis sie schließlich unter der NSDAP richtig aufging. Aber all das habe ich natürlich erst als Erwachsene begriffen. Als Kind sah ich nur meine Heimat, wie sie sich nach außen hin darstellte. Und das war gemäldegleich schön. Die Landschaft war hügelig und dem Gebirgszug der Sudeten vorgelagert. Manchmal glaube ich in meinen Träumen genau jenes Bild zu sehen – ein Gemälde, in dem jede Farbe ihre eigene Kraft besitzt, jedes Motiv mit Bedacht gewählt wurde. Schlesien galt einst als Mittler zwischen Ost und West, als Brücke zwischen Deutschen und Slawen.“

Ich versuchte auf den vergilbten Bildern zu erkennen, woran sie sich erinnerte, doch das war schwer. Johanna Gröger trug mehr an Erinnerungen in sich, als die Bilder preisgaben.

„Die meisten sehen in uns Schlesiern nur noch die ehemals Vertriebenen, die Reichsdeutschen, die ihrer deutschen Heimat hinterhertrauern!“, entrüstete sich ihr Mann. Dann schüttelte er resigniert den Kopf. „Gerade unsere Heimatverbundenheit wurde uns jahrzehntelang übelgenommen. Ach, eigentlich doch bis heute! Die Extremdeutschen, die dieses Stück Deutschland gern wiederhaben wollen. Fast geht es so weit, dass man uns eine falsche nationale Gesinnung vorwirft. Aber die Geschichte der Vertriebenen, die nicht nur die Kriegsjahre überstehen mussten, sondern auch noch alles verloren, die vor den Russen fliehen, in eine fremde Heimat ziehen mussten – die wird gern negiert.“

Er konnte sich die Bilder nicht ansehen. Zu groß schien seine Wut.

„Wir hatten für die Folgen des Nationalsozialismus mehr zu bluten als viele andere, die trotz der Kriegswirren in ihrer Stadt oder in ihrem Dorf bleiben konnten“, fügte Johanna Gröger erklärend hinzu. „Man sagt, dass ungefähr 14 Millionen Deutsche aus den ehemaligen Ostgebieten geflohen sind oder vertrieben wurden, natürlich ein Großteil Frauen und Kinder. Diese Völkerwanderung löste Chaos aus. Wie viele Kinder wurden von ihrer Mutter getrennt! Jahrzehntelang gab es noch Suchaktionen von Verzweifelten, die hofften, das Kind zu finden, das in den Wirren der Flucht verloren gegangen war. Irgendwann erreichte man eine neue Bleibe, die einem zugeordnet wurde. Das war wie eine leere Hülle. Keine vertrauten Gesichter, kein Heimatgefühl, nichts, was mit Vergangenheit zu tun hatte. Der Krieg war zu Ende, aber für lange Zeit haben wir in Baracken gelebt, wurden wie asoziales Pack behandelt und nicht wenigen wurde in der Schule übel mitgespielt. Die wenigsten Lehrer gingen besonders pädagogisch mit den Kindern um. Wir waren nichts, besaßen nichts und wurden tagtäglich gehänselt, gedemütigt, ausgestoßen aus der neuen deutschen Gesellschaft, die eisern vorwärts strebte, um sich wieder etwas aufzubauen. Jeder hatte mit sich zu tun, da wollte man nicht auch noch das Elend des anderen sehen. Ich hatte kein Zuhause mehr, fühlte mich schutzlos ausgeliefert. Wie oft kommen mir diese Sätze in den Sinn:

‚Mir träumt, ich ruhte wieder vor meines Vaters Haus und schaute fröhlich nieder ins alte Tal hinaus. Die Luft mit linden Spielen ging durch das Frühlingslaub und Blütenflocken fielen mir über Brust und Haupt. Als ich erwacht, da schimmert der Mond vom Waldesrand, im fahlen Scheine flimmert um mich ein fremdes Land und wie ich ringsher sehe, die Flocken waren Eis, die Gegend war vom Schnee, mein Haar vom Alter weiß.‘“

Der Klang ihrer Stimme schwebte im Raum. Schweigend saßen wir beieinander. Zwei gelebte Leben, eine gemeinsame Reise zurück in die Vergangenheit. Zeit löste sich hier einfach auf.

„Joseph von Eichendorff liegt bei uns in Neisse auf dem Jerusalemer Friedhof begraben. So viele berühmte Menschen haben Schlesien geliebt. Viele kennen das schlesische Gebiet heute nur noch als Heimat des sagenumwobenen Einsiedlers Rübezahl, der im Riesengebirge haust. Und viele weitere Legenden gibt es, zum Beispiel die von Kunigunde, die sich aus Liebeskummer vom Turm gestürzt hat. Dabei war Schlesien bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges ein reiches Gebiet, mit Webereien, einer über die Grenzen hinaus bekannten Glasindustrie, ertragreicher Landwirtschaft. Und mit seinen Heilquellen war es als Luftkurort bekannt, die Kurgäste kamen von überall her. In der kalten Jahreszeit hatte der Wintersport Hochkonjunktur. Goethe bestieg einst die Schneekoppe, den höchsten Gipfel Schlesiens; die beiden Hauptmannbrüder, Karl und Gerhardt, liebten unser Schlesien, waren hier beheimatet und schrieben hier, inspiriert von der Landschaft und den Städten, die Schlesien ausmachten, ihre großen Werke. Breslau zum Beispiel mit seiner wunderschönen mittelalterlichen Baustruktur war das kulturelle und wirtschaftliche Tor zum Osten, eine der größten und reichsten Städte Deutschlands. Aber in der ‚Blume Europas‘ erreichte am 5. März 1933 die Nazipartei einen ihrer größten Wahlerfolge. Nach zwei Wirtschaftskrisen gehörte Breslau neben Berlin zu den Städten mit der höchsten Arbeitslosenquote.“

„Damit wurde die Stadt schon zu Beginn der Hitlerdiktatur zu einer Hochburg der Nazis. Das soziale und politische Leben wurde unverzüglich gleichgeschaltet“, fiel der Alte ihr ins Wort und begann die Teller zusammenzuräumen. Dann holte er eine Flasche Schnaps und drei Gläser aus dem Küchenschrank.

„Im Nachhinein habe ich erfahren, dass eines der ersten Konzentrationslager Deutschlands in Breslau-Dürrgoy entstand.“ Johanna Gröger wiegte nachdenklich den Kopf. „Da wurden gleich nach der Machtergreifung die Oppositionellen hingebracht. Das konnte ich als Kind natürlich nicht wissen. Ich erinnere mich, dass Freunde meiner Eltern ganz offen darüber sprachen, da es aber nur Spekulationen gab und nie konkrete Beweise, blieb es beim Empört-Sein. Obwohl wir nur 70 Kilometer von Breslau weg waren, haben wir in den ersten Jahren die Auswirkungen der politischen Verhältnisse nicht wirklich zu spüren bekommen. Aus heutiger Sicht kann ich sagen: Wir lebten in einer abgeschiedenen Idylle. Ja, Schlesien war das Land der Dichter und, vor allen Dingen, das Land der Bauern. Unseren Lebensrhythmus bestimmte weitestgehend die Natur, Aussaat und Ernte regelten den Lebenstakt und Jahr für Jahr rangen wir dem fruchtbaren Boden eine reiche Ernte ab. Wir besaßen ein Gottvertrauen und die Bräuche und Traditionen schenkten uns das Gefühl, sicher zu leben, in einer Gemeinschaft, die uns Kraft verlieh.“

Sie griff nach den Tagebüchern, strich zärtlich über die brüchigen Einbände, auf denen jeweils eine Jahreszahl vermerkt war. Es waren mindestens zehn Stück.

„Das sind die Aufzeichnungen meiner Mutter. Die ganzen Jahre über hat sie alles festgehalten. Von Walters Geburt an, ihres Ältesten. Namen, Begegnungen und all die Gespräche, die sie geführt hat. Anhand ihrer Erinnerungen konnte ich mir die Zeit zurückholen. Gesichter sind mir bis heute klar vor Augen geblieben. Teilweise meine ich sogar den Klang der Stimmen noch im Ohr zu haben. Dieser Nachlass meiner Mutter ist die Geschichte eines ganzen Dorfes. Und nun schenke ich diese Geschichte Ihnen. Damit sie ein neues Zuhause bekommt. Ich werde versuchen, Ihnen und der Nachwelt über diese Zeit zu berichten – um sie zu erhalten. Und vielleicht werden diese Zeilen eines Tages etwas bewirken.“

Sie hielt inne, ahnte vielleicht, dass sie ihre Geschichte zum letzten Mal erzählen würde. Und ich spürte die Verantwortung, all dem Erlebten dieser vergangenen Jahre eine Stimme zu schenken, es weiterzugeben, damit es nie vergessen wird.

Es wurde Schnaps ausgeteilt und eine Lampe angeknipst, die warmes Licht herüberwarf. Ich legte den Stift beiseite, wollte nur noch lauschen. Wie würde sie beginnen? Wie aus verschütteten Erinnerungen ein ganzes Dorf neu zum Leben erwecken?

Je länger ich zuhörte, desto lebendiger gestaltete sich ihre Erzählung. Zu jedem Namen tauchte in meiner Fantasie ein Gesicht auf, ich roch und sah und spürte das Dorf, bekam eine Ahnung von dem Leben dieser Zeit. Es gelang Johanna Gröger, all jenen lebendig und hörbar eine Stimme zu leihen, die sonst nach ihrem Tod für immer stumm geblieben wären. Und zwischen ihren leisen und lauten Tönen spannte sich das ganze Ausmaß von Hoffnung und Elend. Kleine Gesten ihres Mannes halfen, wenn ihr die Stimme versagte. Und in den Augenblicken, in denen sie schwieg, weil die Tränen der Stimme den Weg versperrten, bekam die stumme Trauer und Verzweiflung von damals ihren eigenen Ton. Es war ein beredtes Schweigen, es erzählte so viel. Sie hielt inne, kramte vorsichtig in ihrem Gedächtnis, fand ein scheinbar nebensächliches Detail, das aber genau die Lücke schloss und damit das Bild vervollständigte, das sie in sich trug und zeigen wollte.

Und dazwischen nickte ihr Mann. Mal zustimmend, mal nachdenklich. Offenbar gab es auch das eine oder andere, das er noch nicht kannte. Dann sah er sie an wie ein kleines Kind, das staunend einem Märchen lauscht.

An vielen Stellen gelang es ihr, die unverstellte Sicht der Kinder wiederzugeben, doch überwiegend konnte sie das Wissen über das Grauen, das nach und nach alles eingefärbt hatte, nicht ablegen. So vermischte sich die Stimme des Mädchens Hanna mit jener der erwachsenen Frau Johanna, die ihre Erinnerungen aufschlug wie ein Buch. Jede Seite betrachtete sie, blätterte immer weiter. Bis zur letzten Seite, die weiß geblieben war. Und als ich drei Tage später im Zug begann, die Erinnerungen ihrer Mutter Anna zu lesen, verschmolzen diese mit Johannas Erzählung.

Aus der ersten kleinen Reise wurden viele Besuche und Telefonate, die am Ende eine Freundschaft, große Zuneigung und gegenseitiges Vertrauen hervorbrachten. Mittlerweile kenne ich alle Familienmitglieder und ich habe gelernt, dass all die durch Kriegserlebnisse davongetragenen Wunden bis heute nicht geheilt sind. So viele Gedanken und Schmerzen nicht ausgedrückt, nie verstanden oder schamhaft verschwiegen. Dieses Buch soll verständlich machen, dass das bisschen Leben, das wir geschenkt bekommen, das kostbarste Gut ist. Und das Schönste ist doch, dieses Leben mit anderen Menschen in Liebe zu teilen.

Ich kann nur versuchen, Johanna und Anna gerecht zu werden, indem ich ihre Worte wiedergebe und mich bemühe, mit meiner schriftstellerischen Stimme alle Beteiligten vor dem Vergessen zu bewahren. Johannas gesprochenen Worten ebenso wie den Erinnerungen der Mutter einen neuen Weg zu ebnen, damit sie in die Welt hinaus finden.

Vielleicht mischt sich mein eigenes und das Wissen vieler anderer Menschen über jene Zeit in die Zeilen, vielleicht ertappen aber auch Sie sich dabei, liebe Leserin, lieber Leser, dass Ihnen etwas sehr vertraut anmutet. Es darf ruhig die Geschichte vieler Menschen sein, die auf der Strecke eines Lebens sowohl zum Opfer als auch zum Täter geworden sind; eine Geschichte, die nicht dem Vergessen anheimfallen soll.

Schlesien

Mohrau 1932

Die Familie

In meinem jungen Leben hat es meinen Bruder Walter immer gegeben. Er war ein Teil meines Ichs, das sich im familiären Umkreis entwickeln durfte, sich die ersten Jahre in dieser kleinen Gemeinschaft festigte, bis ich eigene Schritte wagte und Neues kennenlernte. In vielen Dingen prägte der große Bruder mich mehr als meine Eltern, die Tag und Nacht mit irgendetwas beschäftigt waren. Mit sich, der Politik, der Dorfgemeinschaft und später dem Kampf ums Überleben innerhalb genau dieser Gemeinschaft, die irgendwann morsch und zerrüttet war, auseinanderbrach, keinen Schutz mehr bot. Walter, der einzige Sohn inmitten der Mädchenschar und natürlich der Liebling unserer Mutter Anna, zog alle Blicke auf sich, was ihm nicht immer behagte. So manches Mal wäre er wohl lieber unsichtbar geblieben. Mein Vater Alfred tat, was er konnte, um ihm den Sinn des Lebens näherzubringen, ihn auf seine Aufgaben als Mann vorzubereiten.

Nach schlesischem Brauch sollte er als ältester Sohn später einmal den Hof übernehmen. Aber Walter war mit seinen knapp zehn Jahren ein Träumer, ein Bursche wie ein Wiesel, der, wann immer er konnte, vor den Anforderungen des Alltags zu fliehen wusste. Ein Charakterzug, der ihn das Leben kosten sollte. Wahrscheinlich waren es gerade die sorglosen Kinderjahre, die ihm eine Zukunft voll der Harmonie und Arglosigkeit vorgaukelten – eine Zukunft, die die Realität für uns in Wahrheit nie vorgesehen hatte. Nichts trübte den Blick, alles schien wunderbar, unser Leben in einer gewachsenen familiären Struktur, einer intakten Gemeinschaft, innerhalb derer sich jeder auf jeden verlassen konnte.

Die Auswirkungen der Inflation der 20er Jahre bekamen wir Kinder nicht mit. Aber Mutter hielt alles akribisch in ihren Tagebüchern fest, sodass ich Jahre später begriff, was in jener Zeit überhaupt los gewesen war. Sorgen und Ängste der Erwachsenen in ihrer eigenen Welt, an der wir Kinder nicht teilhatten. Die weltweite Agrarkrise war natürlich auch in unserem Dorf zu spüren gewesen. Walter erzählte mir, dass Thea, meine ältere Schwester, und er, wenn sie die Küche betraten und die Eltern mit sorgenvoller Miene vor einem Haufen Geldscheine sitzen sahen, instinktiv spürten, dass etwas in der Welt der Erwachsenen nicht stimmte. Wenn Vater ihnen dann aber aus den Scheinen kleine Schiffe bastelte, schienen alle Sorgen vorerst vergessen. Die große Depression aus Amerika, die auch Deutschland wirtschaftlich aus den Angeln hob, bekam in unserer Küche keine Chance, sich festzusetzen. Meine Großeltern, die nur ein paar hundert Meter weit weg wohnten, schauten jeden Tag vorbei, erzählten Geschichten aus ihrer Jugendzeit, in der alles viel überschaubarer gewesen sei in diesem Dorf, das sich den Traditionen, dem menschlichen Miteinander verschrieben hatte. Dann saßen alle beisammen und hielten sich für unbesiegbar. Ich lag in meinem Weidenkörbchen und nuckelte zufrieden am Daumen. Die Familie war unser Zuhause, unsere Burg und Festung, die uns vor Wind und Wetter und allen stürmischen Gezeiten schützen würde. Was störte uns die Wirtschaftskrise, die irgendwo in den dunklen Städten ihr Unwesen trieb? Mutter ging am nächsten Morgen auf den Markt und tauschte hausgemachte Ziegenbutter gegen andere nützliche Waren ein.

Mutters Ziegenbutter galt immer als etwas Besonderes, und zwar aus folgendem Grund: Die Ziegenbutter, von Natur aus weiß, sollte nach ihrer Vorstellung zumindest so aussehen wie Kuhbutter. Sie holte sich Safran aus der Drogerie und färbte die blasse Ziegenbutter damit ein. Aber meistens verschätzte sie sich in der Dosierung. Oft wies die Butter am Ende eine kräftige orangene Tönung auf. Das sah exotisch aus, war einfach ein Hingucker. Auf jeden Fall konnte nicht eine Mohrauer Kuh mit der Farbe von Annas Butter mithalten. Dafür bekamen wir im Gegenzug all jene Dinge, die wir nicht selbst auf dem Hof besaßen.

Das Geben und Nehmen auf dem Dorf besaß noch seinen Wert, half so manchem zu überleben. Hier ließ man keinen verrecken.

Auf unserem kleinen Hof lebten mit uns ein Schwein namens Fritz, eine Kuh und drei Ziegen sowie eine kleine Hühnerschar. Damit waren wir in der Lage, uns relativ gut zu ernähren in den Zeiten, in denen Hunger und Not viele Familien trafen. Neben selbst angebautem Obst und Gemüse und Kartoffeln besaßen meine Eltern die elementaren Grundnahrungsmittel, um sich und uns Kinder satt zu kriegen.

Besonders den Bauern in Schlesien ging es Ende der 20er Jahre schlecht und so manch einer dachte daran, sein bisschen Hab und Gut zu verkaufen und sich in eine der entfernten Metropolen zu begeben. Doch dort, so hörte man, herrschte die große Arbeitslosigkeit, die vor allem die mittlere und ärmere Schicht der Gesellschaft traf. So blieben die Leute mit ihrem bisschen Hoffnung. Und warteten. Und bei nicht wenigen löste sich die Hoffnung allmählich auf, bis ihnen das blanke Entsetzen ins Gesicht geschrieben stand.

Meinen Eltern ging es nicht ganz so schlecht. Wer damals etwas von den Machenschaften der Banken und Börsen verstand, wie mein Vater, der legte sein Geld beizeiten in Häusern und Grundstücken an. Wer konnte, auch in Gold. Die beiden hatten sich in den 20er Jahren ein großes, mehrstöckiges Haus aus Stein gekauft. Es lag auf der anderen Seite des Baches und ein Holzsteg verband die „Neue Welt“, wie die Dorfbewohner diesen neu angelegten Teil nannten, mit dem Rest des Dorfes. Neben dem Haus befanden sich der Stall und darüber der Heuboden mit einer Luke zum Abladen des getrockneten Grases. Gegenüber stand eine Scheune, einst dazu gedacht, das Getreide aufzunehmen; hier lagerte mein Vater seine Steinplatten. So bildete der gesamte Komplex eine Art Burg. Das große Tor öffnete sich zum geräumigen Hof und hier wuchs ich auf, in unserer Bauernburg. In dieser Geborgenheit des Elternhauses plätscherte unsere Kindheit unbekümmert dahin, ohne sonderliche Spuren oder Narben zu hinterlassen.

Ich erinnere mich, dass die schneeweiß getünchten Steine zu jeder Tageszeit in einem anderen Farbton leuchteten. Morgens und abends eingetaucht in sanften Goldstaub, umgeben vom üppig blühenden Garten. Noch war der Kredit nicht abgezahlt, aber wir hatten ein Dach über dem Kopf und viel Platz, um uns auszutoben.

Vater musste dafür einige Jahre im Marmorbruch arbeiten. Eine körperlich schwere und gesundheitsgefährdende Arbeit, die nicht ohne Folgen blieb für ihn, aber er wollte den Kredit so schnell wie möglich tilgen. Er stammte, wie man damals so schön sagte, aus gutem Hause, aus Neisse, der nächstgelegenen kleinen Stadt, die sich der Moderne verschrieben hatte mit Bars, Kaschemmen, Automobilen und städtischem Flair. Beide Elternteile waren Musiklehrer und glaubten, etwas Besseres zu sein. Als der begabte große Sohn sich in die zierliche kleine Anna vom Land verliebte und diese auch noch ehelichte, da war es vorbei mit der Familienidylle, die geprägt war von einer gewissen Avantgarde, von mondänem Chic aus aller Welt und ausgelassenen Partys. Da war ihren Lebensvorstellungen dieses „Gesinde“ in die Quere gekommen.

„Dieses Bauernmädel heiratest du mir nicht! So eine findest du doch in jedem Straßengraben!“, beschied Rotraud ihrem Sohn Alfred.

Er verließ daraufhin das elterliche Haus und heiratete seine Anna ohne den Segen dieser stolzen Eltern. Sie blieben der Hochzeit ihres ältesten Sohnes fern. Anna war zutiefst verletzt. Denn ihre Eltern hatten beiden Töchtern eine Ausbildung ermöglicht und sie nicht wie „Bauernmädel“ großgezogen.

Als ihr Vater nach dem Ersten Weltkrieg zurückkehrte, musste er feststellen, dass seine Frau und die zwei Töchter sowohl den Hof als auch die Versorgung der Familie allein bewältigt hatten. Es gab nicht eine Maschine, nicht ein Ding, das seine Frauen nicht beherrschten. Denn auch der einzige Sohn war eingezogen worden und kehrte nicht zurück. Irgendwo im Westen, in einem der vielen Schützengräben, war er umgekommen. Ein schlichtes Kreuz auf dem Friedhof erinnerte an den Jupp. Nun mussten alle lernen, mit der neuen Situation umzugehen. Anna und ihre Schwester Irmtraud wollten raus aus der dörflichen Enge, raus aus dem Mief von Stall und Feld. So durften die beiden in Neisse eine Ausbildung beginnen. Mutter bewarb sich später als Stenotypistin und arbeitete im Kontor von Herrn Rosenthal, Irmtraud arbeitete im Bürgeramt.

Während Irmtraud sich in den jungen Ernst verliebte, der eine Tischlerei betrieb, und zu ihm ins Nachbardorf zog, lernte Anna in Neisse ihren Alfred kennen. Und da er sich daraufhin mit seinen Eltern überwarf, zog Alfred in das Dorf seiner jungen Frau.

Ursprünglich sollte sie gar nicht auf dem Hof arbeiten. Und als wirkliche Bauern sahen sich meine Eltern sowieso nicht. Meine Mutter hatte noch bis kurz vor meiner Geburt als Stenotypistin in Neisse gearbeitet. Aber drei Kinder zur Tagespflege, das konnte und wollte sie ihren Eltern nicht mehr zumuten; die hatten mit ihrem eigenen Haus und Hof genug zu tun. So verrichtete meine Mutter also auch bäuerliche Tätigkeiten. Dennoch erhielt sie den Kontakt zu ihrem ehemaligen Kontor aufrecht. Nicht selten kam der Prokurist vorbei, in einem dieser schicken Automobile, brachte das eine oder andere an Arbeit mit und meine Mutter konnte von zu Hause aus der Firma mit Schreibarbeiten aushelfen. In der guten Stube stand immer ihre Schreibmaschine. Und wenn sie auf die Tasten einhämmerte, hörten wir das rhythmische Klappern im ganzen Haus, unterbrochen von einem feinen Pling, sobald eine Zeile voll war.

Das sind die vertrauten Geräusche, die man in der Erinnerung wie einen kostbaren Schatz aufbewahrt. Sie streicheln die Seele, trösten einen, wenn Gewitterwolken die Helligkeit verdrängen. Wie oft wühle ich in meinen Gedanken und grabe die alten Bilder der Kindheit aus!

Es sollte einige Jahre dauern, bis die elegante Rotraud das Bauerngesindel besuchte, um das dritte Enkelkind – nämlich mich – in Augenschein zu nehmen. In der Zeit verstarb Alfreds Vater, ohne sich mit dem Sohn versöhnt zu haben. Diese ohnmächtige Verzweiflung, die alle befiel, brachte die Großen endlich dazu, sich einander wieder anzunähern. Tod und Trauer der Erwachsenen mussten erst die Oberhand gewinnen, um uns Kindern wieder eine ganze Familie zu schenken. Mit meinen blonden Haaren und veilchenblauen Augen wurde ich zum Band zwischen diesen Parallelgesellschaften, die unterschiedlicher nicht hätten sein können. Oma Rotraud wurde meine Patentante. Der Groll darüber, dass ihr einziger Sohn nicht einer hoffnungsvollen Musikerkarriere nachgegangen war, nagte zeitlebens an ihr; das verzieh sie ihm trotz allem nicht.

Stattdessen fuhr ihr Alfred nun morgens im Dunkeln mit dem Fahrrad zur Arbeit – in der einen Hand die Sturmlaterne, mit der anderen balancierte er sein Rad die unebenen Wege und Pfade entlang. Dabei heulte der Wind über die Dächer und die herbe schlesische Natur zeigte erbarmungslos ihr wahres Gesicht. Meine Mutter ging beim benachbarten Bauern melken, tippte zu Hause diverse Briefe und arbeitete zusätzlich als Teppichweberin, wobei sie nicht selten mitten am Tag am Webstuhl einschlief. Dann stand ich da, hielt meine Stoffpuppe umklammert und beobachtete, wie ihr Kopf langsam auf die prächtigen, farbigen Muster sackte, während die Hände sich noch in den bunten Fäden festklammerten. Von irgendwo draußen klang das Lachen anderer Kinder herein, dann ein Aufschrei von Thea, die wieder einmal von unserem Bruder geärgert wurde. Schweinchen Fritz lief quiekend aus dem Stall und Walter hatte seine diebische Freude daran zu testen, wer lauter und länger schrie: Thea oder Fritz. Meistens gewann Thea und Fritz bekam zur Belohnung etwas Fressbares, das er sich in Windeseile schmatzend einverleibte. Und danach wartete er hoffnungsvoll auf die nächste Attacke.

Ich freute mich für Fritz, denn meine ältere Schwester zeigte mir sehr wohl, dass sie mich als lästig empfand. Auch optisch waren wir grundverschieden. Sie mit ihrem wunderschönen Gesicht, den ovalen braunen Augen und den dunklen Haarwellen; dagegen ich mit den schlohweißen Haaren, heller Haut und den kleinen hellblauen Augen, die Thea verächtlich „Schweinsäuglein“ nannte. Walter hatte einen goldblonden Schopf und schöne große, dunkelblaue Augen. Ich habe nicht selten gedacht, der Klapperstorch hätte mich einfach falsch abgesetzt.

Mutter hörte all das Gequieke und Gejammere schon nicht mehr, sie war bereits eingenickt. Und im Flur tickte Großvaters alte Uhr, die zu jeder Stunde einen sonoren Glockenschlag von sich gab. Ich fühlte mich wundersam geborgen mit dieser schlafenden Mutter und den vertrauten Stimmen und Geräuschen, die von überall her zu mir hereindrangen und wie unsichtbare Bilder an den Wänden haften blieben.

Es gab aber auch härtere Zeiten, wie Walter mir Jahre später erzählte. Da kochte Vater tagein, tagaus Grießbrei für uns und abends gab es Klappstullen mit Schmalz oder Stampfkartoffeln. Das Brot brachte Oma vorbei – sie hatte es am Tag gebacken – und abends klapperten ihre Stricknadeln, damit wir Kinder etwas Warmes auf dem Leib trugen. Das ging wohl selbst Vater zu weit und deshalb versuchte er, sich selbstständig zu machen, fertigte mit zwei Mitarbeitern auf dem eigenen Grundstück Zementsteine, Zementartikel, Zaunpfosten und Wegplatten an und betätigte sich zudem noch als Kohlenhändler. Er trug im Winter die Presskohlen aus und wir Kinder tobten zwischen Feldern und Hühnern herum.

Im Winter 1929/30, einem der härtesten, den die Mohrauer je erlebt hatten, brach sein Zementgewerbe ein. Das Wasser gefror in den Schüsseln, so manches Rohr drohte zu platzen. Die Kurbel der Wasserpumpe ließ sich um keinen Millimeter mehr bewegen, die Stämme etlicher Obstbäume brachen laut krachend auseinander. Wieder gab es keinen Verdienst. Selbst Kohlen wurden zur Mangelware. Und wer brauchte im Winter schon eine Terrasse oder Zementklötze? Mein Vater war arbeitslos, wie Millionen andere auch. Er empfand es als Schmach, es erfüllte ihn mit Verzweiflung und Wut.

„Erwerbslos“ hieß das im Amtsdeutsch. Mutter hat im Tagebuch nur dieses eine Wort vermerkt. Es prangte auf der Seite wie ein fürchterliches Mal.

„Ich geh stempeln. Nun bin ich ein Stempelbruder wie so viele andere auch“, murmelte Vater vor sich hin. Er erhielt den Bedürftigkeitsbescheid und eine Zahlkarte.

Pro Woche bekam er acht Mark und neunzig Pfennig Stempelgeld für fünf Personen. Ich vermute, es war nicht selten, dass die schicke Rotraud mit ein paar Groschen aushalf. Eine Schmach, die dem Sohn die Röte ins Gesicht trieb, wie ich ebenfalls später in Mutters Tagebuch nachlesen konnte.

Ihre Schrift verrät die innere Verfassung, in der sie war, wenn sie ihre Eindrücke festhielt. Die Schwiegermutter löste bei meinen Eltern immer eine Art Hilflosigkeit aus; es verletzte ihr Selbstwertgefühl, wenn sie sich in die Belange der Familie einmischte. Aber der Hunger der Kinder wog schwerer als verletzte Eitelkeit. Denn auch beim Kontor drohte der Konkurs und es gab vorerst keine Schreibarbeiten mehr für Anna.

So fehlte auch das Geld für das Wirtshaus vom alten Josef, der immer ein Auge zudrückte und ab und an heimlich die Schnapsflasche öffnete, um das eine oder andere Gläschen zu füllen. Aber jetzt musste jeder Pfennig gehortet werden. Also traf man sich einfach bei uns in der großen Küche. Zum Kartenspielen, zum Reden und Diskutieren; nicht selten ging die ganze Nacht dabei drauf.

Die Freunde

Wir gehörten zu den Ersten im Dorf, die ein Radio besaßen. Ein Gut, das Vater aus seinen wohlhabenderen Zeiten mit in die Ehe gebracht hatte. Und so wurden neben beschwingter Musik auch die politischen Reden angehört, die die Erwachsenen auf unterschiedliche Weise beeinflussten. Das ging jahrelang so, dass sich viele Leute bei uns trafen. Wer konnte, brachte etwas Essbares mit. Bier wurde aus einem kleinen Fass ausgeschenkt und wir Kinder bekamen Himbeer- oder, wer wollte, Zuckerwasser. Die Schlesische Funkstunde AG bot vor- und nachmittags ein abwechslungsreiches Programm. Abends lauschte man den neuesten Meldungen aus aller Welt, denn immer mehr rückte das „Großdeutsche Reich“ mit seinen politischen Wirren in den Vordergrund der Berichterstattung. Grund waren unter anderem die vielen Splitterparteien, die es nicht schafften, innerhalb der neuen Republik einen Konsens zu finden, wie Vater oft vor sich hin murmelte. Walter war häufig dabei, lauschte den Gesprächen der Erwachsenen, und ich kauerte auf der warmen Ofenbank, bis mir die Augen zufielen und irgendjemand mich ins Bett brachte. Bis weit in die Nacht hinein wurde lauthals und heftig über Politik diskutiert – unser Schmied und Sattlermeister Herbert zum Beispiel war ein glühender Verehrer der kommunistischen Partei.

„Denn nur die wahre Revolution, wie Lenin sie vorgeführt hat, schützt den Menschen vor weiterem Unglück“, triumphierte er mit erhobener Stimme.

Ich meinte zu sehen, dass immer, wenn er laut sprach, seine Haare sich ein wenig aufrichteten. Und hatte er Gustav, unseren Frisör, über Monate nicht aufgesucht, dann standen sie ihm buchstäblich zu Berge. Seine Devise lautete: „Wer Hitler wählt, wählt Krieg. Und dieser Mann will den Krieg.“ Diese Parole der Kommunisten hat Mutter mit mehreren Linien im Tagebuch festgehalten und dick unterstrichen.

Mit leuchtenden Augen saß Walter vor Herbert. Für ihn war Krieg gleichbedeutend mit Abenteuer, Kämpfen und Stark-sein-Dürfen. Er wollte auch in einen Krieg ziehen und hoffte nun, dass die Erwachsenen damit warteten, bis er groß war.

Dieser Wunsch sollte ihm gewährt werden …

Herbert hat die Gedankenwelt meiner Mutter sehr geprägt und beeinflusst. Seine politische Meinung, die Gespräche mit ihm waren es, die sie am meisten suchte, um sich ein eigenes Bild der politischen Lage zu bilden. Vielleicht war sie nicht im klassischen Sinne eine Intellektuelle. Aber sie war klug, wissbegierig und besaß ein schnelles Auffassungsvermögen. Und sie besaß ein großes Herz. Es kam nicht von ungefähr, dass sie sich eher mit den Weltoffeneren aus dem Dorf verbunden fühlte als mit den traditionsbewussten Bewohnern. Auch hatten die Jahre in Neisse – der kleinen Stadt, in der die große weite Welt ein paar Spuren hinterlassen hatte – sie geprägt.

Otto, ein Sozialist, der sich besonders mit Vater austauschte, besaß hier in Mohrau ein Fuhrunternehmen. Otto erkannte der Republik noch eine Daseinsberechtigung zu, wurde aber unter lautem Gelächter niedergeschmettert mit dem Ausruf: „Dieses Kabinett der Patrone mit seinen N otstandsparagraphen!“

Der eine oder andere Nachbar war schon zu dieser Zeit überzeugter Nationalsozialist, Anhänger jener neuen Partei, die in rasendem Tempo Wahlkreis für Wahlkreis eroberte, mit dem Mann an der Spitze, dessen angsteinflößende Stimme immer öfter aus dem Radio zu uns dröhnte. Mutter hat sehr früh angefangen, diese Partei im Tagebuch zu erwähnen. Die ließ ihr wohl von Anfang an keine Ruh.

„Eine stampfende Wahlkampfmaschine!“, so ihr trockener Kommentar. Dabei schüttelte sie sorgenvoll den Kopf.

Der junge Wilhelm, kurz Willi gerufen, der immer mit Vater zusammensaß und ins Leere politisierte, wie Vater es bezeichnete, war überzeugt, nur dieser Adolf Hitler würde es schaffen, den Deutschen ihre verlorene Würde zurückzugeben. Nur einer wie er könne dem geliebtem Vaterland zu Größe, Glück und Wohlstand verhelfen. Das hatte er schließlich versprochen! Und Brot! Und Arbeit!

Meine Mutter stand inmitten dieser Männerschar und ihre Bemerkung: „Es wird uns auch ohne dieses braune Pack bald besser gehen“, wurde von den paar NSDAP-Anhängern kopfschüttelnd kommentiert: die Anna mit ihrem sozialistischen Gedankengut, beeinflusst vom roten Herbert! Typisch Frau eben – und so weiter.

Am liebsten war mir der alte Herr von Schilling, unser Patron, wie alle ihn nannten. Er war einst vermögend gewesen, hatte aber schon in der ersten Weltwirtschaftskrise 1923 fast sein gesamtes Hab und Gut verloren. Sein gutsähnliches Anwesen konnte man noch bestaunen und seine Pferdezucht war weit über Schlesien hinaus berühmt gewesen. Auf dem Gestüt waren nur edle Pferde gezüchtet worden; grasend hatten sie auf den großen Koppeln gestanden. Der Patron selbst lebte nach wie vor in einem der gepflegten Gebäude. Nur still war es da geworden. Die vielen Menschen, die dort einst gelebt und gearbeitet hatten, waren in alle Himmelsrichtungen verstreut. Die Henriette, seine ehemalige Wirtschafterin, bemühte sich, ihm einen würdigen Lebensabend zu bieten.

Seine beiden Söhne waren während des „Großen Krieges“ gefallen und obwohl sie für den Kaiser gestorben waren, der doch alle in diesen sinnlosen Krieg hineingeworfen habe, wie der Patron immer wieder ausrief, hoffte er stets auf die Restauration der Monarchie. Nur einem Kaiser würde es seiner Meinung nach gelingen, Zucht und Ordnung in dieses marode Land zu bringen. Am Revers trug er das Verdienstkreuz von 1914/18; einst schimmernd wie ein kostbarer Stein, war es inzwischen stumpf und matt – der verlorene Glanz einer untergegangenen Ära. So viel Kapital habe der Herr Schilling damals in Kriegsanleihen gesteckt, raunten die Dorfbewohner einander zu; er sei ein Held gewesen, ein echter Patron. Nur hatte all das keine Bedeutung mehr. Der Große Krieg gehörte längst der Vergangenheit an. Niemand wollte sich damit noch abgeben, hatte die Niederlage doch, da war man sich einig, nur Schmach und Schande über Deutschland gebracht.

Mit seinem Monokel, dem immer fein gekämmten Haar und dem abgetragenen schwarzen Frack sah der Patron so anders aus als die anderen. Und zugleich lagen in seinem schwermütigen Blick eine scheue Ängstlichkeit und ewige Trauer. Er ging ein wenig gebeugt, so als ruhte eine ständige Last auf seinen Schultern, der er sich nicht gewachsen fühlte. Seine feingliedrigen Finger umklammerten den silbernen Knauf seines Gehstocks. Meine Mutter beobachtete er stets mit einem scheuen Augenaufschlag. Die Anna, ja, die hatte es ihm angetan. Diese kluge Frau, die sich nicht so leicht beirren ließ, die einen gesunden Menschenverstand besaß und sich wie eine Löwin für Familie und Freunde einsetzte. Selbst in schweren Zeiten zauberte sie immer etwas auf den Tisch, hatte ein Ohr für die Sorgen der anderen und wenn sie lachte, dann bebte ihr gesamter kleiner Körper. Alle hatten Respekt vor ihr und Vater war stolz auf seine lebenskluge, patente Frau.

„Und warum gibt es zwischen der KPD und der SPD keinen Frieden?“, fragte Mutter kopfschüttelnd. „Warum keine gemeinsame Aktion starten, und wenn es nur dafür wäre, die Braunen mit vereinter Kraft zu schwächen!“

„Die KPD strebt doch nur die alleinige Macht des Proletariats an! Wo soll das hinführen? Wir brauchen neuen Wind in dieser Republik, die eh auf sehr wackligen Füßen steht“, konterte Willi sofort und warf Herbert einen verächtlichen Blick zu. „Ihr Roten werdet Deutschland nicht wieder aufbauen. Ihr wollt eine Weltrevolution, die nur von den Russen bestimmt werden soll. Wer will zu diesem Gesocks dazugehören? Ich bin gerne deutsch. Ich liebe Deutschland und werde dafür kämpfen, dass es auch mein Land bleibt. Und nur zu deiner Information: Nicht nur der Pöbel hat Hitler letztes Jahr gewählt, wie du immer gern behauptest, auch Teile des schicken Bürgertums. Jawohl! Die Leute sind müde von der ‚ach so großen modernen Welt‘, die einfach alles und jeden auffrisst, was nicht mithalten kann.“

Seine einst reiche F amilie hatte während der Wirtschaftskrise große Ländereien verloren. Willi suche immer nach dem besserem Leben, wie Vater erklärte. Ihm kam Willi vor wie ein junger Hund, der in größter Verzweiflung sein Herrchen sucht. Lange Zeit hatte er Vater für diese Rolle auserkoren. Wissbegierig lauschte er seinen Worten, hing förmlich an seinen Lippen. Mutter sagte einmal scherzend: „Gott hat mir den Bruder genommen und nun haben wir den Willi!“

„Würdest du auch auf einen Menschen schießen, Willi?“, wisperte Walter und fummelte aufgeregt an seinem Pullunder, den auszuziehen er seltsamerweise vergessen hatte.

Dieses verhasste Kleidungsstück symbolisierte die Schule, die penible Ordnung, eine vorgegebene Hierarchie, die er inbrünstig ablehnte. Eine Hierarchie, die ihn zwang, Befehle auszuführen, die ihm nicht behagten. Auch ein Wesenszug, den er nie ablegen sollte. Und für den er später einen hohen Preis zahlte.

„Ja, mein Junge, ich würde auch zur Waffe greifen, wenn ich mein Vaterland verteidigen müsste. Denn wer Deutschland dem Untergang weihen will, dem werde ich mutig entgegentreten. Das würdest du auch tun, wenn du vor der Wahl stündest.“

„Mama, ich will auch in den Krieg ziehen!“, jubelte Walter. „Willi, könnt ihr bitte warten, bis ich groß bin? Ich meine das mit dem Krieg und dem Schießen?“

„Schaff du erst mal deine Schule, denn einen Bengel, der nicht rechnen und schreiben kann, nehmen die nicht“, murmelte Mutter und schmierte ihm eine weitere Stulle.

Damit wurde der erste Hunger gedämpft. Walter schwieg. In Gedanken war er in einer Welt, zu der ich als kleines Mädchen keinen Zutritt bekam.

„Na, Willi“, meine Otto lakonisch, „dann kannste dich ja gleich einreihen in eure braunen Truppen. Liest man doch jetzt fast täglich, von den Straßenschlachten zwischen den Kommunisten und den Nazis. Mittlerweile wird sich nicht mehr nur geprügelt, es wird auch geschossen. Salven sollen pfeifend durch die Straßen und Höfe in Breslau peitschen, es trifft wohl auch so manchen Unschuldigen. Besonders vor den Wahltagen geht es hoch her. Auch in Neisse sind diese Auseinandersetzungen nicht mehr zu übersehen. Und das ist nur ein paar Kilometer von uns entfernt. Da muss man nicht bis nach Breslau fahren. Was denkst du, wie lange noch, bis auch wir hier im Sumpf versinken? Da lob ich mir die junge Republik, die einfach den Fortschritt will und den Frieden sucht.“

„Immer nur dem anderen seinen Willen aufzwingen wollen, das kann doch nicht gutgehen!“, mahnte mein Vater.

Der Patron räusperte sich, strich mit seinem alten Finger über das blanke Holz der Tischplatte. Er wiegte den Kopf und begann sehr leise zu reden. Seine Stimme hatte etwas Beruhigendes. Schlagartig hielten alle inne. Es schien, als spräche er aus einer anderen Welt zu uns.

„Meines Erachtens haben sich die beiden großen Arbeiterparteien gegenseitig handlungsunfähig gemacht. Jetzt sind sie wie gelähmt, keiner prescht vorwärts, um die Situation zu verändern. Da hocken sie wie ängstliche junge Vögel in ihren engen Nestern und warten ab, was die Zeit so bringt.“

Es blieb ruhig. Er sah auf und fuhr fort: „Aber genau dieses Warten nutzt Herr Hitler aus, um sich in der Republik einzunisten und sie dann auf Dauer zu vernichten, sich mit aller Gewalt durchzusetzen, politisch wie gesellschaftlich. Ein wahres Gottesgeschenk für den Mann aus Österreich. Er spielt sehr gekonnt mit den Gefühlen der Menschen! Seine Partitur handelt von der Sehnsucht nach einer intakten Gesellschaft, mit Brot und Arbeit und einem geregelten Alltag. Wie schnell sind SA- und SS-Männer von der Hitlerpartei zu Hilfspolizisten berufen worden? Da gehen sie und tragen stolz ihre schwarz-weiß-rote Armbinde über der sauberen braunen Uniform. Dabei wüten sie unzivilisiert in den Straßen, mit geladenen Pistolen und Gummiknüppeln, die sie auch mutwillig einsetzen.“

Sein Blick war, während er sprach, durch den Raum gewandert und an Willi haften geblieben. Er sah den jungen Mann nachdenklich an. Dann fuhr er fort, sprach eindringlich in Herberts Richtung.

„Die KPD und die SPD sollten sich in der Tat zusammenschließen. Es muss doch möglich sein, die wirkliche Gefahr, die auf uns alle zurollt, zu erkennen. Wie eine Lawine, die nicht mehr aufzuhalten ist, wenn ihr Linken es nicht schafft, euch einig zu sein.“

„Die SPD unterstützt nur die Großindustrie und das Junkertum, denen geht es nur um wirtschaftliche Interessen, nicht um die Belange der einfachen Leute, die tagtäglich ihre Sorgen haben! Und die nennen sich sozial? Wie sollen wir mit denen Hand in Hand gehen?“, brüllte Herbert und schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. Ich zuckte zusammen.

Meine Mutter fuhr herum, starrte ihn an und es wurde augenblicklich still.

„Bitte nicht vor den Kindern. Bei mir ist jeder willkommen, jeder darf hier seine Meinung sagen, aber wer grob wird, verlässt meine Küche. Und zwar auf der Stelle. Ich liebe mein Land auch, unsere Bräuche, und ohne die Dorfgemeinschaft wäre ich bestimmt sehr einsam. Aber ich glaube nicht, dass irgendjemand mit seiner Ansicht alles hundertprozentig besser machen kann. Von jedem etwas, das wäre die Demokratie, die uns in diesen schweren Zeiten helfen könnte. Und nicht das gegenseitige Zerfleischen und Augen-Ausstechen. Was nützen Verletzungen, Blindheit oder gar Tod? Das bringt keinem was und dieses bisschen Leben ist doch mehr als kostbar! Wir sollten alle Respekt vor dem Leben haben, der Natur und Gott vertrauen.“

Traudel betrat die Küche und es war, als trüge sie eine frische Frühlingsbrise herein. Alle atmeten erleichtert auf. Dankbar begrüßte man sie, fragte nach ihrem Wohlbefinden und als Peter auch noch in die Küche stürmte, war unsere Gemeinschaft wieder bei den alltäglichen Dingen angelangt.

Traudel, eine Freundin von Mutter, hatte die oberste Etage unseres Hauses bezogen; dort wohnte sie mit ihrem Sohn Peter. Ihr Mann war einige Jahre zuvor gestorben; sie war allein mit dem Kind und arbeitete in Neisse in der Porzellanfabrik. Peter und Walter wurden unzertrennliche Freunde. Oft zogen sie abends los und trieben ihre Scherze mit den Nachbarn. Auch teilten sie die Liebe zum Boxen. Mit viel Humor beschreibt Mutter im Tagebuch, wie Walter glühend vor dem Radio saß, als Franz Diener, deutscher Meister im Schwergewicht, gegen Max Schmeling in 15 Runden verlor. Walter hatte einen neuen Helden. Und zusammen mit Peter erlebte er anno 1930 und ’32 den ersten und zweiten Fight Schmeling gegen Sharkey. Max wurde Weltmeister im Schwergewicht. Von da an kannten die Jungen ihren Traumberuf. Boxen wurde zu ihrer Religion. Traudel und Mutter lächelten weise, zupften an den jungen Bohnen und warfen sie in eine Schüssel.

„Diese Träume! Wer weiß, was Gott ihnen für eine Zukunft bescheren wird!“, heißt es an einer Stelle im Tagebuch.

Das Dorf

Trotz der unsicheren Wirtschaftslage und der politischen Wirren, die die Erwachsenen schier in den Wahnsinn trieben, hatten wir Kinder in Mohrau das Glück, in einer wahren Idylle aufzuwachsen. Die Landschaft bot ein üppiges Bild mit strotzenden Farben und glühender Blütenpracht.

Vaters großes Hobby war sein Garten – sein Paradies, in dem er sich frei und ungezwungen fühlte. Rund um das Haus sah es aus wie in einem Schmuckkästchen. Mit Liebe wurde allem sein Platz zugewiesen; selbst das Hühnerhaus bekam einen bunten Anstrich, damit es ins Gesamtkonzept passte. Dort thronte erhaben der Gockel auf dem roten Dach, das mit einer blauen Borte verziert war, und weckte pünktlich mit den ersten Sonnenstrahlen das halbe Dorf. Die Farben schienen ihn zu Höchstleistungen anzuspornen. Er, der Bote des Lichts, rief uns Menschen zu Arbeit und Gebet. Dann scharte er seinen Harem um sich, fünf Damen, die jeweils zwei bis drei Gelege mit maximal zehn Eiern ausbrüten konnten.

Genau diese Anzahl konnte die Glucke unter ihrem Gefieder warm halten. Neben Eiern lieferte uns die Schar auch Fleisch und Federn. Für die Fütterung der Hühner waren wir Kinder eingeteilt und ich fand es herrlich, wenn sie sich um mich sammelten, um die Körner zu picken, die ich ausstreute.

Alle hatten wir unsere Pflichten zu erfüllen und Mutter dirigierte den kleinen Hausstaat gekonnt. Sie war morgens als Erste auf den Beinen. Sie fachte im Herd das Feuer an, während Walter und Vater im Stall die Tiere versorgten. Thea half Mutter in der Küche und ich durfte zwischen allen hin und her rennen und zusehen. Wo ich schon zur Hand gehen konnte, versuchte ich mein Bestes. Sobald die großen Tiere ihr sauberes Bett, trockenes Stroh und Futter erhalten hatten, wurden die Hühner versorgt und wir schauten nach frischen Eiern. Danach saßen wir alle gemeinsam am Küchentisch. Meist gab es Milchsuppe mit getrocknetem Brot, Hafermus und Obst. Im Winter aß Vater oft Pellkartoffeln mit Schweinefett, damit er etwas Anständiges im Magen hatte, wenn er die Kohlen ausfuhr.

Mutter war neben den Hausarbeiten auch für das Gemüse und die blühenden Hecken zuständig, die dem Grundstück vom Frühjahr bis in den späten Herbst ein schmuckes Aussehen verliehen. Vater pflanzte Bäume, pfropfte und veredelte sie, experimentierte wie ein Wissenschaftler mit den neuesten Methoden. Sein größter Stolz jedoch waren die Rosen. Eigenhändig holte er die Wildlinge aus dem Wald. Den großen Korb auf den Rücken geschnallt, verschwand er für Stunden im Geäst, kletterte in den Hängen, kam zurück mit seiner Beute und veredelte sie zu Hochstämmchen. Aus der Wassertonne schöpfte er seine Kanne voll und dann begoss er seine neueste Errungenschaft mit solcher Inbrunst, dass ich manches Mal dachte, unser Vater sei eigentlich der geborene Gärtner. Der Duft, der uns dann wochenlang umgab, betörte die Sinne und nicht selten kamen wir uns vor, als wären wir zu Gast in Dornröschens zauberhaftem Schloss, umrankt von einem Meer aus Rosen.

Wie oft saß ich oben auf dem Hopfenberg und genoss den Panoramablick auf mein vertrautes liebes Dorf, umgeben von Fichten und uralten Linden, die ihre langen Schatten über Wiesen und Pfade warfen. Hier konnte man sich nach Herzenslust den Wind um die Nase wehen lassen.

Der Hopfenberg war nicht im eigentlichen Sinne ein Berg, eher ein Hügel. Kleine, blitzsaubere Dörfer und die Stadt Neisse lagen in die umliegenden Täler eingebettet. An der Sandgrube gab es den besten Blick auf das Elternhaus, und stundenlang saß ich da und beobachtete, wie das Licht sanft ums Haus strich, Farben über die Mauern goss und Blüten und Bäume in ihrer ganzen Pracht erstrahlen ließ. Wie verwunschen lagen die Häuser im Sonnenlicht – Tupfen in der Landschaft.

„Wem Gott will rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt, dem will er seine Wunder weisen in Berg und Tal und Strom und Feld.“ So schrieb unser von Eichendorff. Er war Schlesier und hatte einst all diese Pracht vor Augen gehabt. Durch Gedichte und Balladen und den reichen Schatz unserer Volkslieder ist mir die Ehrfurcht vor der Schöpfung ins Herz gepflanzt worden und formte mein Wesen mit, eine Ehrfurcht, die bis ans Lebensende wirkt – unveränderlich.

Vom Hopfenberg aus konnte ich das ganze Dorf überblicken. Spielende Kinder tummelten sich draußen, sobald die erste Frühlingssonne schien. Und wie oft turtelten hier oben verliebte Pärchen! Davon zeugten unzählige Herzen mit Initialen, die in die mächtigen Stämme der Buchen geritzt waren, als ewiges Liebesbekenntnis. Aus weiter Ferne strahlte einem die Rathausspitze der Stadt Neisse entgegen. Diese Turmspitze war zum Wahrzeichen der Stadt erkoren, die bei aller Modernität mit ihren vielen altertümlichen Gebäuden noch aussah wie im Mittelalter. Auch die Türme und Türmchen der zahlreichen Kirchen zeichneten sich am Horizont ab – eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch. Neisse, neun Kilometer von uns entfernt, hieß damals nicht umsonst das „Schlesische Rom“ oder die „Stadt der Giebel und Türme“.

Dieses Bild trage ich noch als alte Frau im Herzen. Die unbeschreibliche Natur, die mein Dorf umgab und behütete. Diese Bilder sind aus meinem Leben nicht zu löschen. Die Erinnerungen an die Heimat haben mich nie einsam werden lassen, haben mich unendlich reich gemacht und geben mir bis heute Kraft. Erinnerungen an die Kindheit. Die Zeit der Sorglosigkeit.

Sehr oft habe ich mir gewünscht, wir wären 1933 einfach alle in einen Dornröschenschlaf gefallen und erst nach Ende des Krieges wieder erwacht. Es hätte keiner hundert Jahre bedurft. Und alles ginge einfach seinen normalen Gang weiter: Oma könnte den Kuchen fertig backen, Mutter der Thea ein neues Kleid überziehen und Walter mir endlich das Fahrradfahren beibringen. Vater müsste seine Rosen, die das ganze Haus überwuchert hätten, stutzen und in eine überdimensionale Vase stellen. Und draußen würde die Mohre in ihrem gemächlichen Tempo weiterfließen, während am Ufer die Frösche fröhlich quakten.

Wir Kinder dürften unsere Jugendzeit ganz anders erleben. Stattdessen entwickelte sich ein düsteres Märchen mit bösen Figuren und zwielichtigen Gestalten, die vor allem die junge Generation in einen dunklen, undurchdringlichen Wald führten, aus dem viele nicht wieder hinausfanden. Da nützten auch keine weißen Kieselsteine. Dieses tote Geäst hatte nichts mit dem lichten „Kinderwald“ gemein, der uns schützend zwischen seinen Bäumen aufnahm und auf dessen bekannten Pfaden und vertrauten Wegen wir sicher nach Hause wandelten.

Mein großer Bruder war mein Beschützer. Nichts schien sein Gemüt zu trüben, immer strahlten seine Augen und sein Lächeln ließ im Frühjahr den Schnee schmelzen, wie Oma zu sagen pflegte. Und doch, ein Ereignis ist bei ihm haften geblieben. Immer wieder wurde es in Familienrunden erzählt.

Walter war gerade vier Jahre alt und hatte von Oma einen roten Luftballon geschenkt bekommen. Es war sein erster Kirmes-Besuch. Er verlor den Luftballon aus der Hand und dieser flog davon. Alle strahlten dem dahinschwebenden roten Ballon hinterher, der sich immer weiter in den Himmel erhob, bis er irgendwann von einer Wolke verschluckt wurde. Die Menschen lachten, doch Walter stand in der Menge und weinte bittere Tränen. Er war so unglücklich, dass er den Vorfall auch Jahre später nicht vergessen hatte. Und genau dieses Gefühl – in einer Menge zu stehen und sich doch gänzlich allein und verlassen zu fühlen – das sollte ihm eines Tages zum Verhängnis werden.

Nicht selten bettete Walter den Kopf an einen Stamm und lauschte dem Rauschen der Blätter, floh nicht nur vor seinen Schwestern, die ihn regelrecht belagerten, wenn sie die Hilfe des großen Bruders benötigten, sondern auch vor der Schule. Er hatte gewaltige Probleme, konnte nicht stillsitzen, sich einfach nicht konzentrieren. Sei es der Vogel, der draußen auf der Fensterbank hockte, sei es eine Wolke, die besonders schön geformt war, oder der nächste Streich, den er ausheckte – seine Gedanken wanderten wie durch ein großes Bilderbuch. Oft setzte er sich auf die kleine, von Efeu überwucherte Laube, die wie verloren vor dem Bahngleis unter einer Linde stand. Mit der Uhr in der Hand wartete er auf die Züge, die vorbeifuhren. Er kannte jeden Zug. Er wusste immer genau, zu welcher Uhrzeit welche Kleinbahn vorbeifuhr – und dass eines Tages er selbst in einem dieser Züge sitzen würde, um in die Welt hinauszuziehen.

Die Schule mit ihren klaren Regeln und Vorschriften raubte ihm die Luft zum Atmen. Die trockene Kreide zerbröckelte in seiner Hand. Die Feder seines Füllers war immer verbogen, alle seine Hefte zeugten mit ihren hässlichen Tintenklecksen wie ein mahnendes Zeugnis von seiner Unordentlichkeit. In dem engen Raum mit den 30 Kindern konnte er keinen klaren Gedanken fassen. Meine Eltern waren oft verzweifelt. Zeugnisse im heutigen Sinn wurden nicht geschrieben, erst das spätere Schulentlassungszeugnis gab Aufschluss über erbrachte Leistungen. Dennoch wurde eine Art Bewertung vorgenommen: Die nicht guten Schüler mussten ganz vorn sitzen, während die besseren hinten Platz nehmen durften.

Walter saß immer in der ersten Reihe. Sehnsüchtig blickte er zum Fenster hinaus. Die Welt da draußen war so viel reicher!

Eines Morgens brachte der Vater ihn persönlich in die Schule. Damit der Weg durch den Wald ihn ja nicht zu anderen Abenteuern verführte. Während Vater sich mit dem Lehrer unterhielt, dem guten alten Herrn Gebauer, der seinem Zögling großes Verständnis entgegenbrachte, war Vater sich sicher, dass er den Bengel ordnungsgemäß abgeliefert hatte und dieser nun für den Vormittag seinen Platz einnahm. Dass es eine Hintertür gab, zu der Walter sich noch während des Gespräches langsam hinbewegte und durch die er sich hinausschlich, hatte Vater offensichtlich vergessen. Walter war schneller wieder im Wald als Vater. Er kletterte auf sein Baumhaus und zog einfach die Strickleiter hoch.

Wie oft stand ich unten, spähte in das dichte Laubwerk und kam nicht hinauf zu meinem großen Bruder in das grüne Blätterdach. Stattdessen legte ich ein Ohr an den Baum, eine uralte Eiche, schaute hinauf in die Krone, die sich in den sachten Windböen wiegte, und hörte das leise Rauschen, einem Murmeln gleich; wie Stimmen, die flüsternd auf mich einredeten.

Er selbst blickte über die Wipfel hinweg und schnitzte Messer, die er später gegen andere nützliche Dinge eintauschen konnte. Als er mich einmal mit nach oben nahm, konnte ich seine Sehnsucht verstehen.

„Kennst du die Geschichte vom Vogel Greif?“, fragte er flüsternd.

Ich schüttelte den Kopf und sah in seine blauen Augen, die wie zwei Bergseen schimmerten.

„Er war der Schrecken des ganzen schlesischen Landes und wohnte wie ich auf einer Eiche. Alles verbarg sich vor ihm, so sehr fürchtete man den Vogel Greif. Kein Mensch wagte es, in die Nähe seines Horstes zu kommen. Er konnte mit seinen gewaltigen Klauen einen ausgewachsenen Ochsen davontragen! Den gab er seiner Brut zu fressen!“

„Einen ganzen Ochsen?“, flüsterte ich und schaute mich um, ob nicht irgendwo der Vogel Greif lauerte.

„Ja, und etliche Schafe und Ziegen! Und eines Tages begann er sogar Kinder zu rauben.“

Ich schluckte.

„Kleine Kinder.“

Ich spähte zu Boden.

„Doch der König rief: Wer den Vogel Greif töte, der werde seine Tochter zur Frau bekommen! Und ein junger Bursche, der ganz allein lebte, der beobachtete den Vogel Tag und Nacht. Er verstand die Zeichen der Natur und hörte in der Nacht die Stimmen des Waldes und so wusste er, wann der Vogel Greif seinen Horst verließ. Im richtigen Augenblick schlug er zu, legte ein gewaltiges Feuer und verbrannte das Nest. Der Vogel Greif wurde furchtbar wütend, versuchte das Feuer zu löschen, verbrannte aber mit seinem Nest und der junge Bursche konnte dem König den Vogel übergeben. Fünf starke Ochsen mussten das tote Tier zum Schloss schleifen, so schwer und mächtig war es. Der König hielt Wort und der Bursche vermählte sich mit der schönen Tochter. Und wenn jemals wieder ein Vogel Greif zu uns nach Schlesien kommt, dann sitze ich hier oben und kann ihn beobachten! Ich kenne jeden Baum hier und werde uns alle von dem Ungeheuer befreien! Und deswegen, Hanna, kann ich nicht in der Schule sitzen. Stell dir vor, der Vogel Greif kommt just in dem Moment hier zu uns in den Wald!“

„Nicht wahr“, sprudelte es aus mir heraus, „du passt schon auf, dass er nicht wieder kleine Kinder frisst, oder?“

Walter hob die Hand, zeigte ein großes Indianerehrenwort und versprach, immer auf mich aufzupassen. Ich atmete auf. Mein großer Bruder! Er würde mich beschützen.

Rasch kletterten wir hinunter und rannten durch den Wald bis zur Mohre, wo wir die Schuhe auszogen, um die Füße ins Wasser zu tauchen. Die Mohre, ein kleiner grüner Gebirgsbach, in dem Walter, der Schule wieder einmal glücklich entronnen, oft angelte. Glücklich bescherte er uns einen Weißfisch oder Forellen, die Mutter immer stolz zubereitete. Sie glaubte an ihren Sohn, war sicher, dass seine Zeit noch kommen würde. Er sei ein Kind der Natur und das rege seine Phantasie an, tröstete sie sich immer.

Sobald es warm war, liefen wir barfuß durch die Gegend, ein ungezwungener Zustand, der auf dem Land noch weit verbreitet war. Die Alten betrachteten das Barfußlaufen als wertvollen Gesundheitsschutz und wir Jungen fügten uns gern. Im Sommer sprangen wir in den Fluss oder See. Wer nicht schwimmen konnte, schnallte sich einen Korkgürtel um den Bauch. Oder man behalf sich mit auf eine Schnur gefädelten Keksdosen auf dem Rücken. Das schepperte und gab eine ordentliche Geräuschkulisse ab, die nur von unserem Geschrei übertönt wurde. Viel Spielzeug gab es bei uns nicht. Die Jungs besaßen ihren Kreisel, den sie mit einer kleinen Peitsche vorantrieben, manch einer vielleicht auch ein Metallauto der Marke „Märklin“, aber ein Messer war wichtiger. Damit konnte man sich eine ordentliche Angelrute schnitzen. Bunte Jo-Jos waren bei allen beliebt, viele Mädchen besaßen eine Puppe, vielleicht einen kleinen Puppenwagen, aber wir nutzten eher das große Angebot der Natur, wenn wir uns aus allen Dörfern zusammenrotteten.

Natürlich gab es auch die harten und kalten Winter, die sich die eine oder andere Seele gnadenlos einverleibten. Geburt und Tod, Leben und Sterben, auch das gehörte zu unserem Alltag. Die Geburt eines neuen Erdenbürgers verfolgten wir mit dem gleichen Interesse wie das Sterben eines Menschen.

Wurde ein Kind geboren, brachte man unter Gesang Blumen, Körbe mit Eiern, Honig und eine Kanne frisch gemolkener Milch. In dem Haus, in das die Trauer eingekehrt war, schmückte man unter anderen Gesängen den Toten mit Blumen. Die Frauen wuschen ihn, wir Kinder beobachteten neugierig, ob der Verstorbene nicht doch unter den geschlossenen Lidern hervorlinste. In beiden Fällen wurde ausgiebig Pastinakenschnaps getrunken, dazu gab es Suppe mit selbst gemachten Nudeln sowie Schlesisches Himmelreich: Klöße gefüllt mit Backobst und Schweinefleisch. Anschließend gab es den Schlesischen Mohkucha.

Am Ende waren wir Kinder nie ganz sicher, welcher Anlass der traurige und welcher der fröhliche war. Die Erwachsenen waren in beiden Fällen irgendwann so außer Rand und Band, dass wir weder vor einer Geburt noch vor dem Tod sonderlich Angst hatten. Beides schien ein rauschendes Fest wert zu sein, bei dem die Dorfkapelle aufspielte.

So blieb das geliebte Dorf in unseren Kinderseelen für lange Zeit eine wunderbare, intakte Gemeinschaft, in der man sich gegenseitig half. Neben den reichen Gutsbesitzern, denen selbstverständlich das beste Ackerland gehörte und die diverse Weiden und Waldungen ihr Eigen nennen konnten, besaßen die meisten von uns ein paar Morgen Land zum Bewirtschaften. Zudem die obligatorischen Kühe, Schafe, Schweine und Hühner, die versorgt wurden, meist für den eigenen Bedarf. Und wer etwas übrig hatte, sah zu, dass er sich am Wochenende mit seinen Waren und Vieh auf dem Markt tummelte.

Bei den meisten gab es auch ein paar Kinder aufzuziehen. Viele gingen nebenbei noch zum Arbeiten in die Fabriken in der Stadt, sodass der Rhythmus des typischen Landlebens leicht verändert, aber auch alte Ansichten durchbrochen wurden. Bei uns im Dorf setzte sich in der Mode wie in der Sprache ein gewisses städtisches Flair durch. Und interessanterweise waren es die Frauen, die davon profitierten. Kaum eine der Jüngeren trug noch lange Haare. Die meisten hatten sich dankbar von den alten Zöpfen getrennt, was sich für die Arbeit auf dem Land als Segen erwies.

Friseur Gustav war hocherfreut über all die abgeschnittenen Haare. Er nutzte sie für die Puppen, die er in seiner freien Zeit herstellte. Mit echtem Haar bekamen sie ein fast menschliches Aussehen. So gut wie jedes Mädchen besaß so eine Puppe, mit Haar, das vielleicht von der Mutter stammte, von der Tante oder der älteren Schwester.

Für den mittlerweile allseits bekannten mondänen Look reichte die Zeit vielleicht nicht, aber an Feiertagen versuchte man auch der neuen Mode gerecht zu werden. Knielange Kleider und das kecke Hütchen auf dem Kopf wurden hier genauso gern getragen wie in der Stadt. Man galt als aufgeklärt und die meisten fuhren regelmäßig in die Stadt, die mit der Kleinbahn schnell zu erreichen war. Das änderte sich natürlich in jenen Jahren, die auch hier alles zerstörten. Wir Landmenschen waren – anders als die Städter – trotz allem noch vielen alltäglichen Dingen unterworfen, wir mussten Kühe melken, schlachten, säen und ernten und mit den Jahreszeiten zurechtkommen. So schnell konnte man uns nicht indoktrinieren. Lange hatte noch der Glaube an Gott Macht über uns, doch auch der wurde uns allmählich genommen.

Die Menschen im Neisser Land waren überwiegend katholisch. Das Kirchenjahr bestimmte den Lebensrhythmus. Mit ihrem kräftigen Geläut riefen die Glocken uns zur Messe, mahnten die Seelen, sich im stillen Gebet zu läutern.

Um sieben begann die Frühmesse in der großen roten Backsteinkirche, die im gotischen Baustil gehalten war. Ihr schlanker, hoher Turm ragte gen Himmel wie der Zeigefinger Gottes. Oma ging immer zur Messe, war immer als Erste auf den Beinen. Die Bibel war abendliche Pflichtlektüre, Oma las uns daraus vor. Wir saßen da und lauschten den schaurigen Geschichten, die uns lehren sollten, unser Dasein in Demut und Dankbarkeit gottesfürchtig zu fristen. Das hielt vor bis zum nächsten Morgen und schon lief man mit seiner kindlichen Neugier in den neuen Tag hinaus und wartete auf das nächste Abenteuer. Es wurde gewerkelt und gebetet, man zog die Kinder groß und verrichtete seine Arbeit, je nach Jahreszeit, auf dem Feld oder dem Hof. Alles vertraut, alles in guter alter Tradition.

Am Sonntag trafen sich alle bei der Messe. Für viele war das die einzige Möglichkeit, Neuigkeiten auszutauschen, ihren neuen Hut oder das schicke Kleid auszuführen. Und nicht selten kamen nach der Messe viele zu uns nach Hause. Der Sonntag war der Tag, an dem man bei Anna Gröger einkehrte.

Pfarrer Bredow war ein strenger, allseits gefürchteter Mann, der seine Schäfchen gut unter Kontrolle hatte, sodass die ersten Einflüsterungen durch die NSDAP wohl bei dem einen oder anderen ihre Wirkung zeigten, aber nicht diese Macht über Andersdenkende bekamen wie schon in vielen anderen Dörfern. Bredows hochgewachsene Gestalt in der schwarzen Soutane, die ihn noch größer erscheinen ließ, war ehrfurchtgebietend. Durchdringende grüne Augen beherrschten sein fahles Gesicht und blickte er einen prüfend an, glaubte man sich schon ohne Beichte bei seinen Sünden ertappt. Nicht selten prasselten seine Predigten wie ein Strafgericht auf die verschüchterte, bestürzte Gemeinde hernieder und besonders in den Anfängen der nationalsozialistischen Zeit mahnte er die Menschen immer wieder zur Vernunft.

Stille Nacht

Ende 1932 hätten die Erwachsenen aus heutiger Sicht vieles vielleicht erahnen können, aber Weihnachten, das Fest der Liebe und Vergebung, war erst einmal wichtiger als die große Politik, die doch eher in den Städten gemacht und gelebt wurde. Das ganze Dorf bereitete sich auf diesen Abend vor und dort hatte die Politik nichts zu suchen. Alljährlich war das Christfest der Höhepunkt unseres Lebens in und mit der Natur.

Am Heiligen Abend gab es immer Kartoffeln, schlesische Weißwürstchen mit Pfefferkuchen, mancherorts auch mit Pastinakentunke. Und natürlich unsere geliebten Pulsche Klumpa, polnische Klumpen, auch Pfefferkuchen genannt. Meine Mutter buk, zusammen mit Oma, eine Riesenmenge davon. Erst wurden Plätzchen ausgestochen und mit Mandeln oder Schokostreuseln verziert, aus dem restlichen Teig formte sie kleine Kugeln, die sie eng aneinander auf das Backblech setzte, und dann schob sie alles in den riesigen Ofen, der jeder Bäckerei Ehre gemacht hätte. Auf der Ofenbank kühlte inzwischen der duftende goldbraune Rührkuchen ab, der bei uns in Schlesien Sieste genannt wurde. Wir Kinder halfen eifrig mit und durften in dieser Zeit dermaßen oft die Töpfe ausschlecken wie sonst das ganze Jahr über nicht. Während an den Fenstern filigrane Eisblumen wuchsen, glühten im Innern die Öfen und der Duft von Gewürzen und Süßem hing schwer in der Luft.

In der geräumigen Küche, in der wir die meiste Zeit verbrachten, dominierte die Feuerstelle. Auf die vordere Kante setzte man uns Frostklumpen, nachdem wir stundenlang im Schnee getobt hatten; die Füße wurden auf die Wasserwanne gestellt und ganz langsam begannen die Zehen zu kribbeln, dann ließen sie sich tatsächlich wieder bewegen und schließlich glühten sie wie Kohlen.

Der große Tisch, an dem wir alle Platz fanden, stand genau unter dem Herrgottswinkel, der natürlich geweiht war. Ein typisch katholischer Brauch: Über den Köpfen hing ein kunstvoll geschnitztes Kreuz mit unserem Heiland.

Die Waschküche, ein kleiner Nebenraum, war mit einem großen Wasserkessel ausgerüstet, unter dem wie im Herd mit Holz und Kohlen Feuer gemacht werden konnte. Mittels eines Schlauchs wurde der Kessel direkt vom Wasseranschluss aus gefüllt. Wenn Mutter und Oma Waschtag hatten, wurde der Ofen mit Holz und gepressten Briketts gefüttert, bis die Flammen schmatzend gegen den Kessel schlugen. Die wabernden Dampfschwaden trieben einem selbst im tiefsten Winter den Schweiß auf die Stirn. Und es war Knochenarbeit, die die Frauen dort vollbrachten. Mit der Hand rieben sie die Kernseife in den Stoff, mit Hilfe des guten alten Waschbretts, bis die Finger rot waren oder gar wundgescheuert bluteten. Und wenn das Wasser nicht reichte, mussten sie mit großen Eimern, die je zehn Liter fassten, raus zur Pumpe laufen, die Eimer füllen und ins Haus schleppen. Eine schwere körperliche Arbeit, die sich heute kaum noch jemand vorstellen kann. Mutter benutzte schon Soda und Waschflocken, Oma dagegen schwor zeit ihres Lebens auf die traditionelle Aschenlauge.

Das war ein Gemisch aus einem Viertel Asche und drei Vierteln heißem Wasser, das durch ein Tuch gefiltert wurde, bis es gebrauchsfertig war. Oma schrubbte auch ihre Holzgefäße und Möbel mit dieser Lauge. Nicht selten bearbeitete sie die Holzböden mit Scheuersand und der Lauge, bis das Holz glänzte. Diese eigensinnige Frau bestand nun einmal auf ihren alten Ritualen. Da half es auch nichts, dass meine Mutter ihr die neuen Sodaflocken vorbeibrachte. Oma blieb beim Althergebrachten.

Kernseife wurde für alles benutzt. Sie diente nicht nur zum Waschen, sondern auch als Shampoo und Lotion für uns Kinder. Mit einem großen Schwamm wurde sie über den Körper verteilt, danach wurde mit einem großen Schöpfer Wasser über den Kopf gegossen, um den Schaum aus den Haaren auszuschwemmen. Das geschah jeden Samstag oder, wie heute, direkt am Heiligen Abend, bevor es dann endlich in die gute Stube ging. Natürlich mussten wir es vorher schaffen, uns nicht wieder zu zanken oder uns schmutzig zu machen. Geduldig harrten wir vor der Tür aus.

Die Stube war immer blitzblank. In einer Ecke stand ein hoher, glänzend-grüner Kachelofen, aus dem es an Sonn- und Feiertagen anheimelnd knisterte. Ein seidener Wandschoner hing hinter dem weinrot bezogenen Sofa. Die ebenfalls seidenen Kissen waren mit bunten Paradiesvögeln bestickt. Diese guten Stücke hatte unsere Oma bei einem reisenden Chinesen erstanden, der hier in der Gegend seinen Handel trieb. Von Zeit zu Zeit kam er durch die Neisser Dörfer und wurde von uns Kindern wegen seines exotischen Aussehens immer aufs Neue angestarrt und ausgelacht. Aber Herr Chang sah mit seinem unergründlichen asiatischen Lächeln großzügig darüber hinweg. Geduldig präsentierte er seine Waren und wir bestaunten all die Dinge, die er bei sich trug.

Auf der Anrichte waren die hölzernen Krippenfiguren aufgestellt, die Walter zusammen mit Großvater vom Dachboden geholt hatte. Tannenzweige und Moosfladen dienten als Zierde und Unterlage, Strohsterne hingen von der Decke herab. Diese Figuren hatte Großvater einst als junger Mann für die Oma geschnitzt und ihr und seinen zukünftigen Schwiegereltern eines Weihnachtsabends stumm auf den Gabentisch gestellt. Und dann hielt er stotternd um ihre Hand an. Noch immer sahen sie einander verschämt an, wenn die Figuren vorsichtig aus dem raschelnden Papier ausgepackt und auf der Anrichte gruppiert wurden. An manchen Stellen war die Farbe abgesprungen, aber sie waren wunderschön und zeugten von einer wahren und ewig dauernden Liebe.

Auch wenn das Haus schon mit elektrischem Licht ausgestattet war, dominierten am Heiligen Abend doch Mutters rote Kerzen, die mit ihrem sanften Licht alles in eine Märchenwelt verwandelten.

Wir Kinder fieberten fast bis zur Übelkeit der Bescherung entgegen. Das seit Tagen unter viel Geheimniskrämerei verschlossene Zimmer öffnete sich, nachdem ein heller Glockenton von drinnen uns ermahnt hatte, still zu sein, weil das Christkind gerade dabei war, sich ...

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