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Wenn das Verlangen uns beherrscht

1. KAPITEL

Verzweifelt hielt Matthew Kincaid das Handy fest umklammert und starrte durch die Glasscheibe auf seinen Sohn. Der dreijährige Flynn saß aufrecht in seinem Krankenhausbett, das zerzauste dunkle Haar umgab sein kleines schmales Gesicht. Seine Tanten Lily und Laurel saßen auf beiden Seiten des Bettes und spielten mit ihm. Seit dem Tod von Matts Frau vor einem Jahr hatte seine Familie sich so liebevoll verhalten. Alle kümmerten sich intensiv um Matt und seinen kleinen Sohn und unterstützten sie in jeder Weise.

Doch das würde jetzt auch nichts mehr nützen. Denn all der Reichtum, den die Kincaids der letzten drei Generationen in der Schifffahrtsindustrie erworben hatten, war hier in dem Krankenzimmer, das Matts Sohn nicht verlassen durfte, ohne Bedeutung.

Trotz seiner blassen Gesichtsfarbe und den dunklen Ringen unter den Augen war Flynn nicht anzusehen, wie krank er war. Doch seine Immunabwehr war so beeinträchtigt, dass seine Tanten sich in dem Vorraum hatten desinfizieren müssen, bevor sie sein Zimmer betreten durften. Zu groß war die Ansteckungsgefahr. Flynn litt an aplastischer Anämie, einer besonderen Art von Blutarmut, und wenn sein geschwächter Körper nicht auf die Mittel ansprach, die man ihm bisher gegeben hatte, musste man härtere Maßnahmen ergreifen. Auch eine Knochenmarktransplantation war dann nicht ausgeschlossen.

Wieder überlief Matt ein eiskalter Schauer. Sein Sohn war doch noch so klein, und trotzdem musste er eine solche Prozedur über sich ergehen lassen? Vorausgesetzt man fand einen passenden Spender. Da Flynn keine Geschwister hatte, fiel diese Möglichkeit schon mal weg. Als Nächstes kamen die Eltern in Betracht. Doch da Matt an einer Penicillinallergie litt, würden die Ärzte nur dann auf ihn zurückgreifen, wenn sie keinen anderen Spender fanden. Diese möglicherweise lebensbedrohende Allergie auf einen Dreijährigen zu übertragen, davor schreckten sie zurück. Zu groß war die Gefahr, dass der Kleine eine Infektion entwickeln würde, die man mit Antibiotika bekämpfen musste. Und da war Penicillin immer noch das Mittel der Wahl.

„Und wie ist es mit meinen Geschwistern?“, hatte Matt die Ärzte gefragt, denn er war sicher, dass alle drei Schwestern und der Bruder sofort bereit wären, das für ihren Neffen zu tun. Doch die Ärzte hatten ihm wenig Hoffnung gemacht. Nur äußerst selten fand sich auf diesem Weg ein passender Spender.

Also gab es nur noch eine einzige Möglichkeit. Flynns anderes Elternteil. Seine biologische Mutter. Er musste sie sofort anrufen.

Ein kurzer Blick auf die Uhr, dann griff Susannah nach den Blättern, die der Drucker ausgespuckt hatte. Noch zwölf Minuten bis zu der entscheidenden Sitzung mit den Vorständen der Bank. Die ganze Woche hatte sie bis spät in die Nacht an dem neuen PR-Konzept für das Kreditinstitut gearbeitet, und sie war ziemlich sicher, dass es auf große Zustimmung stoßen würde. Die Bank wollte sich ein neues Image zulegen, und die Strategien, die Susannah und ihr Team vorschlugen, waren dazu bestens geeignet.

Ihr Handy klingelte. Susannah griff danach, während sie mit der anderen Hand nach ihrem Blazer angelte. „Susannah Parrish.“

„Guten Morgen, Susannah“, sagte eine männliche Stimme, die sich gestresst anhörte. „Hier ist Matthew Kincaid.“

Matthew Kincaid … Susannah wurde das Herz schwer. Der Mann von Grace Kincaid, der sie ihr neugeborenes Baby übergeben hatte. Sofort kamen die Erinnerungen an den Tag zurück, die sie mit aller Kraft von sich fernhalten wollte, Erinnerungen an ihren kleinen Jungen mit der weichen warmen Haut, den sie nur wenige Stunden hatte in den Armen halten können, bevor sie ihn seinen neuen Eltern übergeben musste. Nur so hatte sie die eigene Mutter vor dem finanziellen Ruin retten können.

„Das Baby“, flüsterte sie angstvoll. „Ist etwas mit dem Baby?“ Warum hätte er sie sonst anrufen sollen?

„Ja. Er ist krank.“

Krank? Entsetzt ließ sie sich in den Sessel sinken. „Was hat er denn?“ Vielleicht war es etwas Harmloses, das leicht zu kurieren war. Aber hätte Matthew sie dann angerufen?

„Er hatte eine schwere Virusinfektion und hat sich bisher davon nicht erholen können“, erklärte Matthew gepresst.

„Kann ich etwas für ihn tun?“

„Ich hatte gehofft, dass Sie das fragen würden. Es besteht die Möglichkeit, dass er eine Knochenmarktransplantation braucht. Als Spender kommen am ehesten Geschwister oder Eltern infrage. Leider kann ich nur im äußersten Notfall einspringen.“

„Wie schnell brauchen Sie mich?“, fragte sie, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken.

„Bisher steht noch nicht fest, ob eine Transplantation nötig ist. Es müssen noch allerlei Tests gemacht werden.“ Kurz zögerte er, dann fuhr er stockend fort: „Aber ich wäre Ihnen … dankbar, wenn Sie … so schnell wie möglich kommen könnten.“

Tausend Dinge schossen ihr gleichzeitig durch den Kopf, während sie sich hastig in ihrem Büro umsah und dann ihre Termine in Gedanken durchging. Ja, es musste möglich sein, dass sie kurzfristig ein paar Tage freinahm. Urlaub hatte sie noch genug, und ihre Assistentin war so gut eingearbeitet, dass sie sie vertreten konnte. Sicher, es machte vielleicht keinen guten Eindruck, wenn sie so überstürzt ihren Arbeitsplatz verließ. Aber wenn das Kind sie brauchte, gab es keine andere Lösung. „Wohnen Sie noch in Charleston?“

„Ja. Sie nicht?“

„Nein, ich lebe jetzt in Georgia. Aber ich werde sofort alles Nötige regeln, damit ich die Nachmittagsmaschine nehmen kann. In welchem Krankenhaus liegt er?“

„Im St. Andrew. Aber, bitte, mailen Sie mir Ihre Flugdaten. Ich hole Sie am Flughafen ab.“

„Okay.“ Susannah stand auf. Das Handy ans Ohr gepresst lief sie den Flur hinunter. „Ich verspreche Ihnen, ich komme noch heute.“

„Bis dann, Susannah. Ich danke Ihnen.“

„Keine Ursache.“

Wenige Stunden später war Susannah bereits in Charleston. Während sie ihren Koffer durch die Ankunftshalle zog, sah sie sich aufmerksam um. Da, das musste Matthew Kincaid sein. Bei seinen gut einen Meter achtzig und der athletischen Figur war er kaum zu übersehen. Auch der dunkelblaue Anzug stand ihm ausgezeichnet. Sie hatte den Vater ihres Kindes nur einmal gesehen, damals, als sie den Vertrag geschlossen hatten, in dem sie sich bereit erklärt hatte, ein Kind für Grace auszutragen. Damals wie heute fand sie Matthew ungeheuer attraktiv. Dennoch, er war nicht der Grund, weshalb sie hier war. Sondern sein Sohn.

Jetzt hatte auch Matthew sie erkannt, kam auf sie zu und nickte ihr kurz zu, bevor er ihr den Koffer abnahm. „Danke, dass Sie so schnell gekommen sind.“

„Ich bin froh, dass ich es einrichten konnte.“

Auf dem Weg zum Wagen sprachen sie kein einziges Wort. Susannah blickte in den klaren blauen Himmel über Charleston und musste unwillkürlich lächeln. Es war so gut, wieder hier zu sein, denn hier in Charleston war sie geboren und aufgewachsen.

Erst im Auto brach Susannah das Schweigen. „Ist Grace jetzt bei ihm?“, fragte sie, während sie den Sicherheitsgurt anlegte. Als Matthew nicht gleich antwortete, sah sie ihn fragend von der Seite an. Aber er blickte starr geradeaus, die Lippen zusammengepresst.

Dann holte er tief Luft und antwortete: „Meine Mutter ist bei ihm. Meine beiden Schwestern haben ihm heute Vormittag Gesellschaft geleistet, und Mom hat sie mittags abgelöst.“ Wieder schwieg er kurz, den Blick immer noch nach vorn gerichtet. „Grace ist vor einem Jahr gestorben“, stieß er dann leise hervor.

Oh Gott. „Wie ist sie denn …“ Doch dann verstummte sie. Was für eine unwichtige Frage. Ein Mann hatte seine Frau verloren, und ein kleiner Junge seine Mutter. Nur das zählte.

„Ein Absturz mit einem kleinen Flugzeug.“

„Oh, Matthew, das tut mir so wahnsinnig leid …“

„Warum? Sie können doch nichts dafür.“

„Das nicht, aber …“ Schockiert sah sie ihn an. Das Thema quälte ihn offenbar. Doch auch wenn sie sein Kind ausgetragen hatte, so war und blieb sie doch eine Fremde für ihn. „Und was ist nun mit Flynn? Was ist passiert?“, fragte sie weich.

Kurz umklammerte Matt mit den Händen krampfhaft das Lenkrad. „Er hatte einen Parvovirus. Eine Blutuntersuchung beim Arzt ergab, dass die Konzentration seiner weißen Blutkörperchen gesunken war. Und beim nächsten Test noch weiter. Die Ärzte glaubten anfangs, es sei ein vorübergehendes Problem. Das Knochenmark würde bald wieder anfangen zu produzieren.“ Er lachte kurz und trocken auf. „Aber sie irrten sich.“

„Hat man schon andere Behandlungsmethoden versucht?“, fragte Susannah.

Matt nickte knapp. „Ja, bisher ohne Erfolg. Deshalb haben die Ärzte vorgeschlagen, sich innerhalb der Familie schon mal nach möglichen Spendern umzusehen. Am besten sind Geschwister geeignet, dann die Eltern. Danach sieht es eher traurig aus.“

„Deshalb haben Sie mich angerufen.“

„Ja.“ Er schob die Sonnenbrille hoch und blickte Susannah direkt an. „Flynn hat keine Geschwister, und wegen meiner Penicillinallergie komme ich nach Meinung der Ärzte nur im äußersten Notfall infrage.“ Verzweifelt schlug er mit der flachen Hand auf das Lenkrad. „Ich kann meinem eigenen Sohn nicht helfen!“

„Aber ich“, sagte Susannah ruhig. „Ich bin seine biologische Mutter.“

„Stimmt.“ Matthew biss kurz die Zähne zusammen. „Im Nachhinein“, fügte er leise hinzu, „ist es sogar ein Glück, dass Grace keine Kinder bekommen konnte. Sonst sähen Flynns Chancen noch viel schlechter aus.“

Susannah nickte traurig. Für Grace war es schlimm genug gewesen, dass sie kein Kind austragen konnte. Als sie dann noch erfahren hatte, dass ihre Eier nicht befruchtet werden konnten, war sie verzweifelt gewesen. Sie hatte Susannah viel Geld für eine Eispende angeboten, aber das Geld hatte nicht den Ausschlag gegeben. Da Susannah selbst schon mal ein Kind verloren hatte, wusste sie, wie wertvoll ein solches Leben war.

„Noch eine Sache.“ Matthew räusperte sich. „Ich muss Sie um noch etwas bitten.“

„Ja?“

„Meine Familie und auch Graces Eltern glauben, dass sie zwar das Kind nicht austragen konnte, dass es aber genetisch ihr und mein Kind ist. Grace war es sehr wichtig, dass alle der Meinung waren, Flynn sei ihr biologischer Sohn.“

„Kein Problem, das verstehe ich vollkommen.“

Etwas von der Anspannung schien von ihm abzufallen. Die Schultern lockerten sich, und kurz erschien ein halbes Lächeln auf seinem starren Gesicht. Dann setzte er sich die Sonnenbrille wieder auf die Nase und ließ den Motor an.

Schnell wandte Susannah den Blick nach vorn. Wie sehr musste er leiden, wie gern würde sie ihn trösten. Doch sie war hier, um dem Sohn zu helfen, nicht dem Vater. Sosehr sie sich auch danach sehnte, für ihn da zu sein, diese Rolle stand ihr nicht zu. Es war sowieso alles schon furchtbar kompliziert.

Es dämmerte bereits, als Susannah den hell erleuchteten Krankenhausflur entlangging und schließlich vor Flynns Tür stehen blieb. Matthew hatte ihr gesagt, in welchem Zimmer sein Sohn lag. Sobald sie die Tests hinter sich gebracht hatte, war sie losgegangen, um den Kleinen zu besuchen. Kurz blieb sie vor der Tür stehen und betrachtete Vater und Sohn durch das Fenster. Die beiden sahen sich frappierend ähnlich. Unwillkürlich schlug ihr Herz schneller, und sie konnte sich einfach nicht von dem Anblick lösen.

Der Kleine hatte dichtes braunes Haar, das ihm wie ein Mopp um den Kopf stand. Hin und wieder streckte er die kleinen dünnen Arme aus und griff nach den Daumen des Vaters, was wohl zu einem Spiel gehörte. Plötzlich schaute Matthew hoch, und sowie er Susannah erblickte, verschwand das entspannte Lächeln von seinem Gesicht, und seine Schultern verkrampften sich. Dann sagte er etwas zu seinem Sohn, blickte wieder hoch und wies auf den angrenzenden Raum. Sie folgte der Hand mit den Blicken und sah, dass es eine Verbindungstür zu Flynns Zimmer gab.

Schnell ging sie hinüber. In dem kleinen Vorraum gab es ein Waschbecken, ein Regal mit sorgfältig zusammengelegten Krankenhauskitteln, einen Kasten mit Gesichtsmasken und einen mit Schuhüberziehern aus Plastik. Da ging die Tür auf, und Matthew trat ein. Fragend sah sie ihn an.

„Flynn liegt hier auf der Isolierstation“, erklärte er. „Jeder, der sein Zimmer betritt, muss sich sorgfältig Hände und Arme waschen und einen Kittel überziehen.“

Sie warf einen langen Blick durch die Glasscheibe auf Flynn, der sich zusammengerollt hatte und sich mit seinem Teddy unterhielt. „Ach, Matthew, er ist doch noch so klein und so hilflos. Und doch muss er schon so viel aushalten. Das ist nicht fair.“

Matthew sagte nichts dazu, aber aus den Augenwinkeln sah sie, wie er die Lippen zusammenpresste. Wie schrecklich musste es für ihn sein, seinen Sohn in diesem Zustand zu sehen. „Ich war gerade bei der Blutabnahme. Die Schwester hat versprochen, uns sofort Bescheid zu geben, wenn das Testergebnis da ist.“

Schweigend standen sie mehrere Minuten nebeneinander und beobachteten Flynn, der in seinem dreijährigen Leben schon so viel durchmachen musste. Immer noch hielt er seinen Teddy fest an sich gedrückt.

„Möchten Sie ihm Guten Tag sagen?“, fragte Matthew schließlich.

Susannah stockte der Atem. Zwar war sie gekommen, um Flynn zu helfen. Aber sie hatte sich verboten, darauf zu hoffen, den Kleinen auch sprechen zu können. Doch so verführerisch der Gedanke auch war, sie schreckte davor zurück. Es war keine gute Idee. „Das würde alles nur kompliziert machen.“

„Warum? Wir können ihm doch sagen, Sie seien eine gute Freundin von mir und wollten ihm gern Guten Tag sagen.“

„Meinen Sie?“ Ihr Herz begann zu rasen. „Ich danke Ihnen. Ja, ich würde ihm gern Guten Tag sagen.“

2. KAPITEL

Nur zögernd folgte Susannah Matthew in das Zimmer seines Sohnes, das mit seinen himmelblauen Wänden und den vielen bunten Luftballons eigentlich sehr fröhlich aussah. Wie traurig und klein wirkte Flynn dagegen in seinem großen Krankenhausbett trotz des lustigen Teddybärpyjamas. In seiner rechten Hand steckte eine Kanüle, die bisher allerdings noch nirgendwo angeschlossen war. Aber bald vielleicht … bei dem Gedanken krampfte sich Susannahs Herz zusammen.

Jetzt sah Flynn hoch, und ein Leuchten ging über sein blasses Gesicht. „Daddy!“ Er streckte die dünnen Ärmchen aus. Matthew hob ihn hoch und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

„Ich habe dir doch gesagt, ich würde gleich wiederkommen“, sagte er weich und drückte den Kleinen an sich, der jetzt Susannah neugierig ansah.

Ihr stockte der Atem. Flynn war dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten, wie eine Miniaturausgabe. Er hatte die Augen des Vaters und die gleiche volle Unterlippe. Das Grübchen im Kinn hatte er jedoch nicht von Matthew geerbt, das hatte er von ihr beziehungsweise von ihrem Vater. Erst jetzt wurde ihr wieder bewusst, dass dieses ja auch ihr Kind war, ihr kleiner Junge, der die Hälfte seiner Gene von ihr geerbt hatte.

Damals war sie froh gewesen, dass sie einem sympathischen Paar den Wunsch nach einem Kind erfüllen konnte. Schon um sich selbst zu schützen, hatte sie später den Gedanken an das Kind von sich geschoben, hatte erfolgreich verdrängt, dass das Kind ihr eigen Fleisch und Blut war. Dass es auch mit ihrer Mutter und ihrem Vater verwandt war. Diese Erkenntnis traf sie jetzt mit voller Wucht.

Der Kleine sah sie ernst aus seinen großen grünen Augen an und wandte sich dann flüsternd an seinen Vater. „Wer ist das?“

„Das ist eine gute Freundin von mir.“ Matthew drehte sich mit Flynn um, sodass er sie ansah. „Sie heißt Susannah.“

„Hallo, Flynn“, stieß sie leise hervor.

„Hallo, Suda…, Su…“, versuchte der Kleine und runzelte vor Anstrengung die Stirn.

„Vielleicht gibt es eine Abkürzung?“ Matthew hob eine dunkle Augenbraue und sah Susannah fragend an.

Ihr Mund wurde trocken. Himmel, warum musste der Mann so gut aussehen. Schnell richtete sie den Blick wieder auf Flynn, entschlossen, sich von seinem Vater nicht verwirren zu lassen. Nur mit Mühe widerstand sie der Versuchung, dem Kleinen über die Wange zu streichen. Stattdessen lächelte sie zärtlich. „Als ich klein war, hat mein Dad immer Susi zu mir gesagt.“

„Su…si“, wiederholte der Kleine ernst.

„Sehr gut.“ Unwillkürlich musste sie lachen.

Matthew setzte Flynn vorsichtig wieder ins Bett. Dann richtete er sich auf und sah Susannah bittend an. „Hätten Sie etwas dagegen, mit ihm ein paar Minuten allein zu bleiben? Ich muss im Büro anrufen und möchte das nicht …“ Er warf einen Blick auf den Sohn. „… nicht hier tun. Sie verstehen.“

Sie nickte, obwohl sie sich bei dem herben Duft seines Aftershaves nur schwer auf seine Worte konzentrieren konnte. „Äh … ja, natürlich. Kein Problem.“

„Danke.“ Er beugte sich zu seinem Sohn herunter und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn. „Daddy kommt gleich wieder. Ich muss nur eben Onkel RJ anrufen. Susi bleibt so lange bei dir. Okay?“

„Okay.“ Flynn warf Susannah einen langen Blick zu.

An der Tür drehte Matthew sich noch einmal um. Er lächelte seinem Sohn zu, aber sie konnte sehen, unter welchem Druck er stand.

„Bin gleich wieder da.“

Nachdem er die Tür hinter sich zugezogen hatte, wandte Susannah sich wieder Flynn zu und sah ihn zärtlich an, den kleinen Jungen, der aus Matthew und ihr entstanden war. Wie sehr sehnte sie sich danach, ihn in die Arme zu nehmen, aber sie nahm sich zusammen und zwang sich zu einem munteren Lächeln. „Was meinst du, Flynn, was wollen wir machen? Hast du irgendwelche Bücher?“ Sie setzte sich auf die Bettkante.

„Ja, ein Buch über Teddybären.“ Dabei nickte er so sorgenvoll, als sei das die ernsthafteste Sache von der Welt.

„Na, so was, ich liebe Teddybären. Soll ich dir was vorlesen?“

Wieder nickte Flynn, dann kletterte er aus dem Bett, holte ein großes Bilderbuch mit liebevoll gezeichneten Teddys auf der Umschlagseite und legte es Susannah auf den Schoß. „Das ist ein Buch von Tante Lily“, erklärte er mit wichtiger Miene.

„So?“ Sie betrachtete das Cover. Aber erst als sie die Zeile „Zeichnungen von Lily Kincaid“ las, verstand sie, was er meinte. „Richtig. Na, das ist ja was ganz Besonderes“, erklärte sie und begann, die Geschichte vorzulesen.

„So, das war’s“, sagte sie schließlich, klappte das Buch zu und sah Flynn an.

Der Kleine strahlte. „Danke, Susi.“

Zum ersten Mal hatte er sie angelächelt! Ohne nachzudenken nahm sie ihn in die Arme und küsste ihn auf die Stirn. Ihr traten die Tränen in die Augen, als sie den kleinen warmen Körper vorsichtig an sich drückte. Und da Flynn sich vertrauensvoll an sie schmiegte, zögerte sie, ihn wieder loszulassen. Jede Sekunde prägte sich ihr fest ein, und sie wusste, sie würde das Gefühl, ihn in den Armen zu halten, nie vergessen.

Dann gab sie sich einen Ruck, öffnete die Arme und richtete sich langsam wieder auf. Als sie merkte, dass der Kleine sie aufmerksam ansah, wischte sie sich über die Augen und lächelte. „Wozu hast du denn jetzt Lust?“

Unschlüssig nagte er an seiner Unterlippe. Dann winkte er, und Susannah beugte sich vor. „Kannst du mir etwas vorsingen?“, flüsterte er.

Singen gehörte nicht gerade zu ihren größten Talenten, aber wahrscheinlich war ein Dreijähriger in diesem Punkt nicht so kritisch. „Aber klar“, sagte sie daher. „Was denn? Guten Abend, gute Nacht?“

Ohne sie aus den Augen zu lassen, schüttelte er langsam den Kopf. Offenbar hatte er einen ganz besonderen Wunsch. Wieder winkte er sie dicht an sich heran, als müsse er ihr ein Geheimnis mitteilen. „Kennst du Elvis?“

„Nicht persönlich“, meinte sie schmunzelnd. „Aber ich kenne seine Songs. Soll ich einen seiner Songs singen?“

Er nickte und sah sie dabei so hoffnungsvoll an, dass es ihr einen Stich gab.

„Hast du einen besonderen Wunsch?“

„Nein. Ich mag sie alle.“

Erstaunlich. Wie viele Songs von Elvis mochte ein Dreijähriger kennen? „Na, gut.“ In Gedanken ging Susannah die Songs durch und entschied sich dann für Love me tender. Das Lied war bekannt und einfach zu singen. Sowie sie die ersten Zeilen gesungen hatte, überzog ein breites Lächeln Flynns blasses Gesicht, und er schmiegte sich an sie.

Nach der ersten Strophe hielt sie inne. „Weiter, oder möchtest du lieber etwas anderes hören?“

„Weiter“, sagte er sofort. „So wie du es singst, ist es richtig.“

„Richtig? Was meinst du damit?“

Kurz warf er einen verschwörerischen Blick zur Tür, als wolle er nicht bei dem ertappt werden, was er ihr jetzt zu sagen hatte. Dann flüsterte er: „Du singst es nicht so wie Tante Lily. Sie singt es viel zu schnell. Und sie tanzt dazu.“

Susannah presste kurz die Lippen zusammen, um nicht loszulachen. Tante Lily schien ja eine lustige Person zu sein. „Dann magst du das nicht? Also gut, dann ohne Tanz. Ist Tante Lily die Einzige, die das Lied nicht so singt, wie du es gern willst?“

„Wenn Daddy es singt, ist er immer traurig.“

Unwillkürlich blickte sie auf die Tür, durch die Matthew verschwunden war, und das Herz wurde ihr schwer. Warum er wohl bei dem Lied traurig wurde? Vielleicht weil er dann an Grace denken musste? Weil es ihr Lied gewesen war?

„Willst du nicht weitersingen?“, unterbrach Flynn sie in ihren Gedanken.

„Doch, natürlich, mein Schätzchen.“ Während sie die zweite Strophe sang, achtete sie genau auf das Tempo und auch darauf, nicht traurig zu klingen. Als der Kleine sich wieder an sie kuschelte, war ihr, als weitete sich ihr Herz vor Glück.

Matthew lief den Flur hinunter und warf im Vorbeigehen einen Blick durch das Türfenster. Unwillkürlich stockte sein Schritt, als er sah, wie vertraut sein Sohn und Susannah sich aneinanderkuschelten. Offenbar sang sie ihm etwas vor – wahrscheinlich den Elvis-Song, den Grace ihm immer vorgesungen hatte.

Dass sie ihm etwas vorsang, wunderte Matthew nicht, denn Flynn brachte seine Besucher immer wieder dazu. Aber dass der Kleine so entspannt wirkte, so zufrieden und vertrauensvoll, das war ungewöhnlich. Seit dem Tod der Mutter hatte Flynn nie wieder so schnell Vertrauen zu einer fremden Person gefasst, sondern war im Gegenteil anfangs zurückhaltend, regelrecht misstrauisch gewesen. Wie hatte Susannah es geschafft, dass er sich jetzt so ganz anders verhielt? Was hatte sie zu ihm gesagt?

Einerseits war Matthew froh über Flynns Reaktion. Andererseits hatte er Sorge, dass der Kleine sich zu sehr an sie anschloss. Denn jemanden zu verlieren, zu dem er Zutrauen hatte, den er vielleicht sogar liebte, das konnte er in seiner jetzigen Situation ganz sicher nicht gebrauchen. Vielleicht war es ein Fehler gewesen, Susannah in das Krankenzimmer mitzunehmen.

Aber das war nun einmal geschehen. Jetzt gab es wichtigere Dinge zu bedenken. Matthew ging in den Vorraum, wusch sich Hände und Arme bis zu den Ellbogen, zog sich einen frischen Kittel an und öffnete die Tür zu Flynns Zimmer. Wie er schon vermutet hatte, sang Susannah Songs von Elvis, im Augenblick Blue Suede Shoes.

Sie hatte den Kopf gehoben, sodass er ihre leuchtend blauen Augen sehen konnte, und ihre Stimme war hell und klar. Ein Bild von weißen schimmernden Bettlaken erschien ihm vor Augen – und Susannah, die auf dem sonnigen Laken lag und ihm lächelnd die Arme entgegenstreckte.

Schnell unterdrückte er ein leises Stöhnen, ballte die Hände zu Fäusten und versuchte, diese unpassenden Gedanken zu unterdrücken. Susannah musste für ihn tabu sein, diese Frau, die das geschafft hatte, wozu Grace nicht in der Lage gewesen war, und von der Grace verständlicherweise später nichts mehr wissen wollte. Susannah Parrish zu begehren war der schlimmste Betrug, den er seiner verstorbenen Frau und der Erinnerung an sie antun konnte.

Hinzu kam, dass er momentan weitere Aufregungen einfach nicht ertragen konnte. Ihn beschäftigte nicht nur sein schwer kranker Sohn, sondern auch das, was er kürzlich über seinen verstorbenen Vater herausgefunden hatte. Der hatte, ohne dass es jemand geahnt hatte, noch eine zweite „Familie“ gehabt. In seinem Testament hatte er die Aktien des Familienunternehmens zwischen den ehelichen und den nicht ehelichen Kindern aufgeteilt. Da konnte Matthew sich nicht noch mit einer komplizierten Affäre belasten. Er musste sich auf das konzentrieren, was als Nächstes zu tun war.

Susannah blickte hoch und sah ihn an, ihre Stimme zitterte nicht. Flynn hielt die Augen geschlossen und schien tief und fest zu schlafen.

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