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Wenn das Leben mir Zitronen schenkt

Vorwort

von André Meyer, Pastor des Leipzigprojekts

Man trifft sie nicht mehr häufig – gläubige Menschen. Sie sind sozusagen etwas Besonderes geworden. Und für die meisten, die ich treffe, ist der Glaube oft eine besondere Angelegenheit. Nicht zwangsläufig besonders in dem Sinne, dass er besonders wichtig wäre. Eher besonders, weil der Glaube an Gott besondere Orte und Zeiten hat. Das Gottvertrauen hat am Sonntag von 10 bis 12 Uhr einen Termin auf der Kirchenbank. Wir wissen, wo wir Gott finden, sollten wir ihn mal brauchen. Aber wir erwarten ihn nicht außerhalb der üblichen Treffpunkte.

Natalie Meyer schreibt von etwas ganz anderem. Von einem Glauben, der besonders ist, weil er eben nicht besonders ist. Ein Gottvertrauen, das seltsamerweise alltäglich ist. Der Gott, dem Natalie ihr Vertrauen schenkt, ist zu allen Zeiten und in jeder Lage Teil ihres Lebens.

Ich kenne Natalie seit ungefähr 14 Jahren und weiß, dass ihr Glaube in jedem Lebensbereich eine Rolle spielt. Ihre Beziehung zu Gott ist so erfrischend, weil sie so normal und selbstverständlich für Natalie ist. Das, wovon sie schreibt, ist alltagstauglich. In den folgenden Kapiteln sind daher keine Heldengeschichten oder großen Wunderberichte zu erwarten, die jedem die Sprache verschlagen. Enttäuscht wird auch jeder, der eine Anleitung dafür sucht, wie man über Wasser läuft.

Vielmehr berichtet dieses Buch von einer echten Beziehung mit dem Gott, der unser ganzes Vertrauen verdient. Natalie erzählt authentisch davon, wie sie immer wieder (und immer noch) lernt, in jeder Situation im Glauben einen Schritt mit Jesus zu gehen. Es gibt andere ergreifende Bücher darüber, wie Gott seine Kinder auch in unvorstellbarem Leid nicht allein lässt oder darüber, wie Glaube sich angesichts aussichtloser Situationen dennoch spektakulär behauptet hat. Die folgenden Kapitel sind jedoch nicht deshalb wichtig, weil die darin beschriebenen Ereignisse so einmalig sind. Vielmehr sind sie wichtig, weil sie anwendbar sind. Gott zu vertrauen ist nicht nur in seltenen Ausnahmesituationen wichtig. Tatsächlich ist heldenhafter Glaube nur dort zu finden, wo er vorher im ganz normalen Leben eingeübt wurde. Es ist der Glaube, der Gott bei Problemen auf der Arbeit, bei Fragen der normalen Lebensplanung, bei der Kindererziehung oder beim Umgang mit alltäglichen Konflikten sucht und auf den ein Mensch in den bedeutenden Momenten zurückgreifen kann, wenn es darum geht, Berge zu versetzen.

Eben weil dieser Glaube stetig gewachsen ist und dadurch auf eine Fülle von Beweisen für Gottes Treue zurückgreifen kann. Insofern sollte man sich beim Lesen dieses Buches in Acht nehmen: Gerade weil die Situationen, von denen Natalie schreibt, jeden von uns betreffen können, fordern sie uns heraus, über unser eigenes Glaubensleben nachzudenken.

Gott zu vertrauen bedeutet, die ganze Welt mit völlig neuen Augen zu sehen, weil man versteht, wer diese Welt in der Hand hat. Es bedeutet, das ganze Leben neu auszurichten, weil nicht mehr alles an einem selbst, sondern an Ihm hängt. Dieser Glaube ist kein Wunschdenken, sondern ein Vertrauen auf den, der mit einem geht. Dieser Glaube verändert alles, weshalb niemals auf ihn verzichtet werden kann. Dieser Glaube sollte normal sein und ist darum etwas ganz Besonderes.

Ein paar Worte zu Beginn

»Vertrauen ist die stillste Art von Mut.«1

Mit dem Vertrauen ist es so eine Sache. Manch einer mag der Überzeugung sein, Vertrauen sei gut, Kontrolle jedoch besser. Ist ein Mensch, der vertraut, naiv? Schaltet man seinen Verstand aus, sobald man sich für Vertrauen entscheidet? Ich würde behaupten, dass jeder von uns in seinem täglichen Leben auf irgendetwas oder jemanden vertraut. Der Autofahrer vertraut darauf, dass die Bremsen funktionieren. Der Angestellte vertraut darauf, dass sein Arbeitgeber monatlich das vereinbarte Gehalt zahlt. Jeder von uns setzt sein Vertrauen in Dinge oder Menschen. Täten wir dies nicht, würde unser alltägliches Leben unnötig kompliziert. Dennoch kann es passieren, dass unser Vertrauen enttäuscht wird. Dinge funktionieren vielleicht nicht wie erwartet oder Menschen brechen ein Versprechen, das sie einst gegeben haben. Aber wie stehen wir zur Frage, ob Gott vertrauenswürdig ist?

Jeder von uns setzt sein Vertrauen in Dinge oder Menschen.

Ich habe einen sehr gemischten Freundes- und Bekanntenkreis. Manche von ihnen würden sich diese Frage überhaupt nicht stellen. Entweder existiert Gott für sie nicht oder er spielt (bisher) keine Rolle in ihrem Leben. Andere können auf diese Frage keine eindeutige Antwort (mehr) finden, weil sie womöglich Dinge erleben mussten, die ihren Glauben an einen guten Gott erschüttert haben. Wieder andere meiner Freunde würden klar bejahen, dass sie Gott vertrauen können. Ich kenne jeden dieser Zustände. Mehrere Jahre meines Lebens interessierte ich mich nicht für Gott. Eines Tages jedoch begab ich mich auf die Suche nach ihm und machte schließlich eine Erfahrung, die sowohl mein Gottesbild als auch mein ganzes Leben auf den Kopf stellte. Von einem Moment auf den anderen entschied ich mich, meine Hoffnung und mein Vertrauen auf Jesus zu setzen. Diese Entscheidung erforderte eine gewisse Portion Mut und änderte alles. Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich die Frage, ob Gott vertrauenswürdig ist, mit Ja beantworten. Seitdem sind knapp zwanzig Jahre meines noch recht jungen Lebens vergangen, in denen vieles schön, aber nicht alles rosarot war. Ein bekannter Spruch lautet: »Wenn das Leben dir Zitronen schenkt, dann mach Limonade draus!« Manche Lebensumstände fühlten sich tatsächlich an wie saure Zitronen, in die ich lieber nicht beißen wollte. Ich habe mich des Öfteren gefragt, ob Gott mich trotzdem liebt und ich ihm wirklich vertrauen kann. Gleichzeitig ist mir bewusst, dass manch anderer in dieser Hinsicht viel stärker herausgefordert war als ich. Und dennoch bin ich überzeugt, dass Gott vertrauenswürdig ist.

Vielleicht bist du Christ und ebenfalls dieser Meinung. Möglicherweise geht es dir jedoch ähnlich wie mir und du beobachtest trotz dieser Überzeugung eine Diskrepanz: Obwohl ich theoretisch glaube, dass ich Gott vertrauen kann, passt meine alltägliche Praxis häufig nicht zu dieser Überzeugung. Wenn ich mit Schwierigkeiten konfrontiert bin, die mir wie ungenießbare Zitronen erscheinen, oder wenn am Ende die süße »Limonade« ausbleibt, komme ich schnell ins Zweifeln: »Wieso lässt du das zu, Gott?« Ich hinterfrage Gottes Allmacht oder seine Liebe zu mir. Zur gleichen Zeit weiß ich theoretisch, dass ich Gottes gute Wege manchmal schlichtweg nicht verstehen kann. Wie gehe ich mit dieser Diskrepanz und meinen Zweifeln um? Kann ich Gott auch dann vertrauen, wenn er anders handelt, als ich es mir wünsche? Ist es möglich, ihm jeden Lebensumstand anzuvertrauen und wenn ja, wie?

In diesem Buch beschreibe ich ehrlich mein persönliches Ringen um Gottvertrauen in verschiedenen Situationen meines Lebens. Hierbei empfand ich Vertrauen nie als etwas Passives, sondern stets als einen »entschlossenen Akt der Seele«, der Mut erfordert und mich immer wieder an meine eigenen Grenzen gebracht hat und immer noch bringt. Ich musste feststellen, dass mein Vertrauen in den meisten Fällen nicht ausreicht. Aber gleichzeitig durfte ich erleben, dass Jesus darüber nicht überrascht oder gar enttäuscht ist, sondern mich mit offenen Armen empfängt.

Mein Gebet ist, dass dieses Buch dich ermutigt, dein Vertrauen gemeinsam mit mir auf diesen Jesus zu setzen. Zum ersten oder zum hundertsten Mal. Ihm zu vertrauen, erfordert Mut: Sind wir bereit, ihm die Entscheidung zu überlassen, aus den sauren Zitronen unseres Lebens entweder süße Limonade zu machen oder uns stattdessen etwas anderes zu geben? Ich bin überzeugt, dass Jesus gern bereit ist, uns diesen Mut zu schenken, wenn wir ihn aufrichtig darum bitten.

1. Strenge Blicke

»All unser Bemühen muss zu jenem entscheidenden Augenblick führen, in dem wir uns Gott zuwenden und sagen: ›Du musst es tun! Ich kann es nicht!‹« 2

Ich sitze allein auf dem Sofa. Alles sieht aus wie immer. Das Wohnzimmer meiner Eltern ist aufgeräumt. Die unzähligen Zimmerpflanzen, deren sattes Grün ich so mag, sorgen für eine gemütliche Atmosphäre. Doch in meinem Inneren ist überhaupt nichts aufgeräumt. Ich bin aufgewühlt. Es muss dringend etwas passieren! Von den anderen werde ich als ausgeglichener und lebensfroher Teenager wahrgenommen. Innerlich jedoch fühle ich mich unvollständig. Ich habe den Eindruck, in einer Art Isolation zu leben. Nicht getrennt von Menschen, aber von Gott.

Meine Eltern besuchen regelmäßig einen Gottesdienst. Seit meiner Einschulung nehmen sie mich mit. Sonntag für Sonntag sitze ich dort zwischen Erwachsenen, denn ein spezielles Programm für Kinder oder Teenager gibt es nicht. Vom Gesagten verstehe ich nur wenig. Ich glaube theoretisch, dass es einen Gott gibt. Doch wenngleich ich seine Existenz nicht prinzipiell anzweifle, habe ich keine konkrete Vorstellung von ihm. Vielmehr schwirren diffuse Bilder von Gott in meinem Kopf umher. Meiner vagen Vorstellung nach könnte er der Schöpfer dieser Welt sein, der ihren Werdegang von Zeit zu Zeit kritisch beäugt und sich anschließend wieder zurückzieht. Vielleicht irre ich mich aber auch, mag sein, denn wenn ich ehrlich bin, kenne ich Gott schlichtweg nicht. Habe ihn bisher nirgends getroffen – weder im Gottesdienst noch in meinem Elternhaus. Was ich aber kenne, sind einige biblische Geschichten. Speziell die Erzählungen von Jesus lassen mich vermuten, dass dieser eine besondere Person gewesen sein muss. Vielleicht war er sogar Gott? Wir leben gewissermaßen nebeneinander her, dieser Gott und ich. Und das ist auch vollkommen in Ordnung für mich. Bis ich mit dreizehn plötzlich Fragen habe. Viele Fragen: Was für ein Gott ist das? Ist er gut? Hat er irgendetwas mit mir persönlich zu tun? Ist meine Gleichgültigkeit ihm gegenüber legitim? Eine innere Stimme drängt mich, tiefer zu graben und nach Antworten zu suchen. Deshalb habe ich mir vor einigen Wochen eine Bibel geschnappt. Ich muss einfach wissen, was es wirklich mit diesem Gott auf sich hat und ob er etwas mit meinem Leben zu tun haben könnte.

So fange ich an, zu lesen. Am Anfang der Bibel erfahre ich, dass Gott die beiden ersten Menschen schuf und sie in einen Garten setzte. Dieser war ein perfekter Ort und ihr Zuhause, denn Gott wohnte bei ihnen. Ich lese, dass Gott ihnen erlaubte, von allen Bäumen zu essen, mit Ausnahme eines einzigen. Doch statt all das Gute zu sehen, zweifelten die ersten Menschen an Gottes Liebe: »Wie kann er uns etwas vorenthalten? Wir wollen selbst entscheiden, was gut für uns ist und unabhängig sein!« Sie beschlossen, Gott und seiner liebevollen Fürsorge nicht zu vertrauen. Indem sie die verbotene Frucht aßen, nahmen sie ihr Leben stattdessen selbst in die Hand. Dieser Verstoß gegen Gottes Regel hatte jedoch gravierende Folgen. Gott vertrieb die ersten Menschen aus dem Garten. Sie verloren ihr Zuhause und bekamen, was sie verlangt hatten: ein Leben ohne die Gemeinschaft mit Gott. Von nun an waren sie getrennt von ihrem Schöpfer und somit Heimatlose.

Obwohl ich diese Erzählung bereits kenne, sehe ich sie plötzlich mit anderen Augen. Mir wird klar, dass diese Geschichte meine eigene ist. Denn ebenso wie die ersten Menschen lebe auch ich frei und unabhängig von meinem Schöpfer. Ich gehe davon aus, ihn nicht zu brauchen, und verhalte mich ihm gegenüber gleichgültig. Gott spielt keine Rolle in meinem Leben. Doch eben diese Unabhängigkeit und meine vermeintliche Freiheit sind der Grund für die Isolation, die ich aktuell spüre. Nach und nach fügt sich das Gelesene mit meinen Erfahrungen zu einem stimmigen Bild zusammen. Ich bin tatsächlich von Gott getrennt. Wenn die Bibel wahr ist und er mich geschaffen hat, macht meine Unabhängigkeit mich zum Waisenkind. Ich bin heimatlos. Meine gefühlte Isolation ist Realität!

Beim Weiterlesen erfahre ich, dass Gott derjenige ist, der die Initiative ergreift und den Menschen immer wieder nachgeht.

Wenn diese Geschichte ganz am Anfang der Bibel steht, kann sie noch nicht das Ende sein!, denke ich. Und wirklich: Beim Weiterlesen erfahre ich, dass Gott derjenige ist, der die Initiative ergreift und den Menschen immer wieder nachgeht. Der sie nicht aufgibt, sondern die zerbrochene Beziehung wiederherstellen möchte. So gibt er ihnen unter anderem viele Jahre später Regeln für ein gutes Leben an die Hand. Ernüchtert muss ich jedoch feststellen, dass es mir ebenso wenig wie den Menschen der damaligen Zeit gelingt, alle Regeln zu befolgen. Obwohl ich keine besonders schlimmen Dinge getan habe, scheine ich in Gottes Augen dennoch kein guter Mensch zu sein. Jedes böse Wort oder sogar der kleinste Gedanke des Neides sind bereits Regelverstöße. Diese Erkenntnis beunruhigt mich zunehmend.

Zudem gibt es in der Kirche, die ich mit meinen Eltern besuche, unzählige zusätzliche Regeln, die sich insbesondere auf Äußerlichkeiten beziehen wie beispielsweise die Kleidung. Die Sinnhaftigkeit dieser Regeln kann ich in den meisten Fällen nicht erkennen und doch wird ihre Einhaltung von einigen besonders strengen Menschen genauestens kontrolliert. Bisher fühlte ich mich nur sonntags beobachtet und von ihren prüfenden Blicken verfolgt. Kam ich vom Gottesdienstbesuch nach Hause, war ich wieder frei. Jetzt sehen sie mich nicht mehr!, dachte ich dann oft und schlüpfte erleichtert aus meinem Sonntagskleid.

Meine Erfahrungen in der Kirche haben mir also ein spezielles Gottesbild vermittelt. In meiner Vorstellung ist er ein mindestens ebenso strenger und akribischer Regelhüter wie die entsprechenden Menschen in unserer Kirche. Bei meiner Suche nach Antworten erkenne ich nun, dass der Gott der Bibel tatsächlich in einer gewissen Weise streng ist. Da jede einzelne seiner Regeln sinnvoll und gut ist, kann ihm ihre Missachtung nicht gleichgültig sein. Gott ist zudem von seinem Wesen her gerecht. Moralisch vollkommen. Daher kann er weder Ungerechtigkeiten noch unmoralisches Verhalten tolerieren. Ich beginne zu verstehen, dass sich dieser Gott nicht für Äußerlichkeiten interessiert, sondern für meine Gedanken und Motive. Dieser Gedanke beunruhigt mich fast so sehr wie die Tatsache, dass diesem Gott laut der Bibel nichts entgeht. Er sieht mich, auch wenn ich den prüfenden Blicken von Menschen schon längst entschwunden bin. Gott kennt sogar meine leisesten Gedanken und damit jeden Abgrund meiner Seele. Diese Erkenntnis erschreckt mich und erschüttert meine Welt: Ich stehe nicht nur sonntags unter Beobachtung, sondern jede Sekunde. Wenn Gott gerecht ist und zudem alles weiß, dann habe ich ein Problem!

Seit einigen Wochen kämpfe ich nun mit genau dieser Angst. Sie beraubt mich meiner Freude und will mir die Luft zum Atmen nehmen. Ich fühle mich beobachtet und immer wieder auch ertappt. Ertappt und verurteilt wegen meiner Unfähigkeit, den hohen Ansprüchen eines gerechten Gottes zu genügen. All meine Versuche, gut zu sein, sind gescheitert. Ich fühle mich schlechter und ungenügender als jemals zuvor in meinem Leben: »Niemand weiß, wie schlecht er ist, bevor er nicht ernsthaft versucht hat, gut zu sein.«3 Diese Worte von C. S. Lewis bringen meinen derzeitigen Zustand auf den Punkt.

Und hier sitze ich nun. Auf dem Sofa, nur umgeben von Zimmerpflanzen. Allein und verzweifelt aufgrund der Erkenntnis, dass der gerechte Gott mit meiner Leistung kaum zufrieden sein kann. Ich starre auf den Bibelvers in einer dünnen Zeitschrift. Kann es wahr sein, was ich da lese? »So gibt es nun keine Verdammnis für die, die in Christus Jesus sind.«4

Das alte Deutsch klingt sonderbar, aber unter »Verdammnis« kann ich mir dennoch etwas vorstellen. Wie ein tonnenschweres Gewicht spüre ich sie seit Wochen auf mir lasten. Ich fühle mich verdammt. Vom gerechten Gott zu Recht verurteilt aufgrund dessen, was ich getan oder unterlassen habe. Aber will mir dieser Bibelvers etwa sagen, dass es möglich ist, dieser Verdammnis zu entgehen? Gibt es tatsächlich eine Chance, befreit zu werden? Ohne Angst zu leben? Was heißt es, »in Christus Jesus zu sein«? Ich muss das unbedingt herausfinden!

Aber woher kommt eigentlich diese Zeitschrift in meinen Händen? Ich weiß, dass meine Großmutter sie kürzlich abonniert hat. Seither schickt eine Hamburger Kirche ihr die Heftchen kostenlos nach Hause. Meine Großmutter muss diese Ausgabe meinen Eltern zugesteckt haben, die sie wiederum auf den Wohnzimmertisch legten. Nun bin ich darin auf eine abgedruckte Predigt gestoßen. Das vorangestellte Verdammnis-Zitat hat mein Interesse geweckt. Neugierig beginne ich zu lesen. Die Predigt scheint wie für mich geschrieben. Gott habe hohe Ansprüche an uns Menschen. Uns gelinge es nicht, seine Regeln einzuhalten. Aufgrund dessen haben wir eine Verurteilung und sogar Strafe verdient.

Beim Lesen dieser Worte ist sie wieder ganz real: Meine Furcht vor dem gerechten Gott lässt mich innerlich erzittern. Gleichzeitig halte ich die Luft an, denn ich ahne, dass diese Botschaft nicht das traurige Ende vom Lied ist. Sie könnte vielmehr wie die Diagnose eines Arztes sein: erschütternd, aber dennoch von großer Wichtigkeit und Bedeutung. Vielleicht muss ich erst das ganze Ausmaß meiner »Krankheit« erkennen, um ein passendes Heilmittel zu finden. Ich werde immer unruhiger. Wenn der Bibelvers vom Anfang wahr ist, könnte es tatsächlich Hoffnung geben. Einen Ausweg aus der Ausweglosigkeit, der etwas mit Jesus zu tun hat.

Und dann lese ich von ihm. Davon, dass dieser Jesus genau das tat, woran ich kläglich scheitere: Im Gegensatz zu mir hat er jede Forderung Gottes erfüllt. Ist jedem Anspruch gerecht geworden, indem er ein moralisch einwandfreies Leben führte. Indem er stets das Richtige tat. Damit ist Jesus so anders als ich. Meine Neutralität ihm gegenüber beginnt einer gewissen Bewunderung zu weichen. Wieso ist Jesus so anders?

Beim Weiterlesen erfahre ich, dass er kein gewöhnlicher Mensch war, sondern vollkommen Mensch und vollkommen Gott. Zur gleichen Zeit. Ich verstehe nicht, wie das möglich ist, lese aber dennoch weiter. Da Jesus Gott ist, konnte er im Gegensatz zu mir alle Regeln Gottes erfüllen. Zugleich war er aber auch ein Mensch, wodurch er sich mit uns Menschen identifizieren kann. Mit mir. Jesus versteht meine Kämpfe. Mir stockt der Atem. Bisher habe ich ihn in erster Linie für einen vorbildlichen Menschen gehalten. Wenn Jesus allerdings auch Gott ist, muss ich mein Gottesbild noch mehr korrigieren. Der Gott der Bibel ist dann nicht ausschließlich streng und furchteinflößend. Ich erkenne plötzlich, dass Jesus in besonderer Weise die Liebe und das Mitgefühl Gottes verkörpert. Er ist derjenige, der Waisenkinder sucht und nach Hause bringen möchte. Kann er das auch für mich tun? Und wenn ja, wie?

Jesus ist derjenige, der Waisenkinder sucht und nach Hause bringen möchte.

Ich lese, dass dieser Jesus ans Kreuz genagelt wurde, obwohl er unschuldig war. Davon habe ich bereits gehört. Neu ist für mich jedoch die Aussage, dass er dort stellvertretend für Menschen gestorben ist. Um ihre Schulden zu übernehmen – die vergangenen wie die künftigen. Um die Verdammnis zu tragen, die ich seit Wochen spüre. Durch sein perfektes Leben war Jesus ohne Schuld. Schuld-los. Sein Lebenskonto weist ein Plus auf, meins hingegen ein dickes Minus. Somit ist er als Einziger in der Lage, meine Schulden zu übernehmen. Für alles zu bezahlen, was ich verschuldet habe. Für mein Versagen, Gottes Ansprüchen gerecht zu werden. Für mein Desinteresse an meinem Schöpfer. Für meinen Wunsch nach Unabhängigkeit.

Voller Staunen lese ich, dass Jesus nicht nur theoretisch hierzu in der Lage war, sondern es auch tat. Am Kreuz ließ er sich stellvertretend für all jene verurteilen und bestrafen, die an ihn glauben. Freiwillig und aus Liebe bezahlte Jesus für die Schuld all derer, die ihm vertrauen.

Ich spüre, wie die tonnenschwere Last der Verdammnis auf meinen Schultern ins Wanken gerät. Es gibt tatsächlich Hoffnung! Wenn Jesus meine Schulden bezahlen würde, wäre mein Konto ausgeglichen. Ich müsste keine Verdammnis oder Strafe mehr befürchten, denn: Ein gerechter Gott kann eine beglichene Schuld nicht erneut einfordern.

Ich werde immer aufgewühlter. Was muss ich also tun, damit Jesus meine Schulden übernimmt? Die Antwort verblüfft mich: »Wenn hingegen jemand, ohne irgendwelche Leistungen vorweisen zu können, sein Vertrauen auf Gott setzt, wird sein Glaube ihm als Gerechtigkeit angerechnet, denn er vertraut auf den, der uns trotz all unserer Gottlosigkeit für gerecht erklärt.«5 Ich muss nur glauben und vertrauen. Ist das alles? Brauche ich ansonsten nichts zu tun? Diese Antwort klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Zu einfach. Aber vielleicht ist genau das der springende Punkt. Bevor ich meinen Glauben und mein Vertrauen auf Jesus setzen kann, muss ich mir meiner Schulden bei dem gerechten Gott bewusst werden. Ich muss zudem meine Unfähigkeit anerkennen, diese selbstständig zu begleichen. Diese Erkenntnis ist schmerzlich und kommt einer Kapitulation gleich. Jesus zu vertrauen, kostet Mut und Überwindung. Ich muss meinen Stolz überwinden.

Aber hier auf dem Sofa bin ich erstmalig und felsenfest davon überzeugt, dass dieser Weg der einzig richtige ist. Dass Jesus der einzige Weg ist. Ich sehe ihn zweifellos als Ausweg aus meinem Verdammnis-Problem und aus meiner Isolation von Gott. Er allein kann mich wieder nach Hause bringen.

War ich zuvor ein Waisenkind, bin ich nun eine geliebte Tochter Gottes.

Ich lese die Predigt zu Ende. Am Seitenrand stoße ich auf einen Kasten. Dieser enthält einen Vorschlag für ein Gebet. Fremde, vorformulierte Worte, die dennoch ziemlich genau ausdrücken, was ich in diesem Moment empfinde. Und so mache ich sie zu meinen eigenen. Ich spreche sie laut und ernst und richte sie direkt an Jesus. Es fühlt sich ungewohnt an, das zu tun. Dieses ist wohl mein erstes richtiges Gebet. Denn im Gegensatz zu manch einem Stoßgebet in der Vergangenheit ist das hier von echter Bedeutung. Für mich geht es um alles. Mit diesem Gebet vertraue ich Jesus mein Leben an und somit das Wertvollste, was ich habe. Ich vertraue es ihm an und hoffe dabei inständig, dass er wirklich hält, was er verspricht. In meinem Gebet drücke ich aus, dass ich nicht länger aus eigener Kraft versuchen möchte, Gottes Forderungen zu erfüllen. Ich kapituliere und setze stattdessen all meine Hoffnung auf Jesus. Ich vertraue darauf, dass er meine Schulden begleicht. Als ich das Gebet mit einem Amen beende, passiert das Unglaubliche: Urplötzlich fällt die quälende, erdrückende Last von meinen Schultern. Jene, die mich seit Wochen quält. Meine Angst vor Verdammnis und die Furcht vor dem prüfenden, strengen Blick Gottes sind verschwunden. Stattdessen spüre ich eine tiefe Ruhe. Ich bin erfüllt von einem inneren Frieden, den ich bisher nicht kannte. Dessen Existenz ich nicht einmal erahnt habe. In diesem Moment bin ich mir ganz sicher: Jesus enttäuscht mich nicht! Ihm kann ich wirklich vertrauen. Ich habe nicht den leisesten Zweifel daran, dass meine Schulden ein für alle Mal beglichen sind. Erstmalig fühle ich mich im Reinen mit Gott und kann diese Versöhnung fast physisch spüren. Jesus beendet meine Isolation und bringt mich nach Hause. War ich zuvor ein Waisenkind, bin ich nun eine geliebte Tochter Gottes.

Von diesem Tag an fühle ich mich angekommen. Endlich zu Hause. Ich habe den Eindruck, innerlich heil zu werden. Heil und vollständig, so als hätte ein Teil von mir auf meine Rückkehr zu meinem Schöpfer gewartet. All die Jahre hielt ich mich für frei und unabhängig. Nun erkenne ich jedoch, dass ich all das in Wirklichkeit gar nicht war. Plötzlich finde ich echte Freiheit in meiner neuen Abhängigkeit von Jesus. Weil er es gut mit mir meint, kann ich ihm vertrauen. Und so wird er mein engster Vertrauter.

Diese einschneidende Erfahrung auf dem Sofa meiner Eltern bleibt nicht mein einziges Erlebnis mit Jesus. Sie ist vielmehr der Startpunkt einer Reise, die meine Erwartungen bei Weitem übertreffen wird. Denn Jesus ist so viel mehr, als ich jemals erwartet habe.

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