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Wenn das Begehren neu erwacht …

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1. KAPITEL

James Kavanagh arbeitete gerne mit den Händen. Im Gegensatz zu seinem ältesten Bruder Liam, der meist italienische Maßanzüge trug, fühlte sich James am wohlsten in alten Jeans und T-Shirts. Außerdem war das eine ganz gute Verkleidung. Niemand rechnete damit, dass ein wohlhabender Mann aussah wie jemand, der sich für seinen Lebensunterhalt die Hände schmutzig machte.

Das war James auch ganz recht so. Er mochte es nicht, wenn Leute sich bei ihm anbiederten, weil er ein Kavanagh war. Er wollte, dass man ihn um seinetwillen mochte. Natürlich hatte er ein Anrecht auf einen Anteil des beachtlichen Familienvermögens der Kavanaghs, das er durch eigene Anstrengungen sogar noch aufgestockt hatte.

Doch am Ende bestand der eigentliche Reichtum eines Mannes aus seinem guten Ruf.

James war gerade damit beschäftigt, die Windbretter an seinem Haus in der Innenstadt von Silver Glen, North Carolina, zu streichen. Der Bungalow aus den Zwanzigerjahren war ein richtiges Juwel. Die originalen Holzböden waren erhalten geblieben, und die großen Fenster ließen viel Licht herein. Auf der Veranda zur Straße hin konnte man die warmen Sommerabende genießen.

Der Sommer war natürlich längst vorbei. Nicht mehr lange, und es wurde Zeit, die weihnachtlichen Lichterketten am Haus anzubringen. Vorher musste er an einigen Balken die abgeplatzte Farbe erneuern. Aber so war das mit seinem Beruf als Zimmermann. Er steckte so viel Zeit in die Renovierung anderer Häuser, dass sein eigenes oft zurückstehen musste.

Während er oben auf der Leiter stand und den Pinsel in den Farbeimer tauchte, nahm er aus dem Augenwinkel eine Bewegung auf dem Nachbargrundstück wahr. Es gehörte Lila, und er wusste nur zu gut, wie es im Innern ihres Hauses aussah.

Doch das spielte keine Rolle mehr. Er war längst über sie hinweg. Sie hatten eine heiße Affäre gehabt, doch am Ende war von ihrer Leidenschaft nicht viel übrig geblieben. Und das war besser so. Lila war zu verkrampft, zu ehrgeizig, einfach zu viel von allem.

Doch heute war etwas anders als sonst. Ihr silberfarbener Subaru parkte wie üblich in der Einfahrt, aber so früh kam sie normalerweise nicht von der Arbeit nach Hause. James tat nicht mehr so, als würde er streichen, sondern sah ihr zu, wie sie aus dem Wagen stieg.

Sie war groß, mit einer üppigen Figur und langen blonden ­Locken, die sich auch mit Haarspray nicht bändigen ließen. Lila besaß den Körper eines Pin-up-Girls und den Verstand einer Buchhalterin … und das war eine tödliche Kombination. Dann bemerkte James, dass sie Jeans und eine Windjacke trug. An einem Montag.

Er hätte all das ignorieren sollen, denn eigentlich war ihm der Status quo ihrer Beziehung ganz recht. Lila war Vizedirektorin der ortsansässigen Bank, und James genoss es, mit unkomplizierten Frauen auszugehen. Natürlich hatte er gewisse Ansprüche. Doch es sprach nichts dagegen, sich zu amüsieren.

Was spielte es schon für eine Rolle, dass seine letzte Freundin geglaubt hatte, Kasachstan wäre eine neue Heavy-Metal-Band? Schließlich verfügte nicht jede Frau über den IQ einer Raketenwissenschaftlerin.

In der Einfahrt des Nachbarhauses schloss Lila gerade die Fahrertür zu ihrem Wagen und öffnete eine der hinteren Türen. Als sie sich in den Innenraum beugte, gewährte sie ihm einen verführerischen Blick auf ihren wunderschön gerundeten Po. Er hatte schon immer eine Schwäche für sexy Pos gehabt, und ihrer war besonders ansehnlich.

Doch plötzlich waren alle Gedanken an Hinterteile und Sex und die Affäre mit seiner aufregenden Nachbarin wie weggewischt. Denn als Lila sich aufrichtete, hielt sie ein Kind in den Armen.

Lila hatte bohrende Kopfschmerzen. Die Tatsache, dass James Kavanagh jede ihrer Bewegungen genau beobachtete, machte es nicht besser. Er versuchte nicht einmal, seine Neugier zu verbergen. Manchmal hegte sie den Verdacht, dass er absichtlich vor seinem Haus arbeitete und ihr seinen attraktiven Körper präsentierte, damit sie auch ja nicht vergaß, was sie verloren hatte.

Doch an diesem Tag war es ihr egal, denn sie steckte wirklich in der Klemme.

Sie hielt Sybbie ganz fest, damit die Kleine ihr nicht aus den Händen gleiten konnte, und marschierte mit ihr durch den Vorgarten. Am Fuß der Leiter blieb sie stehen. „Ich brauche deine Hilfe“, sagte sie ohne Umschweife zu James. „Kannst du herunterkommen, um zu reden?“

In den letzten drei Tagen hatte sich ihr Austausch auf Sätze wie „Ich wünsche dir einen schönen Tag“ oder „Die Post liegt auf der Veranda“ beschränkt. Sie gingen höflich miteinander um, mehr nicht. Das war gar nicht so leicht, wenn man den anderen schon mal nackt gesehen hatte.

Energisch schob Lila den Gedanken beiseite. „James?“

Er schreckte aus seiner Erstarrung auf, legte den Pinsel beiseite und wischte sich die Hände an einem Lappen ab. „Natürlich.“

Als er von der Leiter herunterstieg, wich Lila ein Stück zurück. James war groß, doch an seinen eins neunzig befand sich kein Gramm Fett. Seine Brüder nannten ihn den „sanften Riesen“. Eine passende Beschreibung, wie Lila fand.

Er sah aus, als könnte er mit bloßen Händen Felsbrocken zertrümmern. Muskulös, breitschultrig und stark, ein Bild von einem Mann. Außerdem konnte er unglaublich zärtlich sein. Doch diese Information stammte aus einer anderen Zeit in ihrem Leben.

James starrte mit undurchdringlicher Miene auf das Baby.

„Was ist los, Lila? Wer ist der kleine Wonneproppen?“ Sein dichtes, gewelltes kastanienbraunes Haar hätte dringend einen Haarschnitt gebraucht.

„Ihr Name ist Sybbie. Meine Halbschwester ist zusammen mit ihrem Freund bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“ Es fiel Lila immer noch schwer, darüber zu reden. Sie hatte es noch nicht völlig begriffen.

„Oh Gott, Liebes, das tut mir leid.“

Lila schluckte schwer und konnte sich angesichts seines aufrichtigen Mitgefühls kaum zusammenreißen. „Ich hatte sie eine Ewigkeit nicht mehr gesehen. Sie mochte mich nicht besonders, doch aus irgendeinem Grund hat sie mich in ihrem Testament zum Vormund ihrer Tochter ernannt. Sybbie ist knapp acht Monate alt.“

Der eindringliche Blick aus seinen brauen Augen machte sie nervös. „Und du hast die Vormundschaft angenommen?“

„Ich hatte so kurzfristig keine andere Wahl. Es gibt vermutlich noch andere Lösungen, aber fürs Erste ist sie nun bei mir.“

„Ich verstehe.“ Seine Zweifel standen ihm deutlich ins Gesicht geschrieben. Er wusste, wie sie über Kinder dachte. Das war einer der Gründe für ihre Trennung gewesen. „Also, warum musst du mit mir reden?“

„Ich muss ein paar Umbauten an meinem Haus vornehmen lassen.“

„Aber sie ist doch nur vorübergehend bei dir.“

„Ich bin eine verantwortungsbewusste Erwachsene. Ich würde nie ein Baby in Gefahr bringen, weil es zu viele Umstände macht, alles kindersicher einzurichten. Mein Schlafzimmer ist im ersten Stock. Ich möchte das Esszimmer in ein Kinderzimmer umwandeln und dann selbst in das zweite Schlafzimmer im Erdgeschoss ziehen.“

„Keine schlechte Idee.“

Seine zögerliche Zustimmung minderte ein wenig den Druck, der auf ihrer Brust lastete. „Hast du Zeit, die Arbeiten durchzuführen?“ James kaufte Häuser, sanierte sie und verkaufte sie dann wieder. Er machte seinen Job sehr gut und hatte einige der schönsten Häuser im historischen Teil von Silver Glen restauriert.

„Ich werde ein paar Aufträge verschieben müssen, aber das kriege ich schon hin. Wer passt auf das Kind auf?“

Seine Frage war durchaus berechtigt. Die einzige Kindertagesstätte in Silver Glen nahm Kinder erst ab dem Alter von zwölf Monaten. „Ich hatte ein paar Tage bezahlten Sonderurlaub. Außerdem habe ich mehr als eine Woche meines regulären Urlaubs aufgebraucht. Mir bleiben jetzt noch vier Tage.“

„Vier Tage? Was ist mit Elternzeit?“

„Die steht mir erst zu, wenn ich Sybbie adoptiere. Die Rechnungsprüfer kommen nächste Woche, und da kann ich nicht fehlen. Aber ich lasse mir etwas einfallen.“

James starrte sie an, doch sie würde sich auf keinen Fall aus dem Konzept bringen lassen. Als leitende Angestellte in einer immer noch von Männern dominierten Branche hatte sie gelernt, sich ihre Nervosität nicht anmerken zu lassen.

Doch als er weiterhin schwieg, verlor sie die Beherrschung. „Was?“, fuhr sie ihn an.

Er holte tief Luft und seufzte. „Sich um ein acht Monate altes Baby zu kümmern ist viel Arbeit.“ Er wusste, wovon er sprach, denn seine sechs Brüder hatten fast alle Kinder. Als jüngster ­Kavanagh kam er häufig als liebevoller Onkel zum Einsatz, was Lila in den stürmischen drei Monaten als seine Freundin selbst hatte miterleben können.

Es war sein gutes Recht, an ihr zu zweifeln. Doch in diesem Moment hatte sie keine andere Wahl. „Das weiß ich selber“, sagte sie leise. Auf gar keinen Fall wollte sie sich durch seine unausgesprochenen Zweifel an ihren mütterlichen Fähigkeiten entmutigen lassen. „Ich habe keine Angst vor harter Arbeit. Kommst du mit nach nebenan? Dann zeige ich dir, was ich mir vorgestellt habe.“

„Klar.“

Gemeinsam durchquerten sie erst seinen und dann ihren winzigen Vorgarten. Der nächste peinliche Moment wartete auf Lila, als es ihr mit dem Baby auf dem Arm nicht gelingen wollte, die Haustür aufzuschließen.

Wortlos nahm ihr James das kleine Mädchen aus dem Arm, und endlich bekam sie die Tür auf. Sie hatte seit seinem letzten Besuch nichts im Haus verändert. Doch er sagte nichts, was sie in Verlegenheit gebracht hätte. Unweigerlich musste sie daran denken, dass sie einmal auf dem stabilen Eichentisch im Esszimmer miteinander geschlafen hatten.

Mit geröteten Wangen führte sie ihn durch das Haus.

Sybbie schien ganz begeistert von dem neuen Mann in ihrem Leben zu sein. Sie war ein ruhiges, unkompliziertes Kind mit einem ausgeglichenen Temperament, das nur weinte, wenn es müde oder hungrig war.

Lila blieb in der Küchentür stehen. „Ich brauche sowieso kein Esszimmer. Und sobald Sybbie wieder weg ist, kann ich das Kinderzimmer als Arbeitszimmer oder Gästezimmer nutzen.“

James strich dem Baby über den Kopf. Mit ihren weißblonden Härchen und den rosigen Wangen sah Sybbie aus wie ein kleiner pausbäckiger Engel. „Und wann wird das sein, Lila? Weißt du das überhaupt?“

„Ich habe dir doch schon gesagt, dass ich es nicht weiß.“ Und genau das war der Haken. Wenn Lila wirklich hundertprozentig funktionieren wollte, musste sie es tatsächlich genau wissen. Unsicherheit machte sie verrückt, und das galt für alle Bereiche in ihrem Leben. Seit sie die schreckliche Nachricht vom Tod ihrer Schwester erhalten hatte, war so vieles ungewiss.

James untersuchte die tragenden Wände, kritzelte ein paar Maße auf ein Stück Papier und schritt die Wände des Esszimmers ab. Dabei hielt er das Baby auf dem Arm, als wäre es das Natürlichste der Welt.

Schließlich drehte er sich zu ihr um. „Das sollte kein Problem sein. Aber du musst mit Sybbie für ein paar Nächte bei mir wohnen. Während ich hier die Wände einreiße, solltest weder du noch das Baby die Luft einatmen.“

„Was ist mir dir?“

„Ich trage bei den Abbrucharbeiten eine Atemschutzmaske.“

„Ich kann bestimmt für ein paar Nächte ins Hotel ziehen.“ Der Gedanke daran, wieder unter seinem Dach zu schlafen, versetzte sie ein wenig in Panik.

Sein Gesichtsausdruck machte mehr als deutlich, was er von ­dieser Idee hielt. Das war auch eines ihrer Probleme gewesen. James hatte die nervtötende Angewohnheit, anderen vorzuschreiben, was sie tun sollten. Sie beide hatten sich deswegen immer wieder in die Haare bekommen.

„Sei doch vernünftig, Lila“, sagte er und bemühte sich um ­einen besänftigenden Tonfall. „Ein Hotel ist nicht richtige Ort für ein Baby. Bei mir hast du einen Kühlschrank, in dem du die Babynahrung aufbewahren kannst und alles, was du sonst brauchst. Abgesehen natürlich von dem Kinderbett, aber das musst du ­sowieso kaufen.“

Seine Worte klangen einleuchtend, doch sie würde sein Angebot nicht annehmen. Sie konnte es einfach nicht. „James, äh, also nach unserer Vergangenheit … da wäre es …“

Er hob mit grimmiger Miene die Hand und schnitt ihr das Wort ab. „Du brauchst gar nicht weiterzureden, Lila. Die Vergangenheit ist vorbei. Wir wissen beide, dass wir von Anfang an nicht zusammengepasst haben. Du bist meine Nachbarin und eine Freundin, das ist alles.“

Lila spürte ein nervöses Ziehen in der Magengrube. Er hatte leicht reden. Offensichtlich hatte er nicht lange gezögert, mit der Vergangenheit abzuschließen. Sie hatte die Frauen gesehen, die in seinem Haus ein und aus gingen und von denen eine hübscher als die andere war. Um seine Gefühle machte sie sich ganz bestimmt keine Sorgen. Eher um ihre eigenen.

Er hatte keinerlei Interesse daran, mit ihr ins Bett zu gehen. Das war mehr als deutlich. Doch sie empfand immer noch etwas für ihn, auch wenn diese Gefühle hauptsächlich hormongesteuert waren. Es wäre mehr als unklug, wieder so engen Kontakt mit ihm zu haben. Obendrein musste Lila nun auch an Sybbie denken. Sie konnte sich einfach kein gebrochenes Herz leisten.

Leider hatte sie keine anderen Optionen mehr. Sein Angebot war wirklich die beste Lösung, auch wenn sie ihr nicht gefiel. „Na schön“, sagte sie und versuchte nicht allzu gereizt zu klingen. „Wir nehmen deine freundliche Einladung an.“

„Ich muss morgen früh noch ein anderes Projekt beenden. Aber morgen Abend helfe ich dir beim Umzug. Lass am besten das Kinderbett direkt zu mir liefern.“

„James Kavanagh, du weißt doch ganz genau, dass das nicht geht. Gerüchte verbreiten sich hier wie ein Lauffeuer.“

Er zuckte unbeeindruckt die Achseln. „Na und? Mein Ruf wird schon damit fertig. Machst du dir Sorgen um deinen Job in der Bank?“

Sein schnippischer Tonfall wirkte auf sie wie ein rotes Tuch. „Du hattest schon immer etwas gegen meinen Job, oder?“

Er musterte sie mit undurchdringlicher Miene und lehnte sich lässig gegen den Türrahmen. „Ich habe nichts gegen deinen Job, Lila. Ich hatte etwas dagegen, dass er dich völlig in Beschlag genommen hat. Es gibt mehr Dinge im Leben als die Arbeit.“

„Sagt der Mann mit einem Treuhandvermögen. Manche von uns brauchen ein regelmäßiges Einkommen und das Gefühl von Sicherheit.“

Die plötzliche Stille zwischen ihnen war beinah greifbar. Drei Jahre nach dem explosiven Ende ihrer Beziehung standen sie nun hier und fochten immer noch die gleichen aussichtslosen Kämpfe miteinander aus.

James schüttelte den Kopf. „Ich wollte es nicht so weit kommen lassen. Tut mir leid.“

„Mir auch. Vielleicht tun wir einfach so, als würden wir uns erst ein paar Wochen kennen.“

Er schmunzelte. „Ein so guter Schauspieler bin ich nicht, aber ich werde es versuchen. Warum bestellst du das Kinderbett nicht morgen früh, und ich hole es abends nach der Arbeit ab?“

„Was mache ich heute Nacht mit Sybbie?“

„Du kannst sie für eine Nacht in deinem Bett schlafen lassen. Nimm sie mit zu dir und klemm die Bettdecke so gut es geht unter der Matratze fest, damit sie nicht aus dem Bett fällt.“

„Ja, du hast recht. Das müsste funktionieren.“

Sybbie war beinah eingeschlafen und konnte kaum die Augen offen halten. „Ist das alles?“, fragte James. „Ich muss zurück an die Arbeit.“

Lila errötete. Sie hatte ihn aufgefordert, sie wie eine Fremde zu behandeln, jedoch nicht damit gerechnet, dass es so wehtun würde. „Natürlich“, sagte sie heiter. „Komm, ich nehme sie dir ab.“

James schien ihr das kleine Mädchen nur zögernd übergeben zu wollen. Vielleicht traute er ihr nicht zu, sich gut um sie zu kümmern. Als er ihr das Baby in den Arm legte, streiften seine Finger ihre Brüste. Es war nur eine flüchtige Berührung, die er gar nicht hätte vermeiden können.

Doch die spontane Reaktion ihres Körpers machte Lila klar, dass die kommenden Tage nicht leicht werden würden. Sie war ein Mal über James Kavanagh hinweggekommen. Doch sie hatte einfach nicht genug Kraft, das noch einmal durchzustehen.

2. KAPITEL

James stand um drei Uhr morgens auf, weil er Durst hatte. Durch das Badezimmerfenster sah er, dass bei Lila im Schlafzimmer Licht brannte. Vermutlich war das Baby wach.

Doch das war nicht sein Problem und ging ihn nichts an.

Das konnte er sich hundertmal vorbeten, es änderte nichts an der Tatsache, dass sie Probleme hatte und er ihr helfen musste.

War das nicht genau der Grund für viele ihrer Auseinandersetzungen gewesen? Dass sie eine erwachsene Frau war, die ihr eigenes Leben führen wollte?

Aber diesmal war es etwas anderes. Plötzlich für ein Kind verantwortlich zu sein hätte jedem Angst eingejagt. Besonders einer Frau, die nicht die leibliche Mutter war … und der das Kind ihr sorgsam geplantes und organisiertes Leben durcheinanderwirbelte.

Leise fluchend schlüpfte James in seine Jeans und Leder­slipper. Draußen herrschten Temperaturen um den Gefrierpunkt. Er streifte ein sauberes Hemd über und zog seine Lederjacke an.

Dann hielt es jedoch inne und dachte darüber nach, wie er weiter vorgehen sollte. Wenn er zu dieser nachtschlafenden Zeit bei Lila klingelte, würde er sie zu Tode erschrecken. Und falls das Baby gerade im Begriff war einzuschlafen und er es wieder aufweckte, würde Lila ihn am nächsten Baum aufknüpfen.

Also holte er sein Handy hervor und klickte seine Kontakte durch. Er hatte ihre Telefonnummer nicht gelöscht. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Er war nur nicht dazu gekommen, sie zu löschen.

Hastig tippte er eine SMS.

Bei dir ist noch Licht. Soll ich auf das Baby aufpassen, damit du ein paar Stunden schlafen kannst? Ich bin sowieso wach.

Er lehnte sich gegen den Fenstersims und wartete auf ihre Antwort. Nichts passierte. Möglicherweise hatte Lila ihr Telefon im Erdgeschoss liegen gelassen. Oder vielleicht hatte sie es ausgeschaltet. Verflucht.

Plötzlich gab sein Handy einen Ton von sich.

Ja, bitte! Ich bin eine lausige Mutter.

James musste laut lachen. Eine Sache hatte er ganz besonders an Lila geliebt, und das war ihr Sinn für Humor. Er ging die Treppe hinunter und verließ das Haus. Da er nie viel Schlaf brauchte, machte es ihm auch nichts aus, eine Weile auf Sybbie aufzupassen.

Er wartete einen Moment auf der Veranda, doch dann öffnete Lila ihm auch schon die Tür. Als er sie sah, konnte er nur mit Mühe ein Schmunzeln unterdrücken. Ihr Pferdeschwanz war verrutscht, und auf ihrem T-Shirt konnte er eine Mischung aus Brei und ­Babyspucke ausmachen.

Er legte den Kopf zur Seite und lächelte. „Na Liebling, hattest du einen harten Tag im Büro?“

Doch sie konnte darüber nicht lachen. „Mach dich nicht über mich lustig, James Buchanan Kavanagh. Ich könnte mich gezwungen sehen, dich kaltblütig zu erschießen, und was würde dann aus der armen Sybbie werden? Ihre Tante wäre im Gefängnis und der einzige Babysitter mausetot.“

Er hob abwehrend die Hände. „Ist angekommen. Zeig mir einfach, wo die Fernbedienung ist. Die kleine Prinzessin und ich kommen dann schon allein klar.“

Lila zögerte. „Bist du sicher? Das hier ist nicht dein Problem, und außerdem musst du morgen arbeiten.“

„Du doch auch“, erwiderte er mit fester Stimme. „Und ich könnte wetten, dass es anstrengender ist, zwölf Stunden auf ­Sybbie aufzupassen, als den ganzen Tag hinter deinem Schreibtisch zu sitzen.“

„Soll das eine Kritik sein?“ Lila war müde, aber nicht zu müde, um ihm Kontra zu geben.

„Nein, nur eine Beobachtung.“ Er nahm ihr das Baby aus dem Arm. „Ich finde die Fernbedienung schon selbst. Ab ins Bett mit dir! Du kippst ja gleich aus den Latschen.“

Ihre wunderschönen blauen Augen füllten sich mit Tränen. „Danke, James.“

Sie war nicht der weinerliche Typ, und morgen würde es sie bestimmt ärgern, dass er sie in einer so verletzlichen Lage gesehen hatte. Doch daran konnte er nun nichts mehr ändern. „Das ist doch keine große Sache. Schlaf ein bisschen!“

Sie gehorchte ohne weiteren Protest, was ihm zeigte, dass sie wirklich am Ende ihrer Kräfte war. Er schüttelte sein ungutes Gefühl ab und konzentrierte sich auf das kleine Mädchen, das sich vertrauensvoll in seine Arme kuschelte.

„Na komm, Sybbie. Schauen wir mal, was Tante Lilas Kabelfernsehen nachts im Angebot hat.“

Er machte es sich mit dem Baby in den weichen Kissen der Ledercouch im Wohnzimmer gemütlich. Als er das Licht gedimmt und Sybbie in eine Wolldecke gewickelt hatte, gähnte die Kleine bereits herzhaft. Er rieb ihren Rücken und sang ihr leise etwas von kleinen Spinnen und schaukelnden Babys vor. Sie roch wunderbar … genau wie Babys riechen sollten.

Plötzlich befiel ihn ein Gefühl von Traurigkeit, das er sich nicht erklären konnte. Natürlich beneidete er seine Brüder um ihre ­Familien, doch er war jung und hatte noch genug Zeit, um eine Frau zu finden, mit der er eine Familie gründen konnte.

Sybbie war inzwischen auf seiner Brust eingeschlafen, und so schloss er gähnend die Augen und versuchte ebenfalls ein Nickerchen zu machen, bevor sie wieder aufwachte. Das sagten auch alle Experten. Schlaf, wenn das Baby schläft …

Lila fiel ins Bett und bekam bereits Sekunden später nichts mehr von ihrer Umgebung mit. Nach einer Stunde jedoch fuhr sie senkrecht im Bett hoch. Ihr Puls raste, und sie fragte sich panisch, wo Sybbie war.

Doch dann fielen ihr wieder die Geschehnisse des Vorabends ein. Sie hatte die Herausforderungen des Tages eigentlich ganz gut gemeistert. Sybbie wirkte nach ihrem Abendessen aus Birnen-Süßkartoffelbrei recht zufrieden und spielte glücklich mit den bunten Plastikdosen, die Lila für sie auf dem Teppich zu Türmchen aufbaute.

Dann trank sie brav die letzte Flasche vor dem Schlafengehen, bei der Lila sich genau an die Vorgaben hielt und nach der Sybbie eigentlich bis zum nächsten Morgen hätte durchschlafen sollen. Doch offenbar hatte das Baby das Baby-Handbuch nicht gelesen. Gegen Mitternacht bekam Sybbie sogar einen ausgemachten Wutanfall.

Natürlich konnte die arme Kleine nichts dafür. Schließlich war ihr Leben völlig auf den Kopf gestellt worden. Doch das änderte nichts an der Tatsache, dass Lila dringend Schlaf brauchte. Die SMS von James kam daher genau im richtigen Moment. Vermutlich hätte sie sein Angebot nicht so schnell annehmen dürfen, doch sie war einfach völlig erschöpft gewesen.

Nun fühlte sie sich wieder fitter. Im Haus war alles still. Verdächtig still.

Vorsichtig schlich Lila die Treppe hinunter und mied dabei die Stufen, die immer knarrten. Falls Sybbie schlief, wollte sie sie auf keinen Fall wecken.

Die Szene im Wohnzimmer versetzte ihrem Herzen einen heftigen Stich. Die Lampen waren heruntergedimmt, und der Fernseher lief ohne Ton. James hatte die Füße auf dem Couchtisch abgelegt, und Sybbie schlummerte friedlich auf seiner Brust, die Beine untergeschlagen und den kleinen Po in die Luft gereckt.

Die Decke war auf den Boden gerutscht, doch keiner der beiden schien sich daran zu stören.

Was sollte sie nun tun? Sie hatte eine volle Stunde geschlafen und konnte eigentlich wieder übernehmen. Doch es wäre eine Schande, James jetzt zu wecken. Außerdem würde sie dabei sicherlich auch das Baby wach machen.

Lila gähnte. Laut der Uhr auf dem Kaminsims dauerte es immer noch gut zwei Stunden, bis die Sonne aufging. Also konnte sie sich noch ein bisschen zu den beiden gesellen. Sie deckte ihre Gäste zu und rollte sich mit einer zweiten Decke im Sessel zusammen. Dann schloss sie die Augen.

Stöhnend fragte sich James, warum sein Rücken schmerzte und der Hund auf seiner Brust lag. Langsam öffnete er die Augen und blinzelte, bis er seine Umgebung erkennen konnte. Es war acht Uhr morgens, und sein kleiner Schützling schlief tief und fest. Eigentlich musste er auf die Toilette, doch er wollte das Baby nicht stören.

Auf der anderen Seite des Zimmers entdeckte er im Sessel die Umrisse von Lila, die bis auf den Kopf zugedeckt war. Sie war vermutlich irgendwann nach unten gekommen und hatte ihn nicht aufwecken wollen.

Plötzlich schoss sie in die Höhe und blickte sich einen Moment lang panisch im Zimmer um.

Er winkte ihr zu, um sie auf sich aufmerksam zu machen. „Alles in Ordnung“, flüsterte er. „Das Baby schläft noch.“

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