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Wenn aus Verlangen Schicksal wird

1. KAPITEL

Der Teufel war zur Beerdigung ihres Vaters gekommen.

Obwohl es eigentlich eine Beleidigung für den Teufel war, Aristedes Sarantos so zu nennen, dachte Selene Louvardis.

Aristedes Sarantos. Aufgewachsen als mittelloser Niemand zwischen den Kaimauern von Athen, hatte er einen kometenhaften Aufstieg hingelegt. Heute war sein Name in der Schiffsbauindustrie, aber auch weit darüber hinaus in aller Munde. Ein Name, den man voller Ehrfurcht flüsterte. Ein Mann, dessen Anwesenheit man nicht ignorieren konnte. Eine Streitmacht, vor der sich jeder fürchtete.

Jeder bis auf ihren Vater.

Über zehn Jahre lang, seit Selene siebzehn gewesen war, war kaum eine Woche vergangen, in der sie nicht von einer weiteren Schlacht in dem Krieg gehört hatte, den ihr Vater mit dem damals Siebenundzwanzigjährigen geführt hatte. Dieser Mann hätte der wertvollste Verbündete ihres Vaters werden können – hatte sich aber zu seinem erbittertsten Feind entwickelt.

Jetzt war der Krieg vorbei. Ihr Vater war tot. Lang lebe der König.

Wenn es ihren Brüdern nicht gelang, ihre Differenzen beizulegen, würde Aristedes Sarantos das Imperium der Louvardis im Handumdrehen dem Erdboden gleichmachen. Ohne Einigkeit zwischen ihren Brüdern würde Aristedes die uneingeschränkte Herrschaft erlangen.

Seine Anwesenheit bei der Beerdigung hatte Selene völlig überrascht. Als die Trauergemeinde an diesem stürmischen New Yorker Septembertag auf dem Friedhof angekommen war, hatte er bereits da gestanden. Er hatte Abstand zu ihnen gehalten, und sein schwarzer Mantel hatte den großen muskulösen Körper umflattert wie ein Rabe oder eine gequälte Seele – ein Anblick, als wäre Sarantos tatsächlich der Leibhaftige.

Eigentlich hatte sie gedacht, dass er gleich nach der Beerdigung wieder verschwinden würde. Doch er war der Trauergemeinde zum Familiensitz der Louvardis gefolgt. Seit einigen Minuten beobachtete er bereits die Szene von der Türschwelle aus und wirkte wie ein General am Rand des Schlachtfelds, der versuchte, den Ausgang des Kampfes abzuschätzen.

Und dann, gerade als sie glaubte, dass er sich nun abwenden und gehen würde, kam Sarantos näher.

Atemlos beobachtete sie, wie die Besuchermenge sich vor ihm teilte. In körperlicher Hinsicht konnten allein Selenes Brüder ihm das Wasser reichen – alle anderen wirkten neben ihm klein und unbedeutend. Auf jedem anderen Gebiet war er konkurrenzlos.

Ihre Brüder trugen ihren gesellschaftlichen Status wie eine zweite Haut. Selene wusste, dass Frauen die Louvardis-Söhne so unwiderstehlich fanden wie Motten das Licht. Ihrer eigenen Meinung nach hatten ihre Brüder allerdings nichts von Sarantos’ magischer Anziehungskraft, seinem erbarmungslosen Charisma, der faszinierenden Gefahr, die er ausstrahlte.

Auch jetzt traf Selene eine überwältigende Welle des Verlangens. Aristedes Sarantos war verführerisch, bezwingend, unentrinnbar.

Ihre Brüder waren die Einzigen, die nicht vor ihm zurückwichen. Stattdessen starrten sie ihn mit einer Feindseligkeit an, die sich über zehn Jahre aufgebaut hatte. Selene befürchtete, Damon, der Jüngste der drei, könnte Sarantos abfangen und ihn vor die Tür setzen. Sein Gesichtsausdruck verriet, wie schwer es ihm fiel, sich zurückzuhalten. Doch schließlich tat er es seinen älteren Brüdern gleich und strafte Sarantos mit Missachtung.

Plötzlich hatte Selene ihre Geschwister unendlich satt.

Ganz egal was sie tatsächlich dachten oder fühlten, allein aus Respekt vor ihrem Vater hätten sie sich so verhalten müssen, wie er es getan hätte. Und nie im Leben wäre Hektor Louvardis einem Gast so abweisend und verächtlich gegenübergetreten – nicht einmal seinem Erzfeind Sarantos.

Gerade wollte sie ihren ältesten Bruder Nikolas ermahnen, seine Rolle als neues Familienoberhaupt zu wahren und die Kondolenz gnädig entgegenzunehmen, da traf es sie wie ein Schlag: Sarantos kam direkt auf sie zu.

Als sein stählerner, durchdringender Blick den ihren traf, erstarrte sie.

Ihr stockte der Atem. Sie konnten keinen klaren Gedanken mehr fassen, während Sarantos sich mit langen, kraftvollen Schritten näherte. Nur schemenhaft nahm sie wahr, dass die Gäste die Szene neugierig beobachteten.

Dann stand er vor ihr, und mit ihm schien die ganze Welt stillzustehen. Plötzlich gab es nichts mehr außer seiner beeindruckenden, hoch aufragenden Gestalt. Selene fühlte sich winzig und zerbrechlich, obwohl sie alles andere war als das.

Mit ihren Fünf-Zentimeter-Absätzen war sie einen Meter achtzig groß, doch neben Sarantos wirkte sie klein und zart. Ihr war nie aufgefallen, dass er so imposant war, so … unglaublich. Und dabei sah er nicht einmal gut aus. Nein, „gut aussehend“ wäre sogar noch eine Untertreibung. Er war … einmalig. Die personifizierte Macht und Männlichkeit. Und Selene wusste, dass in dieser unverwechselbaren Verpackung ein nicht weniger eindrucksvoller Verstand steckte, was Sarantos’ betörende Wirkung auf sie noch verstärkte.

Bei diesem Gedanken zuckte sie innerlich zusammen. Dies war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt, um die Schwärmerei wiederaufleben zu lassen, die sie hegte, seit sie Sarantos zum ersten Mal gesehen hatte. Obwohl sie noch ein junges Mädchen gewesen war, hatte sie schnell begriffen, dass die Sache aussichtslos war. Nicht nur, weil Sarantos der Feind der Familie war, sondern auch, weil er sich überhaupt nicht für andere Menschen interessierte. Trotzdem hatte sie keine Gelegenheit ausgelassen, um ihrer Faszination neue Nahrung zu geben und ihm so oft wie möglich nahe zu kommen.

Doch nie zuvor war sie ihm so nah gewesen wie jetzt. Noch nie hatte er sie so intensiv angesehen. Die Farbe seiner Augen erinnerte sie an geschmolzenen Stahl, an unentrinnbare Strudel, die …

In Gedanken verpasste sie sich eine Ohrfeige.

Hör auf, dich wie ein Schulmädchen zu benehmen, das gerade seinem Popidol begegnet ist! Los, sag was!

Sie räusperte sich. „Mr Sarantos.“ Dann streckte sie die Hand aus. „Danke, dass Sie gekommen sind.“

Er antwortete nicht, ergriff auch nicht ihre Hand. Stattdessen blickte er einfach geistesabwesend zu ihr herunter, als nähme er sie gar nicht wahr. Verlegen ließ sie ihre Hand wieder sinken und blickte zu Boden.

„Es tut mir leid, dass er tot ist.“

Seine Stimme, tief, dunkel und abgründig, ließ Selenes Körper vibrieren. Doch es war die Bedeutung seiner Worte, die sie wieder seinen undurchdringlichen Blick suchen ließ.

Kein „Mein Beileid“, das Mantra, das all die anderen Gäste unablässig wiederholt hatten. Dieser Mann war nicht gekommen, um Selene oder einem anderen Familienmitglied gegenüber Mitgefühl zu bezeigen – oder zu heucheln.

Aristedes Sarantos war um seiner selbst willen hier. Er bedauerte es wirklich, dass ihr Vater gestorben war. Und plötzlich begriff sie auch, warum.

„Sie werden die Kämpfe mit ihm vermissen, nicht wahr?“

Sein Blick bohrte sich in ihren, und trotzdem hatte sie immer noch nicht das Gefühl, dass ihre Anwesenheit irgendeine Bedeutung für ihn hatte. „Mein Leben war durch ihn … interessanter. Das werde ich vermissen.“

Wieder kümmerte ihn nur, was der Tod ihres Vaters für ihn selbst bedeutete. Seine Ehrlichkeit, seine Weigerung, sich den Anstandsregeln zu beugen und sich den Erwartungen entsprechend zu verhalten, verschlugen ihr den Atem. Und schenkten ihr die Freiheit, zu ihren eigenen egoistischen Gefühlen zu stehen.

Eines Tages würde sie den Tod ihres Vaters, der nur sechsundsechzig geworden war, wahrscheinlich als das verfrühte Ende eines erfüllten, glücklichen Lebens sehen können. Aber im Moment konnte sie nur an ihren eigenen Verlust denken. Sie vermisste ihren Vater schmerzlich. Seit seinem Tod hatte sich eine gähnende Leere in ihr ausgebreitet.

„Mein Leben war durch ihn … so vieles, was es ohne ihn nicht mehr sein wird“, flüsterte sie. „Und ich werde all das vermissen.“

Erneut zeigte Sarantos nicht das geringste Mitgefühl.

Nach kurzem Schweigen sagte er: „Er war nicht krank.“

Keine Frage, sondern eine Feststellung. Selene nickte, schüttelte dann den Kopf und spürte, wie sich ihr die Kehle zuschnürte. Eigentlich war sie nicht sicher. Krank gewirkt hatte ihr Vater nicht. Aber er hätte auch nie irgendeine Schwäche zugegeben, und eine Krankheit hätte er um jeden Preis verborgen gehalten.

„Und er ist gestern um kurz nach elf gestorben.“

Tatsächlich war ihr Vater um diese Zeit tot in seinem Büro aufgefunden worden. Selene hatte keine Ahnung, woher Sarantos das wusste.

Er fuhr fort: „Um neun, nur ein paar Stunden vorher, hatte meine Rechtsabteilung wegen unserer Zusammenarbeit für die britische Marine mit Ihren Anwälten Kontakt aufgenommen.“

Darüber wusste sie Bescheid. Immerhin war sie diejenige gewesen, die mit Sarantos’ Rechtsabteilung gesprochen hatte. Später hatte sie ihrem Vater Sarantos’ Angebot telefonisch übermittelt. Ihrer Meinung nach waren die Bedingungen rücksichtslos, aber letzten Endes fair und vorteilhaft für alle Beteiligten gewesen.

„Hektor hat mich um elf angerufen.“

Als Selene den Namen ihres Vaters aus seinem Mund hörte, wurde ihr für einen Augenblick schwindelig. Man hätte fast meinen können, dass Sarantos von einem Freund sprach.

„Er hat mich in Grund und Boden geschrien und dann wieder aufgelegt. Und nicht mal eine Stunde später war er tot.“

Ehe sie etwas erwidern konnte, nickte Sarantos ihr knapp zu und machte auf dem Absatz kehrt.

Verblüfft sah sie ihm nach, bis er die Villa verlassen hatte.

Und das war’s? Er war einfach so vorbeigekommen, um ihr mitzuteilen, dass er ihren Vater in den Tod getrieben hatte? Aber warum?

Andererseits: Seit wann verstand überhaupt irgendjemand, was im Kopf von Aristedes Sarantos vor sich ging?

Auf einmal wurde ihr alles zu viel. Sollten ihre Brüder sich mit den Beileidsbekundungen der Gäste herumschlagen! Sie musste hier weg, und zwar sofort. Einfach weg!

Mit zitternden Knien, den Tränen nah, hastete sie aus dem Haus und zu ihrem Wagen. Vielleicht würde es ihr helfen, ein bisschen herumzufahren, die Tränen fließen zu lassen und so den Druck abzubauen, der sich in ihr aufgestaut hatte.

Als sie aus der Einfahrt auf die Straße einbog, sah sie ihn.

Es war stockdunkel, und er stand außerhalb des Lichtkegels der Straßenlaterne, trotzdem erkannte sie ihn auf Anhieb.

Aristedes Sarantos. Von der anderen Straßenseite aus beobachtete er die Villa wie ein einsamer Wächter in der Nacht.

Selene, die gerade noch mutlos und verzagt gewesen war, fühlte plötzlich Neugier und Aufregung. Ihr Herzschlag beschleunigte sich.

Warum war er noch hier?

Sie beschloss, ihn zu fragen, und wendete den Wagen. Sekunden später hielt sie vor Sarantos und ließ das Fenster hinunter.

„Sind Sie nicht mit dem Auto hier?“

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis er seinen Blick von der Villa löste und Selene ansah. Fast unmerklich zuckte er die Achseln. „Den Wagen habe ich weggeschickt. Ich wollte zu Fuß zum Hotel zurückgehen.“

Ohne nachzudenken, entriegelte sie die Wagentüren. „Steigen Sie ein.“

Er blickte auf sie herunter. Nach einer Weile umrundete er ihr Auto, öffnete die Beifahrertür und schwang seinen muskulösen Körper mit der Anmut und Eleganz eines Leoparden auf den Sitz.

Selene fühlte sich wie elektrisiert, ihre Nerven waren zum Zerreißen gespannt. Plötzlich hatte sie das Gefühl, dass der Sauerstoff im Wagen knapp wurde. Und das nur, weil Sarantos sie mit der Schulter gestreift hatte, ehe er seinen Kopf in ihre Richtung wandte und in der Position erstarrte.

Sie wusste, dass sie ihn fragen sollte, in welchem Hotel er wohnte, dass sie losfahren musste. Aber er war ihr so nah, dass sie einfach keinen klaren Gedanken mehr fassen konnte. Und das, obwohl er sie nicht einmal richtig wahrzunehmen schien. Wie würde sie sich wohl erst fühlen, wenn er …

Hör auf, du Idiotin! Du bist eine achtundzwanzigjährige Topanwältin, kein verknallter Teenager!

Er ergriff das Wort, um ihr den Namen des Hotels zu nennen. Danach verfiel er sofort wieder in Schweigen. Ein quälendes, erstickendes Schweigen, in dem eine ganze Flut widersprüchlicher Emotionen mitschwang.

Bis heute war Selene überzeugt gewesen, dass Aristedes Sarantos überhaupt keine Gefühle hatte.

Zwanzig Minuten später hielt sie vor dem Eingang eines der 5-Sterne-Hotels, in denen Sarantos für gewöhnlich lebte, wenn er nach New York kam. Der Mann, der genug Geld besaß, um sich ein kleines Land zu kaufen, schien kein Zuhause zu haben.

Er öffnete die Wagentür. Als Selene schon glaubte, dass er ohne ein weiteres Wort aussteigen würde, wandte er sich zu ihr um. Wieder stockte ihr der Atem. Seine Augen glänzten im Dämmerlicht. Sarantos blickte sie so einsam und verloren an, dass Selene ein kalter Schauer über den Rücken lief.

„Danke.“ Er sprach eine Oktave tiefer als sonst. Dann fügte er hinzu: „Wir sehen uns auf dem Schlachtfeld.“

Er wandte sich ab. Wenn er jetzt aus dem Wagen stieg, würde sie ihn nie wiedersehen – außer in der Rolle des Feindes. Doch ehe sie sich in den nächsten Kampf stürzten, musste sie noch etwas wissen.

„Geht es Ihnen gut?“, fragte sie, während sie das Bedürfnis unterdrückte, die Hand nach ihm auszustrecken, sein Gesicht zu streicheln, ihm anzubieten, ihn … was auch immer.

Er hielt inne und drehte sich mit gehobenen Brauen wieder um. „Und Ihnen?“

Stockend atmete sie ein. „Was glauben Sie denn?“

„Dass Sie meinen, dass Sie sich besser fühlen würden, nachdem Sie mich ins Kreuzverhör genommen haben. Das glaube ich.“

Überrascht stellte sie fest, dass er sie tatsächlich zum Lachen gebracht hatte. „Bin ich wirklich so durchschaubar?“

Sein Blick verdüsterte sich. „Im Moment ja. Also, schießen Sie los.“

„Hier?“

„Wenn Sie wollen. Aber natürlich können Sie mich auch auf mein Zimmer begleiten.“

So wie er das sagte, musste sie wieder lachen. Was allerdings nichts daran änderte, dass sie plötzlich am ganzen Körper zitterte.

Sarantos griff mit einer seltsam beruhigenden Geste nach ihrer Hand. „Wann haben Sie zuletzt etwas gegessen?“

Eine gute Frage. Wahrscheinlich war sie nur deswegen so durcheinander, weil der Tag so anstrengend gewesen und ihr Blutzuckerspiegel im Keller war. „Gestern Morgen.“

„Dann sind wir schon zwei. Kommen Sie, gehen wir etwas essen.“

In der nächsten halben Stunde ließ sich Selene einfach von ihm führen. Er brachte sie in seine Suite, bestellte Cordon bleu und ermutigte sie zu essen, indem er ihr demonstrierte, wie man eine Mahlzeit systematisch vernichtet.

Es fühlte sich unwirklich an, sich von Aristedes Sarantos umsorgen zu lassen. Aber noch seltsamer war es, sich in seiner Suite zu befinden und sich trotzdem nicht bedroht zu fühlen. Selene war sich nicht ganz sicher, ob sein unerwartet galantes, zuvorkommendes Verhalten sie freute oder enttäuschte.

Nach dem Essen führte er sie in die Sitzecke der Suite und servierte ihr einen Kräutertee. Während des Essens hatten sie nicht viel geredet. Selene war zu zittrig gewesen, und Sarantos schien ganz in Gedanken versunken zu sein.

Jetzt blieb er, die Hände in den Hosentaschen, nur einen Schritt von ihr entfernt stehen und ergriff ganz plötzlich das Wort.

„Wir haben öfter gestritten, als ich zählen kann, aber unser letzter Konflikt war anders. Er war außer sich. Es war eine richtige … Hasstirade.“

Plagten Sarantos etwa Schuldgefühle, weil ihr Vater gestorben war? Hatte er überhaupt ein Gewissen? Selenes Vater hatte stets behauptet, dass menschliche Gefühle Sarantos fremd waren.

„Sie glauben, dass Sie ihn zu sehr provoziert haben“, flüsterte sie. „Und dass Sie deswegen an seinem Tod schuld sind.“

Er atmete laut aus und schüttelte den Kopf. „Nein, ich denke, dass er sich übernommen hat. Dass er sich viel zu sehr hineingesteigert hat in seine Manie, mich auf keinen Fall gewinnen zu lassen.“

„Aber trotzdem fühlen Sie sich offenbar verantwortlich.“

Er wehrte sich nicht gegen ihre Unterstellung. „Ich habe seine Feindseligkeit nie verstanden. Wir waren keine Rivalen, wir haben in ganz unterschiedlichen Bereichen gearbeitet. Eigentlich hätten wir Verbündete sein sollen.“

„Das hat er auch einmal gesagt.“

Ganz offensichtlich war das eine verstörende Neuigkeit für Sarantos. Sein Gesichtsausdruck wurde noch trostloser. „Und trotzdem hat er mich und meine Herkunft so sehr missbilligt, dass er mir nicht die Hand reichen konnte.“

„Mein Vater war kein Snob“, wies Selene ihn mit scharfer Stimme zurecht.

Er zuckte gleichgültig die Achseln. Ihr plötzlicher Ärger schien ihm nicht einmal aufzufallen. „Er hätte es wohl nicht als Snobismus bezeichnet. Manches gehört einfach zur griechischen Seele. Sie können das nicht verstehen; Sie sind ja hier in Amerika geboren.“

„Vielleicht bin ich mehr Amerikanerin als Griechin, aber trotzdem kenne ich meinen Vater gut genug, um zu wissen, dass er keinen Dünkel hatte.“

„Ach, ist das so?“

Nur vier Worte, doch ihre Wirkung war gewaltig. Plötzlich war Selene sich nicht mehr so sicher, wie viel sie wirklich über ihren Vater wusste. Und das machte sie wütend.

Sie fuhr hoch und warf Sarantos einen giftigen Blick zu. „Ich war nicht nur seine Tochter, sondern auch seine Schülerin und später seine Geschäftspartnerin.“

Ne!“ In seiner Stimme schwang Belustigung mit, doch seine Miene hellte sich nicht auf. Dann warf er Selene zum ersten Mal überhaupt einen Blick zu, der wirklich ihr galt. Es war, als würde er jetzt erst begreifen, dass sie wirklich hier war. „Und eine würdige Kriegerin in seinen Reihen. Ich musste höllisch aufpassen, um die ganzen Fallstricke zu entdecken, die Sie bei unseren letzten Verhandlungen ausgelegt hatten“, erklärte er amüsiert.

Eine Hitzewelle durchfuhr ihren Körper. Anfangs hatte sie noch gedacht, er sei ihr auf den Leim gegangen. Seine Rechtsabteilung jedenfalls war blind in ihre Falle getappt. Er jedoch nicht.

„Sie haben schließlich einen Ausweg gefunden.“ Sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen, erinnerte sich daran, wie verärgert sie damals gewesen war. Wie erregt. Wie verbissen sie sich bemüht hatte, ihm neue Steine in den Weg zu legen.

Zum ersten Mal verzogen sich seine schön geschwungenen Lippen zu etwas, das entfernt an ein Lächeln erinnerte. „Nicht dass Sie es damit hätten gut sein lassen.“

Als sie die feurige Leidenschaft in seinem Blick bemerkte, zuckte sie zusammen. Sarantos’ Gesichtsausdruck erinnerte sie an den rauschhaften Zustand während ihres Zweikampfes, an das Hochgefühl, sich mit ihm zu duellieren. In den letzten Jahren hatte sie genauso oft gegen ihn gewonnen wie verloren. Doch bei ihrer letzten Schlacht hatte sie das Gefühl gehabt, dass er sie endgültig durchschaut hatte und nie wieder auf ihre Taktiken hereinfallen würde.

Plötzlich stellte er seine Teetasse ab und kam mit lässigen Schritten auf Selene zu. Und er hielt erst an, als seine Beine fast ihre Knie berührten.

Der Blick, den er ihr zuwarf, ließ sie in die Kissen zurücksinken. Er war voller Bewunderung. Herausfordernd. Und er galt nur ihr.

„Sie sind gut. Die Beste, mit der ich mich je herumschlagen musste. Und Sie haben mich eine Menge Zeit und Geld gekostet. Aber am Ende gewinne ich immer. Ich bin Ihnen zehn Jahre voraus, und anders als Sie habe ich nur aus einem einzigen Grund gelernt, mich mit diesen unsäglichen Rechtsfragen auseinanderzusetzen: Um gegen die Regeln zu spielen und am Ende trotzdem eine weiße Weste zu haben.“

Selene hüstelte abschätzig. „Und dann behaupten Sie, dass Sie die Feindseligkeit meines Vaters nicht verstehen.“

„Na gut, dann habe ich sie eben verstanden. Das heißt aber nicht, dass ich sie auch akzeptierte. Er hätte meine Fähigkeiten für sich nutzen sollen. Ich habe ihn ergänzt.“

„Aber seine und Ihre Vorstellungen davon, wie man Geschäfte macht, hätten nicht unterschiedlicher sein können.“

„Und das bedeutet, dass meine falsch sind?“

„Für Sie zählt nur der Erfolg, egal um welchen Preis.“

„Genau darum geht es im Geschäftsleben.“

„Mein Vater sah das anders.“

„Nein.“

In dieser einen Silbe lag so eine Endgültigkeit, dass Selene nichts erwiderte.

Als sie das Schweigen nicht mehr ertragen konnte, beschloss sie, ein weiteres schwieriges Thema anzuschneiden.

„Ich habe von der Sache mit Ihrem Bruder gehört“, flüsterte sie.

Erst vor fünf Tagen war Sarantos’ jüngster Bruder bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Allerdings wäre Selene nie auf die Idee gekommen, ihrem Erzfeind ihr Beileid zu bekunden, geschweige denn auf der Beerdigung aufzutauchen.

Er nahm neben ihr Platz. Dort, wo sein Oberschenkel ihren streifte, schien er selbst durch den Stoff ihrer Hose hindurch ihre Haut zu versengen. Sarantos’ Blick war undurchdringlich geworden.

„Wollen Sie jetzt etwa behaupten, dass es Ihnen leidtut, dass er tot ist?“, stieß er hervor.

Sie schüttelte den Kopf, spürte seinen Schmerz, der ebenso groß war wie ihrer. „Ich kannte ihn doch überhaupt nicht. Nicht so, wie Sie meinen Vater kannten. Sie waren so ehrlich, mir nichts vorzuheucheln, und das möchte ich auch sein. Mir tut es leid, dass Ihr Bruder tot ist, aber nur für Sie.“

Plötzlich schlang er einen Arm um ihre Taille.

Selene entfuhr ein erstickter Schrei, als Sarantos sie gegen seine breite, muskulöse Brust zog. Ganz ohne ihr Zutun reagierte ihr Körper auf seinen, schmiegte sich an ihn.

Einen leidenschaftlichen Moment lang blickte Sarantos ihr tief in die Augen. In seinem Blick lag ein unendliches Begehren – und die Forderung, dass sie sich ihm bedingungslos ergab. Dann spürte sie seine Lippen auf ihren.

Ein hungriges Grollen entfuhr ihm, als seine Zunge auf ihre traf. Sein Kuss entzündete ein brennendes Verlangen, das Selene den Verstand vernebelte.

Es war, als würde in ihrem Innern ein Damm brechen. Sie glaubte, in Sarantos’ Geschmack und Duft, seiner Wildheit und Dominanz zu ertrinken. Mit warmen, fordernden Berührungen eroberte er ihren Körper, hielt nirgendwo lange genug inne, um ihr Begehren zu stillen. Wie von Sinnen drängte sie sich ihm entgegen, keuchte, stöhnte, bettelte, ohne zu wissen, worum.

Der Druck in ihr war kaum mehr auszuhalten. Keuchend umklammerte sie seine Arme, bis er Mitleid bekam. Doch er hielt nur inne, um mit raschen Bewegungen die Bluse aus Selenes Hose zu zerren. Seine Hände fühlten sich auf ihrer Haut wie kochende Lava an. Als er Selenes pralle Brüste von ihrem BH befreite, stöhnte sie vor Erregung und Erleichterung laut auf. „Bitte …“

Er sah ihr tief in die Augen, ließ ihr keinen Ausweg. All seine Leidenschaft, seine ungezähmte Gier lag in diesem Blick. Und sie begriff, dass sie bereit war – zu allem, was er mit ihr vorhatte …

Was um Himmels willen tat sie da? Dieser Mann war Aristedes Sarantos! Der Feind ihrer Familie, ihr Feind!

„Sag Nein“, stöhnte er, als er sich wieder über sie beugte und ihren Hals zu küssen begann. „Sag mir, dass ich aufhören soll. Wenn du mich nicht aufhältst, nehme ich mir alles. Alles und mehr als das.“

Seine Worte löschten jeden Zweifel über den unerwarteten Verlauf des Abends aus. Plötzlich war Selene sich absolut sicher, wie es weitergehen würde. Wie es weitergehen musste.

Sie konnte nicht Nein sagen. Sie könnte es nicht ertragen, wenn er aufhörte.

„Ich sage nicht Nein. Ich will es nicht.“

„Dann sag mir, dass ich nicht aufhören soll. Sag mir, dass …“ Er unterbrach sich, löste sich von ihr und stöhnte auf, als würde er Höllenqualen erleiden. „Theos, ich muss aufhören. Ich muss dich wegschicken.“ Als sie protestieren wollte, presste er frustriert hervor: „Ich habe keine Kondome.“

Ihr Herz pochte schmerzhaft gegen ihre Rippen vor Enttäuschung. Sollte dieser magische Augenblick so einfach enden? Das konnte, das wollte sie nicht zulassen.

„Ich bin gesund, und … es ist die falsche Zeit im Monat.“ Die Worte blieben ihr fast im Hals stecken.

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