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Wenn aus Sünde Liebe wird

1. KAPITEL

Die Besitzerin des Freudenhauses nahm sie wortlos an der Tür in Empfang, fragte auch nicht nach ihrem Namen oder warum sie hier nach einem ganz bestimmten Mann suchte. Sie zeigte sich weder unterwürfig, noch wirkte sie sonderlich interessiert. Offensichtlich ist es ihr gleichgültig, was ich mit meiner Zeit oder meinem Ruf in diesem Etablissement anzufangen gedenke, dachte Victoria. Sie nahm an, dass der Earl of Stanton der Frau genug gezahlt hatte, um ihren Mangel an Neugier zu gewährleisten.

Und was machte es schon, dass sie, um die Wahrheit zu erfahren, eine Hure spielen musste? Wenn das Ergebnis war, dass sie mit dem Tod ihres Gatten abschließen konnte, lohnte sich jedes Opfer. Denn was wäre, wenn der ihr angetraute Mann durch den Verrat eines Untergebenen umgekommen war, und sie blieb tatenlos, obwohl sie es wusste? Dann hätte sie ihn als Witwe ebenso enttäuscht wie zuvor als Ehefrau. Bis sie sicher war, dass der arme Charles sanft ruhen konnte, würde sie selbst keine Ruhe finden.

Die Bordellwirtin führte sie durch den Empfangssalon und dann einen mit obszönen Bildern und roten Draperien geschmückten Gang entlang. Schließlich öffnete sie ihr eine der vielen Türen. „Ich kenne den Mann, den Sie suchen, und ich kenne seinen Geschmack.“ Kritisch musterte sie Victoria, wie eine Ware, die sie ausstellen wollte. „Er wird Sie bestimmt wählen, wenn Sie denn den Mut haben, ihn zu empfangen.“ Einen Moment wartete sie, wie um ihre Besucherin empört oder zögernd zu sehen. Als das nicht eintrat, fuhr sie fort: „Tom Godfrey ist bei unseren Mädchen hier bekannt, er gilt als reinlich, fein und freundlich. Einen Abend in seiner Gesellschaft zu verbringen bedeutet keinerlei Gefahr für Sie.“ Mit einem befriedigten Lächeln ergänzte sie: „Im Gegenteil, die eine oder andere wird Sie um Ihr Glück beneiden.“

Obwohl Victoria das ehrlich bezweifelte, schwieg sie still.

Mit einer Geste lud die Frau sie in das kleine Zimmer direkt vor ihnen ein, wo sie auf einen Seidenvorhang neben der Tür zeigte und ihn dann ein Stück zur Seite zog. Dahinter befand sich ein messinggefasster Spion. Sie gab keine weitere Erklärung ab, doch Victoria war klar, was von ihr erwartet wurde. Wenn Lieutenant Godfrey hergeführt wurde, würde man draußen auf dem Gang für ihn eine Draperie oder ein Bild zur Seite schieben, um ihm einen ersten Blick auf die Frau zu gestatten, die drinnen wartete. Die wiederum sollte ihn ihrerseits mit Gesten und Bewegungen verführen, wobei sie vorgeben würde, nicht zu wissen, dass sie beobachtet wurde. Victoria nickte verstehend.

Die Besitzerin des Freudenhauses erwiderte das Nicken. „Bleiben Sie hier, ich sorge dafür, dass er sie findet.“ Damit ging sie hinaus und schloss die Tür hinter sich.

Victoria schaute sich in dem Zimmer um, verwundert, dass es sich kaum von einem gewöhnlichen Schlafraum unterschied. Die Wände waren schlicht mit cremefarbener Seide bespannt, es gab keine Bilder oder sonstige schmückende Dinge. Das Mobiliar bestand aus einem Garderobenschrank mit seitlichen Kleiderhaken, einem kleinen Frisiertisch mit Spiegel und einem großen, in jungfräulichem Weiß bezogenen Bett.

Sie fragte sich, ob dieser Raum dem Verlust der Unschuld vorbehalten war. Sicherlich war das nicht der richtige Ort für sie. Das hatte sie längst hinter sich. Und dennoch … Während sie ihren Umhang ablegte, überlief sie ein Schauer, der nichts mit der Temperatur im Zimmer zu tun hatte.

Als sie mit ihrer ungewöhnlichen Bitte an den Earl of Stanton, einen Freund ihres Gatten, herangetreten war, hatte der sie zuerst als närrisch abgewiesen. Vielleicht habe ihr Gatte den Verdacht gehegt, dass es einen Spion in seiner Kompanie gab. Allerdings sei sein Tod kein Beweis dafür. Soldaten müssten mit dem Tod rechnen, das wisse sie doch sicher. Immerhin sei sie ihrem Gemahl doch nach Spanien gefolgt, habe die Folgen der Schlachten gesehen, nicht wahr?

Sie hatte eingewendet, dass ihr Charles nicht in der Schlacht gestorben war, sondern wegen falscher Informationen. Er und seine Männer waren völlig ahnungslos auf dem Marsch in einen Hinterhalt geraten. Des Öfteren hatte ihr Gemahl das merkwürdige Verhalten Lieutenant Godfreys erwähnt und die Überzeugung geäußert, dass mit ihm etwas nicht ganz geheuer sei. Ihr schien es kein Zufall, dass der Mann, den ihr Gatte verdächtigte, als Einziger völlig unbeschadet dem Massaker entkommen war.

Stanton hatte angeführt, dass sie keinerlei Beweise hatte, dass der Mann in bestem Ruf stand und dass er zudem nicht mehr der Gerichtsbarkeit der Armee unterstand, da er in einem späteren Kampf schwer verwundet worden, aus dem Dienst ausgeschieden und nach London zurückgekehrt war. Dann hatte Stanton ihr im Spott den Vorschlag gemacht, sie möge den Mann doch aufsuchen und ihn persönlich befragen.

Als sie sich mit Eifer auf diese Idee stürzte, schlug er andere Töne an und versuchte, ihr Angst zu machen. Er erklärte, Godfrey verkehre an Orten, die eine ehrbare Lady nicht betreten könne. Ob sie etwa, um ihn zu finden, übel beleumdete, unsittliche Häuser besuchen wolle?

Da hatte sie die Schultern gestrafft und gesagt: „Wenn es sich als notwendig erweist, auch das.“

Und eben diese Notwendigkeit hatte sie nun hierher geführt.

Victoria suchte nach dem Rückenverschluss ihres Kleides und begann es zu öffnen. Für den Besuch hier hatte sie ihre Trauerkleidung abgelegt, denn obwohl Schwarz zu ihrer Stimmung passte, passte es doch nicht zu dem, was sie hier darstellen wollte. Rot allerdings hatte sie zu offensichtlich gefunden, also war sie auf Grün ausgewichen. Sie mochte die Farbe, hatte allerdings seit ihrer Eheschließung nichts so geradezu Frivoles mehr getragen. Sie zog es aus und hängte es an einen Haken des Garderobenschrankes.

Nun stand sie da in Unterröcken und Hemd und starrte im Spiegel ihr bleiches Gesicht an. Sie konnte unmöglich Angst zeigen, wenn er sie aufsuchte! Stanton hatte angeführt, dass sie entsetzt über das sein würde, was von einer Frau an einem solchen Ort erwartet wurde.

Entschlossen hob sie das Kinn und musterte sich noch einmal im Spiegel. Sie kniff sich in die Wangen, um ihnen Farbe zu verleihen. Stanton hatte sie entgegnet, dass sie kein Schulmädchen mehr sei und sich nicht vor etwas fürchte, das sie als Ehefrau viele Male schon getan habe.

Derartig offene Worte hatten den armen Mann erröten lassen. Er hatte gefleht, sie möge von ihrem Vorhaben ablassen und alles vergessen, was er ihr diesbezüglich gesagt hatte.

Natürlich war sie bei ihrem Entschluss geblieben. In Anbetracht der verdächtigen Umstände seines Todes hätte ihr Gemahl erwartet, dass sie entsprechende Maßnahmen ergriff. Obwohl Charles ein guter Ehemann gewesen war, hatte er sie doch manchmal nicht anders behandelt als seine Soldaten, hatte nicht nur Ergebenheit, sondern Loyalität, Gehorsam und Mut verlangt. Wenn der Earl of Stanton dieser Angelegenheit nicht nachzugehen gedachte, musste sie selbst handeln. Und mit seinem Rat würde ihr das besser gelingen als auf sich gestellt.

Als er sah, dass er sie nicht umstimmen konnte, hatte er ihr, unter bedenklichem Kopfschütteln zwar, die Adresse dieses Hauses gegeben und ihr versprochen, alles zu arrangieren, so sehr es ihm auch widerstrebte.

Sie erstarrte. Wie ein Lufthauch strich es über ihre bloßen Arme. Es schien von der Wand hinter ihr zu kommen. Er war da, beobachtete sie.

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