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Wenn aus Freundschaft Liebe wird …

Karen Templeton

Wenn aus Freundschaft Liebe wird …

1. KAPITEL

Lili Szabo saß in einer stickigen Küche in Neuengland, wo sie nicht zu Hause war, und schälte Kartoffeln in eine Plastikschüssel, die nicht ihr gehörte. So habe ich mir mein Leben nicht vorgestellt, dachte sie missmutig. Verwaist, allein und auf einem spontanen Besuch bei amerikanischen Verwandten, die sie bis auf wenige Ausnahmen nicht kannte oder kaum erinnerte.

„Kommst du zurecht, Liebes?“, rief ihre Tante Magda Vaccaro von der Tür her.

Lili verdrängte ihr Selbstmitleid und lächelte. „Ja. Geh nur zu deinen Gästen, und genieß deine Party. Hier ist alles unter Kontrolle.“

„In diesem Haus? Niemals!“, widersprach Magda entschieden. Sie war ebenso stolz auf ihren ausgeprägten Akzent wie auf ihre blonde Hochfrisur und das theatralische Make-up, das sie noch immer auflegte, obwohl sie Ungarn und dem Zirkusleben vor über vierzig Jahren den Rücken gekehrt hatte. Normalerweise zwängte sie sich in enge Hosen und noch engere Oberteile, doch für diesen Tag hatte sie einen Sari gewählt, der mit schillernden Pailletten bestickt war. Dazu trug sie hochhackige Sandaletten und reichlich funkelnden Schmuck.

Die meisten Menschen verblassten neben ihr. Denn sie verstand es, sich auch ohne Rampenlicht in Szene zu setzen.

Angesichts dieser Extravaganz fühlte Lili sich in ihrem schlichten weißen Sommerkleid doch sehr unscheinbar.

Ihr Onkel Benny kam herein, holte sich ein Appetithäppchen von einer Platte und einen Kuss von Magda.

Lilis Selbstmitleid kehrte prompt zurück. Plötzlich war sie es leid, immer brav, verlässlich und vernünftig zu sein.

„Hat Tony sich schon blicken lassen?“, wollte Benny wissen.

Unwillkürlich horchte sie auf, obwohl der Name in italienischen Familien sehr gängig war und es sich daher nicht unbedingt um den gewissen Tony handeln musste.

„Noch nicht.“ Magda seufzte. „Aber der Junge kommt ja nie pünktlich, seit Marissa gestorben ist. So ein Jammer.“

Also doch.

Allerdings war es höchst unwahrscheinlich, dass der Tony von damals sich nach all den Jahren nicht verändert hatte, zumal er inzwischen Vater von drei kleinen Mädchen und seit knapp einem Jahr Witwer war. Was in aller Welt konnten sie jetzt noch gemeinsam haben?

Was hat euch denn jemals verbunden?

Benny beugte sich über Magda und gab ihr noch einen Kuss, bevor er aus dem Raum schlenderte wie ein Mann, der mit sich und der Welt absolut zufrieden ist.

Lili schälte weiter und dachte, dass Tony nach all der Verspätung vielleicht gar nicht mehr auftauchte.

„Müssen wir unbedingt dahin?“

Tony Vaccaro hatte alle Hände voll zu tun, um seine zweijährige Tochter anzuziehen, die sich kichernd wie ein Aal schlängelte. Er warf einen Blick zu seiner Ältesten, die mit gerunzelter Stirn in der Tür stand. „Ja, das müssen wir“, erwiderte er, obwohl es auch ihm nicht unbedingt zusagte, für den ganzen Clan eine heitere Miene aufzusetzen. Aber es hätte ernste Konsequenzen nach sich gezogen, die Einladung zur alljährlichen Geburtstagsfeier seiner Tante Magda abzulehnen. „Es wird uns allen guttun, mal aus dem Haus zu kommen und mit anderen Leuten zu reden. Außerdem hast du doch bestimmt nichts Wichtigeres in deinem Terminkalender stehen, oder?“

Endlich gelang es ihm, der Kleinen das Kleid über den Blondschopf zu ziehen. Aufatmend strich er sich sein eigenes Haar aus der Stirn, das etwas zu lang und nicht blond war. Josie nutzte den günstigen Augenblick und sprang vom Bett. Er packte sie mit einem Arm um die Taille und setzte sie zurück auf die Matratze, um ihr die Schuhe anzuziehen. „Sitz doch mal still!“

„Oh mein Gott! So kannst du sie aber unmöglich aus dem Haus lassen!“

Tony schloss die Augen, holte tief Luft und drehte sich zu Claire um. Ihre verdrossene Miene kaschierte kaum den Kummer in ihren kurzsichtigen Augen. Auch er litt immer noch unter Marissas Tod. Zudem quälte es ihn, dass er seinen Töchtern nicht über die Trauer hinweghelfen konnte.

Josie klammerte sich an seinen Hals und gab ihm schmatzende Küsse auf die Wange. Sie gingen ihm nahe, diese feuchten Küsse. Er musterte seine Jüngste und fragte Claire: „Was ist denn daran auszusetzen?“

Strahlend strich Josie über den Seidenbesatz an ihrem roten Samtkleid, das sie ganz hinten in ihrem Kleiderschrank gefunden und so entschieden zu tragen verlangt hatte, wie es nur eine Zweijährige schaffte, die nach einer Kaiserin benannt war. „Ich bin hübsch.“

Claire schob sich die Brille mit dem blauen Rahmen höher auf die Nase und sagte zu Tony: „Zum Beispiel, dass es ein Weihnachtskleid ist.“

„Und was willst du damit sagen?“

„Dass sie darin umkommt, weil wir Juli haben und es mörderisch heiß ist. Außerdem bekleckert sie sich bestimmt mit Senf und Ketchup und solchem Mist.“

„Sag nicht M-i-s-t, und schon gar nicht vor deiner kleinen Schwester“, ermahnte Tony seine Tochter erschöpft. Er schloss die Klettverschlüsse an den winzigen Turnschuhen, obwohl sogar er wusste, dass sie nicht zu dem Kleid passten. Sobald er Josie auf den Fußboden stellte, sauste sie wie eine aufgezogene Laufpuppe durch den Raum und kippte die Spielzeugtruhe aus, die er gerade gefüllt hatte. „Außerdem wird ihr das Kleid zu Weihnachten sowieso zu klein sein. Also, was soll’s?“

Claire stemmte die Hände in die Hüften. „Wer zum Teufel trägt ein Weihnachtskleid zum Grillen im Hinterhof?“

Und wer zum Teufel ist dieses Kind? fragte er sich, als sein Blick auf ihre kurzen Fingernägel fiel, die mit dem roten Lack ihrer Mutter „verziert“ waren. Er wusste nie, mit wem er es bei ihr gerade zu tun hatte, da sie Tag für Tag in neue Rollen schlüpfte. Der Trauerberater behauptete, dass es sich um einen Bewältigungsmechanismus handelte. Tony dagegen wettete darauf, dass es die vorzeitige Pubertät war.

„Sag nicht ständig zum Teufel. Du weißt, dass deine Mutter es gehasst hat. Aber wenn du Josie etwas anderes anziehen willst, dann versuch es doch. Und ruf Daphne, ja? Wir sind schon spät dran.“

Claire stapfte zur Tür und schrie: „Daphne! Wir fahren los!“ Dann stolzierte sie zu Josies Kleiderschrank, wobei sie derart aufreizend mit dem breiten Po wackelte, dass Tony erbleichte. „Mom hat das Kleid damals für mich gekauft“, sagte sie leise. „Vielleicht möchte ich es ja für meine Tochter aufheben oder so.“

Es ging also gar nicht um das Kleid an sich. Claire versuchte vielmehr zu verhindern, dass ihre Welt außer Kontrolle geriet. Sie hatte schon immer heftig auf die kleinsten Veränderungen reagiert. Ein anderer Weg zur Schule, eine neue Wandfarbe in einem Zimmer oder Spaghetti am Dienstag statt wie gewöhnlich am Montag brachten sie bereits aus der Fassung. Es grenzte an ein Wunder, dass sie sich nach dem Tod ihrer Mutter überhaupt noch zurechtfand.

Mir geht es auch nicht anders, dachte Tony.

Claire holte Shorts und T-Shirt aus dem Schrank, packte Josie an der Taille und hob sie auf das Bett. „He, lass uns lieber das hier anziehen …“

„Nein!“ Trotzig verschränkte Josie die Arme vor der Brust und runzelte die Stirn wie ihre große Schwester. „Ich will nicht!“

Tonys Handy klingelte. Er stöhnte, als er die Nummer seiner Schwiegermutter auf dem Display erkannte, und nahm den Anruf an.

„Höre ich da Josie schreien?“, fragte Susan. „Ist alles in Ordnung?“

„Ja, alles bestens. Nur eine kleine Diskussion in Modefragen. Was gibt’s?“

„Ich wollte mich nur vergewissern, ob es dabei bleibt, dass wir die Mädchen morgen holen. Wir hätten nichts dagegen, sie schon heute Abend zu …“ Josies Geschrei wurde lauter. „Ist wirklich alles in Ordnung?“

„Ja, sicher. Und es ist wirklich nicht nötig, dass ihr extra so spät noch von Boston herkommt. Solche Umstände will ich euch nicht machen.“

„Wir würden es gern tun, das weißt du doch.“ Als er nicht reagierte, vergewisserte sie sich: „Aber du hast hoffentlich nichts dagegen, dass wir sie bis Montag bei uns behalten.“

„Natürlich nicht. Die Mädchen lieben es bei euch, mit dem Pool und allem. Ganz zu schweigen davon, dass ihr sie furchtbar verwöhnt.“

„Wir tun nur unsere Pflicht“, sagte Susan mit vorgetäuschter Fröhlichkeit. „Weißt du, wenn wir sie heute Abend schon hätten, könnten wir sie morgen früh mit zur Kirche nehmen und danach zum Lunch in ein Restaurant ausführen.“

„Heute haben wir schon etwas vor“, unterbrach er sanft.

„Wir versuchen nur zu helfen.“

Er seufzte, weil es zutraf. Und die Kinder waren verrückt nach ihren Großeltern. Ganz zu schweigen von dem weitläufigen zweistöckigen Kolonialbau in Brookline mitsamt Köchin, Haushälterin und dem bewussten Pool. Außerdem waren seine Schwiegereltern neben ihm die engsten Angehörigen der Mädchen, da seine Eltern vor fünf Jahren gestorben waren und seine Geschwister im ganzen Land verstreut lebten.

„Daphne!“, rief Claire vorwurfsvoll. „Was hast du denn jetzt wieder angestellt?“

„Ich muss auflegen“, sagte Tony zu seiner Schwiegermutter und klappte das Handy zu. Langsam drehte er sich zu der Siebenjährigen um, die ihm mit ihren dunklen Locken und dunkelbraunen Augen von seinen drei Töchtern am ähnlichsten sah. Dunkelbraun waren auch die Flecken auf ihrer Kleidung. „Daphne, um Himmels willen! Was ist passiert?“

„Ich habe die Tomaten gegossen. Ed ist in den Strahl gelaufen und hat sich in dem Beet gewälzt, und dann hat er sich geschüttelt.“

„Das sehe ich.“

Ed, der liebenswerte, hoffnungslos verzogene Boxer-Schäferhund-Mischling hatte den Schlamm auf das Kind übertragen und hechelte. Es schien, als ob er triumphierend grinste.

Daphne streckte die schmutzigen Hände aus, in denen sie fleckige Umschläge und Prospekte hielt. „Die Post ist da.“

„Danke.“ Tony nahm den Stapel entgegen und blätterte desinteressiert durch das übliche Sortiment an Rechnungen und Reklamesendungen, bis er auf einen großen Umschlag von seinem Anwalt Phil stieß.

„Soll ich mich umziehen?“

„Was?“ Zerstreut blickte er auf. „Ja, bitte. Aber beeil dich. Wir sollen um fünf da sein.“

„Ich brauche bloß eine Sekunde“, versprach Daphne und lief in ihr Zimmer.

Er klemmte sich die restliche Post unter den Arm und riss den ominösen Umschlag auf. Darin befanden sich ein versiegelter, in Marissas Handschrift an ihn adressierter Brief und eine kurze Notiz auf Anwaltspapier.

Mit klopfendem Herzen las er: „Ich habe keine Ahnung, worum es geht, aber Marissa hat mich gebeten, Dir diesen Brief frühestens sechs Monate nach ihrem Tod zu schicken. Inzwischen sind es neun geworden. Offen gesagt ist es mir jetzt erst wieder eingefallen. Wenn Du etwas brauchst, lass es mich wissen. Phil.“

Was ich brauche, ist ein neuer Anwalt. Tony wandte sich an Claire, die ihr Vorhaben offensichtlich aufgegeben hatte, denn Josie war noch immer in Samt und Seide gehüllt. „Ich bringe die Post schnell in mein Zimmer, und dann geht’s los. Okay?“

Sobald er das Schlafzimmer, das ihm auch als Büro diente, am Ende des Flurs erreichte, riss er den zweiten Umschlag auf und überflog den Brief.

… tut mir schrecklich leid, und ich weiß, dass es feige ist, aber ich habe keinen günstigen Zeitpunkt gefunden, um es Dir zu sagen …

„Dad? Ist alles in Ordnung?“

Er wirbelte herum. Claire stand mit Josie auf dem Arm in der Tür. „Sicher. Alles klar.“ Er schluckte den Kloß in der Kehle hinunter, ging zum Schreibtisch und verstaute den Brief in der obersten Schublade. Dann schaltete er im Geist auf „Super-Daddy“ um und setzte eine gefasste Miene auf, bevor er sich umdrehte. „Seid ihr alle fertig?“

„Ist irgendetwas? Du klingst so komisch.“

„Ich habe bloß einen Frosch im Hals“, brachte er mühsam hervor. Er hatte geglaubt, in den vergangenen neun Monaten durch die Hölle gegangen zu sein. Nun stellte sich heraus, dass er gerade einmal die Eingangspforte passiert hatte.

Tony hielt Daphnes heiße, aber saubere Hand in seiner, während sie durch die stickigen Straßen spazierten. Nur Josies Geplapper und das Poltern des Kinderwagens auf dem alten holperigen Bürgersteig brachen die Stille. Kein Blatt bewegte sich in den Ahornbäumen vor den massiven viktorianischen Häusern, die ein Jahrhundert zuvor zu Zeiten riesiger Familien und billiger Baustoffe entstanden waren. Die bleierne Schwüle des Frühsommers wirkte bedrückend.

Marissa hat dieses Wetter gehasst, weil sich ihr Haar immer wahnsinnig gekräuselt hat …

Die Erinnerung riss nicht gänzlich verheilte Wunden wieder auf. Tony verlangsamte den Schritt, als das Haus seiner Tante und seines Onkels in Sichtweite kam. Wie konnte er eine Party besuchen und so tun, als ob alles in Ordnung wäre, obwohl seine Welt gerade eben erneut aus den Angeln geraten war? Aber welche Alternative blieb ihm? Umzukehren, hätte unzählige Fragen von der wachsamen Claire aufgeworfen.

Also blieb ihm nichts anderes übrig, als für ein paar Stunden zu schauspielern. Zumindest bekamen die Kinder gut zu essen. Eine Sorge weniger.

Benny öffnete die Tür zu dem alten Backsteinhaus, in dem er und Magda sechs Kinder großgezogen hatten. Er umarmte Tony kurz, aber herzlich, und stellte zufrieden fest: „Du hast es also doch noch geschafft.“

Ein steifbeiniger Golden Retriever und ein Wollknäuel von Zwergpudel liefen zu den Kindern und begrüßten sie bellend, jaulend und schwanzwedelnd.

Gelächter dröhnte aus jedem Winkel des Hauses und schien Tony zu verhöhnen. Er bückte sich und befreite Josie aus dem Kinderwagen.

„Wir dachten schon, du kommst nicht mehr. Oh, gib mir die Kleine.“ Benny streckte die Arme nach Josie aus, die sich aber fest an ihren Dad klammerte und heftig den Kopf schüttelte. Er grinste, kein bisschen beleidigt, und wandte sich an die größeren Mädchen. „Euch beiden kann man ja beim Wachsen zugucken! Eure Cousinen sind oben. Stacey hat schon nach euch gefragt. Lauft ruhig hinauf.“

Daphne, die Unbesiegbare, sauste augenblicklich davon, doch Claire zögerte mit besorgter Miene.

Offensichtlich spürte sie Dinge, die Tony vor ihr verbergen wollte. Er legte ihr einen Arm um die Schultern und fragte sich, wie lange sie wohl bei der Party bleiben mussten. „Geh nur“, ermutigte er sie mit einem schwachen Lächeln und gab ihr einen liebevollen Schubs. Denn wenn er die nächsten Stunden überstehen wollte, musste er sich vor diesen allzu wachsamen Augen schützen. Er wandte sich an Benny. „Dann sind Rudy und Violet auch gekommen?“

„Nur für einen Tag. Sie haben sich eine Vertretung für den Gasthof genommen.“ Sobald Claire außer Hörweite war, fragte Benny: „Ist bei dir alles klar?“

„Ja, mir geht es ganz …“

„Tony?“

Er wirbelte zu der Stimme herum, die er seit ewigen Zeiten nicht gehört und doch nie vergessen hatte. Blaue Augen, die ebenso laserscharf wirkten, wie er sie in Erinnerung hatte, musterten ihn forschend. Bevor er durchatmen und sich von der Überraschung erholen konnte, zappelte Josie wild in seinen Armen, damit er sie hinunterließ. Und dann lief sie zu dieser Frau, die sie in ihrem ganzen Leben noch nie gesehen hatte, schlang ihr die Arme um die Beine und sah bewundernd zu ihr auf.

Und Tony fühlte sich plötzlich wie im freien Fall von einer steilen Klippe.

2. KAPITEL

„Oh, du meine Güte!“ Lilis strahlendes Gesicht drohte Tony endgültig um den Verstand zu bringen. Sie hob Josie auf die Arme. „Ist sie deine Tochter? Sie ist ja entzückend.“

„Was zum Teufel machst du denn hier?“ Er sah sie ernst werden und murmelte: „Entschuldige. Ich habe mich falsch ausgedrückt, aber verdammt …“

„Schon gut.“ Sie setzte sich Josie höher auf die Hüfte, die seit ihrer letzten Begegnung wesentlich weiblicher geworden war.

„Wie lange ist es her?“ Ihm wurde bewusst, dass Benny diskret verschwunden war. „Zwölf Jahre?“

Sie lächelte erneut und zeigte dadurch die etwas schiefen Eckzähne, für die sie sich immer geschämt hatte. Der Himmel wusste, warum. „Vierzehn.“

„Aha. Und was hat dich hierher zurückgeführt?“

„Meine Mutter ist gestorben“, sagte sie leise. „Vor einem Monat.“

„Oh. Das tut mir leid.“

„Schon gut. Es kam nicht unerwartet“, erklärte sie mit ihrem reizvollen ungarischen Akzent. „Für sie war es eher ein Segen. Jedenfalls …“ Sie lehnte die Stirn an Josies. „Ich dachte, der Tapetenwechsel würde mir guttun.“

Lili war immer noch sehr schlank, abgesehen von ihren weiblichen Rundungen, die sich unter dem Kleid abzeichneten. In eine Sexbombe hatte sie sich trotzdem nicht verwandelt. Für Tony war sie nach wie vor seine kleine, entfernte Cousine mit dem zu großen Mund und den langen braunen Haaren, die sich an den Spitzen lockten. Doch die Brille war nun randlos, und die Lippen wirkten irgendwie voller …

„Tony? Ist dir nicht gut?“

Unvermittelt wurde ihm bewusst, dass sie als Einzige je zu ihm durchgedrungen war. Doch damals als überheblicher Achtzehnjähriger hatte er ganz genau geglaubt zu wissen, was er wollte. Und das war keine fünfzehnjährige naive Cousine aus Ungarn, die nach dem Tod ihres Vaters einen Sommer lang zu Besuch gekommen war, während der Rest ihrer Familie mit ihrem Hochseilakt durch Europa tourte.

Sie war der einzige Mensch, der ihm bereitwillig Gesellschaft geleistet hatte, nachdem er sich durch einen Sturz mit dem Skateboard ein Bein zerschmettert, den ganzen Sommer verdorben und jede Hoffnung zunichtegemacht hatte, bei Marissa Pellegrino zu landen, obwohl er sie mit einer Entschlossenheit begehrte, die schon an Besessenheit grenzte.

„Die letzten Monate waren ziemlich hart“, sagte er nun.

Lili legte den freien Arm um ihn, und sie fühlte sich warm und weich an und gab Tony das Gefühl, ein Fels in der Brandung zu sein. Sie roch nicht mehr wie früher nach Orangensaft und Kartoffelchips, sondern nach etwas Lieblichem und Betörendem. Der Duft war viel zu gefährlich für einen angeschlagenen, überraschten Mann, dessen Leben gerade zerstört wurde.

Dann lehnte sie sich zurück. Ihre Hand lag noch immer auf seinem Arm, und er spürte, dass sie sah, was sonst niemand bemerkte. Ihre tiefen blauen Augen schienen zu sagen: Komm herein aus dem Sturm in den sicheren Hafen.

Als ob das möglich wäre!

Ich kenne diesen Kummer, dachte Lili, als sie in Tonys dunklen Augen forschte und sah, wie sehr er darum kämpfte, nicht die Fassung zu verlieren.

„Sie wird dir bestimmt zu schwer“, vermutete er und nahm ihr Josie ab.

Mitgefühl stieg in ihr auf angesichts der Trauer eines Mannes, der neun Monate zuvor die Liebe seines Lebens verloren hatte.

Doch selbst dieser Gedanke milderte nicht das Prickeln, das aufgestiegen war, als ihr Verstand bei Tonys Anblick einfach ausgesetzt hatte. Sie stellte fest, dass er größer und kräftiger geworden war und sein Mund überaus reizvoll wirkte.

Nicht, dass sie blutsverwandt waren. Die Verwandtschaft ihrer Eltern beruhte nur auf der Heirat von Magda und Benny. Sie hatten kein einziges Gen gemeinsam. Trotzdem. Was ihr damals falsch erschienen war, konnte auch jetzt nicht richtig sein. Zum Beispiel, dass sie ihn umarmte. Obwohl es keine große Sache war. Alle umarmten und küssten sich in dieser Familie. So war es nun einmal üblich in südländischen Kreisen, selbst in denen, die seit drei Generationen nicht mehr in ihrem Heimatland lebten.

Und das Prickeln legte sich gewiss wieder. Irgendwann. Ebenso wie die peinliche Rückbesinnung auf ihre Jugend mit all den liebeskranken Fantasien.

„Wie alt ist sie?“ Lili strich über das seidige blonde Haar der Kleinen und spürte einen Anflug von Sehnsucht aufsteigen.

„Ich bin so viele“, sagte die Kleine und hielt zwei Finger hoch.

„So ein großes Mädchen bist du schon! Und wie heißt du denn?“

„Josie. Du bist hübsch.“

„Danke, meine Süße. Du bist auch hübsch.“

„Ich weiß.“

Lili lachte. Ehe sie reagieren konnte, kam eine ihrer zahlreichen Cousinen vorbei und nahm das Kind mit sich.

Tony und Lili blieben allein zurück, verlegen und ohne Puffer zwischen ihnen. Bekümmert blickte er seiner Tochter nach. Dann wandte er sich mit einem Lächeln an Lili. Es wirkte unverkrampft und aufrichtig – im Gegensatz zu jenem Sommer, in dem sich seine Unterhaltungsmöglichkeiten darauf beschränkt hatten, sich mit seiner jüngeren Cousine abzugeben, die nicht einmal nach ungarischen Maßstäben cool war. „Wow! Du bist es wirklich.“

„Wie du siehst.“

Aber er hatte sie nie höhnisch oder herablassend behandelt. Und gegen Ende des Sommers war es ihm leichter gefallen, mit ihr zu scherzen und zu plaudern und dadurch ihre chronische Unsicherheit zu mildern. Daher war es nicht weiter verwunderlich, dass sie sich Hals über Kopf in ihn verliebt hatte. Doch sein Herz hatte einer anderen gehört, und Lili hatte nach Ungarn zurückkehren müssen.

Die Schwärmerei war im Laufe der Zeit verblasst, jedoch nicht die Erinnerung an jenen Sommer. Dass er nun so viel Leid ertragen musste, machte ihr das Herz schwer. „Du hast noch mehr Kinder?“, fragte sie.

„Ja. Noch zwei Mädchen. Sie treiben sich hier irgendwo herum. Sicher laufen sie dir noch über den Weg.“

„Das denke ich auch.“ Nach kurzem Zögern fügte sie hinzu: „Es tut mir leid wegen Marissa.“ Sie sah, wie er zusammenzuckte und die Lippen zu einer schmalen grimmigen Linie verzog, und sie fragte sich ironisch: Warum trittst du zur Abwechslung nicht mal wieder in ein Fettnäpfchen?

Bevor ihr etwas einfiel, was sie sagen konnte, legte Magda einen Arm um sie, hüllte sie in eine Wolke schweren Parfums und stellte entzückt fest: „Tony, mein Lieber, du hast es tatsächlich geschafft! Jetzt ist mein Geburtstagsfest vollkommen.“

Verwundert beobachtete Lili, wie er seinen Kummer wie einen schlecht sitzenden Mantel abzulegen schien. Er beugte sich vor und küsste Magda auf die Wange. „Als ob ich mir deinen Ehrentag entgehen lassen könnte!“

„Du Charmeur! Hat sich unsere Kleine hier nicht zu einer hübschen jungen Frau gemausert?“

Er musterte Lili eindringlich und bestätigte: „Ja, das hat sie wirklich.“

Ihre Hormone gerieten in Aufruhr. Hastig wirbelte sie herum und lief davon.

„Nein, du kommst mit mir“, entschied Magda, als Tony sich anschickte, Lili zu folgen.

„Aber …“

„Sie kommt schon wieder, wenn sie so weit ist. Wie ein Kätzchen, das sich unter dem Bett verkrochen hat.“ Magda zog ihn hinter das Haus und schob ihn sanft auf die Terrasse, und das Klirren ihrer Armreifen mischte sich mit dem Stimmengewirr unzähliger Vaccaros.

Sommerliche Gerüche nach frisch gemähtem Gras, gegrilltem Fleisch und Bier empfingen ihn, schienen ihn mit ihrer Aura der Fröhlichkeit und Normalität zu verspotten. Tony verdrängte die unliebsame Erregung, die Lili in ihm erweckt hatte, und musterte die anwesenden Frauen, Männer und Kinder, die fröhlich miteinander plauderten und schäkerten. Er war verdammt neidisch und versuchte nicht einmal, es zu leugnen.

„Warum ist Lili hier?“, fragte er in scharfem Ton.

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