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Wenn alle anderen schlafen …

1. KAPITEL

„Würden sich bitte alle unverheirateten Damen in der Mitte des Raums versammeln? Die Braut wird jetzt den Strauß werfen!“

Sophie Gruebellas Blick wanderte vom Rand ihres Weinglases zu dem DJ mittleren Alters hinüber, dann zu den aufgeregten Frauen, die sich auf der Tanzfläche in Position brachten. Als sie sich ein wenig aufrechter hinsetzte, raschelte ihr smaragdgrünes Abendkleid. Die Hände legte sie rasch in den Schoß.

Oh, nein. Auf keinen Fall. Sie freute sich ja sehr, dass ihre Freundin endlich ihren Traummann gefunden hatte. Wendy und Noah schienen absolut perfekt zueinander zu passen – ganz besonders in diesem Moment. Noah hauchte gerade seiner frisch angetrauten Ehefrau einen Kuss auf die Lippen, während Wendy ihre lange Schleppe aus dem Weg zog, um den Brautstrauß in die jubelnde Menge zu werfen. Doch was Sophie anbelangte, so hatte es sie schon mehr als genug Überwindung gekostet, überhaupt zu der Hochzeit zu kommen.

Praktisch jeder Anwesende hier wusste, dass sie vor drei Monaten schnöde verlassen worden war. Seitdem hatte sie sich fast jeden Abend mit einer Überdosis Schokolade und etlichen Liebesfilmen getröstet. Dabei machte sie das Happy End dieser Filme nur noch griesgrämiger, und sie hatte zehn Pfund zugenommen.

Die Demütigung, für eine jüngere, dünnere, attraktivere Frau verlassen worden zu sein, verlor allmählich an Gewicht. Gott sei Dank, glaubte sie nicht mehr, in Ted verliebt zu sein. Dennoch war der Schlag, der ihrer Selbstachtung versetzt worden war, beachtlich. Allein der Gedanke, sich jemals wieder zu verlieben – oder gar einem Brautstrauß hinterherzujagen –, bereitete ihr Übelkeit.

Die süßlichen Worte des DJs hallten erneut durch den Ballsaal, der überaus elegant geschmückt war. „Letzte Chance, meine Damen. Wer wird den Strauß fangen? Wer ist die Nächste, die heiratet?“

Sophie seufzte. Würde sie jemals ein ähnliches Glück erfahren wie das von Wendy und Noah? Würde sie es noch einmal wagen, sich zu öffnen und ihr Herz zu riskieren? Auch wenn sie es nicht gerne zugab – je mehr Zeit verging, desto unwahrscheinlicher kam es ihr vor.

Während Sophie noch ihren düsteren Gedanken nachhing, fiel ihr plötzlich ein Mann auf, bei dessen Anblick ihr Herz schneller schlug. Er war geradezu gefährlich attraktiv – ähnlich wie James Bond. Leicht rechts von ihr blieb er stehen. Die Smokingjacke, aus deren Innentasche er gerade ein Handy holte, betonte seine breiten Schultern. Sein Profil wirkte äußerst maskulin. Ungeduldig blickte er auf seine Armbanduhr, schüttelte den Kopf, sprach ein paar unverständliche Worte in sein Handy und beendete dann das Gespräch.

Ein geschäftlicher Anruf? Merkwürdig für einen Samstagabend. Sophies Blick durchflog den Saal. Seine Freundin musste irgendwo unter den aufgeregten Frauen sein, die auf den Brautstrauß warteten. Denn selbstbewusste, gutaussehende Typen, die noch dazu so sexy waren wie dieser dort, hatten immer eine Freundin – und zwar keine vom Typ Sophie Gruebella.

Rasch schob sie ihr Glas zur Seite.

Es war an der Zeit, dass sie ging.

Als sie gerade das letzte Stück Schokolade in ihre Handtasche steckte, das auf dem Tisch lag, ging ein kollektives Raunen durch die Menge. Und dann landete irgendetwas Buntes, Duftendes mitten auf ihrem Schoß. Sophie blickte nach unten und keuchte erschrocken auf.

Wie in aller Welt hatte Wendys Strauß bis zu ihr fliegen können? Und noch wichtiger – oh, Gott –, wo konnte sie sich verstecken?

Natürlich waren in diesem Moment alle Augen auf sie gerichtet, und der DJ trompetete: „Großartiger Wurf, Wendy! Lasst uns der kleinen, schüchternen Lady dort hinten am Tisch applaudieren.“

Nur mit Mühe ertrug Sophie den aufbrandenden Beifall und zwang sich zu einem schwachen Lächeln. Sie winkte sogar leicht. Als die Aufmerksamkeit endlich abebbte und sich die Paare wieder zueinander gesellten, eilten ihre Freundinnen Penny Newly und Kate Tigress zu ihr herüber.

Penny trug ein tief ausgeschnittenes silberfarbenes Kleid. Sie zog einen Schmollmund. „Ich fasse es nicht. Warum hast ausgerechnet du den Strauß gefangen?“

Kate schlug Penny leicht auf den Arm. „Sei nicht fies.“

Penny zuckte zusammen und rieb sich über den Arm. „Ich meinte ja nur, dass sie im Moment überzeugter Single ist. Irgendwie ist es eine Verschwendung.“

Schon zu Highschool-Zeiten war Penny für ihre blonde Mähne, ihren üppigen Busen und ihr mangelndes Taktgefühl bekannt gewesen. Dennoch …

Sophie atmete tief aus. „Du hast ja recht. Bei mir ist es wirklich am unwahrscheinlichsten, dass ich als Nächste heirate.“

Kate setzte sich und drückte Sophies Hand. „Du wirst auch wieder jemanden finden, Soph. Deinen Seelenverwandten. Einen Mann, der so gut zu dir passt, dass er praktisch dein Zwilling sein könnte.“

Sophie konnte sich ein ironisches Lächeln nicht verkneifen. „Können wir einen Zwilling finden, der weder über meine Figur noch über mein furchtbares Haar verfügt?“

Vorzugsweise jemanden, der gut gebaut und attraktiv war. Über Kates Schulter hinweg sah Sophie, wie James Bond mit einem Stirnrunzeln in die Menge blickte und seine Arme vor der Brust verschränkte. Sophie runzelte auch die Stirn. Wo war seine Freundin?

Kate, eine überaus begabte Friseurin, strich eine von Sophies Korkenzieherlocken zurück, die sich aus der Hochsteckfrisur gelöst hatte. „Nur zu deiner Information: Deine Locken sind ein Traum, und wenn du auch nur einen Zentimeter abschneidest, bekommst du es mit mir zu tun.“ Ihre aufgesetzte strenge Miene wurde weicher. „Du solltest zeigen, was du hast, und es nicht immer verstecken.“

Penny nickte dazu. „Und sobald dir deine Kleider wieder passen …“ Sie setzte eine beinahe mitfühlende Miene auf. „Nun, da warst immer schon recht hübsch. Wirklich.“

Kate warf Penny einen vorwurfsvollen Blick zu. Doch in diesem Moment setzte die Musik wieder ein, und ihre jeweiligen Freunde – Brüder, die sie vor einem Monat kennengelernt hatten – entführten Kate und Penny auf die Tanzfläche.

Sophie biss sich auf die Unterlippe und kämpfte gegen die Tränen an, die in ihren Augen brannten. Kate meinte es nur gut, aber sie wollte ihr Mitgefühl nicht. Wenn sie ganz ehrlich war, dann hatte sie es satt, im Selbstmitleid zu ertrinken.

Ja, in den vergangenen Wochen hatte sie ihrer einzigen längeren Beziehung hinterhergetrauert. Und nein, sie war kein Supermodel. Vielleicht würde sie nie die wahre Liebe finden. Vielen Menschen war dieses Glück nicht vergönnt. Womöglich sollte sie nicht länger darauf hoffen, Hochzeitsglocken läuten zu hören und sich stattdessen auf sich selbst besinnen.

Mein Gott, gar keine schlechte Idee! Wenn sie jetzt zurückblickte, erkannte sie, dass sie an Teds Seite eigentlich immer nur ein blasser Schatten ihrer Selbst gewesen war. Ein Anhängsel, das immer nickte und nie aufbegehrte. Eigentlich war es die immer wiederkehrende Geschichte ihres Lebens.

Doch damit war jetzt Schluss. Sofort. Nie wieder würde sie ihre Meinung zurückhalten. Und ganz bestimmt brauchte sie keinen Ehemann, der ihr Grenzen setzte und Regeln aufzwang.

Plötzlich fühlte Sophie einen wahren Adrenalinrausch über sich kommen. Nein, sie würde sich nicht länger darum kümmern, was andere Leute von ihr dachten – und Penny Newly schon mal gar nicht. Entschlossen stand sie auf.

Doch sie hatte kaum zwei Schritte auf den Ausgang zugemacht, als sich eine Hand um ihren Ellbogen legte und sie aufhielt. Verwirrt wirbelte sie herum und legte den Kopf in den Nacken. Ihr stockte der Atem, als sie in ein Paar blauer Augen blickte, die sie anlächelten.

James Bond drückte ihr den Blumenstrauß in die Hand. „Das haben Sie fallen gelassen.“

Als seine Finger die ihren streiften, spürte sie glühende Hitze. Seine Stimme klang tief und leicht rau. Langsam glitt sein Blick zu ihrem Mund hinunter, und in diesem Moment hatte Sophie das Gefühl, der Boden unter ihren Füßen beginne zu beben.

Gott sei Dank schaltete sich ihr Gehirn wieder ein, ehe sie sich vollends zur Närrin machte.

Offensichtlich hatte er bemerkt, wie ihr beim Aufstehen der Strauß vom Schoß gefallen war. Er verhielt sich nur wie ein Gentleman.

Sophie bemühte sich um ein zwangloses Lächeln und drückte ihm die Blumen wieder in die Hand. „Behalten Sie sie. Für Ihre Freundin.“ Oder deine Frau.

„Ich bin Single.“ Er legte den Strauß auf dem Tisch ab. „Eigentlich habe ich mich gefragt, ob Sie mit mir tanzen würden?“

Sophie blinzelte, dann warf sie einen verstohlenen Blick durch den Saal. Dieser Mann spielte in einer ganz anderen Liga. War das eine Art Scherz? Doch als sie wieder seinem Blick begegnete, strömte die sexuelle Anziehung, die mit einer flüchtigen Berührung begonnen hatte, wie flüssige Lava durch ihr Blut.

Betont lässig zuckte sie die Achseln. „Ich wollte gerade gehen.“

Daraufhin griff er nach ihrer Hand und führte sie einfach auf die Tanzfläche. „Dann habe ich ja Glück, dass ich Sie gerade noch rechtzeitig erwischt habe.“

Mitten auf der Tanzfläche angelangt, zog er sie in seine Arme und begann ohne ein weiteres Wort zu tanzen.

Sophie schloss automatisch die Augen.

Bleib jetzt bloß auf dem Teppich. Es ist nur ein Tanz.

Seine tiefe Stimme drang an ihr Ohr. „Ihr Kleid ist wunderschön.“

Sie hatte die Wange an seine Schulter gelegt. Innerlich schmolz sie dahin. „Es ist schon eine ganze Weile her, seit ich es das letzte Mal getragen habe.“

„Die meisten Menschen tragen ja auch nicht täglich Abendgarderobe.“

Vielleicht nicht. Dennoch … „Sie sehen aber nicht so aus, als würden Sie diesen Smoking zum ersten Mal tragen.“

„Ja, er ist recht häufig im Einsatz. Allerdings hat er schon lange keine Hochzeit mehr gesehen. Es war ein sehr schöner Tag mit der kirchlichen Trauung, den Reden …“, er wirbelte sie mühelos herum, „… und dem Hochzeitswalzer.“

Ja – alles absolut perfekt. Bis hin zum gemieteten Rolls-Royce. Sophie ließ ihren Blick rasch durch den festlich geschmückten Saal mit seinen funkelnden Kristallleuchtern wandern. „Das alles muss ein Vermögen gekostet haben.“

„Ich bin sicher, dass es Noah jeden Penny wert ist.“

„Wendy auch.“ Da beide Brautleute keine Eltern mehr hatten, mussten sie die Kosten ganz allein tragen. Schon Wendys Designerkleid musste mehrere Tausende gekostet haben.

Ihr Tanzpartner senkte die Stimme. „Sie klingen nicht wirklich überzeugt. Finden Sie nicht, dass eine traditionelle Hochzeit mit allem Drum und Dran das Geld wert ist?“

Sophie presste die Lippen zusammen. „Es steht mir nicht zu, darüber ein Urteil zu fällen. Es ist nicht mein großer Tag.“

„Und wenn es Ihr großer Tag wäre?“

Mit Mühe unterdrückte sie ein Seufzen und wünschte, sie könnte sich wirklich aus vollem Herzen mit dem Brautpaar freuen. Aber die Geschichte mit Ted wirkte eben doch noch nach. „Ich bin im Moment nicht die richtige Person für eine solche Frage.“

„Wegen dieser Bemerkung, die Ihre gedankenlose Freundin vor ein paar Minuten gemacht hat?“

Als ihr die Bedeutung seiner Worte allmählich klar wurde, drehte sich Sophie der Magen um. Forschend blickte sie in seine blauen Augen. Hatte sie richtig verstanden? Allein es auszusprechen, tat schon weh. „Sie haben unser Gespräch mit angehört?“

Er hob eine Augenbraue. „Ich habe genug gehört.“

Sobald dir deine Kleider wieder passen … Recht hübsch. Wirklich. Irgendwie eine Verschwendung …

Das Gefühl der Demütigung war so groß, dass sich ihr die Kehle zuschnürte und ihre Wangen flammend rot wurden. „Haben Sie mich deshalb zum Tanzen aufgefordert? Aus Mitleid?“

Seine Unterlippe zuckte leicht. „Zuerst. Bis ich genauer hingesehen habe.“

Sophie blinzelte. Sollte das ein Kompliment sein? Oder bildete sie sich die Hitze zwischen ihnen nur ein?

„Und jetzt?“, wollte sie wissen.

Er zog sie ein wenig dichter an sich heran. „Ich habe Ihre Frage beantwortet. Jetzt sind Sie an der Reihe. Wie stellen Sie sich Ihre perfekte Hochzeit vor?“

Unverwandt schaute er ihr in die Augen und forderte sie zu einer Antwort heraus. Es mochte ja sein, dass sie sich in seinen Armen einfach himmlisch fühlte. Aber sie durfte keinesfalls vergessen, dass er nur Mitleid mit ihr hatte. Sophie, das altbackene Mauerblümchen. Sie war es derart leid, sich so zu betrachten! Und noch mehr hatte sie es satt, sich ständig Sorgen darum zu machen, wie sie aussah oder was andere Leute dachten – wohlmeinende Traumtypen wie er eingeschlossen.

Ob sie eine traditionelle Hochzeit wollte?

Trotzig hob sie das Kinn und äußerte ihre Meinung. „Bis zum heutigen Tag hätte ich gesagt, dass ich eine große Hochzeit mit großer Torte und großer Rechnung will.“

Seine Augen leuchteten auf. „Und das hat sich geändert?“

Sophie lächelte leicht. „Naja. Ganz tief im Inneren habe ich mir wohl schon immer eine Hochzeit am Strand gewünscht. Eine Party mit Fingerfood und nackten Füßen im Sand. Falls ich jemals heirate“, fügte sie rasch hinzu.

„Ganz sicher wollen Sie doch einen Ehemann? Eine Familie?“

Sie spürte ganz deutlich seinen muskulösen Körper, der sich sanft im selben Rhythmus mit ihrem bewegte. Die neue Sophie nahm die Herausforderung an und konterte mit einer Gegenfrage. „Ist es so ungewöhnlich für eine Frau, sich nicht binden zu wollen?“

Erneut drehte er sie elegant im Kreis. „Ganz offen gestanden, ja. Es sind die Männer, die normalerweise vor dem Altar zurückschrecken, nicht die Frauen.“

„Sprechen Sie da aus eigener Erfahrung?“

Ob er ein Playboy war? Zumindest verfügte er über alle notwendigen Attribute.

Er hob ein wenig das Kinn. „Wenn ich ehrlich bin, habe ich vor, bald zu heiraten – mit großer Torte und großer Rechnung.“

Also gut, jetzt war sie verwirrt. „Sie sind Single, werden aber bald heiraten?“

„Ich habe eine Liste mit Anforderungen. Jetzt muss ich nur noch die Frau finden, die sie erfüllt.“

Sophie verschluckte sich fast. „Eine Liste? Überprüfen Sie sie doppelt und dreifach? Ich meine, das ist ein Scherz, oder?“

Sein ernster Blick war eigentlich schon Antwort genug. „Jeden Tag habe ich mit unglücklichen Paaren zu tun, die sich nicht genug Gedanken darum gemacht haben, ob sie auf lange Sicht zusammenpassen. Vor ein paar Jahren habe ich die Liste für einen völlig ratlosen Klienten zusammengestellt, um ihn gegen zukünftige Fehler zu schützen.“

So viel zum Thema Grenzen! Mein Gott, beinahe bedauerte sie seine zukünftige Braut. Welche Art Mensch ging derart leidenschaftslos und nüchtern an das Thema Liebe heran? „Was sind Sie? Ein Therapeut?“

„Scheidungsanwalt.“

„Ein Scheidungsanwalt mit einer Liste?“ Sein Gesichtsausdruck hätte herablassend gewirkt, wenn er nicht gleichzeitig so charmant gewesen wäre. Sophie entschloss sich zu völliger Unverblümtheit. „Ich habe noch nie etwas gehört, was weniger romantisch geklungen hätte.“

„Dann setzen Sie sich mal jeden Tag mit Leuten auseinander, die um jeden einzelnen Penny streiten und die Kinder als Unterpfand benutzen. Impulsive Liebe, überstürzte Ehen – viel zu häufig enden sie in Frustration, Reue und manchmal sogar Hass.“

Sophie überdachte seinen Einwand und fällte dann ihre Entscheidung. Nach der Sache mit Ted war sie zugegebenermaßen ganz schön abgestumpft und hatte einiges an Illusionen verloren. Dennoch … „Tut mir leid, aber wenn ich wählen müsste, dann würde ich mich lieber Hals über Kopf verlieben als eine Checkliste auszufüllen.“

Ein Schatten glitt über sein Gesicht, ganz kurz schaute er von ihr weg, um seinen Blick durch den Saal gleiten zu lassen. „Dann haben Sie recht. Sie sollten sich nicht binden.“

Sophie versteifte sich. An dich sowieso nicht.

Innerlich stählte sie sich gegen seine Anziehungskraft. „Nehmen wir mal an, Sie würden sich hoffnungslos verlieben, aber die Frau würde drei Punkte auf Ihrer Liste nicht erfüllen. Wäre sie dann aus dem Rennen?“, fragte sie interessiert.

„Sich zu trennen, wäre das Beste. Die Beziehung hätte auf die Dauer einfach keine Zukunft.“

Sie und Ted hatten viele gemeinsame Interessen gehabt, genauso wie ihre Eltern. Heute jedoch sprachen ihre Eltern nur noch das Nötigste miteinander. Andererseits hatten ihre Großeltern kaum Gemeinsamkeiten, und dennoch schauten sie sich auch nach jahrzehntelanger Ehe noch total verliebt an und gingen Händchen haltend über die Straße. Die Logik dieses Mannes war nicht unfehlbar, und das würde sie ihm auch sagen.

„Den Richtigen zu finden hat meiner Ansicht nach sehr viel mit Glück zu tun“, entgegnete sie.

Er hob eine Augenbraue. „Das ist Ihr gutes Recht, es so zu sehen.“

Rasch presste sie die Lippen zusammen. Nein, sie würde nicht fragen. Eher würde sie sich die Zunge abbeißen, als ihm diese Genugtuung zu verschaffen.

Obwohl sie sich nach Kräften bemühte, entschlüpfte ihr die Frage dennoch. „Was steht ganz oben auf Ihrer Liste?“

Er warf ihr einen spöttischen Blick zu. „Eine Frau, die nicht streitsüchtig ist.“

Das genügte. Ob er nun das Zeug zum Traumtypen hatte oder nicht, ständig waren sie kurz davor, sich zu streiten. Warum sollte sie diese Tortur auch noch verlängern? Sie würde es ihnen beiden leicht machen.

Nachdem sie sich aus seinen Armen gelöst hatte, trat sie einen Schritt zurück und bemühte sich um einen sachlichen Ton. „Ich schätze, Sie haben die falsche Frau zum Tanzen aufgefordert.“

Er legte den Kopf leicht schief. „Warum? Weil wir unterschiedliche Ansichten darüber haben, wie sich ein Paar kennenlernen, wie sie umeinander werben und welche Art von Beziehung sie eingehen sollten?“

Lächerlich. Sie kannte ihn kaum zehn Minuten, dennoch zog sich ihr Herz schmerzhaft zusammen, als sie nickte.

Ein Lächeln spielte um seinen Mund, während er sich mit einem Finger über die Schläfe strich. „Das Problem ist nur, dass ich den Tanz genossen habe.“ Als er wieder einen Schritt auf sie zumachte, begannen ihre Knie zu zittern. Er streckte die Hand aus, und sein Gesichtsausdruck wurde weicher. „Waffenstillstand?“

Sie konnte sich ein kleines Lächeln nicht verkneifen. „Sicher. Warum nicht?“

Vielleicht bildete sie es sich bloß ein, aber er schien ihre Hand einen Moment länger zu halten, als nötig gewesen wäre, ehe er mit dem Kopf in Richtung Tür wies.

„Ich brauche ein bisschen frische Luft. Begleiten Sie mich auf den Balkon?“ Um seine Mundwinkel zuckte es. „Natürlich auf rein freundschaftlicher Basis.“

Sophie zögerte. Sie sah das verschmitzte Lächeln in seinen Augen. Sollte sie mit ihm auf den Balkon gehen? Eigentlich stellte er für sie ja keine Gefahr dar, denn sie entsprach nicht seiner Liste. Dennoch empfand sie seine Gesellschaft als äußerst anregend. Wenn er nichts Besseres zu tun hatte, dann würde sie bestimmt nicht nach einem Grund suchen, um ihm einen Korb zu geben.

Sie erklommen drei Stufen und gingen durch eine große Flügeltür. Der Partylärm verschwand mit einem Mal. Gemeinsam überquerten sie die Veranda, die mit blühenden Zitronenbäumen und Hibiskuspflanzen geschmückt war, und traten ans Geländer, um den Blick auf Sydneys berühmten Hafen zu genießen. Nach ein paar Minuten lehnte er sich mit dem Rücken ans Geländer, verschränkte die Arme über der Brust und begegnete ihrem forschenden Blick.

„Wann haben Sie beschlossen, dass Sie heiraten wollen?“, fragte sie neugierig.

„Heute Abend.“

Sie hob eine Augenbraue. „Und das von einem Mann, der nicht impulsiv handelt?“

Sein hinreißendes Grinsen sagte, dass dieser Punkt an sie ging. „Ich kenne Noah seit der Schule. Bis vor kurzem hatten wir allerdings den Kontakt zueinander verloren. Ihn jetzt bei seiner Hochzeit wiederzusehen, hat mir deutlich gemacht, dass ich nicht jünger werde. Ich will eine Ehefrau. Kinder. Es ist an der Zeit.“ Er drehte sich wieder um und stützte die Ellbogen auf dem Geländer ab. „Und Sie? Ich bin sicher, dass Sie irgendwann Kinder haben wollen.“

Sophie verschränkte die Arme und lehnte sich neben ihm ans Geländer. „Ich liebe Kinder.“ Es war einer der Hauptgründe, weshalb sie Lehrerin geworden war. „Ich dachte immer, wenn die Zeit reif wäre, wenn ich den Richtigen gefunden hätte …“ Ihre Worte verebbten.

Wenn? Oder meinte sie falls?

Eines wusste sie immerhin mit Sicherheit: Sie würde niemals ja, ich will sagen, solange sie nicht hundertprozentig sicher war, eine unverbrüchliche Liebe gefunden zu haben – kein Kompromiss. Dummerweise kam es ihr in diesem Moment mehr als unwahrscheinlich vor, dass ihr das in nächster Zukunft gelingen sollte.

Sie trat von einem Fuß auf den anderen, weil es allmählich etwas frisch wurde. Rasch bemühte sie sich um Lockerheit. „Ich schätze, ich lege alle Pläne bezüglich einer Familie erst mal auf Eis.“

„Während ich sie vorantreibe.“ Seine Stimme senkte sich. „Es scheint, als kämen wir wieder auf keinen gemeinsamen Nenner.“

Schnell stieß sie sich vom Geländer ab. Sie hatte genug frische Luft geschnappt. „Wenn mir eine Frau einfällt, die Ihrer Liste entsprechen könnte, schicke ich sie vorbei. Vielen Dank für den Tanz.“

Er drehte sich um. „Wohin gehen Sie?“

„Es ist Zeit, nach Hause zu fahren.“ Das letzte Stück Schokolade in ihrem Kühlschrank rief nach ihr. Am Montag würde sie sich dann im Fitnessstudio anmelden. Vielleicht half ein neuer Körper dabei, ihre neue Einstellung zu festigen.

Sie war bereits zwei Schritte gegangen, als seine vorwurfsvolle Stimme sie innehalten ließ. „Sie lassen zu, dass die anderen sehen, wie Sie allein von hier weggehen?“

Verwirrt zuckte sie die Achseln. „Das war doch von Anfang an klar, dass das passieren würde.“

„Es gibt eine Alternative.“

Sofort erkannte sie die Bedeutung seiner Worte und erschauerte. Kein weiteres Mitleid, bitte. „Sie müssen mich nicht nach draußen begleiten.“

„Ich hatte etwas Spektakuläreres im Sinn“, versetzte er und stieß sich vom Geländer ab.

Rasch winkte sie ab. „Was auch immer es ist, für meinen Geschmack wurde mir an diesem Abend bereits genug Aufmerksamkeit zuteil.“

Er schien ihre Worte jedoch gar nicht zur Kenntnis zu nehmen, sondern drängte sie unaufhörlich in Richtung Tür. Sein Lächeln konnte man als geradezu teuflisch bezeichnen. Sophie musste schlucken. „Was haben Sie vor?“

Er grinste. „Süße Rache.“

In dem Moment, als sie wieder den Ballsaal betraten, hob er sie kurzerhand auf die Arme. Ihr entfuhr ein entsetzter Schrei. „Was machen Sie da?“

„Ich liefere Ihrer Freundin einen Abgang, den sie so schnell nicht vergessen wird.“

Plötzlich machte es klick. „Sie wollen mich vor allen Leuten aus dem Saal tragen?“

Er lächelte spöttisch. „Das ist nur die Hälfte des Ganzen.“

Sobald er sich in Bewegung setzte, wurde ihnen die uneingeschränkte Aufmerksamkeit aller Hochzeitsgäste zuteil. Sämtliche Gespräche verstummten, und alle Anwesenden starrten verblüfft auf das merkwürdige Bild, das sich Ihnen bot – die gerettete Jungfrau in den Armen ihres Ritters. Penny und Kate, die mit ihren Partnern zusammenstanden, staunten mit offenen Mündern. Nach ein paar Sekunden begann Kate zu lächeln.

Als sogar die Musik erstarb, ging ihr persönlicher Held unbeirrt weiter. Nicht ein einziges Mal schaute er nach rechts oder links. Die Menge bildete einen Korridor, um sie durchzulassen.

Sophie wusste nicht, wie sie reagieren sollte, doch so hilflos sie sich auch fühlte, sie genoss jeden einzelnen Augenblick, schlang die Arme um seinen Nacken und flüsterte: „Was soll ich meinen Freundinnen später sagen?“

Ohne eine Vorwarnung blieb er plötzlich stehen und senkte seine Lippen auf ihre.

Er küsste sie so tief, so ausgiebig, dass ein wahres Feuerwerk in ihrem Inneren explodierte. Als er den Kuss schließlich beendete, registrierte sie vage, dass die Menge begeistert Beifall klatschte.

„Sagen Sie ihnen einfach, dass Sie Sex wollten“, murmelte er, als sie den Raum verließen, „und dass ich der bislang heißeste Typ in Ihrem Bett war.“

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