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Wenn Träume wahr werden …

1. KAPITEL

„Waren auch Männer auf der Hochzeit?“ Clarice Carlyle nahm einen winzigen Bissen von ihrem Kuchen und neigte den Kopf erwartungsvoll zur Seite.

Lauren musste sich zusammenreißen, um nicht laut zu seufzen. Warum konnte ihre Mutter einfach nicht begreifen, dass sich im Leben nicht alles nur um Männer drehte? Die Tatsache, dass ihre Tochter beinahe dreißig war und immer noch ledig, schien Clarice geradezu um den Verstand zu bringen. Aber Lauren hatte nicht vor, sich mit dem Erstbesten zufrieden zu geben. Oder des Geldes wegen zu heiraten, wie ihre Mutter zweifellos hoffte.

Lauren wollte eine Ehe wie aus dem Märchen – mit einem Mann, der sie abgöttisch liebte und mit dem sie bis ans Ende ihrer Tage glücklich zusammenleben würde.

„Es waren keine Männer eingeladen“, sagte sie trocken.

Clarice sah ihre Tochter einen Augenblick lang ungläubig an, dann kicherte sie. „Selbstverständlich waren Männer auf der Hochzeit. Es ist ja nicht so, dass es in Chicago überhaupt keine Männer gibt. Was ich meinte, ist: Hast du jemanden kennen gelernt?“

„Ich habe mit einigen Männern getanzt“, versuchte Lauren die Frage zu umgehen. Das war auch nicht gelogen: Den größten Teil des Abends hatte sie tatsächlich damit verbracht, mit alten Schulfreunden zu plaudern und zu tanzen.

„Und? War jemand dabei, der dir gefallen hat?“

Lauren nahm einen Schluck von ihrem Kaffee und hoffte, dass die Hitze, die in ihr aufstieg, sie nicht verriet. In der Tat war ein Mann auf dem Fest gewesen, der ihr mehr als gefallen hatte.

„Wie heißt er?“

„Wer?“ Lauren schob sich ein Stück Käsekuchen in den Mund und wünschte, sie hätte sich gleich nach dem Essen verabschiedet.

„Der Mann, der dich erröten lässt“, sagte Clarice. „Ich nehme an, er war gut aussehend?“

Gut aussehend? Gut aussehend war maßlos untertrieben. Lauren hatte ohnehin eine Schwäche für dunkelhaarige Männer. Und Philippe hatte darüber hinaus noch braune Augen, in denen goldene und grüne Tupfer zu sehen waren. Mit seinen eins fünfundachtzig war er groß, aber nicht zu groß, und er hatte einen schlanken, muskulösen Körper und breite Schultern. In seinen Armen konnte eine Frau sich unglaublich weiblich und restlos begehrenswert fühlen.

„Er war attraktiv“, antwortete Lauren. „Aber das spielt keine Rolle. Ich werde ihn nie wiedersehen.“

Dass sie sich auf einen One-Night-Stand eingelassen hatte, war eine Sache. Aber Lauren würde nicht noch einen weiteren Fehler begehen, indem sie sich einredete, dass es bei dem Abenteuer um mehr als Sex gegangen sei.

Clarice schnalzte missbilligend mit der Zunge. „Du bist immer so pessimistisch.“

„Realistisch“, verbesserte ihre Tochter sie.

„Wenn dein Vater und ich dir etwas beigebracht haben, dann doch wohl das eine: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.“

„Er lebt in Chicago“, erinnerte Lauren ihre Mutter und fragte sich, warum sie sich überhaupt auf diese Unterhaltung eingelassen hatte. So gut war der Käsekuchen nun auch wieder nicht. „Selbst wenn ich Kontakt zu ihm aufnehmen wollte, hätte ich nicht die leiseste Idee, wie ich das anstellen sollte.“

Clarice lehnte sich vor. „Ich nehme doch an, dass er ein Freund der Braut oder des Bräutigams ist?“

„Tom Alvarez und er haben sich auf dem College ein Zimmer geteilt.“ Lauren zuckte mit den Schultern. „Das ist alles, was ich weiß.“

Das war natürlich nicht ganz richtig. Aber ihre Mutter musste schließlich nicht erfahren, wie Philippe nackt aussah oder dass er Lauren während ihrer Liebesnacht französische Koseworte ins Ohr geflüstert hatte.

„Tom Alvarez.“ Clarice runzelte die Stirn. „Der Name kommt mir bekannt vor.“

Lauren seufzte. Tom hatte mehrere Jahre in St. Louis gelebt, und Clarice war ihm bei mehr als einer Gelegenheit begegnet. Aber offensichtlich war seine gesellschaftliche Stellung nicht hoch genug, als dass Clarice sich an ihn erinnern würde. „Er ist Christy Warners Agent.“

„Natürlich.“ Clarice lächelte. „Du solltest Christy anrufen. Oder David. Ich bin mir sicher, dass die beiden dir helfen würden.“

„Auf gar keinen Fall.“ Laurens Stimme ließ keinen Zweifel daran, dass sie sich in diesem Punkt auf keine Diskussion einlassen würde.

Vor vier Jahren war David Warner der Mann gewesen, den Lauren hatte heiraten wollen. Dann hatte er während eines Wochenendes in Las Vegas seiner alten Schulfreundin Christy das Ja-Wort gegeben. Lauren hatte den beiden längst vergeben, und heute waren sie alle drei gut befreundet. Aber dennoch wollte sie nicht, dass David und Christy sie für so verzweifelt hielten, dass sie einem Mann nachstellte, der sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, sie nach ihrer Telefonnummer zu fragen.

Nein, sie mochte am vergangenen Wochenende zwar töricht gehandelt haben, aber sie war keine Närrin.

„Was macht der geheimnisvolle Unbekannte denn so beruflich?“, erkundigte sich ihre Mutter.

Lauren nahm einen Bissen von ihrem Kuchen und empfand heimlich ein kleines bisschen Schadenfreude, weil sie wusste, dass sie im Begriff war, das Traumgespinst ihrer Mutter wie eine Seifenblase platzen zu lassen. „Er ist arbeitslos.“

Das Leuchten in den Augen ihrer Mutter ließ nach, aber es blieb ein Funken Hoffnung. „Ist er vielleicht so wohlhabend, dass er nicht arbeiten muss?“

Philippe hatte sie in einem uralten Buick zum Flughafen gebracht. Lauren lächelte schief und schüttelte den Kopf.

„Ein Taugenichts also.“ Clarice schüttelte enttäuscht den Kopf. „Nun, ich würde mir den jungen Mann an deiner Stelle aus dem Kopf schlagen. Wahrscheinlich ist er ohnehin verheiratet.“

„Er ist keineswegs verheiratet“, protestierte Lauren. Verheiratete Männer waren in ihren Augen vollkommen tabu, und deshalb hatte sie, als Philippe sie zum Tanzen aufgefordert hatte, automatisch nachgesehen, ob er einen Ehering trug. Und als er ihr später zu ihrem Zimmer gefolgt war, hatte sie ihn geradeheraus gefragt.

„Sei doch nicht so empfindlich.“ Ihre Mutter nippte an ihrer Kaffeetasse. „Die meisten gut aussehenden Männer sind verheiratet. So ist das nun mal.“

„Er ist nicht verheiratet“, wiederholte Lauren aufgebracht. „Wenn er verheiratet wäre, hätte ich mich nicht mit ihm eingelassen.“

Clarice sah überrascht auf und hob eine Augenbraue. „Du hast mit ihm geschlafen?“

Laurens Wangen glühten, aber sie gab sich alle Mühe, gelassen zu wirken. „Um Gottes willen, nein. Wir haben nur miteinander getanzt und uns unterhalten.“

Obwohl sie noch nie eine gute Schauspielerin gewesen war, schien ihre Lüge einigermaßen überzeugend gewesen zu sein. Clarice sah enttäuscht aus. „Das ist alles?“

„Was soll das heißen?“ Laurens Stimme war leicht schrill geworden. „Wäre es dir lieber, ich hätte mit ihm geschlafen?“

„Ich würde dir keinen Vorwurf machen, wenn du es getan hättest.“ Ihre Mutter zuckte mit den Schultern. „Ich wollte, dass du dich an diesem Wochenende amüsierst. Wenn dazu ein romantisches Abenteuer mit einem gut aussehenden Mann gehört, umso besser.“

Wenn dazu ein romantisches Abenteuer mit einem gut aussehenden Mann gehört, umso besser.

Lauren presste die Lippen aufeinander und lenkte ihren Wagen in die Einfahrt ihres Stadthauses. Da hatte sie sich nach ihrer Eskapade mit Selbstvorwürfen gemartert, und ihre Mutter sah offensichtlich nichts Unrechtes daran.

Aber warum sollte sie das auch überraschen? Ihre Mutter hatte schon immer genau das getan, worauf sie Lust hatte, und sich keine Gedanken über mögliche Konsequenzen gemacht. Obwohl Lauren diese Einstellung immer verabscheut hatte, hatte sie am Wochenende genau das Gleiche getan.

Und es war überraschend einfach gewesen.

Angefangen hatte alles damit, dass sie in dem mit Menschen gefüllten Ballsaal gestanden und ihren Blick über die Menge hatte schweifen lassen …

Lauren lächelte und hob das Glas, um dem Fremden zuzuprosten. Der Mann war ihr schon zuvor auf der Tanzfläche aufgefallen. Das erste Mal hatte er mit einer aufgedonnerten Blondine mit einem schrillen Lachen geplaudert, das zweite Mal war Joni Alvarez in seinen Armen an ihr vorbeigeschwebt und hatte Lauren zum Gruß angelächelt.

Obwohl ihr Interesse geweckt war, hatte Lauren nicht geglaubt, dass sie ihm überhaupt aufgefallen war. Bis sie später am Abend ihren Blick durch den Ballsaal schweifen ließ und bemerkte, dass er sie beobachtete. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie sah, wie er daraufhin sein leeres Glas einem Kellner reichte und auf sie zukam.

Innerhalb weniger Sekunden stand er neben ihr.

„Möchten Sie tanzen?“ Seine raue Stimme ließ ihr Herz schneller schlagen.

Lauren stellte ihr Glas ab. „Warum nicht?“

In dem Augenblick, als er ihre Hand nahm und Lauren an sich zog, wurde ihr bewusst, dass sie einen Fehler gemacht hatte. In seinen Armen gehalten zu werden, brachte ihr Blut in Wallung und erfüllte ihren Körper mit einem nagenden Verlangen. Und von dem leidenschaftlichen Ausdruck in seinen Augen zu schließen, ließ auch ihn der körperliche Kontakt zwischen ihnen nicht kalt.

Sie tanzten drei Stücke lang miteinander, bevor Lauren sich unter einem Vorwand entschuldigte und anschließend von ihren Freunden verabschiedete. In ihrer momentanen Verfassung wäre es gefährlich gewesen, noch länger zu bleiben.

Sie verließ den Ballsaal und durchquerte die Hotellobby auf dem Weg zu den Aufzügen. Wahrscheinlich war die romantische Atmosphäre auf der Hochzeit für dieses plötzliche Aufkeimen der Lust verantwortlich.

Sara Michaels, eine ihrer allerbesten Freundinnen aus St. Louis, hatte auf der Hochzeit gesungen, und die Liebeslieder hatten Gefühle in Lauren wachgerufen, die sie normalerweise lieber unter Verschluss hielt. Zudem hatte sie den Eindruck gehabt, dass jeder der Hochzeitsgäste mit einem Partner an seiner Seite erschienen war. Nur sie nicht.

Sie seufzte und streckte die Hand nach dem Schalter aus, um den Aufzug zu rufen.

„Welches Stockwerk?“, hörte sie eine tiefe, mittlerweile vertraute Stimme hinter sich fragen.

Lauren sah auf, und ihre Augen weiteten sich vor Überraschung. Als sie Philippe zuletzt gesehen hatte, war er von einer Horde junger Frauen umgeben gewesen, die ihm jedes Wort von den Lippen abzulesen schienen. „Gehst du auch schlafen?“

„Ich wohne gar nicht im Hotel“, antwortete er.

Die Türen des Aufzugs glitten auseinander, und Philippe ließ ihr den Vortritt, bevor er ebenfalls einstieg. „Ich dachte nur, ich könnte dich ja zu deinem Zimmer bringen.“

Lauren runzelte die Stirn. Sie mochte zwar viel gelacht haben, als sie mit Philippe getanzt hatte, aber sie hatte nur ein oder zwei Gläser Wein getrunken und war vollkommen nüchtern. „Ich schaffe es allein bis zu meinem Zimmer. Ich brauche keine Eskorte.“

„Davon bin ich überzeugt.“ Er zwinkerte ihr zu. „Das mache ich auch ganz allein zu meinem Vergnügen.“

Obwohl sie Philippe mochte und zuvor eine Menge Spaß mit ihm gehabt hatte, war Lauren sich nicht sicher, ob es eine gute Idee war, sich von ihm zu ihrem Zimmer bringen zu lassen.

„Ich beiße auch nicht.“

Sein Lächeln war so ansteckend, dass sie nicht anders konnte, als ebenfalls zu lächeln. Die Türen schlossen sich, und Lauren drückte den Knopf für ihr Stockwerk. „Wie kann ich mir da so sicher sein?“

„Ganz einfach“, sagte er und trat einen Schritt auf sie zu, „wenn ich beißen würde, hätte ich dich schon vorher auf der Tanzfläche ein wenig angeknabbert.“

Mit den Fingern fuhr er durch ihr seidiges Haar und strich ihr über den Nacken, während die Daumen die zarte Haut ihres Halses berührten.

Lauren hatte Mühe zu atmen. Die Zeit schien stillzustehen, als ihre Blicke sich trafen und sie in seinen Augen das gleiche brennende Verlangen entdeckte, das auch in ihren Adern pulsierte.

„Ich begleite dich zu deinem Zimmer“, wiederholte er noch einmal.

Lauren atmete tief durch. Sie war sich nicht sicher, ob sie ihm trauen konnte. Oder war es gar sie selbst, der sie nicht trauen konnte? „Du bist ganz schön …“

„Unwiderstehlich?“

„Ich wollte eigentlich hartnäckig sagen.“ Die Türen des Aufzugs öffneten sich, und Lauren trat nach draußen.

Philippe folgte ihr. „Niemand ist perfekt.“ Dann nahm er ihre Hand und streichelte mit seinem Zeigefinger sanft die Innenfläche. „Ich verschwinde sofort, wenn du mich darum bittest.“

In seiner Nähe fiel es Lauren schwer zu atmen, geschweige denn klar zu denken. „Ich weiß nicht …“

„Vielleicht hilft dir das, eine Entscheidung zu treffen.“ Damit zog er sie an sich, hob mit einer Hand behutsam ihr Kinn und senkte seinen Mund auf den ihren.

Seine Lippen waren warm und sinnlich, und die Bartstoppeln an seinem Kinn kitzelten ihre Haut. Laurens Herz schlug heftig, und als sie den Blick hob, um Philippe anzusehen, waren seine Augen dunkel und sein Blick leidenschaftlich.

Eine Weile stand sie stumm da und sah ihn an. Sie begehrte diesen Mann mit einer Heftigkeit, die sie selbst nicht verstand. Nun musste sie nur noch entscheiden, ob sie sich auf ihren Instinkt verlassen konnte …

Das Klingeln des Telefons riss Lauren aus ihren Gedanken. Eine Sekunde lang war sie enttäuscht, als ob der Anruf sie bei etwas Wichtigem unterbrochen hätte. Bis ihr wieder bewusst wurde, dass sie und Philippe an jenem Abend in ihrem Hotelzimmer nicht unterbrochen worden waren, weder von einem Telefonanruf noch von irgendetwas anderem. Sie waren vollkommen ungestört gewesen, die ganze Nacht lang.

2. KAPITEL

Lauren sah sich in dem schicken Café um und fragte sich, ob irgendeiner der anderen Gäste wohl ein ebenso kompliziertes Leben führte wie sie.

„In letzter Zeit geht bei mir alles schief“, vertraute sie ihrer Freundin Sara Michaels an.

Sara nippte an ihrem Mineralwasser und sah Lauren neugierig an. „Fällt der Schlussverkauf dieses Jahr aus?“

„Ich wünschte, das wäre alles“, erwiderte diese und seufzte. „Leider ist die ganze Sache etwas ernster.“

„Was ist denn los?“

Lauren zögerte. Sara, die eine erfolgreiche Sängerin christlicher Lieder war, war ihre beste Freundin und so etwas wie ein moralisches Vorbild. Wenn sie von Laurens Eskapade erfuhr, würde sie bestimmt schockiert und enttäuscht sein.

Lauren wünschte, sie hätte Philippe einfach vergessen können. Aber das war unmöglich. Die Erinnerung an ihre gemeinsame Nacht war genauso frisch wie an dem Morgen danach, als er sie zum Flughafen gebracht hatte und sie sich voneinander verabschiedet hatten.

„Lauren?“ Sara lächelte ihrer Freundin aufmunternd zu.

Diese strich mit dem Finger über eine Falte in der Tischdecke. „Hast du schon einmal etwas gemacht, obwohl du genau wusstest, dass es falsch ist?“

Saras Gesicht nahm einen seltsamen Ausdruck an. Anstatt sofort zu antworten, nahm sie einen Schluck Wasser und starrte für einen Augenblick ins Leere. Dann nickte sie.

„Ich brauche keine Einzelheiten.“ Lauren beugte sich vor. „Aber wenn du heute noch einmal vor der Wahl stündest: Würdest du es wieder tun?“

„Ich hatte damals geglaubt, im Recht zu sein“, sagte Sara. „Aber heute weiß ich, dass es ein Fehler war.“

„Ich habe kürzlich etwas getan, von dem ich wusste, dass es falsch war“, erklärte Lauren. „Aber das hat mich nicht davon abgehalten, es trotzdem zu tun.“

„Und jetzt hast du ein schlechtes Gewissen.“ Saras Stimme war voller Mitgefühl. Sie beugte sich vor und ergriff Laurens Hand. „Wir alle tun ab und zu Dinge, auf die wir nicht stolz sind.“

Lauren unterdrückte ein Stöhnen. Sara hatte sie falsch verstanden. Es ging nicht darum, dass Lauren Gewissensbisse hatte. Das Problem war vielmehr, dass sie keinerlei Reue verspürte.

„Die Sache ist die“, versuchte Lauren zu erklären. „Ich fühle mich gar nicht schlecht. Und wenn ich heute noch einmal vor der Entscheidung stünde, ich würde noch einmal genauso handeln.“

Sara runzelte die Stirn. „Das verstehe ich nicht.“

„Es liegt an meiner Mutter. Ich werde immer mehr wie meine Mutter.“

Saras Blick fiel auf die zahlreichen Einkaufstaschen, die neben dem Stuhl ihrer Freundin lagen. Wenn Lauren unter Stress litt, beruhigte sie nichts so sehr wie ein Einkaufsbummel.

Auch Lauren betrachtete die Taschen zu ihren Füßen. Sie war sehr zufrieden mit ihren Einkäufen, mit Ausnahme der Tatsache, dass sie das meiste davon wieder zurückbringen musste. Die hohe Miete, die sie für ihr luxuriöses Stadthaus bezahlte, verschlang den Großteil ihres Geldes, und auch das Limit ihrer Kreditkarte hatte sie mittlerweile vollkommen ausgeschöpft.

„Lauren.“ Saras Stimme war voller Mitgefühl. „Du bist vollkommen verändert, seitdem du aus Chicago zurückgekommen bist. Was ist dort passiert?“

„In Chicago war es großartig“, wich Lauren der Frage aus. „Es war toll, all die alten Freunde wiederzusehen.“

Und dennoch war auch das Wiedersehen mit ihren Bekannten vom College nicht ungetrübt gewesen. Lauren war glücklich gewesen, dass nun auch ihre letzte unverheiratete Freundin den Mann fürs Leben gefunden hatte, und sie hatte sich ebenso mit ihren übrigen Freundinnen gefreut, die alle ein Kind auf dem Arm gehabt hatten. Aber sie hatte sich auch gefragt, wann sie wohl an der Reihe sein würde. Wann würde sie einen Mann finden und ein Baby bekommen?

„Was meinst du damit, dass du immer mehr wirst wie deine Mutter?“, fragte Sara.

Lauren blickte in ihre Tasse. „Meine Mutter nimmt sich alles, was ihr gefällt, ohne sich Gedanken über die Konsequenzen zu machen. Ich habe in letzter Zeit genau das Gleiche getan.“

„Das ist nicht wahr.“ Saras Antwort sagte mehr über ihre Loyalität als über ihren Realitätssinn aus.

„Doch, es stimmt. Ich habe ein Haus gemietet, das viel zu teuer für mich ist. Und ich kaufe mir ständig Klamotten, die ich mir nicht leisten kann.“ Und ich habe einen One-Night-Stand mit einem Mann gehabt, den ich nie wiedersehen werde, fügte sie in Gedanken hinzu.

„Wenn es um Geld geht“, begann Sara nun, „ich könnte dir …“

„Auf gar keinen Fall“, erklärte Lauren entschieden. Sich Geld von seinen Freunden zu leihen, war eine Spezialität ihres Vaters. Lauren dagegen würde lieber unter einer Brücke schlafen, als sich auch nur einen Cent von Sara zu borgen. „Aber ich brauche einen Mitbewohner. Wenn du also jemanden kennst, der eine Bleibe sucht, wäre es nett, wenn du mir Bescheid geben würdest.“

Sara lehnte sich zurück. „Ich glaube, ich kann dir helfen. Ich weiß da tatsächlich jemanden. Das einzige Problem ist, dass es ein Mann ist.“

Lauren unterdrückte ein Lächeln. Wer außer Sara würde sich über solche Dinge Gedanken machen? „Kein Problem. Ich habe auf dem College in einem gemischten Wohnheim gewohnt.“

„Ich weiß nicht, wie lange er hier in Saint Louis bleibt, aber er sucht im Augenblick nach einer Bleibe. Und ich glaube, dass ihr gut miteinander auskommen würdet.“

Nun war Laurens Neugierde geweckt. „Kenne ich ihn?“

„Er ist nicht von hier“, antwortete Sara. „Ich habe ihn gerade als Tourmanager für meine Europatour engagiert.“

„Sieht er gut aus?“ Die Frage war Lauren herausgerutscht, bevor sie sich eines Besseren besinnen konnte.

„Ich finde ihn attraktiv“, antwortete Sara, „aber ich habe auch immer schon eine Schwäche für Männer mit dunklen Haaren und braunen Augen gehabt.“

Lauren lächelte. Dieser Beschreibung entsprach nicht nur Saras Ehemann Sal, sondern auch Philippe. Doch sie schob den Gedanken beiseite. „Wie gut kennst du den Mann?“

„Mach dir keine Sorgen“, beruhigte Sara sie. „Sowohl Tom Alvarez als auch sein früherer Arbeitgeber haben in den höchsten Tönen von ihm gesprochen. Deshalb habe ich ihn zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Und ich muss sagen, ich war sehr beeindruckt. Er hat sogar Sal überzeugt.“

Saras Gesichtszüge entspannten sich, wie immer, wenn sie von ihrem Mann sprach. Sie und der ehemalige Polizist waren seit nunmehr drei Jahren miteinander verheiratet, und Sal verteidigte die Privatsphäre seiner Frau und seiner kleinen Tochter mit dem gleichen Eifer, mit dem er früher seine Ermittlungsarbeit betrieben hatte. Wenn er den Kandidaten für gut befunden hatte, musste er in Ordnung sein.

„Ist er überhaupt, daran interessiert, zur Untermiete zu wohnen?“, fragte Lauren. „Vielleicht will er ja auch etwas Eigenes.“

Sara hob ihr Glas an die Lippen und überlegte. „Ich glaube, eine Wohngemeinschaft wäre ihm lieber. Ich habe den Eindruck, dass er sparsam mit seinem Geld umgehen muss.“

„Bezahlst du ihm so wenig?“, zog Lauren ihre Freundin auf.

„Wenn es nach meinem Manager geht, zahle ich ihm sogar zu viel“, sagte Sara lachend. „Aber er hatte so gute Qualifikationen.“

„Warum hat er dann Geldprobleme?“

„Ich weiß nicht.“ Sara zuckte die Achseln. „Wir haben nicht über sein Privatleben gesprochen. Aber durch ein paar Bemerkungen, die er gemacht hat, habe ich den Eindruck bekommen, dass er etwas knapp bei Kasse ist. Ich weiß noch, dass ich mich darüber gewundert habe, denn seine Kleidung sah sehr elegant und teuer aus.“

„Klingt so, als wäre er genau mein Typ“, überlegte Lauren laut. „Wann könntest du mich ihm vorstellen?“

Saras Augen weiteten sich, und sie erhob die Hand zum Gruß. „Wie wäre es mit sofort?“

„Jetzt gleich?“

„Er ist gerade hereingekommen.“

Lauren drehte sich um. Der Anblick des großen, breitschultrigen Mannes, der direkt auf sie zukam, verschlug ihr den Atem.

„Philippe“, flüsterte sie.

3. KAPITEL

Lauren konnte ihm ansehen, dass auch er sie erkannt hatte. Seine Augen nahmen einen wachsamen Ausdruck an, als er an ihren Tisch trat.

„Was für eine Überraschung“, rief Sara strahlend und deutete auf einen leeren Stuhl. „Willst du dich nicht zu uns setzen?“

„Gerne.“ Philippe warf einen fragenden Blick zu Lauren, dann zog er sich den Stuhl heran und setzte sich.

Er sah umwerfend aus. Das cremefarbene Hemd passte hervorragend zu seinem gebräunten Gesicht und ließ seine Augen noch dunkler erscheinen. Die braune Anzughose, die er dazu trug, war mit Sicherheit maßgeschneidert, und wenn Lauren sich nicht täuschte, hatte sein Ledergürtel mehr gekostet als alles, was sie heute gekauft hatte.

Jedes Mal, wenn sie in den vergangenen Tagen an ihre gemeinsame Nacht denken musste, hatte sie sich eingeredet, dass Philippe unmöglich so attraktiv sein konnte, wie sie ihn in Erinnerung hatte. Doch nun sah sie ein, dass ihr Gedächtnis sie nicht getäuscht hatte. Seine feinen Gesichtszüge wirkten wie gemeißelt, die schmale Nase, das energische Kinn und die vollen Lippen. Sein braunes Haar war kurz, aber leicht gelockt, so dass Lauren sich zurückhalten musste, um nicht mit ihren Fingern hindurchzufahren.

„Philippe, das ist meine beste Freundin Lauren Carlyle“, verkündete Sara freudig. „Lauren, das ist Philippe Gabrielle, mein Tourmanager.“ Philippe wandte sich ihr zu. Sein Blick verriet ihr, dass er bereit war, sie entscheiden zu lassen, wie sie am besten mit der Situation umgehen sollten. Lauren musste nicht lange überlegen.

„Wir sind uns schon einmal begegnet“, sagte sie und streckte ihre Hand aus. „Du warst doch auch auf der Hochzeit von Melanie, oder?“

„Ja, das stimmt.“ Er nahm ihre Hand und führte sie an seine Lippen. „Es ist mir ein Vergnügen.“

Lauren lief ein Schauer über den Rücken, als Philippe einen zarten Kuss auf ihre Hand drückte. Sie konnte spüren, wie ihre Wangen heiß wurden.

„Ich hätte dich warnen sollen“, meinte Sara lachend. „Philippe ist sehr europäisch.“

Lauren sah ihn überrascht an. „Du bist kein Amerikaner?“

Er lächelte und machte dann dem vorbeikommenden Kellner ein Zeichen, um einen Espresso zu bestellen. Anschließend wandte er sich wieder Lauren zu. „Ich habe die doppelte Staatsbürgerschaft. Mein Vater ist Amerikaner, und meine Mutter kommt aus Carpegnia.“

„Carpegnia?“ Lauren war noch nie gut in Geographie gewesen. „Ist das nicht eine Insel im Mittelmeer?“

Philippe nickte. „Vor der französischen Küste.“

„Aber du hast gar keinen Akzent“, stellte Lauren ...

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