Logo weiterlesen.de
„Wenn Pastoral Alter lernt“ –

Peter Bromkamp

„Wenn Pastoral Alter lernt“ –
Pastoralgeragogische Überlegungen zum Vierten Alter

Studien zur Theologie und Praxis der Seelsorge

96

Herausgegeben von

Erich Garhammer und Hans Hobelsberger

in Verbindung mit

Martina Blasberg-Kuhnke und Johann Pock

Peter Bromkamp

„Wenn Pastoral Alter lernt“ –

Pastoralgeragogische Überlegungen
zum Vierten Alter

Vorwort

Dass in unseren Breiten seit einiger Zeit eine erhebliche demographische Verschiebung in Gang befindlich ist – der Anteil der älteren Menschen an der Gesamtbevölkerung wächst kontinuierlich an bei insgesamt abnehmender Bevölkerungszahl –, ist eine Gegebenheit, die vermehrte Aufmerksamkeit auf sich zieht: Auf der einen Seite ergibt sich dadurch die nicht einfach zu lösende Frage, wie die durch diese Entwicklungen anfallenden Kosten zur Lebensunterhaltung dieser nicht mehr im aktiven Erwerbsleben stehenden Altersgruppe einschließlich derer für die teilweise notwendig werdende aufwändige medizinische Betreuung aufgebracht werden können. Auf der anderen Seite sind es aber auch die älter werdenden Menschen, die wirtschaftlich gesehen höchst interessant sind, weil nicht wenige von ihnen über eine beträchtliche Finanzkraft verfügen; der Markt hält inzwischen die verschiedensten Angebote bereit, um davon zu profitieren.

Als „Zeichen der Zeit“ gehören die Themen Altern und Alter auch ganz dringlich auf die Tagesordnung von Kirche und Theologie. Zahlreiche Veröffentlichungen dazu aus den letzten Jahren dokumentieren, dass ein entsprechendes Bewusstsein in Gang gekommen ist. Herkömmlicherweise wurden die alten Menschen in der Pastoral eher als „Fälle“ angesehen, die es mit mehr oder weniger auf sie zugeschnittenen Angeboten zu betreuen galt. Dabei sind nicht wenige unter ihnen – mit der Entwicklung von Kirche und Theologie haben sie seit Firmung und Konfirmation nicht mehr viel zu tun gehabt – auf der Suche nach Orientierung und neuen Antworten auf ihre Fragen nach Sinn, Identität, Spiritualität. In Wahrnehmung dessen hat sich zwar noch nicht überall, aber immerhin in weiten Teilen der Pastoral ein tief reichender Perspektivenwechsel vollzogen: Die älteren Gläubigen gelten nicht länger als Objekte der Pastoral, sondern werden als Subjekte ihrer Religiosität und der Kirche an- und ernstgenommen. Als solche haben sie mit ihrer je individuellen Art, zu leben und zu glauben, einen unersetzlichen Beitrag in das Glaubensleben der Kirche – und darüber hinaus – einzubringen.

Dass und wie Menschen bis ins hohe Alter hinein es lernen, auf die sich für sie immer wieder verändernden Lebenslagen aktiv und kreativ einzustellen, und in diesem ihrem Lernprozess gefördert werden können, ist zum Forschungsfeld einer speziellen Disziplin innerhalb der Gerontologie, der Wissenschaft vom Altern, geworden, der Geragogik. Sie beschäftigt sich theoretisch und praktisch mit Lern- und Bildungsprozessen im höheren Lebensalter. Als Ziel der Geragogik kann verstanden werden die fördernde Begleitung in Alternsprozessen mit den Schwerpunkten eines lebenslangen Reifens und Lernens (lebenslanges Lernen), eines gemeinsamen Lernens von Jung und Alt in Generationenbeziehungen (intergenerationelles Lernen) und der Suche nach Sinn, Identität, Spiritualität (transrationales Lernen). Inzwischen wird mithilfe der von ihr gewonnenen Erkenntnisse ein nicht unerheblicher Beitrag zur Erhöhung der Lebensqualität in der sog. Dritten und Vierten Lebensphase geleistet.

Angesichts des vielfältigen Engagements innerhalb der Kirchen für die älteren Menschen fällt auf, dass zumindest in der pastoraltheologischen Reflexion dessen die Geragogik bislang kaum wahrgenommen und rezipiert worden ist. Dies gilt vor allem für die (pastoral-)theologische Erstausbildungsphase. Anders ist das inzwischen in der Praxis der sog. „Altenpastoral“. Hier hat man begonnen, die geragogischen Einsichten nutzbar zu machen; vermehrt werden beispielsweise im katholischen Raum vonseiten der Diözesen oder überdiözesan spezielle Fortbildungsveranstaltungen dazu durchgeführt.

Der Autor dieser Studie, Peter Bromkamp, ist seit Jahren auf diesem pastoralen Gebiet tätig und hat sich selbst durch ein Zusatzstudium die notwendigen Kenntnisse dafür erworben. In verschiedenen Projektgruppen hat er an der konzeptionellen Ausgestaltung dieses Feldes in der Pastoral und kirchlichen Erwachsenenbildung mitgearbeitet. Um das, was er dabei gelernt hat, nochmals reflexiv zu durchdringen und auf eine wissenschaftlich fundierte Basis zu stellen, hat er sich darangesetzt, eine eigene theoretische Studie zur Pastoralgeragogik auszuarbeiten. Zwei Anliegen haben ihn dabei geleitet: Auf der praktischen Ebene zielt er auf eine Verbesserung des pastoralen Umgangs mit alten Menschen mithilfe der in der Geragogik gewonnenen Einsichten. Auf der wissenschaftlichen Ebene möchte er aufweisen, dass und wie die Pastoraltheologie aus der Zusammenarbeit mit der Geragogik sowohl in methodologischer Hinsicht als auch mit Blick auf die Praxis einen erheblichen Gewinn bezieht. Doch sind es nach ihm nicht nur die Pastoral und Pastoraltheologie, die aus der Begegnung mit der Geragogik profitieren. Sondern auch die Geragogik wird in diesem Prozess auf mögliche „blinde Flecken“ ihrerseits aufmerksam, wie zum Beispiel darauf, dass sie der spirituellen Dimension im Lern- und Bildungsprozess von alten Menschen nicht die ihr gebührende Beachtung schenkt. Insgesamt ist der vorliegenden Studie zu bescheinigen, dass sie einen gehaltvollen Beitrag zu einer pastoraltheologisch fundierten und zugleich praktisch orientierten „Pastoralgeragogik“ leistet.

Ludger Veelken

Norbert Mette

Der Weg zum Buch …

Es brauchte einige Jahre mit vielen Überlegungen und Gesprächen bis zur Entscheidung, die nun vorliegende Dissertation tatsächlich anzugehen. Inspiriert dazu wurde ich in meinem beruflichen Kontext durch Begegnungen mit alten Menschen, vor allem in der Altenpflege, und durch Menschen, die mit ihnen arbeiten.

Am Anfang war der Wunsch, die beiden eigenen beruflichen Identitäten als in der (Alten-) Pastoral Tätiger und gerontologisch und geragogisch Geprägter miteinander zu verbinden, genauso stark wie die Unsicherheit, ob die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit einem pastoralgeragogischen Ansatz gelingen kann. Und ob sie neben dem beruflichen Engagement überhaupt umsetzbar und zu leisten ist. Die wissenschaftliche und theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema blieb für mich als Praktiker eine persönliche Herausforderung und so verstehen sich meine Überlegungen vor allem als Impuls für eine geragogische Praxis. Das gewählte Thema spiegelt die zu bearbeitenden inhaltlichen Schwerpunkte wider. Es geht um die Pastoral, das Lernen und das Vierte Alter.

Ich habe in den vergangenen Jahren die Erfahrung gemacht, dass eine Dissertation ohne Begleitung und Unterstützung anderer nicht möglich ist. Von daher lese ich die vielfältigen Danksagungen in Vorworten inzwischen mit anderen Augen und möchte mich in diesem Sinn herzlich bei den Menschen bedanken, ohne die ich meine Dissertation nicht zu Ende gebracht oder unter Umständen gar nicht erst begonnen hätte. Den Mitgliedern des AK Geragogik gebührt Dank, weil ich dort meine geragogische Heimat gefunden habe und weil dort meine Überlegungen von der ersten Idee an interessiert begleitet und fachlich unterstützt wurden. Ich danke meinen beiden Gutachtern Prof. em. Dr. Dr. h.c. Norbert Mette und Prof. em. Dr. Ludger Veelken, die sich auf den Weg mit mir eingelassen haben (und mit mir auf dem Weg geblieben sind). Ohne ihre fachliche und persönliche Begleitung und Unterstützung hätte ich meinen pastoralgeragogischen Ansatz nicht so entwickeln können. Nach ein oder zwei Jahren der Beschäftigung mit meiner Dissertation kam mir die Idee, mich dabei coachen zu lassen. Aus dieser Idee wurde eine freundschaftlich, kollegiale Zusammenarbeit mit Dr. Ulrich Feeser-Lichterfeld, der durch seine engagierte, fachliche Begleitung wesentlich zum Gelingen der Dissertation beigetragen hat. Aus den intensiven Gesprächen mit ihm habe ich sehr viel gelernt, vor allem über pastoraltheologische Identität und Reflexion. Inzwischen darf ich sagen, dass uns eine freundschaftliche Kollegialität verbindet, die nicht mit dieser Dissertation endet. Das Korrekturlesen hat mein Freund und Kollege Jürgen Weinz dankenswerterweise übernommen. Er hat mich damit vor manchem Fehler bewahrt. Zu guter Letzt möchte ich meiner Frau Irmgard (die neben Jürgen Weinz auch einige Kapitel Korrektur gelesen hat) und unseren Söhnen Daniel und Tobias danken für ihre moralische und (vor allem in der Arbeit mit dem Laptop und bei Formatierungen) technische Unterstützung, so manche gelungene, wohltuende Ablenkung und ihre Geduld mit mir, wenn ich mit meinen Gedanken ganz bei der Dissertation war.

Ohne die wohlwollende Unterstützung, Beratung und Aufnahme des Titels durch die Herausgeber der Reihe „Studien zur Theorie und Praxis der Seelsorge“ und den Echter Verlag und die zuverlässige Mitarbeit bei der Erstellung der Druckvorlage durch das Hain-Team wäre die Veröffentlichung als Buch nicht möglich gewesen. Ein herzliches DANKE dafür.

Die großzügige Förderung der Druckkosten durch das Erzbistum Köln und den Bereich Pastoral im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz sind für mich gleichermaßen Anerkennung meiner Arbeit und Erleichterung bei der Finanzierung dieses Buchprojektes. Auch dafür ein herzliches Dankeschön.

Peter Bromkamp

Inhalt

Vorwort

Der Weg zum Buch

1  Einführung

1.1  Berufsbiographische Motivation, Zielsetzung und Grenzen dieser Arbeit

1.2  Zum Aufbau der Arbeit

1.3  Alter in der Praktischen Theologie/Pastoraltheologie – ein kurzer aktueller Überblick

1.3.1  Zum Stand des Diskurses zum Alter in der Pastoraltheologie bzw. Praktischen Theologie

1.3.2  Zum Verständnis von Pastoraltheologie

1.3.3  Zum Verständnis von Pastoral

1.3.4  Ein kurzer Blick in die Praxis der Altenpastoral

1.4  Geragogik – Skizze einer relativ jungen Wissenschaft des Alterns und Alters – Didaktische Prinzipien und methodische Zugänge

1.5  Pastoralgeragogik – ein programmatischer und inspirierender Entwurf von Ludger Veelken

1.6  Zum Ansatz und methodischen Vorgehen dieser Arbeit („konvergierende Optionen“)

1.7  Methodische Zugänge

2  Das Vierte Alter – Konturen eines erklärungsbedürftigen Begriffes

2.1  Altsein in einer alternden Gesellschaft

2.2  Begriffsannäherungen

2.3  Anfragen an eine Einteilung nach Altersphasen

2.4  Einige demografische Befunde (Daten und Prognosen)

2.4.1  Lebenserwartung, Zahl älterer und hochbetagter Menschen

2.4.2  Familienstand, Haushaltsform

2.4.3  Lebenszufriedenheit

2.4.4  Finanzielle Situation

2.4.5  Gesundheit, Pflegebedürftigkeit

2.4.6  Hilfsbedürftigkeit

2.5  Programmatiken des Vierten Alters - eine Auswahl

2.5.1  Quantitative, kalendarische Ansätze

2.5.2  Qualitative Ansätze

2.5.2.1    „Drittes und Viertes Alter“ (Peter Laslett)

2.5.2.2    Das 4. Lebensalter: Loslassen von Gewohntem und „in-der-Hand-behalten“ der eigenen Entwicklung (Elisabeth Bubolz-Lutz)

2.5.2.3    „Fragiles Rentenalter“ und „Alter mit Pflegebedürftigkeit“ (Francois Höpflinger)

2.5.2.4    Ein durch den Verlust der Autonomie, das Angewiesensein auf die Hilfe anderer und die abnehmende Leistungsfähigkeit schwieriges viertes Lebensalter (Paul B. Baltes)

2.5.2.5    „Das vierte Lebensalter – Ernstfall der Freiheit alt zu sein“ (Martina Blasberg-Kuhnke/Andreas Wittrahm)

2.5.2.6    Abhängigkeit, Empfangen, Ergriffensein als Erfahrungen des Vierten Lebensalters (Heinz Rüegger)

2.5.2.7    „Abhängiges Alter“ (Silvia Kade)

2.5.2.8    „Der Wille für gelingende Hochaltrigkeit“ (Hilarion G. Petzold)

2.5.2.9    Hochaltrigkeit als individuelle und gesellschaftliche Herausforderung, besonders dann, wenn Multimorbidität, Pflegebedürftigkeit oder Demenz eintreten

2.5.2.10  Menschen im Vierten Alter als unabhängige Individuen in äußerlich abhängigen Situationen (6. Altenbericht)

2.5.2.11  Hochaltrigkeit als gesellschaftliches und individuelles Akzeptanzproblem

2.6  Kennzeichen des Vierten Alters, der Versuch einer Zusammenfassung

3  Das Vierte Alter aus geragogischer Perspektive

3.1  Aktueller Stand der Geragogik (im Blick auf das Vierte Alter)

3.2  Entwicklungsaufgaben im Vierten Alter

3.3  Das Lern- und Bildungspotential des Vierten Alters

3.4  Altersspezifische Kompetenzen

3.5  Lernfelder im Alter

3.6  Unterschiedliche Zugänge und ihre Konsequenzen für eine Bildungsarbeit im Vierten Alter

4  Die religiöse und pastorale Dimension des Vierten Alters

4.1  Eine vernachlässigte Fragestellung in der Geragogik und in der Pastoraltheologie

4.2  Religiöse Entwicklung im Vierten Alter

4.3  Ausgewählte Selbstreflexionen von alte(rnde)n Theologen

4.3.1  Alter als „Neugestaltung der Vergangenheit“ (Karl Rahner)

4.3.2  „Wir kommen von weit her“ (Fulbert Steffenski)

4.3.3  Ja sagen zum Alter! (Franz-Josef Nocke)

4.3.4   Alter als letzter Aufruf zur Freiheit (Alfons Auer)

4.3.5  Schicksal oder Gnade? (Gunda Schneider-Flume)

4.3.6  Leben zwischen „Lebensfülle“ und „Todesverfallenheit“ (Paul Schladoth)

4.3.7  Auf der Suche bleiben nach der eigenen Spiritualität (Ludger Veelken)

4.4  Herausforderungen für Religiosität und Pastoral

5  Konzeptionelle Überlegungen zu einer geragogischen Pastoral/Pastoralgeragogik

5.1  Begriffliche Erläuterungen

5.2  Anmerkungen zum Lernen in der Pastoraltheologie und der Pastoral, geragogische Pastoral als (Altern und Alter) lernende Pastoral

5.3  Konvergierende Optionen und Leitbilder einer Pastoralgeragogik

5.4  Kennzeichen des Vierten Alters als Herausforderung und Aufgabe der Pastoralgeragogik

5.5  Ethische Aspekte einer Pastoralgeragogik

5.6  Ansätze, Veröffentlichungen aus Altenpastoral, Geragogik und Altenbildung in der pastoralgeragogischen Reflexion

5.6.1    Bildung lebenslang

5.6.2     Im Alter neu werden können

5.6.3     Der Mensch lernt niemals aus

5.6.4     Lernprojekt „L 4 – Lernpartnerschaft im 4. Lebensalter“ im Erzbistum Freiburg

5.6.5     Qualitätsziele moderner SeniorInnenarbeit und Altersbildung

5.6.6     Das Dritte und Vierte Lebensalter in der Kirche groß schreiben!

5.6.7     Leitlinien zur Altenpastoral im Erzbistum Köln

5.6.8     Altern quergedacht

5.6.9     Lernort Gemeinde

5.6.10  Leben. Miteinander. Lernen

5.6.11  Begleiter in der Seelsorge

5.6.12  Ehrenamt begleitet im Glauben

6  Lernthemen und Lernfelder einer geragogischen Pastoral

6.1  Lernfeld Gemeinde

6.2  Lernfeld Altenpflege

6.3  Lernfeld Kritische Reflexion von Altersbildern

6.4  Lernfeld Altenbildung

6.5  Lernfeld Spiritualität und religiöse Praxis

6.6  Pastoralgeragogische Aus-, Fort- und Weiterbildung

7  Ausblick: Geragogische Pastoral und pastorale Geragogik, oder: Auf dem Weg zur Pastoralgeragogik

7.1  Wenn Pastoral Alter lernt, dann?! – Reflexion möglicher und notwendiger Lernerfolge

7.2  Perspektiven für die Geragogik

7.3  Perspektiven für die Pastoraltheologie

7.4  Geragogische Pastoral, pastorale Geragogik und Pastoralgeragogik

7.5  Positionierung und Reflexion eigener Lernerfahrungen

8  Literaturverzeichnis

1  Einführung

Das einführende Kapitel dieser Arbeit dient einer ersten thematischen und inhaltlichen Orientierung. Es beschreibt den berufsbiografischen Anlass der folgenden Überlegungen, deren Ziele und Grenzen. Fokussiert auf das Anliegen der Arbeit hin, werden die beiden Disziplinen Pastoraltheologie und Geragogik und ihre Praxisfelder eingeführt. Darüber hinaus erfolgt eine erste grundlegende Positionierung zum Verständnis von Pastoral. Nach einer Hinführung zum Begriff und Konzept einer „Pastoralgeragogik“ schließt das erste Kapitel im Hinblick auf die weiteren Überlegungen mit einer Skizze des methodischen Ansatzes und der methodischen Zugänge der hier vorgelegten Arbeit ab.

1.1  Berufsbiographische Motivation, Zielsetzung und Grenzen dieser Arbeit

Anlass für diese Arbeit sind langjährige, berufsbiografische Erfahrungen in der Altenpastoral, Gespräche mit PastoraltheologInnen und GeragoInnen und persönliche, mehrdimensionale Grenzerfahrungen von:

Pastoraltheologie auf der einen und Gerontologie und Geragogik auf der anderen Seite,

Praxis und Theorie, der gleichzeitigen Betonung von Praxiserfahrungen und wissenschaftstheoretischem Anspruch,

dem eigenen Selbstverständnis als Pastoraltheologe und/oder Geragoge,

dem Erleben von Mangel (zum einen in der Pastoraltheologie von gerontologischem und insbesondere geragogischem Wissen und der Betonung des Themas Altern und Alter und zum anderen in der Geragogik von pastoraltheologischen Voraussetzungen und Perspektiven),

dem eigenen Anspruch, nicht im Niemandsland zwischen beiden Perspektiven zu verharren oder eine Perspektive zu vernachlässigen, sondern als Grenzgänger gesehen zu werden, der sich beiden Perspektiven verpflichtet fühlt und sich als Botschafter und Kundschafter der einen für die andere Perspektive versucht und versteht,

der inzwischen erfolgten und notwendigen Betonung des dritten Alters in wissenschaftlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Diskussionen und Projekten, und der Notwendigkeit, das Vierte Alter (wieder) zu entdecken und ihm einen eigenen Stellenwert einzuräumen oder zuzugestehen,

positiven und negativen Altersbildern, -stereotypen und -zuschreibungen (so konzentrieren sich die negativen Altersbilder mehr auf das hohe oder Vierte Alter, während sich die positiven eher auf das jüngere oder Dritte Alter konzentrieren),

sehr individuellen, differenzierten Entwicklungen, Situationen und Wahrnehmungen und typischen (im Sinne von typologisch) Aussagen, Befunden und Tendenzen, die für das Alter (oder zutreffender die) Alter beobachtet werden können.

Diese Aufzählung erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, macht aber deutlich, dass die eingangs formulierten Grenzerfahrungen keineswegs immer von klaren und eindeutigen Grenzverläufen, sondern eher von einer Polarität geprägt werden.

Diese Grenzerfahrungen ließen den Wunsch entstehen, pastoraltheologisches und geragogisches Denken zusammen zu führen und daraus eine entsprechende pastorale Praxis abzuleiten und die aktuelle (eigene) Altenpastoral pastoralgeragogisch zu reflektieren.

Die Wahrnehmung, dass das Vierte Alter eher über Defizite und Fürsorglichkeit definiert wird oder, auf Kosten der Konzentration auf das Dritte Alter, der „Jungen Alten“ vernachlässigt wird, führte darüber hinaus zur Fokussierung der nachfolgenden Überlegungen auf die letzte Lebensphase. Aus diesen Überlegungen heraus entstand dann auch der Titel der Arbeit.

Das gewählte Thema impliziert einige Thesen und Voraussetzungen, die im Weiteren bearbeitet, überprüft und konkreter formuliert werden müssen:

  • „Wenn Pastoral Alter lernt“

Diese Formulierung lässt vermuten oder auch wünschen,

… dass eine Auseinandersetzung mit dem Thema für die Pastoraltheologie und für die Pastoral (im Sinne der Praxis) nicht ohne Folgen bleibt.

… dass Pastoral und Pastoraltheologie Alter lernen können. Damit werden bereits Lernfähigkeit, Lernbereitschaft und Lernbedarf unterstellt und mögliche Entwicklungen und Veränderungen eines solchen Lernprozesses angedeutet. Wie aber verändert sich Pastoraltheologie, wenn sie Alter lernt? Was hat sie bisher vom Alter gelernt?
Vielleicht ist der im Folgenden zu entwickelnde und zu beschreibende Lernprozess ein gegenseitiger Lernprozess zwischen Pastoraltheologie und Alter. Vielleicht kann ja nicht nur die Pastoraltheologie in der Auseinandersetzung mit dem Alter lernen, sondern auch das Alter (im Sinne der Disziplinen, die sich mit dem Alter und Altern auseinandersetzen) von der Pastoraltheologie.
Der Begriff Pastoral steht für den Bezug zur Praxis, dem sich die Arbeit verpflichtet sieht. Dieser Verpflichtung folgend werden später pastoral-geragogische Handlungsfelder beschrieben.

  • „pastoralgeragogische Überlegungen …“

Der zusammengesetzte Begriff „pastoralgeragogisch“ klingt zunächst ungewohnt und etwas sperrig. Können Pastoraltheologie und Geragogik „zusammengedacht werden“? Wie kann etwas Neues, Gemeinsames entwickelt werden, ohne die Eigenständigkeit beider Disziplinen aufzugeben? Sind beide Disziplinen hinreichend kompatibel? Wenn es gelingt, beides zusammen zu denken, dann ist zu erwarten, zu hoffen, dass beide Disziplinen davon profitieren und dass es sie nicht „unbeeindruckt“ und unverändert lässt.

  • „… zum Vierten Alter“

Das Alter als Thema der Pastoral ist nicht neu. Wobei es in der Pastoral „vor Ort“, also in der praktischen Arbeit mehr Beachtung findet als in der wissenschaftlichen Pastoraltheologie. Vor allem die caritative und die seelsorgliche Verantwortung für die alten Menschen hat eine lange kirchliche Tradition. Während früher vor allem die Fürsorge für die „Alten und Kranken“ besonders betont wurde, wird in den letzten Jahren zunehmend das Dritte Alter „entdeckt“ und hier vor allem die Ressourcen, die dieses Alter für Kirche und Gesellschaft bietet. Ein großer Teil der Arbeit mit ehrenamtlichen oder freiwillig Engagierten gilt genau diesem Bereich. Wiederentdeckt werden soll eine Bedeutung des Vierten Alters, die darüber hinaus geht, Menschen im Vierten Alter auf die Rolle des Objekts pastoralen Handelns fest zu schreiben.

Die Pastoraltheologie kann durch die Beschäftigung mit dem (Vierten) Alter etwas lernen, und das Vierte Alter „hat der Pastoral etwas zu sagen“.

Um die nachfolgenden Ausführungen richtig einordnen zu können, wird bereits zu Beginn auf einige Grenzen der vorliegenden Arbeit hingewiesen: Es ist im Rahmen einer solchen Arbeit nicht leistbar, eine umfassende Grundlegung der Pastoraltheologie und der Geragogik zu beschreiben. Die konzeptionellen Überlegungen haben auch (noch) nicht den Anspruch, eine umfassende Pastoralgeragogik zu definieren und wissenschaftstheoretisch zu begründen. Sie sind allenfalls ein erster, notwendiger und wichtiger Schritt dazu.

Des Weiteren fehlt eine Auseinandersetzung mit einer Gruppe von Menschen, die einen wachsenden Anteil der Menschen im Vierten Alter ausmachen: Menschen mit Demenz. Diese Auseinandersetzung fehlt nicht, weil Menschen mit Demenz und der Umgang mit ihnen wenig Bedeutung für pastorales Handeln hätten, sondern weil dieser gesamte Themenbereich eine sehr differenzierte, sensible und kompetente Herangehensweise erfordert, die in dieser Arbeit nicht einfach mit „abgearbeitet“ werden kann.

Ob die Herkunft des Verfassers aus der (alten-)pastoralen Praxis eher als Schwäche oder als Stärke der Arbeit gesehen werden sollte, mag der fachkundige Leser beurteilen.

1.2  Zum Aufbau der Arbeit

Das Anliegen dieser Arbeit, konzeptionelle und praxisrelevante pastoralgeragogische Überlegungen zu entwickeln, erfordert eine Reihe aufeinanderfolgende Schritte, die letztlich zu einem ersten pastoralgeragogischen Ansatz führen.

Die Einführung in die beteiligten Disziplinen Pastoraltheologie und Geragogik und ein erster Einblick in die Altenpastoral als relevantes Praxisfeld wird im ersten Kapitel um das Selbstverständnis von Pastoraltheologie und Pastoral ergänzt, dem sich diese Arbeit verpflichtet fühlt. Anschließend werden, ausgehend von Überlegungen zur Pastoralgeragogik von Ludger Veelken1 und dem von Norbert Mette und Hermann Steinkamp entwickelten Ansatz der „konvergierenden Optionen“2, vorläufige methodische Zugänge zur Pastoralgeragogik erarbeitet.

Die folgenden drei Kapitel beschreiben unterschiedliche Perspektiven, Zugänge und Definitionen zum Vierten Alter mit dem Ziel, das Vierte Alter aus gerontologischer, geragogischer, demografischer, pastoraler und religiöser Sicht zu definieren.

Auf der Grundlage der ersten vier Kapitel werden in den Kapiteln 5–7 ausgehend von und in Auseinandersetzung mit vorliegenden Ansätzen neue, eigene konzeptionelle Überlegungen und Leitbilder zur Pastoralgeragogik entwickelt. Dem Titel der Arbeit folgend, der von einer lernenden Pastoral ausgeht, wird die Pastoralgeragogik dabei vor allem auf Lernthemen und Lernfelder einer geragogischen Pastoral des Vierten Alters hin fokussiert.

Das letzte Kapitel dient einer abschließenden Standortbestimmung, umschreibt den Beitrag der Pastoralgeragogik für die Pastoraltheologie und Geragogik und skizziert zukünftige Themen und Aufgaben auf dem Weg zu einer weiter zu entwickelnden, umfassenden Pastoralgeragogik.

1.3  Alter in der Praktischen Theologie/Pastoraltheologie – ein kurzer aktueller Überblick

Als Ausgangspunkt für die weiteren Überlegungen wird zunächst kurz die aktuelle Diskussion zum Thema Alter in der Pastoraltheologie skizziert und ein erster Einblick in die Praxis der Altenpastoral versucht.

Darüber hinaus wird eine erste Standortbestimmung zum Verständnis von Pastoraltheologie und Pastoral vorgenommen, die dieser Arbeit zugrunde liegt.

1.3.1  Zum Stand des Diskurses zum Alter in der Pastoraltheologie bzw. Praktischen Theologie

Das Thema Alter in der Pastoraltheologie wird im Folgenden in drei Schritten bearbeitet. Zunächst wird die pastoraltheologische Diskussion im Bereich der Altenpastoral resümiert. Anschließend werden pastoraltheologische Prinzipien aufgezeigt, die auf ihre Bedeutung für die Altenpastoral hin befragt und auf die Arbeit mit alten Menschen hin interpretiert werden bevor die weiteren Ausführungen einen Einblick in die Praxis der kirchlichen Altenarbeit geben.

Ein Blick auf die pastoraltheologischen Veröffentlichungen der letzten Jahre zeigt, dass das Thema Altern und Alter (noch) nicht zu den signifikanten Themen gehört, dass es aber langsam an Bedeutung gewinnt. Beispiele dafür sind im katholischen Raum das Handbuch „Altern in Freiheit und Würde“3 und die Veröffentlichung „Selbst die Senioren sind nicht mehr die alten …“, in der die Ergebnisse des Forschungsprojektes „Religiöse Entwicklung im Erwachsenenalter“ dargestellt und diskutiert werden. Evangelischerseits sind die Aufsatzsammlung „Praktische Theologie des Alterns“4, der Sammelband „Religiöse Begleitung im Alter – Religion als Thema der Gerontologie“5 und „Aging, Anti-Aging, Pro-Aging, Altersdiskurse in theologischer Deutung“6 zu nennen. Die Schwerpunkte dieser Veröffentlichungen bilden exemplarisch die aktuelle pastoraltheologische Diskussion zum Altern und Alter ab: Gerontologischtheologische Grundlagen, Handlungsimpulse für die Altenpastoral, Untersuchungen zur religiösen Entwicklung alternder und alter Menschen, theologische und ethische Reflexion gerontologischer Befunde und gesellschaftlicher Entwicklungen (vor allem: demographischer Wandel). Einen Einblick in die Praxis der Altenpastoral und zu Positionen zum Alter aus anderer Perspektive bietet der 6. Altenbericht der Bundesrepublik Deutschland, der sich mit Altersbildern in der Gesellschaft beschäftigt.7 Diesem Bericht zufolge herrscht in der pastoralen Praxis eher ein negatives Altersbild der Kirchen vor, das vor allem den Unterstützungsbedarf und die Hilfsbedürftigkeit alter Menschen betont und sie demnach vor allem als zu betreuende Menschen wahrnimmt. „Die Grundkategorien, mit denen das Alter in dieser Sichtweise begriffen wird, sind folglich durchaus von den „modernen“ Vorstellungen von Autonomie, Produktivität, gelingendem Leben und Identität unterschieden, indem Erfahrungen von leiblicher Endlichkeit, von Verletzlichkeit und Fragilität des Lebens in den Vordergrund gerückt werden.“8

In der pastoraltheologischen Diskussion sind unterschiedliche Herangehensweisen an das und Sichtweisen vom Alter anzutreffen: Das Alter wird nicht eigens behandelt, sondern als ein Bereich innerhalb der Arbeit mit Erwachsenen eingeordnet. (Vergleichbar mit Überlegungen in der Erwachsenenbildung, wo die Bildungsarbeit mit älteren und alten Menschen Teil der Erwachsenenbildung ist.) Eine andere Lesart ist die Betonung des Alterns als lebenslanger Prozess und der Interpretation des Alters als Produkt dieses Prozesses. Dabei ist dann die Perspektive des Lebenslaufs (Entwicklungen im Lebenslauf) und der Biografie leitend. In diesem Zusammenhang spricht man dann auch von Alternspastoral. Aus der Sicht einer Generationenpastoral wird das Alter als eine der Generationen und Lebensphasen bewertet, ohne es gegenüber den anderen Generationen und Lebensphasen besonders zu betonen.

Darüber hinaus fällt auf, dass pastoraltheologische Arbeiten zum Alter zunehmend gerontologische Befunde und ethische Aspekte einbeziehen.9 Stellvertretend für die ethische Perspektive seien hier die beiden evangelischen Theologen und Ethiker Hans-Martin Rieger und Heinz Rüegger genannt, deren Veröffentlichungstitel ihr Programm umschreiben: „Altern anerkennen und gestalten – Ein Beitrag zu einer gerontologischen Ethik“10 und „Alter(n) als Herausforderung – gerontologisch-ethische Perspektiven“.11 Beide Veröffentlichungen verstehen sich als kritische, theologisch und ethisch begründete Reflexion gerontologischer Diskurse. Mit den bereits weiter oben genannten pastoraltheologischen Arbeiten verbindet sie das Bestreben, eine wertorientierte Basis für die Gerontologie in Theorie und Praxis zu schaffen und sich damit zu positionieren.

Vergleichbar mit der Diskussion innerhalb der Gerontologie ist die Suche nach angemessenen Altersbildern, die differenzierter und reflektierter sind als die bekannten Altersstereotypen, wie etwa alt = pflegebedürftig, oder das Bild der „Jungen Alten“, die voller Aktivität und Energie ihre neue Freiheit entdecken und leben. Fragliche Vorbilder sind Politiker oder Künstler, die auch im hohem Alter immer noch „voll im Leben“ stehen, deren Engagement, Kreativität und Leistungsvermögen in den Medien sehr gewürdigt und gelobt wird. Solche Vorstellungen sind nicht nur ein Spiegel gesellschaftlicher Wunschvorstellungen, sie werden darüber hinaus durch den ihnen gegebenen Vorbildcharakter zu erwünschten Normvorstellungen für ein erfolgreiches Altern und Alter.12

Grob lässt sich auch die pastoraltheologische Diskussion in zwei Themen und Altersphasen einteilen: Diskutiert werden das „Dritte und das Vierte Alter“, auch hier wieder parallel zu gerontologischen Diskussionen. Aktuell konzentriert sich der Blick wieder eher auf die Menschen in „Dritten Alter“, die bisher pastoraltheologisch kaum wahrgenommen und als Zielgruppe auch kaum erreicht wurden13.

Elisabeth Jünemann beispielsweise siedelt die durch die gestiegene Lebenserwartung gewonnen Jahre der Lebenszeit im Dritten Alter an und sieht diese neue Lebensphase als Herausforderung für die Pastoraltheologie14. Die Menschen in dieser Lebensphase scheinen die Kirche kaum zu brauchen. Sie gestalten, ausgestattet mit vielen Erfahrungen, Kompetenzen und Ressourcen, ihr Leben autonom und genießen ihre neue Freiheit nach der Erwerbs- und Familienphase. Man kann diese Lebensphase als neue, eingeschobene Phase im Lebenslauf interpretieren, die es auch von der Pastoraltheologie noch zu entdecken gilt. Mit ihrem Anspruch, Alter als lebenswerte und produktive Lebensphase darzustellen, ist sie in der Tat eine Anfrage an pastoraltheologische Positionen und kirchliche Praxis, die alte Menschen eher auf ihre Defizite und den Unterstützungsbedarf beschränkt und damit in der Gefahr steht, sie zu Objekten bestimmter Angebote und Leistungen zu machen. Diese Sichtweise kommt in Formulierungen wie „Besucher von Altenclubs“ oder „Angebote für alte Menschen“, anstelle von mit und von ihnen, zum Ausdruck.

Andere Pastoraltheologen, wie Ulrich Feeser-Lichterfeld, argumentieren gegen eine Ausdehnung des Altersbegriffs nach vorne, also einer Verjüngung des Alters, und definieren das „Vierte Alter“ als das eigentliche Alter. Das Ernstnehmen der Selbstwahrnehmung der „Jungen Alten“, die sich nicht zur Gruppe der alten Menschen zählen, ist für Ulrich Feeser-Lichterfeld ein weiteres Argument gegen eine Verjüngung des Alters.15 Mit diesem Hinweis geht die Forderung einher, die Menschen im Vierten Alter nicht vor allem oder nur aus der diakonischen und fürsorglichen Perspektive zu sehen, sondern sie als Individuen und Akteure anzuerkennen, die ihr eigenes Leben gestalten und die Gesellschaft mitgestalten. Der diakonische Blick auf das Vierte Alter als hilfs- und pflegebedürftige, benachteiligte oder arme alte Menschen hat in der kirchlichen Praxis eine lange und bewährte Tradition. In dieser Tradition liegt allerdings die Gefahr, die alten Menschen einseitig zu Empfängern von Hilfsleistungen und zu Objekten kirchlichen Handelns zu machen. Der caritative Appell, für andere da zu sein, verkommt damit zu einer Einbahnstraße und die Frage, für wen und für was alte Menschen da sind, bleibt ungestellt.

Eine Pastoraltheologie, die ihren Fokus auf die Lebenswenden und bedeutsame Ereignisse im Lebenslauf setzt (z. B. Krisen, Verlusterfahrungen, Gründung einer eigenen Familie, Abschiede und Neuanfänge, Grenzerfahrungen, Eintritt oder Austritt aus dem Erwerbsleben, Erfolge, „Hochzeiten“) hat weniger die unterschiedlichen Lebensphasen als eben die bedeutsamen Ereignisse im Blick, die in jeder Lebensphase zu verschiedenen Zeitpunkten im Lebenslauf eintreten können.

Ein noch relativ neuer Ansatz wird gerade von einer Gruppe österreichischer und deutscher in der diözesanen Altenpastoral tätiger ReferentInnen entwickelt. Dort wird auf die prophetische Dimension des Alters16 hingewiesen und gefragt, inwieweit „die Pastoral“ vom Umgang alter Menschen mit Phänomenen wie Abhängigkeit, Endlichkeit, Grenzerfahrungen lernen kann. Warum wird z. B. die Abhängigkeit von kleinen Kindern anders bewertet als die Abhängigkeit alter, hilfs- und pflegebedürftiger Menschen? Was bedeutet es, wenn die eigene Abhängigkeit, das Angewiesensein auf die Unterstützung anderer, die alte Menschen alltäglich erleben, als wertvolle, selbstverständliche und lebenslängliche Erfahrung bewertet und akzeptiert werden kann?

Eine Aufgabe der pastoraltheologischen Diskussion wird die angemessene und möglichst wenig normativ aufgeladene Beschreibung der verschiedenen Altersphasen bleiben müssen und die wache und selbstkritische Wahrnehmung, dass mit jeder Zuschreibung von Charakteristika zu den Altersphasen immer auch Bewertungen vorgenommen werden.

Das Selbstverständnis und den Anspruch einer angemessenen Altenpastoral beschreiben Martina Blasberg-Kuhnke und Andreas Wittrahm meines Erachtens sehr treffend: „Praktische Theologie und Pastoral können sich nicht neutral-distanziert die Frage nach der Situation alter Menschen in Gesellschaft und Kirche zuwenden. Sie stellen sie als praktische Frage, d. h. es geht ihnen von vornherein um die Lebensmöglichkeiten alter Menschen. Eine Praktische Theologie des Alters lässt sich herausfordern von ‚Freude und Hoffnung, Trauer und Angst‘ derjenigen, die hier und heute alt sind, in einer Zeit und Gesellschaft, die alte Menschen überfordert, übersieht oder gar ausgrenzt. Damit sucht sie auf ihrem Feld dem Anspruch des Zweiten Vatikanischen Konzils ‚Gaudium et Spes‘ nachzukommen.“17 Diese Aussage enthält nicht nur eine Zielvorgabe für die praktische, pastorale Arbeit mit alten Menschen, sondern auch wesentliche Aspekte ihres Verständnisses von Pastoraltheologie: Pastoraltheologie hat eine Option für die (alten) Menschen, die benachteiligt sind und am Rand stehen. Sie ist politisch, sie beschäftigt sich mit den Lebensmöglichkeiten alter Menschen in Kirche und Gesellschaft. Sie ist aktuell und konkret, es geht um die alten Menschen, die hier und heute alt sind. Ihr Ausgangspunkt ist, ganz im Sinne des II. Vatikanischen Konzils, das Leben der (alten) Menschen, ihre Erfahrungen und Realitäten, ihre Freude und Hoffnung, ihre Trauer und Angst.

1.3.2  Zum Verständnis von Pastoraltheologie

Pastoraltheologie versteht sich als praxisbezogene Wissenschaft; „Bestimmung der Theorie ist es, für eine ‚gute‘, d. h. stimmige, menschen- und situationsgerechte Praxis zu sorgen.“18 Die Theorie reflektiert die Praxis und die Praxis beeinflusst die Theorie. Praxis ist in diesem Zusammenhang doppelt zu verstehen: Die „Praxis der Menschen“19, nicht nur die der Christinnen und Christen, und die Praxis als das Handeln der Kirche. Der Weg der Pastoraltheologie ist aus der Praxis für die Praxis. Pastoraltheologie ist somit eine Handlungswissenschaft. „Der Ausgangspunkt ist die gegenwärtig vorfindliche Praxis, der Zielpunkt ist zukünftige Praxis. Regulative aber sind der Istbefund: die erhobene Situation, und der Sollbestand; die für die Praxis der Kirche bzw. des Christentums maßgebliche Tradition.“20

Gegenstand dieser Wissenschaft ist die Pastoral, das Handeln der Kirche als Gemeinschaft von Menschen in der Nachfolge Jesu. Sie fühlt sich dem Evangelium und dem Leben der Menschen verpflichtet. Ausgehend von den vielfältigen Lebenssituationen der Menschen, die von gesellschaftlichen und historischen Entwicklungen und Ereignissen geprägt ist, deutet sie die „Zeichen der Zeit“21 aus der Perspektive der Botschaft des Evangeliums und entwickelt daraus Handlungskonzepte, Hilfen zur Lebensgestaltung und -bewältigung aus dem Glauben heraus und ein Engagement in Solidarität mit den Schwachen und Benachteiligten in der Gesellschaft. Anknüpfend an das Kirchenverständnis des II. Vatikanischen Konzils versteht sich die Pastoraltheologie als „Bearbeitung und Reflexion der Aufgaben der Kirche, wie sie sich aus ihrer Situation „in der Welt von heute“ heraus stellen. Eine derartige Praxis und Reflexion geht aus von den Erfahrungen und der Praxis des Volkes Gottes und ist gerade deshalb nicht auf die Kirche selbst zentriert.“22 Eine Pastoraltheologie, die sich dem II. Vatikanischen Konzil verpflichtet weiß, hat immer auch eine politische Dimension, weil sie gesellschaftliches Handeln im Sinne des Evangeliums mitgestaltet und die Kirche, als Gemeinschaft der an Jesus Christus Glaubenden, sich als Teil der historisch, kulturell und gesellschaftspolitisch geprägten Realität versteht.

1.3.3  Zum Verständnis von Pastoral

Bevor der Blick in die altenpastorale Praxis erfolgt, wird zunächst ein Verständnis von Pastoral an sich entworfen. Dieser Entwurf ist zugleich Basis und Richtschnur für die weiteren altenpastoralen Überlegungen:

Der Begriff „Pastoral“ hat im Laufe der Zeit immer wieder neue Prägungen, Definitionen und Interpretationen erfahren. Es kann an dieser Stelle nicht darum gehen, diese Entwicklungen kompakt und umfassend darzustellen. Vielmehr soll im Folgenden das Verständnis von „Pastoral“, das dieser Arbeit zugrunde liegt, kurz umschrieben werden, weil es zum einen der wissenschaftlichen Redlichkeit entspricht, die Basis und der Perspektive des zu entwickelnden theoretischen Ansatzes klar zu benennen und sich damit zu positionieren. Zum anderen ist diese Positionierung eine Art Lesehilfe, um die folgenden Ausführungen verstehen und nachvollziehen zu können.

Das Verständnis von Pastoral in dieser Arbeit folgt dem II. Vatikanischen Konzil und vor allem der Pastoralkonstitution „Gaudium et Spes“.23

Diesem Verständnis folgend lässt sich Pastoral wie folgt skizzieren und pointieren:

Pastoral umfasst das gesamte Handeln der Kirche (im Sinne der Gemeinschaft aller Getauften) in der Welt von heute.

Pastoral ist Nachfolge Jesu. Sie fühlt sich seiner Botschaft vom Reich Gottes, das mit Jesus bereits angebrochen ist, verpflichtet und braucht in diesem Sinne immer wieder Jüngerinnen und Jünger, Botschafterinnen und Botschafter.

Ausgangspunkt dieses Handelns sind die Erfahrungen, die Menschen in dieser Welt machen und gemacht haben. (SEHEN)

Diese Erfahrungen werden im Lichte des Evangeliums gedeutet. (URTEILEN) – Aus dieser Deutung oder Bewertung entstehen dann Optionen für das Handeln der Kirche in und mit dieser Welt. (HANDELN)

Der Pastoral geht es um elementares Leben. Alles, was das Leben der Menschen fördert, begrenzt, bedroht, verhindert, ermöglicht und erschwert, ist dabei in den Blick zu nehmen, zu reflektieren und (mit-)zu gestalten. Ziel der Pastoral ist ein „Leben in Fülle“. (Joh. 10,10)

Eine solche Pastoral bleibt nicht neutral oder objektiv, neben oder über dem, was in dieser Welt durch und mit Menschen geschieht, sie ist vielmehr parteiisch und sieht sich bestimmten Optionen verpflichtet: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger (sc. und Jüngerinnen) Christi.“24

Pastoral geschieht in konkreten Situationen, die nicht zeitlos und ewig sind, sondern sich in konkreten und sich verändernden Zeiten und Zusammenhängen ereignen.

„Pastoral zu sein, d. h. dort zu sein und zu wirken, wo Gott ist und wirkt, nämlich wo die Menschen sind und für sie da zu sein, und so Gott die Ehre zu geben, macht das Wesen der Kirche insgesamt aus – also nicht nur die praktische sondern auch und gerade ihre lehrhafte Seite.“25 In diesem Sinne kann pastoral eben nicht nur als Substantiv, sondern als Eigenschaft verstanden werden.

Diesem Anspruch und Verständnis von Pastoral fühlt sich diese Arbeit verpflichtet. Von hier aus sollen Impulse entstehen, die sich auf das pastorale Nach-Denken und Handeln der Kirche auswirken.

Das hier gerade vorgestellte Verständnis von Pastoral versteht sich weniger als Beschreibung einer vorzufindenden Realität, sondern vielmehr als Perspektive oder auch Vision, der es zu folgen gilt bzw. als (selbst-)kritische Reflexion der eigenen pastoralen Ausrichtung und Praxis.

1.3.4  Ein kurzer Blick in die Praxis der Altenpastoral

Vor diesem Hintergrund folgt nun ein kurzer Blick in die Praxis der Altenpastoral.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass alte Menschen das Bild der Gemeinden dominieren: Sie bilden die größte Gruppe der regelmäßigen Gottesdienstbesucher und stellen einen hohen Anteil der in den Gemeinden engagierten Menschen. Kurz gesagt: Alt(ernd)e Menschen prägen eine alt(ernd)e Kirche. Doch dieser erste Blick muss bei genauerem Hinschauen relativiert werden: Das besondere Interesse der Gemeinden26 (und auch der Verantwortlichen auf der Ebene der Diözesen) liegt bei den Kindern, jungen Familien und Jugendlichen. Menschen im Dritten Alter sind als Akteure sehr willkommen, werden aber als Gruppe mit eigenen Interessen kaum wahrgenommen. Darüber hinaus ist zu beobachten, dass ein großer Teil der alternden Menschen sich von Angeboten der Gemeinden kaum angesprochen fühlen. Die Arbeit mit und für alte Menschen genießt in den Gemeinden kaum Priorität und traditionelle Angebote wie Altennachmittage oder Seniorenclubs leiden an „Nachwuchsmangel“. Auch auf der diözesanen Ebene der katholischen Kirche in Deutschland ist nach Kenntnis und Eindruck des Verfassers die Altenpastoral personell und materiell eher wenig repräsentiert.27 Der bedeutende Bereich der caritativen bzw. diakonischen Dienste und Angebote für alte Menschen scheint in vielen Fällen an die verbandliche Caritas oder Diakonie mit ihren zahlreichen Dienstleistungsangeboten delegiert und damit aus der Verantwortung der Gesamtpastoral und der Gemeinden verschwunden zu sein.

Ein weiteres Problem stellt die zu wenig koordinierte Arbeit zwischen kategorialer und territorialer Pastoral dar, die auch zur Folge haben kann, dass Altenpastoral zwischen Gemeinden und Einrichtungen „versandet“.28

Eine große Rolle für die Praxis der Altenpastoral spielt die Tatsache, dass sich alte Menschen nicht mehr selbstverständlich der Kirche und der Gemeinde zugehörig fühlen und dass sie unter zahlreichen unterschiedlichen sozialen, pastoralen und kommerziellen Angeboten wählen können.

In der pastoralen Praxis der Altenpastoral haben sich im Laufe der Zeit drei unterschiedliche Modelle herausgebildet, die in ihrer Entstehung zeitlich aufeinander folgen und bis heute gleichzeitig und nebeneinander zu finden sind: das Betreuungs- und Versorgungsmodell, das Angebotsmodell und das Modell der Selbstbeteiligung.29 Ein viertes, noch nicht verbreitetes, aber zukunftsweisendes Modell orientiert sich am in der Geragogik entwickelten Ansatz des selbstorganisierten oder auch selbstbestimmten Lernens.30

Im Betreuungs-, oder Versorgungsmodell werden alte Menschen primär als hilfsbedürftig angesehen, sie werden von anderen versorgt: mit Kaffee und Kuchen beim Altennachmittag, mit Besuchen eines Besuchsdienstes, mit Betreuungsangeboten in stationären Einrichtungen der Altenhilfe usw. Dabei steht im Vordergrund, dass etwas für sie getan wird, wozu sie allein nicht mehr in der Lage sind und womit man ihnen etwas Gutes tun möchte.

Im Sinne des Angebotsmodells werden Angebote für alte Menschen entwickelt, zu denen sie eingeladen werden: als Besucher beim Altennachmittag, als Teilnehmer bei kulturellen Angeboten, als Gottesdienstbesucher eines besonders für sie gestalteten Seniorengottesdienstes, Teilnehmer eines Ausflugs oder einer Studienfahrt … Auch in diesem Modell wird etwas mehr für als mit alten Menschen gemacht und sie bleiben Konsumentinnen und Konsumenten. Ein Kriterium für solche Angebote ist die möglichst hohe Anzahl alter Menschen, die den Einladungen folgen.

Das Modell der Selbstbeteiligung möchte, wie der Name es sagt, die alten Menschen selbst beteiligen. Voraussetzung dafür ist, dass sich Angebote an der Lebenswelt alter Menschen orientieren, die Gestaltung der Angebote nicht für sie, sondern mit ihnen entwickelt wird und so die Eigeninitiative alter Menschen geweckt und gefördert wird. Dennoch ist häufig zu beobachten, dass unterschieden wird zwischen den Anbietern solcher Angebote auf der einen Seite, die zumindest den Impuls geben und einen Rahmen bieten, die Menschen einladen sowie denen auf der anderen Seite, die dieser Einladung folgen und sich beteiligen.

Ein konsequent weitergedachter Ansatz dieses Modells ist das selbstorganisierte oder auch selbstbestimmte Lernen, bei dem zwar auch ein erster Impuls, eine Initialzündung erforderlich ist, bei dem aber die Verantwortung für die Angebote, von der Idee bis zur Umsetzung gemeinsam von allen Beteiligten wahrgenommen wird. So entsteht ein ergebnis- und zieloffener, gemeinsamer Prozess, der nicht gesteuert, sondern moderiert wird. Voraussetzung dafür ist ein hohes Maß an Bereitschaft und Fähigkeit zur Partizipation.

Alle aufgeführten Modelle sind, wie bereits erwähnt, in der Praxis zu beobachten und alle haben auch ihre je eigene Berechtigung. Traditionelle kirchliche Angebote wie Altennachmittage folgen eher dem Betreuungs- und Versorgungsmodell und erfüllen damit häufig sowohl die Erwartungen der „Besucherinnen und Besucher“ als auch die der verantwortlichen Akteure, die aus der Motivation heraus handeln, etwas für andere anzubieten und ihnen damit zu helfen.

Einen wesentlichen, häufig aber wenig bewussten Bereich der Altenpastoral macht das ehrenamtliche Engagement31 von älteren Menschen für ältere Menschen aus. Dabei werden ältere Menschen mehr als Akteure denn als mögliche Zielgruppe der Altenpastoral gesehen. Dieser Einschätzung begegnet man sowohl bei Verantwortlichen als auch bei den älteren Menschen selber. Besuchsdienste verschiedener Art, die Übernahme von kleinen Reparaturen oder Besorgungen für den Haushalt werden innerhalb einer Gemeinde oder von caritativen Initiativen organisiert. Sie stellen einerseits eine Möglichkeit, sich für andere zu engagieren und andererseits ein Angebot dar, das gerne in Anspruch genommen wird.

Nahezu alle Angebote der Altenpastoral richten sich nach meiner Beobachtung nach der „Komm-Struktur“ aus, d. h. Interessenten müssen sich auf den Weg zu diesen Angeboten machen. Selten trifft man hier eine „Geh-hin-Struktur“ an, also Angebote, die sich auf den Weg zu möglichen Interessenten machen (wie z.B. Lernpartnerschaften, Betreuungsdienste). Mit den neu strukturierten, größeren pastoralen Räumen32 wachsen nicht nur die Einzugsgebiete verschiedener Angebote, sondern nimmt auch die räumliche Distanz von den Orten der Angebote zu den Interessenten zu. In der derzeitigen Altenpastoral der Gemeinden sind zugehende Angebote oder solche, die auf der Ebene von Nachbarschaften angesiedelt sind,33 eher die Ausnahme.

Die konkret gestaltete Altenpastoral steht wie auch die Pastoraltheologie und die Geragogik vor der Aufgabe, die Lebensphase Alter im Zusammenhang mit allen Lebensphasen zu sehen, das Thema Alter zu betonen, ohne die anderen, vorherigen Lebensphasen aus dem Blick zu verlieren oder abzuwerten. Als weitere Herausforderung stellt sich die intergenerationelle Perspektive: Wie kann ein Miteinander der Generationen gelingen, das im Übrigen sowohl gesellschaftlichen als auch christlichen Idealen entspricht? Wie kann, bei aller notwendigen Betonung der Lebensphase Alter, das Altern als lebenslanger Prozess bewusst bleiben und gestaltet werden? Daraus ergeben sich weitere Fragestellungen: Wie müssen Initiativen und Angebote gestaltet werden, um diesen Kriterien gerecht zu werden? (Wie) Können Angebote gleichzeitig ziel- und altersgruppenspezifisch und intergenerationell sein? Wie können beispielsweise Gemeindezentren zu Begegnungszentren unterschiedlicher Menschen mit unterschiedlichen Interessen und aus unterschiedlichen Generationen und Milieus werden? Wie können Menschen im Dritten und im Vierten Alter anders und mehr beteiligt werden? Wie kann die Altenpastoral mehr zu einer Initiative von, für und mit alte(n) Menschen werden?

1.4  Geragogik – Skizze einer relativ jungen Wissenschaft des Alterns und Alters – Didaktische Prinzipien und methodische Zugänge

Die Geragogik ist eine noch relativ junge Teildisziplin sowohl der Gerontologie als auch der Erziehungswissenschaft, die sich mit Bildung im Alter, Bildung für das Alter und dem Umgang mit dem Älterwerden und alten Menschen beschäftigt.

Der Begriff Geragogik kommt aus dem Griechischen. Er setzt sich zusammen aus den Wörtern „Geraios/Geraos“ in der Bedeutung von „alt“ bzw. der „Alte“ und aus dem Wort „Ago“ das soviel heißt wie „ich führe hin, ich geleite, ich zeige den Weg“.

In der deutschsprachigen Fachliteratur findet sich der Begriff seit den 1960er Jahren häufiger. 1971 definierte der Erziehungswissenschaftler Mieskes die Geragogik als „Pädagogik des alternden und alten Menschen: Sie sei die Wissenschaft von den pädagogischen Bedingungen, Begleiterscheinungen bzw. Folgen des Alterungsprozesses.“34

Im Sinne einer Handlungswissenschaft geht es der Geragogik sowohl um die Praxis der Altenbildung als auch um die theoretische Auseinandersetzung mit Bildung und Lernen im Alter. Die in der aktuellen Diskussion häufig parallel oder synonym verwendeten Begriffe Altenbildung, Altenpädagogik, Geragogik, Gerontagogik, Gerontologische Bildungsarbeit, Sozialgeragogik, Lebenslanges Lernen, Weiterbildung im Alter umschreiben Theorie- und Praxisfelder der Geragogik und verdeutlichen darüber hinaus, dass es in der Fachöffentlichkeit noch keinen einheitlichen begrifflichen Konsens gibt.35

Für Hilarion G. Petzold hat Geragogik „die Aufgabe, auf der Grundlage von gerontologischem Fachwissen eine breite Bewusstseinsbildung zu fördern, um dem „Feind von innen und von außen (Feind von innen: Negative Selbstbilder vom Alter, die das Alter eher als Last sehen und es einseitig durch Abbau, Rückzug und Bedeutungslosigkeit definieren. Feinde von außen: Gesellschaftliche Kräfte, die den Lebens- und Gestaltungsraum alter Menschen einengen und ihnen keine eigenständige und wertvolle Rolle in der Gesellschaft zugestehen, Anm. des Verfassers) zu begegnen.“36

Eine Definition, die zur Klärung verhilft, findet sich im Lehrbuch Geragogik: „Als Geragogik wird eine wissenschaftliche Disziplin bezeichnet, die sich am Leitbild von Menschenwürde und Partizipation im Alter orientiert, Bildungsprozesse in der zweiten Lebenshälfte erforscht, Bildungskonzepte mit Älteren und für das Alter entwickelt und erprobt und diese in die Aus-, Fort- und Weiterbildung für die Arbeit mit Älteren einbringt.“37 Nach diesem Verständnis ist die Geragogik also eine wissenschaftliche Disziplin, die Forschung, Lehre und Praxis miteinander verknüpft und der eine Wertorientierung zugrunde liegt.

Silvia Gregarek betont in ihrer Definition darüber hinaus das wissenschaftliche Interesse der Geragogik an den „Grundlagen und Wegen der Lebensbegleitung älterer Erwachsener und alter Menschen“.38 Eine ähnliche Akzentuierung findet sich bei Ludger Veelken, der Gerontologie und Geragogik in folgendem Verhältnis sieht: „Die Gerontologie ist die Lehre vom Lebenslauf, Lebenssinn und Lebensziel. Geragogik ist die Umsetzung in die Praxis des Lehrens und Lernens.“39 Begriffe wie Wege Lebenssinn, Lebensziel sind in erster Linie individuell und subjektiv zu füllen, sie signalisieren die Verpflichtung der Geragogik, sich an den älteren Menschen und ihren Lebensthemen zu orientieren.

Die in der Bildungsarbeit mit älteren Menschen tätige Sozialarbeiterin Antje Porger formuliert weitere wesentliche Aspekte der Geragogik: „Die Geragogik ist jene wissenschaftliche Disziplin, die sich mit dem Erhalt und Aufbau sozialer Kompetenzen und der Sicherung von Lebensqualität und -zufriedenheit im Alter befasst. Sie berücksichtigt dabei in besonderem Maße die spezifischen sozioemotionalen Bedürfnisse und die individuelle Leistungsfähigkeit und Lernform des Einzelnen.“40

Neben Elisabeth Bubolz-Lutz hat Ludger Veelken die Entwicklung und das Selbstverständnis der Geragogik als wissenschaftliche Disziplin in Deutschland geprägt. Von daher ist sein Verständnis von Geragogik in den Blick zu nehmen. Dass er inzwischen selber zu den alt(ernd)en Menschen gehört, gibt seiner Beschäftigung mit Geragogik eine weitere, eigene Qualität aufgrund der subjektiven Betroffenheit. Die folgenden Ausführungen lehnen sich an einen Beitrag von ihm an und versuchen, die für diese Arbeit wichtigen Aussagen darzustellen. Die Entstehung neuer Formen der Altenarbeit im Bildungs-, Kultur und Freizeitbereich bringt neue Überlegungen in Theorie und Praxis mit sich: “Die Herausforderung der Zukunft besteht auch darin, traditionelle Altenhilfe, der weitgehend die sozialpolitische Forschung der letzten Jahrzehnte galt, zu vernetzen mit diesen neuen Formen von Bildung-, Kultur-, Freizeit- und Reisediensten und dem auch in der Wissenschaft Rechnung zu tragen.“41 Damit ist eines der Motive zur Entstehung und Weiterentwicklung der Geragogik benannt.

Nach Ludger Veelken hat Geragogik „zu tun mit Lebensbewältigung, Lebensgestaltung, Selbstverwirklichung, ...

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie ""Wenn Pastoral Alter lernt"" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen