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Wenn Liebe die Antwort ist, wie lautet die Frage?

Über die Autorin

Mara Andeck wurde 1967 geboren. Sie hat Journalismus und Biologie studiert, volontierte beim WDR und arbeitet heute als Wissenschaftsjournalistin und Autorin. Sie lebt mit ihrem Mann, zwei Töchtern und einem Hund in einem kleinen Dorf bei Stuttgart. Wenn Liebe die Antwort ist, wie lautet die Frage? ist ihr drittes Jugendbuch und der Abschluss ihrer witzigen Tagebuchreihe rund um Lilia und Tom. Weitere Bücher der Autorin sind in Vorbereitung.

BASTEI ENTERTAINMENT

Freitag, 24. Juni

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Ich bin zu jung für einen Freund? Hallo??? Ich bin sechzehn! Shakespeares Julia war dreizehn, als sie sich in Romeo verliebte und ihn einen Tag später heiratete. Dreizehn!!! Genau wie Shakespeare musste Paps ein Drama daraus machen. Nur, das von Shakespeare war Weltliteratur, das von Paps voll daneben.

18.00 Uhr Man merkt’s, ich bin wieder zu Hause. Mensch, war das ein Absturz heute. Morgens noch Inselparadies mit Tom, abends schon wieder Alltagshölle. Rosarotes Schweben auf Wolke sieben und dann flatsch, Bauchlandung auf dem harten Boden der Tatsachen. Das. Ist. Nicht. Schön.

18.08 Uhr Ich bin zu jung? Rein biologisch betrachtet bin ich mit sechzehn auf meinem absoluten Leistungshoch. Mehr kommt nicht! Hirnzellen, Kondition, Fruchtbarkeit – alles im Optimum, das kann man in jedem Bio-Buch lesen! Ab zwanzig geht es abwärts und mit fünfundvierzig, lieber Vater, befindet man sich kurz vorm Tiefpunkt, um es mal freundlich auszudrücken. Wären wir noch Höhlenmenschen, dann würde ich jetzt mit einem Festritual zur Kriegerin oder Stammesführerin ernannt werden. Du aber, Papilein, hättest keine Zähne mehr und müsstest dir vorm Essen dein Mammut mit dem Faustkeil zu Brei zermanschen. Nur mit viel Glück hättest du noch ein paar Jahre als Medizinmann vor dir und könntest unserem Stamm die Zukunft aus Knöchelchen vorhersagen. Denk da mal drüber nach, bevor du anderen vorwirfst, zu jung zu sein.

18.19 Uhr Ja, das könnte ich Paps sagen. Aber ich lasse es lieber, in seinem Alter ist Aufregung nicht gut. Ich werde ihn einfach seine Laune ausmiefen lassen und inzwischen mein Ding durchziehen. Soll er ruhig im Wohnzimmer rummuffeln. Ich werde nachher mit Tom skypen und vielleicht treffe ich ihn auch noch. Ich vermisse ihn nämlich.

18.23 Uhr Tom. Fjonggg!!! Allein der Gedanke, und ich sause schon wieder hoch auf Wolke sieben.

Als ich heute früh aufgewacht bin, lag Tom neben mir. (An dieser Stelle müssten Geigenklänge ertönen!!!)

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18.34 Uhr Tom. Neben mir. (Ich musste das einfach noch mal hinschreiben.)

18.35 Uhr Er schlief noch tief und fest. Wir hatten nämlich alle nicht viel Schlaf bekommen in unserer letzten Nacht auf der Insel. Wir haben ewig lang am Lagerfeuer gesessen, denn wir hatten das Gefühl, es würde niemals Tag werden, wenn wir einfach sitzen bleiben würden. Aber leider hat das nicht funktioniert. Die Sonne ging trotzdem irgendwann auf und wir waren schließlich so müde, dass wir doch noch ins Haus wankten. Ich bin dann heimlich zu Tom gekrochen, um noch ein bisschen mit ihm zu reden, aber nach drei Wörtern bin ich eingeschlafen.

In. Seinen. Armen. (Ein Orchester voller Geigen!!!)

Drei Stunden später bin ich aufgewacht, es war schon fast Frühstückszeit. Tom schlief noch. Ich habe ihn eine Weile angesehen, seine schwarzen Wimpern, seine verwuschelten braunen Haare, das Grübchen in seinem Kinn.

Er wurde unruhig, wahrscheinlich hat er meinen Blick gespürt. Also bin ich rausgegangen, an den Strand, um ihn nicht zu stören.

Ich habe mich in den Sand gesetzt und versucht, mir das alles für immer einzuprägen: die kühle Morgenluft auf der Haut, das glitzernde Wasser, das Schilf, die Ente mit den Küken. (Harfenklänge!!!)

Ich saß da ziemlich lang und irgendwann hörte ich Schritte. Tom. Er hatte nasse Haare, denn um wach zu werden, hatte er seinen Kopf unter den eiskalten Wasserstrahl am Brunnen gehalten. Ein T-Shirt trug er nicht, nur Shorts. Um die Schultern hatte er ein Handtuch gelegt.

»Hey, da bist du ja. Die anderen suchen dich, es gibt gleich Frühstück«, sagte er und ließ sich neben mich fallen.

»Hab keinen Hunger.« Ich legte mich zurück in den warmen Sand und betrachtete die Blätter der Trauerweide über mir, die so sommerlich im Morgenlicht flirrten und glirrten. Gibt es diese Wörter? Vermutlich nicht. Die Blätter taten es trotzdem.

Tom runzelte die Stirn, beugte sich über mich und betrachtete meinen Mund. »Hunger habe ich auch nicht. Zumindest nicht auf Nahrung«, murmelte er.

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Dann küsste er mich gaaanz lange.

»Das war unser letzter Kuss am Strand«, flüsterte er irgendwann. »Wir sollten jetzt packen, das Boot kommt bald.«

»Nein«, meinte ich. »Das sollte auf keinen Fall unser letzter Kuss hier gewesen sein. Es wäre schade um ihn. Er bekommt dann rückwirkend so einen bitteren Beigeschmack.«

»Das dürfen wir nicht zulassen«, sagte Tom und hatte dabei schon seinen Mund an meinem, was angenehm kitzelte. »Machen wir ihn zum vorletzten.« Und Tom küsste mich wieder.

Aber auch dieser Kuss eignete sich nicht dazu, der letzte zu sein, und der nächste auch nicht, und deswegen verpassten wir das Frühstück und fast auch noch das Boot. Wir schafften es gerade rechtzeitig, unsere Sachen in die Rucksäcke zu stopfen und das Zeug zum Bootssteg zu wuchten, wo die anderen schon warteten.

Der Rest der Rückreise ist schnell erzählt, obwohl er mir ewig vorkam. Als wir im Zug saßen, waren wir alle müde und schweigsam. Ich hielt Toms Hand, starrte aus dem Fenster auf die Landschaft, die mir langsam immer bekannter vorkam, und dachte darüber nach, ob Vicky Tom wirklich zugezwinkert hatte, als wir auf dem Inselsteg standen und auf das Motorboot warteten, das uns abholen sollte. Ja, ich glaube, das hat sie getan. Und vermutlich hatte das was mit der Nacht zu tun, in der Vicky und Tom so lange verschwunden waren. Saßen sie da vielleicht auf dem Steg? Hat sie deswegen geblinzelt? Das ist aber der Lilia-und-Tom-Steg! Da saß ich mit Tom und wir haben uns zum Schutz gegen die Nachtkälte eingekuschelt. Wenn hier jemand Tom zublinzelt, dann ich!

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Aber vielleicht habe ich mich auch geirrt, vielleicht hatte Vicky nur was im Auge. Und wenn sie doch geblinzelt hat, dann bestimmt nur, um mich zu ärgern.

Ich ärgere mich aber nicht.

Mrmpf.

18.55 Uhr Wo war ich? Ach so, ja! Die Rückfahrt. Flocke hat mich vom Bahnhof abgeholt und erst mal war es toll, nach Hause zu kommen und alle wiederzusehen. Fast alle, Mama war natürlich nicht da, sie hat ja dieses Stipendium an der Nordsee und kommt erst nächsten Samstag zu Besuch zu uns.

Paps hat mich in den Arm genommen und Lillykind genannt. Rosalie hat gleichzeitig von hinten ihre Ärmchen um meine Taille gelegt und mich ganz fest gedrückt. Und Primel sauste herbei und wedelte so sehr mit dem Schwanz, dass ich Angst hatte, er könne abfallen. Und sie hat gelächelt! Ich wusste gar nicht, dass Hunde lächeln können, aber Primel kann wirklich ihre Mundwinkel hochziehen, wenn sie sich freut.

Paps und Rosalie hatten Pizza gebacken und wir haben uns gleich an den Tisch gesetzt und gegessen.

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Aber danach fing der Ärger an: Ich hatte der Rosine ein paar Fundstücke von der Insel mitgebracht. Richtige Schätze. Und in meinem letzten Brief hatte ich diese Überraschungen schon geheimnisvoll angekündigt. Klar, dass Rosalie nach dem Essen sofort ihre Geschenke haben wollte. Ich leerte also im Flur meinen Rucksack aus, um die Schachtel zu finden, in der ich alles verstaut hatte.

Oh, oh! Gar nicht gut. Da war Sand in meinem Gepäck. Und Gras. Und Kekskrümel. Paps bekam Schnappatmung, als er das sah, er hatte nämlich zur Feier des Tages gestaubsaugt und jetzt war alles hin.

»Mach das weg!«, brummte er.

»Gleich«, beruhigte ich ihn. Dann hatte ich die Schachtel endlich gefunden.

Innendrin hatte ich die Box mit Klopapier ausgepolstert, damit nichts zerbrechen konnte. Jetzt wickelte ich die Schätze aus und zeigte sie der Rosine. Ein echter Fuchszahn. Zwei Reihereier mit Loch, aus dem die Reiherküken geschlüpft waren. Und dann der Knaller: ein vollständiges Fledermausskelett. Das hatte ich auf dem Dachboden des Inselhauses gefunden.

Rosalie war begeistert. Sie konnte fast nicht mehr sprechen vor Glück.

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»Salmonellen!«, brüllte Paps plötzlich. Auf dem Klopapier, das jetzt am Boden lag, krabbelten winzige schwarze Tiere. Hektisch trat er mit dem Fuß auf die laufenden Pünktchen.

Oh Mann, dieser Vater! Er kann locker eine ionische von einer korinthischen Tempelsäule unterscheiden, aber alles Lebendige ist ihm fremd. Ich wette, wenn in seinem Salat mal etwas kleines Schwarzes krabbelt, hält er es für ein Vitamin. Und bei Eierschale plus Kleinstlebewesen denkt er sofort an Salmonellen.

»Schmeiß das Zeug weg, Lilia!«, schimpfte er. »Sofort! Ich will das nicht im Haus haben.«

»Papilein«, sagte ich mit beruhigender Stimme. »Die Viecher sind harmlos, die hatten wir auf der Insel überall. Das sind so eine Art Obstfliegen ohne Flügel.«

»Obstfliegen«, sagte Paps. »Ohne Flügel. Wenn das so ist, bin ich ein Hai. Ohne Flossen.«

»Jep.« Ich wollte ihm da nicht widersprechen. »Komm, Rosalie, wir waschen die Sachen einfach ab und dann bauen wir dir ein Museum. Ein richtiges, echtes Naturkundemuseum.« Ich zog die Rosine Richtung Küche, bevor Paps sich weiter aufregen konnte.

»Könntest du vielleicht erst den Flur wieder bewohnbar machen?«, rief Paps mir nach. Wobei: Eine Frage war das eigentlich nicht. Eher ein Befehl.

»Glahaheich«, antwortete ich. »Rosalie und ich, wir machen daraus jetzt ein Museum. Und nachher mach ich das alles wieder sauber. Okay?«

»Nein«, sagte Paps.

»Bleib locker, Vater, und mach es dir gemütlich. Ich hab die Sache hier im Griff.«

»Lilia, nicht in dem Ton!«

Schnell verschwand ich mit Rosalie in der Küche, wo wir den Zahn, die Eierschalen und die Knöchelchen mit warmem Wasser und Spülmittel reinigten. Dann tupften wir alles trocken und brachten die Schätze in Rosalies Zimmer. Dort fanden wir genau das, was wir brauchten: das kleine Zweitaquarium für kranke Goldfische. Im Moment waren zum Glück alle Fische gesund und es stand leer. Wir räumten ein Fach in Rosalies Bücherregal frei und legten schwarzes Papier darauf. In mühsamer Kleinarbeit puzzelten wir die Fledermausknöchelchen zu einem kompletten Skelett zusammen, was auf dem schwarzen Untergrund richtig gut aussah. Zum Schluss legten wir die Eier und den Zahn daneben, stülpten das Aquarium darüber und fertig war eine richtige, echte Museumsvitrine.

»Lillifee, was meinst du, wie viel Eintritt kann ich verlangen?«, fragte die Rosine und begann, ein Plakat für ihr Museum zu malen. Sie war sehr glücklich und ich war sehr stolz.

Aber erntete ich dafür ein Lob von meinem Vater? Nannte er mich die wundervollste Schwester der Welt? Pries er meine Fantasie, meine Kreativität, mein pädagogisches Geschick?

Nein. Er bekam einen Tobsuchtsanfall. Er flippte aus. Weil das mit dem Museumsbau so lange gedauert hatte, weil meine Klamotten immer noch im Flur lagen, weil jetzt in der Küche am Spülbecken auch schwarze Tierchen krabbelten, weil ihn angeblich eins davon gebissen hatte, weil Paps in dem Zweitaquarium Wasserpflanzen züchten wollte, weil Rosalies Bücher nicht mehr im Regal standen, sondern auf dem Boden lagen. Und vor allem, weil ich ihm widersprochen und einfach mit Rosalie mein Ding durchgezogen hatte. Er hatte NEIN gesagt und dann hieß das auch NEIN. Basta.

Huch. Ich stand da und starrte ihn einfach nur an. So kannte ich ihn gar nicht.

Da mischte sich auch noch Flocke in die Diskussion ein. »Was ist das denn?« Seine Worte wollten nicht so richtig zur Situation passen, deswegen blendete ich sie erst einmal aus. Aber als er es zum dritten Mal fragte, drehten wir uns alle nach ihm um.

Okay. Was Flocke mit »das« meinte, waren zwei Gegenstände. Er hatte sie mit spitzen Fingern aus meinem Gepäck gepickt. In der linken Hand hielt er blaukarierte Boxershorts in Größe L, eindeutig nicht meine Größe, und in der rechten eine Packung Kondome, bunte mit Erdbeergeschmack. Beides hielt er Paps direkt unter die Nase. Danke, Bruder!

Mein Vater erbleichte.

»Das ist harmloser, als du denkst«, sagte ich schnell. »Die Shorts gehören Tom, ich hab die mir nur in der letzten Nacht ausgeliehen, als ich, ach egal. Und die Kondome habe ich beim Strip-Poker gewonnen. Das war ein blöder Witz.«

»Strip-Poker«, sagte Paps überdeutlich. Er schluckte und fügte dann hinzu: »Harmloser, als ich denke.« Und dann ging’s ab. Erst ein Kreuzverhör, bei dem er erfuhr, dass ich mit Tom zusammen bin. Und dann ein Wutanfall, in dem ich für zu jung erklärt wurde. Zu jung für eigentlich alles, was das Leben lebenswert macht.

Als Paps fertig war, stopfte ich alle meine Sachen in den Rucksack, wuchtete ihn die Treppe hoch und pfefferte ihn in mein Zimmer.

»Hol jetzt sofort den Staubsauger!«, donnerte Paps von unten. Eigentlich hatte ich genau das vorgehabt. Aber so nicht! Und genau das sagte ich dann auch.

»Nee, Vater«, rief ich freundlich die Treppe hinunter. »So nicht. Nicht in dem Ton.« Und dann schloss ich meine Zimmertür hinter mir und drehte den Schlüssel im Schloss. Schluss. Aus. Ende.

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Betreff: »Es«

Datum: 24.06., 19:59 Uhr

Von: Tom Barker <wolfspfote@gmail.com>

An: Felix von Winning <snert@web.de>

Oh Mann!!! Ich bin seit drei Stunden zu Hause. Ich habe nicht mal meinen Rucksack ausgepackt. Und du erwartest sofort einen seitenlangen Bericht mit intimsten Auskünften von mir? Junge, hast du immer noch kein eigenes Leben?

Zu deinen Fragen:

  1. Ja. Lil hat auf der Insel in meinem Bett geschlafen.
  2. Nein. Wir haben »es« nicht getan.
  3. Nein, ich würde es dir nicht erzählen, selbst wenn wir’s getan hätten. Das wäre schlechter Stil. Darüber spricht man nämlich nicht. Und Schreiben geht schon gar nicht.
  4. Nein, du Depp, wir haben es nicht getan.
  5. Ja, ja, ja, okay, ich würde es erzählen. Aber nur dir.
  6. Aber niemals schreiben.
  7. Nein, wir haben es nicht getan!!!

Warum ist das eigentlich so wichtig?

Noch ein paar Tage, dann bist du hier, dann können wir reden.

Bis denn,

Tom

Samstag, 25. Juni

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Mit sechzehn verließ die heilige Johanna von Orléans ihre Eltern, um Frankreich zu retten. Mit sechzehn heiratete Elisabeth ihren Franzl und wurde Kaiserin von Österreich. Mit sechzehn umsegelte Jessica Watson ganz allein die Welt.

Tja. Und mit sechzehn soll Lilia Kirsch mit ihrem Vater und ihrer kleinen Schwester einen Film über Schlümpfe sehen. Nee, oder?

10.07 Uhr Waffenstillstand. Habe freiwillig beim Bäcker Brötchen geholt und Frühstück gemacht und war wieder nett zu Paps. Und er war auch nicht nachtragend. Wir reden also wieder miteinander.

Einerseits ist das gut. Eisige Stille halte ich schwer aus, selbst wenn ich damit angefangen habe.

Andererseits ist es schlecht. Wer redet, muss Fragen beantworten, die er lieber nicht gestellt bekommen möchte. Und sag mal zu jemandem: Falsche Frage, darüber will ich nicht reden. Das funktioniert nicht. Danach darfst du garantiert stundenlang über genau dieses Thema diskutieren.

Ich musste Paps also noch beim Frühstück die Sache mit Toms Shorts und den Kondomen genau erklären. Na gut, dachte ich, bringe ich es eben hinter mich. Zu der Hose: Ich hatte sie mir in der letzten Nacht auf der Insel von Tom als Schlafanzughose geliehen, weil meine Jeans vom Sitzen auf der Wiese feucht geworden war und weil ich nicht erst noch hoch ins Mädchenzimmer zu meinen Sachen gehen wollte. Ein paar von den anderen schliefen ja schon. Und die Tatsache, dass ich mir von Tom eine Hose ausgeliehen habe, bevor ich in sein Bett kroch, beweist doch immerhin, dass ich eine trug, als ich dort lag. Wo ist also das Problem?

Ich hatte die Shorts dann morgens am Strand immer noch an und beim hektischen Packen habe ich sie in meinen Rucksack gestopft.

Paps war schockiert, dass ich die Nacht nicht in meinem eigenen Bett verbracht habe, aber da ist doch echt nichts dabei. Was die Leute nur immer mit Betten haben? Mal ganz klar und analytisch betrachtet gibt es nichts, was ich mit Tom nicht auch überall sonst auf der Insel hätte tun können, ganz ohne Bett. Wenn wir gewollt hätten. Aber wir wollten ja gar nicht.

Und die Kondome – die habe ich wirklich beim Strip-Poker gewonnen. Okay, das klingt jetzt erst mal merkwürdig. War es aber nicht. Torsten hatte an unserem vorletzten Tag auf der Insel Geburtstag und Karim hat ihm die Dinger geschenkt. Er hat sie im Shop auf dem Campingplatz gekauft, als Witz, einfach, weil es da sonst nichts Geeignetes gab und er seinem Freund zur Feier des Tages wenigstens irgendetwas überreichen wollte. Die Kondome gab es nur im Dreierpack und Torsten hat dann eines seiner Päckchen als Preis fürs Pokern gestiftet. Die restlichen haben wir aufgepustet und damit Beach-Volleyball gespielt. Das war einfach nur witzig, gar nicht unanständig oder so, genau wie übrigens auch das Poker-Spiel. Wir hatten alle unsere Badesachen unter den Klamotten an und die hat auch keiner ausgezogen, nicht mal Vicky, die das Spiel verloren hat.

Und – mein allerbestes Vater-Beruhigungs-Argument: Ich habe die Poker-Partie gewonnen! Ich war also die, die am Schluss noch am meisten anhatte. Die Kondome sind der Beweis.

Paps sah nicht wirklich erleichtert aus, als ich ihm das alles erklärt hatte. Er verstand einfach nicht, was an Strip-Poker und an Kondomen mit Erdbeergeschmack witzig sein sollte. Aber das kann man ihm nicht vermitteln, er hat einfach einen anderen Humor. Er kichert zum Beispiel, wenn er philosophische Werke von Nietzsche liest. Und es gibt durchaus Leute, die das nicht komisch finden.

Nach meiner Erklärung legte Paps die Fingerspitzen aneinander und sah mich ernst an. Als er dann sprach, klang seine Stimme, als würde er gerade im Hörsaal eine Vorlesung halten. »Lilia!«, sagte er und machte dann eine Pause. »Es ist mir schon klar, dass die Jungs so tun, als wäre das alles nur ein großer Witz.« Pause. »Aber das stimmt nicht. Sie tun tatsächlich nur so. In Wahrheit haben sie in diesem Alter nur eins im Kopf.« Pausepausepause. Er räusperte sich. Schluckte. Dann sagte er unheilvoll: »Säggs-Geschichten.«

Paps sprach das Wort mit weichem »S« aus, und ich brauchte eine Weile, um zu verstehen, dass er von Sex sprach.

»Paaaaaaps!!!« Ich verdrehte die Augen. »Tom ist nicht so. Und die anderen auch nicht.«

»Alle sind in diesem Alter so. Glaub mir, Lilia, alle Jungs, ohne Ausnahme«, behauptete Paps.

»Was ist Säggs?«, piepste Rosalie. »Und warst du früher auch so, Papi?« Sie beäugte ihren Vater kritisch durch ihre Schielbrille. Dann wanderte ihr Blick zu Flocke, der mit seinem Fingernagel Rillen ins Tischtuch zog und so tat, als wäre er in Gedanken ganz woanders. Sie sah ihn fragend an. Man hörte förmlich, wie ihre Gedanken ratterten.

Paps zuckte zusammen. »Rosalie, du gehst jetzt mal mit Primel in den Garten«, bestimmte er.

»Menno«, sagte die Rosine, aber sie trollte sich.

Ich wäre gern mitgegangen. Ich wollte nämlich nicht wissen, was mein Vater früher oder auch sonst je über »Säggs« gedacht hatte. Ich wollte seine Geschichten nicht hören. Am liebsten hätte ich mir die Finger in die Ohren gesteckt und laut »lalala« gesungen, als Paps jetzt weitersprach.

Aber ich hatte Glück. »Lillykind«, sagte er und blickte mich väterlich gütig an. »Lassen wir das einfach. Das ist doch alles noch gar kein Thema für dich. Schwamm drüber. Weißt du, was wir beide jetzt tun, nein, besser, wir drei, Rosalie, du und ich? Wir gehen jetzt zusammen mit Primel in die Hundeschule. Da gibt es viele Hundebabys, das wird dir gefallen. Und heute Nachmittag können wir ins Kino gehen. Da gibt es so einen Film über blaue Zwerge. Rosalie sagt, der sei lustig.« Er blinzelte mir zu.

Oh, nee, dachte ich. Ich wollte mich doch heute mit Tom treffen!!! Und jetzt stattdessen Hundebabys und Schlümpfe???

»Kommt Flocke auch mit?« Ich fragte das, obwohl ich die Antwort kannte.

Flocke sprang sofort auf, nuschelte etwas von Halsweh und verschwand ganz schnell in seinem Zimmer. Und Paps ging gar nicht auf meine Frage ein. Er hielt ihn auch nicht zurück.

Zum Glück habe ich auf der Insel einen Trick gelernt. Wenn ich sauer oder nervös werde, stelle ich mir einfach wiederkäuende Kühe vor. Es gibt nichts Friedlicheres. Allein der Geruch von Kuh und Gras. Und dann das Geräusch: rapf, rapf, rapf. Das beruhigt.

Guuut. Tief einatmen! Nicht streiten. Einfach nachgeben. Vater hat recht und ich meine Ruhe. Wenn es den Familienfrieden rettet, dann gehe ich eben zur Hundeschule. Und von mir aus auch zu den Schlümpfen.

Aber danach treffe ich mich mit Tom. Jawohl. Und zwar auch dann, wenn Paps noch mit mir Sandmännchen sehen und »Der Mond ist aufgegangen« singen will. Ich schwöre es!!!

14.07 Uhr Wow! Ich habe hellseherische Fähigkeiten! Vor drei Stunden habe ich geschrieben: Ich gehe gleich zur Hundeschule. Und genau das ist passiert. Wir sind zur Hundeschule gegangen. Wirklich nur gegangen. Wir sind zwar irgendwann sogar angekommen, aber da war die Stunde dann rum. Krass.

Paps war letzte Woche schon mal in diesem Welpenkurs und dort hatte er die allererste Lektion gelernt. Sie lautet: Ein Hund darf niemals an der Leine ziehen. Leineziehen ist böse!

Wenn Primel nämlich hechelnd im Geschirr hängt, will sie, dass wir schneller gehen. Und falls wir das dann wirklich tun, lernt sie: Super, ich bin hier der Chef, und durch Leineziehen kann ich meinen Untertanen zeigen, was ich will. Bald ist Primel aber kein niedliches Hündchen mehr, sondern ein großer Hund. Dann hat sie sehr viel Kraft, und unsere Arme werden durchs Leineziehen so lang, dass wir uns im Stehen in den Kniekehlen kratzen können. Das kann natürlich keiner wollen.

Wir müssen also genau das Gegenteil von dem tun, was Primel will: stehen bleiben, wenn sie losrennt, und laufen, wenn sie langsam geht. Dann lernt sie: Wenn ich schneller sein will, sollte ich besser artig neben meinen Menschen hertraben, sonst klappt das nie.

So weit die Theorie. In der Praxis sieht die Lektion dann so aus: Sobald der Hund vorwärtsprescht, muss man schweigend die Füße in den Boden rammen und stehen wie eine Statue, und zwar so lange, bis das Hündchen von sich aus zufällig ein paar Schritte zurückgeht und die Leine wieder durchhängt. Kaum tut es das, geht man weiter. Wenn das Hundetier dann wieder zieht: stopp! Irgendwann macht’s klick im Hundekopf und der Hund hat es kapiert. Er glaubt dann, dass Menschen von Natur aus stehen bleiben, wenn Zug auf der Leine ist.

Aber da sind wir auch schon beim Problem. Paps hatte das mit Primel schon eine ganze Woche geübt und bei ihr machte es einfach nicht klick. Darüber wollte er heute mit dem Hundelehrer sprechen, aber wir kamen ja leider nicht dort an. Die Hundeschule liegt nämlich mitten zwischen Feldern und man muss auf einem Parkplatz an der Straße halten und zu Fuß hinlaufen. Tja. Wenn man laufen kann. Wenn man nicht dauernd stehen bleiben muss.

Wir stiegen aus dem Auto. Primel hopste raus. Paps, Rosalie und ich machten den ersten Schritt in die richtige Richtung. Und Primel sauste nach vorn und hing im Geschirr wie ein Ackergaul vorm Pflug. Wir blieben natürlich sofort vorschriftsmäßig stehen und warteten, bis Primel aufhörte zu ziehen. Das tat sie aber nicht. Sie zog noch mehr und fing sogar an zu röcheln. Sie hatte ja die ganze Woche lang beim Gassigehen nur rumgestanden und verspürte nun einen enormen Bewegungsdrang. Vom Hundeplatz her hörten wir außerdem die anderen Welpen glücklich kläffen, da wollte sie hin.

Wir standen also und sahen dabei zu, wie unser Hund sich fast erdrosselte.

»Können wir nicht mal was zu ihr sagen?«, flüsterte ich Paps zu.

»Nein«, zischte der zurück. »Sie soll das für ein Naturgesetz halten, so wie die Schwerkraft: Wer zieht, kommt nicht weiter. Wenn sie glaubt, dass wir dahinterstecken, wird sie anfangen, uns auszutricksen. Dann hört das nie auf.«

Wir schwiegen also und es hörte trotzdem nicht auf. Primel dachte wohl, auch Naturgesetze könne man bezwingen, wenn man es nur so richtig will.

Wolken zogen auf, ein frischer Wind pustete durch unsere T-Shirts, wir fröstelten und Primel röchelte. Irgendwann sackten ihr aus Sauerstoffmangel die Beinchen weg, sie machte einen winzigen Schritt rückwärts und sofort liefen wir weiter. Glücklich sprang Primel auf, raste los und die Leine war wieder gespannt.

Als wir endlich am Hundeplatz ankamen, erhielt Paps vom Hundelehrer ein Lob für seine Konsequenz und den Rat, genauso weiterzumachen. Primel bekam ein Leckerchen. Das war’s. Die Welpenstunde war vorbei.

Aber für uns war gar nichts vorbei. Die anderen Hunde liefen jetzt mit ihren Besitzern zurück zu den Autos und Primel wollte natürlich mit. Und wieder hing sie röchelnd an der Leine. Und wieder standen wir.

Bald waren wir ganz allein auf weiter Flur, und wir würden da immer noch stehen, wenn ich nicht Fakten geschaffen hätte. Inzwischen hörte ich in der Ferne Donner grollen. Ein Blitz zuckte über den Himmel und elektrisierte mich innerlich. Meine Inselgelassenheit bekam so langsam einen Knacks und wenn ich versuchte, mir wiederkäuende Kühe vorzustellen, sah ich stattdessen einen schnaubenden Stier. Und da ging ich in die Knie, packte das gefleckte Hundetier am Kragen, sah ihm in die Augen, nannte es ein mieses Frettchen und knurrte es an wie ein großer böser Wolf. Grrrrrroar.

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Huch! Primel vergaß prompt das Ziehen und sah mich mit großen Augen an. »Was willst du von mir?«, schien ihr Blick zu sagen. Na bitte, sie beachtete mich! Ich lief los, klopfte dabei immer seitlich an mein Bein und sagte Wörter wie »komm, schön, hier, ja, feiiin«. Und prompt lief die kleine Hunderatte neben mir, sah mich von unten begeistert an, lächelte und wedelte mit dem Schwanz. Man merkte: Endlich hatte sie kapiert, was sie tun sollte, nämlich das, was wir ihr vormachten. Sie wirkte richtig erleichtert.

»Bist du sicher, dass das eine gute Idee war?«, fragte Paps. »Jetzt müssen wir wahrscheinlich wieder ganz von vorn anfangen.« Er öffnete die Autoklappe und Primel hopste auf ihre Decke.

»Bist du sicher, dass das eine gute Hundeschule ist?«, antwortete ich mit einer Gegenfrage, als ich vorne neben ihm einstieg. »Mal ehrlich: Ich glaube, weiter vorn als wir eben kann man gar nicht anfangen.«

»Die Schule ist mir sehr empfohlen worden.« Er sah starr geradeaus. Erste Tropfen fielen jetzt auf die Scheibe. Zum Glück waren wir im Trockenen.

»Pffff. Das heißt nichts. Manche empfehlen auch Duftöle und Entspannungsmusik für Hunde. Hab ich neulich erst im Fernsehen gesehen. Oder du versuchst es mal mit einer Pfotenreflexzonenmassage bei Primel. Vielleicht mag sie das und weicht dir dann von selbst nicht mehr von der Seite.« Aber das fand Paps mal wieder nicht witzig. Als er losfuhr, ließ er den Motor aufheulen, und er schwieg, bis wir zu Hause waren.

15.00 Uhr Es regnet. Und regnet. Und regnet. Alles ist grau. Das Wetter. Die Stimmung. Meine Zukunft.

Ich denke gerade an die grauen Straßen der Stadt. An graue Schulwände. Graue Theorie im Unterricht, grauenhaftes Mensaessen, grausamen Stress. Und ich fühle mich hier in der Zivilisation wie ein Wildtier in einem Betonkäfig.

Grau ist übrigens ein sehr treffendes Wort. Es besteht aus »grrrrrr« und »au«. Und so fühlt sich dieses Alltagsgrau auch an. Es macht mich wütend und zwickt und piekt.

15.07 Uhr Ich bin mies drauf, falls es irgendjemand noch nicht bemerkt haben sollte.

15.08 Uhr Ich will keine Schlümpfe. ICH WILL TOM!!!

15.09 Uhr Wenn ich mich sehr darauf konzentriere, verspüre ich links hinten im Hals ein ungutes Kribbeln. Oh, oh. Ich könnte mich bei Florian angesteckt haben. Das könnte Halsweh werden. Oder Sommergrippe. Oder Scharlach!!!

Kino ist bestimmt nicht gut für mich. Viel lieber möchte ich mich mit einer Tasse Tee ins Bett verkriechen und das Buch lesen, das ich Paps gemopst habe. Die schönsten Texte über die Liebe aus drei Jahrtausenden. Da kann ich vielleicht was lernen. Genau. Das mach ich auch! Die sollen den Film ohne mich sehen!

15.35 Uhr Ähm. Das sind Werke von weltberühmten Geistesgrößen? Hammer!

15.36 Uhr SMS an Maiken: »Ach! Der mich liebt und kennt, ist in der Weite. Es schwindelt mir, es brennt mein Eingeweide. Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß, was ich leide!«

15.38 Uhr SMS von Maiken: »Darmgrippe???«

15.39 Uhr SMS an Maiken: »Goethe!!!«

15.45 Uhr Na toll. Paps hat den Schlumpffilm mir zuliebe auf morgen verschoben. Dafür muss ich jetzt auf die Rosine aufpassen. Er murmelte irgendetwas von dringenden Besorgungen und war verschwunden, bevor ich Widerspruch einlegen konnte. Der Flokati ist auch weg, vermutlich bei Dana, trotz Halsweh. War ja wieder klar.

Okay. Ich hüte Vaters Nachwuchs, während er Spaß hat. Ich armes, armes Lilienputtel.

16.00 Uhr Rosalie hat mir Tee ans Bett gebracht. Weil sie kein Wasser kochen darf, hat sie kaltes aus der Leitung genommen. Der Inhalt meiner Tasse schmeckt daher nicht nach Tee, sondern nach Teebeutel. Aber er wirkt. Mir wird davon ganz warm ums Herz.

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