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Weltenweber

PROLOG
DER GEFÄHRLICHE FREMDE

12648.jpgtaub kitzelte Kettle in der Nase, aber er rührte keinen Finger, um sich zu kratzen. Die hell erleuchteten Türme von Schloss Avërand ragten in der mondlosen Nacht wie riesige Kerzen vor ihm auf. Er machte sich nichts aus dem grandiosen Bauwerk oberhalb von Hillshaven, ging aber entschlossen darauf zu. Für ihn war viel interessanter, was innerhalb der Mauern lag.

Es hat lange gedauert. Jetzt ist es nicht mehr weit.

Kettle folgte der breiten Landstraße. Er hatte sich einen kleinen Rucksack über die Schulter gehängt. In der einen Hand trug er eine trübe Laterne, in der anderen einen kurzen Wanderstab. Der Rucksack wog nicht viel, ihn die ganze Zeit mit sich zu tragen, war aber dennoch ermüdend. Es war eine warme Sommernacht und ihm standen Schweißperlen auf der Stirn.

Die Fackeln entlang der Stadtmauer ließen Moos und dichtes Efeu auf den alten Granitblöcken erkennen. Der Geruch von frischem Tau hüllte ihn ein, das Plätschern eines Baches drang an seine Ohren, gefolgt vom Seufzen einer Brücke.

Als er das Wasser überquerte, sah er einen Schatten am Fuß des Südturms vorbeihuschen. Kettle löschte seine Laterne, kroch ins hohe Gras und spähte durch die Halme, um einen besseren Blick auf den Schatten zu erhaschen. Er wartete und sah genau hin, als die Gestalt ins Licht der Fackeln trat. Es war ein junges, vornehm gekleidetes Mädchen mit langem, goldblondem Haar.

Was macht ein so hübsches Ding mitten in der Nacht hier draußen?

Sie lief zum Haupttor, wobei sie sich immer wieder verstohlen umblickte.

Der Wachmann erhob sich von seinem Stuhl, als sie näher kam. »Geht es Euch besser, Eure Hoheit?«

Das junge Mädchen schüttelte den Kopf. »Die Grillen sind schrecklich laut heute Nacht.«

»Der Mond leuchtet nicht. Wie sollen sie sich sonst finden?«

»Mach die Tür auf. Und sprich zu niemandem über meinen Spaziergang.«

Der Mann runzelte die Stirn, als er sie hereinließ und die Tür hinter ihr absperrte.

Neugierig geworden, streckte Kettle die Hand aus, um nach dem Faden der jungen Frau zu greifen. Sie hatte einen starken Willen und durch ihre Adern floss blaues Blut, genau wie bei seinem alten Freund.

Ist das denn möglich?

Ja, es bestand kein Zweifel daran. Sie war die Tochter seines Freundes, des Prinzen. Als er sie das letzte Mal gesehen hatte, war sie noch ein in Tücher gewickelter Säugling gewesen. Diese Zeiten waren längst vorbei. Inzwischen war sie zu einer beeindruckenden jungen Frau herangewachsen, anmutig und schön, wie Kettle es von einem Nachkommen des Prinzen erwartete. Er würde sie sicher bald kennenlernen, doch zunächst musste er sich am Tor melden und Einlass erhalten.

Kettle erhob sich aus dem hohen Gras und ging weiter.

»Wer ist da?«, fragte der Torwächter. »Was ist dein Begehr?«

»Ich bin ein Wandersmann und allein unterwegs«, antwortete Kettle. »Niemand von Bedeutung.«

»Es ist viel zu spät, um allein unterwegs zu sein, Alter. Was willst du?«

»Ein Nachtlager in euren Mauern, wenn’s recht ist.«

»Du bist zu spät dran, um hier zu übernachten, Fremder. Versuch’s im Gasthaus in Boarshovel, gleich dort die Straße hinunter.«

Kettle lehnte sich mit dem Rücken an die Stadtmauer. »Ich komme von Harvestport und möchte nicht noch einmal zurückgehen. Wenn du nichts dagegen hast, warte ich hier. Ich habe geschäftlich in der Stadt zu tun.«

»Für einen, der Geschäfte machen will, hast du leichtes Gepäck …«

Lächelnd stellte Kettle seinen Rucksack und die Laterne auf den Boden.

Der Torwächter knurrte, als er sich wieder auf seinen Stuhl setzte. »Zieh weiter, hier kannst du nicht warten.«

»Hättest du nicht gern ein wenig Gesellschaft? Ich kann mir vorstellen, dass dein Wachdienst ziemlich langweilig ist.«

»Langweilig? Ha! Und wie …« Der Wächter seufzte, dann lächelte er. »Also gut, dann bleib halt. Aber komm nicht auf dumme Gedanken. Ich bin zwar nicht mehr der Jüngste, aber mit dir kann ich es immer noch aufnehmen.«

Kettle lachte leise in sich hinein. »Sieht ganz so aus.«

»Wie ist dein Name, Fremder?«

»Du kannst mich Kettle nennen.«

Jetzt musste der Mann lachen. »Wie das Dorf Kettlescreek nördlich von hier?«

»In der Tat!« Kettle stimmte in das Gelächter ein. »Genau so.«

»Seltsamer Name für so einen alten Bock. Ich bin Dyre.«

Kettle überging die beleidigende Bemerkung. »Danke, dass du mir erlaubst, mich hier auszuruhen. Es gibt mir die Gelegenheit, dich zu studieren.«

Dyre hob die Augenbrauen. »Mich studieren

»Ich bin Künstler, guter Mann. Mir kommen die besten Eingebungen, wenn ich Leute beobachte. Ich studiere ihre Gesichter, beobachte, wie sie sich bewegen und sprechen. Jede noch so kleine Besonderheit fasziniert mich.«

Dyre ließ seinen Stuhl ein wenig nach hinten kippen. »Mir wär’s lieber, du würdest mich nicht die ganze Nacht anstarren.«

»Wenn du dich lieber unterhalten möchtest: Es gibt eine Menge, was ich gern wüsste. Es ist Jahre her, seit ich das letzte Mal in Avë­rand war. Ich habe seit meiner Jugend keine Feldfrüchte mehr gesehen, die besser dastehen als eure.«

»Auf eine Unterhaltung könnte ich mich einlassen. Was willst du denn wissen?«

»Das junge Mädchen, das eben durchs Tor ging: Wer ist sie?«

Der Mann zögerte. »Oh, ähm … Tut mir leid, darüber kann ich nicht sprechen.«

Unauffällig schob Kettle einen Finger in die Geheimtasche seines Ärmels und schnippte einen Tropfen blauer Farbe in Dyres Richtung. Der Tropfen landete auf der Hand des Mannes und drang in die Haut ein. Magische Färbefarbe – kaum wahrnehmbar, aber wirkungsvoll.

Das wird dich umstimmen.

»Mir kannst du es ruhig verraten«, sagte Kettle kameradschaftlich. »Ich werde es auch nicht weitererzählen.«

Das Misstrauen verschwand aus der Miene des Mannes, er wirkte nun vollkommen entspannt. »Sie ist die Tochter von König Lennart. Sie darf so spät eigentlich nicht mehr draußen sein, aber es macht sie glücklich«, sprudelte es aus ihm heraus.

»Dann hat Prinz Lennart also den Thron bestiegen?«

»Nicht, dass er viel daraus machen würde. Seit sein Vater ermordet wurde, hat er kaum etwas zustande gebracht.«

Kettle nickte wissend. »König Yalva. Ich habe ihn gut gekannt. Was für eine Tragödie.«

»Das kannst du laut sagen.« Dyre hustete. »Wir reden nicht gern darüber, obwohl es schon Jahre her ist. Einige behaupten ja, ein Zauberer hätte ihn getötet, aber wer glaubt schon solchen Unsinn?«

»Ja, blanker Unsinn«, stimmte Kettle ihm zu.

Der Torwächter räusperte sich. »Was willst du sonst noch wissen?«

»Viel.« Kettle hatte eine lange Liste von Fragen, aber er wollte sich lieber vorsichtig an die heiklen Themen heranwagen. Daher fragte er erst mal: »Wie ist die Arbeit als Torwächter denn so?«

Dyre strahlte. »Leicht, mit vielen Vorzügen. Das Beste ist die süße Dienstmagd, die mir immer Kirschkuchen bringt – den liebe ich!« Der Mann lehnte sich nach vorn und streckte die Beine aus. »Ich überwache das Kommen und Gehen von hier aus. Drei Nachtwachen und vier Tagwachen pro Woche.«

Kettle betrachtete den hölzernen Hebel neben Dyres Stuhl, während der Torwächter seine Arbeit bis ins Detail schilderte. All das war gut zu wissen.

»Warum sitzt du eigentlich hier draußen und nicht hinter dem Tor?«

»Nachts ist es immer friedlich«, antwortete der Mann. »Ich habe auf meinem Posten schon seit Jahren keinen Ärger mehr gehabt. Außerdem bräuchte ich nur an diesem Hebel zu ziehen, wenn es gefährlich werden sollte.«

»Ich nehme an, dir entgeht niemand, der durch dieses Tor geht?«

Dyre lachte. »Ich weiß von jedem Einzelnen, der in Avërand ist.«

»Dann kennst du auch Lady Katharina und ihren Sohn Lief?«

Der Torwächter runzelte die Stirn. »Die Namen habe ich seit Ewigkeiten nicht mehr gehört.« Dyre straffte die Schultern und legte seine Hände auf die Knie. »Woher kennst du sie?«

»Ich kenne sie schon lange«, antwortete Kettle. »Gehören die beiden nicht mehr zum Schlossadel?«

»Sie haben das Schloss kurz nach König Yalvas Tod verlassen.«

Kettles Lächeln wurde dünner und verschwand dann ganz. »Sind sie noch im Land?«

Dyre zuckte die Achseln. »Woher soll ich das wissen?«

Kettle biss vor Enttäuschung die Zähne zusammen.

Der Junge muss hier sein! Sie würde nie gehen, ohne …

Bisher war alles nach Plan gelaufen, doch jetzt musste er improvisieren.

»Wird er sich die Prinzessin holen?«

»Wen soll er holen?« Der Torwächter rieb sich die Augen. Der blaue Tropfen hatte seine Wirkung verloren.

Wenn sich der Junge nicht mehr im Schloss befand, musste er woanders nach ihm suchen. Aber wo? Kettle musste ihn unbedingt finden, sonst wäre seine Reise umsonst gewesen.

Er streckte die Hand aus, um nach dem Faden des Jungen zu greifen, zu erspüren, ob er noch im Land war, doch er fühlte nichts.

Wenn ich ihn finden will, muss ich in der Nähe der Prinzessin bleiben.

Er hatte keine andere Wahl. Mit eisiger Miene wandte er sich dem Torwächter zu. Er hatte sich längst jedes Detail des Mannes eingeprägt: Kinn, Wangen, Stirn, Ohren, Augen, Nase …

Alarmiert streckte der Wächter die Hand nach dem Hebel aus. »Wer bist du wirklich

Kettle stieß sich blitzschnell von der Wand ab und drängte Dyre vom Hebel weg. Dann hielt er ihm mit einer Hand den Mund zu. Mit der anderen zog er ein Messer.

Dyres Augen weiteten sich, als Kettle ihm mit der scharfen Schneide die Kehle durchtrennte. Das Gesicht des Fremden zerfaserte, wurde zu einem fleischigen Faden, der in der Luft Schlaufen bildete, um sich dann erneut zu verweben – zu einem Abbild des Torhüters.

»Fürs Erste«, sagte Kettle mit Dyres Stimme, »werde ich du sein.«

1
DER RITTER VON COBBLESTOWN

12680.jpgels mochte den Geschmack von Erde nicht. Eine Hand drückte unbarmherzig auf seinen Kopf.

»Ergibst du dich?«, fragte Wallin triumphierend.

Nels biss die Zähne zusammen, wand sich, bis sein Bein freikam, und schob Wallin von sich herunter. »Niemals!«

Die Jungs um sie herum grölten, als die beiden siebzehnjährigen Ringkämpfer auf die Füße sprangen und sich gegenseitig belauerten.

Nels hielt die Arme vor den Körper und wartete auf Wallins nächsten Angriff. Staub klebte auf ihrer schweißnassen Haut. Wallin hatte sein Hemd ausgezogen, was es für Nels schwierig machte, ihn richtig zu fassen zu bekommen. Dennoch lächelte Nels zuversichtlich. Bis jetzt hatte er noch nie gegen Wallin verloren – und er hatte nicht vor, ihn jetzt gewinnen zu lassen.

Eine Sommerbrise fuhr durch Nels’ sandbraunes Haar. Er hatte nur noch wenig Zeit, um seine Arbeit zu erledigen, weshalb es unklug war, das letzte Tageslicht für diese Herausforderung zu nutzen – aber Nels wäre nicht Nels gewesen, wenn er einen Ringkampf gegen Wallin vor Publikum ausgeschlagen hätte. Wallin musste offenbar etwas beweisen, sonst hätte er nicht den langen Weg auf sich genommen und wäre auch nicht so lang geblieben.

Nels beobachtete ihn. Nels’ Stärke lag in der Strategie und darin, den richtigen Augenblick abzupassen, wobei seine Größe und Kraft sicherlich ebenso hilfreich waren.

Einen Beinhebel ansetzen?

Nein, damit würde Wallin rechnen.

Einen Klammergriff vortäuschen und dann einen Beinhebel ansetzen?

Das könnte funktionieren.

Nels täuschte eine Bewegung nach vorn an, machte einen Satz zur Seite, bückte sich nach Wallins Bein und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Dann warf er sich mit seinem ganzen Gewicht auf ihn, rollte Wallin auf den Bauch, war mit einem Satz bei seinem Kopf und drückte sein Gesicht in die aufgewühlte Erde. Auch wenn er wie wild strampelte, aus diesem Griff würde Wallin sich nicht befreien können.

Die umstehenden Jungs zählten: »Eins, zwei, drei!« Und der Kampf war vorbei.

Wallin spuckte aus, als er auf den Boden klopfte. »Lass los! Ich geb auf!«

Nels ließ von seinem Freund ab, streckte die Hand aus und half ihm auf die Füße, während die Zuschauer klatschten. Nels war weiterhin ihr Held und er hatte auch nicht vor, etwas daran zu ändern.

»Woher wusstest du, dass ich dich so angreifen würde?«, fragte Wallin.

Nels lachte. »Gute Ritter können die Schritte ihrer Gegner voraussehen.«

»Na ja …« Wallin brachte ein schiefes Lächeln zustande. »Richtige Ritter sind wir ja noch nicht.«

»Nels!«, tönte eine Frauenstimme vom Cottage am Rande des Feldes zu ihnen herüber. »Was machst du da? Hör auf herumzublödeln und sieh zu, dass du mit den Furchen fertig wirst! Und ihr anderen geht nach Hause – alle miteinander!«

Wallin lachte leise, als er seinen roten Kopf schüttelte und sich die Erde von der Hose klopfte. »Ich krieg dich noch«, versprach er. »Irgendwann kriege ich dich – es sei denn, die alte Meckerziege macht mir wieder einen Strich durch die Rechnung.«

Nels ballte die Fäuste. »Du redest hier von meiner Mutter.«

»Bei der vielen Arbeit, die sie dir aufhalst, ist sie eher ein Sklaventreiber!«

Nels holte zu einem spielerischen Schlag aus, unter dem Wallin sich locker wegduckte. Dann fuhr Wallin die Faust aus, der Nels genauso leicht auswich. Einer der Jungs ging dazwischen, um den dritten Schlag zu verhindern. Nein, es war ein Mädchen. Nels hatte sich von Jilias jungenhaft kurzem, dunkelbraunem Haar mal wieder in die Irre führen lassen.

Das Mädchen blickte Wallin, der mit freiem Oberkörper vor ihr stand, finster an. »Hör auf, du Raufbold!«, schimpfte sie in kindlichem Ernst. »Du hast für heute verloren.«

Wallin blickte auf sie hinunter und lachte. Er nahm sein Hemd, lief mit den anderen Richtung Cobblestown und ließ Jilia und Nels allein zurück.

»Das war nicht nötig, Jilia«, sagte Nels. »Wir haben doch nur Spaß gemacht.«

»Ich weiß.« Jilia hob einen Stein auf und warf ihn Wallin hinterher, traf jedoch einen Baumstamm. »Aber sie sollten Respekt vor dem Ritter von Cobblestown haben … und vor seinem Knappen.«

»Vor meinem Knappen?«, wiederholte Nels. »Läufst du mir deshalb ständig nach?«

Das Mädchen wurde rot und verschränkte die Arme vor der Brust. »Es ist meine Pflicht.«

»Dann bringt mir den Spaten dort, Mylady. Ich muss ein Feld bezwingen.«

Jilia rannte zu dem Werkzeug, kam zurück und legte den Stiel in seine Hand.

Nels konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. »Das hättest du nicht zu machen brauchen.«

»Du wirst dich daran gewöhnen müssen, bis du selbst ein Knappe wirst.«

»Das heißt dann wohl, ich soll mich besser beeilen, wie?« Nels zwinkerte ihr zu.

Das Mädchen runzelte die Stirn. »Wann wird das sein?«

»Wann ich dich darum bitte, mir etwas anderes zu bringen?«

»Nein, du Dummkopf! Wann wirst du ein Knappe?«

Nels warf einen Blick auf das Cottage und die weißen Wolken dahinter. Diese Frage hatte er sich selbst schon oft gestellt. Die Ritterschaft wählte ihre Knappen ein Mal im Jahr, ein Ereignis, das Nels bis jetzt noch keinmal miterlebt hatte. Morgen war wieder einmal der große Tag.

»Da musst du mit meiner Mutter verhandeln. Aber wie ich sie kenne, wird es nie passieren.«

»Was ist nur los mit ihr? Warum ist sie so streng und lässt dich nie etwas machen?« Jilia reckte ihr Näschen in die Höhe. »Mein Vater lässt mich tun und lassen, was ich will, und ich bin wohlgeraten!«

Nels grinste, als er auf den zerrissenen Ärmel ihres geerbten Hemdes blickte. Ihre Hose bestand fast nur aus Flicken, ihre ausgelatschten Schuhe passten ihr kaum noch und um ihre Knöchel schlackerten zu große Strümpfe. Auf ihren runden Wangen waren lauter Dreckspritzer, die ihr bezauberndes Lächeln beinahe verdeckten.

Im Gegensatz zu Nels hatte sie keine Mutter mehr. Sie lebte mit ihren fünf Brüdern auf einer Birnenplantage auf der anderen Seite des Dorfes. Dafür hatte Nels keinen Vater – zumindest wusste er von keinem. »Meine Mutter hat nur mich.«

»Nicht, wenn du heiratest!« Das Mädchen boxte ihm auf die Schulter.

»He!« Nels rieb sich die schmerzende Stelle. »Wofür war das jetzt?«

»So ergeht es dir, wenn du eine andere heiratest als mich.«

Nels hob die Augenbrauen. Seine dunkelgrünen Augen hatten fast dieselbe Farbe wie die Blätter der Eichen ringsherum. Er hatte nicht damit gerechnet, dass ihre Unterhaltung eine so heikle Wendung nehmen würde. Derart kühne Worte waren noch nie aus dem Mund der Dreizehnjährigen gekommen.

Nels musste in lockerem Ton weiterreden, wenn er ungeschoren aus der Sache herauskommen wollte. »Heiraten? Bist du nicht ein bisschen zu jung, um an so was zu denken, Jilia?«

Das Mädchen zuckte mit den Schultern. »Wenn die Dinge so weiterlaufen wie bisher, wohnst du in ein paar Jahren immer noch hier. Und dann« – eine leichte Röte überzog ihr Gesicht und ließ ihre Sommersprossen deutlich hervortreten – »bin ich alt genug …«

Nels zwang sich zu einem Lächeln. »Ich denke, du bleibst jetzt mal fürs Erste mein Knappe.«

»Alles klar.« Ihre Stimme nahm wieder ihren normalen Tonfall an. »Ich geh dann mal besser. Aber du kommst doch zum Fest, oder?«

»Mal sehen. Ich frage meine Mutter beim Abendessen.«

»Gut. Es könnte nämlich sein, dass das deine letzte Chance ist. Bitte, bitte komm!«

»Ich werde mein Bestes tun«, erwiderte er und dieses Mal war sein Lächeln ehrlicher.

»Das tust du immer.« Sie zwinkerte ihm zu. »Bis dann!«

Das Mädchen lief übers Feld und sprang ungeschickt über die Furchen.

Nels schüttelte den Kopf und musste lachen. Er hatte schon interessante Freunde. Jilia folgte Nels, wann immer er in die Stadt ging – was nicht gerade oft vorkam. Und Wallin machte aus allem – vom Pastetenessen bis zum Händeschütteln – einen Wettstreit. Aber sie waren seine Freunde. Und sie glaubten an seinen Traum.

In ein paar Minuten würde es dunkel werden. Die Zeit reichte nicht mehr, um die Gerste auszusäen und das Gemüse zu setzen, das in den Boden musste. Ein dichter Wald aus Weißeichen umgab ihr Land und verbarg ihr kleines Cottage vor der Welt. Ein schmaler Pfad führte in östlicher Richtung nach Cobblestown. Zu Fuß brauchte man keine halbe Stunde, mit dem Pferd knapp die Hälfte. Nicht, dass Nels das wissen konnte. Seine Mutter hatte ihm das Reiten verboten, nachdem der alte Braune ihn einmal abgeworfen hatte.

Nels beugte sich über seinen Spaten und grub eine weitere Furche. »Ich werde vielleicht ein Ritter sein …«

Trotz seiner Bemühungen, es sich auszureden, war sein größter Wunsch immer noch, ein Ritter von Avërand zu werden. Alle im Dorf waren dafür und man wunderte sich, dass Nels nicht längst zu den Königsrittern gehörte. Er war alt und kräftig genug, und viele hatten sich für seinen Mut verbürgt.

Als die Dorfbewohner gesehen hatten, wie er im vergangenen Sommer einen Mann gerettet hatte, der nach einem Steinschlag halb unter Schutt begraben war, hatten sie Nels als ihren Helden gefeiert. Und nachdem er in den Fluss gesprungen war, um die Tochter des Schmieds vor dem Ertrinken zu retten, nannten sie ihn »den Ritter von Cobblestown«.

Doch Nels war kein Ritter. Er konnte seine ängstliche Mutter nicht allein lassen. Sie würde in Panik geraten, wenn er es täte. Holte sich Nels auch nur einen Kratzer, befürchtete sie immer gleich das Schlimmste.

An diesem Abend bereitete sich das Dorf auf das Sommerfest vor. Nur er musste zu Hause bleiben und für ihre Wintervorräte schuften, da seine Mutter wieder einmal vergessen hatte, rechtzeitig Saatgut zu besorgen. Jetzt war es für die Aussaat fast schon zu spät.

Mit einem enttäuschten Seufzer beobachtete Nels, wie die Sonne hinter die Baumwipfel sank.

Ich kann ihr keinen Vorwurf machen. Was würde sie ohne mich tun? Sie braucht mich hier.

Solange es nach seiner Mutter ging, würde er nie ein Ritter werden, das wusste er. Sie hasste alle Ritter sowie die Mitglieder des Königshauses. Einfach alles, was im Land Avërand mit Autorität und Adel zu tun hatte, war ihr zuwider.

Sonst schien niemand etwas gegen die königliche Familie zu haben. Sie war ihren Untertanen gegenüber recht wohlwollend, verlangte nicht übermäßig viele Steuern und legte Wert darauf, den Dörfern jedes Jahr einen Besuch abzustatten.

Das Problem war nicht, was sie tat, sondern was sie nicht tat. Auf dem Thron saß ein apathischer Monarch, ein König, der in seinem Schloss Trübsal blies und überzeugt war, dass ein Fluch auf ihm lag. Wie sich dieser Fluch auswirkte, wusste niemand so genau. Aber was immer auf dem König lastete, ließ ihn die Beziehung zu anderen Ländern abbrechen. Gäbe es die Hafenstadt Harvestport nicht, hätte die Welt das winzige Land mit seiner kaum geforderten Ritterschaft längst vergessen.

Nels hatte den König noch nie zu Gesicht bekommen, aber er wusste, dass er ihm als Ritter helfen könnte – so wie er allen anderen auch half.

Seine Mutter hatte ihm verboten, nach Hillshaven zu gehen, wo Schloss Avërand stand. Eigentlich durfte er nirgendwo hin, und am allerwenigsten zum Sommerfest.

Ich könnte so viel mehr tun. Wenn ich sie nur überzeugen könnte …

Der einladende Duft von Spargeleintopf stieg ihm in die Nase. Müde von der Feldarbeit und angeschlagen von dem Ringkampf mit Wallin sammelte er seine Gerätschaften ein und machte sich schleppenden Schrittes auf den Weg zum Cottage.

»Hat es dir Spaß gemacht, dich im Dreck zu suhlen wie ein Schwein?«, fragte seine Mutter.

Mit einem fröhlichen Grinsen kam Nels zur Tür herein. »Und wie!«

Seine Mutter rührte in einem Topf. »Sei froh, dass ich dich nicht wie ein Schwein koche.«

Nels lachte. »Du solltest froh sein. Ich würde schrecklich schmecken, meinst du nicht auch?«

Mit einem gutmütigen Knurren wandte sie sich wieder ihrem Eintopf zu.

Ihr malerisches Cottage war klein und heimelig. Es war zwar eng, doch alles hatte seinen Platz. Wandbehänge, von seiner Mutter gewebt, schmückten die Wände, und Berge von Leinen und anderen Stoffen sowie unzählige Garnrollen häuften sich auf jedem Regal und in jeder Ecke und verliehen dem Cottage Farbe. Seine Mutter war Schneiderin. Sie hatte ein außergewöhnliches Talent fürs Nähen, ganz egal, ob es dabei um Servietten oder ausgefallene Kleider ging.

Im Grunde genommen konnte Nels sich nicht beklagen. Nur wenige Leute in Cobblestown besaßen eine so fachmännisch gearbeitete Garderobe wie er. Seine Mutter arbeitete fast jeden Tag und verdiente genug, um kaufen zu können, was sie brauchten. Darüber, dass sie auch einmal etwas kaufen könnten, was sie sich wünschten, wurde jedoch kaum gesprochen. Dies trug zu Nels’ Verwirrung bei, da sie einige wunderschöne Sachen genäht hatte – Gewänder, die Königen angemessen waren, und Kleider, die Königinnen hätten tragen können –, die sie jedoch nicht verkaufte und nicht einmal herzeigte, sondern in einem Schrank unter Verschluss hielt.

Warum tut sie das? Wir könnten so reich sein.

Nels zog seine schmutzigen Sachen aus. Er hatte immer noch den Geschmack von Erde im Mund.

»Wasch dich gründlich«, befahl seine Mutter. »Ich kann es mir nicht leisten, dass die Stoffe schmutzig werden, wenn ich sie zum Zuschneiden auslege.« Sie füllte zwei Schüsseln mit Spargeleintopf und stellte sie vorsichtig auf den Tisch. »So ein zerlumptes Ding, dieses Mädchen, aber in ein paar Jahren könnte sie sehr hübsch sein.«

»Meinst du Jilia?« Nels schlüpfte in ein frisches Hemd. »Wie kommst du darauf?«

»Die Zeit verändert Mädchen … und die Art und Weise, wie ein Mann sie sieht.«

Nels ging zum Tisch und setzte sich. »Sie ist nicht die Art Mädchen, die ich im Sinn habe.«

Seine Mutter kicherte, als sie den Topf auf den Herd zurückstellte. »Nein, nein, ich meine nicht die Kleine. Du verdienst eine Bessere, eine Ruhige und Gebildete, ein Mädchen, das deinen Charakter zu schätzen weiß.« Ihr warmes Lächeln wirkte fast ein wenig spöttisch. »Wie ich gehört habe, haben etliche junge Damen im Dorf ein Auge auf dich geworfen.«

Er zuckte mit den Schultern. »Kann schon sein. Die Mädchen sind alle nett, aber die Richtige scheint nicht dabei zu sein.«

Endlich setzte sich auch seine Mutter an den Tisch. »Das ist vielleicht gut so. Ich habe dich mit Lars, dem Schmied, arbeiten lassen«, erinnerte sie ihn. »Die Arbeit hat dir nicht zugesagt und dasselbe gilt für den Steinbruch. Nicht einmal das Schneiderhandwerk interessiert dich. Wenn du dich nicht bald für einen Beruf entscheidest und ihn auch erlernst, hast du einer jungen Braut nichts zu bieten.«

»Einen Beruf hast du mich noch nicht ausprobieren lassen, Mutter.«

Sie nahm eine Prise Pfeffer und es war offensichtlich, dass sie ihn ignorierte.

Nels stützte das Kinn auf seine Fingerknöchel. »Ich muss dir etwas sagen.«

»Ellbogen vom Tisch.«

Er gehorchte, indem er die Hände auf den Tisch legte. »Es geht ums Sommerfest …«

»Davon will ich nichts hören.« Seine Mutter griff nach ihrem Löffel. »Stell dir nur mal vor, was alles passieren könnte, während ich hier allein bin. Was wäre, wenn Diebe kämen? Nein. Und jetzt setz dich anständig hin und iss dein Abendbrot.«

Mit einem leisen Stöhnen setzte Nels sich aufrecht hin. Die Schüssel mit Eintopf vor ihm duftete herrlich, doch die unbefriedigende Antwort seiner Mutter auf seine nur halb ausgesprochene Frage hatte ihm den Appetit verdorben.

Du willst ein Ritter sein, wenn du dich nicht einmal gegenüber deiner eigenen Mutter behaupten kannst? Nels schaute sie an, aber sie erwiderte seinen Blick nicht.

Seine Mutter war zierlich und ihr leuchtend rotes Haar ringelte sich um die Ohren. Ihre Augen schimmerten bläulich und glitzerten, wenn sie lachte. Keine andere Frau in der Gegend kam an ihre Schönheit heran. Verehrer aus dem Dorf wussten das, doch sie hatte sie allesamt abgewiesen.

Sie tupfte sich das Kinn mit einer Serviette ab. »Iss, bevor es kalt wird.«

»Ich gehe zu dem Fest.«

»Nein, das tust du nicht. Mit Feiern kann man keine Arbeit zu Ende bringen. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen.«

Nels hielt sich an seinem Stuhl fest und atmete tief durch. »Warum stellen wir bei dem Fest keinen Stand auf? Wir könnten unsere Vorräte für den Winter kaufen, wenn du die Kleider in deinem Schrank verkaufen würdest.«

»Meine Sachen gehen dich nichts an! Und warum sollte ich das tun? Wir haben das nötige Saatgut. Warum kaufen, was wir anbauen können? Versuchst du wieder, dich vor deinen Aufgaben zu drücken?«

»Ich sehe keine Notwendigkeit dafür, und direkt vor dem Fest hast du immer noch lauter Extraaufgaben für mich.«

Seine Mutter rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her. »Im Sommer gibt es immer am meisten zu tun, Nels. Das weißt du doch.«

»Warum kaufst du das Saatgut dann so spät? Alle anderen haben es schon vor Wochen in die Erde gebracht.« Da seine Mutter wegschaute und nicht auf seine Frage antwortete, rückte Nels heftiger als beabsichtigt den Stuhl vom Tisch und stand auf. »Ich will Ritter werden! Warum lässt du mich nicht?«

»Nels.« Seine Mutter blickte ihn tadelnd an. »Das kommt nicht infrage. Diese Dörfler verdrehen dir mit ihren gefährlichen Wünschen doch nur den Kopf. Glaubst du wirklich, einen Mann vom Schutt zu befreien, ist Verdienst genug, um sich dieser wüsten Horde von Gaunern und Tunichtguten anzuschließen? Wein zu trinken ist doch alles, wozu die Ritter von Avërand fähig sind!«

Nels schüttelte den Kopf. Er stritt sich nicht gern mit ihr. Er wusste, dass sie ihn liebte, und er liebte sie auch, aber nicht ihre absonderlichen Ausreden. Von früheren Auseinandersetzungen wusste er, dass Argumente nicht zählten, doch so durfte es nicht weitergehen. Nur wenn er es zu dem Sommerfest schaffte, konnte sein Traum wahr werden. »Ein Grund mehr, mich ihnen anzuschließen. Ich könnte etwas verändern!«

»Muss eine Mutter sich rechtfertigen, wenn sie ihr Kind beschützen will?«

»Du beschützt mich?« Nels blickte ihr in die Augen. »Wovor?«

»Davor, dass du dich zum Narren machst. Weshalb möchtest du wirklich Ritter werden?«

»Ich möchte etwas bewirken«, antwortete er. »Ich möchte dem Königreich eine Hilfe sein.«

»Mir zu helfen reicht dir also nicht? Willst du das damit sagen?«

Darauf hatte Nels keine Antwort. Natürlich wollte er ihr helfen, aber sie verstand es einfach nicht. Was war so falsch daran, anderen zur Hand zu gehen?

»Die Unterhaltung ist hiermit beendet«, fuhr seine Mutter fort. »Setz dich wieder hin und iss deinen Eintopf.«

Eine Frage musste Nels vorher noch loswerden: »Mutter, warum verstecken wir uns hier draußen?«

Erschrocken hielt sie die Hand vor den Mund. »Wir verstecken uns doch nicht! Wie kommst du darauf?«

»Wir gehören nicht dazu, Mutter. Wenn du mehr unter die Leute gehen würdest, wüsstest du, was ich meine. Alle halten uns für merkwürdig, weil wir hier im Wald leben. Und du lässt mich kaum aus den Augen. Warum?«

Sie hob auch die andere Hand und bedeckte ihr Gesicht. »Es hat nichts mit Verstecken zu tun. Ich mag einfach keine Fremden.«

»Du fürchtest dich vor etwas. Das weiß ich schon eine ganze Weile. Ich weiß auch, dass du das Königshaus und die Ritter hasst, aber dahinter steckt mehr. Hat es etwas mit meinem Vater zu tun? Immer wenn ich nach ihm frage, sagst du nur: ›Ich will nichts davon hören.‹«

Seine Mutter wandte sich ab, was Nels darin bestärkte, dass seine Vermutung stimmte. Endlich waren alle Fragen und Geheimnisse, die ihn schon lange plagten, auf dem Tisch, und das nur, weil sie ihn nicht zum Sommerfest gehen lassen wollte.

»Wenn du mir nicht sagen kannst, warum ich nicht gehen soll, gibt es für mich keinen Grund hierzubleiben.«

Die Augen seiner Mutter füllten sich mit Tränen. Sie senkte den Kopf und schluchzte.

Nels verlor den Mut. Er hatte sie nicht zum Weinen bringen wollen. Sanft legte er seine Hände auf ihre. »Es tut mir leid, Mutter.«

»Er wurde ermordet.«

Nels blickte auf. »Was?«

»Dein Vater wurde ermordet.« Seine Mutter putzte sich die Nase und versuchte, die Fassung wiederzuerlangen.

Nach jahrelangen Spekulationen hatte er endlich eine Antwort erhalten.

Sein Vater hatte sie also doch nicht verlassen. Er war aus ihrer Mitte gerissen worden.

»Wer hat ihn umgebracht? Jemand aus dem Schloss?«

»Ich kann … ich will dir das nicht sagen«, erwiderte sie. »Aber aus diesem Grund wirst du nicht zum Sommerfest gehen.«

Im Cottage wurde es still. Ihr Entschluss war unumstößlich.

Nels lehnte sich zurück. »Entschuldigst du mich?«

Seine Mutter nickte, ohne aufzuschauen. »Es ist dunkel draußen, geh nicht zu weit.«

Nels fühlte sich betrogen. Ihm war übel, obwohl er nichts gegessen hatte. Er trat aus der Tür und ging zur Rückseite des Cottage. Wenn er noch länger geblieben wäre, hätte er womöglich etwas gesagt, was er später bereute.

Nels achtete beim Gehen nicht auf die Hühner, und so flüchteten sie ängstlich gackernd vor ihm. Am Fuß des Abhangs hinter dem Cottage lag ein kleiner See. Ein Rinnsal speiste ihn mit Frisch­wasser und seine glatte Oberfläche besänftigte Nels, wenn er wütend war – was höchst selten vorkam.

Als er das sumpfige Ufer erreichte, hob er einen kleinen Stein auf und warf ihn mit aller Kraft übers Wasser. Er hüpfte über die Oberfläche, prallte an einem Felsbrocken ab und versank.

Mein Vater wurde ermordet …

Nels setzte sich an den Teich. Sein Kopf schwirrte nur so vor Fragen. Er wusste nur sehr wenig über seinen Vater – eigentlich so gut wie gar nichts –, genau wie alle anderen Leute in Cobblestown. Aber irgendjemand musste doch wissen, wie sie hierhergekommen waren.

Stirnrunzelnd betrachtete Nels sein Spiegelbild im letzten Licht der Dämmerung. Vielleicht hätte er zufriedener sein sollen. Schließlich hatte seine Mutter ihm endlich die Wahrheit gesagt.

Aber das reichte ihm nicht. Er musste die ganze Geschichte kennen.

Warum hat sie mir verheimlicht, dass ihn jemand ermordet hat? Versteckt sie sich vor seinem Mörder?

Wie oft hatte Nels schon versucht, das seltsame Verhalten seiner Mutter zu verstehen: ihre Schreckhaftigkeit am Abend, ihren Argwohn jedem neuen Kunden gegenüber. Viele Stunden hatte er damit zugebracht. Jetzt kannte er den Grund.

Trotzdem war es unfair. Er wollte doch nur eine Chance bekommen – eine einzige Chance –, um beweisen zu können, dass er dem Königreich von Nutzen sein konnte. Hatte er diese Chance bereits vertan? Es ist die Pflicht eines Ritters, das Wohlergehen aller zu sichern, eine selbstlose Lebensaufgabe. Aber was war das für ein Ritter, der seine Mutter zum Weinen brachte? Um ihretwillen war es vielleicht das Beste, wenn er seinen Traum aufgab. Mit zunehmendem Alter wurde es ohnehin immer unwahrscheinlicher, dass er sich erfüllte.

Ich will ein Ritter sein, aber nicht so. Ich muss besser sein als das.

Nels streckte sich am Teich aus und schloss für einen Moment die Augen. Am anderen Ufer quakte ein Frosch und sprang mit einem leisen Platsch ins Wasser.

Schließlich erhob sich Nels wieder. Müde und mit dem Gefühl, unterlegen zu sein, ging er zurück zum Cottage.

Als Nels eintrat, trocknete seine Mutter gerade einen Teller ab. Sie schaute ihn an und wirkte noch niedergeschlagener als vorher. Seine Schüssel mit dem inzwischen kalt gewordenen Eintopf stand noch auf dem ansonsten leeren Tisch.

Er starrte auf die Schüssel. »Ich will mehr wissen. Bitte erzähl mir alles!«

Seine Mutter hängte ihr Geschirrtuch auf. »Zur rechten Zeit werde ich es dir sagen.«

Das höre ich nicht zum ersten Mal.

Nels hielt es für das Beste, das Thema erst einmal nicht weiterzuverfolgen, und wandte sich seiner Schlafecke zu.

»Wir müssen noch über eine kleine Besorgung sprechen«, sagte seine Mutter unvermittelt. »Mir ist das Türkis zum Färben ausgegangen. Ohne diese Farbe kann ich Magdalenes Tischtuch nicht fertig machen. Ich muss also morgen früh welches besorgen.«

Überrascht von dieser Neuigkeit, drehte Nels sich noch einmal um. »Wir gehen nach Cobblestown?«

»Natürlich nicht! Nicht während des Sommerfestes. Ich gehe nach Kettlescreek.«

»Nach Kettlescreek?« Nels stöhnte. »Das sind jeweils drei Stunden hin und zurück!«

Seine Mutter zog ihre Schürze aus. Nachdem sie sie aufgehängt hatte, verließ sie die Küche und setzte sich an ihren Webstuhl. »Ich habe die Färbefarben von Agen gekauft. Wenn die Tischtücher zusammenpassen sollen, muss ich zu ihm nach Kettlescreek. Und du hast doch gerade noch gesagt, ich sollte öfter unter Leute gehen.«

Dass sie den langen Weg auf sich nahm, nur um nicht auf das Sommerfest zu müssen, fand Nels dumm, aber er hielt den Mund. Er hatte eine Idee, die wieder Hoffnung in ihm aufkeimen ließ. »Ich bringe die Arbeiten hier zu Ende, während du weg bist …«

»Das will ich hoffen«, sagte seine Mutter. »Wir sind ohnehin schon zu spät dran. Ich besorge in Kettlescreek Farben und noch ein paar andere Dinge. Und wenn ich zurückkomme und sehe, dass du nicht fertig bist …«

»Keine Sorge, ich werde schuften wie ein Tier.«

Seine Mutter nickte und machte sich wieder ans Weben.

Nels zögerte einen Moment. »Ich habe das vorhin nicht so gemeint«, sagte er dann. »Gute Nacht.«

»Das wünsche ich dir auch, mein untadeliger Sohn.«

Nels verkniff sich ein Lächeln, legte sich auf seine wollene Matratze und schlüpfte unter die Decke.

Sie hat nicht gesagt, dass ich nicht gehen darf, wenn ich mit allem fertig bin …

Er brauchte nur früh aufzustehen und alles zu erledigen. Dann blieb ihm noch genug Zeit, um einiges vom Sommerfest zu sehen, bevor sie zurückkam. Bei dem Plan konnte nichts schiefgehen.

Nels schloss die Augen und malte sich aus, wie es auf dem Fest wohl zugehen würde. Seine Freunde hatten ihm von Spielen und Wettrennen erzählt, von Pasteten und Kuchen und von Händlern, die aus Harvestport herüberkamen, um ihre Ware zu verkaufen.

Dieses Mal würde er – zum ersten Mal – alles mit eigenen Augen sehen. Dieses Jahr würde er seine Chance bekommen, ein Ritter zu werden, selbst wenn er dafür ein Verbot missachten musste. Er wollte nicht den Rest seines Lebens im Schatten seiner ängstlichen Mutter zubringen.

Er hörte, wie sie beim Weben vor sich hinsummte, und die sanfte Melodie lullte ihn in den Schlaf.

Nels verschlief. Er kam sich vor wie ein Idiot.

Hastig stand er auf und stürmte hinter das Haus, um die notwendigen Gerätschaften zusammenzusuchen.

Die Morgensonne stand hoch am Himmel und war bereits mit voller Kraft dabei, den Boden auszutrocknen. Nur noch wenige Stunden und es war Mittag. Das hieß, dass er bis in den Abend hinein zu arbeiten hatte. Der alte Braune und der Wagen waren fort.

Sie hat mich ganz bewusst schlafen lassen!

Egal. Er hatte keine Zeit, darüber nachzugrübeln, er musste mit der Arbeit fertig werden.

Als Erstes fütterte Nels die Hühner. Sie würden nicht aufhören zu gackern, wenn er sie überging. Dann lief er aufs Feld und rammte den Spaten in die Erde. Die erste und die zweite Stunde arbeitete er im Eiltempo, grub und pflanzte und brachte das Saatgut schneller in die Erde als jemals zuvor, aber es gab immer noch so viel zu tun. Die Scheune musste ausgefegt werden und der Zaun repariert – dafür brauchte er Holz.

Nels lief hinters Haus, schnappte sich die alte Axt und fing an, Äste von dem Baum zu hacken, den er zuletzt gefällt hatte. Doch es dauerte nicht lange, bevor der eiserne Kopf der Axt unter Nels’ kräftigen Hieben nachgab, vom Schaft flog und im See versank. Nels ließ sich neben dem Baumstumpf auf die Erde fallen. Heißer Schweiß brannte in seinen Augen.

Es hatte keinen Zweck. Selbst wenn er sich heute nicht an den Zaun machte, würde er es nie rechtzeitig schaffen.

»Vielleicht ist es besser so«, murmelte er vor sich hin.

Erschöpft und außer Atem rappelte er sich auf und zog sein Hemd aus. Es war klatschnass. Nachdem er den Kopf ein paarmal in den Trog mit kaltem Wasser gesteckt hatte, fühlte er sich wieder besser.

»Du arbeitest wie ein Ochse, junger Mann.«

Nels wirbelte herum. Wasser tropfte ihm vom Gesicht.

An der Ecke stand ein alter Herr mit einem Gehstock. Der metallene Griff sah aus wie der Haken einer großen Häkelnadel. Unter dem kahlen Oberkopf des Fremden ringelte sich ein Kranz Locken und sein kurzer Bart passte farblich zu seinem grauen Umhang. Auch seine Augen wirkten matt und grau, wie Kugeln aus unpoliertem Stahl.

Nels blickte über die Schulter und vergewisserte sich, dass sie allein waren. Er hob die Hand, um die Augen vor der Sonne abzuschirmen. »Kann ich Euch helfen?«

»Ich bin ein Freund deiner Mutter.« Die Stimme klang warm und herzlich. »Auf mein Klopfen an der Tür hat niemand geantwortet, und da dachte ich mir, ich schau mal hinter das Haus. Und siehe da, hier bist du!«

Nels zuckte mit den Schultern. »Ja, hier bin ich«, bestätigte er freudlos. In seiner jetzigen Stimmung war ihm dieser Mann viel zu fröhlich. »Aber meine Mutter ist nicht da. Sie ist heute früh nach Kettlescreek gefahren.«

Das Lächeln des alten Mannes verschwand. »Schade. Ich hatte gehofft, sie vor dem Fest noch zu sehen.«

Nels hatte nach seinem Hemd greifen wollen, hielt aber mitten in der Bewegung inne. »Ihr seid wegen des Festes gekommen?«

»Weshalb sonst?« Der Mann kam ein paar Schritte näher. »Cobblestown ist bunt geschmückt und die Luft ist voller köstlicher Gerüche. Bald kommen der König und seine Familie, darunter auch Prinzessin Tyra – das schönste Mädchen, das Avërand je gesehen hat.« Der alte Mann betrachtete Nels von oben bis unten. »Hast du sie schon einmal gesehen? Wenn nicht, solltest du sie dir anschauen. Und ich könnte jemanden brauchen, der mich in die Stadt zurückbegleitet.«

Nels stieß einen sehnsüchtigen Seufzer aus. »Ich muss meine Arbeit hier zu Ende bringen, bevor ich irgendwo hingehen kann.«

»Schade«, sagte der Mann zum zweiten Mal. »Aber wie ich sehe, hat deine Mutter dich zu einem gehorsamen jungen Mann erzogen.«

Nels klopfte dem Alten lachend auf den Rücken. »Wie dem auch sei, wenn Ihr mir bei meiner Arbeit helfen wollt, will ich Euch hinterher gern auf die andere Seite der Welt begleiten.«

Der Mann ließ seinen Stock zur Seite kippen. »Das ist nicht nötig – aber was musst du denn noch erledigen?«

Nels blinzelte. Der alte Mann hielt ihn wohl für einen Tölpel. »Ich hab das mit dem Helfen nicht ernst gemeint.«

»Ich schon, mein Junge«, erwiderte er und folgte Nels zur Vorderseite des Cottage.

»Na ja«, begann Nels gedehnt, »der Zaun muss repariert werden, die Scheune ausgefegt und das Feld …« Nels blieb wie angewurzelt stehen und starrte auf den reparierten Zaun, die gefegte Scheune und das bewässerte Feld. Er konnte es nicht fassen. Alle Arbeiten waren getan. »Aber … wann habt Ihr …?«

Der alte Mann gluckste und zwinkerte verschmitzt. »Es gibt junge Leute, die arbeiten so hart, dass sie gar nicht merken, was sie alles schaffen.« Er griff in seine Tasche. »Ich bin hergekommen, um deiner Mutter das hier zu geben.« Er legte Nels eine Rolle weißen Garns in die Hand. »Ich finde deinen Gehorsam sehr lobenswert, aber wenn du deine Meinung bezüglich des Festes ändern solltest …« Mit diesen Worten schob er einen kleinen Fingerhut aus Messing in Nels’ andere Hand. Der Fingerhut fühlte sich kühl an. »Ich wünsche dir noch einen schönen Nachmittag.«

Nels schaute dem alten Mann nach, als dieser in Richtung Straße ging. Erst dann wanderte sein Blick noch einmal zum Zaun, zur Scheune und zum Feld. Unmöglich, dass er das alles geschafft haben konnte. Hatte ihm die Sonne den Verstand geraubt? Oder war hier etwas anderes am Werk? Ihm blieb keine Zeit, lange nachzudenken – die Zeit reichte gerade noch, um sich fertig zu machen.

Er lief ins Haus und zog das Hemd und das grüne Wams an, die er sich für Besuche im Dorf aufsparte. Gut, dass er sich die Haare schon draußen nass gemacht hatte. Die Locken auf seiner Stirn waren gezähmt.

Nels legte den Fingerhut und die Garnrolle auf den Tisch und ging zur Tür. Plötzlich klimperte etwas zu seinen Füßen. Er wirbelte herum. Der Fingerhut war zur Türschwelle gerollt und vor seinen Schuhen liegen geblieben. Um nicht mehr zurückgehen zu müssen, hob er ihn auf, steckte ihn in seine Tasche und öffnete die Tür.

Die Sonne stand im Zenit, als Nels das Cottage verließ. Das Feld war bestellt. Das Anwesen war noch nie so gut in Schuss gewesen. Seine Mutter würde frühestens in drei Stunden zurückkehren. Wenn er seine Zeit richtig einteilte, würde sie nie erfahren, dass er weg gewesen war. Endlich würde er seine Chance bekommen.

Nels lief dem alten Mann nach, ohne sich noch einmal umzuschauen.

Er hätte es tun sollen.

Die erledigten Arbeiten waren auf einmal wieder unerledigt und alles war genauso wie zuvor.

2
DAS FEST

12765.jpgine kühle Brise strich durch die Blätter über Nels’ Kopf, als er losrannte, um den merkwürdigen Fremden einzuholen. Dieser hatte bereits die Stelle erreicht, an der sich der schmale Waldweg zu einer Wiese hin öffnete. Entweder Nels hatte sich beim Umziehen viel Zeit gelassen oder er hatte den alten Mann gewaltig unterschätzt.

Das wettergegerbte Gesicht des Mannes verzog sich zu einem breiten Lächeln. »Du hast deine Meinung geändert?«

Nels nickte und blieb stehen, um wieder zu Atem zu kommen.

»Gut. Mit dir an meiner Seite ist es weniger wahrscheinlich, dass mich die Eichhörnchen anspringen.«

»Eichhörnchen?«

Der Mann blickte ernst drein. »Oh ja. Boshafte kleine Hamsterer. Sie sind ständig hinter meinen Garnrollen und der Füllung meiner Matratze her.«

Nels lachte unsicher und passte sich dem schnellen Schritt des Mannes an. Die unbefestigte Straße machte einen Bogen nach Osten, weg von den hohen Weißeichen.

Vor ihnen lagen jetzt sanft gewellte Hügel, üppig grün mit dicken Grasbüscheln und lila Glockenblumen, die sich an der Sommersonne wärmten. Es war ein wunderschöner Tag – und ein geheimnisvoller noch dazu.

Nels betrachtete den Fremden und seinen Gehstock. »Woher kennt Ihr meine Mutter?«

Der alte Mann schaute Nels an. Auf seiner Stirn standen ein paar Schweißperlen. Wieder verzogen sich seine Lippen zu einem breiten Lächeln. »Vor etlichen Jahren war sie eine meiner besten Schülerinnen. Ich habe ihr alles beigebracht, was sie für ihren Beruf braucht. Wie ich sehe, hat sie es zu etwas gebracht … mit deiner Hilfe natürlich.«

»Ich tue, was ich kann«, sagte Nels. »Aber sie hat nie von Euch gesprochen.«

»Es ist gut möglich, dass sie mich lieber nicht erwähnt. Ich arbeite nämlich im Schloss, musst du wissen.«

Nels hielt seinen Blick fest. »Tatsächlich?«

»Ja. Ich bin der Schneider von Avërand.«

Die Antwort ließ Nels innehalten. Er hatte von diesem Mann schon gehört. Der Schneider war der beste Tuchmacher im ganzen Königreich, ein Handwerker, der sich um sämtliche Stoffe kümmerte, die die Königsfamilie brauchte.

»Moment. Ihr seid der Schneider von Avërand?«, fragte Nels. »Freut mich, Euch kennenzulernen.«

»Ebenfalls, mein Junge. Bist du sicher, dass deine Mutter nie von mir gesprochen hat?«

Nels nickte.

»Nun, Katharina hätte es dir inzwischen sagen sollen.«

»Katharina? Welche Katharina?«

»Na, deine Mutter natürlich.«

Das war nicht ihr Name. Nels’ Argwohn kehrte zurück. Was für eine Art von Freund war dieser Mann, wenn er sich nicht einmal an ihren Namen erinnerte? »Ihr täuscht Euch, meine Mutter heißt Norell.«

»Ah, natürlich. Danke, dass du mich korrigierst. Mein Gedächtnis ist nicht mehr das, was es einmal war.«

»Hm.« Nels war immer noch misstrauisch. »Und was hätte sie mir sagen sollen?«

»Diese Frage zu beantworten, ist Norells Sache.«

Nels kickte einen Stein von der Straße. Vielleicht war ja genau das das Problem des Schneiders. Der Mann war alt – und viele Menschen in seinem Alter konnten Frühstück und Abendessen nicht mehr auseinanderhalten. Noch viel weniger konnten sie sich an Namen von früher erinnern.

»Sie erzählt mir nicht viel«, gestand Nels.

»Dann sollten wir uns wohl besser gegenseitig vorstellen.« Der Schneider verbeugte sich. »Ich bin Ickabosch, aber du kannst mich Bosch nennen, wie deine Mutter früher auch. Du heißt Lief, wenn ich mich richtig erinnere, ja?«

»Lief?« Nels musste lachen. »Wieder falsch. Ich bin Nels.«

Bosch gluckste. »Merkst du was? Ich habe den ersten Namen genannt, der mir in den Sinn kam, und du hast mich korrigiert und mir so deinen richtigen Namen verraten – ein schlauer Trick.«

»Oh-oh«, machte Nels. »Ihr seid ein seltsamer Mensch, wisst Ihr das?«

»Ein alter Sack kurz vor dem Zerreißen, aber immer noch nützlich.«

Eine Minute später erreichten die beiden den oberen Rand eines Steinbruchs gleich außerhalb von Cobblestown. Vom letzten Hügel aus konnten sie einen Teil des Königreichs überblicken.

Von dem Dorf unter ihnen drang ausgelassener Lärm zu ihnen herauf. Gespannte Erwartung lag in der Luft. Geigen spielten. Hörner ertönten. Das Fest war bereits in vollem Gang.

»Komm!«, drängte Bosch. »Die Prinzessin wird bald da sein.«

»Weshalb seid Ihr ihretwegen so aufgeregt? Seht Ihr sie nicht jeden Tag?«

»Schon, aber ich möchte deine Reaktion auf sie sehen.«

Nels fand diesen Wunsch äußerst merkwürdig. Er schob die Hand in seine Tasche und spürte den Fingerhut an seinen Knöcheln. Er war überrascht, wie kalt er sich anfühlte.

»Sie ist vor Kurzem sechzehn geworden«, erzählte Bosch. »Wenn ich mich nicht irre, bist du genauso alt.«

»Ich bin siebzehn.«

»Wirklich? Meine Güte, wie die Zeit vergeht!«

»Sie ist sicher nett, aber welche Rolle spielt das? Ich bin ein einfacher Untertan.«

»Und warum möchtest du dann aufs Fest?«

Nels zögerte kurz, bevor er antwortete. »Weil ich ein Ritter werden will.«

»Ein Ritter, sagst du?« Bosch sah ihn blinzelnd an. »Wie dein Vater.«

»Mein Vater?« Nels kam aus dem Tritt. »Wartet! Er war ein Ritter?«

»Heilige Hosennaht!«, fluchte Bosch. »Ich wollte sagen, er hat gehofft, ein Ritter zu werden. Genau wie du.«

»Meine Mutter hat gesagt, dass er ermordet wurde. Was wisst Ihr darüber?«

Bosch betrachtete ihn bedächtig. »Darüber kann nur sie mit dir sprechen.«

»Bitte! Wenn Ihr mehr wisst, habe ich ein Recht darauf, es zu erfahren.«

Bosch schüttelte den Kopf. »Meine Lippen sind zugenäht.«

Nels blickte den alten Mann finster an und spielte dabei mit dem Fingerhut in seiner Tasche. Das Stück Messing lag immer noch kühl in seiner warmen Hand. »Wozu habt Ihr mir den Fingerhut gegeben?«

»Er bringt Glück.«

»Wie eine Hasenpfote?«

»Besser. Man könnte sogar sagen, er besitzt magische Kräfte! Nimm ihn in die Hand, wenn du sie am nötigsten brauchst.«

Nels versuchte, sich das Lachen zu verkneifen. Magische Kräfte. Er war weder abergläubisch noch hielt er viel von Glücksbringern, doch er grinste und zollte dem Mann für seine originelle Art Respekt. Ein Fingerhut als Glücksbringer war mal etwas anderes. Dieser Bosch war zwar verschroben, aber zweifellos amüsant.

Sie hatten den Dorfrand noch nicht einmal erreicht, da sah Nels schon, dass alle auf den Beinen waren und fröhlich durch die geschmückten Gassen schlenderten. Kleine blaue, an Schnüren baumelnde Flaggen verbanden die zahlreichen Buden auf beiden Seiten der Hauptstraße miteinander. Dazwischen drängten sich die Leute.

Händler aus der Umgebung verkauften Früchte, Schmuck und köchelnde Fleischgerichte. Kinder liefen mit verspielten Hunden im Schlepptau durch die Menge und erbettelten sich Kostproben von den Bonbonverkäufern.

Nels konnte gar nicht mehr aufhören zu lächeln. Er hatte das Dorf noch nie so heiter erlebt.

»Seht, seht!«, rief Dungus, der Schuster. »Der Ritter von Cobblestown ist da!«

Köpfe drehten sich nach ihm um und strahlende Gesichter wandten sich ihm zu. Einige Mädchen warfen ihm schüchterne Blicke zu, während andere winkten. Nels grüßte zurück und versuchte, sich seine Verlegenheit nicht anmerken zu lassen.

»Warum nennen sie dich ›Ritter von Cobblestown‹?«, fragte Bosch.

»Na ja, sie wissen, wie gern ich ein Ritter wäre …«

»Verwurstelter Unsinn!«, unterbrach ihn Klen, der Metzger. »Er hat die Tochter des Schmieds vor dem Ertrinken gerettet!«

»Und meinen Mann hat er nach einem Steinschlag aus den Felsbrocken gezogen«, ergänzte Hilga aus einer anderen Richtung. Die stämmige Frau kam zu ihnen herüber und fuhr Nels durchs Haar. »Dank ihm haben meine Kinder noch einen Vater.«

Bosch kratzte sich am Bart, als sie sich wieder entfernte. »Ist das alles wahr?«

Nels wollte gerade erklären, wie sehr die Dörfler übertrieben, als ihm jemand auf den Rücken sprang.

»Du bist da!« Jilia schlang die Arme um seinen Hals. »Ich kann’s nicht glauben!«

Ein schmerzhafter Boxhieb traf Nels’ Schulter. »Ich auch nicht!«, rief Wallin.

Nels rieb sich die Schulter. »Du kannst loslassen, Jilia.«

Das Mädchen lächelte verschmitzt und glitt herunter. Ihre Hose hatte irgendwann innerhalb der letzten Stunden ein neues Loch abbekommen. »Ich kann wirklich nicht glauben, dass deine Mutter nachgegeben hat. Ich werde dir den ganzen Nachmittag nicht mehr von der Seite weichen!«

»Du Glücklicher«, neckte Wallin ihn. »Habt ihr Hunger? Bei Gamel dreht sich ein Spieß.«

Bevor Nels antworten konnte, wies Jilia auf den alten Mann. »Ist das ein Freund von dir?«

Boschs Lächeln schien jetzt bis zu seinen Ohren zu reichen. »Ich bin niemand von Bedeutung, und ich muss ohnehin noch etwas erledigen, bevor Ihre Hoheiten eintreffen. Danke fürs Begleiten, Nels. Kein Wunder, dass die Eichhörnchen es nicht gewagt haben, sich mit dem tapferen Ritter von Cobblestown anzulegen. Viel Spaß auf dem Fest!«

Damit verschwand der alte Mann in der Menge.

Wallin runzelte die Stirn. »Eichhörnchen?«

Nels nickte. »Genau das hab ich auch gedacht.«

»Wer war das?«, wollte Jilia wissen.

»Ein Freund meiner Mutter.« Nels hielt es für klüger, nicht zu erwähnen, dass er den Schneider von Avërand herbegleitet hatte. Seine Freunde würden ihn nur weiter ausfragen.

Er schaute auf Jilia hinunter und winkelte den Arm an.

Das Mädchen erwiderte seinen Blick mit hochgezogener Augenbraue.

»Zeigt mir, was dieses Fest alles zu bieten hat, Mylady!«

Entzückt hakte sie sich bei ihm unter.

Die drei stürzten sich ins Getümmel, probierten frisch gebackene Pasteten, beteiligten sich an Spielen und Wettrennen.

Es dauerte nicht lange und Nels wurde schwindelig von dem Trubel. Männer klopften ihm auf den Rücken und Mädchen flirteten trotz Jilias finsteren Blicken mit ihm. Alle wollten, dass er sie wahrnahm. Die drei Freunde hatten so viel Spaß, dass Nels sich fragte, weshalb das Dorf nur einmal im Jahr ein solches Fest feierte. Er strich sich übers Haar und schaute hinauf zur Sonne, um sich zu vergewissern, dass noch genug Zeit blieb, um nach Hause zu laufen.

Sie hatten sich gerade angeschaut, was es auf dem geschäftigen Markt alles zu kaufen gab, als ihm eine ungewöhnlich gekleidete Gruppe von Leuten auffiel. Sie trugen Hemden mit weiten Ärmeln und bunte Westen. Die Röcke der Frauen waren mit goldenen Blumen, Monden aus Metall und Sternen aus Kristallen bestickt.

Sie stammten nicht aus dem Dorf, nicht einmal aus Avërand, das sah Nels an ihren Kleidern, ihrem rabenschwarzen Haar und den silbrig schimmernden Augen. Sie mussten Vagas sein, Angehörige eines umherziehenden Volkes, das in den Wäldern auf der anderen Seite des Westgebirges zu Hause war. Er hatte noch nie die Gelegenheit gehabt, diese Menschen aus der Nähe zu sehen, geschweige denn, sie kennenzulernen, aber er hatte allerhand über sie gehört.

Ein paar Dorfbewohner blieben stehen, um ihnen beim Radschlagen und anderen Kunststückchen zuzuschauen. Auch einige Ritter mischten sich unter die Zuschauer. Aber sie waren auf der Hut und hatten die Hand am Schwertgriff.

»Man kann diesen Vagas nicht trauen«, sagte einer.

»Haltet die Augen offen, sonst leeren sie euch die Taschen, ohne dass ihr es merkt«, warnte ein anderer.

»Wenn Arek nicht wäre«, bemerkte ein Dritter, »hätten sie sich bestimmt schon mit der Königskrone aus dem Staub gemacht.«

»Recht hast du«, sagte der Erste. »Sie sollten besser abhauen, bevor Arek kommt.«

Meinten sie etwa Sir Arek, den obersten Ritter von Avërand? Nels blickte wieder hinüber zu den anmutigen Tänzerinnen und den Musikanten. Er hatte die Dorfbewohner immer nur verächtlich über die Vagas reden hören. Nachdem er die Fremden jetzt mit eigenen Augen gesehen hatte, konnte er die Geringschätzung der Dörfler nicht verstehen. Die Vagas strahlten eine Wärme aus und spielten gut aufeinander abgestimmte Musik, etwas, was Nels nur selten zu hören bekam.

Die Vagas-Männer spielten Saiteninstrumente und Tamburine und die Frauen in ihren langen Röcken drehten sich dazu im Kreis. Doch die fröhliche Stimmung fand ein jähes Ende, als eine der Frauen stürzte. Eine faule Rübe hatte sie am Kopf getroffen. Die Musik verstummte und die Dörfler brüllten, buhten, bewarfen die Fremden mit weiterem Obst und Gemüse und forderten sie auf, das Dorf sofort zu verlassen.

Nels konnte es nicht fassen. Er wartete darauf, dass die Ritter eingriffen und wieder für Ruhe sorgten, aber sie lachten nur.

Die Vagas sammelten ihre Sachen ein und beeilten sich, den Platz zu verlassen, doch das gestürzte Mädchen hatte Mühe aufzustehen.

Nels ging zu ihr, fing eine weitere Rübe ab und half der jungen Frau auf die Füße. Durch lange dunkle Haarsträhnen sah sie ihn mit ihren silbrig schimmernden Augen an. Von der Statur her hätte sie so alt sein können wie Jilia, doch sie wirkte viel erwachsener. Um den Hals trug sie eine Kette mit einem Saphir.

Plötzlich keuchte sie und entzog sich seinen Händen. »Du solltest nicht hier sein«, sagte sie mit einem weichen Akzent. »Es tut mir leid.« Sie raffte ihre Röcke hoch und lief mit ihren Leuten davon.

Bei ihren Worten war es Nels eiskalt über den Rücken gelaufen. Was hat sie damit gemeint?

Die wütende Menge zerstreute sich und das Fest ging weiter, als sei nichts geschehen.

»Die kommen wieder«, prophezeite Wallin. »Dann werden wir sie halt noch mal rausschmeißen.«

Schockiert wandte sich Nels zu ihm um. »Wieso sagst du so etwas?«

»Die Ritter sagen, man kann ihnen nicht trauen«, erwiderte eine kräftige Stimme. Sie gehörte Lars, dem Schmied. Sein braunes Haar war kürzer als sonst, was seine breiten Schultern noch mehr betonte. »Vor ein paar Jahren haben sie versucht, die Königskrone zu stehlen. Und wie du weißt: einmal Diebe, immer Diebe.«

»Jetzt mach aber mal einen Punkt!«, entrüstete sich Nels. »Du kannst doch ein ganzes Volk nicht für ein einziges Vergehen verantwortlich machen.«

Wallin boxte ihm gegen die Schulter. »Kannst du wohl, wenn es ihnen im Blut liegt.«

Lars lachte glucksend. »Stimmt, Wallin. Erinnert ihr euch noch an die Geschichte von König Hilvar, der über das bewaldete Tal von Westmine geherrscht hat?« Nels nickte, aber der Schmied fuhr dennoch fort: »Vor vielen Hundert Jahren haben die Vagas ihm einen großen Schatz geraubt. Hilvar hat bis zu seinem Tod danach gesucht, aber er hat ihn nie gefunden. Seitdem schwächen die Vagas das Land durch Hexerei. Sie rufen Dämonen herbei und hindern die Toten daran, unsere Welt zu verlassen. Es heißt, Hilvar sucht seinen Schatz bis zum heutigen Tag. Deshalb geht kein Mensch mehr nach Westmine. Alle fürchten den Zorn seines Geistes.«

»Seines Geistes?« Wallin lachte. »Das glaubst du doch selbst nicht!«

»So ein Unsinn«, meinte auch Nels.

Lars zuckte die Achseln. »Sie haben’s im Blut, mehr brauch ich nicht zu wissen.« Er winkte, als er davonging. »Ohne dich ist die Schmiede nicht dieselbe, Nels«, rief er noch über die Schulter. »Du solltest öfter mal vorbeikommen. Und grüß deine Mutter von mir.«

Nels wandte sich stirnrunzelnd seinen Freunden zu. »Die Vagas haben doch überhaupt nichts getan.«

Wallin blickte gleichgültig vor sich hin, und obwohl Jilia das, was passiert war, nicht gutzuheißen schien, hatte sie nicht protestiert.

»Das ist ein abgekartetes Spiel«, sagte Wallin. »Sie locken die Menge mit ihrer Aufführung an und derweil leeren ihre Kinder unsere Taschen und plündern die Werkstätten. Das Leben im Wald hat dich zu vertrauensselig werden lassen.«

»Wenigstens behandle ich andere Menschen nicht wie Dreck!«

Wallin biss die Zähne zusammen und rollte seine Ärmel hoch.

Jilia warf sich zwischen sie und zeigte auf den Dorfplatz. »Die Königsfamilie kommt!«

Nels ließ von dem Thema ab, als das Mädchen ihn zum Platz zog. Er konnte nicht glauben, was Wallin über die Vagas gesagt hatte und dass die Ritter einfach nur dabeigestanden und gelacht hatten, als die Fremden mit fauligem Obst und Gemüse beworfen wurden. Außerdem tat ihm das geheimnisvolle Mädchen leid. Und ihre sanfte Stimme mit dem fremdländischen Akzent verfolgte ihn immer noch.

Du solltest nicht hier sein …

Sie hatte recht, doch woher wusste sie das?

Jubel brandete auf und die Zuschauer drängten sich auf dem Platz, als ein Pferdegespann ins Dorf trabte. Nels war so groß, dass er über die Köpfe der vor ihm Stehenden hinwegsehen konnte.

Truchsesse bliesen ihre Hörner, als die Ritter in ihren schwarzen, gepanzerten Lederumhängen erschienen. Der größte war ein stämmiger Mann mit dunklem Haar und haselnussbraunen Augen. Zwei Knappen mit gewaltigen Bannern folgten ihm zu Fuß. Die Jungen hießen Davin und Alvil und stammten aus den Dörfern Kettlescreek und Watersfork. Nels kannte sie gut. Er hatte im letzten Jahr von ihrer Ernennung gehört. Sie waren jünger als Nels – um einige Jahre.

»Das ist Sir Arek.« Jilia zeigte auf den stämmigen Mann. »Er ist der oberste Ritter von Avërand.«

»Und der dickste«, flüsterte Nels. »Ich würde nur ungern gegen ihn antreten.«

Jilia hätte den Ritter fast spöttisch angegrinst, als ein Paar auf weißen Pferden auf dem Platz erschien.

Alle außer Nels knieten nieder.

Wallin zupfte ihn am Ärmel und drängte ihn, dasselbe zu tun. Er verstand nicht, warum, bis er die kostbaren Kleider und goldenen Kronen sah – König Lennart und Königin Carin.

Der rothaarige König blickte von einer Seite zur anderen und winkte halbherzig. Sein Blick war leer und freudlos. Im Gegensatz zu ihm lächelte die Königin herzlich und verteilte Handküsse. Ihr blonder Dutt glänzte in der Sonne.

Nels bewunderte ihre Gewänder. Selbst seine Mutter wüsste eine so ausgezeichnete Schneiderarbeit zu würdigen.

Wieder warf er einen Blick gen Himmel und schätzte am Stand der Sonne ab, wie viel Zeit ihm noch blieb.

Wann wählen sie endlich ihre Knappen aus? Ich sollte bald gehen.

Jilia spähte über die Schultern vor ihr und versuchte, einen Blick auf das Königspaar zu erhaschen, als ein junges Mädchen auf einer weißen Stute ins Dorf ritt. Auch sie schaute sich um und winkte den Leuten zu, doch sie hatte etwas Besonderes an sich – etwas ganz und gar Faszinierendes. Es hatte nichts mit dem herrlichen Kleid und dem Korsett zu tun, das ihre schlanke Figur betonte, auch nicht mit ihren wunderschönen roten Lippen.

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