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Weltenerbe

Was bisher geschah:

Das Geheimnis der Zylinder

Eigentlich wollte Daniél nur einen Brunnen für seinen Garten anlegen. Aber beim Graben mit seinem Freund Luc stieß er auf ein Hindernis. Die beiden versuchten es mehrere Male, allerdings ohne Erfolg. Von seinem Onkel organisierte sich Daniél einen kleinen Bagger und grub auf eigene Faust weiter. Nach ein paar Metern stieß er auf etwas sehr Hartes. Er legte das Objekt frei und stellte fest, dass es sich um einen ungefähr drei Meter langen Zylinder handelte.

Daniél stellte einen einfachen Blechschuppen auf das große Loch in seinem Garten, damit seine Frau Claire nach ihrem Urlaub nichts davon mitbekommen würde. Er installierte eine kleine Luke im Boden, damit er sich den Zylinder von Zeit zu Zeit ansehen konnte. Ihm fiel eine Platte auf, die sonderbare Schriftzeichen enthielt. Zusammen mit seiner Nachbarin Sophie, die in einer Bibliothek arbeitete, versuchte er die Schriftzeichen zu entziffern. Als er ein Foto der Platte auf eine Internetseite lud, wurde er über einen Dialog aufgefordert, seine Adresse bekanntzugeben. Daniél ging nicht darauf ein, sondern schlug ein Treffen in Paris vor.

Er fuhr nach Paris. Während er den Treffpunkt beobachtete, wurde ihm seine Brieftasche gestohlen. Der Dieb konnte entkommen, jedoch fand dieser keinerlei Informationen im Portemonnaie. Schließlich traf Daniél Herrn Bahwassu, den Anführer eines sehr alten Volksstammes aus Mali – den Dogon. Dieser verlangte Informationen über den Zylinder, die ihm Daniél jedoch nicht gab. Herr Bahwassu wurde von mehreren Männern begleitet, die Daniél in ein Auto zerrten. Aber an den Zylindern waren noch mehr Menschen interessiert. Unter anderem Philipe Roche, der rechtzeitig in Paris ankam. Er hatte von einem Spion erfahren, dass ein weiterer Zylinder gefunden worden war. Nach einer Schießerei an der Seine konnten Philipe und Daniél in einem Auto fliehen. Die Dogon blieben ihnen jedoch auf den Fersen und Daniél wurde von einer Kugel getroffen.

An diesen Zylindern, die an verschiedenen Stellen der Erde gefunden wurden, waren auch General Setter und sein Team interessiert. Sie bestanden nämlich aus einem Material, das unzerstörbar erschien. Während Daniél in Frankreich über seinen Fund staunte, fanden der General und sein Assistent Major Carson einen Zylinder in Grönland, der eine Besonderheit aufwies.

Man konnte einen Spalt sehen, der darauf schließen ließ, dass er geöffnet werden könnte.

Die Zylinder waren einige tausend Jahre alt. Der Grund ihrer plötzlichen Entdeckung war, dass Robert d’Eglantine eine spezielle Scheibe gefunden hatte, die genaue Angaben über die Standorte enthielt. Diese Informationen ließ er dem Major zukommen, weil er selber nicht über die geeigneten Mittel verfügte, um sie freizulegen. Die Scheibe hatte er dem afrikanischen Volksstamm gestohlen, der sie bewachen sollte. Herr Bahwassu hatte versucht den General davon abzuhalten, die Zylinder weiter zu erforschen. Um dieses Ziel zu erreichen, wollte er unter anderem eine Wissenschaftlerin töten lassen, die kurz davor stand eine wichtige Entdeckung zu machen. Das Attentat schlug jedoch fehl und die Frau fiel in ein Koma.

In Grönland begann man mit einer genaueren Untersuchung des Zylinders sowie der Umgebung und fand einen gut erhaltenen Leichnam, dessen Kopf fehlte. Dr. Bolina, die neue Wissenschaftlerin des Teams, untersuchte diverse Proben. Sie fand etwas heraus, doch bevor sie den anderen davon erzählen konnte, wurde sie entführt.

Die Dogon beobachteten das Geschehen in Grönland über einen eingeschleusten Agenten. Da der Zylinder nicht zerstört werden konnte, planten sie ihn wieder zu vergraben und alle beteiligten Männer zu töten. Togan Brambesi sollte diese Aufgabe übernehmen. Er flog mit zwei Bomben und einigen bewaffneten Männern nach Frederikshåb. Dort ließ er sich vom einheimischen Führer Eric Grønkjær zum Lager der Amerikaner fahren. Sie errichteten ein identisches Lager in der Nähe und ließen eine Bombe durch den Agenten in unmittelbarer Nähe des Zylinders vergraben.

Robert d’Eglantine lebte in der Wohnung einer Bekannten, als er seinem Freund Philipe Roche von der Scheibe erzählte. Dieser fuhr sofort zu ihm, um die Scheibe zu sehen, aber als er eintraf war Robert allein und es stellte sich heraus, dass die Bekannte die Scheibe gestohlen hatte. Als die Frau zurückkam, wurde sie von den Männern erschossen.

In Grönland hatten die Männer des Generals die Bombe zufällig entdeckt. Das Lager wurde geräumt und nur der General und ein Mann namens Donovan blieben zurück, um die Bombe zu entschärfen. Das Vorhaben schien geglückt zu sein und bevor der Timer abgelaufen war, verließen auch die beiden Männer das Lager. In sicherer Entfernung hörten sie dennoch eine Explosion. Der Major und Donovan sollten die Lage überprüfen und fuhren zurück. Die Bombe war nicht explodiert, aber als sie ankamen, wurden sie von den Dogon angegriffen. Währenddessen fuhr der General mit einigen Soldaten zum Ursprung der tatsächlichen Explosion. Sie fanden ein identisches Lager, in dem eine Bombe gezündet worden war. Der General eilte umgehend mit dem Zylinder in das Lager und konnte den Major und Donovan vor dem sicheren Tod bewahren. Die Dogon flohen in Richtung Flughafen.

Daniél war am Hals verletzt worden und Philipe musste ihn in ein Krankenhaus bringen, wo er sofort operiert wurde. Die Dogon waren den beiden aber immer noch auf den Fersen. Als Daniél in ein Krankenzimmer gebracht wurde, sah er Herrn Bahwassu und versuchte sich im Krankenhaus zu verstecken. Er floh in ein anderes Zimmer, in dem eine Komapatientin lag. Daniél versteckte sich erfolgreich unter ihrer Bettdecke. Daraufhin öffnete die Frau ihre Augen. Sie erzählte Daniél, dass sie als Wissenschaftlerin ebenfalls an diesen Zylindern arbeitete und bat ihn ihr ein Fax der Platte mit den Schriftzeichen zu schicken. Er versprach dies und fuhr anschließend unbehelligt nach Hause zurück.

Als Daniél zu Hause ankam, ertappte er seine Frau, wie sie ihn gerade mit seinem Freund Luc betrog. Nach einem Streit zog Claire aus und er war allein. Daniél schickte wie versprochen ein Fax an die Frau, die er im Krankenhaus getroffen hatte. Er ging gedankenversunken in den Raum unter seinem Schuppen und stellte fest, dass dort Lichter blinkten. Die vom Zylinder kommenden Strahlen tasteten ihn ab. Dabei schrie Daniél auf und fiel in Ohnmacht.

Noch rechtzeitig erreichte Togan Brambesi den Flughafen und konnte mit seinen Männern fliehen. Aber sie wurden verfolgt. Zwei amerikanische Abfangjäger schossen auf das Flugzeug und es stürzte vor der Küste Neufundlands ab. Nur Togan konnte sich an Land retten. Er versuchte so schnell wie möglich zu einem Flughafen zu gelangen, um nach Mali zurückzukehren.

Die Explosion in Grönland wurde von den Russen bemerkt. Sie forderten von den Amerikanern eine Stellungnahme, die sie jedoch nicht geben konnten, weil sie über das Vorgehen von General Setter nicht informiert waren. Daraufhin wurden der General und der Major zum Pentagon zitiert und vom stellvertretenden Verteidigungsminister Jeff Connor befragt. Dieser wurde bereits von den Franzosen informiert und bei der Befragung tauchte Robert d’Eglantine als Agent der Regierung auf. Robert berichtete den Anwesenden von den Dogon, die er als Attentäter bezichtigte. Er befürwortete einen Präventivschlag gegen die Führungsspitze, den er daraufhin mit einem amerikanischen Agenten auch durchführte. Er tötete Herrn Bahwassu sowie seine Informanten, da er wusste, dass der letzte Zylinder in Paris gefunden worden war. Auch der amerikanische Agent wurde von Robert getötet.

Der Verteidigungsminister musste sich eingestehen, dass derzeit niemand mehr Erfahrung oder Wissen über die Zylinder hatte als der General. Dementsprechend fuhren er und Major Carson zurück zur Fundstelle nach Grönland. Dort begannen sie den Zylinder zu öffnen. Nach einigen Fehlschlägen gelang es ihnen. Der Zylinder schloss sich jedoch nach kurzer Zeit wieder und aktivierte einen Eingabemodus beim Gegenstück in Daniéls Garten. Danach erfuhr der General, dass die Wissenschaftlerin, die im Koma gelegen hatte, neue Informationen besaß. Er war skeptisch und schickte eine Einheit in ihre Wohnung.

Togan Brambesi schaffte es nach Mali zurückzukehren. Dort wollte er Herrn Bahwassu über die gescheiterte Mission berichten. Er war überrascht zu hören, dass dieser tot war und noch mehr, als er erfuhr, dass er zur neuen Führungsspitze der Dogon ernannt wurde. Als erste Aufgabe verlangte man von ihm einen Vergeltungsschlag. Togan entschloss sich jedoch zu der Entführung der kleinen Tochter des Majors, um ein Druckmittel in der Hand zu haben.

Die Soldaten fanden in der Wohnung der Wissenschaftlerin ein Fax und informierten den General. Dieser fuhr zu seinem Sohn Henry. Der Major begleitete den General. Mit dem Schriftstück und den sonderbaren Zeichen konnten sie nicht viel anfangen. Aber Henry hatte die entscheidende Idee, um ein weiteres Rätsel zu lösen. Die Zylinder waren ausgerichtet und trafen sich fast alle in einem Punkt über dem Atlantischen Ozean. Dort entdeckte man einen gigantischen Reflektor, der für einen geostationären Orbit wesentlich zu tief hing. Mithilfe eines Shuttles wurden Aufnahmen des Reflektors gemacht. Nach einigen Berechnungen gelang es, den Standort des letzten Zylinders ausfindig zu machen. Der General brach mit seinen Männern nach Frankreich auf.

Daniél erwachte im Haus seiner Nachbarin Sophie. Sie fragte ihn ein paar Dinge über den Zylinder, den sie bei Daniéls Rettung zwangsläufig gesehen hatte. Er konnte und wollte jedoch nicht darauf antworten und ging zurück in sein Haus. Dort hatte er immer wieder Bilder und Stimmen in seinem Kopf, die er nicht zuordnen konnte. Dann hörte er ein Klopfen und ahnte, dass es besser wäre, sich zu verstecken.

Die Amerikaner stürmten irrtümlich das Haus von Daniéls Nachbarn. Die Männer durchsuchten alles, ohne fündig zu werden. Zeitgleich kamen Robert und Philipe in Daniéls Haus. Die beiden forderten ihn auf, ihnen den Weg zum Zylinder zu zeigen, weil sie glaubten, dass er sich in der Nähe der Megalithen befinden würde. Kurz danach kamen Togan Brambesi und seine Männer.

Die Soldaten des Generals stürmten in Daniéls Garten und die Dogon und die Amerikaner bekämpften sich. Robert und Philipe nutzen den Tumult, um mit Daniél durch die Vordertür zu verschwinden. Sie wurden jedoch von Sophie aufgehalten, die die Männer mit gekonnten Hieben K.O. schlug. Sie und Daniél eilten in Sophies Haus und beobachteten das Treiben im Garten vom ersten Stock aus.

Der Major überwältigte Togan Brambesi, dieser konnte aber durch den Hinweis auf sein Faustpfand den Kampf beenden. Der General nutzte einen unbeobachteten Moment und ging zum Schuppen, unter dem er den Zylinder vermutete. Er wurde fündig und war im Begriff ihn einzuschalten. Daniél sah den General, rannte zurück in seinen Garten und wollte dies verhindern.

Aber General Setter schaltete den Zylinder ein.

1 Eden

Die Blätter wechselten die Farbe. Das hatte Rogan schon häufig gesehen und er wusste, dass es nun bald kalt werden würde. Erst wechselten sie die Farbe, dann fielen sie auf den Boden und danach wurde es kalt. Die Gerüche waren dann nicht mehr so intensiv wie in der warmen Zeit.

Heute war ein wunderschöner Tag. Das Licht schien durch die Bäume und warf merkwürdige Flecken auf das Unterholz. Rogan musste immer lächeln, wenn er sie sah. Dann besann er sich wieder auf seine Aufgabe. Seine buschigen Augenbrauen wanderten nach unten. Sein Gesicht wurde grimmig und konzentriert. Er konnte hören, wie sich Jert ein paar Meter von ihm entfernt bewegte. Das war nicht gut. Er würde ein ernstes Wort mit ihm reden müssen. Aber ihr Opfer hatte offensichtlich nichts bemerkt. Vor ein paar Wintern hatten sie gemerkt, dass es günstig war sich gegen den Wind zu nähern. Eher zufällig war es Jert aufgefallen, obwohl er noch ein Knabe war. Aber sein Geist war wach und darüber freute sich Rogan. Sein Stamm war stark und sie mussten keinen Hunger leiden, wenn es kalt wurde. Sie waren vorbereitet. Das Leben war gut.

Jetzt konnte er Jert sogar sehen. Er näherte sich wie besprochen dem Eber. Er sollte ihn ablenken, damit der starke Rogan eine gute Position zum Werfen bekam. Nicht zu auffällig, damit der Eber nicht erschrak und davonlief. Jert war sehr geschickt, aber bei weitem nicht so stark wie Rogan es sich gewünscht hätte. Der Eber entdeckte Jert und verharrte für einen Moment in seiner Bewegung. Rogan war noch weit entfernt, dennoch warf er seinen hölzernen Speer. Rogan traf den Eber in den Hinterlauf. Das war nicht gut. Wie besessen raste das Tier nun auf Jert zu. Dieser hatte auch einen Speer, aber wenn er ihn warf, konnte er damit einen Eber höchstens kitzeln. Rogan spürte, wie sich sein Herz zusammenzog. Starr vor Angst stand er da, mit leeren Händen. Gleich würde er zusehen müssen, wie Jert von dem Eber aufgespießt werden würde. Auch der Junge hatte die Augenbrauen tief ins Gesicht gezogen. Er wirkte eher konzentriert als verängstigt. Was hatte er nun wieder vor? Jert kniete sich hin und rammte das Ende des Speers in den morastigen Boden. Die Spitze zeigte schräg nach oben auf den Eber. Dieser setze zum Sprung an und rammte sich durch sein eigenes Gewicht das spitze Holz in den Hals. Blut spritzte und der Eber quiekte ein letztes Mal.

Der klammernde Griff um Rogans Herz löste sich und das Lächeln kehrte in sein Gesicht zurück.

»Du bist sehr geschickt«, sagte Rogan, als er den Jungen erreicht hatte und den blutüberströmten Eber am Boden liegen sah.

»Das war nur so eine Idee. Irgendwie kam das von ganz allein.«

»Und ich wusste irgendwie, dass es eine gute Idee war, dich nicht zu verstoßen.«

Das Leben war gut, aber hart. Und es gab Regeln. Nicht viele, aber dafür waren sie streng und es gab keine Ausnahmen. Eine Regel war, dass kein fremder Mann eine Frau aus dem Stamm nehmen durfte. Darauf achteten die Männer sehr genau. Und wenn sie zur Jagd gingen, achteten die Frauen untereinander darauf. Noch etwas genauer, als die Männer es taten.

Jerts Mutter hatte gegen diese Regel verstoßen. Ein Fremdling – klein, drahtig und mit der unverständlichen Sprache eines anderen Stammes – kam und nahm diese Frau. Sie musste gehen und war sich selbst überlassen. Wenn man nicht bei seinem Stamm bleibt, stirbt man.

Aber sie starb nicht. Sie verbarg sich in Höhlen und fand ein wenig Nahrung. Als die Bäume wieder Blätter hervorbrachten, kehrte sie zum Stamm zurück und gebar Jert. Sie wollte das Kind dem Stamm geben, wie sie es immer taten. Die anderen Frauen töteten die Verstoßene. Jert aber wurde aufgenommen. Kinder waren gut für den Stamm. Je mehr es gab desto besser, denn das Leben war nicht einfach. Nur jeder zehnte überlebte. Die Frauen des Stammes kümmerten sich um Jert wie um die anderen Kinder.

Jedoch war er anders. Er war viel kleiner als die anderen Jungen seines Alters und seine Stirn war klein und flach. Jert war wohl der zehnte, denn er überlebte.

Als er alt genug für die Jagd war, sagten die anderen Männer, dass er früh sterben würde, weil Jert nicht stark war. Die Jagd war gefährlich. Man musste nicht unbedingt durch ein wildes Tier ums Leben kommen, ein gebrochenes Bein reichte schon. Nicht selten musste einer der Männer eine Frucht kosten, die erst einen Tag später von den anderen gegessen werden konnte. Oder eben nicht.

Die Jagd war hart. Aber auch hierbei starb Jert nicht.

Der Junge war vorlaut. Es schien, als würde er lieber nachdenken, als zu jagen. Nur Rogan erkannte, dass es gut war, wenn jemand nachdachte. Seit Jert bei der Jagd nachdachte, gab es viel mehr zu essen. Heute gab es das Fleisch des Ebers.

»Du bist gut für den Stamm, Jert.«

»Ja«, antwortete der Junge glücklich.

Jert dachte viel nach, aber seine Gedanken kreisten nicht immer um die Jagd. Er spürte, dass er anders war. Er konnte es in den Gesichtern der Frauen sehen, wenn die Männer von der Jagd heimkehrten. Sie ignorierten ihn, wenn die Männer Erfolg hatten, aber sie gaben ihm die Schuld, wenn es nicht so war.

Der Junge fühlte sich nur bei Rogan wohl. Die anderen Männer schenkten ihm keine Beachtung, wenn der Stammesführer dabei war. Die wenigen Tage, die sie zwischendurch bei den Frauen verbrachten, waren qualvoll für ihn. Dreizehn Winter hatte er schon gesehen, sagte Rogan immer. Er selbst konnte sich nur an acht erinnern. Die anderen Jungen in seinem Alter nahmen sich Frauen, wenn sie zurückkehrten. Aber es gab keine Frau, die Jert wollte. Sie wandten die Blicke ab, wenn er sie ansah. In ihren Augen war er nicht gut für den Stamm. Er würde keine starken Kinder machen. Nein, sie würden genauso schwächlich sein wie er.

»Warum mögen die Frauen mich nicht?«, fragte er oft, wenn er sah, dass die anderen in seinem Alter nicht allein blieben.

»Weil du nicht stark bist. Aber das kommt noch. Alle Männer sind stark, oder sie sterben.«

»Ich will nicht sterben. Es gibt so viel zu sehen.«

Rogan sah in den Wald hinein. »Wenn du nicht stark genug bist, dann stirbst du. Das ist so. Man stirbt, wenn man schwach ist. Das ist besser für den Stamm. Niemand kann das ändern. Das ist kein Stammesgesetz, sondern das Gesetz aller Lebewesen.«

»Vielleicht kann ich es ändern. Ich bin nicht stark. Aber ich lebe.«

Rogan kniete sich lächelnd neben den Jungen und sah ihm in seine Augen. »Deine Augen sind wie das Wasser im Bach. Das habe ich noch nie gesehen. Niemand hat solche Augen. Ich weiß nicht, ob du deinen Platz im Stamm finden wirst. Aber solange ich lebe, wird es dir gut gehen. Ich sehe, dass du gut bist für den Stamm. Seit ich Winter zählen kann, habe ich noch nie mit solcher Freude zur dunklen Zeit geschaut. Aber wer anders ist, ist anders. Und wer schwach ist, stirbt.«

Für Rogan ist alles so klar, dachte Jert. Er erkennt, wie alles zusammenhängt. Aber auch er kann sich irren. Ich bin nicht stark, aber ich lebe.

Rogan und Jert gingen zur Lichtung, wo sie die anderen Männer trafen. Sie hatten nichts erlegt. Rogan trug den Eber über der Schulter und die anderen brachen in wildes Geschrei aus, als sie es sahen. Alle freuten sich über das Wild. Dass sie etwas erlegt hatten, bedeutete, dass sie zurückkehren konnten. Die Heimreise würde ein paar Tage dauern. Alle sehnten sich nach dem Lager und den Frauen. Ein anderer Junge mit dem Namen Ruv prahlte, dass er sicherlich die erste Frau bekommen würde, weil er so stark war.

Stark, dachte Jert, das bist du. Erlegt hast du nichts. Du bist nur stark. Warum kann Ruv überleben, Jert aber nicht?

»Dich will bestimmt wieder keine«, sagte Ruv zu Jert.

»Sei still, Ruv!«, befahl Rogan. Aber der starke Junge hörte nicht auf. »So ein kleiner Mann! Keine Frau will so etwas.«

»Sei still, Ruv!«, sagte Rogan erneut. Diesmal etwas lauter. »Ohne Jert könnten wir noch nicht zurück.«

Der Junge wurde lauter: »Sagst du, dass Jert den Eber erlegt hat? Der ist doch viel zu schwach!«

»Ja, er ist schwach. Jert kann keinen Stein hochheben. Aber etwas steckt in ihm. Sei ruhig jetzt!.«

»Ich glaube nicht, dass er den Eber erlegt hat. Los, kämpf mit mir, Jert! Zeig, wie stark du bist.«

Man konnte sich nicht gegen einen Kampf wehren. Kämpfe zwischen den Männern waren gut für den Stamm. Nur so konnte man feststellen, wer für die Jagd taugte. Rogan war der Einzige, der bei Jert etwas anders dachte.

Rogan hatte das Recht einen solchen Kampf zu beenden, wenn er der Meinung war, dass es genug sei. Ihn verhindern konnte er jedoch nicht.

Der Kampf dauerte nicht lange. Jert blutete schon aus der Nase und hatte sich die Beine aufgeschürft, als Rogan die Stimme erhob.

Ruv hob einen Stein hoch, um zu zeigen, wie stark er war: »Nie hast du den Eber erlegt. Du bist zu schwach! Du bist der letzte hier. Du lebst nur, weil Rogan es will. Sonst wärst du schon tot.«

Die anderen Männer grölten und schrien vor Begeisterung. Jert hingegen nahm sich grimmig einen Ast vom Boden und brach ihn durch, während er ein Stück in den Wald hineinlief. Es war gut, dass er mit Rogan jagen durfte. Aber wenn Rogan starb, würde sich niemand mehr um ihn kümmern. Er musste einen Weg finden, um zu überleben, ohne stark zu sein. Mit dem Fell, das er um die Schulter trug, wischte er sich das Blut von seiner Nase ab. Wenige Menschen in seinem Stamm dachten über die Zukunft nach. Entweder es gab Essen, dann war es gut. Oder es gab keine Nahrung, dann war es schlecht. Alles war einfach. Nur Rogan erkannte, dass es so etwas wie eine Zukunft gab. Auch wenn er nur in Wintern dachte. Und Jert merkte immer mehr, dass seine Zukunft von Rogan abhängig war. Rogan war sein Jagdpartner. Er war sogar mehr: Er war sein Freund. Aber Jert war nicht dumm. Es würde nicht ewig so weitergehen. Etwas Winziges genügte und sein Leben wäre verwirkt. Die anderen Männer griffen ihn nur deswegen nicht an, weil Rogan den Stamm anführte. Lange würde es nicht mehr dauern und Ruv würde seinen Platz einnehmen. Jert musste vorher eine Entscheidung treffen.

Am nächsten Morgen konnte man die Sonne nicht sehen. Sie machten sich auf und zogen in Richtung der Berge. Dort war ihr Lager. Der Junge blieb stets bei Rogan, da Ruv immer wieder mit Beschimpfungen anfing. Jerts Knie schmerzte immer noch, die Schürfwunde war wohl tiefer als er dachte. Aber er wollte sich nichts anmerken lassen. Nach einer Weile gingen die Männer nur noch stumm durch den Wald und konzentrierten sich auf das anstrengende Wandern.

Am Abend hob Rogan plötzlich die Hand und alle knieten sich hin. Ihre Speere hatten sie drohend nach vorne gerichtet. Bis auf Rogan wusste niemand, was passierte. Auch er hatte sich hingekniet. Sein Speer lag neben ihm auf dem Boden. Rogan neigte den Kopf und seine dunklen Augen wurden immer kleiner. Schließlich erhob er sich und ging mit großen Schritten voran. Die anderen Männer folgten unsicher, nur Rogan lächelte. Jert war der Erste, der nach Rogan die Lage erkannte. Vor ihnen sah er eine Gruppe von Männern, die nach erfolgreicher Jagd im Kreis saßen. Jert hatte diese Männer schon vor zwei Wintern gesehen. Ihr Stamm war am großen Wasser. Sie waren weit von Zuhause entfernt.

»Hallo Tugor!«, rief Rogan. »Es ist gut, deinen Stamm gesund zu sehen.«

»Hallo Rogan. Jert lebt also immer noch. Das hätte ich nicht gedacht.«

Rogan sah sich unter den Männern Tugors um. »Dein Stamm ist kleiner geworden. Wie viele sind in den letzen beiden Wintern gestorben?«

Tugor stellte sich stolz vor Rogan und rief: »Keiner. Nicht mal ein Jüngling.«

Rogan wusste, dass Tugor nicht die Wahrheit sagte. Hier waren viel weniger Männer als vor zwei Wintern.

»Wo sind dann deine Männer?«, fragte Rogan mit einem Lächeln.

»Sie stecken kleine Steine in die Erde.«

Alle Männer Rogans mussten laut lachen. Sogar Jert hatte für einen Moment seine Probleme vergessen.

Tugor lachte nicht. Das verwunderte Rogan und er fragte: »Wieso ist keiner von deinen Männern gestorben und doch sehe ich nur so wenige.«

»Wir haben Äste um unser Lager gelegt. Die Tiere des Waldes können nun unseren Stamm nicht mehr angreifen, wenn wir nicht bei unseren Frauen sind. Und wir sind viel größer geworden.«

»Äste?«

Jert konnte sich sofort vorstellen, was Tugor meinte. Das war eine hervorragende Idee.

Rogan wollte mehr wissen. »Und warum stecken deine Männer Steine in die Erde?«

»Daraus wachsen kleine Bäume, aus denen man Nahrung machen kann.«

Steine aus denen Nahrung wuchs. Das war etwas, das Rogan sich nicht vorstellen konnte. Und Tugor eigentlich auch nicht. Aber sie taten es seit einigen Wintern und es funktionierte. Die Früchte der kleinen Bäume konnte man zerreiben und mit etwas Wasser ergab sich Nahrung. Für den Winter war es gut.

»Was sind das für Steine?«

»Wir haben sie von einem Stamm am großen Wasser bekommen. Bei uns arbeiten alle auf den großen Flächen, sogar die Frauen und die Jünglinge.«

Rogan fragte verwundert: »Auf einer freien offenen Fläche? Warum greifen die Tiere sie nicht an?«

Tugor erwiderte: »Weil es auch hier Äste um die Fläche gibt. Die Tiere können nicht hindurch.«

»Niemand jagt?«, fragt Ruv dazwischen.

»Nur wenige. Es gibt viel zu essen.«

Ruv war empört: »Man muss nicht stark sein, um Steine in die Erde zu stecken.«

Rogan wollte wissen: »Woher habt ihr die Steine? Es können keine normalen Steine sein.« Rogan war auch nicht ganz sicher, ob er das Wort für Steine richtig verstand. Dieser Stamm sprach Rogans Sprache nicht sehr gut.

»Wie kannst du das gut finden?«, schrie Ruv. »Es ist keine Arbeit für Männer. Männer müssen jagen.«

Rogan blickte Ruv solange an, bis dieser sich beruhigte. »Wenn man einen Stamm führt, dann muss man dafür sorgen, dass alle genug zum Essen haben. Man muss stark sein und für andere sorgen. Nur stark sein reicht nicht.«

»Aber wir haben genug zum Essen seit Jert bei der Jagd dabei ist.«

Es verwunderte Jert, dass Ruv so etwas sagte und seine Augenbrauen hoben sich.

»Das ist richtig. Aber die Winter sind nicht alle gleich.«

Tugor erzählte, dass man lange auf die kleinen Bäume oder Äste warten müsse. Sie würden nicht immer wachsen. Es gab einen bestimmten Tag, an dem man die Steine stecken musste.

»Wenn es solch einen Tag gibt, was machen die Männer dann an den anderen Tagen?«

»Die Bäume kommen nur aus den Steinen, wenn der Boden nass ist. Die Männer bringen Wasser vom Fluss.«

Jerts Augen und Ohren wurden immer größer. Diese Menschen hatten Ideen. Vielleicht gehörte er zu denen, die am großen Wasser wohnten? Nein, das war unmöglich, sein Stamm war Rogans Stamm. Niemand verließ den Stamm. Man musste sterben, um ihn zu verlassen. Jert blickte zu Ruv. Es konnte sein, dass dieser Junge dafür sorgen würde, dass er starb.

Aber Ruv hatte Recht. Jert lebte nur, weil Rogan es wollte. Einen anderen Grund gab es nicht. Der Führer des Stammes würde nicht lächeln, wenn Jert ging. Wenn er nicht ging, würde er sterben. Es war nicht leicht.

Ruv schrie erneut: »Das ist nicht so wie jagen. Männer müssen jagen. Der Bach soll das Wasser tragen. Ich werde es nicht tun.«

Rogan dachte nicht so viel nach wie Jert. Dennoch sah er für die Zukunft des Stammes eine gute Zeit. Auch wenn es bald dunkel werden würde. Die fehlenden Blätter waren das eine. Das andere waren die Vögel, die in der Richtung der hohen Sonne zogen.

Rogan wollte mehr wissen: »Und woher hat der andere Stamm diese Steine? Tugor, ich habe noch nie von Steinen gehört, die Bäume machen. Wie kann das sein? Ich möchte es sehen!«

»Man kann nicht daneben stehen und zusehen. Es dauert viele Tage, bis der Baum zu sehen ist. Und dann dauert es noch mehr Tage, bis man die Frucht nehmen kann.«

»Und dann?«

»Die Frucht kann man nicht essen. Sie liegt im Magen wie Sand. Aber wenn man sie zerreibt mit einem Stein und etwas Wasser nimmt, dann kann man sie essen. Sie ist ganz weiß.«

»Eine weiße Frucht habe ich noch nie gesehen.«

Jert sah in die Ferne. Plötzlich fragte er: »Warum bist du nicht bei den Steinen auf der Ebene, Tugor?«

Alle sahen Jert an. Er blickte weiterhin stumm in die Ferne. Irgendwo in dieser Richtung war das große Wasser, das kein Ende hatte.

»Es gibt viele Aufgaben in meinem Stamm. Diese Männer hier jagen mit mir, um junge lebende Tiere zu sammeln. Ich stecke nur ungern Steine in die Erde.«

Jert vermutete: »Vielleicht bringt es kein Lächeln in dein Gesicht. Du bist wie Ruv. Du bist lieber auf der Jagd, als dass du siehst, wie dein Opfer in deinen Mund wächst.«

Niemand sagte etwas. Es war nicht üblich, dass Jünglinge etwas sagten. Tugor jedoch blieb ruhig. »Ja, ich bin wie Ruv, ich jage und diese Männer hier jagen mit mir.«

»Ja«, sagte Jert. Jetzt war alles klar. Es gab starke Menschen, die auf die Jagd mussten. Und es gab einige, die Wasser trugen. Beide Arten von Menschen waren gut für den Stamm. Vielleicht würde auch Rogan ein paar Stammesbrüder für die Arbeit mit den fruchtbaren Steinen abstellen. Das würde aber noch eine Weile dauern. Es war möglich, dass Jert diese Zeit nicht mehr erleben würde.

Tugor sagte aber auch: »Wenn der Winter kommt, kommen keine Bäume mehr. Dann können wir nur die Frucht zerkleinern.«

»Wie viel musstest du für die Steine geben?«

»Nichts.«

»Nichts?«, rief Rogan. »Für solche Steine würde ich dir diesen Eber geben.«

Ruv schrie auf. Er sah den Wert solcher Baumsteine nicht. Den Eber jedoch konnte er sehen und anfassen. »Du kannst ihm nicht den Eber geben. Der gehört dem Stamm. Du bist nicht gut für den Stamm!«

Rogan holte aus und schlug Ruv so hart ins Gesicht, dass er für einige Zeit nichts mehr sagte.

Tugor meinte: »Ich kann dir keine Steine geben. Die sind alle in der Erde.«

»Warum hast du nichts dafür geben müssen? Man muss tauschen.«

Tugor erzählte weiter: »Die Steine haben wir einfach so bekommen. Aber wir müssen etwas von der Frucht abgeben. Nicht alles was wir zerreiben bleibt für uns.«

»Wem müsst ihr etwas abgeben?«, wollte Rogan wissen.

2 Schüler

Die Tür glitt zur Seite und ein kleiner, kahlköpfiger Junge trat herein. Sein kurzer Rock war sandfarben und schimmerte, wenn das Licht darauf fiel. Der haarlose Oberkörper war nicht muskulös, hatte aber auch kein Gramm Fett zu viel.

»Ah! Lo’on. Komm zu mir. Wie ich sehe, bist du pünktlich.«

»Ja, Meister.«

Lo’on war immer pünktlich und We’en, der Meister, war stolz auf ihn. Vielleicht war er ein Schüler, der die Wahrheit allein finden würde.

Das Quartier war klein. Es war einfach eingerichtet und die leuchtenden Wände warfen sanfte, sterile Schatten. Von der Decke hing Obst herab und auf dem Boden stand ein Trinkgefäß. Der Meister selbst saß auf einem Sofa und hielt eine schwarze Kugel in der Hand. Vor ihm waren Bilder in der Luft, die Zahlen und Symbole bildeten. Mit dem Eintreffen seines Schülers schaltete We’en das Gerät aus.

Er war nur mit einem Tuch bekleidet. Der schlangenförmige Schmuck, der gewöhnlich an seinen Oberarmen hing, lag neben ihm.

Regungslos stand der Junge in der Tür und wartete auf Anweisungen. Es gab viel zu sehen in dem kleinen Quartier, dennoch starrte er gebannt auf seinen Lehrer. Seine Haltung war gerade und edel, und doch ohne Hochmut. Er wollte seinem Lehrer gefallen, ohne aufdringlich zu wirken.

We’en beobachtete ihn eine Weile. Sein Schüler wartete einfach nur. Emotionslos stand er vor der Tür.

»Wie fühlst du dich?«, fragte der Meister.

»Ich fühle mich wohl, Meister«, antwortete der Junge wortkarg. Vielleicht war er doch noch nicht bereit für die Wahrheit.

»Du fühlst dich wohl? Warst du nicht gerade im Lehrer?« Der Lehrer war keine Person, sondern eine Maschine. Sie vermittelte ihren Benutzern Wissen. Die älteren Versionen waren so groß, dass sie ganze Räume füllten. Man wurde an allerlei Kabel angeschlossen. In die neueren, kugelförmigen Modelle konnte man einfach einsteigen und sich bequem hinsetzen. Alle mussten das über sich ergehen lassen, bis sie ein gewisses Alter erreicht hatten. Einigen Wenigen wurde dann zusätzlich die Ehre eines menschlichen Meisters zuteil.

Beim Gebrauch der Maschine kam es einem so vor, als befinde man sich schwebend in einem nachtschwarzen Raum. Die Wissensfäden wurden simuliert und man konnte zusehen, wie sie in den eigenen Körper flossen. Ohne den Lehrer würde man für einen ähnlichen Lerninhalt die einhundertfache Zeit benötigen. Es erschien offensichtlich, dass man nach dem Gebrauch geschwächt war. Bei Lo’on waren jedoch keine Anzeichen von Erschöpfung zu erkennen.

»Ich war im Lehrer. Es war nicht schwer heute.«

»Nun, ich kann mich an Tage erinnern, an denen du bewusstlos warst.«

»Ich bin jetzt älter und ich kann besser mit der Maschine umgehen.«

Lo’on war ein unglaublicher Schüler. Nicht selten hatte er die tägliche Dosis verdoppelt, als er noch jünger war. Er wollte alles wissen. Und zwar so schnell wie möglich. Dafür hatte er noch im letzten Jahr seine Gesundheit aufs Spiel gesetzt. In letzter Zeit tat er dies nicht mehr. Nicht weil er weniger lernen wollte. Im Gegenteil, wenn er zweimal am Tag in den Lehrer stieg, musste er danach fast zwei Tage schlafen und gewann dadurch gar nichts. Aus Effizienzgründen passte er sich an den normalen Rhythmus der anderen an. Aber die Zeit zwischen den Sitzungen erschien ihm immer sehr lang.

»Gut. Möchtest du ein wenig spazieren gehen?«

Es gab nichts, was Lo’on weniger mochte, als spazieren zu gehen.

»Wie Ihr wünscht, Meister.«

We’en stand auf und legte seine Hand auf die Schulter seines Schülers.

»Es wird nicht lange dauern. Ich möchte dir nur einmal zeigen, dass nicht das gesamte Wissen unseres Volkes im Lehrer steckt.«

Das war neu. »Wieso nicht? Das ist nicht logisch! Wenn man doch weiß, dass der Lehrer nicht vollständig ist, warum gibt man die fehlenden Daten dann nicht ein?«

We’en lächelte. Was für ein kluger Schüler er war.

»Es gibt Dinge, die kann man nicht aus einer Maschine lernen. Fürsorge zum Beispiel.«

»Ich weiß viel darüber.«

We’en schloss die Augen und senkte den Kopf. »Ja, du weißt viel. Und doch weißt du nichts.«

Das verstand Lo’on nicht. Da er dies seinen Meister nicht wissen lassen wollte, sagte er gar nichts.

»Komm, wir gehen nach oben. Es ist ein herrlicher Tag. Man sollte ihn nicht in einem Zimmer verbringen.«

Lo’on wäre gerne in seinem Quartier geblieben. Die Interaktion mit einem Meister gehörte jedoch zum Lehrplan. Oft fragte sich Lo’on, ob andere Kinder mehr Glück mit ihren Meistern hatten.

Sie traten in den großen Korridor. Viele Menschen gingen geschäftig hin und her. Dennoch war genug Platz für alle. Hier konnte man fünfzig Männer nebeneinanderstellen, ohne dass sie sich berührten. Die Decke war hoch und man hatte das Gefühl von Weite, aber sie befanden sich noch tief unter der Erde.

Gelegentlich traf man auf Ansammlungen von Kunstobjekten, die rechts und links des Korridors aufgestellt waren. Gerade gingen sie an gigantischen Köpfen vorbei. Die entstellten Fratzen hatten den Mund weit geöffnet und erweckten den Eindruck, als ob sie gleich anfangen würden zu schreien. Lo’on beachtete die Kunstwerke eher von der mathematischen und technischen Seite.

Sie gingen zu einem Lift. Vor ihnen stand noch jemand, der gerade in den golden umrahmten Bereich trat. Die goldene Farbe begann zu leuchten, bis sie gleißend weiß war. Dann hob sich die Plattform an. Sie hing an einem Metallarm, sodass es aussah, als würde der Mann auf einem großen Löffel stehen, der von einem Riesen gehalten wurde. Dann öffnete sich die Wand und man konnte einen Schacht mit vielen solcher Plattformen erkennen, die mit hoher Geschwindigkeit nach oben und nach unten rasten. Der unsichtbare metallene Riese schwenkte die Plattform in den Schacht und der Mann verschwand. Nun traten We’en und Lo’on in die goldene Markierung und der Meister gab das Fahrziel in eine Computerkugel ein. Die Wand öffnete sich erneut und sie fuhren nach oben. Lo’on beugte sich ein wenig nach vorn und sah nach unten. Er konnte den Boden des Schachtes nicht einmal erahnen. We’en hatte schon in jungen Jahren damit aufgehört, von der Plattform nach unten zu sehen. Ihm bekam die Höhe nicht. Auch wenn er wusste, dass er nicht nach unten fallen konnte. Im Grunde standen sie ja gar nicht auf der Plattform, sie diente lediglich dazu, den Eindruck eines Bodens zu vermitteln. In Wirklichkeit wurden sie durch den Fangstrahl gehalten. All das Wissen war für We’en jedoch bedeutungslos, wenn er nach unten sah. Er schaute lieber nach oben. Dort konnte man schon einen blauen hellen Fleck erkennen. Bald würden sie oben sein.

»Du genießt die Fahrt?«, fragte er seinen Schüler.

»Nein. Ich sehe es nur als einen schnellen Weg, um nach oben zu kommen. Auch wenn ich nicht weiß, was wir dort oben wollen. Dort gibt es nichts, was wir nicht auch unten bekämen.«

»Du irrst. Weil du zu sehr dem Lehrer vertraust und zu wenig deinem Meister.«

Lo’on verlor für einen Moment das Gleichgewicht: »Aber ich vertraue … «

»Ich bin nicht dein Meister, weil mir nichts auffällt, Lo’on. Ich bemerke sehr wohl, dass du an mir zweifelst und meine Ideen manchmal in Frage stellst. Was in der Tat ungewöhnlich ist.«

Woher wusste dieser Mann, was er dachte, fragte sich Lo’on. Wie kann man ohne die Maschine in die Gedanken anderer eindringen?

»Du solltest wirklich lernen, dass Maschinen nicht alles sind.«

Schon wieder. Wie funktionierte das? Mein Kopf gehört doch mir, dachte er.

Immer weniger Plattformen flogen mit ihnen. Ihr Ziel war nicht so begehrt, wie der Meister es gerne hätte. Die Fahrt wurde langsamer und schließlich hielten sie an. Der Riesenarm schwenkte ein und sie waren auf der Oberfläche. Das Licht blendete Lo’on. Wahrscheinlich war er schon mehrere Jahre nicht mehr hier oben gewesen. Es wurde Zeit, dass er etwas anderes sah, dachte der Meister.

»Hast du dich hier schon einmal umgesehen?«, fragte der Meister.

»Ja, das habe ich. Warum?«

Bei der Frage zuckte die linke Augenbraue des Meisters nach oben.

»Was siehst du?«

Der Schüler fragte sich, ob sein Meister plötzlich erblindet wäre. Sicherlich sah er genau das gleiche wie Lo’on.

»Ich sehe unsere Heimat.«

»Beschreibe sie!«

Lo’on zögerte. Dann sagte er: »Ich sehe das Terminal. Es misst fünf Stadien. Auf jeder der vier Seiten kommt man nach unten, aber für gewöhnlich nimmt man die große Treppe der Aitler.«

Der Meister wollte mehr wissen. »Beschreibe die Farbe.«

»Das Terminal hat die Farbe von Kupfer. Es ist fast golden.«

»Siehst du noch mehr? Ist hier nur das Terminal?«

»Natürlich nicht. Das Terminal ist umgeben von einem Fluss. Auf dem Fluss sehe ich einige Boote. Dahinter erstreckt sich die Basis. Sie misst dreitausend Stadien. Alles ist durchzogen mit Wassergräben, die wir für die Kühlung und die Fische benötigen. Dahinter sind die Satelliteninseln, obwohl ich sie nicht sehen kann.«

We’en nickte. »Das ist alles richtig. Und was empfindest du, wenn du das siehst?«

»Was … was ich empfinde? Wie meint Ihr das?« Der ansonsten so sichere Lo’on fühlte sich plötzlich angreifbar. Er hatte seine steife Köperhaltung aufgegeben und war verwundert. Er hatte nicht mit dieser Frage gerechnet und hatte keine Ahnung, was er darauf antworten sollte.

»An was denkst du, wenn du das hier alles siehst?«

»Ich fürchte, ich verstehe nicht.«

»Fühlst du dich mit dem Metall auf dem du stehst verbunden? Geht es dir gut, wenn du das hier siehst?«

Lo’on sagte nichts. Sicherlich konnte sein Meister wieder fühlen, was er dachte. Daher hatte es keinen Sinn, die Wahrheit zu leugnen.

»Nein, der Anblick gibt mir keine Ruhe. Ich fühle mich nicht wohl.«

We’en schaute seinen Schüler an. Dann lächelte er und sah in die Ferne. Vielleicht steckte doch mehr in dem Jungen als eine perfekte Lernmaschine. Auswendig lernen war gut. Das hieß aber noch lange nicht, dass man auch verstand, was man lernte. Dieser Junge hier hatte gerade den ersten Schritt in die richtige Richtung getan.

»Die Satelliteninseln, wie du sie nennst, erfüllen einen Zweck. Kennst du ihn?«

»Es sind nur … Nein, Meister.«

»Es sind nicht nur Inseln. Wie du sicherlich weißt, sind sie fest mit der Basis verbunden. Wir haben über fünfhundert solche Satelliten.«

»Fünfhundertzwanzig.«

»Ja, das ist richtig. Die genaue Zahl ist jedoch nicht so wichtig wie ihre Funktion.«

Lo’on sah in die Ferne und versuchte eine der Satelliteninseln zu sehen. Aber sie waren zu weit weg.

»Was willst du werden, wenn deine Ausbildung abgeschlossen ist, Lo’on?«

Das war sicheres Terrain für den Schüler. Das wusste er schon seit einigen Jahren. »Ich will einen besseren Lehrer bauen. Ich habe schon ein paar Ideen in meinem Quartier. Die Konstrukteure habe ich schon kennengelernt. Sie haben mir technische Daten für meinen Computer gegeben.«

»Warum willst du das machen?«

»Ich will die Maschine verbessern. Ich weiß, dass man auch schneller lernen kann.«

We’en verzog den Mund und sah sich seinen Schüler von oben bis unten an. »Es ist normal, wenn man sich mit einer Sache sehr beschäftigt, dass man sich vorstellt, man könne etwas verbessern. Aber du hast in deinem Leben noch zu wenig gesehen, um zu wissen, ob das deine Bestimmung ist.«

»Man kann doch nicht immer bei den alten Ideen bleiben. Neues ist immer besser.«

We’en erklärte: »Es ist nicht gut in der Vergangenheit zu leben. Aber es ist das Leben im Jetzt, das hinderlich für den Fortschritt ist. Und es gibt keinen Fortschritt, wenn man sich der Vergangenheit nicht gegenwärtig ist.«

Komische Worte, dachte der Junge.

»Was soll ich denn Eurer Meinung nach tun, Meister?«, fragte Lo’on, obwohl er sich bereits entschieden hatte. »Oh, ich werde dir nicht sagen, was du werden sollst. Das musst du allein entscheiden. Ich will dir nur sagen, dass du noch zu wenig gesehen hast, um in so jungen Jahren schon eine Entscheidung treffen zu können.«

Lo’on glaubte dem Meister nicht. Er hatte seiner Meinung nach schon alles gelernt.

»Und nun kann man noch nicht sehen, was Aktionen im Jetzt für Auswirkungen in der Zukunft haben werden.«

»Wieso?«

»Alles was du tust, hat Auswirkungen. Auch wenn du glaubst, dass du etwas Gutes für jemanden tust, können andere vielleicht darunter leiden. Alles eine Frage der Sichtweise.«

Das konnte Lo’on noch nicht begreifen.

Der Meister fragte: »Und was soll dein verbesserter Lehrer den Schülern beibringen? «

»Das Richtige natürlich!«, sagte Lo’on. Seine Stimme überschlug sich fast. Was waren das für merkwürdige Fragen? Worauf wollte sein Meister hinaus?

»Der Lehrer würde seinen Schülern also das mitteilen, was du für richtig hältst?«

»Ja.«

»Siehst du das Problem?«, fragte We’en.

»Nein.«

»Du würdest deinen Schülern – denn letztendlich wären die Benutzer des Lehrers ja deine Schüler – das beibringen, was du für richtig erachtest. Doch was ist, wenn du dich irrst? Wenn dein Wissen schon auf Fehlern beruht? Wenn du schon Dinge gelernt hast, von denen andere Meister vor dir wollten, dass du sie lernst?«

»Warum sollte man so etwas tun? Das ist nur schwer vorstellbar.«

Eigentlich nicht, dachte der Meister, aber er wusste, dass es dafür noch zu früh für den Jungen war.

»Und doch kennst du die Funktion der Satelliteninseln nicht, mein Schüler.«

Lo’on wurde wütend. Wut entsteht aus Angst, das wusste er. Wovor hatte er Angst? Er hatte Angst davor, einen Fehler zu machen. Allerdings …

»Was ist, wenn Ihr mir nicht die Wahrheit sagt? Wenn diese Satelliteninseln einfach nur Inseln sind? Wenn sie nichts anderes sind?«

We’en lachte: »Wie ich sehe lernst du nicht nur, sondern du begreifst auch. Weißt du woher das Wort begreifen kommt? Früher glaubte man nur Dinge, die man auch anfassen konnte. Was hältst du von einem kleinen Ausflug?«

»Wohin?« Lo’on wollte noch mit einem Konstrukteur sprechen, der ihm technische Details des Lehrers zeigen sollte.

»Wohin? Na, zu einer der Inseln natürlich!«

Lo’on wusste nicht, was er sagen sollte. Aber er wollte auch wissen, wovon sein Meister hier die ganze Zeit sprach.

»Ich weiß nicht recht.«

»Das freut mich zu hören.«

Ohne sich umzusehen, ging er zu der großen Treppe der Aitler. Lo’on blieb noch einen Moment stehen. Woher wusste sein Meister nur, dass er ihm folgen würde. Seine reguläre Zeit war längst um. Der Konstrukteur wartete sicherlich schon.

»Wartet auf mich, Meister.«

We’en wartete nicht, sondern ging mit gemäßigtem Schritt weiter. »Neugier«, sagte er, »kann auch ausgenutzt werden.«

Lo’on sagte: »Ich möchte die Inseln sehen.«

»Ich weiß.«

Das Konzept des Begreifens erschien Lo’on auf einmal sehr uneffizient. Er dachte an ein Programm für den Lehrer, mit dem man virtuell zu den Inseln fahren konnte.

»Müssen wir wirklich dorthin fahren? Ich meine wirklich?«

»Du wirst im Lehrer kein Programm finden, das dir die Wahrheit über die Satelliten zeigen würde.«

»Das verstehe ich nicht. Wenn ich die Informationen prüfen würde, könnte ich doch sofort sehen, dass etwas nicht stimmt.«

Jetzt schaute We’en ein wenig besorgt, wenn nicht gar traurig. »Der Lehrer vermittelt nicht nur Wissen, Lo’on. Er mindert auch deine Lust an abenteuerlichen Aktivitäten.«

Lo’on griff nach dem Arm seines Meisters. »Der Lehrer kontrolliert meine Gedanken?«

Sie gingen die große Treppe hinunter und betraten dann ein Boot. Das Gefährt schwebte über dem Wasser. Als sie aufstiegen, glitt es in die Mitte des ringförmigen Grabens um das Terminal.

»Satellit Nummer 519!«, befahl We’en und aus dem Boden fuhren zwei Sitzgelegenheiten nach oben. Die Schale setzte sich in Bewegung und gewann schnell an Fahrt.

Lo’on ließ nicht locker: »Ihr müsst mir sagen, wenn es über meine Gedanken bestimmt.«

We’en seufzte: »Wieder einmal eine Frage, die du selbst beantworten könntest. Sagt dir der Lehrer jetzt, dass du nicht zur Insel fahren solltest?«

Der Schüler überlegte kurz. »Nein«, sagte er schließlich. »Was tut er dann mit mir?«

»Er stumpft dich ab. Er reduziert deine Interessen. Das ist ziemlich einfach. Er simuliert dir alles, was dich interessiert und sorgt dafür, dass du träge wirst. Du akzeptierst einfach das, was du siehst. Niemals wärst du auf die Idee gekommen, selbst zu den Satelliten zu fahren. Dafür wirken sie zu uninteressant.«

»Ja, das denke ich tatsächlich.«

»Und warum kommst du dann mit, obwohl du einen Termin mit Zuta’ol hast?«

Lo’on erschrak schon wieder. Woher wusste sein Meister all das?

»Ich weiß es nicht. Vielleicht, weil es mich doch interessiert?«

We’en lächelte. Er lächelte oft. »Ja. Neugier kann sehr mächtig sein. Sie ist ein Bestandteil des Menschseins. Man sollte diesen Teil nicht unterdrücken oder versuchen, ihn auszuschalten. Das ist meine Meinung. Vielleicht liege ich falsch damit.«

Der Meister tat sehr geheimnisvoll. Warum sagte er nicht einfach, was es war, das er noch herausgefunden hatte?

Die Schale mit den beiden Sitzen hatte mittlerweile auf Höchstgeschwindigkeit beschleunigt. Nun würden sie wieder stetig langsamer werden. Beide Passagiere spürten vom Beschleunigen und dem Abbremsen allerdings nichts, dafür sorgten die Gravitationskompensatoren. Nach ein paar Minuten war Lo’on verwundert, dass er nur so wenige Menschen sah. Immerhin legten sie eine Strecke von eintausendfünfhundert Stadien zurück. Aber außer ein paar Technikern, die an den Bewässerungsgräben und den Kanälen arbeiteten, sah er niemanden. Bald hatten sie das Ende der Basis erreicht.

Dass Lo’on sich bereit erklärt hatte, seinen Meister bis zu den Satelliten zu begleiten, hatte er schon nach den ersten zehn Stadien bereut. Am Computer wäre man innerhalb von ein paar Augenblicken in einer Simulation, die identisch ausgesehen hätte. Als sich die Fahrt ihrem Ende neigte, sah er jedoch etwas, mit dem er nicht gerechnet hatte. Es verschlug Lo’on die Sprache und er wusste sofort, was das Gebilde vor ihm war.

3 Senat

Die Regeln an Bord der Basis wurden vom Großen Senat aufgestellt und überwacht. Jeder an Bord des Schiffes kannte ihre Gesichter. In letzter Zeit waren die allgemeinen Nachrichten weniger erfreulich. Es hieß zum Beispiel: »Der Große Senat hat beschlossen, die Rationen um vier Prozent zu reduzieren.«

Es gab auch keinen Kleinen Senat. Das Wort Senat hätte bei Weitem genügt, aber es sollte Macht ausstrahlen. Und es funktionierte. Diejenigen, die einen freien Willen hatten, fürchteten ihre Strafen bei ungehorsamem Verhalten. Alle anderen blieben immer gehorsam.

Der Große Senat bestand aus drei Männern. Iswo’od war einer von ihnen. Er war der Chef der ausführenden Gewalt. Seine Augenbrauen waren ungewöhnlich voll und lagen nicht selten tief über seinen Augen. Seiner Meinung nach wusste er sehr gut, wie man Menschen führte.

»Mir wurde leider erneut eine Übertretung mitgeteilt.«

»Schon wieder Sex mit den Einheimischen? Diese Fälle scheinen zur Regel zu werden. Nützen die Strafen denn gar nichts?«, fragte Segu’ur.

Senator Segu’ur war ein kleiner Mann. Er hatte kurze graue Haare und seine Nase war spitz und schmal. Er sprach sehr nasal. Es gab Gesetze für das Volk. Senator Segu’ur sorgte dafür, dass sie eingehalten wurden.

Ein Gesetz regelte klar und deutlich die Interaktion mit anderen Kulturen. Und dieses Gesetz besagte, dass es keine Interaktion gab. Nicht umsonst wurde über viele Jahrtausende so etwas entwickelt. Es konnte nicht sein, dass die Gesetze in so kurzer Zeit zunichte gemacht wurden.

Auf der anderen Seite hatte es auch in der ganzen Geschichte seines Volkes noch nie den Fall gegeben, dass sich eine Kolonie so lange auf einem anderen Planeten aufhalten musste. Segu’ur harmonierte hervorragend mit Iswo’od. Allein wäre er allerdings niemals in den Großen Senat gekommen. Als Individuum war er zu schwach. Aber der Große Senat diente auch nicht dazu, sich als Einzelperson zu profilieren, sondern allen zu dienen. Ob die Menschen es wollten oder nicht.

»Und was sollen wir jetzt machen? Sollen wir die Augen schließen und so tun, als würde uns das alles nicht interessieren? Oder sollen wir unseren bisherigen Kurs verlassen und hart durchgreifen?«, fragte Sche’ef.

Dieser Mann war groß und stattlich. Seine blonden Haare fielen bis auf seinen Nacken. Sein Kiefer war kräftig und sein Kinn markant ausgeprägt. Sche’ef war der Mächtigste von allen. Aber er wusste, dass es keinen Sinn machte, alle Entscheidungen allein zu treffen. Dafür fehlten zu oft die Fakten. Es war gut, wenn man mehrere Meinungen und Standpunkte hörte.

Alle drei Senatoren standen um einen Tisch herum. Der Tisch war weiß und hatte die Form eines einfachen Blockes. An zwei Seiten hatte er kleine Schlitze für die Ventilation. Auf dem Tisch standen drei Schalen mit einer roten Flüssigkeit. An den Gefäßen liefen gelegentlich kleine Wassertropfen herunter.

Man hätte erwarten können, dass der Große Senat sich genau im Zentrum befand. Aber in Wirklichkeit hatten sie nur tief unten ein kleines Zimmer am Rand der Insel. Bei starkem Wind erreichten sogar gelegentlich ein paar Wassertropfen das Fenster. Derzeit brannte die Sonne auf das ruhige Meer und brach sich in tausend kleinen Blitzen auf den Wellen.

»Ich bin dafür, dass wir härter durchgreifen. Das mit dem Sex ist eine Sache. Was jedoch viel wichtiger ist, ist dass einige der Männer nicht mehr unfruchtbar sind.«

Die Reaktion des Senators Segu’ur bestand nur in einem leichten Hochziehen der Augenbrauen. Sche’ef jedoch sagte: »Was? Seit wann weißt du das?«

Iswo’od sagte ruhig: »Bei immer mehr Kontrollen werden Kinder gefunden, die eine helle Hautfarbe haben.«

»Kinder oder Babies?«

»Beides. Der Weg liegt klar vor uns. Wir müssen dafür sorgen, dass es aufhört.«

»Wie kommt es, dass die Männer Kinder zeugen können?«

Iswo’od sagte: »Vermutlich liegt es an der Nahrung der Einheimischen.«

»Nahrung ist gut; sie essen Landtiere!«

»Sie essen auch andere Dinge. Viele ernähren sich auch von Fischen, so wie wir. Aber sie haben auch Beeren und Früchte auf ihrer Speisekarte. Und wenn unsere Männer für längere Zeit keinen von unseren Fischen mehr essen, dann kann es schon sein, dass sie Kinder zeugen können.«

Sche’ef fragte: »Kommt es denn vor, dass sie so lange weg sind? Sieht der Plan das vor?«

»Nein, natürlich nicht. Sie sollten höchstens einen Tag draußen bleiben.«

»Und?«

...

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