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Wellenritt durchs Lichtermeer

MELANIE KÖBKE

Wellenritt durchs Lichtermeer

Der faszinierende Blick einer Borderlinerin

tredition

für Britta Zwillich (* 23.04.1987 | † 16.02.2017)

So bitte antworte mir doch

9. März 2017 | mein 36. Geburtstag

Es tut mir leid. Es tut mir so unsäglich leid, dass ich leben

darf und du nicht. Es gibt keine Worte für meinen

Schmerz. Und ich werde es nie verstehen,

werde es nie, niemals akzeptieren.

Du warst wie ich, ich bin

wie du. Da ist

kein

Unterschied.

Ich bin doch nicht

kostbarer als du! Ich habe

dich gebraucht. Du warst eine feste

Instanz in meinem Leben. Das bist du jetzt immer

noch. Hörst

du meine Rufe, da,

wo du jetzt bist? Ich suche

dich. In mir suche ich so verzweifelt

nach dir. So bitte antworte mir doch. Ich kann dein

Fehlen nicht fühlen. Ich kann deinen Tod nicht fühlen! Sag mir,

hat uns das nun zu Fremden gemacht? Bin ich jetzt allein

hier? Hilf mir! Jetzt hast du eindeutig die beste

Aussicht auf das Ganze. Schenk mir

ein Lächeln, lächle mich.

EINLEITUNG ♣

DANKSAGUNG ♣

FRAGT EIN KIND SEINEN VATER ♣

ERDE – MENSCHHEIT – LEBEN ♣

DAS LEBEN, DIE ERDE, DER MENSCH ♣

ICH INTERVIEWE MICH SELBST ♣

ÜBER DAS LEBEN UND DIE LIEBE ♣

1 | Glasglockenleben ♣

2 | Ich und die Welt ♣

3 | Ich und das Leben ♣

4 | Ich und der Körper ♣

5 | Julia und Sophie ♣

6 | Geschlossene Psychiatrie ♣

7 | Die Frau, das Kind und ich ♣

8 | Inmitten eines Meeres aus Licht ♣

9 | Die drei Musketiere ♣

10 | Bewusstseinsrebell 1 ♣

11 | Großmutter erzählt von Gott ♣

12 | Bewusstseinsrebell 2 ♣

13 | Stadtfieber ♣

14 | Ausverkauf der Seelen ♣

15 | Bedingungslose Liebe ♣

16 | Ein kleiner Schubs Liebe ♣

17 | Der Schmetterling ♣

18 | Zwischen den Zeilen ♣

19 | Willkommen im Leben ♣

20 | Es war an der Zeit ♣

21 | Ich brauchte dringend Liebe ♣

22 | Lachen nicht vergessen ♣

23 | Kindesrede – Ich will eine Welt ohne Kriege ♣

24 | Wenn Kinder sich das Leben nehmen ♣

25 | Die Welt bat mich um Vergebung ♣

EINLEITUNG

Dies ist mein drittes Buch, mein drittes Herzprojekt. Ich bin sehr froh, dass ich heute noch bin und die Chance habe, meine Welt aus meiner Perspektive noch ein weiteres Mal mit meinen Mitmenschen teilen zu können. Schon in früher Kindheit hatte ich das Talent, mir leuchtende Welten zu erschaffen, die mich von dem, was mich umgab, abschirmten. Meine innere Welt war mein sicheres Zuhause. Hier fand ich Worte und Bilder für das, worin ich mich eingebettet sah. Ich schrieb oft stundenlang Geschichten, in denen meine Protagonisten spannende Abenteuer in fantasievollen Kulissen durchlebten. Ich weiß nicht, wo ich mich wirklicher gefühlt hatte: in der echten Welt oder inmitten meiner geschriebenen Zeilen, die mein Leben mit Licht, Sinn, Tiefe und Gefühl versorgten.

Dieses Buch enthält einige berührende und kritische Geschichten und Gedanken, auch in Gedichte-Form, die insbesondere während und nach meiner 'exzessiven Borderline-Phase', in der ich das Licht in meinem Leben fast aus den Augen verloren hatte, entstanden sind. Es war mir, als ich schon vor vielen Jahren die ersten Kapitel dieses Buches zu schreiben begann, ein überaus wichtiges Anliegen, meine Gefühlswelt, so düster sie oft auch war, so vielschichtig wie möglich in Worte zu kleiden und jeden noch so kleinen hoffnungsvollen Lichtmoment nicht zu übersehen. Ich wünsche mir, den Leserinnen und Lesern dadurch nahebringen zu können, was hinter all dem steckt oder noch stecken kann, was Borderlinerinnen und Borderliner erzählen und fühlen und was sie hervorbringen können, wenn Destruktivität überwunden und (Selbst-)Vertrauen zu einem zuverlässigen Anker im Leben geworden ist. Die Merkmale einer Borderline-Persönlichkeit existieren meines Erachtens nicht für sich allein, es gibt einen Bezug zu größeren Zusammenhängen, zu den gravierenden Zuständen unserer Welt, zu den großen Fragen der Menschheit. Zumindest ist es bei mir so.

Für so vieles gibt es oft keine Worte, wir sind sprachlos, fassungslos. Oder keine Zeit, wir eilen nur dahin. Oder nicht den passenden Rahmen, wir übersehen und vergessen. Oder eben nicht den richtigen Zeitpunkt, wir sind noch nicht soweit. In den meisten Fällen geht es bei dieser Krankheit einfach nur noch ums nackte Überleben, wie die ersten Kapitel meines Buches aufzeigen, und die Innenwelt dieser faszinierenden Menschen, aus der heraus doch auch so viel Schönes entstehen und unsere Welt bereichern will, wird überdeckt von leidvollen Kämpfen gegen sich und gegen die Welt.

Ich hoffe, auch wenn ich kein Patentrezept zur Heilung anbieten kann, mit meinem Buch ein tieferes Verstehen und Mitfühlen von dem, was Borderline umfasst, zu ermöglichen und Anregung und Inspiration zu geben, um Menschen mit dieser Krankheit gezielter und vor allem einfühlsamer begleiten und unterstützen zu können.

»Melanies Bücher sind in meinen Augen nicht nur Bücher für Betroffene, sondern auch für Fachkräfte. Schon von ihren ersten beiden Werken wurde ich regelrecht mitgenommen in den Strudel dieser Krankheit, in das Gefühl, wie sich ein Leben mit Selbstverletzung, Essstörung, Leere, Einsamkeit und Todessehnsucht anfühlt. Sie beschreibt auf eine Art und Weise, dass ich zum ersten Mal das Gefühl bekam, zu verstehen. Mit dem hier nun vorliegenden dritten Buch hat Melanie meines Erachtens ein Glanzstück zusammengestellt und ich freue mich sehr, dass sie ein weiteres Mal den Mut aufbringt, ihr Inneres so offen preiszugeben.« G. Wimmer, Dipl. Sozialpädagogin (FH)

Worüber ich mich ganz besonders freue, ist der glückliche Umstand, dass ich Druckerin gelernt habe und ich somit auch dieses Buch ganz individuell und unabhängig von den Vorgaben eines Verlages gestalten konnte. Von den Schriftarten bis zum Umschlag entspricht alles meinen Wünschen. Denn zuoberst, lange vor einer Veröffentlichung, dient mein Tun meinem Wohlbefinden. Und so habe ich auch dieses Mal versucht, ein Buch zusammenzustellen, das ich immer wieder gern zur Hand nehme.

DANKSAGUNG

Ich danke meiner Familie für ihre Liebe, die sie so beständig zu mir fließen lässt, ganz egal, ob mich gerade Dunkelheit verstummt und lähmt oder ob ich leuchte und tanze wie eine neue Sonne. Ich fühle mich von ihnen, auch von meinen engsten Freunden, in all meinen Facetten geliebt. Das ist so unermesslich wichtig, denn es hilft mir, immer dann, wenn es mir allein unmöglich ist, mich an meinen Wert zu erinnern. Vor allem an meine Liebe und meinen Dank für mein Leben.

Ein ganz besonderes Dankeschön gilt meiner lieben Freundin Britta. Diese leuchtende und reiche Persönlichkeit hat sich ihr Leben genommen. Ich habe keine Worte. Das hätte genauso gut auch mir passieren können. Britta nicht mehr in unserer Welt zu wissen, beraubt mich aller Gedanken, macht mich still und ich fühle nur noch meine Tränen, die, wenn sie nicht fließen, meinen ganzen Körper erzittern und erschauern lassen. Britta hat so unerschütterlich an mich geglaubt. Sie kannte mich sehr gut. 2007 war sie die Erste, die in den damals bereits fertig geschriebenen Kapiteln dieses Buches las. Sie konnte sich davon kaum losreißen. Ich sehe sie noch heute in dem Zimmer, das wir uns in einer psychosomatischen Klinik teilten, auf meinem Bett vor meinem Laptop sitzen, vertieft und erfüllt und mit der Bitte, an diesen Texten unbedingt weiterzuschreiben. Ja, wir teilten uns eine gemeinsame Welt, in der wir immer auf der selben Welle lachten und weinten. Wir waren nicht einfach nur schwarzweiß. Wir lebten bunt, ohne uns darüber wirklich bewusst zu sein.

FRAGT EIN KIND SEINEN VATER

2011 von meinem Vater erhalten

Fragt ein Kind seinen Vater:

»Was wird morgen sein?«

Fragt ein Kind seinen Vater:

»Wird es eine Zukunft geben?«

»Du wirst eine Zukunft haben.

So, wie es sich gehört.

Dafür werden wir jeden Tag kämpfen.

Damit auch du und alle Kinder auf der Welt glücklich leben können.«

Fragt ein Kind seinen Vater:

»Gibt es denn den Kindertag überall?«

Fragt ein Kind seinen Vater:

»Gibt es den Kindertag überall?«

»Nein, mein Kind, das ist nicht so. Leider noch nicht.
Viele Kinder kennen den Tag noch gar nicht.
Viele Kinder wissen es auch nicht.«

Fragt ein Kind seinen Vater:

»Was war in Hiroshima?«

Fragt ein Kind seinen Vater:

»Was war in Hiroshima?«

»Große Flugzeuge warfen eine Bombe.

Und diese Bombe vernichtete Leben.

Viele Tausend Kinder mussten sterben.«

Fragt ein Kind seinen Vater:

»Wer hat das getan?«

Fragt ein Kind seinen Vater:

»Wer hat das getan?«

» US-Flugzeuge flogen.

Und sie warfen Bomben ab.

All das Leben in der Stadt erlosch.«

Fragt ein Kind seinen Vater:

»Sind die Amerikaner schlecht?«

Fragt ein Kind seinen Vater:

»Sind die dort alle böse?«

»Nein, mein Kind, das ist nicht so. Alle sind es nicht.

Nur die Leute mit dem vielen Geld nehmen arme Menschen aus.
Viele Menschen leben an der Armutsgrenze.«

Fragt ein Kind seinen Vater:

»Wann ist alles vorbei?«

Fragt ein Kind seinen Vater:

»Wann ist alles vorbei?«

»Mein Kind, das weiß ich noch nicht.

Viele Jahre werden wir dafür kämpfen müssen.

Denn von heute auf morgen geht das nicht.«

Fragt ein Kind seinen Vater:

»Was wird morgen sein?«

ERDE – MENSCHHEIT – LEBEN

1994 | Ich bin 13 Jahre alt

Irgendwo in den Weiten des Weltraumes

Entstanden aus Massen des Staubes

Der das Leben schuf

Entstand eine neue Welt

Durch die Sonne erhellt und am Leben gehalten

Die Erde

Ein Schauspiel überwältigender Natur

Eine Spur

Die Spur des reinen Lebens

Des Strebens

Abhängig von diesem Planeten

Der allen schenkt das Leben

Nichts dafür verlangt

Aber um seine Existenz bangt

Die Schuldigen sind die Menschen

Bei ihnen gibt es keine Grenzen

Es wird getan, was sie für richtig befinden

Ein Netz aus Gewalt und Tod sie binden

Größer werden die Wunden

Doch sie werden nicht verbunden

An sich selber denken

Und andere verletzen und kränken

Kennen sie überhaupt etwas anderes?

Die Erde stirbt

Sie wissen es

Doch für Hilfe ist es längst zu spät

Auf einen anderen Planeten wollen sie ziehen

Ihre Heimat verlassen, wo einst sie gediehen

Die Erde

Zurückgelassen wie Abfall

Allein im Weltall

Sie werden zurück blicken

Und ganz normal ihre Pullover stricken

Wie früher auf ihrem Heimatplaneten

Sie werden für sich beten

Um nicht für das bestraft zu werden

Was ihre Vorfahren taten auf Erden

Sie werden wieder nicht merken, was sie tun

Und sie werden auch wieder nicht ruh’n

Bis ihr neuer Planet auch stirbt

Und wieder ziehen sie um

Und wieder erwerben sie Reichtum

Und wieder begehen sie den selben Fehler:

Sie denken nicht an ihre Umwelt.

Die Erwachsenen werden versuchen zu erklären:

»Wißt ihr Kinder, das liegt einfach im Menschen.

Es ist die Sucht nach Wissen und nach Fortschritt, was die Menschen

blind macht!«

Und die Kinder werden widersprechen:

»Gilt denn folgendes Sprichwort nicht mehr?

‚Tust du Fehler

Dann lerne aus ihnen

Und wiederhole sie nicht!‘«

Und doch werden auch sie den Fehler begehen.

DAS LEBEN, DIE ERDE, DER MENSCH

1994 | Ich bin 13 Jahre alt

Das Leben ist kurz

zu kurz, um es richtig genießen zu können

Das Leben ist schön

zu schön, um die Schönheit des Lebens sehen zu können

Das Leben ist hart

zu hart, um anderen Menschen Frieden zu geben

Das ist das Leben

zu dem wir alle verdammt sind

Das ist das Leiden

von dem wir alle wegsehen

Das ist das Töten

für das wir die Verantwortung übernehmen müssen

Die Erde ist groß

und doch zu klein für den Menschen

Die Erde ist grün

und doch nicht genug für die Tiere

Die Erde ist blau

und sie wird es immer mehr

Das ist die Erde

auf der wir alle leben

Das ist die Welt

die seit Jahren stirbt und leidet

Das ist der Planet

der vor Jahrmillionen das Leben schuf

Die Menschen sind klug

und doch nicht genug, um sich selber zu retten

Die Menschen sind gierig

zu gierig für ein Wesen wie sie es sind

Die Menschen sind gewaltsam

zu gewaltsam für diese Welt

Das ist der Mensch

den wir alle darstellen

Das ist das Wesen

das Gott erschuf

Das ist die Kreatur

die das Leiden brachte

Das Leben, die Erde, der Mensch

sie sind eins

Das Leiden, die Welt, die dritte Welt

sie sind eins

Das Töten, der Planet, die Tiere

sie sind eins

Durch den Menschen

der sich selber tötet

Durch ihn

der das Leiden brachte

Durch seine Gierigkeit

die er nicht einmal bemerkt

Nur durch ihn geht eine atemberaubende Welt zugrunde

Wie würde sie aussehen, wenn er nicht gekommen wäre?

Menschen fragt euch das

Schaut in eure Herzen und seht eure Taten

Laßt nicht zu, daß eures Gleichen mit geschlossenen Augen handelt

Öffnet die Augen und laßt euch durch den Kopf gehen

Was die Erde für euch getan hat, was ihr für sie getan habt

Hat sie es wirklich verdient, so behandelt zu werden?

ICH INTERVIEWE MICH SELBST

1997 | Ich bin 16 Jahre alt

Glaubst du, daß du einzigartig bist?

Ja, natürlich. Ich bin genauso einzigartig wie jeder andere Mensch auch. Wir werden alle geboren, um etwas zu sein. Ob wir es dann auch werden, liegt an uns und unserer Umwelt. Bei unserer Geburt erstrahlen wir in hellem Licht. Die Einzigartigkeit ist noch zu sehen und wir werden geliebt. In unserem Innern bergen wir alle Geheimnisse des Universums und des Lebens. Doch mit jedem Atemzug verlieren wir sie wieder, um einen winzigen Teil davon während unseres Erdenlebens wieder in uns aufzunehmen. Das Einzige, was uns bleibt, ist die Einzigartigkeit, der Rest ist vergänglich. Aber unsere Unwissenheit verschließt uns die Augen, so daß wir das Licht des Besonderen verlieren. Es gibt aber auch Menschen, die sich das Licht bewahren können. Es ist viel leichter, als Kind einzigartig zu sein, als wenn man erwachsen ist. Wir lassen uns alle von dem Leben prägen, dabei ist auch das vergänglich. Einzigartigkeit hat nicht nur etwas mit Weisheit zu tun, sondern auch mit Toleranz, Güte, Liebe, den menschlichen Schwächen zu widerstehen und somit nie an sich denken bei dem, was man tut.

Glaubst du an Wunder?

Ja, ich erlebe jeden Tag welche. Es ist ein Wunder, oder besser ein Geschenk, daß meine große Familie gesund und am Leben ist. Ich habe einen Bruder und Eltern, die ich über alles liebe. Das Leben überhaupt ist ein Wunder. Ich sehe des Nachts die Sterne und erkenne, die Erde ist überwältigend. So viele Pflanzen und Tiere wurden ihr geschenkt, und der Mensch nimmt sie ihr einfach weg. Die Sonne ist bezaubernd schön und noch schöner ist das Farbenspiel am Abend zwischen ihr und der Erdatmosphäre. Dem Mond wurden diese Farben z.B. nicht geschenkt. Ebenso ist das unbeschwerte Lachen von Kindern ein Wunder. Das Leben hat ihnen dieses Geschenk noch nicht wegnehmen können. Um Wunder sehen zu können, muss man nicht erst welche suchen, denn während der Suche, die dich schwächt und dir das Leben aussaugt, entgehen dir die wahren kleinen Wunder, die in dir ein großes Wunder hervorrufen können, nämlich die Freude am Leben.

So wie du von dem Leben redest, scheint es wunderschön aber auch hart und verletzend zu sein. Glaubst du, sagen zu können, daß du schon viel durchgemacht hast?

Nein, das darf ich auch nicht. Was hilft es, herum zu jammern. Das Leben geht trotzdem weiter. Schau einfach nie zurück (obwohl das natürlich nicht immer funktioniert). Ich habe keine todbringende Krankheit, meine Eltern leben noch und die Sonne scheint ebenfalls noch. Es sind Kleinigkeiten, die ich durchgemacht habe und noch durchmache. Sie dienen zur Stärkung und zur Vorsicht. Aber ich bin froh, daß ich das erlebt habe. (Meine Mutter wurde in ihrem Leben bestimmt noch mehr verletzt.) Dadurch denke ich viel nach und versuche, Dinge nicht einseitig zu betrachten. Ich lerne Menschen kennen, die ebenso verletzt worden sind, und ich kann ihnen helfen. Im Großen und Ganzen haben mir die Probleme geholfen, etwas reifer und erwachsener zu werden, zwar ein bißchen zu früh, aber ich habe es überlebt.

ÜBER DAS LEBEN UND DIE LIEBE

1998 | Ich bin 16 Jahre alt

Welche Kraft treibt uns an, weiter zu leben?

Warum wird die Einfachheit,

sich das Leben zu nehmen,

einfach weggestoßen und das

Balancieren auf einem seidenen Faden bevorzugt,

um kämpfend und zitternd

ins Leben zurück zu finden?

Obwohl wir wissen, daß unser eigenes Leben

angesichts der vielen Millionen von Jahren,

in die es eingebettet ist,

nur den Hauch eines Kerzenflackerns darstellt,

verliert es für uns nichts an seiner Bedeutsamkeit.

Vielen Menschen fehlt die Intensität,

mit der ein einziges Leben gewürdigt werden sollte,

aber trotzdem lieben sie ihr Leben nicht weniger.

Auch wenn sie sich keine Gedanken darüber machen,

so wissen sie doch von Geburt an,

daß ein Leben genauso bedeutsam ist wie

der Auf- und Untergang der Sonne und ebenso

beständig wie der Lauf der Dinge.

Die Schaffenskraft eines einzigen Menschen

kann das Leben aller um mehr Dimensionen erweitern und

dem Leben einen viel größeren Wert verschaffen als

alle Ressourcen, die uns unsere Mutter Erde bieten kann.

Ob es nun eine Sekunde, ein Tag oder ein Jahr ist,

in dem wir unser Leben mit all den Dingen füllen,

die es lebenswert machen,

ist völlig belanglos.

Gelebt ist gelebt.

Wie gering erscheint uns die Bedeutung von Zeit

neben dem Leben und der Liebe,

deren magische Kraft uns allen in die Wiege gelegt wurde

und die in uns schlummert,

bis dieser eine bestimmte Mensch kommt und

sie in voller Pracht erblühen und gedeihen lässt

wie ein zartes Veilchen.

Weder Sturm noch Flut

werden ihm einen Schaden zufügen können,

solange sich Leidenschaft und Feuer im Herz und

Schmetterlinge im Bauch befinden.

Was wir Liebe nennen,

ist der größte Schatz der Erde,

nach dem so viele Menschen suchen,

schon gesucht haben und scheiterten.

Aber Liebe ist nicht materiell und

kann nur im Unsichtbaren mit dem Herz,

sei der Verstand auch dagegen,

gefühlt und gehalten werden.

Und das ist es, warum wir leben;

nur wegen diesem magischen Gefühl,

dessen Kraft und Sinnlichkeit uns die Stärke

für den langen und einzigen Lebensweg unserer Seele

zuteil kommen läßt,

den wir zu erleben scheinen.

1 | Glasglockenleben

Tag 1 | Der Anfang vom Anfang

Der Tag beginnt für mich als Abergläubische und leidenschaftliche Pessimistin mit einem schlechten Zeichen: Ich habe verschlafen. Aber das ist keine Überraschung, bin ich doch erst gegen drei Uhr zu Bett gegangen, weil ich mit meinen besten Freundinnen meinen Abschied gefeiert habe, natürlich nicht, ohne dabei ausreichend Alkohol zu konsumieren, wie so oft in den letzten Wochen und Monaten. Nur zweieinhalb Stunden später erwache ich mit Schrecken durch das schrille Läuten meines Weckers und muss durch den Sumpf meines Alkoholspiegels erst einmal nach der Realität suchen. Ich finde sie und ich spüre urplötzlich: Ich will nicht in diesen Tag! Also bleibe ich liegen und schlafe wieder ein. Erst das Klingeln an der Haustür katapultiert die Tragweite dieses Tages in meinen Kopf zurück: Heute ist der Tag meiner Aufnahme in einer psychosomatischen Klinik. Hastig verwandle ich mein von der durchzechten Nacht geprägtes Äußeres mithilfe von Wasser, Haargel, Haarlack, Kajal, Maskara und Creme in einen ausgehfertigen Zustand und verabschiede mich von diesem Mädchen, das mich unschlüssig im Spiegel anstarrt und am liebsten in dessen Glas eingeschmolzen werden will. Gegen sieben Uhr fahren wir los, vor uns über 500 Kilometer, eine nicht ohne Grund hoch gewählte Kilometerzahl, denn ich will weg. Ich muss weg, weit weg, eine Auszeit nehmen, von meinem bisherigen Leben Abstand gewinnen und eine neue Persönlichkeit wie eine Decke über mich werfen, aber dieses Mal eine Decke, die mich wärmt und stärkt. So hoffe ich zumindest.

Kurz vor ein Uhr mittags erreichen wir das nach außen sympathisch erscheinende Klinikgebäude am Rande eines kleinen, ländlichen Städtchens. Vollgepackt, nervös und neugierig zugleich betreten wir die mit unzähligen Menschen gefüllte Empfangshalle. An diesem Punkt beginnt das Bombardement auf meine Person mit Unmengen an Informationen, Formularen, mich in Augenschein nehmenden Ärzten, Psychotherapeuten, Psychologen und des Pflegepersonals. Ich werde von Arzt zu Arzt herumgereicht als schwerer Fall und verstehe diese Aufregung, dieses Fokussieren meiner Person überhaupt nicht. Die Ursache dafür soll mein übermäßiger Alkoholkonsum der letzten Wochen und Monate sein, was ich natürlich nicht als wirklich ernstzunehmend betrachte.

Der Ablauf meiner ersten Stunden im Alltag eines beginnenden Kliniklebens sieht folgendermaßen aus: Erhalt meines Zimmerschlüssels und der Hausordnung sowie meiner Telefonnummer in meinem Zimmer, Inaugenscheinnahme meines Zimmers, Aufnahme meiner Personalien und meiner Krankheitsgeschichte im Stationszimmer plus Photoaufnahme von mir für die Akte, ...

..., Aufnahmegespräch mit meiner Therapeutin, Krisensitzungen mit ihr beim Ober- und Chefarzt aufgrund der Befürchtungen, Entzugserscheinungen könnten bei mir auftreten, und zuletzt ein Aufnahmegespräch mit meiner Körperärztin, die mir sofort Medikamente verschreibt, die ich unter den strengen Blicken des Personals im Stationszimmer einzunehmen habe, sowie eine Salbe für meine Verbrennungen am linken Unterarm. Zusätzlich verordnet sie vier Mal pro Tag Blutdruck- und Puls- messen, ein Mal pro Woche den Gang zur Stationswaage, unregelmäßig durchgeführte Alkoholkontrollen durch Blutabnahmen und Alkoholtestgerät mehrmals pro Woche, unregelmäßige Besuche des Pflegepersonals in meinem Einzelzimmer zur Kontrolle meines Ess- und Autoaggressionsverhaltens sowie Zuteilung an den Esstisch für Patienten mit einer Essstörung. Des Weiteren erstellt sie für mich einen Therapieplan, in dem jede Therapie, an der ich teilzunehmen habe, von dem entsprechenden Therapeuten zu unterzeichnen ist. Dieser Plan umfasst: Einzel-, Gestaltungs-, Tanz- und Borderlinetherapie je zwei Mal pro Woche, Gruppentherapie drei Mal pro Woche, ärztliche Sprechstunde, Visite und Stationsversammlung je ein Mal pro Woche, unregelmäßige Laborkontrollen, Cotherapie beim Pflegeteam und Wechselgüsse je zwei Mal pro Woche, Krankengymnastik (Gruppe und einzeln) je ein- oder mehrmals pro Woche, Sozialberatung ein Mal pro Woche.

Einen Hoffnungsschimmer, nach dem Gefühl, hier in einem Gefängnis gelandet zu sein, erblicke ich, als ich meinem mir zugeteilten Paten begegne. Patienten, die bereits länger in der Klinik therapiert werden, können sich nach einiger Zeit neuen Patienten widmen, um diesen das Gebäude zu zeigen, Fragen zu beantworten, Bekanntschaften mit anderen Patienten zu erleichtern – kurzum: in den ersten Tagen einfach immer zur Seite zu stehen. Mein Pate Alfred, ein kräftiger, sanftmütiger Mann Anfang 40, und ich verstehen uns auf den ersten ausgesprochenen Satz. Schnell entdecken wir Gemeinsamkeiten und eine gewisse Zuneigung füreinander. Abends nimmt er mich zusammen mit anderen Patienten mit in ein italienisches Restaurant in der Nähe der Klinik. Wir trinken Bier, natürlich alkoholfrei, reden und lachen. Ich bin ernsthaft überrascht, wie schnell ich mich in diese Gruppe eingliedern kann, mich innerlich auch integriert fühle. Ich lache ehrlich aus tiefstem Herzen, zeige meinen Humor zum Besten und stelle mich damit nicht selten in den Mittelpunkt. Nach allem Stress klingt dieser Tag im Endeffekt gut aus.

Wieder in der Klinik angekommen, pflichtbewusst pünktlich um zweiundzwanzig Uhr dreißig, erwarten mich natürlich ein Alkohol-(Blas-)Test sowie das Messen meines Blutdruckes und Pulses. Aufgrund meiner verordneten Tabletten und des Defizits der letzten Nacht falle ich in einen Schlaf, der so ruhig und sorgenfrei ist, wie ich ihn schon seit Ewigkeiten nicht mehr gehabt habe.

Tag 2 | Fluchtgedanken

Heute ist ein Tag mit unglaublich vielen Terminen, an denen ich zeitweilig glaube, zusammen zu brechen. Kaum eine Minute des Vormittags kann ich für mich allein sein. Das ganze Team äußert große Besorgnis, da sie für das Wochenende erwarten, dass ich unter starken Alkoholentzugserscheinungen leiden würde. In ihrem Haus könnten sie dafür nicht den geschützten Rahmen bieten. Daher bitten sie mich immer und immer wieder, mich für die kommenden Tage in einer geschlossenen Psychiatrie unterbringen zu dürfen. Noch immer verstehe ich ihre Befürchtungen nicht und glaube nicht daran, dass mein Alkoholkonsum Entzugserscheinungen hervorbringen könne. Wieder bestimmen zahllose Arztvisiten meinen Tag. Ich lehne jegliche Empfehlung der Ärzte einer angeblich dringenden Psychiatrieeinweisung rigoros ab, indem ich damit drohe, dort endgültig durchzudrehen und dadurch überhaupt nicht mehr in ihre Klinik zurückzukommen. Man versucht mir einzureden, dass ich dem ganzen Team durch meine Einwilligung, das Wochenende auf einer geschützten Station zu verbringen, eine große Last abnehmen würde. Dies wiederum schürt in mir unbehagliche Schuldgefühle und ich wäre am liebsten aus diesem Irrenhaus entflohen. Ende der Geschichte und mein Sieg: Ich darf bleiben, aber nur unter strenger Kontrolle. Vier Mal am Tag werde ich mich im Stationszimmer melden müssen, Blutdruck- und Pulsmessen lassen sowie drei Mal pro Tag einen Alkoholtest ablegen.

Neuen Lichtblick erhalte ich auch nach diesen schweren Stunden von den anderen Patienten. Das Wissen, dass man verbunden ist durch die Gemeinsamkeit einer psychischen Erkrankung infolge schwerer Schicksalsschläge, ohne vorher ein Wort miteinander geredet zu haben, lässt die Hoffnung in mir aufkeimen, endlich Menschen zu finden, die mich wirklich verstehen ohne viele, erklärende Worte, Menschen, die mich endlich lehren können, was wirkliches Vertrauen bedeutet. Am heutigen Tag jedoch gelingt es mir nicht. Ich ziehe mich für lange Zeit in mein Zimmer zurück, natürlich auch, weil ich nach der ganzen Unruhe des Tages Zeit für mich brauche. Trotz meiner Wut, die ich in mir spüre aufgrund dieser intensiven Kontrolle anderer über mich, fühle ich mich hier doch unglaublich sicher vor mir selbst. Es ist ein überwältigendes Gefühl. Beschütztsein. Und hätte ich nicht schon vor vielen Monaten den Zugang zu meinen Gefühlen verloren, würde ich wohl unter Tränen zusammenbrechen angesichts des Glücks, der Zufriedenheit, dem Unbesorgtsein, dem Beschütztwerden, das mir bisher doch nur so selten gegeben worden ist.

Tag 3 | Kontrollübergabe

Ich habe mich den Anweisungen und Verordnungen der Ärzte fügen müssen, zwangsläufig ergeben müssen. Sie erhielten einen kurzen Blick hinter meine Fassade. Nach erneuten, scheinbar unendlich andauernden Visiten, während derer meine Fassade bereits zu bröckeln begann und letzten Endes dem Zwischenfall, dass plötzlich mein Puls sowie mein Blutdruck in schwindelerregende Höhe rasten, ich unter Schweißausbrüchen litt, wirre Gedanken alles beendender Selbstverletzung durch meinen Kopf schossen und ich mich vor innerlicher, undefinierbarer Panik an das Personal wandte, bin ich auf ein Medikament eingestellt worden, das mir die Tage des für mich immer noch 'angeblichen' Alkoholentzugs bestmöglich erleichtern soll. Alle zwei Stunden wird es mir verabreicht. Zur Kontrolle eventueller Nebenwirkungen muss ich nach jeder Einnahme eine halbe Stunde vor dem Stationszimmer ausharren, bis sie mich für eineinhalb Stunden freigeben. Die Einnahme der Tablette erfolgt von morgens sieben Uhr bis abends dreiundzwanzig Uhr.

Ich bin leer. Alles ist mir egal. Sollen sie doch mit mir machen, was sie wollen. Sollen sie mir doch dieses Gift in den Körper pumpen. Sie zerstören mich. Gut so! Ich muss mich also nicht selbst zerstören. Sorgenlos verbringe ich die Beobachtungsminuten auf einer Bank vor dem Stationszimmer und die Minuten Freiheit auf einer Bank neben dem Klinikgelände, stets begleitet von aggressiven und suizidgeleiteten Songs, die ich mir mit meinem mp3-Player ins Gehirn jage. Ich lasse mich in der Zeit fallen, gebe ihr Stücke meiner Lebenszeit und bin ehrlich froh, vor mir selbst beschützt zu werden für die nächsten drei Tage, während derer ich das Klinikgelände nicht verlassen darf.

Essen und Trinken bereiten mir große Probleme. Ich weiß, ich sollte etwas zu mir nehmen, schon allein wegen der starken Medikamente. Doch darin bin ich einem meiner mir selbst auferlegten Zwänge erlegen. Zwar kaufe ich mir meinen ersten Schokoriegel und mein erstes über alles geliebte Eis, esse es auch mit Genuss, doch erbreche ich es sofort wieder in meinem Zimmer, wo es keiner sieht und keiner hört.

Ich spüre, der Prozess zu meinen Gefühlen zu finden, hat begonnen. Ich kann es nicht mehr beeinflussen. Ich werde immer mehr zu einer Marionette, die sich selbst beobachtet. Lyrische Gedanken fliegen ungebremst aus meinem Innersten in meinen Laptop und von dort ausgedruckt an die Wände meines Zimmers. In mir keimt die Hoffnung auf, dass die Befreiung aus meiner eigens aufgebürdeten Gefangenschaft nun endlich begonnen hat.

Tag 4 & 5| Das Entzugswochenende

Alle – Schwestern, Pfleger, Therapeuten, Ärzte – gehen es mit versteckter Furcht an. Nur ich sehe es gelassen, denn was kann denn schon Furchtbares geschehen, außer dass ich in meiner Verwirrtheit die Klinge zu tief ansetze und sterbe, was in meinen Augen eher einer Erlösung denn einer Gefahr gleichkommt? Die gestern begonnenen Prozeduren lasse ich auch heute zunächst freundlich und geduldig über mich ergehen. Ich spüre zwar, dass das Personal mir wirklichen Schutz vor mir selbst bietet und dass es damit eine schwere Verantwortung zu tragen hat, doch fällt es mir schwer, dies zuzugeben. Viele Mitpatienten leisten mir während der halben Überwachungsstunden vor dem Stationszimmer Gesellschaft, was eigentlich gar nicht nötig ist, da mich stumpfe Lethargie umhüllt.

Aber nicht alles verläuft reibungslos. Die meiste meiner freien, aber sehr zerstückelten Zeit verbringe ich auf einer Bank, die sich nicht mehr auf dem Klinikgelände befindet. Einige Male verursache ich Panik unter den Pflegerinnen und Pflegern, weil ich unter dem Nebel der starken Medikation das Gefühl für die Zeit verliere und nicht pünktlich zur Einnahme der nächsten Tablette erscheine. Sie durchsuchen mein Zimmer, das ganze Haus, das komplette Gelände und sind kurz davor, die Polizei zu rufen, bevor sie mich schließlich zufällig finden. Morgens müssen sie mich wecken, weil keiner meiner vier Wecker durch den rauschähnlichen Schlaf hindurch dringen kann, in den mich die Medikamente, die Lethargie und vielleicht auch der Entzugszustand meines Körpers selbst versetzen. Dadurch verpasse ich an beiden Tagen das Frühstück, was mich aber nicht besonders stört. Ich nehme entgegen dem Anraten der Ärzte und Pflegeschaft kaum Flüssigkeit zu mir, esse zu den Mahlzeiten große Mengen, die ich allesamt in meinem Zimmer erbreche. Damit bestrafe ich mich selbst für meine Weichheit, meinen Gehorsam, den ich so willig an den Tag lege, für meine Schwäche, für meine unrechtmäßige Existenz, der eigentlich nicht geholfen werden dürfte, die kein Anrecht auf so aufwendige Umsorgung und Pflege hat. Einige Male transportiere ich dadurch auch begleitet von einer erschreckenden Gleichgültigkeit die eingenommene Tablette aus meinem Körper, die diesen eigentlich von den Giften des Alkohols reinigen soll. Es ist mir egal. Die Haut meines Körpers malträtiere ich mit meiner Rasierklinge und der Glut von Zigaretten. Das ist die nicht besonders wirkungsvolle, aber in mir vollends automatisierte Art und Weise, wie ich meinen inneren Widerstand zum Ausdruck bringe. Ich stelle meinen Körper an diesem Wochenende auf die Probe. Ich nehme in Kauf, dass er zusammenbricht, dass er mich ausspeit und sich selbst begraben lässt. Doch er scheint keine Zerfallsgrenze zu kennen.

Meine Stimmung ist starken Schwankungen unterworfen, was sich in meinem Wesen und meinem Denken bemerkbar macht. Nach außen präsentiere ich jedoch die Coole, die Humorvolle und die Selbstbewusste, eine fiktive Person, die sich vor nichts fürchtet und alles im Leben meistern kann. Mit dieser Maske gewinne ich das Interesse einiger anderer Patienten, aber wohl mehr aus dem Grund, weil sie zwischen meinen Worten und Gesten die Schreie erspüren, mit denen meine Persönlichkeit um Hilfe bettelt, ihre Schmerzen kundtut. Dies ist nur für Menschen hörbar, die ebenso schreien und unter ebensolchen verborgenen Schmerzen leiden. Ich bin noch nicht soweit, meine wahre Person zu zeigen, hoffe aber, dass mir hier die Zeit gegeben wird, die ich dafür brauche. Diese über Jahre hinweg aufgebaute Maske hält mich zusammen, lässt mich nicht zusammenbrechen und auseinanderfallen, lässt mich glauben, dass es mir gutgeht. Diesen Glauben kann und muss ich mit Begeisterung nach außen tragen, um mich selbst noch als lebensfähig betrachten zu können, obwohl ich selbst noch nicht einmal sagen kann, ob ich wirklich daran glaube, dass es mir tatsächlich gutgehen darf. Ich ahne und spüre, dass meine Mitmenschen um meine Schauspielerei wissen, unweigerlich wissen müssen, und bin ihnen zutiefst dankbar, dass sie mir meine Bühne noch nicht wegnehmen.

Am Sonntag verliere ich dann letztlich doch meine innere Ruhe angesichts der starken Kontrolle, der ich mich beugen muss. Nur unter starkem inneren Widerstand und extrem negativen Gefühlen dem Team und mittlerweile auch den Mitpatienten gegenüber laufe ich wie irre durchs Haus und stelle mich den angeordneten Tabletteneinnahmen. Ich strebe nach Unabhängigkeit, danach, meine eigene Herrin sein zu können, niemanden zu suchen, auf niemanden oder etwas zu warten, niemanden zu vermissen. Ich trenne mich ab vom Rest der Welt, der um mich herum bebt, ich jedoch schon lange nicht mehr Teil von ihm bin. Mit jeder Tabletteneinnahme intensiviert sich die- ses Gefühl des Eingeengtseins, des Ausgeliefertseins, des Besitztwerdens zusehends zu unkontrollierbarer Aggression, die irgendwann befreiend allein in meinem Zimmer in roter Farbe aus meinen Armen tritt.

Nach Einnahme der letzten Tablette für diesen Tag besucht mich Alfred vor meiner Überwachungsbank. Es ist mir wichtig, ihn an diesem Tag noch zu sehen, nachdem er das ganze Wochenende Zuhause bei seiner Frau verbracht hat. Zwischen seinen liebevollen Worten erkenne ich, trotz des von den Tabletten verursachten Gefühls, betrunken zu sein, dass die Klinik mich vielleicht tatsächlich in diesen wenigen Tagen gerettet haben könnte. Diese Erkenntnis stimmt mich traurig und dankbar zugleich. Zum ersten Mal in diesem Jahr lasse ich es zu, dass der innere Wunsch nach Geborgenheit stillschweigend von mir in Worte geformt, das Verlangen einer Schulter zum Anlehnen von mir in mir wahrgenommen wird. Ich könnte versuchen, dies von den Menschen zu erhalten, denen ich hier bereits Vertrauen entgegenbringe und die auch mir vertrauen. Aber NEIN!, ich muss sie ignorieren. Auch das Personal, das angeblich ehrliche Sorge um mich hegt, muss ich ignorieren und ablehnen, weil ich ihnen nicht trauen kann. Alle Menschen, die versuchen, sich an mein Herz vorzuarbeiten, muss ich wegstoßen, bevor sie ihr Ziel erreichen, bevor ich zu einem Wesen werde, das gegenüber dem Leben nur noch ein Schwächling ist.

Tag 6 | Nichtig

Heute ist ein nichtiger Tag, so unbedeutend, dass ich ihm keinen Einlass in mein Gedächtnis gewähre. Gedichte und Gedankenabrisse bleiben als einzige Zeugen, dass ich heute gelebt habe.

Tag 7 | Esstisch

Ich fühle mich in meinen Therapiegruppen zusehends immer unwohler. Die Patienten, mit den ich reden, tanzen und malen muss, sind überwiegend jünger als ich. Ich fühle mich we sentlich älter und will mich nicht mit derartigen, unsinnig intensiv thematisierten Nichtigkeiten beschäftigen müssen. Heute äußere ich dieses Problem gegenüber meiner Therapeutin und bitte darum, in eine Gruppe mit Mittdreißigern und –Vierzigern gehen zu dürfen. Sie lehnt meine Bitte ab und wie jeder therapeutisch arbeitende Mensch stellt sie stattdessen eine These auf, die, wenn ich sie ernsthaft und ehrlich überdenke, mitunter nicht vollständig falsch sein muss: Die Patienten, mit denen ich tagsüber und abends meine Freizeit verbringe, sind alle über dreißig oder sogar über vierzig Jahre alt. Unter ihnen erhalte ich besondere Aufmerksamkeit, weil ich das Nesthäkchen bin, für das sie sich verpflichtet fühlen zu sorgen. Sie bemuttern mich und ich genieße es, mit Mitte zwanzig noch erfahren zu dürfen, wie gut Mütter und Väter ihre Kinder behandeln, denn ich durfte es in meinem Leben nicht erfahren. Ich fühle mich unter ihnen einzigartig im Sinne von anders und aus der Gruppe hervorstechend. Unter Gleichaltrigen dagegen gehe ich in der Masse der äußerlich sichtbaren Gleichaltrigkeit und damit verbundenen Oberflächlichkeit und Kindlichkeit unter. Ich muss eingestehen, dass ich diese These bereits schon kannte, als die Therapeutin sie mir vor die Füße warf. Ich muss anders sein, mich ausgliedern, provokativ oder gegensätzlich handeln, dünner und vernarbter sein als die Anderen, einfach, weil ich von klein auf tatsächlich anders bin! Ich fühle mich seit vielen Jahre bereits nicht mehr jung, sondern vielmehr wie eine alte gebrochene Frau. Dieses Gefühl des Abgetrenntseins von meiner Altersklasse lebe ich aus und lehne den Kontakt zu Gleichaltrigen schon fast mein ganzes Leben lang größtenteils ab, vorwiegend aber aus dem Grund, weil sie mich nicht verstehen, im Gegensatz zu Älteren, die oftmals sogar noch einen Rat für mich haben. Im Außen muss erkennbar sein, dass ich anders bin, dass es mit mir nicht leicht ist, dass ich nicht in den Topf typischer Mittzwanziger passe. Nur so kann ich den Schmerz des Ausgegrenztseins ertragen. Damit unterliege ich aber vermutlich einem mir selbst auferlegten zwanghaften Verhalten, was ich mir endlich eingestehen muss. All mein bisheriges Handeln muss ich beginnen zu überdenken und neu zu beleuchten: War ich bisher agierend oder nur reagierend gewesen?!

Der Höhepunkt meiner heute depressiv und zugleich aggressiv ausgeprägten Stimmung wird mittags am Anfängeresstisch erreicht. Wir Patienten mit einer Essstörung müssen die Hauptmahlzeit, eine Suppe, einen Salat und ein Dessert mindestens mit einem Bissen probieren innerhalb der vierzig Minuten, die wir am Tisch zu verharren haben. Begleitet werden wir dabei von einem/r Therapeut/in, jeden Tag wechselnd, die/der zu Beginn und am Ende des Essens das Blitzlicht führt. Auf die übliche Frage, wie stark mein Hungergefühl ist und wie viel Prozent ich von allem essen wolle, lege ich meine gesamte brutale Abscheu Nahrung gegenüber in die Betonung meiner Worte: »Ich habe keinen Hunger und möchte nichts essen!« Das darf natürlich nicht akzeptiert werden und man empfiehlt mir, wenigstens die Hälfte zu essen. Dieser Therapeutin, meiner Körperärztin, würde ich am liebsten im wahrsten Sinne des Wortes die Augen auskratzen, weil sie ihre Machtposition so frei und legitim ausspielen kann. Aber ich tue es nicht, sondern hebe mir meine Aggressivität für später auf, versuche stattdessen, gehorsam zu essen. Jedes Zuführen des Suppenlöffels in meinen Mund ist ein einziger bitterer Kampf, jeden Schluck, jeden Bissen verabscheue ich. Ich spüre innerlich eindeutig, wie mich das Essen vergiftet, wie mein Körper zu einem Ekel triefenden Etwas mutiert. Eins ist sicher: Diese Fremdstoffe müssen so schnell wie möglich meinen Körper wieder verlassen. Da ich auf diesen Gehorsamszwang gefasst war, habe ich bereits 0,75l Wasser vor dem Essen in meinem Zimmer getrunken, am Tisch selbst ist nur ein einziges Glas erlaubt, und dieser Umstand erleichtert das Hinausführen des Gegessenen aus meinem Körper. Erst nach diesem Rachefeldzug, den ich eigentlich gegen die Körperärztin führte, doch an mir nur auszuleben wusste, wende ich mich an das Pflegepersonal und bitte um meine Bedarfsmedikation: Ein Beruhigungsmittel, das mich hinfort führen soll von meiner tiefen Scham und Reue mir selbst gegenüber.

Der Tag soll jedoch an emotionaler Verwirrung nicht enden. In mir herrscht der absolute, nicht in Worte fassende Wahnsinn. Ich will ihn aus mir heraus pressen, indem ich esse und erbreche, esse und erbreche, esse und erbreche. Doch er verlässt mich nicht, der Wahnsinn sitzt wohl nicht im Magen. Ich lache hysterisch und bete gleichzeitig, dass doch jemand dahinter meine Qualen und Tränen sehen kann. In diesem siedenden Topf des Chaos' in mir spüre ich am Ende nur noch Leere, erklärbar vielleicht mit dem Bild von Gesteinsbrocken, die meinen Gefühlen entsprechen und sich im Weltall aufeinander zubewegen, ungebändigt und unkontrolliert um einander kreisen und sich durch Gegeneinanderstoßen selbst zu Nichts zerstäuben. Dieses Nichts entspricht einer Leere, die sich nicht weit und frei sondern eng und erstickend anfühlt und noch nie substanziell gewesen zu sein scheint.

Nach weiterem Erbrechen in einer irischen Lokalität, in der ich mit Alfred und den anderen einen heiteren Abend verbringe, und später ein weiteres Mal Erbrechen in meinem Zimmer, liege ich erschöpft und ausgelaugt in meinem Bett. Das einzig spürbare Verlangen ist Selbstverletzen, denn noch immer ist dieser Fremdkörper, der mich gefangen hält, hungrig. Die Klinge liegt neben mir bereit und ich sehe mich bereits mit der Hand nach ihr greifen. Ich lasse sie jedoch dort liegen, denn die Müdigkeit treibt auch meine Aggression in einen handlungsunfähigen Dämmerzustand. Dankbar gebe ich mich dem hin und versinke in einen Schlaf, der mich vergessen und am nächsten Morgen mit einer neuen Stimmung erwachen lassen soll. So hoffe ich zumindest.

Tag 8 | Meditation

Anscheinend fasse ich langsam erstes Vertrauen in das Pflegeteam, denn ich bitte heute darum, vor meinem inneren, kaum kontrollierbaren Selbstschädigungsdrang beschützt zu werden. Es fällt mir nicht leicht, diese Angst vor meiner eigenen Unberechenbarkeit zuzugeben, offenzulegen, denn immerhin nährt sie mich die letzten Jahre. Meine Bedarfsmedikation (ein Beruhigungsmittel) wird daraufhin zwei Mal täglich fest verordnet und in meiner Akte notiert. Beruhigter trotte ich in die Cafeteria, bestelle mir einen Milchkaffee und setze mich zu Samantha, einer übergewichtigen, sehr sympathischen und inspirierenden Frau. Auch sie sitzt zu jeder Mahlzeit am Esstisch wie ich. Sie bietet mir an, eine von ihren Engelskarten zu ziehen, die vor ihr auf dem Tisch liegen. Sie selbst zieht jeden Morgen eine Karte und versucht, das darauf Niedergeschriebene mit in ihren Tag einfließen zu lassen. Ich erhalte die Karte der Barmherzigkeit und bin innerlich betroffen angesichts der Wahrheit, die mit solchen Spielchen unverhofft ins Licht rückt: Mir wird bewusst, dass während der letzten Tage in mir wieder die alt vertraute Unfreundlichkeit meinen Mitmenschen gegenüber herangewachsen ist und ich beschließe, mich wieder mehr darum zu bemühen, meine Mitpatienten zu grüßen, zu lächeln und ehrlich gewollte Gespräche zu führen, dabei sogar möglicherweise meine kalten Masken der Coolness und der verlogenen Selbstverherrlichung abzulegen. Ich erkenne, letztlich verängstige und verletze ich mit diesem Verhalten die anderen Patienten, was meinem Herz einen kleinen Stich zufügt. Ich bringe dieser sanftmütigen Frau überraschend viel Offenheit entgegen, als ich ihr von meiner über alles geliebten, vor vier Jahren verstorbene Oma erzähle und längst vergraben geglaubte Erinnerungen zum Leben zu erwecken versuche. So viele gemeinsame Zeiten mit ihr erscheinen plötzlich vor meinen Augen! Ich belebe einige von ihnen, indem ich ihnen Worte verleihe und bin zutiefst ergriffen von den Gefühlen, die dabei unvorangemeldet durch meinen ganzen Körper strömen. Darauf bin ich nicht vorbereitet, nachdem ich so viele Monate inmitten der Schwärze und Einsamkeit der Gefühllosigkeit eingemauert gewesen war. Schüchterne, verbotene Tränen zeichnen mein Gesicht, sichtbar jedoch nur für mich selbst.

Samantha schenkt mir als Anerkennung meiner Offenheit eine emotional bewegende Meditationsübung, die sie selbst durchführt, wenn sie Kraft braucht. Ihre Beschreibung lässt in mir ein farbenfrohes Fest an inneren Bildern entstehen:

Sie befindet sich auf einer wunderschönen, sattgrünen Wiese, auf der sieben große Bettlaken, ...

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