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Wellen der Sehnsucht

1. KAPITEL

Es war eigentlich unvorstellbar, dass sich ein gut aussehender Fremder in die Unterrichtsstunde der Erstklässler der Grundschule in Banksia Bay verirrte. Doch ausgerechnet an einem Freitag, an dem Misty mit den sechsjährigen Jungen und Mädchen vormittags zum Schwimmen ging, geschah das Unglaubliche.

Zwar waren sie schon seit einer Stunde vom Freibad zurück, doch der Zopf, zu dem Misty das gelockte kastanienbraune Haar geflochten hatte, hing ihr noch feucht über den Rücken.

Und nun stand dieser Mann, den man ohne Weiteres mit einem griechischen Gott vergleichen konnte, an der Tür des Klassenraums. Sie konnte den Blick nicht abwenden. Ja, er war zweifellos ein Adonis, und sie schätzte ihn auf Mitte dreißig. Mit der stattlichen, schlanken Gestalt und den markanten Gesichtszügen war er der attraktivste Mann, dem sie jemals begegnet war. Die perfekt sitzenden verwaschenen Jeans und das weiße Hemd mit den hochgekrempelten Ärmeln, dessen oberste Knöpfe geöffnet waren, betonten seinen muskulösen Körper.

Offenbar hatte ihr Adonis einen sechsjährigen Sohn, denn er hielt einen kleinen Jungen an der Hand, der genauso gekleidet war wie sein Vater. Sein gewelltes Haar war schwarz wie das seines Dads, seine Augen genauso grün und die Haut auch so gebräunt.

Lächelnd beugte sich der Fremde zu seinem Sprössling hinunter und sagte: „Hier sind wir offenbar richtig. Die Kinder malen. Das würde dir doch sicher Spaß machen, oder?“

Der Kleine wirkte ziemlich verängstigt und scheu.

Schließlich gab Misty sich einen inneren Ruck und nahm sich zusammen. „Kann ich Ihnen helfen?“, fragte sie.

Es wäre ihr lieber gewesen, der Schulleiter hätte sich um die beiden gekümmert. Zumindest hätte Frank sie vorwarnen können, dass sie einen neuen Schüler bekam, dann hätte sie ihm einen Platz, versehen mit seinem Namensschild, reserviert.

„Sind Sie Miss Lawrence?“, erkundigte sich der Unbekannte. „Das Büro des Schulleiters war nicht besetzt, und die Frau, die ich auf dem Flur getroffen habe, hat mich zu Ihnen geschickt.“

Sie lächelte seinen Sohn freundlich an, ehe sie antwortete: „Ja, das bin ich.“ Ihr fiel auf, wie fest der Kleine die Hand seines Vaters umklammerte. „Wir zeichnen gerade Rinder“, wandte sie sich an den Jungen und ging auf Natalie Scotters Tisch zu. Sie war ein aufgewecktes und außergewöhnlich hilfsbereites Kind. „Natalie, kannst du bitte unseren Besuchern zeigen, was du da machst?“

Froh über die Abwechslung, rückte das Mädchen sogleich zur Seite und schob ihren Malblock über den Tisch.

„Gestern haben wir uns die Kuh Strawberry angeschaut, die Natalies Daddy gehört“, erzählte Misty dem Jungen, um ihm die Angst zu nehmen. „Sie ist sehr dick, weil sie ein Kalb bekommt. Sieh dir doch Natalies Bild einfach einmal an.“

Schon etwas mutiger warf der Kleine einen Blick darauf. „Ist sie wirklich so rund?“, flüsterte er.

„In Wirklichkeit noch runder“, erwiderte Natalie unbekümmert. „Mein Dad glaubt, dass sie zwei Kälber bekommt. Deshalb muss er die ganze Nacht bei ihr wachen. Dann kann er sofort den Tierarzt rufen, wenn es schwierig wird.“ Sie strahlte so über das ganze Gesicht, als wäre sie stolz darauf, wie gut sie die Situation meisterte.

„Ich habe ein Foto von der Kuh.“ Misty zog es aus der Tasche ihres modischen Overalls und sah den Vater fragend an. Er nickte, wie um sein Einverständnis mit ihrem Vorgehen zu signalisieren. „Möchtest du dich neben Natalie setzen und auch malen? Dein Dad hat bestimmt nichts dagegen.“

„Das ist doch eine tolle Idee“, ermunterte dieser seinen Sohn.

„Du kannst meine Farben mitbenutzen“, bot Natalie sogleich an, deren beste Freundin momentan krank zu Hause im Bett lag.

„Danke“, wisperte der Junge.

Misty gefiel der Kleine immer besser. Er war offenbar gut erzogen und sehr höflich.

„Ich wollte Bailey eigentlich heute hier anmelden“, berichtete sein Vater, und Misty lächelte freundlich. „Ich weiß, wir hätten einen Termin vereinbaren müssen“, fuhr der Mann fort. „Aber wir sind erst vor einer Stunde hier angekommen. Und da Bailey immer ungeduldiger wurde, hielt ich es für das Beste, ihm sogleich die Schule zu zeigen, damit er weiß, was ihn erwartet. Sonst hätte er vielleicht während des ganzen Wochenendes keine Ruhe gegeben.“

„Das war gut so. Er braucht wirklich keine Angst zu haben.“ Sie erwärmte sich immer mehr für den Fremden und seinen Sohn. „Wir freuen uns auf neue Freunde. Stimmt’s, ihr Lieben?“, wandte sie sich an die Mädchen und Jungen.

„Ja“, ertönte es fast einstimmig. In dieser abgelegenen Stadt wurden alle Neuankömmlinge mit offenen Armen aufgenommen.

„Bleiben Sie und Ihre Familie länger hier?“, erkundigte sie sich. Vielleicht hatte dieser Adonis noch mehr Kinder, die er für andere Klassen anmelden wollte.

„Es gibt nur Bailey und mich. Wir sind Zugereiste, wie man so sagt, und haben vor, vorerst hier zu leben.“ Er half dem Kleinen, den Pinsel in die braune Farbe zu tauchen. Doch der betrachtete das Foto nachdenklich und blickte dann seinen Vater so vorwurfsvoll an, als hätte er nicht begriffen, worum es ging. Schließlich reinigte er den Pinsel in dem Wasserglas neben ihm und entschied sich für Rot.

Leicht belustigt richtete sich der Mann auf und reichte Misty die Hand. „Ich bin Nicholas Holt“, stellte er sich vor.

Sein fester Händedruck gefiel ihr, noch faszinierender fand sie jedoch sein verführerisches Lächeln. Absurderweise war sie sich auf einmal ihres feuchten Zopfes viel zu sehr bewusst, und sie ärgerte sich über Frank. Es war seine Aufgabe, das Lehrerkollegium über Neuzugänge zu informieren. Warum war er nicht in seinem Büro, wo er eigentlich hätte sein müssen?

Hätte sie geahnt, dass sie heute diesem unglaublich attraktiven Mann begegnen würde, hätte sie die Sommersprossen auf ihrer Nase mit Make-up abgedeckt und außerdem wahrscheinlich ihre High Heels angezogen, damit sie etwas größer wirkte. Mit ihren einsfünfundsechzig war sie ihrer Meinung nach viel zu klein.

„Miss!“, rief in dem Moment einer der Schüler.

„Es tut mir leid, wir hätten nicht einfach so hereinplatzen und den Unterricht stören dürfen“, entschuldigte sich Nicholas Holt.

Sie entzog ihm ihre Hand und zwang sich, sich wie eine Lehrerin zu verhalten. „Da Bailey in meine Klasse gehen wird, stören Sie überhaupt nicht“, versicherte sie ihm und drehte sich zu dem Kind um, das sich bemerkbar gemacht hatte. „Ja, Laurie, was wolltest du?“

„Da ist ein Hund, Miss“, erklärte Laurie aufgeregt. „Er blutet.“

„Ein Hund?“, wiederholte Misty verblüfft.

„Ja, unter meinem Tisch, Miss. Da in der Ecke.“ Er stand auf und wies in die Richtung. „Er ist mit dem Mann und dem Jungen hereingekommen und blutet ganz schlimm.“

Alle blickten plötzlich dorthin. Misty ging davon aus, dass der Schüler nicht übertrieben hatte, dazu neigte er einfach nicht. Sein Platz war ganz hinten in der Ecke, und Misty vermutete, dass es kein großes Tier war, denn das hätten sie und die anderen Kinder sicher bemerkt.

„Okay, dann müssen wir uns darum kümmern“, stellte sie betont sorglos fest. „Laurie, du kannst dich auf meinen Stuhl setzen, während ich mich darum kümmere.“

Wie der Blitz durchquerte Laurie den Klassenraum. Für die Kinder war es immer etwas ganz Besonderes, wenn sie in dem großen Drehsessel der Lehrerin sitzen durften.

Misty entdeckte den Hund, der sich unter dem Tisch versteckt hatte und halb in dem leeren Regal dahinter lag. Manchmal ließen verletzte Hunde niemanden an sich heran und schnappten nach der Hand, wenn man sie anfassen wollte. Deshalb zögerte Misty und kniete sich vor ihn.

„Kann ich Ihnen helfen?“, ertönte in diesem Moment Nicholas Holts Stimme neben ihr.

„Er hat offenbar große Angst, deshalb sollten wir uns ganz ruhig verhalten, um ihn nicht noch mehr zu erschrecken“, wandte sie sich ruhig an die Kinder. „Daisy, kannst du mir bitte zwei Badetücher aus dem Schrank neben den Umkleidekabinen des Swimmingpools holen?“, bat sie eine Schülerin, die sogleich davonlief.

„Kennen Sie das Tier?“, fragte Nicholas Holt und ging neben ihr in die Hocke.

Er wirkt beunruhigend männlich und durchtrainiert, schoss es ihr durch den Kopf, während er unter Lauries Tisch blickte. Dass er ihr seine Unterstützung anbot, war an sich schon etwas Besonderes. Normalerweise war sie diejenige, die alles in die Hand nahm und regelte. Allerdings war es eher eine Notwendigkeit und nicht unbedingt ihre freie Entscheidung. Es war jedenfalls das erste Mal, dass ein so attraktiver Mann ihr zur Seite stehen wollte.

„Kennen Sie das Tier?“, wiederholte er.

Rasch nahm sie sich zusammen. „Nein.“

„Sind Sie sicher, dass er verletzt ist?“

„Natürlich, der Boden ist doch blutverschmiert. Mit den Badetüchern kann ich ihn …“

„Am besten schiebe ich den Tisch weg, dann können wir leichter erkennen, was los ist. Die Kinder sollten sich auf die andere Seite des Raumes zurückziehen, sodass sie aus dem Weg sind und er hinauslaufen kann, wenn er will“, schlug er vor.

„Zuerst muss ich wissen, was er hat.“

„Aber die Kinder sollten sich nicht zu nahe an ihn heranwagen“, meinte er.

„Nein, natürlich nicht.“

„Es tut mir leid. Es ist wohl meine Schuld. Ich habe die Eingangstür nicht hinter uns zugemacht. Er muss uns gefolgt sein. Ich hole es rasch nach, dann kann er nicht entwischen.“

Das hielt sie für eine gute Idee. Wenn der Hund flüchten wollte, konnten sie ihn spätestens auf dem Flur einfangen. Doch dann kamen ihr Bedenken, ihn vielleicht noch mehr zu ängstigen.

Das ist nicht unser Problem, würde ihr Vorgesetzter jetzt sicher sagen. Er schob gern die Verantwortung von sich und würde das Tier wahrscheinlich auf die Straße zurückscheuchen und sich selbst überlassen.

Nicholas Holt war nicht so, das spürte sie.

Nachdem Daisy die Badetücher gebracht hatte, rückte er den Tisch zur Seite. Misty kniete sich dicht vor den Hund, der keine Anstalten machte wegzulaufen, sondern sich am ganzen Körper zitternd nur noch weiter ins Regal drückte.

„Keine Angst, du Armer, niemand tut dir etwas“, versuchte Misty ihn zu beruhigen.

Der kleine Kerl dachte gar nicht daran, nach ihrer Hand zu schnappen, während sie behutsam die Frotteelaken um ihn legte und ihn langsam zu sich heranzog.

Es war ein schwarz-weißer Cockerspaniel mit dunklen Schlappohren und großen braunen Augen. Sein Fell war struppig und blutverschmiert. Er war offenbar sehr erschöpft und roch nach Gummi. Wahrscheinlich war er von einem Auto angefahren worden.

Sein blaues Plastikhalsband mit der schwarzen Nummer verriet, dass er herrenlos war und aus dem Tierheim stammte. Misty hob den vor Angst zitternden Cocker hoch und sah, dass ihm am Rücken ein großes Stück Fell fehlte, was die Vermutung nahelegte, dass er über die Straße geschleift worden war. Und sein linker Hinterlauf war fürchterlich zugerichtet. Außerdem verlor der völlig abgemagerte Hund immer noch etwas Blut.

Am liebsten wäre sie sogleich mit ihm zum Tierarzt gefahren, denn er musste unbedingt behandelt werden. Doch sie war für die vierundzwanzig Erstklässler verantwortlich, die sie jetzt ebenso erwartungsvoll ansahen wie Nicholas Holt. Also musste sie sich etwas anderes einfallen lassen.

„Er ist verletzt“, sagte Bailey ganz entsetzt. Er hatte sich neben seinen Vater gestellt und hielt dessen Hand umklammert. „Hat jemand auf ihn geschossen?“

„Nein, ich glaube, er ist angefahren worden“, erwiderte sie so laut und deutlich, dass auch die anderen Kinder es verstanden, die sich sehr für das Schicksal des Tieres interessierten. „Er hat eine schlimme Wunde am Hinterlauf. Ob das alles ist, kann ich leider nicht beurteilen.“

Als sie den kleinen Kerl wieder anschaute, sah er sie mit seinen großen Augen herzerweichend an. Zitternd presste er sich an sie, als sehnte er sich nach Wärme. Ihr Leben lang hatte sie Hunde gehabt, doch als ihr letzter vor sechs Monaten gestorben war, hatte sie sich fest vorgenommen, sich keinen neuen zuzulegen. Dieses herrenlose Tier brachte ihren Entschluss allerdings ins Wanken.

„Soll ich jemanden anrufen, der sich um ihn kümmert?“, erkundigte sich Nicholas. Die Frage hätte er nicht stellen dürfen, denn sie passte nicht zu einem Helden. So eine Reaktion hätte sie nur von Frank erwartet.

An wen hätte sie sich außerdem wenden können? Der Schulleiter war nicht in seinem Büro, und die Kollegen und Kolleginnen befanden sich im Unterricht. Ihr fiel nur das Tierheim ein, aus dem der Hund offenbar entlaufen war. Ja, das wäre wahrscheinlich die beste Lösung.

Die arme Kreatur schien allerdings anderer Meinung zu sein. Zitternd presste sie sich noch fester an Misty, während in ihrem Blick die reinste Verzweiflung lag.

Ist es wirklich nicht mein Problem? überlegte sie. Sie war daran gewöhnt, Verantwortung zu übernehmen. Und dieser Hund durfte nicht in das Tierheim zurückgebracht werden, wo er Tag und Nacht auf engstem Raum leben musste. Andererseits konnte sie wirklich keinen gebrauchen. Was sollte sie nur machen? Sein kleines Herz klopfte vor lauter Angst wie wild, und ihr wurde bewusst, dass das Schicksal des Tieres jetzt ganz allein von ihrer Entscheidung abhing.

Gut, dann muss ich meinem Vorsatz untreu werden, sagte sie sich entschlossen.

„Mr Holt, ich brauche Ihre Hilfe“, erklärte sie betont energisch, um die Lehrerin hervorzukehren, die jede Situation unter Kontrolle hatte.

„Ja?“, antwortete er vorsichtig.

„Ich kann die Kinder unmöglich allein lassen. Doch der Hund muss so schnell wie möglich zum Tierarzt gebracht werden. Das seht ihr doch auch so, oder?“, wandte sie sich an die Klasse. „Ihr erinnert euch sicher daran, dass wir vorigen Monat Dr. Cray in seiner Praxis besucht haben. Ich werde also Baileys Vater bitten, den Cocker zu ihm zu fahren. Würden Sie das für uns tun, Mr Holt?“

Sie drehte sich wieder zu ihm um und blickte ihm in die grünen Augen.

„Ich kenne mich mit Hunden nicht aus“, entgegnete er ziemlich bestürzt.

„Das macht nichts.“ Sie hüllte den kleinen Kerl behutsam in die Badetücher und drückte ihn Nicholas Holt an die Brust, ehe er überhaupt begriff, wie ihm geschah.

„Dr. Cray hat jetzt Sprechstunde“, fügte sie hinzu, denn er schien immer noch geschockt und unschlüssig zu sein.

Da sie die Sache nicht selbst erledigen konnte, was sie natürlich am liebsten getan hätte, galt es zu improvisieren. Die beste Lösung war, Nicholas Holt einzuspannen.

„Richten Sie Dr. Cray bitte aus, ich würde nach dem Unterricht kommen und dann auch die Behandlung bezahlen.“ Sie durfte auch Bailey nicht vergessen. Ihr war klar, dass sie von Vater und Sohn viel verlangte.

Der seltsame Blick des Jungen weckte in ihr Erinnerungen an ihre Kindheit. Sie war ungefähr in Baileys Alter gewesen, als ihre Mutter bei einem ihrer Kurzbesuche in das Klassenzimmer gestürmt war. „Ich will nur meine Tochter sehen“, erklärte sie. „Passen Sie gut auf Misty auf. Sie ist so ein liebes Mädchen“, forderte sie die Lehrerin munter und unbekümmert auf, ehe sie nach höchstens zwei Minuten wieder verschwand. So hatte sie es immer gemacht. In dem Leben, das sie führte, hatte es keinen Platz für ihr Kind gegeben.

Misty ahnte, dass der Junge sehr verunsichert war. Deshalb war es wahrscheinlich etwas unfair, Nicholas Holt wegzuschicken. Dennoch hatte sie keine andere Wahl.

Sie beugte sich zu ihm hinunter. „Bailey, wir sind auf die Hilfe deines Dads angewiesen, denn der Hund muss behandelt werden. Möchtest du ihn begleiten, oder hast du Lust, bei uns zu bleiben und mit den anderen Kühe zu malen? Dein Vater kommt ja nachher wieder zurück. Wärst du damit einverstanden?“ Sie atmete tief durch. Wenn sie sich nicht sehr täuschte, war er in der Vergangenheit oft sich selbst überlassen gewesen.

Nachdem er kurz nachgedacht hatte, betrachtete er sekundenlang den in die Badetücher eingewickelten Cocker und nickte mit feierlicher Miene. „Es ist in Ordnung, wenn mein Dad zum Tierarzt fährt.“

„Das ist lieb von dir“, lobte sie ihn erfreut. „Willst du so lange dann bei uns bleiben?“

„Leiste uns doch Gesellschaft“, forderte Natalie ihn auf, wofür ihr Misty sehr dankbar war. „Die Farben reichen für uns beide.“

„Ja, ich bleibe hier“, entschied sich Bailey schließlich und deutete ein Lächeln an.

„Wunderbar.“ Misty richtete sich auf und blickte seinen Vater bittend an. Was für eine unmögliche Situation. Wenn Frank es erführe, würde er ihr bestimmt fristlos kündigen.

„Werden Sie uns helfen?“, fragte sie. „Bitte“, fügte sie hinzu.

2. KAPITEL

So schnell kann sich eine Situation ändern, dachte Nick. Er hatte seinen Sohn nur in der Schule anmelden wollen. Doch jetzt stand er hier im Sonnenschein mit einem verletzten Hund auf dem Arm und spürte förmlich, dass die Lehrerin ihn beobachtete, um ja sicher zu sein, dass er ihre Anweisungen befolgte.

Sie schien eine willensstarke und konsequente junge Frau zu sein. Sein Sohn war bei ihr auf jeden Fall in guten Händen und in Sicherheit.

Was für ein seltsamer Gedanke. Es war doch ein ganz normaler Vorgang, Bailey der Grundschullehrerin anzuvertrauen. Das Risiko, dass hier etwas passierte, war äußerst gering. Schließlich verdrängte er die Gedanken und konzentrierte sich auf das arme Tier, das am ganzen Körper zitterte.

Da Miss Lawrence es eilig gehabt hatte, ihn zum Tierarzt zu schicken, war keine Zeit geblieben, den kleinen Kerl genauer zu untersuchen. Also tat er, was sie von ihm verlangte, und ging mit ihm zu seinem Wagen. Die Praxis, zu der auch die Tierklinik gehörte, zu finden, wäre kein Problem, denn das Schild an dem hohen Baum vor dem Gebäude an der Hauptstraße, die zum Hafen führte, war ihm und Bailey schon bei ihrer Ankunft aufgefallen.

„Wir könnten uns doch auch einen Hund holen“, hatte Bailey vorsichtig vorgeschlagen, obwohl er die Antwort natürlich kannte.

Nick wollte unbedingt vermeiden, dass dem Jungen noch einmal das Herz gebrochen wurde. Deshalb war er fest entschlossen, nach Möglichkeit alles von ihm fernzuhalten, was ihn unglücklich oder traurig machte.

Der Hund war das beste Beispiel dafür, was alles geschehen konnte. Er war entlaufen, von einem Auto angefahren und verletzt worden, vielleicht sogar schwer. Man musste also damit rechnen, dass er es nicht überlebte.

Das würde er seinem Sohn natürlich verschweigen und stattdessen eine nette Geschichte erfinden von einem Besitzer, der den Ausreißer abgeholt habe, aber weit außerhalb des Ortes auf einer Farm lebt, sodass man ihn nicht besuchen konnte.

Schließlich legte er ihn behutsam auf den Beifahrersitz seines Wagens. Doch prompt zitterte er so heftig, dass Nick ihn am liebsten wieder auf den Arm genommen und an sich gepresst hätte.

Miss Lawrence hätte das wahrscheinlich getan, und sie erwartete dasselbe sicher auch von ihm. Sie war eine ziemlich dominante junge Frau. War sie etwa so wie Isabelle?

Nein, ganz bestimmt nicht, gab er sich sogleich selbst die Antwort. Miss Lawrence war eine verantwortungsbewusste Lehrerin und würde, anders als Isabelle, weder andere noch sich selbst bewusst irgendeiner Gefahr aussetzen.

Nick fand sie ganz bezaubernd, wie er sich eingestand. Doch das musste er vergessen. Er war in diese Stadt gekommen, um mit Bailey ein ruhiges Leben ohne Risiken und Tragödien zu führen. Und auch ohne Komplikationen.

Isabelle war seit über einem Jahr tot. Auch wenn die Ehe schon lange zerrüttet gewesen war, hatte ihn das tief getroffen. Schon allein deshalb war es viel zu früh, sich für eine andere Frau zu interessieren.

Dennoch fiel es ihm schwer, nicht an Baileys Lehrerin zu denken. Was war schon dabei? Außer dass sie seinen Sohn unterrichtete und ihn gebeten hatte, einen Hund zum Tierarzt zu bringen, gab es wahrscheinlich sowieso keine gemeinsamen Berührungspunkte.

Die Fahrt dauerte nur wenige Minuten. Nachdem er den Wagen geparkt hatte, trug Nick das Tier in die Praxis. Sogleich kam ein älterer Mann mit Brille und Bart aus einer der Türen hinter der Rezeption. Er warf Nick nur einen flüchtigen Blick zu und konzentrierte sich dann auf das Bündel auf seinen Armen.

„Was ist passiert?“

Der Mann gefällt mir, er kommt sogleich zur Sache, dachte Nick.

„Miss Lawrence von der Grundschule hat mich beauftragt, ihn von Ihnen behandeln zu lassen“, antwortete er, während der Mediziner die Badetücher an einem Ende hochhob.

„Sie meinen Misty, oder?“, vergewisserte er sich und streichelte dem Cocker den Kopf, ehe er dessen Nacken prüfte und den Puls fühlte. „Sie besitzt doch gar keinen Hund mehr.“ Er fand das Halsband und prüfte die Nummer.

„Nein, er ist in den Klassenraum gelaufen, als …“

„Das ist schon der zweite“, unterbrach der Arzt ihn.

Nick sah ihn fragend an.

„… von unserem Tierschutzverein Banksia Bay’s Animal Welfare, der bei mir landet“, erklärte der Mann und nahm Nick den kleinen Patienten ab. „Henrietta behält die herrenlosen Tiere so lange wie möglich, ehe sie sie zu mir bringt. Leider ist viel zu wenig Platz im Tierheim. Gestern hatte sie mit dem Kleintransporter, in dem sich mehrere Hunde befanden, einen Unfall, und die Tiere sind in alle Richtungen davongelaufen. Der hier ist einer von ihnen.“

„Ich verstehe“, sagte Nick mit nachdenklicher Miene.

„Dann vielen Dank, dass Sie ihn hier abgeliefert haben.“ Der Arzt machte eine Pause und zog die Augenbrauen hoch. „Er wird nicht leiden, das verspreche ich Ihnen“, fügte er sanft hinzu. „Oder möchten Sie ihn behalten?“ Er hatte Nicks Zögern bemerkt.

„Also, ich … nein, eigentlich nicht.“

„Sie sind nicht von hier, oder?“

„Nein. Mein Sohn und ich sind gerade erst zugezogen.“

„Haben Sie ein Haus mit Garten?“

„Ja. Warum?“

„Jedes Kind sollte einen Hund haben.“ Es war eine einfache Feststellung, sonst nichts.

„Nein“, lehnte Nick kategorisch ab.

„Ich will Sie zu nichts drängen. Das arme Tier darf nicht schon wieder bei jemandem unterkommen, der es eigentlich nicht haben will.“

„Miss Lawrence lässt ausrichten, sie würde später kommen und die Behandlung bezahlen“, berichtete Nick.

„So? Will sie den Hund behalten?“

„Das weiß ich nicht.“

Der ältere Mann schien leicht irritiert zu sein. „Nachdem Mistys Hund voriges Jahr gestorben ist, hat sie geschworen, sie würde sich nicht wieder einen zulegen.“

„Es tut mir leid, mehr kann ich Ihnen auch nicht sagen.“

„Okay, vielleicht ist ihr nicht bewusst, dass er sowieso eingeschläfert werden sollte. Oder sie will ihn davor bewahren.“ Der Tierarzt seufzte. „Das wäre typisch für sie. Sie hat so ein gutes Herz.“ Er blickte auf die Uhr und schnitt ein Gesicht. „Ich kann erst nach dem Unterricht mit ihr reden, also in ungefähr drei Stunden.“ Er betrachtete den kleinen Ausreißer nachdenklich, und Nick glaubte zu wissen, was er dachte: So lange wollte er das Tier nicht leiden lassen.

Das war nun wirklich nicht sein Problem, und am besten würde er sich jetzt verabschieden. Doch was war, wenn Misty, diese bezaubernde Lehrerin mit den ausdrucksvollen Augen, den Cocker wirklich behalten wollte? Da sie die Kosten übernahm, musste sie entscheiden, was mit ihm geschehen sollte.

„Ich fahre sowieso zur Schule zurück, um meinen Sohn dort anzumelden. Das wollte ich eigentlich vorhin schon tun, doch der Hund kam dazwischen. Ich werde sie bitten, dass sie Sie anruft“, schlug Nick vor.

„Ja, das wäre fein.“ Die Miene des Mannes hellte sich auf. „Ich will nur rasch prüfen, wie schwer er verletzt ist, sodass Misty weiß, was Sache ist. Sie liebt klare Aussagen und klare Antworten. Können Sie mir kurz helfen? Ich gebe ihm erst einmal eine Spritze gegen die Schmerzen, dann sehen wir weiter.“

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