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Welche Farbe hat die Angst?

Über die Autorin

  

Barbara Rose arbeitet als Kinder- und Jugendbuchautorin und Journalistin. Farben, Malerei und Musik spielten schon in ihrer Kindheit eine wichtige Rolle. Im Modeatelier ihrer Mutter lief immer Musik, die Wände hingen voller Gemälde, die Barbara Rose abzumalen versuchte. Leider mit ziemlich mäßigem Erfolg. Im Gegensatz zu ihrer älteren Schwester, die das Malen zu ihrem Beruf machte. Barbara Rose tröstete sich damit, dass sie beim Radio Sendungen für Jugendliche moderieren und die neuesten Songs hören durfte. Später begann sie, Bücher zu schreiben. Dazu hört sie oft die passende Schreibmusik. An jedem freien Platz ihres Büros hängen und stehen Bilder – in allen Größen und Variationen. Unter anderem die, die ihre Kinder für sie gemalt haben. Die Autorin wohnt mit ihrer Familie in der Nähe von Stuttgart.

Barbara Rose

WELCHE
FARBE
HAT DIE
ANGST?

BASTEI ENTERTAINMENT

Sieh dich um.

Schmecke das Lindgrün der Blätter, die an den Bäumen tanzen.
Versinke im Rubinrot der Rosen, im Taubenblau des Himmels.
Wärme dich im Goldgelb der Sonne.

1. Puderrosa

Zart. Unschuldig. Schützenswert.

»He du, warte mal. Du mit der Wuscheljacke!«

Für den Bruchteil einer Sekunde hielt Katta inne und warf einen schnellen Blick über die Schulter. Am Anfang der Treppe, die sie gerade nach oben lief, stand ein Junge mit wilden, dunkelblonden Locken und winkte aufgeregt. Katta spürte einen Anflug von Panik, der sie blitzartig durchzuckte. Meinte der etwa sie? Mit einem Ruck zog sie ihre Mohairjacke wie einen Schutzpanzer um sich, beschleunigte die Schritte und versuchte möglichst unauffällig noch einmal über ihre Schulter zu sehen, während sie rannte. So ein Mist! Der Typ hechtete jetzt mit großen Sätzen die Treppe hinauf, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Er kam genau auf sie zu.

»Jetzt warte doch mal. Du! Mit der rosa Jacke!«

Katta biss sich auf die Lippen. Verflixt, warum musste sie ausgerechnet heute diese grässliche blassrosa Jacke tragen? Damit hatte Katta ihrer Mutter eine Freude machen wollen. Eigentlich hasste sie Rosa. Und mit dem wuscheligen Ding war sie ungefähr so unauffällig wie eine Leuchtreklame in stockdunkler Nacht. Instinktiv schüttelte sich Katta, als wolle sie eine lästige Fliege loswerden, und versuchte gleichzeitig, so schnell wie möglich die Treppe hochzulaufen und in den unendlichen Gängen der Schule zu verschwinden, sich in Luft aufzulösen. Sie war schon auf der obersten Stufe angekommen, da spürte sie eine warme Hand auf der rechten Schulter.

»He, bist du taub? Du rennst ja, als wäre der Teufel persönlich hinter dir her!«

Mit einem kräftigen Druck drehte der Junge sie zu sich rum. Katta hielt den Atem an, als sie in seine jadegrünen, blitzenden Augen sah. Diese Augen waren so schön, so tief und klar, dass sie den Jungen, der jetzt dicht hinter ihr stand, nur völlig idiotisch anstarren konnte.

»Alles klar mit dir?«, fragte er.

Katta nickte verwirrt und drehte sich ganz um.

»Du bist doch Katharina, oder?«

»Katta. Ich werde Katta genannt.«

Sie legte den Kopf schief. Ihr Blick strich über sein Gesicht, wanderte von den Augen über die schmale Nase zu seinem Mund. Seine Lippen waren sanft geschwungen, dazu voll und weich. Ein perfekter Kussmund, würde ihre Freundin Melanie jetzt sagen. Katta musste lachen, als sie daran dachte.

Der Junge lachte auch. Bezaubernd und leise. »Puh, bin ich froh, dass du mich nicht umbringen willst. So hast du nämlich vorhin ausgesehen. Dabei hast du wirklich allen Grund zu lächeln«, seufzte er. »Ich habe dein Bild gesehen. Es ist toll! Du hast den Preis echt verdient. Ein Malkurs bei Josef Wild, verdammt, das ist so ziemlich das Beste, was einem passieren kann. Oh, sorry, ich hab mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Alex.«

Als ob ich das nicht wüsste, wäre Katta beinahe herausgerutscht. Unten an der Treppe hatte sie ihn noch nicht erkannt. Aber als er jetzt vor ihr stand, intensiv und frisch nach einem lässigen Duft riechend, da war ihr sofort klar, wer er war. Jeder an der Schule kannte Alex. Katta hatte ihn bisher zwar immer nur aus der Ferne oder in einer Gruppe von Leuten gesehen, aber sie wusste, dass Alex Schlagzeuger in einer Band und ziemlich beliebt war, vor allem bei den Mädchen. Einige von Kattas Freundinnen schwärmten für ihn. Katta hätte nicht im Traum daran gedacht, mal mit so einem Typen zu sprechen.

Verdattert hielt sie ihm die Hand hin: »Oh, hey Alex. Nett, dich kennenzulernen.« Hilfe! Nett dich kennenzulernen, so ein gequirlter Quatsch! Das klang ja wohl völlig daneben.

»Dein Bild«, wiederholte Alex jetzt und drückte flüchtig ihre Hand. »Es ist sensationell!«

»Hm, es ist ganz gut, glaube ich«, flüsterte Katta, damit es kein anderer hören konnte. Bestimmt hätten sie sonst alle für eine Angeberin gehalten.

Alex runzelte die Stirn. »Ganz gut? Mensch, du bist unglaublich begabt. Ich weiß, wovon ich rede. Ich hab vor zwei Jahren einen Kurs bei Josef gemacht. Aber ich male nicht annähernd so gut!«

Später würde sich Katta noch oft an diese Szene auf der Treppe erinnern. An ihre Nervosität und an sein Lächeln aus so unglaublich grünen Augen, dass sie vom Anblick betrunken wurde. An seine weiche Stimme, zart wie eine sanfte Berührung, seinen Geruch und an seine Einschätzung ihres Bildes. Dieses wunderbar ehrliche Lob, das alles in ihrem Leben veränderte.

»Du malst?« Katta versuchte sich Alex mit einem Pinsel in der Hand und Tuben voll Ölfarben vor einer Leinwand vorzustellen. Aber das Bild wollte nicht in ihren Kopf. Sie sah immer nur diesen durchtrainierten Kerl vor sich, mit ausgewaschener Jeans und weißem T-Shirt.

Alex lachte laut auf. »Hallo? Suchst du gerade nach den Farbflecken? Tut mir leid, meinen Kittel habe ich heute ausnahmsweise zu Hause gelassen.« Er sah Katta in die Augen und legte theatralisch den Finger an die Lippen. »Ich weiß, ich sollte eine Baskenmütze tragen oder mindestens lange, fettige Haare haben. Oder einen Vollbart und Nerdbrille. Dazu am besten ein total grelles Outfit oder … hm, mehr fällt mir grade nicht ein. Aber so ähnlich stellst du dir doch einen Typen vor, der ab und zu eine Leinwand bepinselt, oder?«

Katta musste lachen. »Ertappt. Was malst du denn? Also, welche Technik, meine ich.«

Alex legte den Rucksack ab, der die ganze Zeit über seiner Schulter gehangen hatte. »Pastellkreide.« Er grinste. »Hättest du nicht gedacht, was? Aber ich mag es, wenn ich die Farben so richtig an den Händen spüre, sie mit den Fingern verwischen kann, wenn ich das raue Papier fühle, wenn … äh, ich quatsche zu viel, stimmt’s?«

Katta zuckte mit den Schultern. »Ich höre dir gern zu.«

»Trotzdem. Es geht ja nicht um mich, sondern um dich und dein Bild. Und den Kurs bei Josef in Goldbach. Also, wann fährst du?«

»Ich weiß noch gar nicht, ob ich mitmache. Ich … äh … ich habe noch nicht mit meinen Eltern gesprochen. Und … vielleicht kann ich gar nicht, weil …«

Alex schüttelte heftig den Kopf. »Deine Eltern müssen es dir erlauben. Du musst dahin, wirklich. Du musst!«

Verlegen knabberte Katta an ihrem Daumennagel. Was sollte sie darauf bloß antworten? Zu gern würde sie in zehn Tagen den Kurs bei dem berühmten Maler Josef Wild machen. Der Zeitpunkt war genial, sie würde gerade mal zwei Schultage verlieren, und dann wären schon Sommerferien. Fünf Tage nichts als Leinwände und Papier, Acrylfarben, Pinsel und Schwämme, der sinnliche Duft nach Ölfarbe, würzigem Leinöl, der scharfe Geruch von Terpentin. Katta seufzte. Aber ihr Vater würde das nie erlauben. Der hatte längst die Reise nach Italien geplant. Ins Haus von Carlo, seinem alten Geschäftsfreund. Allein der Gedanke an Carlo Wötzel ließ sie innerlich würgen. Bloß nicht an den Typen denken. Nicht jetzt!

»Mein Vater hat eigentlich schon einen Urlaub mit meiner Mutter und mir gebucht, das mit dem Kurs kommt irgendwie total blöd.«

»Ist doch scheißegal, lass die beiden fahren, du kannst auch allein zum Kurs, alt genug bist du ja wohl …?«

»Bald sechzehn«, murmelte Katta verlegen.

»Siehst du. Ich kann dir in Goldbach eine Adresse vermitteln, wo du wohnen kannst. Total nette Leute. Die haben immer ein Zimmer frei.«

Aber Katta schüttelte nur den Kopf. »Du weißt nicht, wie mein Vater ist, das erlaubt der nie. Ich alleine! Und dann noch etwas Künstlerisches. Dem reicht es schon, dass er zu Hause meine Mutter sitzen hat, die …«

Sie brach ab und biss sich auf die Lippen. Verrückt, wie kam sie eigentlich dazu, diesem fremden Typen so viel von sich anzuvertrauen?

»Hast du Lust, in der Kantine eine Cola zu trinken? Dann erzähle ich dir von Josefs Kurs.« Alex sah Katta an. Seine Augen strahlten wie kleine Sterne.

Ihre Hände wurden feucht, hektische Flecken bildeten sich an ihrem Hals. Katta spürte, wie die Aufregung von ihrem Körper Besitz nahm. Auch dafür hasste sie sich.

»Kann nicht. Ich muss los«, log sie, denn auf dem Vertretungsplan hatte sie längst gesehen, dass der Nachmittagsunterricht heute ausfiel. »Bio. Wir schreiben eine Bioarbeit. Jetzt.« Sie beobachtete, wie sich sein Gesicht verdunkelte.

»Na, dann nicht. Vielleicht ein anderes Mal.« Alex klang plötzlich mürrisch und leicht genervt. Er hob die Hand, rannte die Treppe hinunter und verschwand um die Ecke.

Mist, dachte Katta, Mist, Mist, Mist. Ich Idiot! Wieder ein Gespräch versiebt, das passierte ihr dauernd. Katta war zum Heulen zumute. Zu Hause rannte sie die Treppe hoch in ihr Zimmer, schleuderte den Rucksack in die Ecke und vergrub sich unter ihrer Bettdecke.

2. Aschgrau

Dunkler als Weiß. Heller als Schwarz. Unentschieden.

Als Katta erwachte, war der Himmel wolkenverhangen, die Bäume standen wie dunkle Schatten vor dem Fenster. Ein kräftiger Wind ließ Äste und Blätter erzittern. Das Geräusch erinnerte Katta an das Klappern von Kastagnetten. Ein kühler Luftzug wehte durch das offene Fenster, es roch nach Gewitter. Katta strich sich eine feuchte Haarsträhne aus dem Gesicht und sah auf ihre Armbanduhr. Fast fünf. Sie hatte drei Stunden geschlafen! Und geträumt, wild und intensiv geträumt. Ganz deutlich hatte sie mehrere Personen vor sich gesehen, aber je verbissener sie darüber nachdachte, desto weniger konnte sie sich die Gesichter wieder ins Gedächtnis rufen. An was sie sich aber noch gut erinnerte, war ein Bach. Kein sanftes Rinnsal, sondern wildes, strudelndes Wasser. Eine Brücke hatte genau über die Stelle geführt, an welcher der Bach einen unglaublich kräftigen Sog entwickelte. Hatte sie auf dieser Brücke gestanden? War sie vielleicht genau dort ins Wasser gefallen? Katta zog die Beine an, sie fröstelte. Ihr T-Shirt unter der warmen Mohairjacke war komplett durchgeschwitzt, die Hose klebte wie eine zweite Haut an ihr. Sie träumte häufig, eigentlich fast jede Nacht. Früher war sie oft schreiend und weinend aufgewacht und konnte lange nicht mehr einschlafen.

Einmal hatte sie einige Male hintereinander davon geträumt, dass Gulliver, ihr geliebtes Meerschweinchen, das zu dieser Zeit schon ziemlich alt und krank war, gestorben sei. Als Gulliver wenige Tage später tatsächlich tot in seinem Käfig lag, weigerte sich Katta für lange Zeit, abends ins Bett zu gehen, und hielt krampfhaft die Augen geöffnet. Wochenlang legte sie sich einfach im Schlafanzug zwischen ihre Eltern auf das große Sofa im Wohnzimmer, bis ihr vor Müdigkeit die Augen zufielen. Doch auch hier, in Gesellschaft, waren die nächtlichen Bilder immer wiedergekommen.

Ihr Vater hatte sie deshalb schon als achtjähriges Kind ziemlich genervt zu einem Psychoanalytiker geschleppt, aber der hatte nur ganz pragmatisch festgestellt, dass Katta ein völlig normales Mädchen sei, um das man sich keine großen Sorgen machen müsse. Träume gehörten zu Entwicklung, hatte er erklärt, und Kattas Vater war wutschnaubend mit seiner Tochter im Schlepptau aus der Praxis gerauscht. Auch wenn er es nicht zugeben wollte, machte er sich große Sorgen um seine Tochter. Sein einziges Kind, sein Augenstern. Doch er konnte seine Gefühle nicht in Worte fassen, damals nicht und heute immer noch nicht. Und er war viel zu beherrscht, um Katta einfach in den Arm zu nehmen und ihr auf diese Weise Sicherheit und Zuversicht zu vermitteln.

Ihre Mutter dagegen hatte in vielen Nächten ihre Decke gepackt und sich zu Katta ins Bett gelegt, Bauch und Oberschenkel ganz eng an den Rücken und ihre Beine gepresst. Löffelliegen nannte sie das, und Katta hatte es geliebt, mit der weichen Hand ihrer Mutter auf dem Kopf und ihrem Körper als Schutz gegen böse Träume einzuschlafen.

Zwei Jahre später machte eine Zeichenlehrerin in der Grundschule Kattas Eltern auf das Talent der Tochter aufmerksam, Katta begann zu malen, und die Träume wurden weicher, bunter, sie waren nicht mehr so dunkel und angsteinflößend.

Katta setzte sich mit einem Ruck im Bett auf. Jetzt wusste sie es wieder: Alex, der Junge aus der Schule, hatte in ihrem Traum auch eine Rolle gespielt. Aber da war noch ein Mädchen gewesen, Katta versuchte mit aller Macht, ihr Bild wieder hervorzurufen. Klein und zierlich war sie, mit elfenbeinfarbener Haut und kurzen blonden Haaren. Katta überlegte. Kannte sie dieses Mädchen? Vielleicht aus der Schule? Aber ihr wollte niemand einfallen. Egal, vielleicht erinnerte sie sich noch. Das Bild des Jungen gefiel ihr sowieso viel besser, das Bild von Alex.

Katta kicherte und angelte sich ein paar frische Klamotten aus dem Schrank, die rosa Mohairjacke, die Jeans und das feuchte T-Shirt warf sie achtlos auf den Schreibtischstuhl, dann hüpfte sie pfeifend die Treppe hinunter ins Wohnzimmer.

Ihre Mutter saß mit angewinkelten Beinen auf dem Sofa und starrte hypnotisiert auf den Fernseher. Wehmütige klassische Musik floss aus den Boxen und verwandelte den Raum in einen Konzertsaal. Zwei Tänzerinnen schwebten auf dem Bildschirm über eine riesige Bühne, die in ein warmes Orange getaucht war.

Katta hörte auf zu pfeifen und blieb auf der untersten Treppenstufe stehen. Die Szene wirkte wie die Fotografie in einem Modemagazin, schoss es ihr durch den Kopf: die samtig graue Hose, die sich um die schlanken Beine ihrer Mutter schmiegte, der weiße Pullover, der ihre schmale Figur umhüllte. Dazu die kastanienroten Haare, zu einem Dutt aufgesteckt, aus dem sich ein paar Strähnen gelöst hatten. Zu schade, dass sie die Haare immer so streng nach hinten kämmt, dachte Katta wieder einmal und wuschelte sich gedankenverloren eine Haarsträhne um den Finger. Eine alte Gewohnheit, wenn sie nervös war oder ihren Gedanken nachhing. Katta hatte zwar die gleiche rote Mähne wie ihre Mutter, bei ihr fielen die Haare allerdings glatt und seidig auf die Schultern. Auch sonst gab es einige Unterschiede zwischen Mutter und Tochter. Ida war groß, sehr dünn und hatte ein Gesicht, das jeden Betrachter sofort an eine dieser Sammlerpuppen aus Porzellan erinnerte, die vor allem bei älteren Leuten zur Zierde auf Sofakissen oder Fensterbänken sitzen: Schmollmund, große, dunkelbraune Murmelaugen, kleine Nase. Sich selbst fand Katta dagegen völlig durchschnittlich, mittelhübsch, mittelgroß und schlank, aber keineswegs dünn, und ihr leicht gebräuntes Gesicht war voller Sommersprossen.

Katta hielt ihre Hände trichterförmig vor den Mund und brüllte gegen die Musik an: »He, Vögelchen, gibt es in diesem Haus auch etwas zu essen, oder ernährst du dich nur von Körnerfutter?«

»Katta, na endlich!« Ihre Mutter drehte sich um und lächelte. »Ich habe schon gedacht, du willst gar nicht mehr aufstehen. Schau mal, meine Kollegen haben mir einen Mitschnitt von den Proben für ihr neues Stück geschickt. Ich könnte vor Neid platzen!«

Katta seufzte. »Deine Exkollegen, Mum, du bist keine Tänzerin mehr. Kannst du nicht mal damit aufhören, dir ständig diese Filme anzutun?«

Ida sah ihre Tochter irritiert an. »Ich kann nicht damit aufhören. Das Tanzen, die Musik, das ist meine Welt. Auch du wirst bestimmt nie aufhören zu malen, Katta. Eine echte Leidenschaft steckt in einem drin, lässt einen nie mehr los, niemals!«

»Ach, Mum! Ich will doch nur, dass du nicht immer so traurig bist, weil du nicht mehr auftrittst.«

Bis zu Kattas Geburt war Ida Voss eine bekannte Balletttänzerin gewesen, hatte auf großen Bühnen getanzt und mit den besten Choreografen gearbeitet. Bei einer Premierenfeier hatte sie Kattas Vater kennengelernt, Gregor Voss, Kunstliebhaber und Besitzer eines großen Sanitär-Betriebes. Die bildhübsche Ida und der smarte Gregor, die beiden waren ein Traumpaar, und schon nach einem halben Jahr feierten sie Hochzeit. Kurze Zeit später, Katta war gerade zur Welt gekommen, ging das Ensemble ihrer Mutter auf große Tournee, doch Ida war nicht mehr dabei. Der Leiter der Truppe hatte ihr telefonisch zu verstehen gegeben, dass sich Kind und Karriere nicht vereinbaren ließen. Ida war am Boden zerstört.

Gregor hatte sofort versucht, seiner Frau andere Engagements zu vermitteln, auf Bühnen in der näheren Umgebung. Aber das hatte Ida mit Hinweis auf ihre frühere Bedeutung abgelehnt. Seitdem war sie nicht mehr aufgetreten.

Jetzt packte sie energisch die Fernbedienung und drückte auf die Pausentaste. »Ist schon okay, ich habe ja jetzt zumindest mein Häkelkränzchen, wie dein Vater immer so schön sagt.«

Als Katta zwölf war und ihrer Mutter so langsam vor Langeweile die Decke auf den Kopf fiel, nahm sie für ein paar Stunden in der Woche einen Job als Handarbeitslehrerin an einer Privatschule an, die von einer Freundin geleitet wurde. Ihr Mann freute sich über diese neue Beschäftigung, wenn er sie auch nicht ganz ernst nehmen konnte. Von nun an stellte er seine Frau jedem Gast als seine Strickliesel vor, und er konnte es auch nicht lassen, sie ständig mit kleinen Bemerkungen über ihre Arbeit aufzuziehen.

Ida hielt einen halb fertig gestrickten Pullover in Taubenblau in die Höhe. »Gefällt er dir?«

Katta verdrehte die Augen. »Boah, mal ganz im Ernst, Mum, warum muss ich eigentlich immer wie ein Baby rumlaufen? In Rosa, Himmelblau oder Mintgrün? Geht es nicht mal in Grau, damit fällt man wenigstens nicht auf. Von meinem nächsten Taschengeld kaufe ich mir eine schwarze Lederjacke und Biker Boots, ich schwör’s!«

»Untersteh dich! Möchtest du etwa, dass die Leute glauben, dir – und ganz nebenbei auch mir – sei es egal, wie du rumläufst?«

Katta öffnete den Mund, um etwas zu erwidern. Aber dann schluckte sie es lieber hinunter. Ihre Mutter würde sowieso nicht verstehen, dass Mode, Schminke, all dieser Klimbim, den Ida täglich betrieb, Katta längst nicht so viel bedeutete. Aber darüber hatten sie schon oft gestritten, das Thema war durch. Zumindest für Katta.

»Was ist denn jetzt mit dem Essen, Mum? Ich hab ein totales Loch im Bauch!«

»Na, jetzt können wir gerade noch abwarten, bis dein Vater kommt. Dann gibt es Abendessen, okay?«

»Meinetwegen.« Katta ließ sich neben ihre Mutter aufs Sofa plumpsen. »Kann ich was mit dir besprechen?«

»Hm, ich würde gerne erst meinen Film fertig sehen. Später ist doch immer noch Zeit, Schätzchen.«

Katta schnaubte. »Nee, dann ist keine Zeit mehr. Es hat mit den Ferien zu tun. Und es muss jetzt entschieden werden, am besten, bevor Papa kommt. Es geht um einen Malkurs, den ich machen könnte, und es ist wichtig!«

»Habe ich da gerade etwas von einem Ferien-Malkurs gehört?« Eine dunkle Stimme unterbrach das gerade begonnene Gespräch. Kattas Vater stand plötzlich neben dem Sofa, wuschelte seiner Tochter sanft übers Haar und hauchte seiner Frau einen Kuss auf die Wange. »Du weißt doch, dass wir unseren Urlaub wie jedes Jahr in Italien verbringen, Katharina. Ich habe alles schon fest ausgemacht.«

»Das verstehst du nicht, Gregor«, sagte Kattas Mutter, »hier geht es um künstlerische Ambitionen.«

Katta zuckte genervt mit den Schultern, ihr Vater hob die Augenbrauen: »Und ob ich das verstehe, meine liebe Ida. Unser ganzes Leben dreht sich um sogenannte künstlerische Ambitionen. Deine künstlerischen Ambitionen, wohlgemerkt.« Ruckartig band er sich die Krawatte ab, zog das Sakko aus und warf beides auf einen Sessel. »Und jetzt habe ich Hunger. Können wir drei das Ganze beim Essen besprechen?«

Das Letzte, was Katta vernahm, bevor sie in ihr Zimmer flüchtete und die Tür hinter sich zuknallte, war das Klirren von Gläsern und die schrillen Schreie ihrer Mutter. Während des gesamten Abendessens hatten sich ihre Eltern heftig gestritten. Dass Katta den Schulwettbewerb und damit einen Ferienkurs bei dem renommierten Maler Josef Wild gewonnen hatte, war nur der Auslöser für eine Auseinandersetzung, die Katta schon häufig miterlebt hatte und die ihre Eltern immer wieder und ziemlich lautstark führten: Berufung gegen Beruf. Oder – wie Katta es für sich weniger kompliziert ausdrückte – Bauch gegen Kopf. Auch die Worte ihrer Mutter hatte sie bereits tausendmal in immer neuen Variationen gehört, und obwohl sie ihr in manchen Punkten recht gab, nervte Katta es doch, wie übertrieben Ida sich ausdrückte: »Warum kannst du nicht ertragen, wenn jemand für etwas brennt? Deine Tochter ist begabt, sie ist eine Künstlerin wie ich, nun lass sie ihre Leidenschaft doch endlich leben!«

»Was du für unsere Tochter willst, ist eine Zukunft voll bunter Seifenblasen. Was ich für sie will, ist Zufriedenheit«, hatte Kattas Vater geantwortet. Ruhig und beherrscht, obwohl er innerlich schäumte, das erkannte Katta an den roten Flecken an seinem Hals.

Sie war ihrem Vater für seine Worte nicht böse. Er liebte Ballett, Theater, Malerei und gab im Namen seiner Firma viel Geld aus, um Projekte von jungen Künstlern aus dem Umkreis zu fördern, aber er wollte auf keinen Fall, dass seine Tochter sich in dieser schillernden Welt so verlor, wie er es bei seiner Frau empfand.

Mit dem Bild von den Seifenblasen im Kopf zog Katta sich in ihr Zimmer zurück und schloss die Tür ab. Mit einer Hand griff sie sich ihren iPod aus der Schultasche, mit der anderen setzte sie die Kopfhörer auf und drehte die Musik so laut, dass sie mit Sicherheit alle anderen Geräusche schluckte. Ein weiterer Handgriff, Katta angelte einen Bogen Papier aus der untersten Schreibtischschublade und brachte eilig eine Skizze zu Papier. Zart schillernde Kugeln in sanften Farbnuancen: Vanillegelb, Pistaziengrün, Himmelblau, Flieder und Aprikose. Als Katta fertig war, sah sie ihre Hände an. Sie hatte mit Pastellkreide gemalt, buntes Farbpulver klebte wie das Magnesiumcarbonat, mit dem sie sich beim Geräteturnen im Schulsport die Hände einreiben musste, an ihren Fingerspitzen, unter den Nägeln und auf den Handflächen. Alex’ Bemerkung fiel ihr wieder ein: Ich mag es, wenn ich die Farben so richtig an den Händen spüre, sie mit den Fingern verwischen kann, wenn ich das raue Papier fühle. Dazu sein Grinsen, der Blick aus diesen grünen Augen. Unwillkürlich musste Katta lächeln. Sie lächelte beim Ausziehen, sie lächelte beim Abschrubben der Kreide von ihren Händen, beim Waschen und Zähneputzen. Lächelnd schlief sie schließlich ein.

3. Lichtblau

Feeling blue

Die letzten Tage in der Schule verliefen ereignislos. Katta hatte gehofft, Alex noch einmal zu treffen und ihn damit überraschen zu können, dass sie nun doch nach Goldbach zu Josef Wild fuhr. Vor dem Spiegel hatte sie sogar ein paar Sätze geübt. Ganz beiläufig sollten sie klingen, und dieses Mal wollte sie vorschlagen, ob sie gemeinsam in der Schulkantine etwas trinken und über den Kurs quatschen könnten. Aber Alex war wie vom Erdboden verschwunden.

Am Tag der Abreise war Katta schon um fünf Uhr wach. Unruhig wälzte sie sich in ihrem Bett hin und her. Hatte sie auch alles eingepackt? Oben auf dem zerbeulten Metallkoffer lagen ihr Handy, die Digitalkamera und der Laptop. Damit sie auf jeden Fall und überall bequem ins Internet konnte, um mit ihren Freunden zu chatten und Mails an ihre Eltern zu schicken, hatte Kattas Vater seiner Tochter eilig einen Surfstick besorgt. Immerhin wollte er selbst auch auf dem Laufenden gehalten werden, und die kryptischen Botschaften von Handy zu Handy nervten ihn. Daneben, auf ihrer aubergineroten Schultertasche, lag bereits Kattas zerfleddertes Malbuch, in dem sie Farbstimmungen, gepresste Blätter, Blumen und Fotos sammelte und neue Farbkombinationen ausprobierte. Auch ihre Skizzenblöcke samt Bleistiften in verschiedenen Stärken hatte sie bereitgelegt. Am Morgen musste sie ihre Schätze nur noch in die Tasche stopfen, damit sie jederzeit griffbereit waren. Im Koffer hatte sie verschiedene Pinsel und ihre heißgeliebte Porzellanpalette mit dem zart bemalten Deckel verstaut, die ihr Vater von einer Geschäftsreise nach China mitgebracht hatte. Dazu zwei Jacken, ihre Lieblingsjeans, ein paar einfache T-Shirts und Sommerkleider mit Spaghettiträgern, die blauen Chucks mit Löchern und ein paar verwaschene Hemden, die beim Malen ordentlich dreckig werden konnten. Nie im Leben würde Katta einen dieser dämlichen Kittel anziehen! Auch nicht bei einem Malkurs.

Schlafwarm schälte sie sich unter ihrer Decke hervor, lief auf nackten Füßen zum Fenster, öffnete die Gardinen und legte sich wieder in die warme Kuhle, die ihr schmaler Körper in die Matratze gedrückt hatte. Versonnen beobachtete sie, wie der Tag erwachte. Diese blaue Stunde, die Zeit der Morgendämmerung, den fließenden Übergang zwischen nächtlicher Dunkelheit und Sonnenaufgang liebte Katta besonders. In diesen Momenten erschien ihr die Natur wie mit Weichzeichner aufgenommen, von beinahe mystischer Stimmung. Das berühmte Bild Impression, Sonnenaufgang von Claude Monet erschien plötzlich vor ihrem inneren Auge, scharf und klar wie eine Fotografie. Katta erinnerte sich noch genau an den Tag, als ihre Kunstlehrerin Luise Nagel, die von allen an der Schule liebevoll Luna genannt wurde, im Unterricht jedem Schüler eine Farbkopie von Monets Werk ausgeteilt hatte. Dazu hatte sie sehr plastisch die Geschichte des Bildes erzählt, das einer ganzen Bewegung den Namen gab. Wie Monet für die neue Stilrichtung nicht gelobt, sondern von den Kritikern verrissen und verspottet wurde, weil er sich mit seinen Werken vom Zeitgeschmack löste, den damals die einflussreichen und traditionellen Kunstakademien vorgaben. Ihre Lehrerin hatte berichtet, dass damit bei Monet, wie bei vielen anderen Künstlern auch, der wirtschaftliche Erfolg ausblieb. Katta konnte Monets Werk trotz Mitleidsbonus zunächst nichts abgewinnen, und auch die meisten ihrer Mitschüler fanden es doof. Blass, nichtssagend. Der Hafen von Le Havre, einer Küstenstadt in der Normandie, war darauf zu sehen, gezeichnet mit kleinen, kurzen Pinselstrichen. Im Hintergrund größere Schiffe und Industrieanlagen, die im Graublau des Nebels zu verschwinden schienen, im Vordergrund skizzenhaft gezeichnete Fischerboote in Violett und Blau, überstrahlt vom orangefarbenen Licht der aufgehenden Sonne, das sich im Wasser spiegelte.

Einige Tage später hatte Katta die Kopie noch einmal hervorgezogen, in Ruhe angesehen und auf sich wirken lassen. Erst da hatte sie festgestellt, dass der Maler genau die Ungenauigkeit, die den Morgen ausmachte, nicht einfach gemalt, sondern beinahe hingehaucht hatte. Katta erkannte, dass Monets Werk auf wunderbare Weise den verschwommenen Seheindruck am frühen Morgen spiegelte. Seither liebte sie das Bild, es klebte säuberlich zusammengefaltet in ihrem Malbuch. An einem Nachmittag war Katta sogar so mutig gewesen, ihrer Kunstlehrerin für die Kopie zu danken. In den folgenden Wochen hatten sich Luna und sie immer wieder nach Unterrichtsende über Malerei unterhalten. So war Luna auch auf die Idee gekommen, Katta zu fragen, ob sie eins ihrer Bilder zu einem Malwettbewerb einreichen dürfte, denn Katta selbst hätte so etwas nie gewagt. Umso mehr freute Katta sich nun, dass Luna ihre Fähigkeiten wohl richtig eingeschätzt hatte. Sie bekam den Hauptpreis zugesprochen, einen fünftägigen Malkurs.

Als der Wecker kurz nach sechs Uhr zeigte, glitt Katta aus dem Bett, schnappte sich ihre Jeans, ihren Lieblings-Kapuzenpulli, frische Unterwäsche und lief ins Bad. Katzenwäsche musste für heute reichen. Sie war viel zu aufgeregt, um sich irgendwie zu stylen. Duschen konnte sie auch noch am Mittag, nach der Fahrt, wenn sie in dem kleinen Hotel in Goldbach angekommen war, das sie mit ihrer Mutter im Internet entdeckt und für die Zeit des Kurses gebucht hatte. Ida hatte es sich nicht ausreden lassen, sich ebenfalls für eine Nacht im reservierten Doppelzimmer einzuquartieren, um sich gemeinsam mit ihrer Tochter bei Josef Wild vorzustellen.

Außerdem wollte sie persönlich mit den Hotelbesitzern regeln, dass ihre Tochter abends spätestens um zehn Uhr im Hotel sein musste. Allein.

Statt Frühstück trank Katta ein paar Schlucke Orangensaft direkt aus der Packung und wischte sich mit dem Handrücken die Lippen ab, was ihr gleich mehrere missbilligende Blicke ihrer Mutter einbrachte.

Ida saß wie aus dem Ei gepellt am Frühstückstisch, ihre roten Haare bildeten einen scharfen Kontrast zur schwarzen Bluse und der Hose, die sie für die Reise ausgewählt hatte. Ihren entschlossenen Gesichtsausdruck, der keine Widerrede erlaubte, kannte Katta. Er verhieß nichts Gutes. Bestimmt würden stundenlange Mutter-Tochter-Diskussionen über anständiges Verhalten, korrektes Auftreten, Höflichkeit und gutes Aussehen folgen.

Kattas Vater ließ sich an diesem Tag extra eine Stunde später von seinem Fahrer abholen, um seine Tochter zu verabschieden. Auf ihren Teller hatte er einen Umschlag gelegt, in dem sich ein absurd hoher Geldbetrag für die Reise befand, außerdem eine kleine Botschaft: Ich freue mich für dich. Nutze die Zeit!

Katta strahlte ihn dankbar an, ihr Vater lächelte zurück. Aber an seinem wehmütigen Blick konnte sie erkennen, welche Überwindung ihn diese Zusage gekostet hatte.

Nachdem Ida ihrer Tochter während der gesamten Fahrt auf der Autobahn von einem Zeitungsartikel vorgeplappert hatte, in dem es um ein angeblich sensationelles Theaterstück in Hamburg ging, bogen sie endlich ab auf eine einsame Landstraße. Mit halb geschlossenen Augen lehnte Katta am Fenster, die Beine eng an den Bauch gepresst und mit beiden Armen umschlungen. Sie fühlte sich furchtbar. Ein bisschen wie damals, als sie bei ihrer Konfirmation im schwarzen Minikleid und mit viel zu hohen Hacken den Weg vom Gemeindesaal zur Kirche bewältigen musste. Zehn Meter Kopfsteinpflaster, zehn Meter Holperstrecke, eine Qual.

»Süße, du bist ja ganz blass, was ist los?«, fragte Ida und fuhr langsamer.

Katta ließ das Fenster hinunter. »Kein Problem, fahr weiter. Ich habe nur … ich muss nur mal durchatmen. Die Luft hier drin ist echt zum Kotzen, sorry!«

In ihrem Kopf tobte die Angst wie ein heftiger Sturm. Sie hielt das Gesicht aus dem Fenster. Der Fahrtwind und die frische Luft taten ihr gut, die Enge in ihrem Oberkörper verschwand, nur dieser Druck auf den Magen wollte nicht weggehen. Am liebsten hätte sie ihrer Mutter die Wahrheit gesagt und ihre Gefühle rausgelassen: Du, Mum, ich hab eine Scheißangst. Alleine an diesem einsamen Ort zu bleiben, diesen Kurs zu machen, bei einem wildfremden Typen. Vielleicht findet der, dass ich ganz gruselig male. Bestimmt wird alles furchtbar!

Genau das wäre Katta gerne losgeworden, aber sie kannte schon die Reaktion. Ihre Mutter würde ihr mit hochgezogenen Augenbrauen zum x-ten Mal von ihren Bühnenauftritten erzählen, von damals, als sie jung war, nicht viel älter als Katta, und in jeder fremden Stadt, auf jeder fremden Bühne und vor wildfremden Menschen ihr Bestes gegeben und Selbstbewusstsein ausgestrahlt hatte. Weil es sein musste. Katta hasste diesen Anspruch, nie einen noch so kleinen Fehler machen zu dürfen. Sie hasste das Gefühl, Angst zu haben, nicht perfekt zu sein.

Der Geruch von Regen hing in der Luft, obwohl die Straße nur noch an einigen Stellen feucht war, aber an den tiefen Pfützen rechts und links konnte Katta erkennen, dass es vor kurzer Zeit heftig geschüttet haben musste. Sie sah sich um. Dutzende von Hängebirken bildeten eine Allee, ihre Äste hingen Richtung Auto, als wollten sie wie stumme Diener den Weg weisen. Der Himmel war wolkenlos, nur ab und zu huschte ein Sonnenstrahl durch das dichte Blätterdach und erzeugte eine ungewöhnliche grün-blaue Lichtstimmung, ein Gefühl von Leichtigkeit und Transparenz. Nach einigen Minuten wandelte sich das Licht wieder, die Sonne drang stärker durch, und aus dem dunklen Khaki der Blätter wurde ein strahlendes Maigrün. Katta lächelte versonnen. Solche Schauspiele der Natur beruhigten sie und gaben ihr das sichere Gefühl, dass alles nach einem bestimmten Plan vor sich ging. Auch in ihrem Leben.

»So, genug frische Luft geatmet«, unterbrach Ida die Träumerei ihrer Tochter und trat aufs Gaspedal. »Fenster bitte zu! In drei Kilometern sind wir da, zeigt das Navi an.«

Mit viel zu hoher Geschwindigkeit raste Ida über die Alleestraße, ihre schmalen Finger machten sich nebenbei am Radio zu schaffen und zappten durch die Kanäle. »Was für eine grottenschlechte Musik. Ein Glück, dass ich meine eigene dabeihabe. Wo steckt das blöde Ding denn nur?« Mit einer Hand ließ sie das Lenkrad los, fummelte an ihrer Ledertasche herum und angelte eine CD heraus.

»Guck du mal lieber nach vorne«, schimpfte Katta. »Kann ich dir irgendwie helfen?«

»Nein, kannst du nicht«, blaffte ihre Mutter zurück und hob den Kopf. Ihre Augen weiteten sich vor Schreck. »Verdammter Mist, ich habe das Stoppschild übersehen. Wo kommt der denn jetzt her?«

Katta folgte ihrem Blick und nahm noch aus den Augenwinkeln wahr, wie ein Radfahrer Sekunden vor dem eigentlich unvermeidlichen Zusammenprall sein Rad herumriss, an ihrem Auto vorbeischoss und verärgert die geballte Faust in die Luft hob. Gleichzeitig spürte sie, dass ihre Mutter mit voller Kraft aufs Bremspedal trat. Kattas Kopf wurde mit einem Schlag gegen die Lehne gepresst. Dann ging alles rasend schnell: Metall krachte, Holz splitterte. Katta sah plötzlich mehrere Dinge auf einmal, wie in Zeitlupe. Den schweren Ast am Straßenrand, gegen den das Auto geprallt war, ihre Mutter, die hysterisch schluchzend über dem Steuer hing, und den Radfahrer, der mit rasendem Tempo in einen Waldweg einbog und hastig über die Schulter lugte. Kattas Atem ging schnell und flach.

Sie hätte schwören können, dass es Alex war.

4. Gold

Verborgene Schätze. Geheimnisse.

Fast zwei Stunden später als geplant rumpelte der verbeulte Wagen mit Katta und ihrer Mutter ins Dorf. Mehr als Tempo 30 gab das Auto nach dem Unfall nicht mehr her, die Stoßstange hing knapp über dem Asphalt, die Fahrertür war eingedrückt wie eine Konservenbüchse, die Frontscheibe voller Risse. Demnächst würde sie mit Sicherheit in tausend Scherben zerbröseln. Kattas Mutter hätte sich am liebsten mit dicker Sonnenbrille und Perücke unkenntlich gemacht, so peinlich war ihr die Sache. Katta war lediglich aschfahl im Gesicht, zu ihrem eigenen Erstaunen aber ansonsten völlig ruhig.

Kurz nach dem Unfall hatte sie sich erst mal um ihre vollkommen aufgelöste Mutter gekümmert. Glück gehabt! Bis auf ein paar Schrammen und blaue Flecken war beiden nichts passiert.

»Ist doch nur Blech, Mum«, hatte Katta ihre Mutter getröstet. »Es hätte auch ganz anders ausgehen können. Für uns oder den Typen auf dem Fahrrad.«

Ida stand unter Schock, außer einem Nicken hatte sie keine Regung gezeigt. Katta dagegen war so erleichtert, dass sie über die völlig absurde Situation schon wieder lachen konnte. Neben den Schäden an Karosserie und Scheibe hatte nämlich auch das Navigationsgerät einen Schlag abgekriegt. Sie haben Ihr Ziel erreicht. Sie haben Ihr Ziel erreicht. Sie haben Ihr Ziel erreicht hatte die Frauenstimme pausenlos in die Stille gequäkt, bis Katta den Stecker gezogen hatte.

Inzwischen war es längst Mittagszeit, die Sonne stand hoch am Himmel, die Luft flimmerte vor Hitze. Katta reckte sich aus dem Autofenster, um das Dorf besser sehen zu können. Die Gassen waren menschenleer, ein paar träge Katzen räkelten sich im Schatten der Bäume. An den Fenstern der Häuser in der Hauptstraße, durch die das Auto kroch, waren die Jalousien heruntergelassen. Im ganzen Ort war es still, unheimlich still. Nur ab und zu ließ eine Windbö summend ein paar trockene Blätter durch die Luft tanzen.

»Kommt mir vor wie eine Geisterstadt«, brummte Kattas Mutter. »Ob wir da wohl irgendwo etwas zum Essen bekommen? Oder wenigstens eine Tasse Kaffee?«

»Sieht schlecht aus.« Katta deutete auf die Eingangstür eines kleinen Lebensmittelgeschäftes. Mittagspause stand auf dem leicht eingestaubten Schild, das dort baumelte. Auch die Bäckerei, an der sie vorbeikamen, war geschlossen.

»Was haben die denn für merkwürdige Öffnungszeiten?«, meinte Kattas Mutter. »Mittagspause. Das gibt es aber nur noch in der völligen Einöde.«

»Danke, Mum, du machst mir echt Mut«, stöhnte Katta.

»Tut mir leid, so war das nicht gemeint. Sicher bekommen wir im Hotel etwas. Schau mal, das sieht doch ganz nett aus!«

Das Hotel beim Goldbach wirkte wie ein Gemälde aus längst vergangener Zeit. Mit den vielen Erkern, der weißen Veranda, den meerblauen Klappläden vor den Fenstern und den purpurroten Rosen, die sich üppig an einem Spalier über dem Eingang und an der Hauswand wanden, passte es überhaupt nicht in das einfache Dorf mit seinen Backsteinhäusern, Blumenkästen und Jägerzäunen.

»Sieht viel besser aus als auf dem Foto im Internet. Ein bisschen wie das Märchenschloss von Dornröschen«, fand Katta.

Ihre Mutter zuckte mit den Schultern. »Solange du dich hier nicht in einen Tiefschlaf fallen oder vom Prinzen wachküssen lässt, ist mir alles recht.«

Katta verdrehte die Augen und schwieg.

Ida parkte den Wagen neben der schmalen Kiesauffahrt. »So. Und jetzt brauche ich sofort eine Dusche!«

Sie holte ihre Tasche und ihre Schminkbox aus dem Kofferraum, drückte Katta den Metallkoffer in die Hand und rauschte zur Eingangstür hinein. Hinter einer massiven Holztheke stand ein sympathisch aussehender, nicht mehr ganz junger Mann mit dunkelblauem Pulli über dem weißen Hemd, modischer Hornbrille, Bart und Seitenscheitel.

»Willkommen, Sie müssen Ida und Katharina Voss sein. Ich hatte Sie bereits viel früher erwartet. Mein Name ist Timo Hansen, ich leite das Hotel.«

»Wie reizend!« Kattas Mutter strich sich ein paar Locken aus dem verschwitzten Gesicht und reichte dem Mann die Hand. Der schüttelte sie und erkundigte sich: »Ist denn bei Ihnen alles in Ordnung, standen Sie lange im Stau?«

»Tut mir leid, dass wir so spät kommen.« Kattas Mutter seufzte. »Aber wir hatten einen kleinen Unfall.«

Hansen sah seine Gäste besorgt an. »Ist jemand verletzt?«

»Nur das Auto!«, rief Katta fröhlich und stemmte ihren Koffer Richtung Aufzug. Das leicht angestaubte Hotel gefiel ihr.

»Na, dann ist es ja gut.« Hansen rückte die Brille zurecht. »Es wäre furchtbar, wenn im Zusammenhang mit den Malkursen bei Wild wieder jemand zu Schaden gekommen wäre.«

Katta bemerkte, wie seine dichten Augenbrauen zuckten. »Wie meinen Sie das?«, platzte sie heraus.

Hansen machte eine abwehrende Geste. »Ach, das ist mir so herausgerutscht. Alte Geschichte, nicht der Rede wert.«

Zu gern hätte Katta gewusst, was er damit andeuten wollte, aber ihre Mutter sah sie flehend an. Jetzt nicht, bedeutete dieser Blick. In Gedanken war Ida längst im Hotelzimmer unter der Dusche verschwunden, alles andere interessierte sie im Moment nicht. Katta schwieg.

»Blechschäden lassen sich leicht beheben«, nahm Hansen das Gespräch wieder auf. »In der Nähe gibt es eine gute Werkstatt. Soll ich einen Ersatzwagen für Sie besorgen?«

»Das wäre wunderbar.« Ida lächelte. »Außerdem hätte ich noch gerne eine große Tasse Kaffee und etwas Warmes zu essen, geht das?«

»Da muss ich Sie leider enttäuschen. Der Koch hat schon Mittagspause …«

Ida seufzte, Katta kicherte, Hansen runzelte verwirrt die Stirn. »Aber ich kann Ihnen ein Stück Apfelkuchen aufs Zimmer bringen. Ich habe gerade frisch gebacken. Und Kaffee haben wir selbstverständlich auch.«

Eine junge Frau war plötzlich im Flur aufgetaucht. »Schön, dass Sie bei uns ein Zimmer gebucht haben. Ich bin Sarah Hansen, die Frau vom Chef. Kommen Sie, ich zeige Ihnen Ihr Zimmer«, schlug sie vor. »Dann weiß ich gleich, ob es Ihnen gefällt oder ob Sie lieber ein anderes hätten. Bis die anderen Gäste da sind, könnten Sie nämlich noch frei wählen, wenn Sie möchten.«

Das Zimmer im ersten Stock gefiel Katta und ihrer Mutter auf Anhieb. Maigrüne Wolldecken lagen auf dem Doppelbett, das mit grün-weiß karierter Wäsche bezogen war. An der Wand gegenüber standen ein Schrank, ein Sessel und ein runder Tisch mit einem frischen Wiesenblumenstrauß darauf. Unter das Fenster war ein Schreibtisch geschoben, die Tür zum Balkon, der zum Garten hinausging, stand offen, zarter Rosenduft strömte herein. Zuerst duschte Kattas Mutter, danach brauste Katta sich kurz ab, fischte ein paar frische Klamotten aus dem Koffer und stapelte ihre wichtigsten Sachen auf dem Schreibtisch. Nach einem Blick in den Computer und einer kurzen Nachricht an ihre Freundin Melanie setzte Katta sich mit ihrer Mutter auf den Balkon, auf den die Nachmittagssonne schien. Mit Heißhunger stürzten sich beide auf den Kuchen, den Timo Hansen ihnen aufs Zimmer serviert hatte. Dann zogen sie los. Zum Atelier von Josef Wild.

Als sie dort ankamen, kippte der Maler gerade einen Eimer braun-grüne Brühe in ein Beet vor dem Haus.

»Haben Sie es also doch noch zu mir geschafft!« ...

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