Logo weiterlesen.de
Weites Land – große Liebe

image

1. KAPITEL

In dem kleinen Raum war es unbeschreiblich heiß und stickig. Georgie funkelte den Beamten aus veilchenblauen Augen wütend an und warf trotzig den Kopf zurück. Ihre wilden tizianroten Locken, die ihr blasses herzförmiges Gesicht umrahmten, unterstrichen den zornigen Ausdruck noch. „Ich spreche kein Spanisch!“, wiederholte sie zum x-ten Mal.

Der bolivianische Polizist beugte sich drohend vor. „¿Es Usted inglesa? ¿Dónde se aloja Usted?“

Er schlug mit der Faust auf den Schreibtisch. „¿Cómo?“

Georgie knirschte mit den Zähnen und presste die vollen Lippen zusammen. Jetzt reichte es! „Ich bin beraubt worden und nur mit knapper Not einem viel schlimmeren Schicksal entronnen“, rief sie aufgebracht, „und ich habe keine Lust, noch länger hier zu sitzen und mich anschreien zu lassen!“

Der Polizist stieß seinen Stuhl zurück, stürmte zur Tür und riss sie auf. Ungläubig sah Georgie zu, wie der Mann, der sie angegriffen hatte, hereingeschoben wurde. Die Angst, die sie bisher mit Aufsässigkeit überspielt hatte, erfasste sie nun wieder, und Bilder von Brutalität und Vergewaltigung tauchten vor ihrem geistigen Auge auf. Sie sprang auf, flüchtete in eine Ecke des kleinen Büros und hielt dabei den zerrissenen Ausschnitt ihres T-Shirts zusammen, um ihre Brüste vor den Blicken der Männer zu schützen.

Der Kerl war ein kräftiger junger Mann. Er warf ihr einen selbstgerechten Blick zu und brach in einen spanischen Wortschwall aus, der wie eine Beschuldigung klang.

Verwirrt blickte Georgie zu dem Polizisten. Das schlimmste an ihrer momentanen Situation war, dass sie von der spanischen Sprache keinen Schimmer hatte. Warum nur benahm sich dieser Widerling, der in seinem Lastwagen über sie hergefallen war, als wäre er derjenige, dem Böses widerfahren war?

Mit übertriebenen Gesten deutete der Polizist auf die blutigen Kratzer, die Georgies Fingernägel im unrasierten Gesicht des jungen Mannes hinterlassen hatten.

Du lieber Himmel! Hatte in Bolivien eine Frau etwa nicht das Recht, sich zu verteidigen, wenn sie angegriffen wurde? Georgie wurde schlagartig mutlos und sehnte sich plötzlich nach Hilfe und Zuspruch von ihrer Familie.

Aber ihr Vater und ihre Stiefmutter machten anlässlich ihres zwanzigsten Hochzeitstages gerade eine dreiwöchige Kreuzfahrt in Griechenland, und ihr Stiefbruder Steve befand sich als Reporter in Afrika, um von einem Bürgerkrieg zu berichten. Dass sie in Bolivien war, wusste ihre Familie außerdem nicht, denn Georgie hatte das Flugticket schnell entschlossen von dem Geld gekauft, das ihre Großmutter ihr vermacht hatte. Wenigstens einmal im Leben wollte sie sich einen tollen Urlaub leisten.

Vor sechsunddreißig Stunden war sie dann in La Paz voller Vorfreude auf das bevorstehende Wiedersehen mit ihrer Freundin María Cristina Reveron gelandet. So oft schon hatte María Cristina auf einen Besuch gedrängt, aber Georgie hatte ihn mit allen möglichen Ausreden immer wieder verschoben. Dass hinter diesen Ausflüchten ganz einfach Geldmangel gesteckt hatte, war ihrer reich geborenen Freundin vermutlich nie in den Sinn gekommen. Genauso wenig wie es Georgie in den Sinn gekommen war, dass María Cristina und deren Mann Antonio nicht zu Hause sein könnten.

Die Villa der Reverons war verschlossen gewesen, und ein Wachmann, der mit zwei scharfen Hunden patrouillierte, hatte kein Wort Englisch gesprochen. Da María Cristina im achten Monat schwanger und deshalb sicher nur übers Wochenende mit ihrem Mann weggefahren war, hatte sich Georgie nicht entmutigen lassen, sondern im billigsten Hotel ein Zimmer genommen und beschlossen, die Gegend zunächst etwas auf eigene Faust zu erkunden.

Etwas die Gegend erkunden, dachte sie nun kopfschüttelnd. Sie war nahe daran, hysterisch zu werden, wenn sie die beiden wild gestikulierenden Männer nur ansah. Panik ergriff sie, als ihr bewusst wurde, dass ihr aus dieser vermaledeiten Situation vermutlich nur noch ein Ausweg blieb. Einen Trumpf hatte sie noch im Ärmel, aber den auszuspielen, hatte ihr schon widerstrebt, als sie María Cristina nicht angetroffen hatte.

Sie hätte Rafael anrufen können, um von ihm zu erfahren, wo seine Schwester sich aufhielt, aber alles in ihr hatte sich dagegen gesträubt, ausgerechnet ihn um Hilfe zu bitten. Nun sah sie jedoch, wohin ihr dummer Stolz sie gebracht hatte. Stolz – vier Jahre waren schließlich eine lange Zeit. Okay, er hatte sie verlassen, hatte ihr wehgetan und sich ein völlig falsches Bild von ihr gemacht. Ja, er hatte sie gedemütigt, aber nun war keine Zeit für Ressentiments.

Sie ging zum Schreibtisch, wo ein Block und Stifte lagen, und atmete tief durch, um sich Mut zu machen. Was war, wenn der Polizist noch nie von Rafael gehört hatte? Oder was, wenn Rafael Cristóbal Rodriguez Berganza am Ende keinen seiner aristokratischen Finger rühren würde, um ihr beizustehen?

Mit zittriger Hand schrieb Georgie in Großbuchstaben „Rafael Rodriguez Berganza“ auf den Block und schob ihn über den Tisch. Es tat weh, oh ja, diesen Namen zu schreiben, verdammt weh.

Der Polizist sah auf den Block und blickte dann stirnrunzelnd zu Georgie. Aus seiner Stimme klang Ehrfurcht, aber auch Verständnislosigkeit, als er den Namen, den er eben gelesen hatte, aussprach. „No entiendo.“

„Freund! Guter Freund!“ Verzweifelt klopfte Georgie auf den Block. „Sehr guter Freund!“, log sie und rang sich ein zuversichtliches Lächeln ab, während sie am liebsten vor Scham im Boden versunken wäre.

Ungläubig sah der Polizist sie an, dann lachte er und tippte sich an die Stirn. Um diese Geste zu verstehen, musste man kein Spanisch können. Er hielt Georgie für verrückt.

„Aber ich sage die Wahrheit!“, rief sie. „Ich kenne Rafael seit Jahren …“

Der Polizist sah auf seine Schuhspitzen, als wäre ihm die Situation peinlich, und als der junge Lkw-Fahrer plötzlich wieder einen Wortschwall losließ, schob er ihn kurzerhand aus dem Büro.

„Ich möchte, dass Sie Rafael anrufen!“ Georgie tat, als würde sie einen Telefonhörer abnehmen und eine Nummer wählen. Sie kam sich idiotisch dabei vor, hatte aber das Gefühl, als wäre sie endlich einen Schritt weitergekommen.

Seufzend kam der Polizist auf sie zu, packte sie am Handgelenk und stieß sie auf den Korridor hinaus und von dort einige Meter weiter in eine schmutzige Zelle. Bevor Georgie begriff, wie ihr geschah, hatte er die Gittertür versperrt und den Schlüssel eingesteckt.

„Lassen Sie mich wieder raus!“, schrie sie in Panik, aber er verschwand wortlos.

Georgie klammerte sich an die rostigen Gitterstäbe ihrer Zelle und zitterte am ganzen Körper. Das war also der Einfluss des Namens Berganza! Ihr brannten Tränen in den Augen, als sie sich auf die schmuddelige, verschlissene Matratze der schmalen Pritsche setzte und das Gesicht in den Händen barg.

Etwa eine Stunde später kam eine alte schwarz gekleidete Frau und schob ein Tablett durch eine Öffnung zwischen den Gitterstäben. Obwohl Georgie seit dem Frühstück nichts gegessen hatte, brachte sie keinen Bissen hinunter, sondern trank nur den Kaffee, der in einem abgestoßenen Becher dampfte.

Nach einer Weile legte sie sich hin und versuchte, sich zu beruhigen. Früher oder später würde ein Dolmetscher kommen, und diese vertrackte Situation würde sich aufklären. Nein, sie brauchte Rafael nicht, um aus diesem Loch wieder herauszukommen.

Männerstimmen waren zu hören, als Georgie aufwachte. Sie brauchte einen Moment, bis sie wieder wusste, wo sie sich befand. Ein neuer heißer Tag war angebrochen, und durch das winzige Zellenfenster fiel ein Sonnenstrahl. Sie setzte sich auf, fuhr sich durch die Locken, die ihr wirr ins Gesicht hingen, und blickte verschlafen die beiden Männer hinter den Gitterstäben an.

Der eine war der Polizist, und der andere … „Rafael!“, rief sie und hätte vor Erleichterung fast einen Freudensprung gemacht.

Während er dem Polizisten eine Zigarre anbot, warf Rafael einen eisigen Blick voller Verachtung auf Georgie. „Zieh deinen Rock runter und bedeck dich – du siehst aus wie ein Flittchen.“

Georgie wurde rot, und sie betrachtete fassungslos Rafael, der sich in kameradschaftlichem Ton wieder seinem Gesprächspartner zugewandt hatte. Unbeholfen zerrte sie an ihrem Jeansrock, der keine fünf Zentimeter überm Knie endete und in ihren Augen alles andere als unschicklich war.

„Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden?“, fuhr sie ihn aufgebracht an. Ihre veilchenblauen Augen funkelten böse, als sie das zerrissene T-Shirt, so gut es ging, zusammenzuhalten versuchte.

Die Köpfe der beiden Männer fuhren herum.

„Wenn du nicht sofort den Mund hältst, gehe ich.“

Georgie glaubte Rafael aufs Wort, denn diesen eisigen Blick aus fast schwarzen Augen kannte sie wie die angewidert hochgezogenen Mundwinkel. Genauso hatte er vor vier Jahren in London ausgesehen – damals hätte es sie fast umgebracht.

Sie kämpfte gegen die Erinnerung, die so frisch war, als wäre alles erst gestern geschehen. Für die Art, wie er sie an ihrem letzten Abend erniedrigt hatte, hasste sie Rafael wie die Pest. Aber diesmal würde sie sich nicht einschüchtern und demütigen lassen. Herausfordernd hob sie das Kinn und dachte an die Freundschaft mit seiner Schwester. Die Bande zwischen den beiden Frauen waren so stark, dass sie trotz seines abscheulichen Verhaltens damals nicht zerrissen waren.

Als die beiden Männer keinerlei Notiz von ihr nahmen und sich angeregt weiter unterhielten, betrachtete Georgie Rafael eingehender. In dem grauen Maßanzug wirkte er in dieser schäbigen Umgebung wie ein Fremdkörper. Das edle Tuch war perfekt geschneidert und betonte dezent seine breiten Schultern, die fast jungenhaft schmalen Hüften und die langen, kräftigen Beine. Unbewusst krallte sie die Fingernägel in ihren Rock, den man wirklich nicht aufreizend nennen konnte. Dass Rafael ihr Aussehen als nuttenhaft empfand, lag vielleicht daran, dass er ihr gegenüber so voreingenommen war.

Im vergangenen Sommer hatte sein Foto vom Titelblatt des Time-Magazins geprangt. Berganza, der bolivianische Milliardär, Feind jeglicher Korruption, Freund der Schwachen. Berganza, der große Philanthrop, der in direkter Linie von einem blaublütigen Edelmann aus Kastilien abstammte, der im sechzehnten Jahrhundert nach Bolivien gekommen war. Der Journalist hatte sich in dem Artikel ausführlich mit der langen Reihe von Rafaels illustren Vorfahren beschäftigt.

Bevor sich Georgie jedoch dem Text gewidmet hatte, hatte sie sich auf die Fotos gestürzt. Rafael war sehr groß und strahlte eine Dominanz aus, die etwas von der animalischen Kraft eines Raubtieres an sich hatte. Er sah einfach umwerfend aus und würde sicher noch in Jahrzehnten jeder Frau den Kopf verdrehen.

Sie studierte sein gebräuntes Gesicht und war, wie schon so oft, hingerissen von der Ebenmäßigkeit seiner Züge: die breite Stirn, der arrogant wirkende Schwung der schmalen Nase, die so anziehenden hohen Wangenknochen. Hätte sie sich seines Eindrucks doch so einfach entziehen können, wie sie sich damals des Magazins entledigt hatte, das sie in einer von Selbstverachtung und Hass geprägten Zeremonie im Waschbecken verbrannt hatte. Im Kampf gegen ihre Gefühle presste Georgie die vollen Lippen zusammen, bis diese fast blutleer waren.

Doch keine Sekunde später war sie völlig verblüfft, denn der „Feind jeglicher Korruption“ nahm einen Packen Geldscheine aus der Brieftasche und drückte ihn in die Hand des dankbar lächelnden Polizisten. Bestechung. Obwohl Georgie nie so richtig an den Heiligenschein geglaubt hatte, den die lateinamerikanischen Medien Rafael Rodriguez Berganza aufsetzten, erschütterte sie dieser fast beiläufige Besitzwechsel der Banknoten.

Die Zellentür schwang auf, und Rafael kam herein. Seine Nasenflügel bebten, als er einen angeekelten Blick in den kleinen Raum warf, mit spitzen Fingern die Decke von der Pritsche nahm und diese Georgie um die Schultern legte. „Fast wäre ich ja nicht gekommen“, meinte er herablassend mit diesem unerträglich sinnlichen Akzent, auf den sie noch immer ansprach.

„Dann kann ich mir den Dank fürs Rausholen ja sparen“, erwiderte Georgie scharf. Dass er es für nötig hielt, sie unter einer Decke zu verstecken, brachte sie ebenso in Rage wie die Tatsache, dass sie den Kopf zurückbeugen musste, um ihm ins Gesicht sehen zu können.

„Wenn meine Schwester nicht wäre, hätte ich dich hier schmoren lassen“, erwiderte er ungerührt. „Das wäre sicher sehr lehrreich gewesen.“

„Du verdammter Mistkerl!“ Dass er nicht einmal einen Hauch Mitgefühl für das, was sie hatte durchmachen müssen, übrig hatte, brachte sie nun wirklich aus der Fassung. „Man hat mich beraubt, ist über mich hergefallen, und zu allem Überfluss hat man mich auch noch eingesperrt!“, schrie sie ihn an.

„Und jetzt bist du nahe daran, verprügelt zu werden.“ Rafaels Ton war scharf wie ein Peitschenhieb. „Solch ein respektloses Benehmen lasse ich mir von keinem Mann bieten – und von einer Frau schon gar nicht.“

Mit zornroten Wangen stolzierte Georgie an ihm vorbei aus ihrer Zelle. Hatte sie sich wirklich einmal eingebildet, Rafael Rodriguez Berganza zu lieben? Nein, sagte sie sich, Liebe war das nie gewesen, sondern pure Lust, getarnt als Teenagerschwärmerei. Damals, mit neunzehn, hätte sie das allerdings nie zugegeben.

Er legte ihr eine Hand auf den schmalen Rücken und schob sie den Korridor entlang. Sie wollte schon protestieren, aber die unverhohlene Wut in seinen dunklen Augen ließ sie für den Moment jegliche Gegenwehr vergessen. Warum nur ist er so aufgebracht? fragte sie sich. Nun, wahrscheinlich hätte er Besseres zu tun gehabt, als sie morgens um acht aus den Klauen der Polizei zu befreien, aber für eine derartige Notlage musste doch sogar ein so egoistischer Mensch wie er Verständnis haben!

Gleißendes Sonnenlicht fiel auf den Platz vor der Polizeistation, wo eine wogende Menschenmenge die beiden Range Rover umringte. Irritiert blickte Georgie sich um, aber da packte Rafael sie schon bei der Taille, hob sie hoch und platzierte sie unsanft auf den Beifahrersitz des ersten Wagens. Dann wandte er sich den begeisterten Menschen zu.

Alle Männer hatten die Hüte abgenommen. Einige Frauen weinten. Kinder drängelten sich an ihn und umklammerten seine Beine. Und dann teilte sich die Menge und machte Platz für den Polizisten, der von einem alten Priester begleitet wurde. Dieser strahlte übers ganze Gesicht, nahm Rafaels Hand und überschüttete ihn offensichtlich mit Segenswünschen.

Er wurde gefeiert wie ein Held! Georgie drehte es fast den Magen um, und sie wandte den Blick ab, aber nur um im nächsten Moment zu erstarren. Auf dem Fahrersitz lag ein Sack, der sich bewegte. War da etwa etwas Lebendiges drin?

Mit angehaltenem Atem beobachtete sie, wie der Sack sich ausbreitete und wieder zusammenzog, doch als er sich plötzlich auftürmte, stürzte Georgie schreiend aus dem Wagen. Sie schlug so hart auf dem staubigen Boden auf, dass ihr fast die Luft wegblieb.

„Du bist wohl nur glücklich, wenn du im Mittelpunkt männlicher Aufmerksamkeit stehst“, herrschte Rafael sie an und half ihr auf die Füße. Aus dem zweiten Range Rover waren zwei seiner Leibwächter gekommen, um zu sehen, was geschehen war.

„In dem Sack ist eine Schlange!“, stieß Georgie außer sich hervor.

„Na und?“, fragte Rafael trocken. „Schlangen sind hierzulande eine Delikatesse.“

Er bugsierte Georgie kurzerhand zurück auf den Beifahrersitz und verhüllte ihren zitternden Körper wieder ordentlich mit der Decke. „Bitte tu ihn weg, Rafael“, flehte sie. „Bitte!“

Rafael ging um den Wagen herum und warf den Sack auf den Rücksitz, bevor er sich hinters Steuer setzte und den Motor anließ.

„Danke“, flüsterte sie und bemerkte trotz ihrer Beklemmung, wie seidig Rafaels blauschwarzes Haar im Sonnenlicht glänzte. Sie musste sich zwingen, den Blick abzuwenden, konnte förmlich spüren, wie sich sein Haar unter ihren Händen angefühlt hatte, und hasste sich dafür. Warum nur empfand sie die Erinnerung noch immer wie einen körperlichen Schmerz?

„So, dann erzähl mal, wie du es geschafft hast, keine vierundzwanzig Stunden nach deiner Ankunft in meinem Land in einer Zelle zu landen.“ Sein Ton ließ keinen Zweifel daran, dass er sich gedanklich auf einer ganz anderen Gefühlsebene bewegte als sie.

„Ich wollte gestern die Eishöhlen im Zongo Valley besichtigen und …“

„So?“, fiel Rafael ihr ungläubig ins Wort. „In Minirock und hochhackigen Schuhen?“

„Ich …“ Minirock! War ein knapp knielanger Rock in seinen Augen etwa wirklich eine Provokation?

„Für den Aufstieg zu den Höhlen braucht ein trainierter Bergwanderer mindestens zwei Stunden!“

Georgie seufzte. „Meine Güte, ich habe im Hotel ein Plakat gesehen und beschlossen hinzufahren. Dass man ein Athlet sein muss, um zu den Höhlen zu gelangen, wusste ich ja nicht.“

„Und wann ist es dir klar geworden?“

„Als ich drei bärtige Typen mit Rucksack und Bergstiefeln sah, die sich gerade an den Aufstieg machten“, berichtete sie zerknirscht. „Ich wollte dann nur einen Spaziergang zum See machen und vorher dem Taxifahrer Bescheid sagen, aber der war schon weg – mit meiner Handtasche!“

„Etwas in der Art hat sich Jorge schon gedacht“, meinte Rafael trocken.

„Wer ist Jorge?“

„Der Dorfpolizist.“

„Ich wurde bestohlen! Der Taxifahrer ist einfach mit meiner Tasche auf dem Rücksitz weggefahren!“

„Vielleicht war es ja nur ein Versehen. Hast du ihn überhaupt gebeten zu warten?“

„Nun ja, nicht ausdrücklich“, gestand Georgie kleinlaut.

„Hast du dir wenigstens das Kennzeichen des Taxis gemerkt?“ Sein abschätziger Blick machte deutlich, dass Rafael die Antwort schon kannte.

Ärgerlich schüttelte sie den Kopf.

„Vielleicht taucht deine Tasche ja wieder auf“, meinte er. „Wenn nicht, kannst du von Diebstahl sprechen, aber erst dann!“ Kopfschüttelnd fügte er hinzu: „Deine Sorglosigkeit schreit wirklich zum Himmel.“

„Bist du fertig mit deinem Vortrag?“, fragte sie gereizt.

Er ging auf ihren Ton nicht ein. „Was hast du dann gemacht?“

„Ich wartete, und als mir klar wurde, dass das Taxi nicht zurückkommen würde, machte ich mich zu Fuß auf den Heimweg.“ Sie zögerte. „Und dann habe ich den Lastwagen angehalten. Du glaubst gar nicht, wie nett und harmlos der Fahrer wirkte, als ich ins Führerhaus kletterte.“

„Das kann ich mir schon vorstellen“, meinte Rafael sarkastisch. „Sicher hat er gebremst, dass die Reifen quietschten, als er dich gesehen hat.“

Georgie warf ihm einen argwöhnischen Blick zu. „Er hat mir Geld angeboten, und als ich es zurückwies, hat er sich auf mich gestürzt. Ich dachte, er würde mich vergewaltigen!“

„Soviel ich weiß, hast du ihm dann das Knie zwischen die Beine gerammt und ihm das Gesicht zerkratzt. Mit solcher Gegenwehr hat er natürlich nicht gerechnet, da er dich ja für eine Prostituierte gehalten hat.“

„Für eine was?“, rief sie entsetzt.

„Warum, glaubst du, hat er dir Geld angeboten?“ Grimmig verzog er den Mund angesichts einer solchen Blauäugigkeit. „Frauen reisen in Bolivien nicht allein, und schon gar nicht als Anhalterin.“

„Kannst du dir überhaupt vorstellen, welche Angst ich hatte, als er sich weigerte, mich aussteigen zu lassen, und zur Polizei fuhr?“

„Er war drauf und dran, dich wegen versuchten Raubüberfalls anzuzeigen, aber als ihm dann dämmerte, wie ihn seine Freunde auslachen würden, hat er davon abgesehen. Das muss man sich mal vorstellen! Ein ganzer Kerl lässt sich von einer halben Portion wie dir überfallen!“

Georgie dachte, nicht richtig gehört zu haben. Das klang ja, als würde Rafael ihr keinen Glauben schenken.

„Jedenfalls hast du Glück gehabt. Er hätte dich aus Rache für die Verletzung seiner Männlichkeit ebenso gut zusammenschlagen können. Sagt dir das Wort machismo etwas? Dieses Land wird seit vierhundert Jahren davon beherrscht“, erläuterte er im Tonfall eines Fremdenführers, „und es braucht mehr als ein paar unbekümmerte Touristinnen, um dieser Tradition den Garaus zu machen. Glücklicherweise sind die meisten Reisenden sehr viel mehr auf ihre Sicherheit bedacht als du.“

„In deinen Augen bin ich wohl selbst schuld an dem, was mir passiert ist!“, fuhr sie ihn an.

Als Rafael nichts erwiderte, schwieg auch Georgie. Gefolgt von dem zweiten Range Rover, holperte der Geländewagen über die unbefestigte Straße. Einmal hielt Rafael kurz an, stieg aus, und Georgie beobachtete verblüfft, wie er die Schlange freiließ. Wie feinfühlig er doch sein kann, dachte sie. Zwar hatte er den Dorfbewohnern die Freude gemacht, ihr Geschenk anzunehmen, aber das Tier durfte trotzdem in seiner natürlichen Umgebung weiterleben. Dass er der Schlange mehr Aufmerksamkeit widmete als ihr, stieß Georgie bitter auf.

Eigentlich aber hätte es sie nicht wundern müssen, denn vor vier Jahren hatte Rafael schließlich ganz brutal klargestellt, dass sie seinen Vorstellungen nicht entspreche. Mit grausamer Scharfzüngigkeit hatte er – wie Georgie sich erinnerte – ihr aufreizendes Verhalten und ihre lockere Moral verdammt. Was aber immer noch am meisten wehtat, gestand sie sich ein, war die Tatsache, dass sie damals nicht die Größe besessen hatte, sich abzuwenden und seine Anschuldigungen mit Fassung zu ertragen, sondern dass sie sich im Versuch, ihre Unschuld zu beweisen, zum Narren gemacht hatte.

„Er ist von einer anderen Welt“, hatte ihr Stiefbruder Steve einmal gespottet. „Und er gehört einem Kulturkreis an, den du nicht einmal ansatzweise verstehst. Er spricht zwar Englisch, wie du und ich, aber lass dich davon nicht blenden. Rafael ist durch und durch Latino, und Frauen teilt er in genau zwei Kategorien ein: Engel und Flittchen. Die Frauen in seiner Familie – Engel. Die Frauen in seinem Bett – Flittchen. Wenn er einmal heiratet, wird er sich aus einer traditionell und finanziell ebenbürtigen Familie einen Engel suchen. Willst du etwa unter die andere Kategorie fallen?“

Dass Steve recht gehabt hatte, hatte sich dann an diesem entsetzlichen Abend gezeigt, an dem ihre Beziehung in die Brüche gegangen war: Rafael hatte sie wirklich wie ein Flittchen behandelt. Noch immer schauderte Georgie bei diesem Gedanken, und sie schüttelte in einer trotzigen Geste die Decke ab, unter der ihr Körper zu glühen schien. Herausfordernd streckte sie die langen, wohlgeformten Beine aus und schlug sie übereinander. Was Rafael davon hielt, war ihr piepegal. Schließlich war sie kein dummer, Hals über Kopf verliebter Teenager mehr …

„Wo wohnst du in La Paz?“, fragte er, nachdem er den leeren Sack ins Auto geworfen und den Motor wieder angelassen hatte.

Sie nannte ihm den Namen ihres Hotels, und damit war die Unterhaltung schon wieder beendet, aber während sie weiterfuhren, lag eine fast greifbare Spannung in der Luft. Georgies Lippen umspielte ein amüsiertes Lächeln, als sie bemerkte, dass Rafael aus den Augenwinkeln ab und zu einen Blick auf ihre Oberschenkel warf, die von dem hochgerutschten Rock nicht mehr ganz bedeckt waren. Zumindest auf dieser Ebene sprach er also immer noch auf sie an.

Als er dann vor ihrem Hotel ausstieg und ihr in das schäbige Gebäude folgte, war sie überrascht, aber sie zog es vor, zu schweigen. Mit einem aufreizenden Hüftschwung schlenderte sie vor ihm her. Wahrscheinlich wollte er sie gleich zu seiner Schwester bringen, die nun sicher wieder zu Hause war. Aber wie, bitte schön, sollte sie, Georgie, ihre Hotelrechnung begleichen? Mit ihrer Handtasche war ja nicht nur ihr Pass, sondern auch ihr ganzes Geld abhandengekommen.

In ihrem Zimmer angekommen, raffte sie eilig ihre Sachen zusammen und stopfte sie in ihre Reisetasche. Rafael lehnte an der Tür und sah ihr schweigend zu, aber seine Anwesenheit in diesem kleinen Raum machte sie plötzlich ganz nervös. „Du kannst draußen warten, bis ich mich umgezogen habe.“

„Mach dich nicht lächerlich.“

„Es ist mein Ernst.“ Georgie spürte, wie sie rot wurde. Er erwartete doch nicht etwa, dass sie sich vor seinen Augen auszog?

Der Blick aus seinen fast schwarzen Augen traf sie wie der Blitz. Das konnte doch nicht wahr sein! Reichte noch immer ein einziger Blick, um sie in Erregung zu versetzen?

Nein, das durfte ihr einfach nicht mehr passieren. Nein, sie hatte es sich nur eingebildet und nicht wirklich dieses heiße Kribbeln empfunden, das vor vier Jahren stärker als jede Vernunft gewesen war. Nein, dass die Hormone verrücktspielten und über den Verstand siegten, das konnte ihr heute nicht mehr passieren.

Rafael bückte sich und hob von dem abgetretenen Teppichboden einen Slip auf, der ihr heruntergefallen war. Er ließ das seidig glänzende Wäschestück in der Luft baumeln und warf es ihr dann zu, doch sie war durch seine Gegenwart zu nervös, um es zu fangen. Sie fühlte sich entsetzlich ungeschickt, als sie sich hinkniete und mit zitternden Fingern das Höschen packte und hastig in ihre Tasche stopfte.

„Mir hättest du das Knie nicht zwischen die Beine zu rammen brauchen.“ Rafaels Stimme klang verführerisch.

Über ihre Tasche gebeugt, blickte Georgie verwirrt auf und erstarrte, als er auf sie zukam.

„Mich hättest du allein mit deiner Leidenschaft schachmatt gesetzt.“

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Weites Land - große Liebe" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple Books

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen