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Weißer Schmerz

Über dieses Buch

An einem drückend heißen Sommerabend wird ein dreijähriger Junge von einer Tankstelle in Kopenhagen entführt. Nur kurze Zeit später entdeckt man in einer nahegelegenen Wohnung die Leiche einer Frau. Dem ermittelnden Kommissar Thomas Nyland bietet sich ein Bild des Grauens: Die Tote ist an einen Stuhl gefesselt und zeigt deutliche Spuren schwerer Misshandlungen. Ihre Zunge fehlt. Es gibt zudem Hinweise, dass der Täter eine Woche lang mit der Leiche in der Wohnung zusammengelebt hat – und Videoaufnahmen zeigen, dass mit der Entführung des Jungen das kranke Spiel des Mörders seinen traurigen Höhepunkt gefunden hat. Die Polizei ist sich nun sicher, dass beide Verbrechen zusammenhängen, und beginnt eine fieberhafte Suche. Dabei stoßen die Ermittler auf merkwürdige Zeichnungen und eine alte Kassette mit sonderbaren Geräuschen, die auf ein grausames Ritual hindeuten und Nyland zu einer Kommune führen, in der die Tote vor einigen Jahren lebte. Immer mehr Details über das, was dort einst geschah, finden den Weg ans Tageslicht. Puzzlestück für Puzzlestück muss der Kommissar nun alles zusammensetzen – bis sich ihm ein entsetzliches Bild offenbart …

Über den Autor

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© Carolyn Males

Jens Østergaard hat Journalismus studiert und unter anderem als Redakteur bei einem dänischen Radiosender gearbeitet. Heute ist er als Kommunikationsberater tätig. Sein erster Roman hat in Dänemark für großes Aufsehen gesorgt. Weitere Informationen unter: www.jensostergaard.com

JENS ØSTERGAARD

Weißer Schmerz

Roman

Ins Deutsche übertragen von
Nora Pröfrock

Für Trine, Johan und Karen

1

00:00 Uhr

Thomas Nyland beugt sich vor und schaut in den offenen Mund der Leiche. Die Zunge ist nur noch ein Stumpf und ragt wie eine Insel aus dem kleinen See aus Blut hervor, der sich im hinteren Teil der Mundhöhle gebildet hat. Tote Maden schwimmen zusammengekrümmt darauf herum, und eine grünlich schimmernde Schmeißfliege krabbelt über die Zähne. Lucilia sericata. Sie hebt ab und fliegt zur Decke. Verschwindet in der Dunkelheit des Raumes.

Die Tote ist eine Frau Anfang fünfzig. Mona oder Moniqa Larsen, je nachdem, ob man den Angaben auf ihrem Führerschein oder denen auf ihrer Visakarte glauben kann. Sie ist an den Hand- und Fußgelenken mit Klebeband an einem Stuhl fixiert. Ihr Kopf ist, in unnatürlicher Weise überstreckt, in den Nacken gelegt, sodass der Mund weit offen steht. Sie ist nackt und aufgedunsen. Durch die Gase, die bei der Verwesung der inneren Organe entstehen, ist der Bauch aufgebläht wie ein Ballon. Der ganze Körper ist voller großer eingetrockneter Blutflecken, vor allem am Mund, auf der Brust und an den Oberschenkeln. Das Blut ist schon ganz hart und verkrustet. Unter der Haut haben sich unzählige blauviolette und schwarze Flecken ausgebreitet. Zum Teil Zeichen der Verwesung, zum Teil das Ergebnis von Schlägen. Der süßliche, fettige Leichengeruch hängt in dem kleinen Zimmer schwer in der Luft. Er dringt durch die Fasern des weißen Mundschutzes, den Thomas vor dem Gesicht trägt, und legt sich wie ein schmieriger Film auf seinen Gaumen.

Es ist, als würde man Margarine einatmen.

»Ist schon jemand von der Rechtsmedizin unterwegs?«, murmelt er, und sein Atem breitet sich warm und feucht unter dem Mundschutz aus. Schlägt sich in Form kleiner Kondensperlen an seinen Bartstoppeln nieder.

»Friis ist losgefahren«, ertönt Meilbys Stimme hinter ihm.

»In spätestens einer halben Stunde ist er hier.«

Thomas löst den Blick von der Leiche und betrachtet die drei Gestalten, die sich hinter ihm aufgestellt haben. Zwei von ihnen sind Kriminaltechniker; der Dritte ist Steffen Meilby, Kommissariatsleiter in der Abteilung für Personen gefährdende Kriminalität und Thomas’ direkter Vorgesetzter. Sie tragen jeweils das Gleiche wie er: einen weißen Overall mit Kapuze, blaue Überziehschuhe, Gummihandschuhe und einen Mundschutz, und Thomas muss zweimal hinsehen, um auszumachen, wer von den vermummten Männern Meilby ist. Wahrscheinlich der kleinste von ihnen, denkt er sich.

Er lässt den Blick weiter durch das Zimmer schweifen. Es ist gut zwanzig Quadratmeter groß, doch durch die Schräge auf der einen Seite wirkt es deutlich kleiner. Ein viereckiger Couchtisch ist dicht an die Leiche herangezogen. Bis auf eine Stelle von der Größe zweier großer Streichholzschachteln ist die ganze Tischplatte mit kleinen Blutstropfen besprenkelt. Ein zweiter Stuhl, der genauso aussieht wie der, an dem die Leiche fixiert ist, steht auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches. Auf der Sitzfläche liegt eine große Küchenschere, deren Stahlschneiden und orangefarbener Plastikgriff mit getrocknetem Blut beschmiert sind. Unmittelbar neben der Schere hat irgendetwas einen T-förmigen Blutfleck auf dem Stuhl hinterlassen.

In einem annähernd leeren Regal steht eine kleine, kompakte Stereoanlage mit zwei kleinen Lautsprechern. Das Design ist minimalistisch: An der glänzenden, silbergrauen Vorderseite befindet sich nur ein einziger großer Drehknopf, darüber ein schmales Display. Die Anlage ist eingeschaltet. Das Display zeigt »AUX« an.

Thomas dreht sich um und schaut in die Küche. Durch das schmale Küchenfenster kann er über den Englandsvej blicken, der am Haus vorbeiführt, und auf der anderen Straßenseite liegt eine Tankstelle, deren dunkelblau-orangefarbenes Vordach auf einer Wolke aus Licht über den Zapfsäulen zu schweben scheint.

»Der Anruf von der Tanke da drüben ist vor eineinhalb Stunden in der Notrufzentrale eingegangen«, sagt er. »Um 22:24 Uhr.«

»Wer war der Anrufer?«, fragt Meilby.

»Der Typ an der Kasse. Daniel Fristrup. Er hat erzählt, dass jemand mit einem Auto und einem Kind auf dem Rücksitz abgehauen ist. Einem dreijährigen Jungen namens Lucas Hvornum. Seine Mutter, Maiken Hvornum, hatte an der Tankstelle gehalten, um zu tanken und Milch zu kaufen. Als der Wagen vollgetankt war, ließ sie ihre beiden Kinder allein im Auto zurück, um …«

»Warte mal«, unterbricht Meilby ihn. »Ihre beiden Kinder?«

»Ja, sie hatte zwei Kinder bei sich im Auto. Lucas und seine große Schwester Clara. Hat Ihnen das niemand erzählt?«

»Der Dienstgruppenleiter war etwas sparsam mit seinen Informationen, als er mit mir telefoniert hat. Hier muss es drunter und drüber gegangen sein, nachdem das Auto verschwunden war. Die Streifen hatten es nicht so leicht, die Aussagen der Mutter und des Tankstellenpersonals in einen sinnvollen Zusammenhang zu bringen.«

»Mh-hm«, brummt Thomas. »Jedenfalls saßen beide Kinder auf dem Rücksitz, als Maiken Hvornum hineinging, um Milch zu kaufen. Lucas hat geschlafen, seine große Schwester war wach. Als Maiken wieder rauskam, war das Auto weg, und ihre Tochter stand ganz allein an der Stelle, wo der Wagen zwei Minuten vorher noch gestanden hatte. Neben ihr lag ein blutiger Hammer auf dem Boden. Tischlerhammer heißt so was wohl. So einer, mit dessen einer Seite man Nägel einschlagen und mit dessen anderer Seite man Nägel herausziehen kann.«

»Und der kam aus dieser Wohnung?«

»Wahrscheinlich. Der Blutfleck neben der Schere stammt bestimmt von ihm. Und am Fuß der Treppe steht ein offener Werkzeugkasten.«

»Dann hat ihn der Täter also nicht mitgebracht?«

»Mit Sicherheit wissen wir das nicht. Ich sage nur, er könnte aus dem Kasten da unten herausgenommen worden sein.«

Meilby nickt.

»Was ist passiert, nachdem die erste Streife hier war?«, will er dann wissen. Obwohl er als Kommissariatsleiter immer als Erster geweckt wird, ist er oft der Letzte, der am Tatort erscheint. Sobald er den Anruf des Dienstgruppenleiters entgegengenommen hat, ruft er einen seiner beiden Ermittlungsleiter an, Thomas Nyland oder Ditte Bentzen, die dann sofort alles stehen und liegen lassen und zum Tatort fahren müssen, während Meilby sich etwas mehr Zeit lassen kann.

»Sie haben das verschwundene Auto als vermisst gemeldet und mit dem Dienstgruppenleiter gesprochen, der daraufhin noch weitere Streifen hierher geschickt hat«, antwortet Thomas. »Dann sind sie in der Nachbarschaft von Tür zu Tür gegangen, um herauszufinden, ob irgendjemand was gesehen hat. Die Tür zu dem Haus hier stand offen, also haben sie erst mal unten im Erdgeschoss angeklopft, aber da hat niemand aufgemacht. Dann sind sie raufgekommen und haben eine weitere offene Tür vorgefunden. Sie haben den Kopf reingesteckt und die Leiche gesehen. Und daraufhin wurden Sie aus Ihrem Schönheitsschlaf geholt.«

Meilby schnaubt. »Wissen wir, wo der Bewohner der Erdgeschosswohnung ist?«

»Die Nachbarn sagen, er sei seit ein paar Monaten in Grönland. Irgendwas Berufliches. Sie sagen auch, dass ihm das Haus gehört und Mona oder Moniqa die Wohnung im ersten Stock gemietet hat.«

»Okay. Wir müssen versuchen, ihn ausfindig zu machen.«

Meilby zupft sich den Mundschutz zurecht. Stemmt die Hände in die Hüften.

»Wie alt ist Maiken Hvornums Tochter?«, fragt er nach einer kurzen Denkpause.

»Sie ist fünf.«

»Hat schon jemand mit ihr gesprochen?«

»Die Streife, die zuerst vor Ort war, hat sowohl sie als auch Maiken Hvornum sowie den Mitarbeiter an der Kasse vorläufig vernommen.«

»Was hat sie gesagt? Das Mädchen, meine ich.«

»Nichts.«

»Überhaupt nichts?«

»Unseren Kollegen zufolge hat sie kein einziges Wort gesagt. Ich glaube, wir könnten bei ihrer Vernehmung ein bisschen Hilfe gebrauchen. Ich habe auch schon welche gerufen.«

»Psychologische Hilfe?«

»Ja.«

»Wen?«

»Ida Rasmussen.«

Meilby nickt. Selbst in dem finsteren Zimmer kommt es Thomas so vor, als könnte er sehen, wie ein Schatten der Erinnerung den Blick seines Chefs verdunkelt.

»Okay«, sagt Meilby dann. »Das geht in Ordnung. Sie gehört zwar nicht zu unserer Truppe, aber in Anbetracht dessen, was sie jüngst für uns getan hat, kann sie ruhig in die Ermittlung einbezogen werden. Ich will sie mit an Bord haben. Und ist sie schon auf dem Weg?«

»Ja.«

»Gut. Gut, gut. Was ist mit den Überwachungskameras der Tankstelle? Haben die etwas eingefangen?«

»Ganz sicher. Das Auto stand an einer der Zapfsäulen, als es gestohlen wurde. Aber ich habe die Aufnahmen noch nicht gesehen. Sie werden gerade dort drüben rausgesucht.«

Thomas richtet seine Aufmerksamkeit wieder auf das Wohnzimmer.

»Moniqa oder Mona ist seit etwa einer Woche tot«, sagt er. »Vielleicht auch länger.«

»Sieht so aus«, sagt Meilby mit einem Nicken.

»Also, mit was für einem Szenario haben wir es hier zu tun? Der Täter fixiert sie mit Klebeband an einem Stuhl und prügelt sie mit einem Hammer zu Tode. Schneidet ihr mit einer Küchenschere die Zunge heraus. Und dann bleibt er mindestens eine Woche mit der Leiche hier in der Wohnung. Trotz der Tat, die er begangen hat. Trotz des Bluts und der Verwesung und eines Gestanks, der Tag für Tag schlimmer wird, bleibt er eine ganze Woche lang im Haus, bevor er mit dem Hammer in der Hand den Englandsvej überquert. Drüben angekommen, wirft er ihn fort und fährt mit einem Auto und einem kleinen Jungen auf dem Rücksitz davon. Die große Schwester des Jungen setzt er vorher noch ab. Warum?«

Thomas macht eine Pause und versucht die Worte zu verstehen, die er soeben in die Dunkelheit des Zimmers hat strömen lassen.

Das ergibt überhaupt keinen Sinn, denkt er.

Meilby antwortet nicht. Der Kommissariatsleiter ist es gewohnt, dass Thomas auf seine Mutmaßungen und Fragen nicht unbedingt eine Reaktion erwartet. Sie sollen einfach in der Luft hängen, bis Thomas selbst eine zufriedenstellende Antwort darauf gefunden hat. Dieser Prozess kann Stunden, Tage oder auch Wochen dauern.

»Was ist mit der blutfreien Stelle auf dem Tisch?«, fragt Meilby stattdessen. »Vor der Leiche hat irgendetwas gestanden, was diesen kleinen, viereckigen leeren Fleck hinterlassen hat.«

»Ein kleiner Bilderrahmen vielleicht?«, schlägt Thomas vor. »Irgendetwas, was sie sich ansehen musste?«

Meilby geht ein paar Schritte vor. Kniet sich hinter der Stuhllehne auf den Boden und scheint sich das weiße Klebeband genauer anzusehen, mit dem das Opfer fixiert ist.

»Das hat gedauert. Und sie hat gekämpft, um sich zu befreien. Das Plastik hat Einschnitte im Holz des Stuhls hinterlassen. Und in ihrer Haut.«

»Ja.«

»Was ist mit dem anderen Stuhl? Dem leeren Stuhl?«

»Keine Ahnung«, sagt Thomas. »Der Täter hat ihn offenbar benutzt, um sein Werkzeug darauf abzulegen. Vielleicht hat er auch darauf gesessen. Um sich auszuruhen, bei diesem …«

Er sucht nach einem passenden Wort, um zu beschreiben, was in dem Wohnzimmer wohl vor sich gegangen ist.

»… Ritual«, sagt er schließlich. Diesen Gedanken hatte er bisher noch nicht, doch die Anordnung des Tisches und der Stühle mitten im Raum hat tatsächlich etwas Rituelles. Die umfassende Tortur, die die Frau über sich ergehen lassen musste. Es sieht so aus, als wäre ihr Körper zunächst Zentimeter für Zentimeter mit Schlägen malträtiert worden, bevor ihr schließlich die Zunge aus dem Mund geschnitten wurde.

Thomas lässt den Gedanken fallen. Will sich nicht zu lange damit befassen.

Er geht zur Anlage. Schiebt einen vergoldeten Buddha zur Seite, damit er die Anlage drehen und die Eingänge auf der Rückseite betrachten kann. Sie sind alle leer.

»Die Anlage steht auf ›AUX‹«, sagt er. »Vielleicht hatte der Täter irgendein Gerät daran angeschlossen. Ein Handy oder einen MP3-Player. Das Gerät samt Kabel könnte er mitgenommen haben, als er aus dem Haus ging.«

»Oder es war nur ein Versehen«, sagt Meilby, den Blick auf das Blut gerichtet, das hinter dem Stuhl in dem groben Wohnzimmerteppich versickert ist und einen kreisförmigen Fleck hinterlassen hat. »Er wollte die Anlage ausmachen und hat aus Versehen von Radio auf ›AUX‹ geschaltet. Ich meine, so etwas könnte einem doch passieren?«

»Ja, das könnte schon …«

»Nyland?«, unterbricht Meilby ihn. »Sehen Sie mal hier.«

Er deutet auf den Blutfleck. Auf etwas Langes, Schmales.

Thomas geht näher heran. Kneift die Augen zusammen.

Ein Bleistift. Ein dünner, spitzer Bleistift aus hellem Holz.

Beide Männer betrachten die festgebundenen Hände der Leiche. Sämtliche Finger sind geschwollen und stehen in unnatürlichen Winkeln von den Handflächen ab.

»Ob sie den Bleistift wohl in der Hand gehalten hat?«, überlegt Meilby.

»Und hat man ihr vorher oder hinterher die Finger gebrochen?«, ergänzt Thomas. Er richtet sich auf. Spürt, wie es zwischen seinen Schulterblättern knackt.

Meilby nickt den beiden Kriminaltechnikern zu. »Wir sind fertig hier. Sie können loslegen, wir sehen uns in der Zwischenzeit den Rest der Wohnung an.«

»Aber rühren Sie bitte nichts an.«

Thomas hält beide Hände hoch. »Selbstverständlich. Wir behalten unsere Finger bei uns.«

2

00:10 Uhr

Thomas geht in die Küche. Über den gestapelten Gläsern und Schüsseln neben dem Spülbecken schwirren die Fliegen. Die meisten der Schalen wurden abgespült, doch eine ist zur Hälfte mit Milch und Müsli gefüllt. Die Haferflocken sehen noch frisch aus. Anscheinend hat der Täter hier gestanden und gegessen, während Moniqa oder Mona Larsen im Nebenzimmer tot auf ihrem Stuhl saß. Vielleicht stand er genau hier, als Maiken Hvornum an der Tankstelle gegenüber vorfuhr. Er könnte mit der halb vollen Müslischale in der Hand aus dem Fenster geschaut und beim Anblick des Autos die Schale abgestellt haben. Dann hat er möglicherweise zu dem Hammer auf dem Stuhl gegriffen und ist über die Straße gelaufen.

Aber warum?

Der Mord an der Frau im Wohnzimmer wirkt genau durchdacht. Geradezu methodisch. Kann der Anblick von Maiken Hvornum und ihren beiden Kindern diesen planmäßig vorgehenden Mörder tatsächlich dazu gebracht haben, alles stehen und liegen zu lassen und einem plötzlichen Impuls zu folgen?

Thomas verharrt einen Moment an der Stelle, wo der Täter gestanden haben muss, und schaut hinüber zur Tankstelle. Sieht Beamte in Uniform, die den Laden betreten und wieder verlassen. Sieht die Streifenwagen und den dunkelblauen Kastenwagen der Techniker. Versucht sich vorzustellen, was dem Täter wohl durch den Kopf gegangen ist, als er hier stand und Maiken Hvornums Auto auf der anderen Straßenseite über den Bordstein und in das Lichtermeer unter dem Vordach der Tankstelle rollen sah. Er weiß, dass es irgendein Muster geben muss. Eine Verbindung zwischen der rituellen Folter und der plötzlichen Eingebung, die den Täter Maiken Hvornums Auto stehlen und mit Lucas auf dem Rücksitz davonfahren ließ. Doch Thomas hat nicht genügend Fantasie, um das Muster zu erkennen. Zumindest noch nicht.

Er reißt sich vom Fenster los und macht auf dem Weg in den schmalen Flur einen Schritt zur Seite. Stößt dabei mit dem Fuß gegen einen Gegenstand, der halb unter dem Ofen lag und durch den Tritt nun außer Sichtweite gerutscht ist. Thomas bückt sich und streckt eine behandschuhte Hand unter den Ofen. Zieht ein hellrotes Handy hervor. Ein älteres Modell.

Er drückt auf einen großen Knopf unterhalb des Displays, und das Display und die Tasten leuchten auf.

Die Tastensperre ist nicht aktiviert.

Er ruft einen der Techniker zu sich.

»Können Sie sich das hier mal ansehen?«

Der Techniker nimmt das Handy an sich.

»Es hat keine Tastensperre«, fährt Thomas fort. »Also bitte nicht …«

»… ausschalten«, ertönt es hinter dem Mundschutz des Technikers.

»Genau. Danke.«

»Ich bin doch nicht total bescheuert, Nyland.«

Thomas antwortet nicht. Lässt das Handy bei dem Techniker, geht weiter in den Flur und in das Schlafzimmer der Wohnung. Über dem Bett hängt eine Ikone. Ein kleines Bild von der Jungfrau Maria mit dem Jesuskind auf dem Schoß. Auf eine Holzplatte gemalt. Die Bettdecke ist zur Seite geschlagen, das Laken zerknittert.

Vielleicht hat der Täter dort geschlafen. Dann hat er auch Haare und Hautschuppen im Bettzeug hinterlassen.

Meilby steht mit dem Rücken zur Tür vor einem kleinen Schrank und fährt mit der Hand durch die Kleider, die darin an der Stange hängen. Thomas bewegt sich langsam an der Wand entlang, um den Tatort nicht mehr als nötig zu verunreinigen. Meidet die ausgetretenen Pfade, die Moniqa oder Mona durch jahrelanges Hin- und Herlaufen in ihrer Wohnung auf dem Teppich hinterlassen hat. Es liegt nahe, dass auch der Täter diesen Pfaden gefolgt ist, weshalb die Techniker zu allererst hier nach Spuren des Mörders suchen werden.

Auf dem Boden neben dem Bett liegt ein Stapel Bücher. Zuoberst ein Roman und darunter eine Reihe spiritueller Ratgeber. Im Gegensatz zu allem anderen in der Wohnung sehen die Bücher ganz neu aus: Der Auftrag der Seele, Feng-Shui-Praxis, Die Heilkraft der Engel, Gesundheit für Körper und Seele und Leben im Jetzt.

Thomas lässt sie liegen und wendet sich einem alten Toilettentisch zu, der neben dem Fenster steht. Unter der Tischplatte ragt eine halb geöffnete Schublade hervor, in der sich allerhand ineinander verschlungene Schmuckstücke befinden. Ringe, Broschen, Halsketten. Ein Ring mit einem Yin-und-Yang-Symbol. Eine Halskette mit einer liegenden Acht als Anhänger. Ein keltisches Kreuz. Ein kleines Kruzifix. Lederarmbänder mit knalligen Plastikperlen in Gelb, Rot und Grün.

Noch mehr Maden.

»Gibt es irgendetwas, woran sie nicht geglaubt hat?«, sagt Meilby hinter ihm.

»Sie war entweder sehr offen oder sehr verwirrt«, brummt Thomas und fährt mit dem Zeigefinger durch den Schmuck. »Ach, und noch was.«

»Ja?«

»Nichts deutet auf einen Einbruch hin. Keine eingeschlagenen Fenster oder aufgebrochenen Schlösser.«

»Dann hat sie ihren Mörder also selbst hereingelassen?«

»Sie könnten verabredet gewesen sein. Ich habe ihr Handy in der Küche gefunden. Sobald die Techniker damit fertig sind, können wir nachsehen, ob sie unmittelbar vor ihrem Tod noch mit jemandem gesprochen hat.«

»Vielleicht hat er sie auch an der Haustür überrascht und gezwungen, ihn hereinzulassen.«

»Ja, das ist nicht …«

»Hallo?«

Die Stimme ertönt von der Haustür her. Sie könnte von einem Jugendlichen stammen, doch sowohl Thomas als auch Meilby wissen, dass sie einer Frau gehört.

Thomas sieht seinen Chef an.

»Ich hatte noch gar nicht mit ihr gerechnet«, brummt er.

»Ich habe sie angerufen«, sagt Meilby.

»Wann?«

»Kurz nachdem ich mit Ihnen gesprochen hatte. Ich habe sie gefragt, ob sie vielleicht schon ein bisschen früher anfangen könnte.«

»So circa acht Stunden früher«, brummt Thomas.

»Ja. Circa acht Stunden früher. Und sie hatte nichts dagegen. Gehen Sie schon mal zu ihr runter?«

Thomas zwängt sich an Meilby vorbei, geht aus der Wohnung und weiter die Treppe hinunter. Hört bei jedem Schritt seine Knie knirschen. Mittlerweile machen sie so laut auf sich aufmerksam, dass die Kollegen in der Abteilung für Personen gefährdende Kriminalität schon Wetten darüber abschließen, wann die Gelenke des hundertzwanzig Kilo schweren Ermittlungsleiters wohl endgültig nachgeben. Thomas weiß von diesen Wetten, doch das Knirschen seiner Knie ist nicht das, was ihn im Moment am meisten beschäftigt. Seine Gedanken werden von einem anderen knirschenden Geräusch beherrscht. Einem Geräusch, das aus seinem tiefsten Inneren kommt. Einem Geräusch, das nur er hören kann.

Er weiß nicht, was genau es verursacht, doch er hat den Verdacht, dass es sich dabei um seine inneren Schutzmauern handeln muss, die allmählich zusammenbrechen. Die schützenden Mauern, die in all den Jahren, die er nun schon bei der Polizei arbeitet, eine Sintflut von Vernachlässigung, Ohnmacht und Gewalt von ihm ferngehalten haben.

Bisher war er nie von Albträumen geplagt worden, weder tagsüber noch nachts, doch seit ein paar Wochen verfolgen ihn die schlechten Träume geradezu. Er kann sich nicht erklären, warum sie jetzt auf einmal auftauchen, fast anderthalb Jahre nach dem Tod seines Kollegen Adam Zahle und acht Monate, nachdem er selbst beinahe ums Leben gekommen wäre. Wieso mit dieser Verzögerung? Und warum träumt er nicht von selbst angefertigten Lanzen, kreideweißen Gesichtern mit schwarzen Augen und Handschuhen mit Fingernägeln aus Metall? Oder von einem bleichen, dunkelhaarigen Mädchen, das zusammengekrümmt in einem Pappkarton sitzt?

In der Regel ist der Inhalt seiner Albträume völlig undramatisch. Manchmal träumt er, dass er in seiner Wohnung von Zimmer zu Zimmer geht. Musik hört. Heißen Kakao trinkt. All das macht, was er eben so macht, wenn er allein ist. Nur kleine Details lassen erkennen, dass er nicht wach sein kann: Wenn er die Tür zum Badezimmer öffnet, kommt er ins Schlafzimmer, und die Wohnzimmertür ist plötzlich so niedrig und schmal, dass er nicht hindurchgelangt. Abgesehen von diesen kleinen Abwandlungen entsprechen die Träume im Großen und Ganzen der Wirklichkeit, aber trotzdem wacht er jedes Mal mit einer inneren Unruhe auf, und an seinen Kaumuskeln spürt er, dass er nachts ständig mit den Zähnen knirscht.

Er erreicht die Haustür, ohne dass seine Knie kapitulieren. Draußen steht eine große, schlanke Frau mit kurzen Locken. Sie trägt lange, locker sitzende Jeansshorts, ein T-Shirt mit dem Logo irgendeiner amerikanischen Universität und ein Paar ausgetretene Sneakers.

»Møller«, sagt Thomas. »Solltest du nicht eigentlich erst morgen anfangen?«

Rikke Møller wirft einen Blick auf ihren nackten Unterarm, als würde sie auf eine Armbanduhr schauen. »Du hast es vielleicht noch nicht mitbekommen, aber es ist bereits ›morgen‹. Seit einer Viertelstunde, um genau zu sein.«

»Die meisten Leute erscheinen an ihrem ersten Tag wohl eher so gegen acht auf der Arbeit.«

»Meilby hat mich angerufen und gefragt, ob ich Lust hätte, schon etwas früher zu kommen.«

»Ja, das hat er erzählt.«

»Er dachte, dir sei vielleicht entfallen, dass ich heute bei euch anfange, und meinte, du könntest ein zusätzliches Paar Hände gebrauchen.«

»Hände haben wir genug hier, aber wir könnten noch einen zusätzlichen Kopf gebrauchen.«

»Auch damit kann ich dienen«, entgegnet sie und wirft einen Blick über seine Schulter. Die Treppe hinauf. »Wie sieht es da oben aus?«

»Übel. Hat Meilby dir erzählt, was passiert ist?«

»Nur ganz kurz. Ermordete Frau, entführter Junge, richtig?«

»Ja, so in etwa«, sagt er und macht einen Schritt zur Seite, um einen der Techniker hinauszulassen. »Pass auf, ich bin so gut wie fertig hier im Haus und will als Nächstes los, um mit der Mutter des entführten Jungen zu reden. Sie ist bei ihrer Schwester. Du könntest mitkommen, während Meilby sich mit dem Rechtsmediziner die Leiche ansieht. Dann können wir unterwegs alles durchsprechen.«

Rikke Møller deutet mit dem Kopf auf Thomas’ Overall. »In Ordnung. Ich erfülle hier wohl sowieso nicht gerade den Dresscode.«

Thomas lächelt schief hinter seinem Mundschutz. »Nicht ganz. Aber es ist ja bekanntlich auch nicht so leicht, die richtigen Klamotten für den ersten Arbeitstag auszuwählen.«

3

00:35 Uhr

Sobald Thomas und Rikke Møller in der Wohnzimmertür stehen, hebt Maiken Hvornum den Kopf. Ihr Blick ist voller Fragen, die sie nicht zu stellen wagt.

»Ich habe nichts Neues zu berichten«, sagt Thomas. »Tut mir leid.«

Wortlos richtet sie den Blick wieder auf den Couchtisch. Sie sitzt vornübergebeugt in ihrem Sessel, eine Hand auf den Bauch gelegt, als hätte sie Magenschmerzen. In der anderen Hand hält sie ein feuchtes, zusammengeknülltes Stück Küchenrolle. Beim Einatmen bebt sie am ganzen Leib.

Sie ist groß und dünn. Hat langes, blondes Haar und helle Haut, die von der Sonne gerötet ist.

Auf dem Sofa neben ihr sitzt eine Frau, die ihre Schwester sein muss. Sie ist kräftiger und hat dunkleres Haar, aber ebenso helle Augen und hohe Wangenknochen. Den gleichen Höcker auf der Nase.

Thomas bleibt einen Moment unschlüssig stehen, weiß nicht genau, wo er Platz nehmen soll. Doch da erhebt sich die Schwester, bietet Thomas einen Sessel an und bittet ihren Mann, für Rikke Møller einen Stuhl vom Esstisch zu holen.

»Ich weiß, dass Sie bereits mit meinen Kollegen gesprochen haben, aber ich würde Ihnen gern noch ein paar ergänzende Fragen stellen«, sagt Thomas. »Sind Sie damit einverstanden?«

Maiken Hvornum nickt. Die Schwester setzt sich wieder neben sie. Nimmt ihre freie Hand.

»Wo befindet sich Ihre Tochter im Moment?«, fragt Thomas.

»Sie schläft oben«, antwortet die Schwester.

»Wir müssen noch einmal mit ihr darüber sprechen, was im Auto passiert ist, bevor Lucas entführt wurde.«

»Ist das wirklich notwendig?«

Wieder hat nur die Schwester geantwortet.

»Clara ist …«, setzt Maiken Hvornum an. Holt tief Luft und beginnt noch einmal von vorn: »Ein paar von den anderen Polizisten haben ihr Fragen gestellt, aber sie wollte ihnen nichts erzählen.«

»Ich habe eine Psychologin verständigt, die sich mit traumatisierten Kindern auskennt. Ida Rasmussen. Sie ist schon auf dem Weg hierher. Ich kenne sie persönlich und weiß, dass sie sehr gut ist. Mit Ihrer Erlaubnis würden wir gern heute Nacht noch einen weiteren Versuch unternehmen, mit Ihrer Tochter zu reden. Jede Stunde ist wichtig, deshalb können wir nicht bis morgen früh warten.«

Maiken Hvornum sieht ihre Schwester an. Die beiden wechseln einen Blick, den Thomas nicht versteht.

»Okay«, sagt die Schwester dann. »Wir lassen es auf einen Versuch ankommen.«

»Danke.«

Maiken Hvornum wendet sich an Thomas. »Stimmt es, dass in dem Haus gegenüber von der Tankstelle eine tote Frau lag? Sie wollten es mir nicht sagen, aber ich habe sie gehört … Ich habe gehört, wie sie darüber geredet haben, als ich im Hinterzimmer der Tankstelle saß.«

Thomas merkt, dass Maiken Hvornum nicht genau weiß, welchen Teil seines Gesichts sie anschauen soll, sodass ihr Blick unsicher zwischen seinem Hemdkragen und einem nicht weiter bestimmten Punkt über seinem Kopf hin und her zuckt. Er weiß, dass er vermutlich etwas zu den fünf schmalen Narben sagen sollte, die sich vom Haaransatz bis zum Doppelkinn über sein Gesicht ziehen, doch er weiß nicht so recht, wie er es formulieren soll.

»Ja, das stimmt«, sagt er stattdessen.

»Glauben Sie, dass es … derselbe war, der …«

»Wir können noch nichts mit Sicherheit sagen. Aber ich verspreche Ihnen, dass wir alles in unserer Macht Stehende tun, um Lucas zu finden. Sämtliche Einsatzwagen suchen im Moment nach Ihrem Auto, und mein ganzes Team arbeitet unter Hochdruck daran, sich einen Überblick zu verschaffen.«

Sich einen Überblick zu verschaffen, denkt Thomas, und seine Zehen krümmen sich zusammen. Das klingt ja so, als wüssten wir überhaupt nicht, was Sache ist.

»Aber ich habe, wie gesagt, noch ein paar Fragen … Zunächst einmal würde ich mir gern von Ihnen bestätigen lassen, was ich von meinen Kollegen erfahren habe: Sie waren mit Ihren Kindern zu Besuch hier bei Ihrer Schwester und gerade auf dem Weg zu Ihrer Wohnung in Østerbro, als Sie an der Tankstelle vorbeikamen.«

»Ja, das ist richtig. Wir haben Sommerferien, und es … es war schon ein bisschen spät, als wir hier aufgebrochen sind.«

»Und es war reiner Zufall, dass Sie ausgerechnet an dieser Tankstelle angehalten haben?«

»Ja.«

»Sie waren nicht mit irgendwem verabredet?«

»Nein. Die Lampe ging an … die Tankanzeige. Und da ich schon tanken musste, wollte ich auch gleich noch Milch kaufen. Es gab auf jeder Straßenseite eine Tankstelle, aber nur diese hatte einen Laden.«

»Und Sie haben den Schlüssel im Wagen stecken lassen, als Sie in den Laden gingen, um Milch zu kaufen?«

Maiken Hvornum hält sich das zusammengeknüllte Stück Küchenpapier vor den Mund, um einen Schluchzer zu unterdrücken. Sie bleibt einen Moment so sitzen, bevor sie antwortet.

»Clara wollte Musik hören, und ich … ich war zu müde, um mit ihr zu diskutieren, deshalb habe ich nachgegeben. Und das Radio läuft nur, wenn der Schlüssel steckt und die Zündung eingeschaltet ist.«

Thomas vergegenwärtigt sich noch einmal den Blick aus dem Küchenfenster der gegenüberliegenden Wohnung. Der Abstand zwischen dem Haus und der Tankstelle ist zu groß, als dass der Täter hätte sehen können, was im Einzelnen in Maiken Hvornums Auto vor sich ging, doch er konnte bestimmt problemlos erkennen, dass die Kinder im Auto sitzen blieben. Und er hat sicher auch sehen können, wie die Scheinwerfer des Wagens angingen, als der Schlüssel umgedreht wurde, damit das Radio lief. Er konnte davon ausgehen, dass der Schlüssel im Zündschloss steckte. Dass er nur den Motor anzuwerfen und loszufahren brauchte. Dass das Auto eine leichte Beute wäre.

»Mich interessiert auch, ob Sie in letzter Zeit vielleicht bedroht wurden«, sagt Thomas. »Oder ob Sie sich mit irgendwem gestritten haben.«

»Nein. Beziehungsweise … ich bin Sachbearbeiterin in einem Jobcenter. Ich werde fast täglich bedroht. Aber nur von Leuten, die sich künstlich aufregen. Nichts Ernstes.«

»Sie sind noch nie außerhalb der Arbeit von einem Ihrer Kunden aufgesucht worden?«

»Nein.«

»Haben Sie von irgendwem, den Sie nicht kennen, E-Mails oder Briefe erhalten?«

Sie schüttelt den Kopf.

»Was ist mit dem Vater Ihrer Kinder?«

»Meinem Mann? Er ist beruflich in London. Ich habe ihn angerufen, und er ist jetzt auf dem Heimweg, aber … vor morgen früh ist er nicht hier.«

»Was macht er beruflich?«

»Er ist Journalist.«

»Auf welchem Gebiet?«

»Wirtschaft.«

»Wissen Sie, ob irgendjemand etwas gegen ihn haben könnte?«

»Nein.«

Maiken Hvornums Hände beginnen zu zittern, und das Zittern erfasst auch ihre Arme, ihre Schultern, ihren ganzen Oberkörper. Ihre Augen füllen sich mit Tränen.

»Entschuldigen Sie«, bringt sie mühsam hervor. »Ich versuche … ich versuche, mich zusammenzureißen, aber es geht nicht. Ich halte das alles nicht aus. Warum können Sie ihn nicht einfach finden? Er kann doch noch nicht so weit sein.«

»Wir tun, was wir können. Das verspreche ich Ihnen«, sagt Thomas und denkt, dass er mit all seinen Fragen sowohl seine als auch Maiken Hvornums Zeit vergeudet. Er hat das sichere Gefühl, dass es nicht die Absicht des Täters war, Lucas Hvornum zu entführen. Die Sache hat nichts mit aufgebrachten Kunden des Jobcenters oder der journalistischen Tätigkeit des Ehemannes zu tun. Maiken Hvornums Halt an der Tankstelle war nicht geplant, woher also hätte der Täter wissen sollen, dass er ausgerechnet dort zuschlagen konnte? Sie hätte ebenso gut an einer der anderen Tankstellen am Englandsvej anhalten können. Vielleicht war dem Täter der Junge sogar völlig egal. Er könnte einfach nach einem Fluchtwagen Ausschau gehalten und kurzerhand die Gelegenheit ergriffen haben, als Maiken Hvornum ihr Auto mit dem Schlüssel im Zündschloss stehen ließ. Möglicherweise wollte er beide Kinder aus dem Auto werfen und hatte nur einfach keine Zeit mehr, Lucas zu wecken und seinen Sicherheitsgurt zu lösen, bevor Maiken Hvornum zurückkam.

Es klingelt an der Tür, und aus dem Augenwinkel sieht Thomas, wie der Schwager sich von seinem Platz am Küchentisch erhebt und zur Haustür geht.

»Entschuldigen Sie mich«, sagt Thomas. Er steht auf und geht mit in den Flur.

Der Schwager hat Ida Rasmussen bereits die Tür aufgemacht. Sie ist klein und schlank, hat dichtes, schwarzes Haar und ein ovales Gesicht mit dezenten asiatischen Zügen. Sie reicht beiden Männern die Hand. Wie alles andere an ihr ist auch die Hand zierlich und klein, sodass sie von Thomas’ riesiger Pranke geradezu verschluckt wird.

»Gut, dass Sie gleich kommen konnten«, sagt er. »Das Mädchen liegt oben und schläft, aber ich habe ihre Mutter schon darauf vorbereitet, dass wir sie wecken möchten.«

»Das ist gut. Ich würde nur gern zuerst noch ein paar Worte mit Ihnen wechseln, Thomas. Falls das in Ordnung ist.«

Den letzten Satz hat sie an den Mann der Schwester gerichtet, und der nickt und zieht sich ins Wohnzimmer zurück. Thomas hört ihn irgendetwas zu den anderen im Raum sagen, doch er kann die einzelnen Wörter nicht unterscheiden.

»Wie geht es den beiden?«, fragt Ida Rasmussen, nachdem der Mann verschwunden ist. Sie ist dicht an Thomas herangetreten und spricht mit gedämpfter Stimme.

»Die Mutter ist müde und steht unter Schock«, sagt Thomas. »Clara schläft, wie gesagt, mit ihr konnte ich also noch nicht reden.«

»Haben Sie noch jemanden dabei?«

»Møller.«

»Dann wurde sie jetzt also versetzt?«

»Ja, sie hat vor knapp einer Stunde bei uns angefangen.«

»Ich gehe davon aus, dass einer von Ihnen dabei sein will, wenn ich mit Clara rede.«

Thomas nickt.

»Das muss dann Møller sein«, sagt Ida Rasmussen. »Wenn Sie hinter mir sitzen, bekomme ich das Mädchen nie zum Sprechen. Bei allem Respekt, Thomas, aber …«

»Ich weiß. Ist in Ordnung.«

»… die Narben erschrecken sie womöglich, wenn sie ohnehin bereits müde und verwirrt ist.«

»Ich weiß, ich weiß«, murmelt Thomas. Am liebsten hätte er gesagt, dass die Narben ihn selbst erschrecken, doch er unterdrückt die Bemerkung. Er hat sein Spiegelbild noch nie sonderlich gemocht, aber seit dem vergangenen November lässt ihn nicht nur seine ganz normale Selbstverachtung einen Bogen um den Spiegel machen. Er hat sich noch immer nicht an die Narben gewöhnt, auch wenn es mittlerweile acht Monate her ist, dass man ihm mit einem Handschuh mit angenähten Metallfingernägeln das Gesicht und die Halsschlagader aufgeschlitzt hat. Einer der Nägel hat sich in sein rechtes Auge gebohrt, das Lid entzweigetrennt, die Hornhaut durchschnitten, sodass das Kammerwasser ausgetreten ist, und sowohl die Iris als auch die Linse tief im Inneren des Auges verletzt.

Traumatischer grauer Star, haben die Ärzte es später genannt. Die Linse wurde trüb, und mit dem rechten Auge konnte er nur noch den Unterschied zwischen hell und dunkel wahrnehmen. Thomas hat immer gedacht, grauen Star bekämen nur ältere Leute, aber wenn man sich ungeschickt genug anstellt, kann es einen offenbar auch früher im Leben treffen.

Als er kurz nach dem Überfall auf dem Operationstisch lag, hatten die Ärzte alle Hände voll damit zu tun, ihm das Leben zu retten und sein Gesicht wieder zusammenzuflicken, sodass das verletzte Auge sich erst einmal schön hinten anstellen und auf die nächste Operation warten musste. Er bekam antibiotische Augentropfen, um einer Infektion vorzubeugen, und wurde vom Uniklinikum in ein Krankenhaus in seiner Nähe verlegt. Eine Woche später setzte man ihm dann in Kopenhagen eine neue Linse in den alten Linsensack ein. Die Hornhaut wuchs von allein wieder zusammen, allerdings ein wenig schief, sodass er jetzt eine Hornhautverkrümmung hat und um eine runde Brille mit dickem, dunkelbraunem Gestell reicher ist. Eine Optikerin mit hellgrünen Augen konnte ihn erfolgreich davon überzeugen, dass genau diese sündhaft teure Paul-Smith-Brille seinem Gesicht die entsprechende Portion Charakter verleihen würde. Erst als er an der Kasse seine EC-Karte aus dem Kartenlesegerät zog, wurde ihm klar, dass er sich von diesen grünen Augen wahrscheinlich halb Kopenhagen hätte andrehen lassen, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. Wenn er es sich nun recht überlegt, findet er eher, dass ihm die fünf schmalen Narben, die wie Gitterstäbe vor seinem Gesicht aussehen, die entsprechende Portion Charakter verleihen.

Die Qualen mit seiner Designerbrille lassen ihn an seinen Vater denken, den Landwirt, mittlerweile im Ruhestand. Thomas sieht ihn noch vor sich, wie er früher, als Thomas klein war, vor irgendeiner Familienfeier vor dem Spiegel im Schlafzimmer stand. Groß und grob, mit hängenden Schultern. In seinem einzigen Anzug.

»Was nützt einem ein seidenes Jackett aus Italien, wenn man nach Schwein riecht?«, sagt er mit einem Seufzen zu seinem Sohn, der auf dem Bett hinter ihm sitzt. Er dreht sich um, geht an Thomas vorbei und fährt ihm mit der Hand durch das blonde Haar.

»Das ist schon in Ordnung«, sagt Thomas zu Ida Rasmussen. »Møller wird mit Ihnen gehen.«

»Und ich führe das Gespräch«, sagt sie.

»Selbstverständlich.«

»Sollen wir hineingehen?«

Thomas nickt und macht einen Schritt zur Seite, damit Ida Rasmussen an ihm vorbeikommt.

»Ich stelle Ihnen die Familie vor, und dann fahre ich wieder«, sagt er. »Ich muss zurück zum Tatort.«

»Sehr gut. Ich sage Møller, sie soll Sie anrufen, wenn ich fertig bin. Aber erwarten Sie bitte kein Wunder. Es können Tage oder Wochen vergehen, bis wir etwas Brauchbares aus dem Mädchen herausbekommen.«

»So lange kann Lucas Hvornum nicht warten.«

Ida Rasmussen schaut zu ihm auf. Scheint etwas erwidern zu wollen, überlegt es sich aber noch einmal anders und geht ins Wohnzimmer.

4

00:55 Uhr

Thomas geht über den gepflasterten Gartenweg, der vor dem Haus zwischen einem gestutzten Rasen und einem penibel gepflegten Beet herführt. Garten und Bürgersteig sind durch eine kleine Steinmauer getrennt, die genau wie der Rest des Grundstücks völlig frei von Unkraut ist. Vor seinem Dienstwagen, einem silbergrauen VW Passat, der an der Bordsteinkante parkt, bleibt Thomas stehen.

Er durchsucht seine Taschen nach der Brille. Findet sie in der Hemdtasche und setzt sie sich auf die Nase. Er hat sie den ganzen Abend über nicht getragen. Manchmal liegt sie tagelang in irgendeiner Tasche oder auf seinem Nachttisch, weil er vergessen hat, sie aufzusetzen, und ihr Fehlen immer erst bemerkt, wenn ihm schwindelig wird und er Kopfschmerzen bekommt.

Er schaut noch einmal zurück zum Haus. Aus den Fenstern im Erdgeschoss fällt ein gelber Lichtschein in die Nacht, und durch das Wohnzimmerfenster sieht er Ida Rasmussen mit Maiken Hvornum sprechen. Sieht, wie sie ihr eine Hand auf den Arm legt.

Thomas bleibt noch einen Moment stehen und betrachtet die beiden. Er kann sich nicht vorstellen, was Maiken Hvornum wohl gerade durch den Kopf gehen muss. Selbst versucht er, nicht allzu viel darüber nachzudenken, wo der kleine Junge sich jetzt befindet. Was er möglicherweise durchmachen muss. Thomas weiß aus Erfahrung, dass es nichts nützt, sich in derlei Gedanken zu vertiefen. Wenn er den Jungen finden will, muss er einen klaren Kopf bewahren. Sich auf die Anhaltspunkte und Informationen konzentrieren, die ihm zur Verfügung stehen. Er muss den Fall als Rätsel betrachten, das gelöst werden soll. Sonst verliert er die Kontrolle.

Wem versuche ich hier eigentlich etwas vorzumachen?, denkt er. Dabei spuken mir doch die schlimmsten nur denkbaren Szenarien im Kopf herum. All das, was ich Menschen einander habe antun sehen. All das, was ich Männer und Frauen kleinen Kindern habe antun sehen.

Irgendwo in der Nähe hört er Wasser leise plätschern. Gelächter und lautes Johlen. In einem der umliegenden Gärten wird offenbar noch im Swimmingpool gebadet. Thomas hätte nicht übel Lust, jetzt in voller Montur selbst ins Wasser zu springen. Oder sich zumindest unter die kalte Dusche zu stellen, um sein Hirn abzukühlen.

Er dreht sich um und setzt sich in den Dienstwagen. Lässt vorn die Fenster herunter und fährt langsam den schmalen Skalbjergvej entlang. Das Gelächter aus dem Swimmingpool wird lauter. Der Klang von Sommerferien. Zum Glück hat ihn niemand gezwungen, Urlaub zu nehmen. Was sollte er auch machen, wenn er nicht arbeitet? Er würde nur allein in seiner Wohnung hocken. Allein mit seinen Gedanken.

Keine besonders schöne Gesellschaft.

Er biegt auf den Englandsvej und fährt in Richtung der Tankstelle, die weniger als einen Kilometer entfernt ist. An der Straße liegen zwei Tankstellen, genau wie Maiken Hvornum gesagt hat: die eine dem Tatort gegenüber, die andere gleich neben dem Haus. Thomas wird den Gedanken nicht los, dass der Täter Maiken Hvornums Auto vielleicht nie gesehen hätte, wenn sie zum Tanken links abgebogen wäre und nicht rechts.

Bei dem Gedanken wird ihm übel.

Kann es wirklich so ein Zufall gewesen sein?

Hätte sie das Lenkrad in die entgegengesetzte Richtung eingeschlagen, dann würde Lucas jetzt in seinem Bettchen liegen und schlafen.

Und was wäre mit mir? Was würde ich in diesem Moment wohl tun?

Wahrscheinlich würde er immer noch auf den Stufen vor Natalja Rudovas Haustür in Østerbro sitzen.

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