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Weisse Stille

ALEX BARCLAY

W E I S S E
S T I L L E

T H R I L L E R

Übersetzung
aus dem Englischen von
Karin Meddekis

BASTEI ENTERTAINMENT

PROLOG

Im Scheinwerferlicht der Streifenwagen sah man den Schmerz und die Angst im Gesicht der Frau. Doch das Kind in ihren Armen fühlte sich geborgen und in Sicherheit. Die Frau rannte, so schnell ihr geschändeter Körper es zuließ, und drückte den Kopf des Jungen an ihre Wange. Ihrer beider Schweiß, ihr Blut, ihr Speichel und ihre Tränen vermischten sich, und ein widerlicher Gestank stieg von den beiden Körpern in die feuchte Hitze auf.

Stolpernd rannte die Frau weiter und zuckte zusammen, als sie mit nackten Füßen über scharfkantige Steine und spitze Zweige lief, denn ihre Schuhe hatte sie längst verloren. Als sie immer tiefer in den Wald vordrang und die Bäume ihr ausreichend Schutz boten, blieb sie keuchend stehen. Sie zerrte die kleinen Hände des siebenjährigen Jungen von ihrem Nacken, löste seinen krampfhaften Griff. Dann versuchte sie zu lächeln, als sie den Jungen auf den Waldboden setzte. Auf ihren Lippen glitzerten schwarze Schottersplitter.

»Du musst ganz leise sein«, sagte sie. »Ganz, ganz leise.« Ihre rauchige Stimme besaß einen mexikanischen Akzent.

Der Junge umklammerte die Beine der Frau, doch sie stieß ihn grob zurück, damit er ihre Wunden nicht berührte. Ungerührt beobachtete sie, wie der Junge stürzte, sich schluchzend aufrappelte und wieder auf sie zu kroch. Tränen strömten ihm über die Wangen.

»Nein!«, zischte die Frau und schüttelte den Kopf. »Nein!«

Der Junge weinte.

Sie kauerte sich hin. »Du musst dich verstecken!« Sie zeigte auf das Gestrüpp ringsum. »Geh. Ich bin hier.« Kurz drückte sie seine Hand.

Der Junge gehorchte. Als die Frau auf die Lichtung rannte, knackten Äste und Zweige unter ihren Füßen. Ihr Gesicht war in Dunkelheit getaucht, doch im schwachen Licht einer Taschenlampe sah man die Erleichterung auf ihren Zügen.

Der Mann lief zwischen den Bäumen hindurch auf sie zu. Er musterte seine blutverschmierte, verdreckte, verschwitzte Frau. Mit einer Hand umklammerte sie ihre zerrissene Bluse, um sich einen letzten Rest Würde zu bewahren. Als sie sich an die Brust des Mannes fallen ließ, stieß sie raue, tierhafte Laute aus.

Der kleine Junge beobachtete sie.

Als ich die Treppe hinaufstieg,

traf ich einen Mann, der nicht da war.

Heute war er wieder nicht da.

Und ich wünschte so sehr, er würde wegbleiben.

»Mira, Domenica«, sagte der Mann. »Schau.«

Domenica blickte in die Richtung, aus der sie gekommen war. Hinter den Bäumen wütete ein Feuer. Dichte schwarze Rauchschwaden stiegen zum Himmel.

Die Frau war wie gelähmt.

»Höllenfeuer«, flüsterte sie, und die Glut der Flammen spiegelte sich in ihren Augen.

Doch es schimmerte noch etwas anderes, viel Schrecklicheres darin.

ERSTER
TEIL

1. RIFLE, COLORADO

Als Jean Transom erwachte, fiel ihr Blick auf das Licht ihrer Schreibtischlampe. Schlagartig überkam sie das Gefühl, das sie bereits gequält hatte, ehe sie eingenickt war – das Gefühl, ihr Leben sei aus den Fugen geraten. Vor ihr lagen die beiden Ermittlungsakten mit den sorgfältig beschriebenen und mit Randnotizen versehenen Seiten. In der einen Akte befanden sich keine Fotos, nur eine Zeichnung – ein harmlos aussehender Grundriss aus geometrischen Figuren – Rechtecke, Kreise und Quadrate. Doch die Zeichnung stellte einen Ort dar, der die Hölle gewesen war.

Jean seufzte, stützte die Hände auf die Schreibtischplatte und stemmte sich hoch.

Sie zog sich aus, stieg in die Duschkabine, stellte sich unter den heißen Wasserstrahl, seifte ihren Körper ein. Nach dem Duschen ging sie ins Schlafzimmer und zog Unterwäsche, eine weiße Bluse und eine enge braune Hose an, dazu weiche Lederschuhe.

»Wo steckst du, McGraw? Komm her, mein Kleiner«, sagte sie, als sie in die Küche ging. Als sie den Kater sah, kauerte sie sich hin und streckte die Hand aus. »Na komm schon, McGraw, du süßer Kerl.«

Der Kater mit dem glänzenden schwarzen Fell funkelte sie an.

»Ja, du bist ein schöner Bursche. Und du weißt, wie du einen anschauen musst. Aber das weiß ich auch, du würdest dich wundern. Soll ich dir mal eine Geschichte darüber erzählen?« Der Kater drehte sich um, hob den Schwanz und ging langsam zu seinem Schlafplatz in der Ecke.

»Du Faulpelz«, sagte Jean. »Hier in meinem Haus wohnt ein Kerl, der nicht mit mir sprechen will? Na gut, ich kann auch ohne dich.« Sie schaltete ihre alte Stereoanlage ein. Ein paar Sekunden sang sie leise die Melodie mit, ohne den richtigen Ton zu treffen.

Sie aß ihr Frühstück: Haferflocken, Honig und Obst. Anschließend stellte sie das Geschirr in die Spülmaschine und wischte die Arbeitsplatte sauber. Das Geschirrtuch faltete sie zusammen und hängte es neben die Spüle.

Als sie die Küche verließ, eine Tasse koffeinfreien Kaffee in der Hand, keimten der Schmerz und die Trauer wieder in ihr auf. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch und starrte auf die Skizze, die in einer Plastikhülle steckte. Die Zeichnung war viele Jahre alt – von Kinderhand gezogene blaue und grüne Linien. Es war eine Skizze, die Jean vertraut war. Ein Kind, das sie kannte, hatte nachts bei diesem Anblick geweint.

Jean legte die Skizze in die Akte und ging in die Diele.

Ihre Hand zitterte, als sie ihren FBI-Ausweis aus der Handtasche zog. Sie steckte ihn in die rechte Innentasche ihrer Jacke und verließ das Haus.

2. GOLDEN, COLORADO

Als Ren Bryce erwachte, fiel ihr Blick auf weißes Porzellan. Sie stöhnte dumpf. Sie hatte das Gefühl, von einem Laster überrollt worden zu sein. Als sie eine Hand auf ihren dröhnenden Schädel legen wollte, stießen ihre Fingerknöchel gegen die Unterseite der Toilettenschüssel. Sie rieb sich die vom Schlaf verklebten Lider und sah Spritzer der übelriechenden Flüssigkeit, die sie um vier Uhr nachts erbrochen hatte. Rotwein. Vorsichtig drehte sie sich auf den Rücken. Ihr blaues Kleid – das schöne Kleid, für das sie noch vor zwölf Stunden Komplimente bekommen hatte – war bis zur Taille aufgeknöpft und voller Flecken. Es sah aus wie ein Putzlappen. Langsam drehte Ren den Kopf und sah ihre Seidenstrümpfe in der Ecke neben der Toilettenbürste liegen. Übelkeit schoss in ihr hoch. Sie ließ sich zurücksinken und schloss die Augen.

O Gott, nicht schon wieder.

Mühsam zog sie sich hoch, hing wieder über der Toilettenschüssel, würgend und keuchend, doch es kam nichts mehr. Nur der Gestank des bereits Erbrochenen schlug ihr entgegen. Sie würgte, bis schwarze Sterne vor ihren Augen tanzten. Als der Anfall verebbte, kämpfte sie sich hoch, ging schwankend ins Bad und zog sich umständlich aus. Dann stand sie zehn Minuten unter der Dusche und wusch ihren Körper und ihr Haar mit verschiedenen Pflegemitteln.

Plötzlich wurde ihr iPod-Alarm im Schlafzimmer aktiviert, und in voller Lautstärke erklang Dropkick Murphys »Kiss Me, I’m Shitfaced« – »Küss mich, ich bin stockbesoffen«.

Ren schnappte sich ein Badetuch, sprang aus der Dusche, stürmte nackt ins Schlafzimmer und stellte den Ton leiser. Dann trocknete sie sich ab und zog eine Boxershorts aus pinkfarbener Spitze, einen passenden BH, ein enges, schwarzes T-Shirt, eine schwarze Röhrenhose und hochhackige schwarze Schuhe an. Als sie zur Frisierkommode schaute und an das Make-up dachte, wurde ihr wieder übel. Heute versprach kein schöner Tag zu werden.

Ren nahm eine Spange, packte mit der freien Hand ihr nasses Haar und steckte es hoch. Dann setzte sie sich vor den Spiegel und rieb ihr Gesicht mit Feuchtigkeitscreme ein. Ihre dunkle Haut – ein Erbe ihrer indianischen Ahnen – war bleicher als sonst, und ihre blassgrünen Augen waren blutunterlaufen. Sie seufzte. Du blöde Kuh, was trinkst du auch so viel.

Sie zog die Schminkutensilien näher heran und übertünchte die Spuren, die der Alkohol in ihrem Gesicht hinterlassen hatte, so gut sie konnte. Dann ging sie nach unten.

Vincent lag auf dem Sofa und las Zeitung.

»Hi«, sagte Ren.

»Oh, hallo. Toller Song, den ich da eben gehört habe. Deine Erkennungsmelodie?«, sagte Vincent.

»Tut mir leid wegen der Lautstärke.«

»Du entschuldigst dich wegen der Lautstärke?« Vincent hob den Blick.

Ren, die auf der anderen Seite des Zimmers stand, blickte ihn verlegen an.

»Ist das alles, Ren?«

»Was ist alles?«

»Hast du mir sonst nichts zu sagen?«

Ren ging in die Küche und goss sich einen Becher schwarzen Kaffee ein.

Vincent folgte ihr. »Kannst du mir wenigstens erklären, warum du dich letzte Nacht so aufgeführt hast?«

»Okay.« Ren drehte sich zu ihm um. »Du hast mir gerade genau die drei Fragen gestellt, die ich mir auch von meiner Mutter immer anhören musste, als ich ungefähr siebzehn war.«

»Lass deine Mutter aus dem Spiel.«

»Es stimmt aber. Und ich hab’s satt, mich von dir behandeln zu lassen wie …«

»Du hast es satt? Nein, ich hab’s satt. Ich hab die Schnauze voll.«

Ren öffnete den Mund.

»Du müsstest dich mal hören«, sagte Vincent. »Du bist sechsunddreißig und redest wie ein Kind.«

»Leck mich.«

Vincent hob einen Finger. »Ich mach das nicht mehr mit. Du warst gestern Abend total neben der Spur.«

Ren drückte sich die Hände auf die Ohren. »Bitte, Vincent, hör auf. Ich will das nicht hören.«

Vincent zog behutsam ihre Hände weg. »Natürlich nicht. Soll ich dir mal was verraten? Du hast auf mich eingeschlagen.« Er schüttelte den Kopf. »Ich habe alles versucht, aber du warst sternhagelvoll.«

Ren erinnerte sich an den Beginn des Abends, an ihr hübsches Kleid, ihr perfektes Make-up, ihr hochgestecktes Haar und Vincents Lächeln, als sie die Treppe hinuntergestiegen war.

»Hast du hier irgendwo eine Akte gesehen?«, fragte sie. »Hast du etwas weggeräumt?«

»Nein. Ich habe verdammt noch mal andere Sorgen.«

»Mist!« Ren stellte ihren Kaffeebecher ab, lief durchs Wohnzimmer, zog Schubladen auf, hob Kissen hoch. »Wo ist das Ding, verdammt noch mal?«

»Deine Akte ist nicht hier. Ich habe heute Morgen das ganze Haus geputzt, aber da war keine Akte. Du kannst sie später suchen. Ich würde jetzt gerne über gestern Nacht reden«, sagte Vincent.

Ren schaute auf die Uhr. »Tut mir leid, dafür habe ich keine Zeit mehr.« Sie eilte in den Flur. »Heute Abend, okay?«, rief sie.

»Nein«, erwiderte Vincent, der ihr folgte. »Nein, verdammt!«

»Also gut. Was habe ich gestern Nacht getan?« Ren drehte sich zu ihm um.

»Es geht eher darum, was du gesagt hast.«

»Ich war betrunken. Das zählt nicht.«

»Oh doch«, widersprach Vincent.

»Du meine Güte, warum kapierst du nicht, dass ich Dinge sage, die ich nicht so meine, wenn ich einen in der Krone habe?«

»Weil es wehtut.«

»Aber wenn du weißt, dass es nicht stimmt, was ich sage, wie kann es dann wehtun? Das ist so, als wäre ich beleidigt, weil du mich als … was weiß ich beschimpfst. Als jemand, der ich gar nicht bin.«

»Na toll. Das hatten wir alles schon. Du machst es dir wieder mal leicht. Du meinst, du könntest mir wer weiß was an den Kopf werfen und es würde mir überhaupt nichts ausmachen. Du machst mich fertig mit deinem Scheiß. Es ist jedes Mal der gleiche Mist!«

»Wenn du weißt, dass es jedes Mal so ist, warum ignorierst du es dann nicht einfach?«

»So funktioniert das nicht, Ren. Weißt du überhaupt noch, was du mir gestern Nacht an den Kopf geworfen hast?«

Ren schwieg.

»Wenigstens scheinst du dich ein bisschen zu schämen«, sagte Vincent. »Oder ist das bloß Taktik?«

»Du bist gemein!«

Er lachte bitter auf. »Ach ja? Ich will dir mal sagen, was gemein ist: ›Vincent, du bist langweilig. Du unterdrückst meine Persönlichkeitsentwicklung. Du wünschst dir, ich wäre eine andere. Du kannst nicht akzeptieren, dass ich so bin, wie ich bin. Du selbstgerechtes Arschloch willst mir sagen, was ich zu tun habe? Du kannst mich mal. Du hast ja keine Ahnung vom Leben. Du liebst die Eintönigkeit, weil sie Sicherheit verspricht, und Sicherheit geht dir über alles.‹« Er holte tief Luft. »Und das nur, weil ich mich geweigert habe, einer Besoffenen noch einen Wodka zu bestellen.«

Ren zögerte. »Nun ja, es ist ja wirklich nicht so, dass du der spontanste Mann auf der Welt bist …«

»Siehst du!«, rief Vincent. »Genau das meine ich. Und darum glaube ich dir nicht. Weil du nämlich Stunden später, wenn du wieder nüchtern bist, noch immer richtig findest, was du im betrunkenen Zustand gesagt hast. Und im selben Atemzug behauptest du, es wäre alles nur dummes Geschwätz gewesen.«

»Es war dummes Geschwätz.«

»Aber jetzt erkennst du auf einmal, wie viel Wahrheit in deinem Gelaber steckt, was? Herrje, wie oft haben wir solche Gespräche schon geführt.« Er zeigte mit dem Finger auf sie. »Das ist öde, Ren. Und mich beschuldigst du, langweilig zu sein.«

»Bist du ja auch. Du hast keine Perspektive.«

»Ich? Ich? Oh Mann, mir reicht’s jetzt. Ich hab die Schnauze endgültig voll. Ich kann nicht mehr. Ich geb auf.«

»Was soll das heißen, du gibst auf?«

»Genau das, was ich gesagt habe. Ich mach die Fliege. Ich habe genug von dir, Ren Noir.«

Sie versuchte zu lächeln. »Du magst Ren Noir. Sie macht dein Leben interessant.«

»Jetzt, in diesem Augenblick, geht sie mir nur noch auf den Senkel. Ich glaube, Ren Noir ist ein Miststück.«

Ren stiegen Tränen in die Augen.

»Tut mir leid, aber Mitleid kann ich nicht empfinden.« Vincent küsste sie auf den Scheitel. »Pass auf dich auf. Ich bin nicht mehr da, wenn du nach Hause kommst.«

Ren starrte Vincent hinterher, als er durchs Wohnzimmer ging.

Du Blödmann, dann hau doch ab.

Ihre Hand zitterte, als sie ihren FBI-Ausweis aus ihrer Handtasche nahm. Sie steckte ihn in die linke Innentasche ihrer Jacke und verließ das Haus.

3. BRECKENRIDGE, COLORADO

In Erics Kellerkneipe war es dunkel, voll und laut. Im Gang standen Jugendliche in Winterstiefeln und Anoraks an den Flipperautomaten. Am Eingang drängten sich zwei Gruppen Schülerinnen und warteten auf einen Tisch. Die Hälfte von ihnen trug Klamotten von Abercrombie &, die andere Hälfte von Fitch. Drinnen lehnten dünne Blondinen, die für Zöpfe zu alt waren, an der Wand neben der Küche. Auf den Rücken ihrer T-Shirts stand der Slogan der Kneipe: Eric’s – Essen & Trinken, bis der Arzt kommt.

Mit einem Bier in einer Hand und einer sauberen Gabel in der anderen setzte Sheriff Bob Gage sich an einen Tisch.

»He, wo ist meine Pizza?«

»Auf einem kleinen gelben Zettel«, sagte Hilfssheriff Mike Delaney.

»Das kann ja noch Stunden dauern, bis sich das auf meiner Waage niederschlägt.«

Mike verdrehte die Augen. »Können sechsundvierzigjährige Männer eine körperdysmorphe Störung haben?«

»Wenn ich wüsste, was diese körperdismologischen Störungen sind, würde ich’s dir sagen«, erwiderte Bob.

»Ich erkläre es dir. Das heißt, dass du dich selbst ganz anders siehst als alle anderen. Denn du glaubst, fetter zu sein, als du tatsächlich bist.«

»Willst du mich veräppeln, oder was?«

»Nein«, sagte Mike. »Du bist ziemlich groß. Da machen ein paar Pfund mehr oder weniger nicht viel aus.«

Bob schaute ihn von der Seite an. Mike war früher ein sonnengebräunter, blonder Sonnyboy gewesen, ständig auf den Pisten unterwegs. Jetzt, mit achtunddreißig, war er ein sonnengebräunter, blonder Hilfssheriff – und noch immer ein Sonnyboy, der die Pisten liebte. Seine Haut und die Augen waren leicht gerötet, die Lippen blass von der Sonnenschutzcreme. Bob selbst sah mit seiner glatten, weichen Haut, dem säuberlich gescheitelten braunen Haar und der konservativen Kleidung eher brav aus, doch hinter diesem biederen Äußeren verbarg sich ein ziemlich ausgeflippter Typ. Die meisten Frauen fühlten sich zu beiden Männern hingezogen, wenn auch aus verschiedenen Gründen.

Bei ihrer ersten gemeinsamen Nachtschicht an diesem Tag waren Mike und Bob zu einem Einsatz gerufen worden, bei dem es um häusliche Gewalt ging. Die Dame des Hauses hatte zu ihnen gesagt: »Ich würde gerne mit Ihnen speisen, Sheriff, und dann wäre ich in der richtigen Stimmung, um mit Ihrem blonden Kumpel ins Bett zu springen.« Bob hatte sie angeschaut und grob erwidert: »Ich glaube nicht, dass er in zehn Jahren noch Bock drauf hat, Sie zu vögeln, Ma’am, denn eher kommen Sie wohl nicht aus dem Knast raus, nachdem Sie den armen Mann halbtot geschlagen haben.« Die Frau hatte ihn angesehen und erwidert: »Ihnen würde ich niemals ein Haar krümmen, Süßer. Selbst wenn strengster Winter ist – bei einem hübschen Kerl wie Ihnen habe ich immer den Sommer im Herzen.«

Bob hatte Mike einen raschen Blick zugeworfen. »Sie haben nicht den Sommer im Herzen, Ma’am, Sie haben ’nen Sprung in der Schüssel«, hatte er gesagt und der Frau Handschellen angelegt.

Sie hatte versucht, Mike zwischen die Beine zu greifen, doch er hatte im letzten Moment ihr Handgelenk umklammert und Schlimmeres verhindert.

»Ich habe seit dem Frühstück nichts mehr gegessen«, sagte Mike nun und zeigte Bob das Display seines Handys, auf dem fünfzehn eingegangene Anrufe und Textnachrichten angezeigt wurden. »Guck dir das hier an. Soll ich dir mal was sagen? Das geht mir am Arsch vorbei. Nach dem ganzen Zirkus heute möchte ich mal eine halbe Stunde meine Ruhe haben. Nur eine läppische halbe Stunde. Oder ist das zu viel verlangt?«

Das Büro des Sheriffs von Summit County war in demselben Gebäude untergebracht wie das Gefängnis und das Gericht. Eine Kneipenschlägerei hatte Bob heute drei Stunden seiner wertvollen Zeit gestohlen.

»Du solltest dir ein paar Mini-Salamis in die Schublade legen«, schlug Mike vor, »oder eine Tüte Studentenfutter.«

»Igitt«, sagte Bob. »Ich will jetzt meine Pizza!«

Mike wollte gerade etwas sagen, als ihre beiden Handys vibrierten. Die Anrufe kamen von der Zentrale.

»Es ist wohl besser, wenn ich rangehe«, meinte Mike, drückte auf die grüne Hörertaste und drückte sich das Handy ans Ohr.

»Mike Delaney«, sagte er und verstummte.

Bob hörte eine Frau am anderen Ende der Leitung. Sie redete sehr schnell. Mike zog rasch die Speisekarte zu sich heran, zückte seinen Kuli, kritzelte etwas auf die Seite und nickte beim Schreiben. »Okay. Bob und ich machen uns gleich auf den Weg«, sagte er schließlich und beendete das Gespräch.

»Oh nein.« Bob seufzte. »Dieses ›gleich‹ gefällt mir gar nicht.«

»Tut mir leid, alter Junge«, sagte Mike. »Aber du wirst am kältesten Januartag, den es in Breckenridge seit fünfzig Jahren gab, einen steilen Berg erklimmen.«

»Lieber Gott, nein!« Bob stöhnte und schaute auf die Uhr. »Es ist Viertel nach drei, Mann. Ich bin schon fast zu Hause. Warum soll ich mich da noch als Bergsteiger versuchen?«

»Der Such- und Rettungsdienst hat einen anonymen Hinweis bekommen. Es hörte sich alles ziemlich verrückt an, aber sie haben es trotzdem überprüft. Und stell dir vor – sie haben auf einem Schneefeld oben am Quandary Peak eine Leiche gefunden.«

»Was?«

Mike nickte.

»Verdammt.« Bob riss die Augen auf, als die Kellnerin mit seiner Pizza an den Tisch kam. Er umklammerte den Arm der jungen Frau. »Pack sie in einen Karton, Schätzchen«, sagte er. »Dafür liebe ich dich. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr.«

Der Quandary Peak mit seinen 4350 Metern Höhe war ein unberechenbarer Gipfel, gefürchtet wegen der plötzlichen Wetterstürze. Der Berg mit seinen steilen, glatten Flanken hatte bereits mehr als eine Bergsteigergruppe zur Umkehr gezwungen, ehe die Alpinisten die Chance gehabt hatten, auch nur in die Nähe des Gipfels zu kommen. Binnen Minuten konnte der Fels des Quandary vereisen, oder ein Schneesturm toste über die Grate und Wände, doch heute schien erstaunlicherweise die Sonne. Zwischen Drehkiefern versteckte, zweihundert Jahre alte Goldgräberhütten markierten die Baumgrenze, die sich knapp tausend Meter unterhalb des felsigen Gipfels befand, der zu den höchsten in Colorado zählte.

Auf der Südseite des Berges, wo sich ausgedehnte Schneefelder befanden, verlief die zweieinhalb Meilen lange Blue Lakes Road, die vom Highway 9 abzweigte. Im Winter wurde eine Straßenseite mit dem Schneepflug geräumt, um den Touristen die Zufahrt zu den Skigebieten zu ermöglichen. An einem Wanderparkplatz, durch ein Hinweisschild gekennzeichnet, hatte sich eine kleine Gruppe freiwilliger Helfer des Berg- und Rettungsdienstes versammelt. Doch bei einer Temperatur von minus sechzehn Grad Celsius zogen die meisten Mitglieder des Rettungsteams es vor, in ihren Geländewagen zu warten, in denen die Heizungen auf höchster Stufe liefen. Keiner der Männer war professioneller Bergretter; sie arbeiteten in den verschiedensten Berufen. Doch jeden Mittwochabend kamen sie zusammen, um den Ernstfall zu proben. Die Männer waren zwischen zweiundzwanzig und zweiundsechzig, alle bergerfahren, motiviert und unerschrocken.

Ein Ford 150 war das letzte Fahrzeug in der Reihe. Er gehörte Denis Lasco, dem übergewichtigen Gerichtsmediziner von Summit County, der – je nachdem, mit wem man über ihn sprach – die Spitznamen »Yeti« oder »Gletscherleiche« trug.

»Was sagst du dazu, dass der Yeti schneller hier gewesen ist als wir?«, fragte Mike Delaney.

»Er hat bestimmt einen Platz für seinen Winterschlaf gesucht«, meinte Sheriff Bob Gage.

»Der Dicke hat eher was zu futtern gesucht.«

»Okay, Mike, genug der dummen Scherze. Wir müssen los.«

»Du zuerst. Du bist der Boss.«

Einer der Freiwilligen kam zu ihnen, als sie aus dem Jeep stiegen.

»Tag, Sheriff Gage«, grüßte er. »Hallo, Hilfssheriff.«

»Hallo, Sonny«, begrüßte Bob den jungen Mann. »Mike, das ist Sonny Bryant. Sein Vater Harve und ich kennen uns schon eine halbe Ewigkeit. Und Sonny kenne ich seit neunzehn Jahren. Damals hat er noch in die Windeln geschissen.«

»Diese Phase habe ich jetzt hinter mir«, sagte Sonny lachend.

»Aber mit dem Alter kommt sie wieder«, meinte Bob. »Das ist wie ein Modetrend. Ich bin nur noch ein paar Jahre davon entfernt, dass ich wieder Windeln brauche.«

Sonny und Mike lachten.

»Freut mich, Sonny.« Mike schüttelte dem jungen Mann die Hand.

»Ganz meinerseits, Sir.«

»Also, was haben wir?«, fragte Bob.

»Keine erfreulichen Neuigkeiten. Oben am Schneefeld liegt eine Leiche«, sagte Sonny.

»Mann oder Frau?«

»Ich glaube, dazu darf ich nichts sagen«, erwiderte Sonny verlegen. »Mr. Lasco …«

Bob verdrehte die Augen. »Lass mich raten. Mr. Lasco wollte es dir nicht sagen.«

Sonny lächelte schüchtern. »Stimmt.«

»Das ist vielleicht ein Typ, unser guter alter Ötzi«, sagte Bob. »Ist er allein hier oben?«

Sonny nickte. »Ja. Sie sind zwar zu dritt gekommen, aber er hat die anderen zurückgeschickt, nachdem er wusste, wo die Leiche liegt. Mr. Lasco hat gesagt, er könne es nicht ausstehen, wenn die Leute immer wieder seinen Tatort zertrampeln.«

»Das ist nur allzu wahr. Und das hat er schon allzu oft gesagt. Bald kommt der Tag, da erlaubt er sich selbst nicht mehr, einen Tatort zu betreten.«

Sonny lachte. »Okay. Ich führe Sie hin. Kommen Sie beide mit?«

»Leider ja«, sagte Bob.

»Wir brauchen ungefähr eine Stunde«, sagte Sonny. »Wir müssen allerdings sofort aufbrechen. Die Sonne scheint, und wenn es zu warm wird, könnte es auf dem Schnee gefährlich werden.«

Der Gerichtsmediziner Denis Lasco, der neben der Leiche stand und Fotos mit seiner Digitalkamera schoss, wandte ihnen den Rücken zu. Er trug einen weiten saphirblauen Parka und eine grüne Skihose. Als er die Schritte im Schnee hörte, warf er einen flüchtigen Blick über die Schulter.

»Kommt nicht zu nahe heran«, rief er und hob eine Hand.

»Meine Güte, Lasco, wir sind noch Meilen entfernt«, rief Bob zurück.

»Die Tote könnte auch Meilen entfernt einem Unfall zum Opfer gefallen sein«, erwiderte Lasco. »Oder einem Mord.«

»Mord?«, fragte Bob. »Hier oben, am Arsch der Welt? Das ist aber eine ziemlich verrückte Theorie.«

Lasco versteifte sich.

»Okay, okay«, mischte Mike sich rasch ein. »Wir können jetzt näher kommen, Denis, ja?«

»Ja. Ich habe die Weitwinkelaufnahmen schon von dort aus gemacht, wo ihr jetzt steht. Ihr könnt in meinen Spuren wandeln.«

»Die tief genug sind, um hässliche Löcher in dieser schönen Landschaft zu hinterlassen«, raunte Bob seinem Partner zu.

4.

Ihr Gesicht war von einer Eiskruste überzogen, denn als sie einen langsamen Tod gestorben war, hatte ihr warmer Atem den Schnee schmelzen lassen. Dann hatte das Wasser ihren Körper bedeckt, bis das Kohlendioxyd, das sie ausgeatmet hatte, keinen anderen Weg mehr fand als zurück in ihre Lungen. Auf diese Weise war sie langsam erstickt. Nach Einritt des Todes und dem Aussetzen der Atmung gefror das Wasser und umgab die Leiche nach und nach mit einer Hülle aus Eis.

Der teilweise freigelegte Körper steckte bis zur Brust im Schnee; nur der obere Teil der kastanienbraunen Skijacke mit den weißen Streifen auf den Ärmeln schaute heraus. Eine marineblaue Quiksilver-Mütze bedeckte den Kopf der Toten.

Denis Lasco hockte sich in den Schnee und blickte in die starren, weit aufgerissenen Augen der Toten. Die gefrorenen Pupillen glitzerten silbern in der Sonne und erweckten den Eindruck, die Blicke der Toten würden umherhuschen – eine gruselige optische Täuschung.

»Pupillen erstarrt und geweitet«, sagte Lasco und stand auf. »Das Eis auf dem Gesicht deutet darauf hin, dass sie lebendig unter dem Schnee lag, der von ihrem Atem getaut ist und nach Eintritt des Todes auf Körper und Gesicht gefror. Aber wie kommt es, dass sie die Mütze noch trägt? Eine Lawine hätte sie ihr vom Kopf gerissen.« Er drehte sich zu Mike um und blickte ihn fragend an. »Oder?«

»Schätze ich auch«, sagte Mike.

Zehn Meter weiter zurück stand Sonny Bryant neben der Trage, die er auseinandergeklappt hatte, und wartete darauf, den Leichnam zum Wanderparkplatz unten an der Straße zu transportieren. Lasco forderte Bob und Mike auf, zu Sonny zu gehen. Er selbst blieb bei der Leiche, notierte die GPS -Koordinaten und fertigte eine Skizze des Fundorts an.

»Was mag der Frau passiert sein?«, fragte Sonny, als die beiden Polizisten sich näherten.

»Vielleicht ist sie beim Skifahren weiter oben gegen einen Baum gerast«, meinte Bob.

»Und wo sind ihre Skier?«, fragte Sonny.

»Wer weiß«, sagte Mike. »Ach, ich geb’s auf, Vermutungen anzustellen. Ich liege sowieso immer falsch.«

Plötzlich frischte der Wind auf. Eine eisige Böe fegte über die Männer hinweg, sodass sie fast das Gleichgewicht verloren. Dichte Schneeschleier wehten von weit oben den Hang hinunter. Mike und Bob standen mit dem Rücken zum tosenden Wind und boten Sonny etwas Schutz.

»Seht mal!«, rief Sonny und zeigte auf eine Gestalt weit oben auf dem Schneehang.

Bob schüttelte den Kopf. »Diese Idioten! Im Sommer steigen sie mit Sandalen den Berg rauf, und im Winter verlassen sie die markierten Pisten oder kommen zu spät aus den Federn. Man müsste ganz Breckenridge mit der Warnung zupflastern: ›Bis Mittag seid ihr runter vom Berg, oder wir erschießen euch.‹«

Lasco schwang irgendetwas durch die Luft und versuchte, Bob und den heulenden Wind zu übertönen.

»Mein Gott!«, stieß Sonny hervor, sprang durch die Lücke zwischen Bob und Mike und hob das Fernglas vor die Augen. Er sah einen Skifahrer, der kreuz und quer durch den weichen, nassen Schnee fuhr. Auch Bob und Mike starrten wie gebannt auf den Fremden. Angst kroch in ihnen hoch. Über ihnen hatte der Wind den Schnee von den Felsvorsprüngen gefegt und presste ihn tief in Spalten und Ritzen. Der Skifahrer konnte unmöglich sehen, was für eine Fläche er überquerte, und er kannte offenbar nicht die Gefahren, die er heraufbeschwor, wenn sich ein Schneebrett löste. Offensichtlich wusste er nicht, dass der schwarze Felsen die Wärme der Sonne speicherte, sodass der Schnee sich unter der Schneeschicht in Wasser verwandelte, das den Berg hinunterrieselte und das gesamte Schneefeld zu einem gefährlich instabilen Gebilde machte.

Und dann geschah es.

Plötzlich war ein lautes Krachen und Knacken zu hören, gefolgt von einem schrillen Heulen wie von einem Überdruckventil, als das Gewicht des Schnees die Luft aus unsichtbaren Hohlräumen presste, die das Schmelzwasser geschaffen hatte.

»Lawine!«, brüllte Bob.

»Nach rechts!«, rief Mike. »Schnell, nach rechts!«

Binnen Sekunden schoss eine riesige weiße Wolke zum Himmel, als ungeheure Massen nassen Schnees in Bewegung gerieten und in die Tiefe rutschten, schneller und schneller, genau auf den Rettungstrupp zu. Das Schneebrett gewann an Fahrt und Masse und begrub auf seinem Weg alles unter sich. Ein ohrenbetäubendes Donnern erfüllte den bisher so stillen Nachmittag. Die Luft vibrierte.

Eine Sekunde später war die Lawine heran.

Mike hatte das Gefühl, als würde ein Teppich unter seinen Füßen weggerissen. Sekundenlang flog er durch den wirbelnden Schnee, wobei er verzweifelt versuchte, auf den Schneemassen zu schwimmen, um nicht darunter begraben zu werden, doch er konnte seine Bewegungen nicht kontrollieren und war hilflos den Kräften der Natur ausgesetzt. Der Lärm war unvorstellbar. Hätte es ein Publikum gegeben, es hätte das Geschehen in fasziniertem Entsetzen beobachtet – bis zu Mikes unsanfter Landung, die seltsamerweise völlig geräuschlos erfolgte. Als Bob vierzehn Jahre alt war, hatte er im Biologieunterricht den Augapfel einer Kuh sezieren müssen. Er konnte sich erinnern, dass der Augapfel immer wieder unter dem Skalpell weggerutscht war. Als es Bob schließlich gelungen war, ihn durchzuschneiden, hatte es leise geknirscht: Der Lehrer hatte den Augapfel eingefroren, um den Verwesungsprozess aufzuhalten.

Jetzt starrte Bob mit eiskalten Augäpfeln in die schneeweiße Welt, die ihn umgab, und dieser Anblick war kaum weniger schrecklich als die dreißig Jahre alte Erinnerung. Wenn er es nicht schaffte, hier herauszukommen, würde man seinen konservierten Leichnam in hundert Jahren finden, oder in tausend Jahren – oder niemals. Bob erfuhr am eigenen Leib, dass man nicht aus voller Kehle schreien konnte, wenn einem die Luft zum Atmen fehlte, doch er bemühte sich trotzdem nach Kräften. Alles war besser, als im Schnee gefangen auf die Ewigkeit zu warten.

Plötzlich fiel ihm auf, dass in der winzigen Höhle, in der er lag, rechts über ihm der Schnee heller, beinahe durchscheinend aussah. Bob stieß den rechten Arm durch das helle Fenster und schloss die Lider, als das Licht des grauen Tages ihm unvermittelt und schmerzhaft in die Augen stach. Eine Minute später hatte er sich aus der Schneehöhle freigewühlt.

Schwitzend und keuchend von der Anstrengung, schickte er ein Stoßgebet zum Himmel.

Er war noch einmal davongekommen.

Denis Lasco hatte sich gerade einen Meter von der Leiche der Frau entfernt, als diese von der heranrasenden Lawine aus ihrem Schneegrab gerissen wurde und Denis einen wuchtigen Schlag in den Rücken versetzte, der ihm den Atem raubte. Dann stürzten er und die Tote kopfüber auf einen Felsrücken unter ihnen zu.

Als Lasco zu sich kam, lag er rücklings auf den Schneemassen. Er schrie entsetzt auf, als er den Kopf drehte und sah, dass die Tote direkt neben ihm lag und ihn mit leeren Augen anstarrte. Die Eismaske auf dem Gesicht der Leiche war zersplittert; eine der bleichen, steinhart gefrorenen Wangen lag auf Lascos Lippen; es wirkte wie eine obszöne Geste der Zärtlichkeit.

Als Lasco die eiskalte Luft durch die Nase einatmete, verfing sich eine Haarsträhne der Toten in seinen Nasenlöchern. Er schüttelte heftig den Kopf, um die Haare loszuwerden. Dabei rollte die Leiche zur Seite, und Lasco sah eine große Austrittswunde am Rücken der Frau, die ein Geschoss gerissen hatte: Eine rotschwarze, breiige Masse hatte den Schneeanzug durchdrungen.

Auch Sonny Bryant wurde von den zu Tal rasenden Schneemassen erfasst und davongerissen. Als die Lawine zum Stillstand kam, war Sonny fast völlig unter dem Schnee begraben. Nur eine Hand, die in einem Fäustling steckte, ragte aus dem Weiß. Sonny wusste, dass er sterben musste: Seine Gliedmaßen waren zerquetscht. Ehe Helfer die Schneemassen von seinem Körper schaufeln konnten – falls sie ihn überhaupt fanden –, würden Gifte in seinen Blutkreislauf strömen und ihn umbringen, sofern er nicht vorher an Unterkühlung oder am Blutverlust starb.

Sonny schloss die Augen. Er wollte nicht in die schneeweiße Leere schauen, denn er wusste nicht, ob ihn dort, wohin er bald gehen würde, ebenfalls eine solch trostlose Leere erwartete.

5.

In einiger Entfernung sah Bob irgendetwas Blaues aus dem Schnee ragen. Er drehte sich auf die Seite und stemmte sich auf die Knie. Dann kroch er mühsam den Schneehang hinauf zu dem blauen Gegenstand und kämpfte sich verbissen voran. Er sah, dass es eine Hand war, die in einem blauen Handschuh steckte. Bob rappelte sich auf, trampelte sich durch den Schnee einen Pfad dorthin, ließ sich auf die Knie fallen und begann zu graben.

»Wir holen dich da raus!«, rief er keuchend. »Halt durch!«

Einen Augenblick glaubte er, es könnte die Leiche sein, die unter dem Schnee lag, doch als er seinen Fäustling abstreifte und die Hand ergriff, konnte er fühlen, wie die Finger zuckten.

»Komm schon!« Bob zog den Fäustling wieder über seine Hand und grub schneller, um einen Luftschacht zu demjenigen zu graben, der unter dem Schnee begraben lag. Doch rasch erlahmten seine Kräfte. Die Hand im blauen Fäustling zuckte wieder, und Bob hörte ein schmerzerfülltes, dumpfes Stöhnen. Verzweifelt glitt sein Blick über die leere weiße Fläche ringsum.

»Hilfe«, rief er. »Hilfe!«

Verbissen grub er weiter und schaufelte den Schnee zur Seite. Seine Arme zitterten, sein Herz pochte wild. Adrenalin strömte durch seinen Körper. Für einen Moment wurde ihm schwarz vor Augen, doch er hörte nicht auf, er durfte nicht aufhören. In seiner Panik konnte er nicht einschätzen, wie schnell die Zeit verging. Hatte er eine Chance, oder war es bereits zu spät? Waren Stunden vergangen oder nur Minuten?

Schließlich hörte er, wie der Verschüttete keuchend Luft holte.

»Gott sei Dank«, stieß Bob hervor. »Wer ist da unten?«

Die Stimme war sehr schwach. »Sonny.«

»Okay, halt noch ein klein bisschen durch. Wir haben’s gleich geschafft. Ich hole Hilfe. Wir holen dich da raus, verstanden?«

Bob hörte Sonnys gedämpfte Antwort. Schwer atmend setzte er sich in den Schnee und löste das Funkgerät von seinem Gürtel. Wie durch ein Wunder funktionierte es noch. Bob funkte die Leute am Wanderparkplatz an, einen Rettungshubschrauber anzufordern. Der Helikopter war in Frisco stationiert, zehn Meilen nördlich von Breckenridge.

»Ich muss rasch nachsehen, was mit Lasco passiert ist«, sagte er zu Sonny, nachdem er den Funkspruch durchgegeben hatte. »Ich bin sofort wieder bei dir.«

Tatsächlich entdeckte Bob Denis Lasco gut dreißig Meter entfernt neben einer kleinen Baumgruppe. Er lag auf dem Rücken im Schnee. Bob ließ sich auf die Knie fallen und überprüfte Lascos Puls. Das Herz schlug noch, doch es gelang ihm nicht, den Mann wachzurütteln.

Schneefall hatte eingesetzt.

»Lasco, verdammt, wenn ich zurückkomme, bist du wach«, sagte Bob, ehe er zu Sonny zurückstapfte und sich wieder in den Schnee fallen ließ. Er zog einen seiner Schneeschuhe aus und grub Sonnys Kopf und die Schultern frei. Doch der Rest des Körpers wurde von den Schneemassen so stark zusammengepresst, dass Bob seine Angst verbergen musste.

»Du musst etwas trinken.« Bob nahm eine Flasche Wasser aus seiner Jacke und hielt sie Sonny an die Lippen. Sonnys Augen fielen langsam zu.

»Bleib wach!«, rief Bob. »Du darfst nicht einschlafen, verstanden? Ich bin es, der sich hier abrackern muss! Wenn hier jemand einschläft, dann ich.« Er wischte sich mit dem Ärmel über die schweißnasse Stirn.

Sonny lächelte benommen und trank ein paar Schluck.

Bobs Blick glitt auf der Suche nach Mike über den Schnee, doch er sah nichts, und so konzentrierte er sich wieder auf Sonny. Dessen Haut war erschreckend grau, die Augen lagen tief in den Höhlen, und die Lippen waren blau angelaufen. Sonnys Kräfte schwanden immer schneller.

Bobs Funkgerät rauschte. »Der Hubschrauber ist unterwegs, Bob«, sagte eine ruhige Stimme.

»Verstanden. Beeilt euch, Sonny geht es verdammt schlecht!«

6.

Sheriff Bob Gage stand in Mikes Krankenzimmer im Summit County Hospital am Fenster. Mike saß auf dem Bettrand. Er trug ein blaues Sweatshirt und eine weite Trainingshose und zog sich soeben Turnschuhe an. Zwei Stunden, nachdem die Lawine niedergegangen war, hatte ein Rettungswagen Denis Lasco und Mike vom Wanderparkplatz unterhalb des Quandary Peak ins Krankenhaus gefahren. Bob und Sonny waren vom Helikopter auf dem Schneefeld geborgen worden, doch Sonny war noch auf dem Flug ins Tal gestorben. Lascos Stellvertreter hatte den Toten bereits in die Leichenhalle bringen lassen.

»Wir hatten verdammtes Schwein da oben«, sagte Mike.

»Wir schon«, sagte Bob und schüttelte den Kopf. »Mann, der arme Sonny. Harve ist fix und fertig. Er wollte alles ganz genau wissen. Und dann hat er sich bei mir bedankt … ich weiß gar nicht, wofür. Ich musste ihm tausendmal erzählen, was passiert war. Zuerst wollte ich ihm sagen, Sonny hätte mich gebeten, ihm und der Familie auszurichten, dass er sie liebe. Aber das wäre keine gute Idee gewesen, denn es hätte bedeutet, dass Sonny gewusst hat, dass er sterben musste …«

»Lass gut sein, Bob«, unterbrach Mike ihn. »Mach dir keine Vorwürfe. Du hast für Sonny getan, was du tun konntest. Keiner von uns hätte ihn retten können. Es ist zwar nicht zu begreifen, aber der Big Boss da oben war wohl der Meinung, für Sonny sei die Zeit gekommen.«

»Er war erst neunzehn, verdammt noch mal.«

»Ich weiß.« Mike stand auf. »Manchmal ist das Leben ungerecht.«

»Und das Sterben auch«, sagte Bob und folgte ihm zur Tür. Sie fuhren im Aufzug ein Stockwerk tiefer. In einem Zimmer am Ende des Gangs lag Denis Lasco in seinem Krankenbett und schlief.

»Unser guter alter Yeti«, sagte Bob leise und schaute ins Zimmer.

»Vielleicht nimmt er jetzt endlich ein bisschen ab, der alte Fettsack«, meinte Mike.

»Wo ist meine Kamera?«, fragte Lasco, den die Stimmen geweckt hatten. Er versuchte, aus dem Bett zu steigen.

Bob und Mike eilten ins Zimmer.

»Lass das!«, rief Bob. »Verdammt, leg dich wieder hin.«

Lasco ließ sich zurück aufs Bett sinken und riss die Augen auf, als er die Infusionsschläuche, das Krankenbett und die Sorge in Bobs und Mikes Gesichtern sah.

»Hallo, Dicker«, sagte Bob und strich über Lascos Hand. »Immer mit der Ruhe. Sei froh, dass du mit einem blauen Auge davongekommen bist.«

»Jammere uns jetzt bloß nichts vor«, sagte Mike.

Lasco rieb sich die Augen. »Meine Güte. Das war das Schlimmste, was ich je …« Er verstummte kurz. »Ich hab noch nie …«

»Da hast du verdammt recht«, sagte Bob. »Aber wir sind alle hier, okay? Wir haben überlebt.«

»War ich lange bewusstlos?«, wollte Lasco wissen.

»Nicht lange genug, dass wir endlich Ruhe vor dir hätten«, murmelte Bob.

»Wo ist meine Kamera?«

»In einem Schneegrab.«

»Oh nein! Die Kamera war sauteuer … Eines der neuesten Modelle. Und die Fotos, die ich vom Fundort der Toten gemacht habe …«

Lasco verstummte, als Bobs Handy klingelte.

»Ja?«, meldete sich Bob und lauschte dem Anrufer.

»Also, das glaube ich jetzt nicht«, sagte er dann. »Das ist ja Wahnsinn. Behaltet das vorerst für euch, klar? Ich ruf dich an.« Er klappte das Handy zu. »Deine Kamera ist unser geringstes Problem«, sagte er zu Lasco. »Offenbar ist die Leiche verschwunden.«

»Wie bitte?«, stieß Mike hervor.

»Der Rettungsdienst hat den Leichnam nicht gefunden«, sagte Bob. »Wahrscheinlich wurde er von der Lawine mitgerissen.«

»Was?«, rief Lasco. »Das kann nicht sein. Die Tote lag direkt neben mir!«

»Bist du sicher? Als ich dich gefunden habe, war weit und breit keine Leiche zu sehen«, erwiderte Bob. »Wahrscheinlich hast du das Bewusstsein verloren, als die Tote auf dich gefallen ist. Und dann ist sie über dich hinweggerutscht und in die Tiefe gestürzt.«

Lasco drückte den Kopf ins Kissen und presste eine Hand auf seinen Magen.

Mike drehte sich zu Bob um. »Gehen die anderen noch mal rauf, um die Leiche zu suchen?«

»Nein. Sie haben sich nur so lange da oben aufgehalten, wie sie gebraucht haben, um uns zu retten. Aber es ist noch viel zu riskant, sich auf den verdammten Schneefeldern herumzutreiben. Sie wollen keine weiteren Menschenleben gefährden.« Er zuckte mit den Schultern. »Keine Leiche. Wir müssen eine Pressekonferenz einberufen. Also müssen wir uns vorher auf ein paar Dinge verständigen. Okay … ein Opfer, weiblich, zwischen dreißig und vierzig …«

»Oder männlich«, warf Lasco ein.

»Was soll das heißen?«, fragte Bob.

»Die Leiche steckte doch bis zur Brust im Schnee, oder?«

»Du meinst, du hast keine Titten gesehen, deshalb könnte es auch eine männliche Leiche gewesen sein? Also wirklich, Lasco – du machst dich langsam lächerlich mit deiner Phobie, dich nicht festzulegen.«

Lasco warf ihm einen finsteren Blick zu. »Du kapierst nicht, Bob. An wie vielen Tatorten bin ich schon gewesen, wo ihr Spuren verwischt habt, ehe ich aufgetaucht bin? Ihr marschiert irgendwo rein und stellt wilde Vermutungen an, was passiert sein könnte. Aber ihr müsst euch an das halten, was ihr seht, und nicht an das, was ihr euch zusammenreimt. Ich könnte auch Vermutungen anstellen, was mit der Leiche passiert ist, aber das heißt noch lange nicht, dass meine Annahmen richtig sind.«

Bob starrte durch ihn hindurch. »Weiblich, zwischen dreißig und vierzig, kastanienbraune Jacke mit weißen Streifen auf den Ärmeln, marineblaue Wollmütze …«

»Flies«, sagte Lasco.

»Flies«, wiederholte Bob und machte sich Notizen. »Was ist mit der Augenfarbe?«

»Schwer zu sagen«, meinte Lasco. »Ich würde mich da nicht gerne festlegen.«

»Haare?«

»Die steckten unter der Mütze.«

»Erinnerst du dich an sonst noch was?«

»Nein.«

Bob warf Mike einen geduldigen Blick zu.

»Ihr offenbar auch nicht«, sagte Lasco.

»Ja, weil du uns immer so hautnah an die Leichen heranlässt.« Bob holte tief Luft. »Okay, fassen wir zusammen, was wir haben …«

»Warte mal«, sagte Lasco. »Mir fällt da noch was ein. Eine Haarsträhne von der Toten steckte in meiner Nase. Sie war blond.«

Bob atmete tief ein.

»Und da war diese Schusswunde«, fügte Lasco hinzu. »Eine große Austrittswunde im Rücken …«

»Was?«, rief Bob. »Eine Schusswunde? Bist du sicher, dass es keine Verletzung war, die sie sich bei einem Sturz geholt haben könnte?«

»Nein, es war eine Schusswunde.«

»Sicher?«, hakte Bob nach. »Das Loch war nicht zufällig durch ein Essstäbchen oder einen Besenstil entstanden? Wir sollten uns auch in diesem Punkt noch nicht festlegen.«

»Ha, ha, ha«, machte Lasco.

»Ja, haha.« Bob saß auf dem Bettrand und klappte sein Notizheft zu. »Ich freue mich nicht auf den Medienrummel. Kein bisschen.«

Es klopfte an der Tür. Bob stand auf und öffnete sie einen Spalt. »Oh, welche Ehre«, sagte er und drehte sich zu Lasco um. »Ein Krankenbesuch vom FBI.«

Zwischen dem Sheriffbüro des Summit County und dem FBI herrschte ein ausgezeichnetes Verhältnis, denn die Zusammenarbeit hatte für beide Seiten Vorteile: Der Sheriff besaß die Ortskenntnisse und die Kontakte zur Bevölkerung, und das FBI verfügte über die Fachleute, das Geld und das technische Gerät. In den USA gab es vierhundert FBI -Büros, die in der Regel mit einem bis drei Agenten besetzt waren. Das nächste FBI-Büro befand sich hundert Meilen westlich von Breckenridge in Glenwood Springs in Garfield County.

»Wir hatten einen Einsatz in Frisco«, sagte Tiny Gressett, einer der FBI-Männer. »Wir haben von der Sache oben am Berg gehört und dachten uns, wir kommen mal vorbei, um zu sehen, wie es Mr. Lasco geht. Außerdem wollten wir fragen, ob wir irgendetwas für euch tun können.«

Für einen FBI-Mann war Gressett beinahe ein Zwerg. Hätte er sich die Haare schneiden lassen, hätte er nicht mehr die vom FBI verlangte Mindestkörpergröße erreicht. Er war in den Fünfzigern, besaß die zerfurchte, dünne Haut eines Rauchers und das vom Wind gerötete Gesicht eines Mannes, der in den Bergen zu Hause war. Sein schwarzes Haar war gewellt, und seine Koteletten hatten schon lange keinen Rasierapparat mehr gesehen.

»Haben Sie den Schnee heute schon genossen?«, fragte er Lasco.

»Ja, es war eine ganz tolle Schussfahrt«, erwiderte der Leichenbeschauer spöttisch.

Todd Austerval ging einen Schritt auf den Patienten zu. Austerval war Anfang dreißig, groß, blond, mit gerader Nase und spitzen Wangenknochen. Er hätte besser ausgesehen, wäre sein Mund nicht so verkniffen und seine blauen Augen nicht so blass gewesen, dass sie niemals echte Wärme ausstrahlten. Er versuchte schon sein Leben lang, sein wenig ansprechendes Äußeres durch Humor zu kompensieren. »Ich habe gehört, Sie haben eine Schneeleiche gespielt.«

»Ja, wir schrecken hier vor nichts zurück«, sagte Lasco.

»Scheint mir auch so«, sagte Gressett.

Es klopfte erneut.

»Ich gehe schon«, sagte Gressett.

Doch die Tür wurde bereits geöffnet, und ein Detective aus dem Büro des Sheriffs kam ins Zimmer. Als er die beiden FBI-Männer sah, blieb er stehen und warf Bob und Mike einen fragenden Blick zu.

»Komm rein«, sagte Bob. »Das FBI und wir haben keine Geheimnisse voreinander.«

»Wir haben einen Ausweis gefunden«, sagte der Detective. »Ein Mann von der Bergwacht hat ihn gefunden. Dort, wo Sie im Schnee gelegen haben, Mr. Lasco.«

Plötzlich fiel es Lasco wieder ein: Diesen Ausweis hatte er in der Hand gehalten und durch die Luft geschwenkt, um die anderen zu warnen.

»Zeigen Sie mal her«, sagte er zu dem Detective und schaute sich den Ausweis genauer an.

Es war ein FBI-Ausweis.

7. DENVER, COLORADO

Das Livestock Exchange Building, das Gebäude der Rinderbörse, war über hundert Jahre alt. Es hatte in der Vergangenheit nie mit der Durchsetzung von Recht und Ordnung zu tun gehabt; nun aber wiesen auf einer großen Hinweistafel im Erdgeschoss weiße Lettern auf die Büros der Sondereinheit »Rocky Mountain Safe Streets« hin. Hinter dem Gebäude befanden sich das Stockyard Inn und der Saloon.

Gary Dettling, Chef der Safe Streets, saß in seinem Büro, den Blick auf ein Foto an der Wand neben ihm gerichtet – eine Gruppenaufnahme der sechsundzwanzig Undercover-Agenten, die er im Laufe der Jahre ausgebildet hatte. Gary war Experte für die Bekämpfung von Gewaltverbrechen und hatte die Rocky Mountain Safe Streets vor fünf Jahren gegründet – gegen erhebliche Widerstände seitens anderer Behörden. Er hatte sich mit dem FBI und den Chefs der örtlichen Polizeidienstellen auseinandergesetzt, die es für falsch hielten, eine behördenübergreifende Sondereinheit zu bilden. Doch Gary Dettling hatte sich letztendlich durchgesetzt.

Die Rocky Mountain Safe Streets bestand aus neun Männern und einer Frau. Es war eine bunt zusammengewürfelte Truppe aus Staatspolizisten, Detectives örtlicher Polizeibehörden, Ermittlern der Sheriffbüros und FBI-Agenten, die sich das altmodische Großraumbüro neben Garys Büro teilten. Ihre Egos ließen sie am Eingang zurück; keinen von ihnen interessierte es, welcher Mitarbeiter von welcher Behörde kam. Die Ermittlungen der Rocky Mountain Safe Streets umfassten Raubüberfälle, Kidnapping, Sexualverbrechen, Serienmorde, die Verfolgung gewaltbereiter Straftäter auf der Flucht und Verbrechen an Personen in Staatsgefängnissen, auf Militärstützpunkten, in Nationalparks und Indianerreservaten.

»Sagt mal, wo ist denn unsere geliebte Ren Bryce heute?«, fragte Robbie Truax, der Jüngste der Truppe – neunundzwanzig, sportliche Figur, sonnengebräunt und ziemlich geschwätzig. Robbie war der Beitrag des Aurora Police Departments zur Rocky Mountain Safe Streets. Robbie kniete auf einem Stuhl am Fenster und schaute auf die Feuerleiter. Ein Falke hackte mit dem Schnabel in den Eingeweiden einer toten Taube; es sah aus, als würde er eine Wunde zunähen.

»Vielleicht ist Ren im Stout«, sagte Cliff James. Cliff war zweiundfünfzig Jahre alt; fünfundzwanzig Jahre davon hatte er im Sheriffbüro der Jefferson County gearbeitet. Das Stout war das FBI-Gebäude in der Innenstadt von Denver, ein Hochsicherheitsgebäude mit kugelsicherer Glasfront.

Robbie zuckte mit den Schultern. »Vielleicht.«

»Wo war Ren denn gestern Abend?«, fragte Cliff.

»Wieso?«, fragte Robbie.

»Wir waren im Gaffney’s was trinken«, sagte Cliff. »Sie war nicht da.«

»Ich auch nicht«, sagte Robbie.

»Du warst ja auch nicht eingeladen«, sagte Colin Grabien. Er war eine kleine, dunkelhaarige, bissige Bulldogge, die aus der Abteilung Wirtschaftskriminalität des FBI zur Rocky Mountain Safe Streets versetzt worden war. Colin war ein Genie im Umgang mit Zahlen und ein fähiger Codeknacker, der andere gerne spüren ließ, dass er über diese außergewöhnliche Begabung verfügte.

»Doch, war ich«, sagte Robbie.

»Doch, war ich«, äffte Colin ihn nach.

»Halt den Mund«, sagte Robbie, der es stets vermied, sich allzu ordinär auszudrücken. »Jedenfalls hat sie nichts davon gesagt, dass sie heute nicht ins Büro kommt.«

»Wahrscheinlich liegt sie noch mit Vincent im Bett, und die beiden vögeln, was das Zeug hält«, sagte Colin.

»Alles, was recht ist«, sagte Robbie. »Aber Vincent ist nicht der Mann, der … du weißt schon.«

Cliff gluckste.

Robbie hob den Blick und sah, was für Verrenkungen Colin Grabien machte.

»Du kannst mich mal.« Robbie kroch zurück zu seinem Schreibtisch.

Ren kam ins Großraumbüro. Robbie lag noch auf dem Boden und presste die Hände vors Gesicht. Colin und Cliff schossen von ihren Schreibtischen mit roten Gummibändern auf ihn.

»Agent ausgeschaltet«, rief Cliff.

»He, Mann, du hast mich am Auge getroffen«, schrie Robbie. »Mein Auge!«

»Ren ist gerade gekommen«, sagte Colin. »Sie kann dich ja trösten.«

»Hallo, Ren. Geh heute Abend mit uns einen trinken«, nuschelte Robbie, der noch immer die Hände aufs Gesicht presste. »Du kannst mich mit diesen Irren nicht allein lassen.«

»Ich glaube, ich muss erst mal zu Vincent und mit ihm sprechen«, sagte Ren.

»Vince kann auch gern mitkommen«, sagte Colin.

»Das würde dir gefallen, was?« Ren lachte. »Dann müsstest du nicht mit mir reden.«

»Muss ich sowieso nicht.«

»Du wirst sehr mit diesem aufgedonnerten Flittchen aus dem Coasters beschäftigt sein.«

»Glaub mir, es wird bei einer Nacht bleiben«, sagte Colin. »Diese Tussi wird meine Gefühlswelt schon nicht durcheinanderbringen.«

Robbie stand vom Boden auf und fächelte sich mit seinem Hemd Luft zu. »Sag mal«, sagte er zu Ren. »Wie hast du das eben gemeint, dass du zu Vincent gehen und mit ihm reden musst? Ihr wohnt doch zusammen.«

»Seit ungefähr einer Woche nicht mehr.«

»Was?«, sagte Robbie. »Warum nicht?«

»Er ist ausgezogen.«

»Er hat dich verlassen?«

Cliff und Colin lachten leise hinter seinem Rücken.

»Ja«, sagte Ren. »Kannst du dir das vorstellen?«

»Ehrlich gesagt, nein«, sagte Robbie.

Ren lächelte ihn an. Ihre Mutter wäre begeistert gewesen, hätte sie Robbie Truax mit nach Hause gebracht. Er war ein sportlicher und gepflegter Mann. Auch heute trug er ein tadellos gebügeltes blaues Hemd, eine beige Hose und blitzblank geputzte Schuhe. Aber er war nun mal nicht ihr Typ.

Ren ging mit ihrem Schminktäschchen zur Damentoilette. Eines Tages würde sie die Mängel in einem Bericht zusammenfassen: Alles starrte vor Dreck, der Spiegel war angelaufen, und die trüben Funzeln hatte offenbar jemand installiert, der die Dunkelheit liebte. Aber den männlichen Kollegen ging es auch nicht besser: Ihr begehbarer Pissoir besaß die ungefähre Größe einer Duschkabine. Wenn sich zwei Mann darin aufhielten, mussten beide aufpassen, dem anderen nicht auf die Schuhe zu pinkeln.

Ren, die keine Ablage für ihre Schminksachen hatte, beugte sich in der düsteren Horrorfilmbeleuchtung zum Spiegel vor und zog flüchtig ihren Lippenstift nach. Doch trotz aller Kosmetik war sie heute definitiv nicht die Schönste im ganzen Land, da brauchte sie den Spiegel gar nicht erst zu fragen.

»Also, wir sehen uns dann im Coasters«, sagte sie, als sie ins Großraumbüro zurückkehrte.

»Um wie viel Uhr?«, fragte Cliff.

Ren zeigte mit ihrem Handy auf ihn. »Nach Büroschluss. Auf ein paar Bier und Jalapeños.«

»Wie wär’s, wenn wir noch ein bisschen warten, vielleicht bis um acht?«, sagte Cliff.

»Das dauert mir zu lange«, meinte Ren.

»Ja, ich weiß auch nicht, ob das eine gute Zeit ist«, sagte Colin und zeigte mit dem Daumen auf Robbie. »Unser Hollywoodstar hier hatte seinen dritten Auftritt vor der Kamera – als das Gesicht unserer Sondereinheit. Sie bringen es um sechs.«

»He, he, ich bin nur eines von vielen Gesichtern«, sagte Robbie.

»Ja, aber das hübscheste«, sagte Ren. »Abgesehen von Cliff natürlich.«

Die Frauen schwärmten für Cliff: große Hände, großes Herz, strahlende Augen und viel Sinn für Humor.

Robbie drehte sich zu Ren um. »Du kommst als Nächste auf den Bildschirm.«

»Das glaubst auch nur du. Erst wenn ich nach einer Schießerei in einem Leichensack rausgetragen werde.«

»Hast du sie schon mal in der Nähe einer Kamera gesehen?«, fragte Cliff. »Sie kann sich noch kleiner machen.«

»Du würdest dich gut im Fernsehen machen, Ren«, sagte Robbie.

Sie schüttelte den Kopf. »Da könnt ihr lange warten.«

Gary kam herein. Alle verstummten, als sie seine Miene sahen.

»Ich habe schlechte Nachrichten, Leute. Jean Transom, eine Agentin aus dem FBI-Büro in Glenwood Springs, wurde tot aufgefunden.«

»Mein Gott«, stieß Ren hervor.

Gary nickte. »Ich habe gerade einen Anruf aus dem Sheriffbüro in Breckenridge bekommen.«

»Was ist denn passiert?«, fragte Robbie.

»Ihr Leichnam wurde in den Bergen gefunden. Auf einem Schneefeld am Quandary Peak. Mit einer Schusswunde im Oberkörper.«

»Wann war das?«, fragte Robbie.

»Heute Nachmittag. Mehr weiß ich auch noch nicht«, sagte Gary. »Der Such- und Rettungsdienst ist einem anonymen Hinweis nachgegangen. Vermutlich trieb sich jemand irgendwo hoch oben am Berg herum, wo er sich nicht herumtreiben durfte, und hat dabei eine Lawine ausgelöst. Der Sheriff von Summit County, sein Vertreter und der Gerichtsmediziner waren mit einem Freiwilligen am Tatort. Sie alle wurden von der Lawine mitgerissen – einschließlich der Leiche.«

»Was?«, rief Ren.

Gary nickte. »Die Leiche ist verschwunden. Außerdem gab es einen Toten.«

»Meine Güte«, sagte Cliff. »Suchen sie noch?«

»Nein. Offenbar ist es da oben wegen der Lawinengefahr zurzeit nicht sicher genug«, sagte Gary.

»Verdammt«, sagte Robbie bedrückt. »Jean war … ich mochte sie sehr. Sie war eine starke Frau. Sie war in Ordnung.«

»Wir müssen nach Breckenridge, Ren«, sagte Gary. »Die anderen übernehmen die Banküberwachung heute Nacht. Morgen früh kommt ihr dann nach, okay? Robbie – würden Sie die anderen informieren?«

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