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Hauptfiguren und wichtigste Institutionen

Zitate

PROLOG

Die Puppe Saara

ERSTER TEIL

Der neue Alptraum

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ZWEITER TEIL

Die Ritter von Marx

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DRITTER TEIL

Piloto Mayor

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Hauptfiguren und wichtigste Institutionen

 

Arbuzow, Dimitri. Russischer Menschen- und Drogenhändler.

Arho, Anita. Stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Nokia AG. Mitglied des »Kabinetts«.

 

Birou, Gilbert. Generaldirektor des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC).

Bojanić, Bogdan. Chef der serbischen kriminellen Organisation Voždovac.

Butko, Kirill. Major des weißrussischen Geheimdienstes KGB.

 

COBR (Cabinet Office Briefing Room). Krisenkomitee bestehend aus den führenden Politikern und Beamten Großbritanniens.

 

Egger, Nadine. Wirtin in Wien. Leo Karas Freundin.

 

FSB. Inlandsgeheimdienst der Russischen Föderation.

 

Gilmartin, Betha. Vizechefin des Britischen Auslandsnachrichtendienstes SIS.

 

Hofman, Viktor. Einflussreicher Drahtzieher hinter den Kulissen im internationalen Waffengeschäft.

 

Kabinett. Eine Gruppe führender Persönlichkeiten Finnlands, die in ihrem Land die Interessen der russischen Administration, des Kreml, vertritt.

Kara, Leo. Persönlicher Assistent des Generaldirektors des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC).

Karlsson, Jonny (Paranoid). Computerguru, bricht in Datensysteme ein, Cracker. Kati Soisalos Freund.

Ketonen, Jussi. Ehemaliger Chef der finnischen Sicherheitspolizei SUPO.

KRP (Keskusrikospoliisi). Zentrale der finnischen Kriminalpolizei, deren Hauptaufgabe in der landesweiten Bekämpfung der organisierten und der besonders schweren Kriminalität besteht.

Krylow, Marat (»Ratte«). Russischer Krimineller. Dimitri Arbuzows Helfer.

 

Manas. Kirgise, vom KGB ausgebildeter Killer. In Diensten der Stiftung Mundus Novus.

Mundus Novus. Eine Stiftung, die Forschungszentren besitzt.

 

Nyman, Claes (Klasu). Kriminaloberinspektor. Chef der Aufklärungsabteilung der KRP.

 

Palomaa, Eero. Assessor, Rechtsanwalt. Für das Kabinett tätig.

Pianini, Sabrina. Doktorin der Physik. Leiterin einer Forschungsgruppe an der Universität von Pennsylvania.

 

Rostow, Andrej. Wissenschaftler. Verantwortlich für die Forschungsprogramme von Mundus Novus.

 

SIS. Auslandsnachrichtendienst Großbritanniens.

Soisalo, Kati. Assessorin, Rechtsanwältin. Ehemalige Chefjuristin der Fennica AG, eines Konzerns der finnischen Rüstungsindustrie.

 

Tirkkonen, Sakke. Präsident der finnischen Sektion des Motorradclubs MC Black Angels.

 

Ukkola, Jukka. Stellvertretender Leiter der KRP. Kati Soisalos Exmann.

UNODC. Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung.

 

»Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Unternehmen gelingt, ist dann am größten, wenn es so lange vor dem Feind geheim gehalten wird, bis die Zeit für seine Ausführung reif ist.«

Niccolo Machiavelli (1469–1527)

 

»Der Ausschuss ist auf der Grundlage des ihm vorliegenden Beweismaterials zu der Ansicht gelangt, dass Präsident John F. Kennedy höchstwahrscheinlich im Ergebnis einer Verschwörung einem Attentat zum Opfer gefallen ist. Der Ausschuss ist nicht in der Lage, die Identität des anderen Bewaffneten oder den Umfang der Verschwörung zu klären.«

US-Repräsentantenhaus, Untersuchungsausschuss zu den Attentaten, Washington, D. C. 29. Dezember 1978

PROLOG

Die Puppe Saara

Dubrovnik, Kroatien. 13. September 2007

 

Kati Soisalo hatte ihre Tochter Vilma in den zurückliegenden drei Jahren mehr als alles andere auf der Welt geliebt. In den folgenden drei Jahren würde sie ihr Kind ebenso sehr vermissen. Doch das wusste sie noch nicht, als sie an jenem heißen Tag in Dubrovnik auf dem »Stradun« stand, der wichtigsten Straße der Altstadt.

Sie hörte einer Reiseführerin zu, die wenige Meter entfernt einer gestressten Touristengruppe einen Vortrag hielt. Nach den neuesten archäologischen Funden galt es als wahrscheinlich, dass die Gegend von Dubrovnik bereits in der griechischen Epoche, vor Beginn unserer Zeitrechnung, besiedelt wurde. Die Seefahrer der Griechen brauchten nicht nur Süßwasser, sondern auch Sandstrände, damit sie ihre Schiffe über Nacht an Land ziehen konnten, und in der Gegend des heutigen Dubrovnik fanden sie beides. Zudem lag der Ort für die Schiffe, die zwischen den zwei griechischen Kolonien Budva und Korčula hin- und hersegelten, genau auf halbem Wege, hier mussten sie nachts anlegen.

Nach dem Ende des griechischen Zeitalters lebten im Gebiet von Dubrovnik, wie die Führerin berichtete, sowohl Nachfahren der ursprünglichen Bevölkerung als auch Slawen, die hier ansässig geworden waren. Beide lernten allmählich, miteinander auszukommen, bis ihre Siedlungen schließlich im 12. Jahrhundert vereint wurden. Die flache Meerenge, die vorher die Stadt teilte, schüttete man zu, und so entstand der »Stradun«, das Zentrum von Dubrovnik.

Die kleine Vilma hüpfte in der Fußgängerzone umher, interessiert an allem und nichts Böses ahnend, wie es nur ein dreijähriges Mädchen sein kann. Kati Soisalo entdeckte im Schaufenster eines Souvenirgeschäfts schöne Leinentücher, suchte eine englisch- oder deutschsprachige Erklärung, ob sie handgemacht waren, und schaute dann nach ihrer Tochter, die zwei Meter von ihr entfernt einen kleinen grauen Hund bewunderte. In dessen Augen leuchtete Interesse auf, er flitzte zur Wand eines Barockgebäudes, hob das Hinterbein und leerte seine Blase.

Auf dem Stradun waren hunderte Touristen unterwegs, man hörte das Stimmengewirr, laute Rufe und das Klappern der Absätze auf den weißen Marmorplatten der Straße. Der Sonnenschein hatte die Erinnerung an den Regenguss vom Vortag längst getilgt. Eine Reisegruppe eilte vorbei, die Japaner knipsten hastig ein Foto nach dem anderen, als fürchteten sie, die Sehenswürdigkeiten könnten jeden Augenblick verschwinden. Eine betagte Einheimische, die ein schwarzes Kleid und ein schwarzes Kopftuch trug, hob sich im Meer der Touristen mit ihren Shorts und Sandalen ab wie ein Tropfen Öl in Wasser. Das Mütterchen schien nicht zum Straßenbild zu gehören und war doch sicher schon im sozialistischen Jugoslawien unter Josip Broz Tito und auch bereits während der italienischen und deutschen Okkupation im Zweiten Weltkrieg auf den Steinplatten des Stradun gelaufen. Kati Soisalo ärgerte es, dass die kroatischen Männer ihr Interesse für eine blonde Touristin wie sie ohne jede Hemmung zeigten, obwohl sie doch mit ihrem Kind spazieren ging. Ein Mann fehlte ihr derzeit etwa so sehr wie die Beulenpest.

Sie beschloss, kurz in den Souvenirladen hineinzugehen, und wandte sich Vilma zu. Aber das Mädchen war weg. Kati Soisalo erschrak und sah sich rasch um – Vilmas gelb-schwarzer Buggy und ihre Puppe Saara, die japanischen Touristen, ein lautstarker Trupp junger Briten, ein Kroate mit Baskenmütze, der sein Fahrrad schob, eine Bierdose, die übers Pflaster rollte … Vilma war zwar ein lebhaftes Kind, aber auch folgsam und sogar ein wenig schüchtern, sie entfernte sich im Gedränge nie weiter als ein paar Meter von ihrer Mutter.

»Mutti, schau mal. So ein süßes Baby!« Vilma tauchte plötzlich im Rücken ihrer Mutter auf und zeigte fröhlich auf ein Kleines mit Mütze, das in einem Kindertragerucksack hin und her schaukelte.

Kati Soisalo beugte sich vor und legte ihrer Tochter die Hände auf die Schultern. »Wie oft haben wir darüber gesprochen, dass du in meiner Nähe bleiben sollst. Weißt du, wie sehr Mutti erschrocken ist?«

Das Weinen begann lautlos, dann verzog sich Vilmas Gesicht, und Tränen rollten über ihre Wangen. Die Mutter hob das Mädchen hoch, umarmte es und bedeckte sein Gesicht mit Küssen.

»Entschuldige, Vilma, Mutti hat Angst um dich gehabt. Hier sind so unheimlich viele Leute, Mutti hat dich in diesem Gedränge nicht mehr gesehen. Komm, wir gehen woandershin, wir könnten uns ein Eis kaufen.«

Kati Soisalo trug ihre Tochter auf dem Arm, schob mit der anderen Hand den leichten Buggy und ging zum Platz am Pile-Tor. Obwohl sie nur ein helles, hauchdünnes Sommerkleid trug, war sie schweißgebadet. Wie üblich suchte Vilma ihr Eis nach der Farbe der Verpackung aus; diesmal hatte sie Glück, in der Kühlbox fand sich eine violette Eistüte. Sie setzten sich auf die Stufen des Großen Onofrio-Brunnens, und Kati Soisalo schaute Vilma an wie Kommissar Hunter aus Entenhausen, das war ein todsicheres Mittel, ihre Tochter zum Lachen zu bringen. Alle Anspannung wich, als sie an die Standardfiguren ihrer gemeinsamen Spiele dachte: die Mäuse Limppu und Lamppu, die am liebsten Käse stibitzten, das unsichtbare Mädchen Ninni aus dem Muminland, das am Frühstückstisch saß, den Hund Roffe, ein Wipptier vom Spielplatz im Park …

Vilmas Mundwinkel waren vom Schokoladeneis ganz braun, sie kicherte und legte Saara auf die Stufen, um die Verpackung weiter aufzureißen. Der Haarschopf der kleinen Puppe roch nach etwas Süßem, vermutlich Vanille. Wenn sich das Mädchen um Saara kümmerte, die sie nie länger als für einen Augenblick allein ließ, nannte sie sich selbst Mutti Vilma.

»Wo ist Vater?«, fragte Vilma und wickelte ihre schneeweißen Nackenhaare um den Zeigefinger, das war eine Angewohnheit.

Kati Soisalo wusste nicht, wie sie den Gesichtsausdruck des Mädchens interpretieren sollte. »Vater ist in Finnland. Bei sich zu Hause. Wir haben doch darüber gesprochen, dass deine Eltern seit dem Sommer nicht mehr zusammenwohnen und Vilma jetzt zwei Zuhause hat – eins bei Vater und eins bei Mutter«, sagte Kati Soisalo ganz ruhig, obwohl sie das ihrer Tochter schon Dutzende Male erklärt hatte. Vilma wollte sich fast jeden Tag vergewissern, dass der Vater nicht aus ihrem Leben verschwunden war.

Sobald Kati Soisalo an Jukka Ukkola denken musste, verdüsterte sich ihre Laune schlagartig. Sie tastete auf ihrem Unterarm und fand den blauen Fleck, der sich schon gelb verfärbt hatte. Ihr Exmann war nicht nur Leiter der Hauptabteilung der KRP, der Zentrale der finnischen Kriminalpolizei, sondern auch ein waschechter Psychopath und Narzisst, ein gefühls- und persönlichkeitsgestörter Verrückter, der sich im Laufe ihrer knapp vierjährigen Beziehung aus einem netten Gentleman in einen arroganten und gewalttätigen Tyrannen verwandelt hatte. Doch vermutlich hatte er sich gar nicht verwandelt, sondern einfach nur mehr und mehr seinen wahren Charakter gezeigt.

Nachdem sie im Juni mit Vilma aus Ukkolas Haus in Pitäjänmäki geflohen war, hatte der vollkommen jede Selbstkontrolle verloren. Durch Erpressung wollte er sie und Vilma zwingen, zu ihm zurückzukehren, er drohte damit, Beweise für ihre angebliche Beteiligung an Straftaten zu erfinden und ihrer Familie zu schaden. Obendrein war dieser Irre schon mehrmals aufgetaucht, wenn sie sich mit irgendeinem Bekannten oder Freund traf. Manchmal hatte sie den Verdacht, dass dieser Idiot, der aussah wie ein Dobermann, in ihr E-Mail-Fach eingebrochen war oder ihre Telefongespräche abhörte. Wie hätte er sonst wissen können, wen sie wann und wo traf. Gott sei Dank hatten Mutter, Vater und ihre Schwester Mari zu ihr gehalten, nur durch ihre Hilfe hatte sie die letzten Monate überstanden, ohne den Verstand zu verlieren.

»Sieh mal, Mutti, Saara schleckt auch Eis.« Vilmas Worte holten ihre Mutter zurück in die Gegenwart. Kati Soisalo hatte die Zähne so fest zusammengepresst, dass ihre Kiefermuskulatur schmerzte.

»Ach Schatz, Saaras Kleid wird doch bekleckert!« Sie holte ein Taschentuch heraus und wischte erst ihrer Tochter und dann der Puppe den Mund ab.

»Wollen wir eine Weile in diesen schönen Park gehen, in dem der Teich mit den Fischen ist? Erinnerst du dich? Dort ist es viel ruhiger. Etwas zu essen haben wir im Rucksack, auch Erdbeeren.«

»Jaa!«, antwortete Vilma begeistert. Sie nahm ihre Puppe unter den Arm und griff mit der anderen Hand nach dem Buggy. Mutter und Tochter gingen zum Pile-Tor, dem Haupttor von Dubrovnik mit einer Statue des Heiligen Blasius. Das Innere Tor im gotischen Stil führte auf die Steinbrücke über den Wallgraben, der einst mit Wasser gefüllt war. Später hatte man ihn in einen Park umgewandelt. Vom Äußeren Tor liefen sie noch etwa zweihundert Meter bis zum Gradac-Park, Kati Soisalo musste den Kinderwagen die steile Treppe hinauftragen.

Aber sie wurde für die Mühe entschädigt. In dem idyllischen Park fühlte sie sich sofort viel ruhiger und ausgeglichener. Aleppo-Kiefern säumten die langen Sandwege mit schattigen Bänken, ein kleiner Springbrunnen plätscherte, in dem Teich schwammen Fische. Und man hatte einen wunderbaren Blick auf die Altstadt und auf die türkisfarbene, glitzernde Adria. Einige umgebrochene Bäume waren nach Auskunft der Angestellten in der Touristeninformation Überbleibsel des Krieges von 1991.

Vilma sauste zum Fischteich, und Kati Soisalo setzte sich auf die Steinkante am Wegesrand. Sie breitete ein Handtuch aus und legte alles für ihr Picknick zurecht: eine große Schale Erdbeeren, Schlagsahne in einer Spraydose, Brötchen, dalmatinischen Schinken, Käse aus Kuhmilch in Olivenöl, Schafskäse von der Insel Pag, Oliven, einen Tetrapak Saft mit Trinkröhrchen, eine Viertelliterflasche kroatischen Weißwein und ein Multifunktionsmesser.

»Vilma! Es ist Picknick-Zeit!« Ihr Rufen blieb jedoch ohne Wirkung, das Mädchen warf weiter voller Eifer Sand in den Teich. Plötzlich knackte hinter Kati Soisalo ein Ast, sie drehte sich um. Vielleicht ein Eichhörnchen oder ein Vogel.

Sie wollte Vilma nicht zur Eile antreiben, es tat gut, ihr beim Spielen zuzuschauen. Das Mädchen trug ein geblümtes Kopftuch und ein neues, buntes Sommerkleid, auf dem Affen, Palmen und Lianen abgebildet waren – ihr Dschungelkleid. Vilma war in einem wunderbaren Alter, sie dachte sich eigene Geschichten aus, stellte Fragen und gab Lebensweisheiten von sich, die verblüfften. Mit einem dreijährigen Kind konnte man sich schon unterhalten. Jedenfalls mit Vilma, sie war sprachlich begabt, hatte bereits in ihrem ersten Lebensjahr sprechen gelernt und merkte sich Liedtexte und Geschichten in Bilderbüchern erstaunlich gut.

Kati Soisalo nahm eine Erdbeere, sprühte Schlagsahne darauf, steckte sie in den Mund und schmatzte so laut, dass ihre Tochter es mit Sicherheit hörte.

»Iss nicht alle!«, schrie Vilma und rannte zu ihrer Mutter, die Puppe hielt sie in der Hand.

Die Digitalkamera klickte. Kati Soisalo fotografierte, wie ihre Tochter die Erdbeeren genüsslich verspeiste. Vilma war ganz darin vertieft und mampfte mit vollen Backen, schon bald war ihr Gesicht bis zu den Wangen und zum Kinn von den Beeren ganz rot gefärbt und die Hände auch. Schlagsahne aus der Dose mochte sie nicht, ein kluges Mädchen. Die beiden ließen es sich schmecken, ohne jede Eile, und unterhielten sich dabei über das, was sie gesehen hatten: das Schifffahrtsmuseum und das Aquarium in der Festung des Heiligen Johannes, den Sandstrand der Insel Lopud … und sie fragten sich, warum es in den Toiletten kroatischer Restaurants kein Töpfchen für kleine Kinder gab.

»Jetzt geht Mutti mit ihrem Kind Saara spazieren«, beschloss Vilma resolut, als sie sich den Bauch vollgeschlagen hatte, und Kati Soisalo musste sich beeilen, damit sie ihrer Tochter noch den Mund und die Hände abwischen konnte.

»Geh nicht so weit weg«, ermahnte sie das Mädchen und wunderte sich einmal mehr, warum der Gradac-Park so wenig Spaziergänger anlockte, sie sah niemanden weit und breit. Allerdings war Mitte September die Hochsaison im Tourismus schon langsam vorbei. Plötzlich schien es ihr so, als hörte sie in der Nähe jemanden flüstern, sie drehte sich um und glaubte zwischen den Kiefern kurz etwas Gelbes gesehen zu haben. Doch so sehr sie auch die Ohren spitzte und angestrengt Ausschau hielt, es war nichts zu hören und niemand zu sehen. Vilma spielte wenige Meter entfernt mit ihrer Puppe.

Zum Glück fand das Kind trotz allem Freude an ihrer Urlaubsreise. Die Ereignisse im Spätsommer hatten auch bei dem Mädchen ihre Spuren hinterlassen: Vilma litt zuweilen unter Alpträumen und hing mehr an ihrer Mutter als zuvor. Kein Wunder, Jukka Ukkola kümmerte es nicht im Geringsten, ob seine Tochter mithörte, was für Gemeinheiten er ihrer Mutter an den Kopf warf, wenn er immer wieder in ihrer Wohnung oder an Vilmas Kita auftauchte. Kati Soisalo fürchtete, dass sie bei den Einzelheiten des gemeinsamen Sorgerechts und des Besuchsrechts nie eine Einigung erreichen würden. Ukkola drohte, alle Prozesse zu behindern und in die Länge zu ziehen, dieser Idiot bildete sich tatsächlich ein, er könnte sie durch Erpressung zwingen, zu ihm zurückzukehren. So durfte es nicht mehr lange weitergehen; sie musste sich entscheiden, wie sie Ukkola in die Schranken weisen wollte. Sollte sie ein Näherungsverbot beantragen oder Strafanzeige erstatten? Hausfriedensbruch, Körperverletzung, gesetzwidrige Drohung … Gründe gab es genug, das wusste sie als Juristin natürlich, allerdings wusste sie genauso gut, dass sie dann handfeste Beweise für Ukkolas Vergehen brauchte. Sollte sie jemanden bezahlen, der sie beschaffte?

Kati Soisalo trank Wein und grübelte über ihre Probleme nach. Es war unfassbar, wie sich ihr Leben innerhalb von vier Jahren so vollständig ändern konnte. Bevor sie Ukkola kennengelernt hatte, waren die viel zu langen Arbeitstage und die Suche nach einem anständigen Mann und einer Stelle als Justitiarin eines Unternehmens ihre größten Sorgen gewesen. Sie goss die letzten Tropfen aus der kleinen Weinflasche in den Pappbecher, stopfte die Speisereste und den Abfall in eine Plastiktüte, packte ihren Rucksack ein und schaute sich nach Vilma um. Der Buggy stand fünfzig Meter entfernt auf dem Sandweg, wie hatte sie es in der kurzen Zeit so weit geschafft.

»Vilma! Wir gehen jetzt!«, rief Kati Soisalo. »Wir wollen uns im Hotel noch ein bisschen hinlegen vorm Zähneputzen und der Gutenachtgeschichte.« In aller Ruhe ging sie auf den Kinderwagen zu und erwartete jeden Moment, dass ihre Tochter hinter einem Baum hervorsprang. Neben dem Buggy blieb sie stehen, es war niemand zu sehen und nichts zu hören. Allmählich machte sie sich Sorgen, sie schaute in alle Richtungen, verließ den Weg und lief zwischen den Kiefern hinauf zum Gipfel der Anhöhe, obwohl sie nicht glaubte, ihre Tochter dort zu finden. Es war nicht Vilmas Art, sich herumzutreiben … Auf einmal wurde Kati Soisalo alles klar – der Teich mit den Fischen!

Sie rannte zu dem Teich, schüttelte die Pumps von den Füßen und watete durch das Wasser, bis sie jeden Quadratzentimeter abgelaufen war. Nichts. Doch die Erleichterung währte nur kurz, und an ihre Stelle trat Angst, noch mehr als zuvor. Die Beine waren schwer wie Blei und die Kehle ausgetrocknet, ihr war übel. Jetzt blieb ihr nichts anderes übrig, als die ganze nähere Umgebung zu durchforsten. Das blanke Entsetzen überkam sie, aber sie zwang sich, zu überlegen, was jetzt getan werden musste.

Als sie alle denkbaren Verstecke durchsucht hatte, kehrte sie atemlos zum Fischteich zurück und geriet nun noch mehr in Panik. Es gab in dem Park keinen einzigen steilen Hang, den Vilma womöglich hinabgestürzt wäre, sie konnte nicht verstehen, wohin das Mädchen verschwunden war. Plötzlich bemerkte sie ein paar Meter entfernt hinter der Wegeinfassung etwas Buntes, ein Stück Stoff. Sie trat näher heran und erblickte die Puppe Saara. Vilma hätte ihre Puppe niemals ins Gebüsch geworfen.

Kati Soisalo klappte nach vorn und erbrach alles, was sie im Magen hatte, mit solcher Wucht, dass sie das Gefühl hatte, die Speiseröhre platzte. Nun gab es kein Halten mehr, sie stürzte Hals über Kopf los und rannte mit langen Schritten durch den Park und rief in ihrer Not Vilmas Namen. Niemand antwortete. Sie biss sich so heftig auf die Zähne, dass an einem Schneidezahn ein Stück abbrach, die Splitter spuckte sie aus. War doch etwas Gelbes zwischen den Bäumen zu sehen gewesen, als sie beim Picknick saßen? Auf alle Fälle hatte sie gehört, wie ein Ast brach. Der Mann am Onofrio-Brunnen mit der Kamera und der gelben Jacke, hatte er sie und Vilma beobachtet?

Unfähig, klar zu denken raste sie die Treppe hinunter, die Angst hatte ganz von ihr Besitz ergriffen. Sie verspürte den unwiderstehlichen Wunsch, aus diesem Alptraum zu erwachen, die ganze Weltordnung zu negieren und das Geschehene rückgängig zu machen.

Sie brauchte unbedingt Hilfe. Je eher die Polizei mit der Suche beginnen konnte, umso größer waren ihre Chancen, Vilma zu finden. Bis zur Polizeiwache war es ein reichlicher Kilometer, sie befand sich in derselben Straße wie die zentrale Touristeninformation von Dubrovnik, in der sie vom Gradac-Park gehört hatte. Ihren Entschluss, den Park zu besuchen, bereute sie nun mehr als alles andere auf der Welt. Wie hieß doch gleich diese Straße, Doktor …

Dr. Ante Starčević. Kati Soisalo las den Namen auf dem Schild an der Kreuzung und bog in die Straße ein. Sie rannte schneller, als sie es sich zugetraut hätte, ruderte dabei mit den Händen und zwang ihre Beine, sich zu bewegen, ohne Rücksicht darauf, dass ihr fast die Lunge platzte und die Oberschenkel schmerzten. Ihre Hände waren zu Fäusten geballt, die Nägel drangen tief ins Fleisch, und sie biss sich so heftig auf die Lippen, dass sie das Blut schmeckte. Doch sie wollte den Schmerz spüren, er lenkte von der unausweichlichen Tatsache ab, die sie nie und nimmer akzeptieren würde, und er verdrängte die Gedanken an all das, was ihrer Tochter zugestoßen sein könnte.

Endlich erblickte sie das vierstöckige sandbraune Polizeigebäude und das Schild Policija. Kati Soisalo riss die Tür auf, stürzte keuchend zum nächstgelegenen Schalter und schlug so heftig gegen das Plexiglas, dass der junge Polizist dahinter erschrocken aufsprang.

»Helfen Sie mir! Meine Tochter ist verschwunden. Sie wurde im Gradac-Park entführt. Vor ein paar Minuten, vor fünf Minuten …!«, brüllte sie auf Englisch, und jeder in dem Raum schaute zu ihr hin. Sie schnappte nach Luft, Speichel rann ihr aus dem Mundwinkel.

Der Polizist mit einem Namensschild am Revers, auf dem »Darinko Kozlevac« zu lesen war, breitete ratlos die Arme aus und sagte etwas auf Kroatisch, einer Sprache, die anscheinend vor allem aus rasselnden Kehllauten und Zungenspitzen-R bestand.

»Meine Tochter! Verschwunden!«, rief Kati Soisalo in ihrem dürftigen Deutsch, doch der Polizist schüttelte nur den Kopf.

»Verdammt noch mal, tun Sie etwas!« Kati Soisalo verlor die Selbstbeherrschung und verpasste dem Plexiglas mit aller Kraft einen Fausthieb. Da packte sie jemand an der Schulter.

Sie drehte sich um und sah einen Mann mit spitzer Nase, seine Augen funkelten vor Zorn, das ließ sie noch mehr verzweifeln.

»Beruhigen Sie sich. Erzählen Sie, was passiert ist. Mein Name ist Branko Mikulić, ich möchte Ihnen helfen«, erklärte der Polizist ganz ruhig in ausgezeichnetem Englisch.

Dabei hielt er sie allerdings immer noch mit einem schmerzhaften Griff an der Schulter fest. Bildete der sich etwa ein, dass sie fliehen wollte, fragte sich Kati Soisalo verwundert. Der wütende Blick des Mannes sagte etwas ganz anderes als seine freundlichen Worte.

»Als Erstes wollen wir uns mal Ihren Pass anschauen«, fuhr Mikulić fort und streckte seine Hand aus.

Kati Soisalo wusste nicht, was ihr einen größeren Schreck einjagte: dass sie ihren Rucksack mit Pass und Portemonnaie im Park liegengelassen hatte oder dass der kroatische Polizist sie an Jukka Ukkola erinnerte. Der Mann starrte sie an wie eine Patientin aus der Psychiatrie. Hasste auch er die Frauen oder nur Touristinnen, die herumbrüllten und nicht Kroatisch konnten? Dieser Mensch sollte die Suche nach Vilma einleiten?

Mikulić beugte sich vor und näherte sich ihrem Gesicht. »Haben Sie viel Alkohol getrunken?«

Kati Soisalo kam es so vor, als würde sie im Meer an der Wasseroberfläche auftauchen und eine riesige Sturzwelle erblicken, die auf sie zu rollte. Im Polizeipräsidium von Dubrovnik in der Ulica Dr. Ante Starčevića 13 brach sie in dem Augenblick zusammen, als ihr klar wurde, dass sie ihre Tochter verloren hatte.

ERSTER TEIL

Der neue Alptraum

9. August – 12. August, Gegenwart

1

Montag, 9. August

Die Geschichte des Stadtteils Skadarlija, wie man sie kennt, beginnt in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als sich Zigeuner in den einst zum Schutz der alten Stadtmauer ausgehobenen Wallgräben ansiedelten. Am Anfang des 20. Jahrhunderts entdeckten dann Künstler diese Gegend für sich. Und heutzutage war Skadarlija die vielleicht schönste Touristenattraktion in der Belgrader Altstadt, ein Ort, zu dem Tag für Tag Tausende und Abertausende bunt gekleidete Reisende zogen wie Ameisen zu ihrem Bau.

Auf der Terrasse des Restaurants »Tri Šešira« bot ein großer, dichtbelaubter Ahorn Schatten. Die Mittagshitze in Belgrad war drückend und der Blumenduft berauschend. Neben Gaststätten, Kunsthandlungen und uraltem Pflaster gab es in der Skadarska-Straße auch Dutzende kleine Blumenläden und -stände.

»›Mein Name ist Skadarlija … oder Skadarska-Straße, ganz wie ihr wollt. Ich bin kein Boulevard … keine Allee … und auch keine Hauptverkehrsstraße. Nein, ich bin eine ganz gewöhnliche, kurvenreiche Gasse im Zentrum von Belgrad. Und mehr brauchte man über mich auch nicht zu berichten, wären da nicht meine Boheme-Vergangenheit, zerfallende Dächer, schwankende Treppen ‹ Das hat ein Schreiberling namens Zuko Džumhur über diesen Ort verfasst«, sagte Tuula Numminen zu ihrem Mann und prüfte nebenbei, ob etwa ihre mit viel Mühe hergerichtete luftig-lockere Frisur durch die Hitze in sich zusammengefallen war.

Eino Numminen, der im Versandhandel gekaufte Sandalen der Größe 47 trug, legte den rechten Fuß auf seinen behaarten Oberschenkel, ein paar Zentimeter über jenem Knie, in das an einem Herbstmorgen vor sechs Jahren die Kette seiner Stihl-Motorsäge eingedrungen war und ihn mit achtundvierzig Jahren nicht nur dazu verdammt hatte, als Invalidenrentner zu leben, sondern auch mit seiner Frau ohne Ende Urlaub zu machen. Tuula hingegen hatte es nie gereizt, arbeiten zu gehen.

Er sah, wie Musikanten von Tisch zu Tisch zogen, faltete die Hände und hoffte inständig, dass sie nicht bei ihnen stehen blieben. Seine Frau würde ihn garantiert auffordern, das Portemonnaie herauszuholen. Ihm war immer noch nicht klar, warum sie mit ihrem Wohnmobil einen Abstecher ins Binnenland machen mussten, wo doch die Küstenstraßen an der Adria so eine strahlend schöne Aussicht boten. Seine Frau hatte ihm zwar erklärt, dass man die Hauptstädte gesehen haben musste, aber trotzdem. Auch Rentner hatten nicht endlos viel Zeit, im Oktober würde es schon kälter werden. Er wollte die Sonne am Meeresstrand genießen und nicht im brütend heißen Asphaltdschungel umherziehen. Den nächsten Winter würden sie auf jeden Fall nicht mehr auf dem Lande, sondern in der Stadt verbringen, da seine Frau im letzten Frühjahr auf Biegen und Brechen unbedingt in ein Mehrfamilienhaus ziehen wollte. Angeblich hatte sie die Nase voll von Beeten und ihren vielen Anpflanzungen, und das war auch gut so, denn ihre Begeisterung für die Gartenarbeit war in den letzten Jahren allmählich zu einer Art Zwangsvorstellung geworden, sogar die Nachbarn hatten Tuula schon als »Mehrzweck-Gartengerät« bezeichnet.

»Was soll denn hier Boheme sein?«, fragte Tuula Numminen und schnaufte abfällig. »Es ist ein ziemlich starkes Stück, dass im Reiseführer Skadarlija mit dem Pariser Montmartre verglichen wird. Das hier ist eine schöne Gegend, dagegen lässt sich nichts sagen. Aber Paris ist dann doch noch etwas anderes.« Sie redete betont laut und beobachtete dabei ein kleines blondes Mädchen, das wenige Meter von ihnen entfernt saß. Das Kind erwiderte neugierig ihren Blick.

Eino Numminen hob die Kaffeetasse zum Mund und vergewisserte sich mit einem Blick aus den Augenwinkeln, dass seine Frau nicht zu ihm schaute, dann trank er klammheimlich seinen Kognak aus und bestellte sogleich noch einen, indem er das Glas hoch hielt, als die Kellnerin vorbeirauschte. Es wurmte ihn, dass seine Frau selbst an den Tagen, an denen er nicht mit dem Fahren dran war, argwöhnisch überwachte, was er trank. Zwar ödete es ihn an, ständig die Schnapsflaschen zu verstecken, andererseits sorgte dieses Hobby wenigstens für etwas hochwillkommene Spannung in seinem Leben. Er musste grinsen, als ihm sein neuestes Versteck einfiel – Tuula würde nie auf die Idee kommen, seine Rasierwasserflasche zu kontrollieren.

»Ich habe mir für den letzten Teil der Reise die Karte angeguckt und eine anscheinend ganz gute Straße durch eine schöne Landschaft gefunden. Sie führt von hier über Sarajevo und Mostar bis in die Gegend nördlich von Dubrovnik«, erklärte Eino Numminen, als die Kellnerin seinen Kognak brachte. Erstaunlicherweise sah seine Frau gar nicht verärgert aus, sondern starrte mit zusammengekniffenen Augen irgendwohin.

»Das kleine Mädchen dort versteht Finnisch«, sagte Tuula Numminen und nickte in Richtung eines blonden, blauäugigen Kindes, das zwei Tische weiter saß. »Ich beobachte das Mädchen schon eine ganze Weile, jedes Mal, wenn wir den Mund aufmachen und reden, schaut es zu uns her. Das Kind hat gelacht, als du den Witz von den schwedischen Touristen, die sich in Split verirrt haben, erzählt hast.«

»Das Mädchen sieht auch finnisch aus«, konstatierte Eino Numminen mit lauter Stimme in der Hoffnung, das Mädchen würde es hören und irgendwie reagieren. Dann beugte er sich zu seiner Frau hin und flüsterte: »Im Gegensatz zu der ganzen restlichen Gesellschaft an dem Tisch.«

Tuula Numminen schaute wieder angestrengt hinüber. »Das Mädchen wirkt irgendwie ängstlich.«

Plötzlich erhob sich der stämmige, stark behaarte Mann an dem Tisch, sagte laut etwas zu der Frau, die neben ihm saß, und packte das kleine, blonde Mädchen am Arm. Das Kind brach in Tränen aus und sträubte sich, doch der Mann hob es mit einer Hand so mühelos hoch wie einen Sack Federn und nahm es unter den Arm.

»Da stimmt irgendwas nicht«, verkündete Tuula Numminen, und ihrem Mann schwante nichts Gutes. Seine Frau hatte die schlechte Angewohnheit, ihre Nase in die Angelegenheiten fremder Leute zu stecken.

***

Kati Soisalo lag auf dem Bett und spürte, wie Jonnys Glied in ihr erschlaffte. Der muskulöse Mann war unheimlich schwer. Wie lange würde Jonny noch Lust auf sie haben? Die vierzehn Jahre Altersunterschied wurden zumindest in ihren Augen mit jedem Tag deutlicher: Jonny war erst Anfang zwanzig und in seiner Entwicklung zum erwachsenen Mann noch nicht am Ende angelangt, während sie selbst sich in raschem Tempo auf die Mitte des Lebens zu bewegte, nachdem sie kürzlich fünfunddreißig geworden war. Sie fühlten sich beide sehr wohl, wenn sie zusammen waren, und im Bett lief es normalerweise gut, aber von Anfang an stand die unausgesprochene Übereinkunft im Raum, dass ihre Beziehung zu nichts Festem führen sollte. Allerdings glaubte Kati Soisalo ohnehin nicht, dass sie fähig wäre, mit irgendjemandem in einer richtigen Partnerschaft zu leben, ob nun mit Jonny oder einem anderen. Nicht nach all dem, was Jukka Ukkola ihr angetan hatte. Und immer noch antat.

Jonny rollte von ihr herunter, beide waren nicht in bester Stimmung und schwiegen betreten, wie immer nach unbefriedigendem Sex.

»Sorry, ich war nicht richtig bei der Sache«, sagte Kati leise. »Ukkola läuft wieder mal auf Hochtouren, heute Morgen kam er in meine Kanzlei marschiert, um mir zu drohen. Er hat behauptet, er würde sich nun für unseren Kunstgriff vom letzten Jahr rächen, als wir ihn mit den Fotos erpresst haben. Schon bei dem Gedanken, was dieser Verrückte nun wieder vorhaben könnte, wird mir angst und bange.«

Eine unangenehme Stille senkte sich über den Raum und endete erst, als das Telefon auf dem Nachttisch schrillte.

Kati Soisalo streckte den Arm aus, griff nach ihrem Handy und zog aus irgendeinem Grund die Tagesdecke bis unters Kinn, als sie sah, dass Leo Kara der Anrufer war. Letztes Jahr hatte sie dem Mitarbeiter des UN-Büros für Drogen- und Verbrechensbekämpfung bei Ermittlungen zu illegalen Waffengeschäften finnischer Großunternehmen geholfen.

»Guten Morgen«, sagte Kara, obwohl es in Helsinki schon nach 15 Uhr war. »Nett, dass du anrufst. Bist du in Wien? Was gibt’s Neues?«

»Nichts Umwerfendes. Im Dienst ist nach unseren Ermittlungen vom letzten Jahr alles ziemlich ruhig verlaufen. Birou, mein Chef, hat dafür gesorgt, dass ich aus seiner Sicht möglichst weit weg bin. Ich war lange in Afghanistan und bin letzte Woche von einer Reise nach Myanmar zurückgekommen.«

»Urlaubsparadiese sind das nicht gerade. Das hört sich so an, als wollte Gilbert Birou dich ernsthaft loswerden«, erwiderte Kati Soisalo lachend. »Schönen Gruß übrigens von Paranoid, er sitzt hier neben mir. Unser Cracker.«

Kara kam zur Sache. »Nachdem sich unsere Wege im letzten Jahr getrennt hatten, habe ich in Wien wie versprochen mit dem Chef unserer Abteilung zur Bekämpfung des Menschenhandels über den Fall deiner Tochter gesprochen. Ich hatte die ganze Angelegenheit schon vergessen, doch gerade eben hat er angerufen.«

Die Tagesdecke rutschte auf den Fußboden, als Kati Soisalo aufsprang.

»Ich sage aber gleich im Voraus, dass nicht unbedingt irgendein Zusammenhang mit deiner Tochter bestehen muss«, erklärte Kara, um ihre Aufregung zu dämpfen. »Jedenfalls hat ein finnisches Ehepaar heute in einem Belgrader Restaurant ein Mädchen ungefähr in Vilmas Alter beobachtet, das angeblich nordisch aussah und vermutlich Finnisch verstand. Nach Aussage der finnischen Touristen hat ein serbischer Mann dann die Gaststätte verlassen und das Mädchen, das sich gesträubt hat, mitgeschleppt. Sie haben den Vorfall bei der finnischen Botschaft in Belgrad gemeldet und …«

Kati Soisalo öffnete den Mund, brachte aber kein Wort heraus. Karas Stimme war nur noch ein fernes Rauschen, das Blut stieg ihr in den Kopf, sie musste sich hinsetzen. Die schmerzlichsten Erinnerungen ihres Lebens kamen hoch: Vilma beim Erdbeerenessen in Dubrovnik am Wegesrand im Gradac-Park. Die vollkommene Stille und die grenzenlose Angst nach ihrem Verschwinden. Die Puppe Saara im Gebüsch und der Polizist Branko Mikulić, dessen Zögern und Misstrauen den Entführern Vilmas über eine Stunde Zeit für die Flucht aus Dubrovnik verschafft hatte, bevor die Ermittlungen und die Suche nach dem Mädchen richtig eingeleitet wurden.

»Ist es möglich, dass dieses Mädchen Vilma war?«, fragte Kati Soisalo leise.

»Möglich ist das schon. Serbien liegt an der Balkan-Route, über die liefern kriminelle Organisationen Drogen, Waffen und Menschen nach Westeuropa …«

»Danke, Leo, du ahnst gar nicht, wie viel mir das bedeutet.«

»Das ist doch nur ein kleiner Gefallen, schließlich hast du mir voriges Jahr in der Papierfabrik das Leben gerettet.«

»Ich … halte dich auf dem Laufenden«, stammelte Kati Soisalo, brach das Gespräch ab und zog sich hastig an.

Verdutzt wartete Jonny auf eine Erklärung. »Hast du irgendetwas Neues über Vilma erfahren? Erzähl.«

Kati Soisalo rannte in den Flur und fuhr in ihre Schuhe. Sie öffnete die Wohnungstür, murmelte, sie werde abends anrufen, und stürzte ins Treppenhaus. Endlich war es passiert! Jetzt, drei Jahre nach Vilmas Verschwinden, als sie die Hoffnung schon fast aufgegeben hatte. Erstaunt stellte sie fest, dass sie keine Spur von Freude oder Erleichterung empfand, sondern nur Angst. Die Angst davor, dass sie Vilma doch nicht wiederbekam.

Ihre Kanzlei lag in Hietalahti, nur ein paar Häuserblocks von Jonny Karlssons Wohnung in der Punavuorenkatu entfernt. Kati Soisalo rannte den ganzen Weg. Sie wusste sehr genau, was sie nun tun würde, diese Situation hatte sie im Kopf unzählige Male durchgespielt. Die Haustür in der Tehtaankatu flog auf, sie hastete die Treppen hinauf und stürmte in ihre Kanzlei. Aus einem Schubfach des feuersicheren Aktenschranks holte sie die wichtigsten Unterlagen zu Vilmas Fall, ein halbes Dutzend Hefter, und stopfte sie in einen Koffer.

Nach Vilmas Verschwinden war sie über einen Monat in Dubrovnik geblieben und hatte jeden Tag mit Anrufen Druck auf die Polizei, das kroatische Innenministerium und die finnische Botschaft in Kroatien ausgeübt und die Behörden ständig um Treffen gebeten. Doch man fand nichts über die Entführer Vilmas heraus, überhaupt nichts. Es schien so, als hätte sich das Mädchen in Luft aufgelöst. Schließlich hatte sie einen einheimischen Juristen angeheuert, die Behörden in Kroatien weiter auf Trab zu halten, und war selbst nach Finnland zurückgekehrt. Dieser Tag war der schwerste nach Vilmas Verschwinden gewesen; sie hatte ihre Abreise aus Kroatien so empfunden, als hätte sie das Handtuch in den Ring geworfen und Vilma aufgegeben.

Kati Soisalo buchte im Internet einen sauteuren Flug der Lufthansa über Frankfurt nach Belgrad, das war die einzige Alternative, wenn sie noch am selben Tag ankommen wollte. Dann rief sie die finnische Botschaft in Serbien an und konnte nach langem Warten mit einem Botschaftssekretär sprechen, der ihr zusagte, sich darum zu bemühen, dass die Touristen, die Vilma gesehen hatten, weiter in Belgrad blieben. Zum Schluss musste sie noch all ihre Termine in der folgenden Woche absagen, das dauerte etwa eine halbe Stunde, ein Glück, dass in den nächsten acht Tagen wenigstens keine Gerichtsverhandlungen anstanden.

Sie schloss die Tür ihrer Kanzlei ab und fuhr mit dem Lift in die Tiefgarage. Wenig später steuerte sie ihr Zwergauto, einen zweisitzigen Smart Fortwo, auf die Tehtaankatu. Als sie das Restaurant »Mange sud« erblickte, den Nachfolger eines Lokals namens »Schiffshund«, fiel ihr ein, wie sie nach ihrer Rückkehr aus Dubrovnik verzweifelt vor der Wahrheit geflohen war. Anfangs hatte sie sich bemüht, ihren Schmerz in Schnaps zu ertränken, dann war sie auf der Couch von Psychotherapeuten in die Tiefen ihrer Seele eingetaucht und hatte geistliche Literatur und die Wahrheiten längst gestorbener Denker verschlungen, bis sie nahe daran war durchzudrehen. Schließlich hatte sie versucht, das, was sie tief in ihrem Inneren bedrängte, durch verbissene körperliche Schinderei zu verjagen. Die beim Krav-Maga-Training gebrochene Rippe zwang sie dann endlich, zur Ruhe zu kommen, und allmählich machte sie sich die finnischste aller Formen der Flucht vor dem Leben zu eigen – sie wurde zum Workaholic. Freilich vertrieb auch das nicht den Hass und die Trauer, nichts und niemand schaffte das. Sie hatte lernen müssen, mit ihnen zu leben und sie auszunutzen. Hass und Trauer hatten sie vorangetrieben wie die Peitsche eines Kutschers, sie gaben ihr Kraft.

In ihrer Wohnung in Herttoniemi packte Kati Soisalo den Koffer, holte aus dem Kühlschrank einen Becher Joghurt und blieb im Flur stehen, um zu überlegen, ob sie an alles Notwendige gedacht hatte. Ihr Blick fiel auf ein gerahmtes Foto von ihr und Vilma auf dem Telefontischchen. Sie nahm es in die Hand und betrachtete sich erst auf dem Foto, dann im Spiegel. War sie in drei Jahren so sehr gealtert? Falten hatten sich um die Augenwinkel und den Mund eingegraben, manche glichen einem ausgetrockneten Flussbett, die straffen Brüste hatten ihre Elastizität verloren und ihr blonder kurzgeschnittener Haarschopf war nicht mehr so dicht. Ein schönes Gesicht und eine ziemlich gute Figur hatte sie wohl immer noch, sie zog weiterhin die Blicke der Männer auf sich, aber aus einem anderen Grund als früher: Eine ungeschminkte, gestresst wirkende Frau mit Jungenfrisur und in Hemd und Hose dürfte in den Augen der Männer eher bedrohlich wirken.

Kati Soisalo stellte das Foto wieder hin und erblickte eine Postkarte von UNICEF, die im Spiegelrahmen steckte und verkündete: Stoppt den illegalen Kinderhandel. Wie viele freiwillige, unbezahlte Arbeitsstunden hatte sie nach dem Verschwinden Vilmas in Projekten des Kinderschutzbundes, von »Entführte Kinder e. V.«, Amnesty International, ECPAT und UNICEF geleistet? Ob das nun Selbstquälerei war oder nicht, sie wollte Vilmas Schicksal nicht einmal für einen Augenblick vergessen. Es wäre ihr wie Verrat der übelsten Sorte vorgekommen, ein ganz normales Leben zu führen, während Vilma zur gleichen Zeit womöglich irgendetwas Grauenhaftes durchmachen musste.

Sie fühlte sich energiegeladen, die lange angestauten Gefühle wogten auf und ab, sie konnte es kaum erwarten, am liebsten wäre sie schon zum Flughafen gefahren. Der Magen tat ihr weh, wie so oft in der letzten Zeit, das machte ihr Sorgen. Sie trat ins Schlafzimmer, brachte den an der Decke hängenden Sandsack für ihr Krav-Maga-Training zum Pendeln und ließ dann ein Feuerwerk von Tritten und Schlägen auf das Kunstleder los, bis sie mit weit aufgerissenem Mund nach Luft schnappte.

Als sich ihr Puls wieder beruhigt hatte, öffnete sie nach kurzem Zögern die Tür zu Vilmas Zimmer. Sie hatte alles so gelassen, wie es war, unverändert, alles wartete. Das Kinderbett, die Plüschtiere, der Lego-Baukasten, der Puppenwagen, die Tapete mit den Bildern von Pu dem Bären, die Puppe Saara … Auf den Fotos an der Wand lächelte das liebenswerteste kleine Mädchen der Welt. Das Warten war nun nach drei langen Jahren bald vorbei, endlich gab es einen Hinweis, dem sie nachgehen konnte.

Und dieses Mal würde sie nicht allein heimkehren.

***

Sabrina Pianini ging auf dem mittelalterlichen Pflaster durch ihre Geburtsstadt Barga und grüßte die Leute, denen sie begegnete. Für die einen war sie eine ehemalige Klassenkameradin oder Schülerin, für andere eine Nachbarin oder jenes ausgelassene Mädchen, das einst genau in jenem Frühjahr, als der Rio Fontana Maggio nach einem schneereichen Winter vom Schmelzwasser angeschwollen mit urwüchsiger Kraft durch den Ort toste, von der Alten Brücke eine ganze Packung Waschmittel in die Strömung geschüttet hatte. Hier war sie einfach ein Mädchen aus dem Ort und nicht Frau Dr. Pianini wie in Philadelphia, wo sie wegen ihrer derzeitigen Arbeit den größten Teil des Jahres verbrachte.

In den verschlungenen, schattigen Gassen der Altstadt wirkte die Hitze von über dreißig Grad nicht so drückend, zumal Sabrina Pianini nur ein Leinenkleid und leichte Sommerschuhe trug. Sie ging bis ans Ende der Via di Mezzo und dann durch die Porta Reale, das Haupttor der Stadtmauer, auf den Piazzale del Fosso. Ein von der DARPA bezahlter Bodyguard folgte ihr auf Schritt und Tritt überallhin. Sie wusste nicht recht, ob sie darüber lachen oder weinen sollte. In dem kleinen Gebirgsort mit kaum zehntausend Einwohnern würde der Mann in ihrem Schlepptau, der wie ein Beamter aussah, binnen kurzem ganz sicher auffallen, und wenn sie dann noch erzählte, warum er sie beschützte, wäre sie im Ort für einige Zeit das Gesprächsthema Nummer eins und könnte sich nirgendwo mehr bewegen, ohne von allen beachtet zu werden. Doch darüber wollte sie sich erst am nächsten Tag Gedanken machen, im Moment fühlte sie sich einfach nur todmüde.

Sabrina Pianini blieb vor dem Haus in der Via Sasso 18 stehen, öffnete die schmiedeeiserne Pforte der massiven Villa Elena, ihres Elternhauses, wartete, bis der Leibwächter mit raschen Schritten den Hof hinter der Mauer betreten hatte, und überlegte dabei, wie viel der Mann die DARPA wohl kostete. Zu viel dürfte es kaum sein: Die Defense Advanced Research Projects Agency war eine Einrichtung, die dem Pentagon unterstand, und die jährlichen Verteidigungsausgaben der USA lagen nach ihrer Kenntnis bei etwa sechshundertfünfzig Milliarden Dollar.

»Ich will den Abend ganz geruhsam verbringen und vielleicht auch den morgigen Tag noch, am Mittwoch muss ich ja schon zurück zu meinem Bruder nach Florenz. Ich gebe dann Bescheid …«, sagte sie zu dem Bodyguard. Ohne weitere Erklärungen ging sie zur Haustür, wich dabei den Weinranken aus und stieg die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung im ersten Stock. Es war ihr unangenehm, den Mann so unfreundlich zu behandeln, aber sie wollte ihre außerplanmäßigen Urlaubstage allein genießen und nicht mit einem wildfremden Amerikaner. Und der Bodyguard hatte es doch gut, wenn er sein Geld ohne viel Mühe und in dieser Gegend verdienen konnte, in der nordwestlichen Toskana, in der Landschaft des Apennin und der Apua-Alpen, im Schatten der Weinstöcke.

Sabrina Pianini streifte die Schuhe von den Füßen und ließ ihr Leinenkleid auf den Boden gleiten. Sie holte sich ein Handtuch, ging kurz in die Küche und trat dann splitternackt hinaus auf die Terrasse, die sich über die ganze Südwestseite der Villa erstreckte. Es tat gut, über die kühlen Marmorplatten zu laufen. Am Freitag war sie von Philadelphia nach Florenz geflogen und hatte zwei Tage bei ihrem Bruder Guido im Universitätskrankenhaus Careggi verbracht, wo sie peinlich genau untersucht worden war, um ihren Gesundheitszustand zu ermitteln. Sogar die Fragen eines Psychiaters hatte sie beantworten müssen. Am Morgen war sie mit dem Zug in Barga angekommen. Ihre innere Uhr hatte nach dem Flug und der Zeitverschiebung von sechs Stunden immer noch nicht den richtigen Rhythmus gefunden.

Sie zog den Sonnenschirm an den Liegestuhl heran, setzte sich auf das ausgebreitete Handtuch und hob das Glas mit einem Rotwein aus der Villa Elena an den Mund. Gott sei Dank hatten Liliana und Piero nach der Verschlechterung des Gesundheitszustands ihres Bruders den Weinanbau des Hauses weitergeführt. Nun war sie gespannt. Sie trank Pieros Wein jetzt das erste Mal, behutsam, mit wachen Sinnen. Und sie war überrascht. Der Wein schmeckte ein wenig anders, charaktervoller, vielleicht sogar besser als früher. Hatte Piero an der Feinabstimmung des Mischungsverhältnisses etwas geändert? Im Weinberg der Villa Elena wuchsen nur Trauben der Sorte Sangiovese, aber sie tauschten schon seit Jahrzehnten einen Teil ihrer Ernte gegen die Rebsorte Canaiolo des Nachbarn ein, um eine vollmundigere Mischung zu erzielen.

Von der Terrasse der Villa, die vierhundert Meter über dem Meeresspiegel lag, bot sich ein ungehinderter Blick auf das Tal des Flusses Serchio zu Füßen des fast zweitausend Meter hohen Pania della Croce. »L’uomo morto, der ›Tote Mann‹«, dachte Sabrina Pianini wie immer, wenn sie die Gestalt sah, die sich in der Silhouette der Berge abzeichnete und an einen auf dem Rücken liegenden Mann erinnerte. Der von der Natur geformte Pass, der den Monte Forato durchbrach, bildete den Mund des »Toten Mannes«. Manche Leute behaupteten, an einen schönen Anblick gewöhne man sich. So ein Unsinn! Das hier war ihre Landschaft, die Landschaft ihrer Familie und ihrer Vorfahren, schon seit Jahrhunderten. Sie empfand diesen Anblick als einen Teil von sich, der genauso wichtig war wie die Villa Elena, vielleicht sogar noch wichtiger.

Sabrina Pianini betrachtete den Apfelbaum, auf dessen Ästen sie als Kind mit ihrem Zwillingsbruder Guido zahllose Baumhäuser gebaut hatte. Sie waren einander stets sehr nah gewesen, fast unzertrennlich, vielleicht deshalb, weil der an einer angeborenen Niereninsuffizienz leidende Guido als Kind immer schmächtig und schüchtern wirkte. Sabrina hatte sich von Anfang an schuldig gefühlt, weil sie ein paar Minuten vor ihrem Bruder zur Welt gekommen war. Nach Ansicht der Ärzte lag es an ihrem Übereifer, dass Guidos Bein bei der Geburt Schaden nahm. Ein Leben lang hatte sie versucht, auf ihren kleinen Bruder aufzupassen, ihm zu helfen. Eine Last war das nur manchmal in ihrer Teenagerzeit gewesen, als das Aussehen und der Freundeskreis eine große Bedeutung besaßen. Ihr Verhältnis war etwas Besonderes, sie fühlten sich miteinander verwachsen. Manchmal schien es so, als könnten sie auch ohne Worte miteinander kommunizieren.

Ihre Augenlider fielen zu und sie musste an die Arbeit denken. Wer hätte vor ein paar Jahren geahnt, dass jenes Forschungsprojekt bei Acta, an dem sie damals arbeitete, ihr einen hochbezahlten Job an einer der renommiertesten Universitäten der Welt, in Philadelphia, einbringen würde. Acta war ein nicht gerade großes Chemieunternehmen in der Kleinstadt Lavoria, weit weg von den Metropolen der Welt. Für sie war die Lage jedoch perfekt gewesen: Die Entfernung zu den Bekleidungsgeschäften in Pisa betrug nur fünfzehn Kilometer, und vor allem waren es nach Barga und in die Villa Elena nur knapp hundert Kilometer. Als sie in Lavoria arbeitete, konnte sie sich selbst um ihren Bruder kümmern.

Sie wollte an der Penn, der Universität von Pennsylvania, noch etwa fünf Jahre hart arbeiten und in dieser Zeit finanziell unabhängig werden. Danach würde sie für immer nach Barga zurückkehren, Wein anbauen und, so Gott wollte, ihren Bruder betreuen. Die von ihr geleitete Forschungsarbeit wurde durch die DARPA finanziert, die für die Forschungsprojekte des US-Verteidigungsministeriums zuständig war, und sie hatte nicht die Absicht, bis ans Ende ihrer Tage Waffen für die Amerikaner zu entwickeln. Die Aufgabe der DARPA bestand schließlich in aller Bescheidenheit darin, die technologische Überlegenheit der US-Streitkräfte in der Welt aufrechtzuerhalten.

Die unangenehmen Gedanken verflüchtigten sich, als Sabrina Pianini die Augen einen Spalt öffnete und die Silhouette des »Toten Mannes« sah. Der bevorstehende Urlaubstag rückte in den Vordergrund: Sie freute sich auf die Wanderung zu den Bergen Tiglio Basso und Tiglio Alto, den Badeausflug zum Lago Santo, das lange Abendessen auf der Panoramaterrasse in Riccardos Restaurant … Sekunden später hatte der Schlaf sie übermannt.

 

Sabrina Pianini schreckte hoch, als Glassplitter klirrten. Hatte sie das gehört oder nur geträumt? Das Geräusch kam aus dem Erdgeschoss, wo sich derzeit nur der Bodyguard aufhielt.

Sie stand auf, hüllte sich in das Handtuch und trat ans Terrassengeländer. Liliana, die ein langes, hochgeschlossenes schwarzes Kleid und ein Kopftuch trug, arbeitete trotz ihres hohen Alters bei der Hitze im Weinberg. Sie stützte sich auf ihre Harke und schien zu lauschen.

»Liliana, hast du etwas kaputtgemacht? Ich habe gehört, wie Glas geklirrt hat.«

»Das Geräusch kam aus dem Erdgeschoss. Piero ist nicht da, vielleicht ist Ihrem amerikanischen Freund etwas passiert.«

»Das ist nicht mein Freund«, erwiderte Sabrina Pianini. »Wärest du so lieb, kurz nachzuschauen, was geschehen ist, ich habe einfach keine Lust, mich erst anzuziehen.«

Sabrina Pianini nahm ihr Glas, holte sich Wein und kehrte auf die Terrasse zurück, die Sonne brannte wie eine Gasflamme, der Nordostwind brachte in der drückenden Hitze ein wenig Erleichterung. Sie fragte sich, wo sie so ein gutes Hausmeisterehepaar finden sollte, wenn Piero und Liliana es eines Tages nicht mehr schafften.

Als von Liliana nichts zu hören und zu sehen war, wurde Sabrina Pianini nervös und zog sich an. Sie ging zur Tür und griff nach dem Schlüssel, als plötzlich im Treppenhaus etwas laut und metallisch quietschte. Jemand stützte sich auf das verrostete Treppengeländer; Liliana war das nicht, sie hasste dieses Geräusch. Der Bodyguard, er musste das sein. Was war passiert? Gerade als sie im Begriff war, die Tür aufzuschließen, läuteten in ihrem Kopf die Alarmglocken. Warum war Liliana nicht in den Garten zurückgekommen? Sie ließ den Schlüssel los, rannte in den Flur, der zum Schlafzimmer führte, und kletterte auf den kippligen Blumentisch, dessen Beine unter der Last ihrer fünfzig Kilo wackelten. Durch das Fenster unterhalb der Decke konnte sie in den Treppenflur lugen und erschrak so sehr, dass sie um ein Haar heruntergefallen wäre. Ein Mann in einem grünen Schutzanzug mit Kapuze, Schutzbrille, Handschuhen, Stiefeln … Er stand vor der Tür und hielt in einer Hand eine Pistole, die ein durchsichtiger, am Ärmel festgeklebter Plastikbeutel schützte. Und der war mit Blut bespritzt. Ein Killer war hinter ihr her.

Der Mann drehte den Kopf. Jetzt erkannte Sabrina Pianini den Asiaten, sie hatten sich zweimal getroffen: Als der Vertrag über das Forschungsprojekt ausgearbeitet wurde, war er in Philadelphia gewesen, und im letzten Jahr zu Weihnachten war er mit einem Wissenschaftler zusammen nach Barga gekommen, um ihr einen Job anzubieten. Die linke Wange des Killers war blutig, und der zerrissene Atemschutz hing vom Ohr herab auf die Schulter.

Sabrina Pianini geriet in Panik, der Blumentisch kippte um, sie fiel herunter und verletzte sich das Knie. Der Killer zerrte schon an der Türklinke. Sie stand auf, nahm rasch ihr Handy und rannte auf die Terrasse – in ihrem Kopf war nur ein Gedanke: Sie musste fliehen, und zwar sofort! Der Höhenunterschied zum Hof betrug fünf Meter, es gab nur diesen Fluchtweg.

Sie packte mit beiden Händen die Zweige der Kletterrose, ließ sich über das Geländer fallen und spürte, wie die Dornen tief ins Fleisch drangen. Vor Schmerz kamen ihr die Tränen, sie biss sich auf die Lippen und versuchte vergeblich, sich mit den Füßen abzustützen. Blut strömte aus den Wunden, als sie mit einer Hand losließ und möglichst weit unten wieder zugriff. Doch nun blieb sie mit einem Bein in den Zweigen hängen, die Rosendornen gruben sich in ihren Unterschenkel, warmes Blut floss hinunter bis zum Fuß. Ihr entrang sich ein Schrei. Jetzt würde der Killer sie finden, hatte er schon die Tür aufgebrochen? Noch einmal musste sie den höllischen Schmerz ertragen und wieder zufassen, doch sie brauchte nicht lange zu überlegen, ob sie nun wagen sollte, sich fallen zu lassen: Der Zweig, an dem sie sich festhielt, rutschte ihr aus der Hand. Sie landete mit einem dumpfen Geräusch auf dem Pflaster, sprang auf und hielt sich die Hüfte.

Sabrina Pianini raste den Pfad im Weinberg hinunter, so schnell sie ihre Beine trugen. Sie riss das eiserne Tor auf, warf einen Blick zurück und stürmte weiter, als sie den Mann im grünen Anzug unterhalb der Terrasse sah. Der Asphalt der Via Zerboglio hinauf nach Alt-Barga brannte unter ihren Fußsohlen, sie mobilisierte all ihre Kräfte. Zwar besaß sie eine gute Kondition, aber bis zur Carabinieri-Wache würde sie es keinesfalls schaffen, die Via Roma im neuen Teil von Barga war einen reichlichen Kilometer entfernt. Sie beschloss, zum Palazzo Pancrazi zu rennen, das Hauptquartier der Ortspolizei lag in der Altstadt. Auf der Via Zerboglio fuhren Autos an ihr vorbei, sollte sie eins anhalten, würde der Killer sie und auch den Fahrer erschießen? Sie schaute sich um und sah, wie der Mann durch das eiserne Tor auf die Straße trat.

Das Handy in der tiefen Tasche des Leinenkleids schlug ständig an ihren Oberschenkel. Ihr Tempo verlangsamte sich nur geringfügig, während sie den Polizeinotruf eintippte. Als sich nur der Anrufbeantworter meldete, trieb die Wut sie dazu an, noch schneller zu laufen.

»Überfall auf mein Haus, Via Sasso 18, mein Leibwächter und meine Haushälterin wurden vielleicht umgebracht … Ein Mann, Asiate, etwa eins neunzig groß … war letztes Weihnachten bei mir zu Hause in Barga und voriges Jahr in der Uni von Philadelphia, wo ich arbeite … Melden Sie sich bei meinem Bruder Guido …« Sabrina Pianini holte tief Luft und bog auf die Via Bellavista ein.

Plötzlich stoppte ein Kleintransporter mit quietschenden Reifen genau vor ihr, die Schiebetür rauschte auf und zwei Männer packten sie an den Armen. Sabrina Pianini konnte sich noch mit Händen und Füßen erbittert wehren, ehe die Injektionsnadel in ihre Ellbogenbeuge eindrang.

Man wollte sie lebendig haben.

2

Dienstag, 10. August

Leo Kara, der persönliche Assistent des UNODC-Generaldirektors Gilbert Birou, trug einen meterhohen Aktenstapel, Pressesprecher Anders Aasen, den seine Kollegen nicht sehr schmeichelhaft MG-Schnauze nannten, folgte ihm auf dem Fuße. Alle, die ihnen auf dem Flur der zwölften Etage des Hauses E entgegenkamen, traten zur Seite. Die beiden schleppten den Papierberg zu Karas Zimmer. Die Unterlagen hatten Behörden verschiedener Staaten in den letzten Tagen einer neugegründeten Arbeitsgruppe des UNODC geschickt, die von Kara geleitet wurde und aus einer Person bestand. Kara lief der Schweiß über die Stirn, das war sein dritter August in Wien und mit Abstand der heißeste.

»Der ganze Stab sitzt in der klimatisierten dreizehnten Etage, nur Leo Kara nicht, der heißblütige Finne«, sagte der sommersprossige Aasen in seinem breiten Nynorsk und keuchte unter seiner Last. »Du bist doch wohl nicht so blöd, dass du freiwillig ein Zimmer hier in diesem Stockwerk wolltest?«

»Warum machst du nicht im August Urlaub wie alle anderen?«, fragte Kara. Allmählich hatte er von dem Norweger die Nase voll, alles, was der sagte, hörte sich so an, als wollte er ihn verarschen. Aasen suchte neuerdings ziemlich oft seine Gesellschaft, um ihn dann aufzuziehen.

»Was hat Birou gegen dich, warum hat er dich hierher beordert? Duschst du nicht oft genug?«, erwiderte Aasen lachend und setzte seinen Stapel auf Karas schon vollgepacktem Schreibtisch ab.

»Danke für die Hilfe«, sagte Kara und zeigte mit dem Finger zur Tür. Als der Norweger verschwunden war, öffnete er die drei obersten Knöpfe seines Hemdes. Die Hitze war die Krönung: Unter allen Tieren war nur der Homo sapiens so dumm, sich an einem heißen Tag in vier Wände einzuschließen und etwas zu tun, was ihn nicht im Geringsten interessierte. Nach den Einsätzen in Afghanistan und Myanmar fiel es Kara noch schwerer, sich auf die Schreibtischarbeit zu konzentrieren.

Im Laufe des letzten Monats hatte jemand die Iridiumvorräte der Welt aufgekauft. Zwei Wissenschaftler, die Forschungsgruppen zum Thema Iridium leiteten, der eine in Oxford, der andere an der Sorbonne, waren entführt worden. Und die Ergebnisse von zwei Projekten der Iridium-Forschung waren in Rauch aufgegangen, bei einem Brand im holländischen Delft und bei einer Explosion im spanischen Toledo. Das war alles, was Kara wusste. Mehrere Staaten hatten Interpol gebeten herauszufinden, warum die Iridium-Forschung sabotiert wurde. Vom UNODC erhoffte man sich Hilfe bei der Entwicklung neuer Rechtsvorschriften und Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz wissenschaftlicher Forschungsprojekte. Kara setzte sich und schlug eine Mappe auf.

Unsere Arbeitsgruppe konnte auch die Existenz einiger bislang unbekannter Mischmetallstrukturen nachweisen, die durch Ruthenium- und Iridiumatome gebildet werden. Die über deren Aufbau gewonnenen Informationen können zur Vorhersage der Struktur derzeit noch unbekannter Metallclusterverbindungen genutzt werden …

Kara kämpfte sich durch die Unterlagen und wurde immer frustrierter, er verstand von dem, was er las, lediglich hier und da einen Satz. Garantiert hatte Generaldirektor Birou ihn nur deswegen angewiesen, sich mit diesem Berg von Papier zu beschäftigen und eine vorläufige Zusammenfassung zu schreiben, weil der größte Teil der Mitarbeiter des UNODC gerade im Sommerurlaub war und der Generaldirektor in der Lage sein wollte, auf Nachfragen zu versichern, eine Arbeitsgruppe sei gegründet und befasse sich intensiv mit dem Thema. Karas schweißnasses Hemd klebte ihm am Rücken, er versuchte das Fenster richtig aufzuziehen, doch der Stopper aus Metall verhinderte das. Vor Ärger wurde ihm noch heißer. Wutentbrannt zerrte er so heftig an dem Griff, dass die Schrauben durch die Gegend flogen, er verlor das Gleichgewicht, stürzte und wäre beinahe auf dem Rücken gelandet. Seine Flüche hörte man bis auf den Flur. Er stand auf, wetterte dabei wie ein Kutscher und griff nach der nächsten Mappe.

Als Strahlungsquelle wird radioaktives Material, das Isotop Iridium-192, eingesetzt, das sich in einer kleinen Kapsel befindet. Die Strahlung durchdringt das zu untersuchende Objekt und belichtet einen hinter dem Objekt angebrachten Röntgenfilm.

Wütend blätterte Kara um.

Die maximale Aktivität des Iridium-192, das in den verwendeten Gammastrahlungsquellen enthalten ist, beträgt 10 000 GBq …

Kara ärgerte sich über das Fachchinesisch und fluchte in seinen Dreitagebart, als er noch mehr Formeln, Zahlen und fingerlange Abkürzungen erblickte. Er suchte sich die Hefter mit dem Material über die entführten Wissenschaftler heraus und merkte, wie sein Mitgefühl schwand, als er las, an welcher Art von Forschungsprojekten sie beteiligt waren: Laserwaffen, die zum Erblinden führten, Mikrowellenwaffen, die Menschen kochen ließen, Pulsenergie-Waffen … Blieb nur zu hoffen, dass diese Wissenschaftler nachts genau so unruhig schliefen wie er.

»Schönen Gruß von Birou!« Anders Aasen schob sich mit einem Stoß Unterlagen durch die Tür. »In Italien gab es gestern einen neuen Vorfall, der mit deinem … Projekt zusammenhängt. Die ersten Informationen sind gerade eingetroffen.« Er ließ den ganzen Stapel auf Karas Tisch fallen.

»Bist du hier der Postbote, verdammt noch mal?«, fuhr Kara ihn erbost an.

»Ich versuche nur, zu helfen. Und sicherzustellen, dass dir alle erforderlichen Unterlagen zur Verfügung stehen.«

»Hau ab!« Kara war so geladen, dass Aasen auf der Stelle verschwand. Er ballte die Fäuste, ihm war jetzt klar, was den Norweger fuchste. Vor ein paar Wochen hatte er bei einer Besprechung des Stabes eine von Aasen verfasste Pressemitteilung vernichtend kritisiert. Der Kollege hatte unglaublich nachlässig gearbeitet und sich überhaupt nicht mit den Unterlagen beschäftigt. Kara kannte die Fakten außergewöhnlich gut, weil er für Birou über den Fall eine Zusammenfassung in Französisch geschrieben hatte. Er regte sich im Nachhinein immer noch darüber auf, aber ihm blieb nichts anderes übrig, als sich weiter durch den Stapel auf seinem Tisch zu kämpfen.

 

FORSCHUNGSVERTRAG

 

Der Zweck dieses Forschungsvertrags besteht darin, den Inhalt und die Bedingungen des unten angeführten Forschungsprojektes an der Sektion für Chemie und Biomolekulartechnik der Universität Pennsylvania festzulegen.

 

1. Vertragsparteien

Auftragnehmer:

 

(1)

University of Pennsylvania, 3451 Walnut Street, Philadelphia, PA 19104, USA. Verantwortlich für die Projektrealisierung: Sektion für Chemie und Biomolekulartechnik / Forschungsdirektor, Sabrina Pianini, Ph. D.

 

Weitere Vertragspartner:

 

(2)

Defence Advanced Research Projects Agency (DARPA)

3701 North Fairfax Drive

Arlington, VA 22203–1714, USA

 

(3)

Spacetech Ltd.

c/o Mr. Viktor Hofman

Gateway Building

3535 Market St # 3535

Philadelphia, PA 19104, USA

 

1.1 Die Vertragsparteien sind verpflichtet, dafür zu sorgen, dass Dritte, die durch ihre Vermittlung möglicherweise an dem Projekt beteiligt sind, die Bedingungen dieses Vertrags einhalten. Dritte können nur durch einen Beschluss der Projektleitung in das Projekt einbezogen werden.

 

Kara wischte sich den Schweiß von der Stirn und warf den Hefter auf den Schreibtisch, es war höchste Zeit, sich ein wenig abzukühlen, und dazu musste er in die klimatisierte dreizehnte Etage gehen. Er stand auf und griff nach der Klinke, hielt aber plötzlich inne. Was für einen Namen hatte er da eben gelesen? Er trat an seinen Schreibtisch, blätterte zurück und spürte plötzlich die schwere Last abscheulicher Erinnerungen, als er den Namen las, von dem er angenommen hatte, dass er ihm nie wieder begegnen würde – Viktor Hofman. Das war der Mann, der sich im vergangenen Jahr bei finnischen Unternehmen Erzeugnisse der Rüstungsindustrie beschafft hatte, um Marschflugkörper herzustellen, und der Leiter eines Forschungszentrums im sudanesischen El Obeid gewesen war, dessen »Produktentwicklung« zum Tod Hunderter sudanesischer Sklaven geführt hatte. Viktor Hofman, der Mann, der im Mai letzten Jahres lieber sich selbst erschossen hatte als ihn.

Kara schloss die Augen, als ihm einfiel, was Hofman kurz vor seinem Tode gesagt hatte: Du weißt bei weitem nicht alles darüber, was im Oktober 1989 geschehen ist. Nichts über das Schicksal deiner Schwester und deiner Mutter, und über so gut wie alles andere auch nicht.

Hofmans Worte hatte er ganz bewusst in einer Kammer seines Gedächtnisses eingesperrt und verriegelt. Er tat alles, was in seinen Kräften stand, um nicht an die Ereignisse von 1989 zu denken, die quälten ihn ohnehin schon, er war Tag für Tag ihr Gefangener, rund um die Uhr. In wachem Zustand hatte er wegen einer damals erlittenen Kopfverletzung sein Verhalten nicht unter Kontrolle, nachts plagten ihn Alpträume, ausgelöst von dem, was vor mehr als zwanzig Jahren geschehen war. Er spürte, wie die Wut in ihm hochstieg. Rasch steckte er sich eine Dialar-Pille in den Mund, es würde eine Weile dauern, bis die Wirkung des Beruhigungsmittels einsetzte. Ein Epilepsiemedikament zur Behandlung der Frontalpsyche, einer Persönlichkeitsveränderung durch die Frontallappenverletzung, und eine Kapsel Exelon gegen die Gedächtnisstörungen wegen der Hirnverletzung nahm er früh und abends. Und dennoch fühlte er sich in den letzten Monaten immer schlechter.

Plötzlich ging die Tür auf und MG-Schnauze Anders Aasen trat ein. »Noch mehr Lektüre für den Abend, jetzt kommt am laufenden Band Post für dich.« Er strahlte übers ganze Gesicht, als er die Mappen in einer Zimmerecke fallen ließ. »Bei dir liegen wohl langsam die Nerven blank, dein Gesicht ist so rot wie die Eier von einem Ziegenbock.«

Kara rastete aus, er sprang auf und packte Aasen am Arm. Dann trat er die Tür auf und stieß den Norweger so unsanft hinaus, dass der über die Schwelle stolperte, stürzte und auf dem Flur gegen die Wand fiel. Kara schloss sich in seinem Zimmer ein. Es dauerte ein paar Sekunden, bis ihm klar wurde, was er getan hatte. Genau so lief das immer ab, wenn er die Selbstbeherrschung verlor: Zuerst trübte die Wut seinen Verstand und dann entlud sich der tief in ihm angestaute Hass, treffen konnte es jeden. Er verabscheute diese Ausbrüche, war aber seiner eigenen Impulsivität ausgeliefert.

Als er sich etwas beruhigt hatte, verließ er sein Zimmer, fuhr mit dem Aufzug ins Foyer hinunter und genoss den Wind im Verbindungsgang zum Haus D. Die Biergärten der Restaurants quollen über von Menschen. Es war zwar erst Mittag, aber Kara fand, dass er heute eher Schluss machen durfte.

***

Kara saß auf der Terrasse der Kneipe seiner Freundin Nadine Egger an der Ecke Prater- und Heinestraße und trank sein zweites Bier. Der leichte Wind und der Schatten einer alten Linde machten zusammen mit dem kühlen Bier die Hitze erträglich. Amüsiert beobachtete er die Choreographie seines Lieblingskellners Walter, der Gäste, die nach ihm riefen, mied und mit wütenden Gesten zu verstehen gab, dass er es eilig hatte. Er zog sich in die toten Winkel zurück, die von den Tischen draußen nicht eingesehen werden konnten, und gab knappe, trockene Bemerkungen von sich wie etwa: »Ich kann immer nur eins machen«. Die Wiener Kellner waren für ihre Unfreundlichkeit berühmt, und Walter galt als Galionsfigur seines Berufsstandes.

»Spargelsalat und Schweinsbraten in Milch«, rief Nadine, die aus dem Restaurant kam und zwei Teller und zwei Bierkrüge trug. »Es ist soviel Mittagessen da, dass es auch für uns reicht.«

»Hast du nie den Verdacht, dass ich mich bloß wegen des Essens und des Freibiers im ›Hansy‹ mit dir treffe?«, fragte Kara und grinste.

»Sollte bei mir so ein Verdacht aufkommen, dann werde ich es dir sofort in Rechnung stellen. Das Essen und Trinken meine ich«, erwiderte Nadine lachend. »Ich beköstige dich doch aus Mitleid, du kannst ja nicht mal ein Ei kochen.«

Kara hätte Nadine gern berichtet, was bei ihm auf Arbeit passiert war, ernsthafte Gespräche waren jedoch kein Bestandteil ihrer Beziehung; die gemeinsamen Stunden verbrachten sie mit möglichst stressfreien Freizeitunternehmungen und ungehemmtem Sex. Er hatte Nadine weder vom tragischen Schicksal seiner Familie, noch von seiner Kopfverletzung erzählt. Gerade als Kara seine Gabel in den Schweinebraten stach, tauchte auf der Heinestraße ein Cabrio mit ohrenbetäubendem Motorengeräusch auf.

Nadines achtzehnjähriger Sohn Bruno lächelte wie eine Buddhastatue, als er aus seinem stahlblauen BMW Z3 Roadster stieg.

»Mit wessen Auto fährst du hier herum?«, fragte Nadine ihren Sohn zur Begrüßung.

»Mit meinem eigenen«, erwiderte Bruno und dachte gar nicht daran, das noch weiter zu erklären.

Das brachte seine Mutter sofort auf die Palme: »Wo hast du das Geld her? Das muss doch Tausende gekostet haben!«

Bruno gefror das Lächeln auf den Lippen. »Der Wagen ist fast zehn Jahre alt. Was ist los mit dir, hast du vergessen, deine Medikamente zu nehmen?«

»Woher hast du das Geld?«, rief Nadine, aber Brunos Antwort ging im Lärm unter, als das Cabrio aufheulte und in Richtung U-Bahn-Station Praterstern davonraste.

»Für einen Gymnasiasten ist das eine ziemlich protzige Karre«, sagte Kara. Er wusste, dass Bruno erst im letzten Sommer vom Amphetamin losgekommen war, bis dahin hatte der Junge sowohl sein eigenes Geld als auch das seiner Mutter für Speed ausgegeben. »Für so eine Kiste zahlst du ohne weiteres zehntausend.«

Nadine schaute vom Salatteller auf und sah Kara mit besorgter Miene an. »Vielleicht leide ich allmählich unter Wahnvorstellungen, aber Bruno scheint derzeit genug Geld zu haben, um sich alles Mögliche zu kaufen. Der Junge arbeitet an den Wochenenden im ›Hansy‹ und hilft angeblich auch in einer Firma, die dem Vater eines seiner Bekannten gehört, aber mit dem, was du bei solchen Jobs verdienst, kannst du dir keine Autos kaufen. Ich sehe Bruno im Moment auch so selten, er ist immer mit den Freunden aus seiner neuen Clique auf Achse. Doch ich sollte mich lieber nicht beklagen, diese neuen Kumpels sind wenigstens keine Junkies und geben nicht ihr ganzes Geld für Stoff aus.«

»Idiot.« Das Wort rutschte Kara heraus, und als ihm klar wurde, was er da von sich gab, war es schon zu spät. Nadine saß da und starrte ihn entgeistert an wie einen Verrückten. Er hätte ihr gern erzählt, dass er wegen seiner Krankheit nichts dafür konnte, aber es war nicht gerade verlockend, sich auf den Weg der Enthüllungen zu begeben. Auch Nadine hatte es in ihrem Leben schwer gehabt, es war besser, wenn sie sich nicht gegenseitig mit Horrorgeschichten aus ihrer Vergangenheit belasteten.

»Entschuldige, das ist mir so herausgerutscht«, sagte Kara aufrichtig. »Ich habe gerade daran gedacht, dass Bruno ein Idiot wäre, wenn er sich ausgerechnet jetzt, wo er endlich von den Drogen losgekommen ist, auf irgendetwas Gesetzwidriges einlassen würde.«

Nadine akzeptierte die Notlüge. »Jemand müsste mit dem Jungen reden, wenn er sich mit mir unterhält, schreit er nur herum.«

Kara wollte Nadine eigentlich fragen, ob sie die Nacht zusammen verbringen könnten, aber nun beschloss er, noch zu warten, bis sie wieder etwas entspannter war. Plötzlich schrillte sein Telefon, auf dem Display blinkte Gilbert Birous Name, und Kara wusste sofort, was er als Nächstes tun würde.

***

Gilbert Birou und Leo Kara saßen im Büro des Generaldirektors in der dreizehnten Etage des Hauses E und betrachteten einander abschätzend. Die Serie von Ereignissen vor einem reichlichen Jahr hatte ihr bis dahin eisiges Verhältnis verändert, nun war es außerdem noch feindselig. Kara umwehte eine intensive Bierfahne. Auf dem Ärmel von Birous weißem Hemd, direkt neben dem goldenen Manschettenknopf, hatte beim Mittagessen im Restaurant »Mörwald« ein Tropfen der verführerischen Ochsenschwanzsuppe einen Fleck hinterlassen.

Birou sah Karas tiefliegende Augen, das kurze, stehende blonde Haar, die dunklen Brauen, die in seinem blassen Gesicht besonders auffielen, und inmitten der Bartstoppeln das Grübchen am Kinn. Kara war ein Nervenbündel und mehrfach wegen Körperverletzung zu Bewährungsstrafen verurteilt worden, allerdings besaß er eine schnelle Auffassungsgabe und galt als Sprachgenie. Nach letzten Informationen beherrschte er elf Sprachen, zudem verfügte er über eine Berufserfahrung, die mit fünfunddreißig nur wenige vorweisen konnten. Kara hatte vier Jahre im Konfliktforschungsinstitut Global Crisis Group, drei Jahre beim britischen Nachrichtendienst MI5 und die letzten drei Jahre beim UNODC gearbeitet. Im Bericht des MI5 über Karas Sicherheitsüberprüfung hieß es, seine Eltern und seine Schwester seien im Oktober 1989 unter Umständen gestorben, die der Geheimhaltung unterlagen. Für Gilbert Birou stellte Leo Kara eine Bedrohung dar, eine wandelnde Katastrophe, die das mit viel Mühe errichtete Fundament seines Lebens, die absolute Sicherheit, ins Wanken brachte; Kara war der Mann, der ihn im vorigen Jahr auf unverschämte Weise erpresst hatte.

Leo Kara starrte angewidert auf die goldene Cartier-Brille und die mit Pomade dunkel gefärbten Schläfen seines Chefs, der einen dreiteiligen Nadelstreifenanzug und eine gelbe Hermès-Krawatte trug. Generaldirektor Gilbert Birou war dick und faul und stets auf den eigenen Vorteil bedacht, der Mann mied jedes Risiko und drückte sich vor jeder Verantwortung, er häufte Luxusgegenstände an, speiste jeden Abend im Restaurant und war in seinem Verhalten so variabel wie ein Uhrzeiger. Birou verkörperte nahezu alle Charakterzüge, die Kara verachtete. Und überdies hatte der Franzose vor einem Jahr den sudanesischen Behörden verraten, dass Kara heimlich in das Land einreisen wollte, was ihn fast das Leben gekostet hätte. Leider konnte er nicht beweisen, dass Birou versucht hatte, ihn endgültig loszuwerden.

»Du bist Anders Aasen gegenüber handgreiflich geworden, er hat sich bei dem Sturz die Schulter verletzt«, sagte Birou.

»Das stimmt. Der Mann ist ein Dummkopf«, erwiderte Kara. Aus lauter Bosheit sprach er mit seinem Vorgesetzten stets Englisch, obwohl sein Französisch ganz passabel war.

»Kara, warum tust du uns beiden nicht einen Gefallen und reichst deine Kündigung ein. Du arbeitest nur deshalb hier, weil ich unserer gemeinsamen Bekannten Betha Gilmartin eine Gefälligkeit erweisen wollte, und entlassen kann ich dich nicht, weil du … Dinge über mich weißt, die du nicht wissen solltest.«

»Meine Arbeit macht mir Spaß«, sagte Kara und staunte selbst, dass er sich bemühte, seinen Job zu behalten. Vielleicht war der seine einzige Verbindung mit der Wirklichkeit.

Birou überlegte angestrengt, ob diese Bemerkung ein Scherz sein sollte. In Karas Kopf stimmte wirklich etwas nicht, er hatte sich nicht unter Kontrolle, weder bei dem, was er tat, noch bei dem, was er sagte. »Die Angelegenheit ist damit nicht erledigt. Jetzt muss ich ernsthaft überlegen, was mit dir geschehen soll.«

Kara stand auf, und es kostete ihn einige Mühe, sich den bissigen Kommentar zu verkneifen, der ihm auf der Zunge lag.

»Hast du schon irgendeine Meinung zu diesen Straftaten, bei denen es um Iridium geht?«, erkundigte sich Birou, während Kara bereits nach der Klinke griff.

»Das sind Dutzende Ordner!«

»Ist für dich erkennbar, worum es bei dieser ganzen Sache geht?«, fragte Birou in versöhnlichem Ton.

Kara schüttelte den Kopf, bemühte sich, einen interessierten Eindruck zu machen, und setzte sich wieder hin.

»Keiner scheint zu wissen, warum jemand in den letzten Monaten auf dem Weltmarkt das ganze Iridium aufgekauft hat und Forschungsprojekte sabotiert, die mit dem Iridium-Metall zusammenhängen«, klagte Birou. »Ich werde aus dieser ganzen Geschichte nicht schlau.«

»Das Gefühl müsstest du ja kennen«, dachte Kara, sagte aber: »Die Sache wird sich schon irgendwann klären.«

Birou wirkte nachdenklich: »Wir sehen uns morgen Nachmittag um fünf Uhr, bis dahin wirst du sicher so etwas wie eine vorläufige Zusammenfassung schaffen.« Dann öffnete er mit sichtlichem Stolz den Deckel seiner funkelnagelneuen Tasche.

»Das ist vermutlich auch die beste ihrer Art?«, sagte Kara mit einem Grinsen und nickte in Richtung Tasche. Jeder im UNODC wusste, dass der Generaldirektor fast alle seine Neuanschaffungen als beste ihrer Art rühmte.

»Die Crème de la Crème, the best of the best, die beste ihrer Art. Ein Attaché-Koffer von Swaine Adeney Brigg«, erklärte Birou. »Modell Churchill. Man hat das Gefühl, Teil einer großen Tradition zu sein, wenn man Erzeugnisse einer 1750 gegründeten Firma benutzt.«

»Man hat das Gefühl, Teil einer großen Farce zu sein, wenn man dich anschaut«, dachte Kara und verließ den Raum.

Gilbert Birou schloss die Augen und fragte sich zum tausendsten Mal, warum gerade er mit Leo Kara bestraft wurde. In seiner dreißigjährigen Laufbahn als Gesetzeshüter war er natürlich auch früher schon auf solche Verrückten wie Kara gestoßen, aber die hatten alle die andere Seite vertreten, die der Kriminellen. Kara war allerdings auch ein Krimineller, ein Gewalttäter, der ihn – und wer weiß wie viele weitere Opfer – zudem noch erpresst hatte, ohne für seine Taten zur Verantwortung gezogen zu werden. Wie könnte er den Mann loswerden? Er wollte wegen Kara nicht noch einmal ähnlich in die Klemme geraten wie während des Raketenkonflikts im vergangenen Jahr. Außerdem wusste Kara zu viel über ihn – er kannte sein einziges Geheimnis.

Die Attacke gegen Anders Aasen stellte vielleicht zusammen mit früheren Vergehen Karas einen ausreichenden Kündigungsgrund dar, aber das war nur ein schwacher Trost. Er konnte Kara nicht rausschmeißen, solange er nicht dafür gesorgt hatte, dass Betha Gilmartin vom britischen Auslandsnachrichtendienst sein Geheimnis um die Ereignisse vor vielen Jahren im Londoner Stadtteil Mayfair vergaß.

Kara hatte in der Tat etwas Ungewöhnliches an sich, in seiner Gesellschaft war man gezwungen, ständig auf der Hut zu sein. Beschämt musste er sich eingestehen, dass er vermutlich Angst hatte vor dem unberechenbaren Mann oder vielmehr davor, was für Schwierigkeiten Kara ihm diesmal bereiten könnte.

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