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Weil ich dich liebe, will ich dich gehen lassen

Über die Autorin

Nach dem Unfall ihres Mannes Vincent kämpft Rachel Lambert dafür, dass der Wunsch ihres Mannes, kein abhängiges Leben führen zu müssen, respektiert wird. Er soll sterben dürfen. Doch Vincents Eltern wollen ihren Sohn nicht gehen lassen. Der Fall sorgt in Frankreich für Furore und geht bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.

Rachel Lambert

Weil ich dich liebe,
will ich dich gehen lassen

Nach dem Unfall meines Mannes
kämpfte ich für seine Erlösung

Aus dem Französischen von
Karin Meddekis

Inhalt

  1. Der Sprache beraubt
  2. Erster Teil: Unser Leben vor dem Unfall
    1. Ich liebe dich
    2. »Werde meine Frau«
    3. Unser Zuhause
    4. Ich kann dir niemals genug dafür danken, dass du mir ein so hübsches, kleines Mädchen geschenkt hast
    5. »Ihr Mann hatte einen Unfall«
    6. Er darf nicht sterben
    7. Vincent, ich bin da
  3. Zweiter Teil: Mein Leben an seiner Seite
    1. »Machen Sie sich keine Sorgen, Madame«
    2. »Lass doch einen Vormund einsetzen!«
    3. Deine sanfte, wohlklingende Stimme
    4. Das ist dein Vater, mein Schatz
    5. Wir können nicht gemeinsam feiern
    6. Er hat sein Bein bewegt!
    7. Nein, er soll nicht reanimiert werden
    8. Allein
    9. Die Operation ist gut verlaufen
    10. Ein Versprechen, das ich dir nicht geben kann
    11. Sie wollen, dass die Behandlung wieder aufgenommen wird
    12. Die »schwarzen Magier in weißen Kitteln«
    13. Der Himmel stand mir bei
    14. Der letzte Beweis meiner Liebe
  4. Dritter Teil: Der Fall Vincent Lambert
    1. Ein endloser Kampf
    2. Das ist ein Akt der Liebe!
    3. Das ist kein Kranker wie jeder andere
    4. Ich bin Madame Lambert
    5. Unsere Klage wird zurückgewiesen
    6. Die Universitätsklinik schließt sich an
    7. Überwachung
    8. Im vegetativen Zustand
    9. Ich wehre mich
    10. Ich beantrage den Abbruch der Behandlung
    11. Dieser 24. Juni 2014
    12. Schlaf, Liebster
  5. Chronologie der Ereignisse
  6. Danksagungen

Liebster Vincent,

jetzt sind wir seit sieben Jahren verheiratet, und ein paar Jahre länger lieben wir uns schon. Man könnte sich fragen, wie unser Leben verlaufen wäre, wenn du an meiner Seite geblieben wärest. Vielleicht wäre das Leben uns nicht wohlgesinnt gewesen, und wir wären einander vielleicht überdrüssig geworden. Doch eines ist sicher, die Liebe wäre auf jeden Fall immer gegenwärtig geblieben, diese Liebe, für die unsere Tochter der lebende Beweis ist und die mit ihr weiter wachsen wird.

Wir bauten uns gerade unser Leben auf, und plötzlich wurden wir aus diesem Leben herausgerissen und mit einem ganz anderen Leben konfrontiert. In erster Linie war es natürlich für dich ein anderes Leben, ein Leben in einem Niemandsland mit seinem unvorstellbaren Leid, und für mich ein anderes Leben, in dem du mich zurückgelassen hast. Ein Leben, das einem Brachland ähnelt, auf dem nur das Warten wächst. Warten worauf? Auf wen? Natürlich auf dich, der du niemals wieder an meiner Seite sein wirst. Auf was? Eine Linderung der entsetzlichen Trauer, die mir zu schaffen macht. Die Trauer um den Menschen, der du einst warst, um unser Leben zu zweit und zu dritt, um die Kinder, die wir nicht mehr bekommen werden, um das kleine Haus, von dem wir träumten, um die Vertrautheit, die es nicht mehr gibt, um die Hoffnung auf eine mögliche Genesung …

So viele Gründe, um zu trauern, dass die Liste auf keinen Fall vollständig sein kann, so viele Wunden und so viel Leid, über das allzu oft niemand spricht. Es ist eben so, dass es mitunter Leiden gibt, die nur schwer oder sogar unmöglich zu begreifen sind … Wie sollte man sie dann in Worte fassen können? Dieses Leiden bleibt das Einzige, was nur mir gehört und was mich ständig begleitet. Vielleicht füllt die Tatsache, dass ich es nicht teilen kann, die Leere. Der Schmerz über deine Abwesenheit ist ein treuer Begleiter, wenn Gott und die anderen sich rar machen. Denn natürlich sorgt das Leben dafür, dass für die anderen irgendwann wieder Normalität einkehrt, doch mich hat es am Straßenrand vergessen. An genau dieser Straße, wo alles begann (dieses zweite Leben) und wo alles endete (unser Leben, das wir bis dahin führten).

Denn durch deinen Unfall hat sich alles geändert. Aus dem Mann in der Blüte seiner Jahre, der seit wenigen Wochen Vater war, ist ein dahinsiechender Komapatient mit einem ungewissen (oder, medizinisch gesprochen, minimalen) Bewusstsein geworden. Deine Seele (falls es so etwas überhaupt gibt) schwebt zwischen dem Hier und einem Anderswo. Jeder versucht, sich des Körpers, der du geworden bist, zu bemächtigen. Jeder fordert das Recht zu entscheiden, was gut für dich ist. Man könnte übrigens meinen, dass ich genau das auch versuche … Ich will jedoch nur, dass dein Wille respektiert wird, dass diesem Willen und diesen Überzeugungen, die den Mann ausgemacht haben, in den ich mich unsterblich verliebt habe, Beachtung geschenkt wird.

Ich verlange einzig und allein anzuerkennen, dass ich diesen Mann gekannt habe, als er noch gesund war und seine Meinung kundtun konnte. Ich erhebe Anspruch auf dein Recht, als der Mann mit einer starken Persönlichkeit in Erinnerung zu bleiben, der klare Vorstellungen von seinem Leben und dem Ende seines Lebens in einer solchen Situation hatte, auch wenn sie nicht schriftlich fixiert wurden.

Wenn man heiratet, glaubt man zu Recht, dass der andere da sein wird, um für uns unseren Willen zu äußern. Wir glauben ebenso zu Recht, dass der andere das Versprechen hält, das er an dem Tag der Eheschließung gegeben hat: »Der Mann verlässt seinen Vater und seine Mutter, um mit einer Frau den Bund fürs Leben zu schließen, sodass sie nur noch eine Person sind.« Wir sind so naiv zu glauben, dass wir nicht bis zum Tod unserer Eltern minderjährig bleiben, und schon gar nicht, wenn wir selbst Eltern sind. Mir ist der Gedanke unerträglich, dass dieser Mann – und ich bestehe auf dieses Wort –, mein Ehemann, für einige ein Objekt geworden ist, das sie wie ein Kind behandeln können oder – weniger drastisch ausgedrückt –, das in ihren Augen wieder ein Kind geworden ist.

Es ist inakzeptabel, dein Leben als der Mann, zu dem du dich entwickeln konntest, nicht anzuerkennen, denn das hieße, dich zu verleugnen. Selbst wenn diese Zeit des Lebens viel zu kurz war, hast du einst ein anderes Leben geführt, dieses nach deinen Vorstellungen gestaltet und Entscheidungen getroffen. Dich wie ein Kind zu behandeln, das bedeutet, dich zu verleugnen und dein Handeln und deine Entscheidungen ebenfalls nicht anzuerkennen. Und das wiederum bedeutet konsequenterweise, unserer Ehe und unserem Kind nicht die geringste Bedeutung beizumessen.

Aus Respekt vor unserer Liebe und aus Respekt vor unserer Tochter lasse ich nicht zu, dass irgendjemand unsere Familie, die wir uns gewünscht und gemeinsam gegründet haben, verunglimpft. Unsere Tochter soll stolz sein auf unser beider Liebe, die wir ihr entgegengebracht haben und durch die sie entstanden ist. Ich bin voller Groll allen gegenüber, die dich vergessen oder dir keine Beachtung geschenkt haben und die versuchen, unser gemeinsames Leben und das unserer Tochter in Frage zu stellen. Das ist mir unerträglich.

Ich meinerseits habe mich von der geliebten Ehefrau eines Mannes, der ihr das größte Geschenk der Liebe gemacht hat, ein wundervolles Kind, in eine Frau verwandelt, die ich nun erst entdecken und kennenlernen muss. Eine Frau mit einem gebrochenen Herzen, aber auch eine Frau, der das gelingt, was sie für undenkbar gehalten hat: ohne dich zu leben, aber für dich und für unsere Tochter.

Woher schöpfe ich die Kraft? Zweifellos aus der Liebe als Ehefrau und Mutter und aus dem Anblick dieses Kindes, das der lebende Beweis unserer Liebe ist. Der Anblick meiner Tochter trägt mich und hilft mir, immer weiterzumachen und unerträgliche Augenblicke durchzustehen. Wenn ich kurz davorstehe, den Mut zu verlieren, verleiht mir der Anblick dieses wundervollen Wesens Mut und Energie, um mich wieder in den Kampf zu stürzen, und auch, um einfach nur zu leben.

Der Wunsch, ihr ein gutes Vorbild zu sein, treibt mich ebenfalls dazu an zu versuchen, wieder als Individuum einen Platz im Leben einzunehmen, ohne »die Ehefrau von« oder »die Mutter von« zu sein, die Heilige oder das Monster (je nachdem, welchen Standpunkt man einnimmt). Ohne Kummer und Leid geht das nicht, denn möglicherweise geschieht dies auf deine Kosten. Wenn ich es jedoch tue oder es zumindest versuche, dann auch aus Respekt vor dem Leben, das oft kürzer ist, als man ahnt, und weil ich hoffe, das Leben zu leben, von dem wir geträumt haben. Dadurch möchte ich deine Vorstellung vom Leben weiterführen.

Rachel, für immer dein

Der Sprache beraubt

11. Mai 2013. Vincent schläft friedlich und atmet ruhig. Seine Miene verrät keinerlei Schmerzen, seine Gesichtszüge sind entspannt. Wie an jedem oder fast jedem Tag seit fast fünf Jahren sitze ich am Bett meines Mannes in diesem Zimmer mit den sonderbaren Gerüchen und den dumpfen Geräuschen, in diesem Zimmer, das den Übergang zwischen Leben und Tod markiert. Ich kenne jeden Winkel, jeden noch so kleinen Flur des Krankenhauses hier in Reims. Ebenso gut kannte ich mich zuvor in dem Krankenhaus in Châlons-en-Champagne und in der Spezialklinik für Komapatienten in Berck aus, in der Vincent wochenlang behandelt wurde.

Lange Zeit habe ich in diesen Krankenhäusern an Vincents Bett gesessen und während der Besuche mein Baby gestillt. Die Kleine hat ihren Vater praktisch niemals als gesunden Mann kennengelernt.

Heute bin ich allein bei meinem Mann, der mit steifen Gliedern in seinem Bett liegt, bei dieser guten Seele, die ich so sehr bewundere, bei meinem Liebsten, den ich noch mehr liebe als zuvor. Seit seinem Unfall hat er entsetzliches Leid ertragen müssen. Er hat gekämpft, um seine Lebenskraft, sein Bewusstsein und wenigstens einen Teil seines Lebens zurückzuerlangen.

Ich glaubte und hoffte lange Zeit, es könnte gelingen. So oft klammerte ich mich an einen Strohhalm: einen Schimmer in seinen Augen, eine Träne auf seiner Wange, eine Bewegung eines Beins … Winzige Lebenszeichen, und letztendlich doch innerhalb von fünf Jahren furchtbar wenige.

Sie sind so selten seit dem Verkehrsunfall im September 2008, diesem Bruchteil einer Sekunde, der Vincent aus seinem aktiven Leben mit zahlreichen Zukunftsplänen herausgerissen und ihn zu einem passiven Leben ohne Sinn verdammt hat. Aus der glücklichen, verliebten Ehefrau und der jungen Mutter voller Lebenslust wurde durch den Unfall in einem winzigen Augenblick eine Frau, die als solche kaum noch wahrgenommen wird, die Begleiterin ihres Ehemannes in einem sogenannten »vegetativen Zustand«, was so viel heißt wie »Zustand mit minimalem Bewusstsein«.

Hinter dieser nüchternen medizinischen Fachsprache verbirgt sich eine grausame, heimtückische Realität, die man nur schwer akzeptieren kann. Es kommt vor, dass Vincent seine Arme und Beine reflexartig bewegt. Manchmal scheint es, als würde er bewusst weinen, lächeln oder ein Bein strecken. Aber in den vom Obersten Verwaltungsgericht angeforderten Gutachten steht, dass seine sensorischen oder motorischen »Reaktionen« nichts mit Emotionen zu tun haben. Es sind reine Reflexe. Aufgrund seiner zu großen Hirnschädigungen besteht keine Möglichkeit zur Kommunikation.

Natürlich neigt man dazu, eine Träne, die über seine Wange rinnt, oder einen bestimmten Gesichtsausdruck zu interpretieren. Davor sollte man sich hüten.

Seine Eltern, Pierre und Viviane Lambert, glauben, die Wahrheit über Vincents Zustand zu kennen. Für sie ist die winzigste körperliche Regung der Ausdruck eines eisernen Willens, am Leben zu bleiben. Ich glaube, das Gegenteil ist der Fall. Kann man dieses Leben in absoluter Abhängigkeit noch als würdevolles Leben bezeichnen? In Hinblick auf Vincents Wahrnehmung glaube ich es nicht. Wozu soll es gut sein, ihm dieses Leid aufzubürden? Warum soll er das Leid ertragen, in diesem vegetativen Zustand zu leben, ohne dass die geringste Hoffnung auf eine Heilung oder eine Besserung seines Zustands besteht?

Vincent ist in seinem Körper gefangen und seiner Sprache beraubt.

Ich sitze an Vincents Bett. Ich richte meinen Blick auf ihn und wage es nicht, mit ihm zu sprechen. Ich schaffe es nicht, ihn zu berühren. Ich stehe unter Schock und bin wie erstarrt, nachdem ich die Neuigkeit erfahren habe.

Heute, am 11. Mai 2013, hat die Absurdität der Außenwelt in dieses Zimmer Einzug gehalten. Ich muss ihm sagen, dass seine Freiheit nicht auf der Tagesordnung steht. Ich weiß nicht, wie und ob ich es überhaupt tun soll. Aufgrund einer richterlichen Entscheidung sind die Ärzte gezwungen, seine Behandlung wieder aufzunehmen, obwohl er sie nicht verträgt.

Vor einunddreißig Tagen haben die Stationsärzte, die für die Komapatienten zuständig sind und die Vincent schon seit fünf Jahren behandeln, beschlossen, die künstliche Ernährung einzustellen – seine einzige Behandlung. Sie hatten seit vielen Monaten während der Pflege ein ungewöhnliches Verhalten festgestellt, das auf einen gewissen Widerstand hindeutete.

Nach ausführlicher Diskussion im Kreise der Kollegen, wie es das Gesetz Leonetti vorschreibt, haben die behandelnden Ärzte, Eric Kariger und sein Team, beschlossen, die Behandlung einzustellen. Eine medizinische Entscheidung, die rechtens ist. Mich zerreißt es natürlich, der schlimmste Augenblick meines Lebens. Doch ich muss es akzeptieren, um in seinem Sinne zu handeln und um zu respektieren, was er immer gewollt hat.

Mittlerweile kenne ich das Gesetz Leonetti in- und auswendig. Von der Idee her ist es gut und schützt Vincent. Zum ersten Mal habe ich von diesem Gesetz gehört, das am 22. April 2005 auf Initiative des Abgeordneten Jean Leonetti verabschiedet wurde, als die Ärzte mich baten, ihnen noch einmal Vincents Wünsche genau zu schildern. Ich habe alles gelesen, was ich im Internet zu diesem Thema fand, außerdem die Protokolle der Parlamentsdebatten und den genauen Gesetzestext. Zudem habe ich mich intensiv mit allem beschäftigt, was über die Standards in der Palliativmedizin veröffentlicht wurde, um wirklich alle Feinheiten zu erfassen.

Das Gesetz Leonetti legalisiert die passive Sterbehilfe und bietet unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, eine Behandlung zu beenden und den Patienten nicht mit allen Mitteln künstlich am Leben zu erhalten. Die künstliche Ernährung und Flüssigkeitszufuhr werden als Behandlung angesehen, also kann beides im Rahmen des Gesetzes beendet werden. Um zu vermeiden, dass der Patient leidet, können ihm Beruhigungs- und Schmerzmittel verabreicht werden und der Mund darf regelmäßig befeuchtet werden. Nach mehreren Tagen oder Wochen tritt der Tod ein.

Dieses Verfahren wird von den beiden Lagern, die sich in der lebhaften Debatte zur Frage der Sterbehilfe gegenüberstehen, als menschenunwürdig angesehen. Auf der einen Seite stehen die Gegner der Sterbehilfe. Ihrer Meinung nach handelt es sich bei der Ernährung um eine Grundversorgung, die jedem Menschen zusteht, und nicht um eine Behandlung. Sie prangern es an, dass das Gesetz Leonetti so ausgelegt wird, als handelte es sich um ein Gesetz zur Sterbehilfe. Auf der anderen Seite stehen die Anhänger der Sterbehilfe. Sie wünschen, dass die »Scheinheiligkeit« aufhört, und sie plädieren für die Erlaubnis, auch aktiv Sterbehilfe leisten zu dürfen, die es einem Patienten ermöglicht, schnell zu sterben.

Ich vertraue den Ärzten. Sie haben verstanden, was Vincent gewollt hätte. Er hätte niemals dieses Leben akzeptiert, das ihm aufgezwungen wird.

Für mich besteht daran nicht der geringste Zweifel.

Seine Familie oder zumindest seine Mutter Viviane Lambert, sein Vater Pierre Lambert, David, ein Halbbruder, und Anne, eine seiner Schwestern, sehen das anders. In ihren Augen kommt es einem Mord gleich, wenn Vincents Behandlung eingestellt wird. Sie meinen, er solle am Leben bleiben …

Natürlich hätte auch ich alles dafür gegeben, dass er am Leben bleibt. Aber über was für ein Leben sprechen wir hier?

Ihre Anwälte führen an, dass das Gesetz Leonetti nicht auf seinen Fall bezogen werden könne. Ihrer Meinung nach liegt Vincent nicht im Sterben, und es besteht keine Dringlichkeit, die Behandlung zu beenden. Sie meinen, dass Vincents Situation von einer Behinderung herrührt und nicht von einer unheilbaren Schädigung des Gehirns. Eine Ansicht, zu der sicherlich auch religiöse Überzeugungen geführt haben. In den Medien wurde berichtet, dass Vincents Mutter der Piusbruderschaft nahesteht, einer traditionalistischen katholischen Bewegung. Ihr Anwalt, Jérôme Triomphe, hat auch Civitas vertreten, eine konservative Bewegung, die besonders durch ihren hartnäckigen Widerstand gegen das Recht einer Ehe für alle bekannt wurde.

Die Lamberts haben das Verwaltungsgericht in Chalôns-enChampagne angerufen. Seine Entscheidung fiel heute Morgen. Ich war nicht anwesend, da ich erst am Abend zuvor von der Verhandlung am nächsten Tag erfuhr. Zudem war ich nicht vorgeladen worden.

Als ich in der Universitätsklinik in Reims ankomme, ist eine von Vincents Schwestern da und steht mir zur Seite. Der Stationsarzt sieht uns auf dem Gang, als er mich gerade anrufen will, um mich über die Entscheidung zu informieren. Er bittet uns ins Schwesternzimmer. Und dann platzt die Bombe.

Ich bin entsetzt, als ich erfahre, dass das Gericht eine einstweilige Verfügung erlassen und angeordnet hat, dass das Krankenhaus »die künstliche Ernährung wieder aufnehmen und für die notwendige Flüssigkeitszufuhr sorgen muss«. Als Grund wird angeführt, dass Viviane Lambert und ihr Ehemann, die in Südfrankreich wohnen, nicht ausreichend über die Entscheidung von Dr. Kariger und seinem Ärzteteam informiert worden seien, so, wie es das Gesetz Leonetti vorschreibe.

Blinde Wut steigt in mir auf, doch sie wird durch meine ungeheuere Bestürzung gedämpft. Ich sehe Tränen auf den Wangen von Vincents Schwester. Die ganze Situation ist mir unerträglich, und ich laufe in Tränen aufgelöst aus dem Schwesternzimmer. Und dann sind sie da, ganz in der Nähe. Wir sehen sie durch die Glasscheibe, als sie alle den Gang hinuntergehen.

Der Anwalt und Vincents Eltern, Viviane und ihr Ehemann Pierre, wollen überprüfen, ob die künstliche Ernährung meines Mannes fortgesetzt wird. Wir sind schockiert. Vincents Schwester und seine Eltern werden laut. Eine Pflegehelferin unterstützt uns und führt uns auf die Terrasse, damit wir frische Luft schnappen können.

Auf dem Weg dorthin begegne ich Vincents Halbbruder. Er senkt den Kopf und brummt »Bonjour«. Wie kann er es wagen? Nein, das ist wirklich kein guter Tag …

Ich setze mich an Vincents Bett. Wie soll ich es ihm erklären? Ich kann ihm nur versichern, dass ich da bin, aber ich habe nicht die Kraft, mehr zu sagen.

Diese Entscheidung des Gerichts empfinde ich wie eine Demütigung. Eine Demütigung für mich und für Vincent. Sie sagen, sie handelten aus Liebe. Das ist eine Liebe, die ich nicht nachvollziehen kann. Wie kann man meinem Mann in Anbetracht dessen, was für ein Mensch er einst war und was er alles erleiden musste, diese Qualen zufügen?

Es tut mir entsetzlich leid für Vincent, und ich habe Schmerzen am ganzen Körper. Ich bin fix und fertig. Physisch und psychisch. Ich fühle mich, als hätte ich einen Schlag ins Gesicht erhalten. Die Nachricht erschüttert mich bis ins Mark. Mir tut alles weh. Ich frage mich, wie ich mich von diesem Schock erholen soll. Ich bin seelisch und körperlich ein Wrack. Und das ist nur der Anfang.

Natürlich hatte die ganze Sache schon im Vorfeld eine Woge von Anfeindungen ausgelöst, und es waren furchtbare Dinge über mich und über uns als Paar im Internet verbreitet worden. Das ist allerdings nur die erste Runde gewesen.

In diesem Mai 2013 wird die nächste Runde eingeläutet, und damit meine ich die ungeheuer massive mediale Berichterstattung. Vincents Schicksal wird die »Lambert-Affäre«. Mein Mann ist nun ein »Fall«.

Sie sprechen viel in ihrem eigenen Namen und in Vincents Namen. Die größten Radiosender Frankreichs bieten ihnen die Möglichkeit, sich zu Wort zu melden. Dieser Druck macht mir Angst. Ein paar Wochen schweige ich. Ich bin eher ein diskreter Mensch, doch schließlich sehe ich mich gezwungen, meine Zurückhaltung abzulegen, um mich zu erklären.

Ich wollte nicht unüberlegt drauflosreden, nicht über persönlichste Dinge sprechen und auch nicht, dass mein Bild benutzt wird. Ich will mein Kind von der Schule abholen können, ohne erkannt zu werden, und nicht mit einem Schild um den Hals herumlaufen. Wie kann ich unsere Normalität aufrechterhalten? Manche Leute behaupten, mein Leben sei nicht mehr normal. Dazu kann ich nur sagen, dass ich eben ein ungewöhnliches Leben führe.

Die Medien fallen über mich her, und das war nicht meine Entscheidung: Unsere Geschichte wird in die Öffentlichkeit gezerrt, die Identität unseres Kindes bekannt gegeben und ein Foto von Vincent in seinem Krankenhausbett veröffentlicht. Es werden so viele absurde Dinge über seinen Zustand geschrieben.

Mir gefällt es nicht, dass ich dieser Herausforderung gegenüberstehe. Ich habe das Gefühl, Vincent zu verraten und mich auch. Wir sind eher zurückhaltende Menschen, und eine solche öffentliche Diskussion ist uns zuwider. Doch er ist seiner Sprache beraubt, und andere sprechen in seinem Namen. Ich weiß, dass er dieses Leben nicht führen möchte. Er hat mir wiederholt anvertraut, dass er lebensverlängernde Maßnahmen im Falle einer lebensbedrohlichen Krankheit oder einer schweren Behinderung ablehne. Wir sind beide im Pflegedienst tätig, und wir haben darüber gesprochen.

Alle bemächtigen sich unserer Geschichte, der von Vincent und der unserer Ehe, um die Diskussionen infrage zu stellen, die wir beide geführt haben und die für unser beider Schicksal von entscheidender Bedeutung sind.

Mir bleiben von Vincent nur unsere gemeinsamen Jahre. Niemand hat das Recht, unsere Geschichte und das, was uns von unseren Erinnerungen und von unserer Familie bleibt, zu verunglimpfen.

Heute werde ich dreiunddreißig Jahre alt, und das ist ein schwerer Tag für mich. Dreiunddreißig, ein Jahr älter als Vincent war, als er den Unfall hatte.

Ich habe das Gefühl, älter zu sein als er. Vincent altert zwar in seinem Krankenhausbett, aber sein aktives Leben hat mit zweiunddreißig Jahren aufgehört.

Man könnte sich fragen, welche Gefühle mich in all den langen Jahren bewegt haben. Habe ich genug für ihn getan? Hätte ich mehr tun können? Sicherlich nicht …

Im täglichen Leben gibt es zahlreiche Situationen, die mir einen Stich versetzen, wenn ich an Vincent denke. Besonders traurig stimmt es mich, dass ich unser Kind aufwachsen sehe und er nicht. Er verpasst all die kleinen Belanglosigkeiten, die unser tägliches Leben ausmachen und die dennoch eine so große Bedeutung haben.

Und dann all das, was mir fehlt. Niemand kann sich diese Leere vorstellen. Es gibt unzählige Dinge, um die ich trauere: um den Mann, der er einst war, um all das, was ihn ausgemacht ...

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