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Die McKettricks aus Texas: Weil du es bist

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Alle Rechte, einschließlich das der vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Linda Lael Miller

Die McKettricks aus Texas:

Weil du es bist

Roman

Aus dem Amerikanischen von

Jutta Zniva

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PROLOG

Silver Spur Ranch

Blue River, Texas

Das Frühlingsgewitter explodierte regelrecht am Himmel. Es entlud sich so heftig, dass ein einziger Blitz genügt hätte, um das Dach in der Mitte zu spalten und alle Fenster in den drei Etagen zum Bersten zu bringen.

Tate McKettrick fluchte leise vor sich hin, während der Regen wie ein Kugelhagel auf das alte Gemäuer prasselte.

Wahrscheinlich hatte der Fluss die Straße bereits überschwemmt, und Tate würde einen Umweg in die Stadt nehmen müssen. Er war – wieder mal – zu spät dran. Cheryl, seine Exfrau, würde ihn mit den üblichen Vorwürfen bombardieren, das stand fest.

Sie würde ihm vorwerfen, er hätte kein Interesse an den gemeinsamen Zwillingstöchtern, weil er ja lieber Jungs gehabt hätte. Jungs, so wild und verwegen wie er selbst und seine Brüder früher. Das war ihre bevorzugte Spitze gegen ihn. Sie würde nie erfahren, wie sehr diese spezielle Bemerkung ihn immer traf – denn er hatte nicht vor, es sich anmerken zu lassen. Doch sie traf ihn, und zwar mitten ins Herz. Er würde sein Leben für Audrey und Ava geben. Die Zwillinge waren das einzig Positive aus dieser Ehe, die es eigentlich nie hätte geben sollen.

Da Cheryl ein einziger verbaler Treffer nie genügte, würde sie höchstwahrscheinlich weitersticheln. Sie würde sagen, dass er deshalb zu spät zur Tanzaufführung der gemeinsamen Töchter kam, weil er sie, ihre Mutter, damit ärgern wollte. Cheryl würde darauf beharren, dass er seine eigenen Kinder funktionalisierte. Denn er wusste doch, dass sie es hasste, wenn er zu spät kam. Er wusste doch, dass …

Bla, bla, bla.

Tate brauchte die Zwillinge nicht zu „funktionalisieren“, um bei Cheryl irgendetwas durchzusetzen. Das hatte er nach der Scheidung getan – und zwar nicht zu knapp. Damals hatte er seine Exfrau gezwungen, in Blue River zu bleiben, damit sie sich das Sorgerecht teilen konnten. Seither pendelten Audrey und Ava zwischen dem Haus ihrer Mutter in der Stadt und der Ranch hin und her. Bis auf gelegentliche Ausnahmen lebten sie eine Woche hier, eine Woche dort. Sobald Tate die Kinder an den vereinbarten Tagen abholte, traf Cheryl sich mit ihren eleganten Freundinnen, um die Kreditkarten zum Glühen zu bringen.

Mit grimmig vorgeschobenem Kinn setzte Tate sich auf die Kante seines Betts. Frustriert griff er nach seinen Stiefeln, die er poliert hatte, bevor er seine regennassen Arbeitsklamotten ausgezogen und sich schnell geduscht hatte. In seinen steifen, neuen Jeans und dem langärmeligen weißen Westernhemd – der Cowboyversion eines Smokings – hörte er mit halbem Ohr dem Rodeo-Kommentator im Fernsehen zu, dessen monotone Stimme aus den Lautsprechern des großen Flachbildschirms über dem Kamin tönte.

Er wollte gerade nach der Fernbedienung greifen und ausschalten, als er den Namen seines Bruders aufschnappte.

Tates Nackenhaare stellten sich auf. Er spürte, wie sich in seiner Magengrube irgendetwas zusammenballte – nicht unähnlich einer Schlange kurz vor dem Angriff.

„… Austin McKettrick ist der Nächste. Er reitet einen Bullen namens Buzzsaw …“

Abrupt richtete sich Tates Aufmerksamkeit auf den Bildschirm. Tatsächlich, das war sein kleiner Bruder – in High Definition und lebendigen Farben. Er stand auf der Galerie hinter der Startbox. Jetzt ging er kurz auf und ab, blieb wieder stehen und trat ungeduldig von einem Fuß auf den anderen.

Die Einstellung konnte nicht länger als eine, zwei Sekunden gedauert haben. Ein anderer Cowboy hatte seinen Ritt eben beendet, und gleich würde dessen Ergebnis auf dem riesigen Bildschirm angezeigt werden. Doch der kurze Kameraschwenk auf Austin hatte genügt, dass es Tate kalt den Rücken hinunterlief.

Die Punktezahl des anderen Cowboys war gut, das Publikum jubelte, und die Kamera schwenkte zurück zu Austin. Er hatte Kameras immer geliebt, der verdammte Idiot, und diese Liebe hatte stets auf Gegenseitigkeit beruht.

Das Gleiche galt für Frauen, Kinder, Hunde und Pferde. Nun hockte sich Austin in der Galerie auf den Boden, während der Bulle sich unten in seiner Startbox verdächtig ruhig verhielt. Das Tier stierte lediglich zwischen den Gitterstäben in die Arena und wartete, bis seine Zeit gekommen war. Die ruhigen Bullen waren immer die schlimmsten, dachte Tate. Buzzsaw war ein Vulkan kurz vor dem Ausbruch und sammelte gerade all seine Kräfte für die Arena. Dort würde er Platz genug haben, das zu tun, wofür er gezüchtet worden war: auszurasten.

Knochen zu zertrümmern … lebenswichtige Organe zu zerquetschen …

Als ehemaliger Rodeoreiter wusste Tate – obwohl er selbst nur im Bareback Bronc Riding, also dem Reiten von Wildpferden ohne Sattel, aktiv gewesen war – dass dieser Bulle nicht einfach nur aggressiv war; er war eine neunhundert Kilo schwere Katastrophe für jeden Cowboy und bereit, jeden Moment zu explodieren.

Austin musste das alles und noch viel mehr mittlerweile wissen. Er hatte seine Karriere im Alter von drei Jahren als Hammelreiter auf der Dorfkirmes begonnen und war mit rot-goldenen Siegerschleifen geehrt worden. Anschließend war er Little Britches Rodeos speziell für Jugendliche geritten und hatte später bei den National Highschool-Rodeos einige Wettkämpfe gewonnen. Auch während seiner College-Zeit war er ein Star gewesen.

Es war also nicht so, dass er sich mit Bullen nicht auskannte. Austin wirkte eher übermütig als nervös; sein Motto in jeder gefährlichen Situation war: „Packen wir’s an!“

Tate sah zu, wie sein Bruder seinen Hut noch einmal zurechtrückte und sich vom Geländer auf den Rücken des Stiers hinunterließ. Dann schob er seine Hand unter den Ledergurt und schlang sich ihn einmal in einer sogenannten „Selbstmord-Schlinge“ ums Handgelenk, wodurch er sich regelrecht an das Tier fesselte. Einen Augenblick später nickte er den Männern am Gatter zu.

Tate konnte den Blick nicht abwenden. Er hatte ein ungutes Gefühl. Ganz ähnlich wie in jener Nacht, als Mom und Dad gestorben waren. Er war schweißgebadet aus dem Schlaf hochgeschreckt und hatte wild um sich geschlagen, um sich aus den eisigen Fängen seines Albtraums zu befreien. Das Krachen hatte so echt in seinem Kopf gedröhnt, als hätte er den Unfall, der weit weg passiert war, selbst mit angesehen.

Er hatte längst gewusst, dass Jim und Sally McKettrick beide tot waren, ehe man es ihm am Telefon mitgeteilt hatte. Und jetzt hatte er die gleiche beklemmende Vorahnung.

Seine Kehle war wie zugeschnürt. Er brachte nur ein einziges Wort über die Lippen. „Nein.“

Natürlich konnte Austin ihn nicht hören. Und selbst wenn – er hätte es ignoriert.

Der Bulle verharrte in geradezu unheimlicher Reglosigkeit. In seinem Inneren schienen sich seine Urkräfte zu ballen. Dann schwang das Metalltor auf, und das Tier schoss wie eine Rakete aus seiner engen Startbox in die Arena.

Buzzsaw, dessen Kräfte nun entfesselt waren, buckelte, sprang und drehte sich blitzschnell im Kreis.

Austin hielt sich auf ihm und trieb ihn mit den Absätzen seiner Stiefel weiter an. Er hatte die rechte Hand in die Luft gestreckt und wirkte dabei so cool und gelassen, als würde er in dem alten Gummireifen schaukeln, der an einem Ast über der tiefsten Stelle des Schwimmteichs baumelte. Fünf lange Sekunden vergingen, bevor er überhaupt seinen Hut verlor.

Tate hätte am liebsten die Augen geschlossen, aber die Botschaft schaffte es einfach nicht von seinem Gehirn zu den winzigen Muskeln, die für die Bewegung notwendig waren. Er und sein Bruder hatten immer wieder Meinungsverschiedenheiten – einige davon schwerwiegend –, doch nichts davon war jetzt wichtig.

Die Ziffern der Uhr auf dem Bildschirm schienen sich in Zeitlupe zu bewegen; acht Sekunden konnten, wie jeder Cowboy wusste, eine Ewigkeit sein. Tate sah die ganze Szene Einzelbild für Einzelbild vor sich ablaufen wie in einem leeren, hallenden Raum. So, als hätte man aus allem, was sich abspielte, eine Dimension entfernt.

Schließlich schnellte der Bulle in die Luft, wie eine Forelle, die aus einem Bach springt. Dabei krümmte er sich, als wollte er seinen Bauch zur Decke der Arena drehen. Austin rutschte seitlich vom Stier, fiel aber nicht zu Boden.

Die Pickup-Männer ritten in die Arena, um Austins Hand aus der Schlinge zu schneiden und ihn zu befreien. Doch der Bulle war ein wahrer Hurrikan auf Hufen, der sich im Kreis drehte und wild in alle Richtungen ausschlug.

Auch die Bullfighter – die man früher als Rodeo-Clowns bezeichnet hatte, weil sie das Publikum während der Show auch unterhielten – versuchten einzugreifen. Normalerweise mussten sie nach dem Ritt den Bullen ablenken, damit der Cowboy Zeit hatte, über den Zaun zu klettern und sich in Sicherheit zu bringen.

Unter den gegebenen Umständen allerdings gab es nicht viel, was die Männer tun konnten.

Austin, der immer noch am Gurt des Bullen hing, schleuderte es erst auf die eine Seite des Tiers, dann auf die andere. Sein Körper war schlaff. Vielleicht leblos.

Tate wurde schlecht vor Angst.

Endlich gelang es einem der Pickup-Männer, sich dem Bullen zu nähern, Austin aus dem Gurt zu schneiden und ihn schließlich vom Bullen zu ziehen. Austin bewegte sich nicht, während die Bullfighter und ein paar andere Männer das Tier aus der Arena trieben.

Tates Handy, das in der Tasche seiner durchnässten Jeansjacke steckte, die er heute für die Arbeit mit den Rindern auf der Ranch getragen hatte, läutete. Er ignorierte das schrille, penetrante Klingeln.

Sanitäter warteten mit einer Trage auf Austin. Der Kommentator murmelte irgendetwas, das Tate nicht verstehen konnte, weil das Blut so laut in seinen Ohren rauschte.

Die TV-Kameras schwenkten mit schwindelerregender Geschwindigkeit über die Arena. Auf der Tribüne waren die Fans aufgesprungen. Sie sahen blass und besorgt aus. Die meisten Männer hatten ihre Hüte abgenommen und drückten sie sich an die Brust – so, wie sie es taten, wenn die Nationalhymne gespielt wurde.

Oder wenn irgendwo langsam ein Leichenwagen vorbeifuhr. Hinter den Startboxen standen die anderen Cowboys und schauten gebannt zu, wie Austin abtransportiert wurde. Ein paar hatten die Köpfe gesenkt und beteten leise.

Wie gelähmt stand Tate in der Mitte seines Schlafzimmers. Ihm war übel, und es würgte ihn.

Jetzt klingelten beide Telefone – das Handy und der Nebenanschluss des Festnetzes neben seinem Bett.

Das Durcheinander der Töne war nervenaufreibend, doch Tate machte keine Anstalten abzuheben.

Im Fernsehen wurde die Übertragung des Rodeos abrupt beendet und durch einen Werbespot für Aftershave abgelöst.

Das riss Tate aus seiner Starre; er drehte sich um und hob seine Jacke auf, die er vorhin achtlos auf den Boden geworfen hatte. Dann durchsuchte er die zahlreichen Taschen nach seinem Handy, das mittlerweile verstummt war. Als er es gefunden hatte, klingelte es erneut. Er klappte es auf.

„Tate McKettrick“, sagte er wie ferngesteuert. „Verdammt“, hörte er seinen Bruder Garrett fluchen. „Ich dachte schon, du würdest nie abheben! Hör zu, Austin ist gerade mit einem Bullen aneinandergeraten. Für mich sieht es so aus, als wäre er schwer verletzt …“

„Ich weiß“, fiel ihm Tate ins Wort. Vergeblich versuchte er, sich zu erinnern, in welcher Stadt Austin in dieser Woche an Rodeos teilgenommen hatte. „Ich habe es im Fernsehen gesehen.“

„Wir treffen uns am Flugplatz“, sagte Garrett. „Ich muss ein paar Anrufe erledigen und komme dann so schnell wie möglich hin.“

„Garrett, das Wetter …“

„Zum Teufel mit dem Wetter“, unterbrach Garrett ihn barsch. Er hatte vor nichts Angst – außer, sich an eine Frau zu binden. „Wenn du Waschlappen dich nicht traust, bei diesem lächerlichen Gewitter zu fliegen, dann sag es mir besser jetzt gleich.

Dann kann ich mir die Fahrt sparen, okay? Ich jedenfalls werde herausfinden, wohin sie unseren kleinen Bruder gebracht haben, und dann zu ihm fahren. Egal, wie ich dorthin komme. Und zwar deshalb, weil er vielleicht stirbt, verdammt noch mal. Verstehst du das, Cowboy?“

„Ja, ich verstehe“, erwiderte Tate mühsam beherrscht. „Ich erwarte dich am Flugplatz, Top Gun.“

Garrett, der von einem Festnetztelefon aus angerufen hatte, hatte den Vorteil, beim Auflegen den Hörer auf die Gabel knallen zu können. Tate nahm seine Brieftasche von der Kommode und holte seine lederne Bomberjacke aus dem begehbaren Kleiderschrank. Nachdem er sie angezogen hatte, trat er durch die Flügeltür hinaus in den breiten Korridor.

Generationen von McKettricks hatten, als das Familienvermögen sich stetig vermehrt hatte, immer wieder neue Flügel an das Haus angebaut. Mittlerweile war es mit seinen über tausendsechshundert Quadratmetern geradezu grotesk groß.

Tate ging eine der drei Haupttreppen hinunter, die das Gebäude in drei Teile gliederten. Der handgewebte Treppenläufer verschluckte jedes Geräusch seiner Stiefelabsätze. Vermutlich war er für irgendeinen Sultan angefertigt worden, lange bevor die McKettricks einen Fuß in die Neue Welt gesetzt hatten.

Unten in der Eingangshalle, deren Fußboden aus Marmor war, schaute er rasch auf die antike Standuhr. Tate trug keine Armbanduhr mehr, seit sein Job bei McKettrickCo im Zuge des Börsengangs des Jahrhunderts nicht mehr vonnöten gewesen war. Als er sah, wie spät es war, schüttelte er ungläubig den Kopf.

Halb fünf.

Die Tanzaufführung von Audrey und Ava hatte vor dreißig Minuten begonnen.

Auf dem Weg durch den Glasgang neben dem Swimmingpool – es hatte olympische Maße, ein Schiebedach und eine schwimmende Bar – klappte er sein Handy erneut auf und drückte Cheryls Kurzwahl.

Sie sagte nicht „Hallo“. Sie sagte: „Wo zum Teufel bist du, Tate? Audrey und Ava sind als Nächste mit ihrem großen Auftritt dran. Die beiden gucken ständig zwischen den Bühnenvorhängen ins Publikum, weil sie hoffen, dich zu sehen. Und …“

„Austin hat sich verletzt“, unterbrach Tate sie. Bei der Vorstellung, wie seine Töchter in ihren Paillettentrikots und Tutus nach ihm Ausschau hielten, wurde ihm weh ums Herz. „Ich schaffe es heute Abend nicht.“

„Aber es ist deine Woche, und ich habe einiges vor …“ „Cheryl“, meinte Tate ungeduldig, „hast du überhaupt gehört, was ich gesagt habe? Austin ist verletzt.“

Er konnte sie direkt vor sich sehen, wie sie den Mund verzog und eine perfekt gezupfte schwarze Augenbraue hob.

„Also bitte, Tate, wenn das eine Entschuldigung sein soll, dann …“

„Es ist keine Entschuldigung. Sag den Kindern, dass es einen Notfall gegeben hat und ich sie anrufe, sobald ich kann. Aber erwähne Austin nicht. Ich will nicht, dass sie sich Sorgen machen.“

„Austin ist verletzt?“ Für eine Anwältin konnte Cheryl manchmal ziemlich schwer von Begriff sein. „Was ist passiert?“

Tate war jetzt in der Küche mit ihren unendlich langen, glänzenden Arbeitsplatten aus Granit und den zahlreichen Kühlschränken mit Glastüren angelangt. Cheryls Frage traf einen wunden Punkt bei ihm. Und das nicht nur, weil er nicht sicher war, ob er Austin jemals wieder lebendig zu Gesicht bekommen würde.

Angenommen, es war schon zu spät für eine Versöhnung? Was, wenn er und Garrett von dort, wo auch immer ihr verrückter Bruder gerade sein mochte, zurück nach Hause flögen, und Austin läge in einer Holzkiste im Frachtraum?

Tates Augen brannten wie Feuer, als er die Tür zur Garage aufstieß, die für zehn Autos konzipiert war.

„Er hat einen üblen Bullen erwischt“, antwortete er schließlich. Er hatte Mühe, die Worte auszusprechen. Sie kratzten wie Stacheldraht in seiner Kehle.

„Oh mein Gott“, flüsterte Cheryl erschrocken. „Er wird doch nicht … sterben?“

„Ich weiß es nicht.“

Austins zerbeulter roter Pick-up, eines der zahlreichen Autos, auf denen sein Name stand, war an seinem üblichen Platz neben dem schwarzen Porsche geparkt, den Garrett fuhr, wenn er zu Hause war. Beim Anblick des Wagens gab es Tate einen Stich ins Herz. Er riss die Tür seines mit Schlamm bespritzten Chevrolet Silverado – die größere Version mit Rückbank und offener Ladefläche – auf und kletterte hinters Steuer. Dann drückte er den Knopf, damit das Garagentor hinter ihm nach oben rollte.

„Ruf an, sobald du etwas weißt“, sagte Cheryl eindringlich. „Ruf auf jeden Fall an.“

Tate steckte den Schlüssel ins Zündschloss. Dann fuhr er so schnell im Rückwärtsgang hinaus in den Regen, dass er beinahe einen der Ranch-Trucks gerammt hätte, der quer vor der Garage stand.

Der bereits etwas ältere Rancharbeiter, der am Steuer saß, wich zügig aus.

Tate hielt nicht an, um sich zu entschuldigen.

„Ja, ich rufe an“, meinte er zu Cheryl, während er das Lenkrad scharf einschlug. Er nahm es ihr übel, dass sie ihm dieses Versprechen abgenommen hatte. Doch der Weg zu seinen Töchtern führte nun mal immer über seine Exfrau.

Cheryl weinte jetzt. „Okay. Vergiss es nicht.“

Tate klappte sein Handy zu, ohne sich zu verabschieden. Auf dem Flugplatz wartete er fünfundvierzig quälend lange Minuten in seinem Wagen und schaute zu, wie der schwere Regen auf die Windschutzscheibe prasselte. Dabei dachte er an seinen jüngsten Bruder und sah ihn in all seinen Lebensphasen wieder vor sich: Austin als Baby, das er und Garrett schon nach kurzer Zeit am liebsten zur Adoption freigegeben hätten, dann als kleiner Hammelreiter und später als Schwarm aller Mädchen an der Highschool und auf dem College.

Der Mann, von dem Cheryl behauptet hatte, er hätte sie in einer Nacht in Vegas verführt, als sie vor dem Gesetz immer noch Tates Ehefrau gewesen war.

Das Kleinflugzeug, das früher zur Flotte von McKettrickCo gehört hatte, war gelandet. Tate wartete, bis es zum Stillstand kam. Dann stieß er die Tür seines Wagens auf und rannte auf den Jet zu.

Garrett stand in der Tür. Die hydraulische Treppe fuhr mit einem Summen aus.

„Er ist in Houston“, sagte er. „Sie operieren ihn, sobald er einigermaßen stabil ist.“

Tate schob sich an ihm vorbei ins Flugzeug. „Wie ist sein Zustand?“

Garrett fuhr die Treppe wieder ein, drückte die Tür mit der Schulter zu und verriegelte sie. „Kritisch. Nach Einschätzung des Chirurgen, mit dem ich gesprochen habe, stehen seine Chancen nicht allzu gut.“

Tate ging zum Cockpit. Die Zeit, in der er Garrett den Rücken zukehrte, nutzte er, um sich mit Daumen und Zeigefinger seine brennenden Augen zu reiben. „Los, starten wir.“

Wenige Minuten später waren sie in der Luft. Das kleine Flugzeug kämpfte sich durch die stürmischen Luftströmungen Meter um Meter in die Höhe. Ein Blitz durchzuckte den Himmel und schien die Tragflächen, den Bug und das Heck nur um Zentimeter zu verfehlen.

Irgendwann klärte sich der Himmel endlich auf.

Als sie auf einem Privatflughafen außerhalb von Houston landeten, wartete auf dem trockenen, heißen Asphalt bereits ein Geländewagen, den Garrett gemietet und dorthin bestellt hatte. Der Schlüssel steckte im Zündschloss. Garrett setzte sich hinters Steuer, und sie rasten in die Stadt.

Der Weg zur besten Privatklinik in Texas war ihnen nur allzu vertraut. Ihre Eltern waren dort vor zehn Jahren gestorben, nachdem ein Sattelschlepper über die Mittellinie ausgeschert hatte und frontal in ihr Auto gekracht war.

In der Empfangshalle erwarteten Tate und Garrett eine Krankenschwester und zwei Mitarbeiter der Klinikverwaltung. Keiner von ihnen war bereit, ihnen in die Augen zu schauen, geschweige denn, ihre Fragen zu beantworten.

Als sie auf der chirurgischen Abteilung ankamen, sahen sie Austin vor einem hochmodern ausgestatteten Operationssaal auf einer fahrbaren Krankentrage liegen. Er war umringt von Menschen in grünen OP-Kitteln.

Garrett und Tate drängten sich an den Leuten vorbei, bis sie schließlich links und rechts neben ihrem Bruder standen.

Austins Gesicht war derartig geschwollen und mit Blutergüssen übersät, dass sie ihn fast nicht erkannten. Doch dann zog er einen Mundwinkel hoch und grinste sie so schief an, wie nur er es konnte.

„Das war vielleicht ein fieser Bulle“, sagte er.

„Du wirst wieder gesund“, versuchte Garrett ihn zu beruhigen. Er blickte finster drein.

„Verdammt, natürlich werde ich wieder gesund“, krächzte Austin. Seine Augen, die unter den violetten Schwellungen fast verschwanden, suchten Tate. „Falls aber nicht, gibt es da etwas, was du wissen musst, großer Bruder.“ Das Sprechen fiel ihm sichtlich schwer. Seine Stimme war so leise, dass Tate sich zu ihm hinunterbeugen musste, um ihn zu verstehen. „Ich habe nie mit deiner Frau geschlafen.“

1. KAPITEL

Drei Monate später.

C heryls verhältnismäßig kleiner Garten war mit Girlanden und Luftballons geschmückt und voll mit schreienden Kindern. Klapptische bogen sich unter dem Gewicht selbst gebackener Kuchen und unter Bergen bunt verpackter Geschenke. Zwei Clowns und eine leicht schäbig wirkende Cinderella mischten sich unter die kleinen Gäste, die allesamt bis oben hin mit Süßigkeiten vollgestopft waren. Bamboozle, das Pony, das Austin schon als Kind besessen hatte, war von der Silver Spur Ranch extra für die Geburtstagsparty hierher gebracht worden. Mit engelsgleicher Gelassenheit ließ es die Kinder auf sich reiten.

Ohne das Pferd aus den Augen zu lassen, betrachtete Tate seine Töchter, die an diesem sonnigen Junimorgen um 7 Uhr 52 sechs Jahre alt geworden waren. Er wusste dieses Glück nach all den Schwierigkeiten, die das Schicksal für ihn bereitgehalten hatte, sehr zu schätzen. Die Mädchen waren fast zwei Monate zu früh auf die Welt gekommen und hatten zusammen keine drei Kilo gewogen. Es war keineswegs sicher gewesen, dass sie überleben würden. Obwohl die beiden zweieiige Zwillinge waren, sahen sie sich so ähnlich, dass fremde Leute sie meistens für eineiige Zwillinge hielten. Beide hatten die auffallend blauen Augen der McKettricks geerbt. Ihr langes Haar war fast schwarz – genau wie das von ihm und ihrer Mutter Cheryl. Mittlerweile waren seine Mädchen gottlob gesund, dennoch war Tate ständig um sie besorgt. Sie wirkten so zerbrechlich auf ihn, so schmal mit ihren langen, dünnen Beinen. Und Ava trug eine Brille und ein Hörgerät, das alles andere als unsichtbar war.

Cheryl riss Tate aus seinen Gedanken, indem sie ihn mit einem Klemmbrett in die Rippen stieß. Sie hatte ihr hüftlanges Haar heute zu einem Zopf geflochten und im Nacken zu einem Knoten zusammengesteckt. „Unterschreib das“, verlangte sie mit gedämpfter Stimme.

Tate hatte sich geschworen, dass er höflich zu seiner Exfrau sein würde. Den Zwillingen zuliebe. Während er Cheryl in ihre grünen Augen schaute – sie war früher Schönheitskönigin gewesen –, fragte er sich, was er an jenem Abend, als sie sich kennengelernt hatten, wohl getrunken hatte.

So toll Cheryl auch aussah – sie war einfach nicht sein Typ und war es nie gewesen.

Er warf einen Blick auf das Blatt Papier auf dem Klemmbrett und runzelte die Stirn. Dann las er sich den in Juristenjargon verfassten Text genauer durch. Es war im Grunde genommen eine Einverständniserklärung, die Audrey und Ava erlaubte, an einer Sache namens „Miss Elfe“ teilzunehmen, einem Schönheitswettbewerb für kleine Mädchen. Er fand zu Schulbeginn im Blue River Country Club statt. Gemäß der Sorgerechtsvereinbarung brauchte Cheryl seine Zustimmung für alle außerschulischen Veranstaltungen, an denen die Kinder teilnahmen. Es hatte ihn seinerzeit viel gekostet, Cheryl so weit zu bringen, diese Vereinbarung zu unterschreiben.

„Nein“, entgegnete er lapidar und steckte sich das Klemmbrett unter den Arm, da Cheryl nicht so aussah, als würde sie es wieder an sich nehmen wollen.

Die ehemalige Mrs McKettrick, die wieder ihren Mädchennamen Darbrey angenommen hatte, verdrehte die Augen und strich sich über ihre elegante Frisur. „Um Himmels willen“, jammerte sie, obwohl man ihr zugutehalten musste, dass sie dabei nicht laut wurde. „Es ist nur eine harmlose kleine Misswahl, bei der Geld für den neuen Tennisplatz im städtischen Freizeitzentrum gesammelt wird …“

Vor seinem geistigen Auge sah Tate die beunruhigenden Szenen aus Fernsehbeiträgen vor sich, in denen Kinder mit falschen Wimpern, Rouge und Lippenstift wie Showgirls in Las Vegas auf irgendeiner Bühne posierten. Er beugte sich zu Cheryl hinüber und sagte mit ebenfalls gesenkter Stimme: „Sie sind sechs, Cheryl. Lass sie Kinder sein, solange sie es noch können.“

Seine ehemalige Frau verschränkte ihre gebräunten, durch Training im Fitnesscenter perfekt modellierten Arme. Sie sah gut aus in ihrem teuren narzissengelben Sommerkleid, doch das böse Funkeln in ihren Augen verdarb den Effekt. „Ich habe ab meinem fünften Lebensjahr an Schönheitswettbewerben teilgenommen“, erwiderte sie kurz angebunden, „und es hat mir nicht geschadet.“ Als sie – zu spät – merkte, dass sie gerade in ein emotionales Fettnäpfchen getreten war, schnaubte sie leise.

„Darüber könnte man streiten“, sagte Tate gedehnt. Da ein paar Mütter und Kindermädchen gerade zu ihnen herübersahen, zwang er sich zu einem Lächeln. Sie hatten auch so schon für genügend Tratsch und Klatsch gesorgt.

Cheryl errötete und spielte mit einem eleganten goldenen Ohrring. „Mistkerl“, zischte sie. „Warum musst du bei solchen Dingen immer so verdammt dickköpfig sein?“

Er lachte und hakte seine Daumen in die Gürtelschlaufen seiner Jeans. Dann stemmte er seine Absätze ein wenig in den Boden, um zu demonstrieren, dass er auf seinem Standpunkt zu beharren gedachte. „Wenn andere Leute ihre Mädchen Miss Tausendschön spielen lassen, ist das deren Sache. Vielleicht ist es ja ein harmloser Spaß, aber meine Kinder werden da nicht mitmachen. Zumindest nicht, bis sie alt genug sind, selbstständig zu entscheiden, ob sie es wollen oder nicht. Aber wenn es so weit ist, hoffe ich, dass Audrey und Ava mehr im Kopf haben als nur Make-up-Tipps und die kosmetischen Verwendungsmöglichkeiten von Klebeband.“

Cheryls Augen funkelten. Sie sah so aus, als wollte sie ihn rücklings in den Zierteich mit den Kois stoßen. Oder ihm das Klemmbrett unter seinem Arm wegreißen und ihm damit auf den Kopf schlagen. Sie tat keines von beidem. Cheryl wollte ebenso wenig wie Tate, dass der Streit eskalierte – wenn auch aus anderen Gründen als er. Tate war nur eine einzige Sache wichtig: dass seine Töchter ihre Geburtstagsparty genossen. Cheryl wiederum wusste, dass eine Auseinandersetzung in der Öffentlichkeit sich noch vor Sonnenuntergang vom Country Club bis zu den Frauen des Wohltätigkeitsvereins herumgesprochen haben würde.

Sie musste an ihr Image denken.

Im Gegensatz zu ihr kümmerte es Tate einen feuchten Dreck, was die Leute – seine Töchter und ein paar enge Freunde ausgenommen – dachten.

Da standen sie nun, er und diese Frau, die er vor Jahren geheiratet hatte, und starrten sich wütend an wie zwei Revolverhelden auf einer staubigen Straße. Und dann kam Ava und stellte sich zwischen sie.

„Nicht streiten, okay?“, bat sie ängstlich. Die heiße texanische Sonne spiegelte sich in den verschmierten Gläsern ihrer Brille. „Es ist unser Geburtstag, schon vergessen?“

Tate spürte ein heißes Kribbeln im Nacken: Scham. So viel zu dem Vorsatz von Mommy und Daddy, ihre Gefechte nicht vor den Kindern auszutragen.

Boshaft lächelte Cheryl und legte Ava eine manikürte Hand auf die Schulter, die bis auf den Spaghettiträger des Kleides nackt war. Das Kind hatte eine Miniaturausgabe des Outfits seiner Mutter an. Audrey trug das gleiche Kleid, nur in Blau.

„Euer Daddy“, sagte Cheryl in süßlichem Ton zu Ava, „will nicht, dass du und Audrey an dem Schönheitswettbewerb teilnehmt. Ich habe gerade versucht, ihn umzustimmen.“

Aber ohne Erfolg, dachte Tate und zwang sich, die angespannten Muskeln seines Kiefers zu lockern. Ava zuliebe versuchte er zu lächeln, doch es wollte nicht recht gelingen.

„Misswahlen sind ohnehin doof“, stellte Ava fest.

Plötzlich tauchte auch Audrey auf. Offenbar fühlte sie sich wie magisch angezogen, wenn es anderer Meinung zu sein galt. „Nein, sind sie nicht!“, protestierte sie gewohnt energisch. „Misswahlen sind eine gute Gelegenheit, Selbstvertrauen zu gewinnen und neue Freundinnen kennenzulernen. Und wenn man gewinnt, kriegt man eine Schleife, einen Pokal und ein Diadem.“

„Wie ich sehe, hast du die beiden schon ganz auf deine Linie gebracht“, wandte Tate sich an Cheryl.

Das Lächeln, mit dem Cheryl ihn bedachte, war ebenso giftig wie blendend. Er hatte ein Vermögen für diese perlweißen Zähne ausgegeben. „Halt die Klappe, Tate“, zischte sie.

Ava, die ein feines Gespür für die Stimmungen ihrer Eltern hatte, begann zu weinen. Das leise Schluchzen zerriss Tate fast das Herz. „Wir werden nur ein einziges Mal sechs“, sagte sie. „Und alle gucken schon her.“

„Gott sei Dank werden wir nur ein Mal sechs“, warf Audrey altklug ein und verschränkte die Arme auf Cheryl-Art. „Ich wäre lieber vierzig.“

Tate bückte sich, nahm Ava in den Arm und zog Audrey mit der freien Hand sanft an ihrem langen Zopf. Als Ava ihr Gesicht an seine Schulter schmiegte, verrutschte ihre Brille. Er spürte, wie ihre Tränen und ein bisschen Schnodder aus ihrem Näschen sein hellblaues Hemd nass machten.

„Vierzig?“, sagte sie mit erstickter Stimme. „So alt ist ja nicht mal Daddy!“

„Du bist so ein Baby“, antwortete Audrey.

„Genug jetzt“, ermahnte Tate die Kinder. Doch es war Cheryl, die er dabei ansah. „Wie lange dauert der Trubel hier eigentlich noch?“

Die Mädchen hatten ihre Geschenke ausgepackt, außer den Torten alles Essbare verschlungen und alle Partyspiele absolviert. Auf dieser Feier hatte es Preise zu gewinnen gegeben, die man eher bei Quizshows im Fernsehen erwarten würde. Was also gab es hier noch zu tun?

„Warum könnt ihr nicht einfach aufhören zu streiten“, platzte es aus Ava heraus.

„Wir streiten nicht, Liebling“, erwiderte Cheryl leise, bevor sie ihre neugierig guckenden Freundinnen und die Kindermädchen mit einem liebenswürdigen Lächeln bedachte. „Und hör auf zu jammern, Ava. Das gehört sich nicht für eine junge Dame.“

Ava ignorierte die Bemerkung ihrer Mutter. „Können wir auf die Ranch mitkommen, Daddy?“, bettelte sie weinerlich. „Dort gefällt es mir besser, weil nie gestritten wird.“

„Mir auch“, stimmte Tate zu. Er war an der Reihe, die Kinder zu nehmen, und er hatte sich schon seit ihrem letzten Besuch darauf gefreut. Schlimm war bloß, sie jedes Mal wieder zurückzugeben.

„Ach, auf der Ranch wird nie gestritten?“, schaltete Audrey sich ein. Sie klang viel zu gelangweilt und zu altklug für eine Sechsjährige. Ja, sie ist tatsächlich wie geschaffen für die Wahl zur „Miss Elfe“, dachte Tate voller Bitterkeit. Her mit der Wimperntusche und so viel Haarspray, dass es für ein neues Loch in der Ozonschicht reichte. Nicht zu vergessen die Federboas und die Netzstrümpfe.

Audrey holte Luft und redete einfach weiter. „Anscheinend erinnerst du dich nicht mehr an den Tag, als Onkel Austin aus dem Krankenhaus nach Hause gekommen ist. Damals, als dieser Bulle ihn so übel zugerichtet hat. Es war der Tag, bevor er in die Rehaklinik gefahren ist. Hast du schon vergessen, wie er zu Daddy und Onkel Garrett gesagt hat, dass sie seinen Teil des Hauses nicht betreten dürfen? Sonst würden sie eine Ladung Schrot in den Bauch kriegen.“

Triumphierend zog Cheryl eine Augenbraue hoch. Trotz ihrer Ländereien, trotz der Rinder, der Öl-Aktien und des ganzen Geldes waren die McKettricks doch nur ein Haufen ungehobelter texanischer Bauern, fand sie. Sie selbst war als behütetes Einzelkind in einem Wolkenkratzer in der Park Avenue aufgewachsen. Und ihre Mutter war immerhin die Erbin eines sagenhaften, aber rapide dahinschwindenden Vermögens gewesen. Ihr Vater, ein berühmter Schriftsteller, hatte Reiseerzählungen verfasst.

Lieber verschweigen sollte man allerdings, dass die gute alte Mom Koks geschnupft und mit jedem männlichen Wesen geschlafen hatte, das ihr über den Weg gelaufen war. Auch darüber, dass Dad den Rest von Moms Vermögen und dann auch noch sein überraschend geringes Honorar als neuer Ernest Hemingway verjubelt hatte, breitete man besser den Mantel des Schweigens.

Cheryl war nie über die Schande hinweggekommen, dass sie als Kellnerin jobben und einen Studentenkredit aufnehmen musste, um sich das College und ihr Jura-Studium zu finanzieren.

„Ich frage mich, was mein Anwalt wohl sagen würde“, begann Cheryl, „wenn ich ihm sage, dass die Kinder auf der Silver Spur Ranch von Waffen umgeben sind.“ Tate konnte nicht bestreiten, dass es Waffen auf der Ranch gab. Sie waren wegen der Schlangen und der anderen Gefahren der Prärie unverzichtbar. Die Behauptung, die Mädchen wären „von Waffen umgeben“ war jedoch sehr weit hergeholt. Sämtliche Gewehre und Pistolen wurden in einem der Safes im Haus aufbewahrt. Außerdem wurde die Zahlenkombination des Tresors regelmäßig geändert.

„Ich frage mich, was meiner sagen würde“, konterte Tate, der sein falsches Lächeln nur mehr mühsam aufrechterhalten konnte, „wenn er wüsste, was du diese Woche vorhast.“

„Hört auf“, bettelte Ava.

Tate seufzte, gab seiner Tochter einen schnellen Kuss auf die Stirn und stellte sie wieder auf den Boden. „Entschuldige, mein Schatz“, sagte er. „Und jetzt verabschiede dich von deinen Freundinnen und Freunden und vergiss nicht, dich zu bedanken. Die Party ist vorbei.“

„Aber sie haben ja noch nicht einmal das Lied gesungen, das ich mit ihnen einstudiert habe“, protestierte Cheryl.

Ava lehnte sich an Tates Hüfte. „Wir sind ganz schlechte Sängerinnen“, vertraute sie ihm an.

Zu Tates Überraschung war es Audrey, die Unternehmungslustigste der Familie, die sich nun auf dem Absatz ihrer Sandale zur Gästeschar umdrehte und fröhlich verkündete: „Ihr könnt jetzt alle nach Hause gehen. Mein Dad sagt, die Party ist vorbei.“

Cheryl verzog peinlich berührt das Gesicht.

Die Kinder – und das Pony – wirkten erleichtert. Ebenso die Kindermädchen, die laut Cheryl korrekterweise eigentlich „Aupair-Mädchen“ hießen. Die Mütter versuchten, ihr schadenfrohes Grinsen zu verbergen – mit unterschiedlichem Erfolg. Tate kannte viele von ihnen seit dem Kindergarten. Einige hatte er auf der Highschool als Freundinnen gehabt. Und zwar immer dann, wenn er und Libby Remington wieder einmal Schluss gemacht hatten, was sehr oft der Fall gewesen war. Libby, seine große Jugendliebe. Wenn nicht sogar die Liebe seines Lebens.

„Die Mädchen sind müde“, erklärte Cheryl mit gespielter, aber überzeugender Ehrlichkeit. „Die ganze Aufregung …“

„Dürfen wir reiten, wenn wir auf der Ranch sind?“, rief Audrey vom anderen Ende des Gartens herüber. „Dürfen wir im Pool schwimmen?“

Tate versuchte, sich zusammenzureißen, um über diesen Beweis, wie „müde“ seine Töchter waren, nicht zu schmunzeln. Doch es war schwer.

Ava wich nicht von seiner Seite. Sie hatte nun die Hände um seine Taille geschlungen.

„Ihre Koffer“, sagte Cheryl schnippisch, „sind im Flur.“ „Komm, bringen wir Bamboozle in den Anhänger“, meinte Tate zu Ava und befreite sich behutsam aus ihrer Umarmung. „Dann holen wir euer Zeug und fahren auf die Ranch.“

Ava ließ Tate los, ging zum Pony und nahm es am Halfter. Dann wartete sie geduldig, bis sie das in die Jahre gekommene Tier zu dem Pferdeanhänger von Tates Geländewagen führen durfte. Audrey war auf der Suche nach irgendetwas im Haus verschwunden.

Kurz darauf steckte sie ihren Kopf durch die Verandatür, die einen Spalt offen stand. „Können wir auf dem Weg zur Ranch beim Perk Up anhalten, Dad?“, erkundigte sie sich völlig unbeeindruckt davon, dass der Garten voller Gäste war, die gerade hinauskomplimentiert worden waren. „Wegen dieser Orangen-Smoothie-Dinger, die wir letztes Mal gekriegt haben?“

Tate schmunzelte. „Klar.“ Bei dem Gedanken, in Libbys Café einen Zwischenstopp einzulegen, spürte er ein nervöses Flattern im Bauch. Er war letztens nur deshalb dort gewesen, weil er gewusst hatte, dass Libby weggefahren war und ihre Schwester Julie den Laden schmiss.

Was lächerlich war. Sie schafften es seit Jahren, einander aus dem Weg zu gehen. Kein leichtes Unterfangen in einer so kleinen Stadt. Es war sogar ziemlich anstrengend.

„Genau das, was sie brauchen – noch mehr Zucker“, grummelte Cheryl und ging kopfschüttelnd weg, wobei sie die Arme noch ein wenig fester vor der Brust verschränkte.

Tate sagte nichts dazu. Er war nicht derjenige, der den ganzen Nachmittag Kuchen, Eis und Früchtepunsch in rauen Mengen serviert hatte. Cheryl ging weiter.

Tate und Ava führten das Pony in den Pferdeanhänger, der –

samt dem Geländewagen – mindestens drei Parkplätze auf der schattigen Straße vor Cheryls Anwesen beanspruchte. Tate hatte ihr das Haus gekauft und damit einen Teil – einen kleinen Teil – der Scheidungsvereinbarung erfüllt.

„Boozle wird es auf der Fahrt vielleicht langweilig, so ganz allein.“ Ava stand mit sorgenvoller Miene neben dem Pony, das gerade Wasser aus einem Eimer schlabberte. „Vielleicht sollte ich hier bei ihm im Anhänger mitfahren, damit er ein bisschen Gesellschaft hat.“

„Keine Chance“, antwortete Tate freundlich und gab eine Portion Heu in die Futterschüssel, damit das Tier auf der Heimfahrt etwas zu fressen hatte. „Zu gefährlich.“

Ava rückte ihre Brille zurecht. „Audrey möchte wirklich gern an dieser Misswahl teilnehmen“, sagte sie leise. „Sie wird noch ewig meckern, weil du es verboten hast.“

Tate unterdrückte ein Grinsen. „Ich glaube, mit ein bisschen Meckern kann ich schon umgehen“, erwiderte er fröhlich. „Und jetzt holen wir euer Zeug und sehen zu, dass wir von hier wegkommen, meine Kleine.“

„Ich würde wahrscheinlich ohnehin nicht gewinnen“, überlegte Ava laut. Es klang traurig. Tate erstarrte.

„Was gewinnen?“, fragte er.

Ava kicherte, doch es klang gezwungen. „Die Misswahl, Dad.“

Tate hatte einen Kloß im Hals. Er lächelte trotzdem. „Aber natürlich würdest du gewinnen“, widersprach er. „Und das ist einer der Gründe, warum ich euch beide nicht mitmachen lasse. Überleg doch mal, wie sich die anderen kleinen Mädchen dann fühlen würden.“

„Audrey könnte Miss Elfe werden“, sagte Ava nachdenklich. Sie wirkte in dem dunklen Anhänger plötzlich sehr klein und zerbrechlich. „Sie kann den Tambourstab schwingen und alles. Ich lasse meinen Stock immer fallen.“

„Audrey nimmt nicht teil“, erinnerte Tate sie. Bamboozle stand zwischen ihm und seiner Tochter. Er nahm dem Pony den Sattel und die Satteldecke ab und strich ihm mit der Hand über den verschwitzten Rücken. „Sie wird sich einfach damit begnügen müssen, Miss McKettrick zu sein. Zumindest für die absehbare Zukunft.“

Ava kaute nachdenklich auf ihrer Unterlippe. „Glaubst du, dass ich hübsch sein werde, wenn ich groß bin, Dad?“

Tate ging in den hinteren Teil des Anhängers und sprang hinaus. Dann drehte er sich um und breitete die Arme für Ava aus, obwohl sie über die Rampe hätte hinuntergehen können. „Nein“, antwortete er, während sie auf ihn zukam. „Ich glaube, du wirst genau so schön sein, wie du jetzt bist.“

Ava fühlte sich federleicht an, als er sie auffing und dann auf den Boden stellte. Es gab ihm einen Stich ins Herz. War es seine Schuld, dass die Mädchen zu früh auf die Welt gekommen waren? Hätte er irgendetwas tun können, um ihnen all die Schwierigkeiten zu ersparen, die sie als Babys überstehen mussten?

„Das sagst du nur, weil du mein Dad bist.“

„Ich sage es, weil es wahr ist.“

Ava trat ein paar Schritte zurück, als er die Rampe in den Anhänger schob, die Tür zumachte und verriegelte. „Mommy sagt, man kann gar nicht früh genug damit anfangen, sich mit dem Gedanken auseinanderzusetzen, dass man irgendwann zur Frau wird“, erklärte sie keck. „Dinge, die wir jetzt tun, könnten sich auf unser gesamtes späteres Leben auswirken, weißt du.“

Tate blieb mit dem Rücken zu seiner Tochter stehen, damit sie nicht sah, wie zornig er war. Dann erwiderte er so gelassen wie möglich: „Konzentrier dich einfach auf das, was jetzt ist, okay? ‚Zur Frau‘ werdet ihr nämlich ganz von selbst.“

War es nicht erst gestern gewesen, dass die Zwillinge Babys gewesen waren und im Gegensatz zu den meisten Neugeborenen nur gepiepst statt gebrüllt und in ihrem Brutkasten im Krankenhaus in Houston an Schläuchen und Drähten gehangen hatten? Und jetzt waren sie plötzlich sechs. Ehe ich weiß, wie mir geschieht, werde ich sie auf ihrer Hochzeit zum Altar führen, dachte Tate bestürzt.

Er fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Plötzlich sehnte er sich sehr danach, zurück auf die Ranch zu kommen und ausgebeulte Jeans anzuziehen, die niemals ein Bügeleisen zu Gesicht bekommen hatten. Sehnte sich danach, das schicke Hemd auszuziehen, das so neu und steif war, dass es seine Haut fast wund scheuerte.

Auf der Ranch konnte er atmen. Allerdings hatte er schon ernsthaft überlegt, von dem Herrenhaus hinüber in die alte Baracke zu ziehen oder in einen der Trailer unten an der Flussbiegung.

Mütter und Kindermädchen gingen an ihm vorbei und zogen quengelnde Kinder zu ihren Autos und Minivans. Ein paar Frauen unterhielten sich kurz mit Tate – die meisten von ihnen in herzlichem Ton –, während ein paar andere Ava mit gesenkter Stimme alles Gute zum Geburtstag wünschten und ihn völlig ignorierten.

Tate war es nicht nach Small Talk, aber er blieb einigermaßen freundlich. Wenn jemand das Wort an ihn richtete, antwortete er aus Prinzip.

Er wurde durch ein kratzendes Geräusch abgelenkt. Audrey zerrte ihren Trolley über den Gartenweg. Er ging zu ihr, nahm ihr das Gepäckstück ab und verstaute es auf dem Beifahrersitz, wo früher immer sein Hund Crockett gesessen hatte. Crockett war vor über einem Jahr an Altersschwäche gestorben, doch Tate vergaß manchmal immer noch, dass er nicht mehr da war. Hin und wieder stand er neben der offenen Wagentür und wartete darauf, seinen vierbeinigen Freund ins Auto zu heben.

„Hast du deine Sachen auch gepackt?“, fragte er Ava, als sie gemeinsam mit Audrey auf die Rückbank kletterte. Sie hatten beide Kindersitze mit speziellen Sicherheitsgurten.

Ava schüttelte den Kopf. „Ich habe jede Menge Klamotten auf der Ranch.“ Eine ihrer rosa Haarspangen war ihr aus dem zurückgesteckten Pony gefallen, und ihr Zopf löste sich langsam auf. „Los, fahren wir, bevor Mom uns zurückholt und wir singen müssen.“

Tate lachte, ging um die Motorhaube des Wagens herum und setzte sich hinters Lenkrad.

„Beauty-Shop-Betsy“, sagte Audrey spöttisch. „Was hat sich Jeffreys Mom dabei gedacht, uns Puppenköpfe mit Lockenwicklern zu kaufen?“ Sie hatte schon als Zweijährige wie eine Erwachsene geredet.

„Hey“, ermahnte Tate sie, während er den Motor startete. Dann wartete er, bis sich der Stau, den die wegfahrenden Minivans und Volvos verursachten, einigermaßen aufgelöst hatte. Oh Mann, wann hatte es in Blue River – offizielle Einwohnerzahl: 8.472 – jemals ein derartiges Verkehrschaos gegeben? „Wenn jemand sich die Mühe macht, ein Geburtstagsgeschenk zu kaufen, solltest du dankbar sein.“

„Mom hat gesagt, dass wir das Zeug, das wir nicht mögen, umtauschen können“, ließ Audrey ihn wissen. Ihr Ton war ein bisschen patzig. „Alle haben den Geschenken die Rechnungen beigelegt.“

Tate fand, dass es allerhöchste Zeit war, das Thema zu wechseln. „Wie wär’s jetzt mit ein paar Orangen-Smoothies?“

Tate McKettrick, dachte Libby Remington, die zusah, wie sein Geländewagen samt Pferdeanhänger vor ihrem Café hielt und Tate zielstrebig zur Tür marschierte.

Es beunruhigte sie, dass ihr Herz nach all der Zeit bei seinem Anblick immer noch flatterte und sie ein nervöses Kribbeln im Bauch spürte. Zum Teufel mit diesem Mann mit den dunklen, etwas zu langen Haaren, den dunkelblauen Augen und diesem selbstbewussten, lässigen Gang. Er bewegte sich so geschmeidig, als hätte er sich die Hüftgelenke geschmiert.

Obwohl Blue River schon fast neuntausend Einwohner hatte, war das Städtchen nun mal keine Metropole. Und das bedeutete, dass sie und Tate sich gelegentlich über den Weg liefen. Jedes Mal, wenn das der Fall war, nickten sie sich kurz zu und gingen dann rasch in verschiedene Richtungen. Absichtlich allerdings begegneten sie einander nie.

Libby war nahe dran, das „Geöffnet“-Schild an der Tür umzudrehen. In der Hoffnung, dass er vielleicht nur eine Art Fata Morgana war, ein Produkt ihrer allzu lebhaften Fantasie, schloss sie einen Moment die Augen.

Er war natürlich keine Fata Morgana.

Als sie die Augen wieder öffnete, stand er schon vor der Glastür und guckte grinsend durch das Loch im „P“ des Schriftzugs Perk Up herein.

Als ein McKettrick, dessen Familie für hiesige Verhältnisse einen beachtlichen Stammbaum vorweisen konnte, war Tate daran gewöhnt zu bekommen, was er wollte. Inklusive Bedienung an einem Samstagnachmittag, wenn das Café früh schloss.

Libby seufzte. Dann schob sie den Riegel, mit dem sie die Tür bereits abgeschlossen hatte, wieder auf und öffnete.

„Zwei Orangen-Smoothies“, sagte er ohne Einleitung. „Zum Mitnehmen.“

Libby guckte an ihm vorbei zu seinem coolen Geländewagen und sah seine Zwillingstöchter auf der Rückbank. Ein alter Schmerz meldete sich. Einer, den zum Verstummen zu bringen ein hartes Stück Arbeit gewesen war. Seit sie sich in der zweiten Klasse in Tate verguckt hatte, hatte sie geplant, ihn zu heiraten, sobald sie beide erwachsen waren. Und sie war sich total sicher gewesen, dass sie diejenige sein würde, die seine Kinder zur Welt brachte.

„Wo ist Crockett?“, fragte sie automatisch.

Tates geradezu unerhört blaue Augen wirkten plötzlich traurig. „Ich musste ihn vor einer Weile einschläfern lassen“, antwortete er. „Er war ziemlich alt und zum Schluss auch krank.“

„Das tut mir leid.“ Libby tat es wirklich leid. Um den Hund. „Danke.“

Sie trat – wider besseren Wissens – einen Schritt zurück, damit Tate eintreten konnte. „Ich habe gerade zwei Mischlingshunde zur Pflege, weil das Tierheim voll ist. Möchtest du einen? Oder noch besser alle beide?“

Tate schüttelte den Kopf. Ein Sonnenstrahl fiel auf sein tiefschwarzes Haar, das frisch gekämmt aussah. „Nur zwei Smoothies. Orange. Mit wenig Zucker, wenn es geht.“

Libby ging hinter die Theke. Sie tat es weniger deshalb, um die Drinks zu mixen, die er bestellt hatte, sondern eher, weil sie eine feste Barriere zwischen sich und Tate haben wollte. Ihr Blick wanderte wieder zu den Kindern, die im Wagen warteten. Sie sahen beide aus wie ihr Vater. „Sonst noch etwas?“

„Nein.“ Tate holte seine zerbeulte Brieftasche heraus. „Wie viel?“

Libby nannte ihm die Summe für zwei Orangen-Smoothies, und er legte das Geld auf die Theke. Am Stadtrand gab es mindestens drei Restaurants, wo man mit dem Auto bequem stehen bleiben konnte; Tate war auf dem Weg von und zur Silver Spur Ranch oft genug am Perk Up vorbeigekommen. Warum also war er heute vor ihrem Café stehen geblieben? Hier, an der schmalen Hauptstraße von Blue River – mit einem Pferdeanhänger an seinem Wagen, diesem riesigen Phallussymbol?

„Bist du sicher, dass du für dich selbst nichts möchtest?“, fragte sie wie nebenbei. Sofort wünschte sie, sie hätte die Klappe gehalten.

Tate lächelte schief. Er roch nach an der Sonne getrockneter Wäsche, nach Aftershave und nach Mann. Seine Augen blitzten frech.

Seine Antwort allerdings war völlig unzweideutig. „Sie haben Geburtstag“, erklärte er und zuckte mit den Schultern. Sein blaues Hemd stand am Hals offen, und Libby konnte zu viel – und doch wieder nicht genug – von seiner Brust sehen.

Libby füllte das Getränk aus einem Krug in biologisch abbaubare Becher, verschloss sie mit zwei Deckeln und stellte sie neben die Kasse. „Dann könntest du ihnen ja einen Hund schenken. Oder zwei“, sagte sie mit gespielter Gelassenheit. Tate so nahe zu sein brachte sie ganz durcheinander. Aber vielleicht merkte er es ja nicht. „Da sie ja Geburtstag haben.“

„Ihre Mutter würde einen Anfall kriegen.“ Er griff nach den Bechern. Seine Hände waren kräftig und schwielig von der Rancharbeit. Trotz all des Geldes, das die McKettricks hatten, scheute Tate sich nicht, in ein Schlammloch zu waten, um eine Kuh zu befreien, Zaunpfosten in den Boden zu schlagen oder Ställe auszumisten.

Das war einer von vielen Gründen, warum ihn die Leute hier so gern mochten und bereitwillig über die mittlerweile stillgelegten Ölquellen, das lächerlich große Haus und über viertausend Hektar erstklassiges Weideland hinwegsahen. Weideland mit Quellen, Bächen und sogar einem Fluss.

Tate war einer von ihnen.

Aber die Leute in Blue River, die ihn so mochten, waren ja auch nicht von ihm verlassen worden, als er nur ein paar Monate vor Beginn seines Jurastudiums eine andere Frau geschwängert hatte.

Nein, das war ihr passiert.

Sie merkte, dass er auf ihre Antwort auf seine Bemerkung über seine Exfrau wartete. Ihre Mutter würde einen Anfall kriegen.

Und das wollen wir doch nicht, dachte Libby und presste die Lippen aufeinander.

„Das Eis in den Smoothies schmilzt“, sagte sie schließlich. Übersetzung: Verschwinde. Es tut weh, dich anzusehen. Es tut weh, mich daran zu erinnern, wie es früher zwischen uns war, bevor du eine andere abgeschleppt hast. Eine, die du nicht mal geliebt hast.

Wieder schmunzelte Tate. Aber sein Blick wirkte traurig. Dann drehte er sich zum Gehen um. „Vielleicht kommen wir ja bei dir zu Hause vorbei und schauen uns die Hunde mal an. Würde dir morgen passen?“

Er war nach der Geburt der Zwillinge weniger als ein Jahr bei Anwältin Cheryl geblieben. Sobald es den Babys gesundheitlich besser gegangen war und sie sich gut entwickelt hatten, hatte er für Cheryl und seine zwei Töchter die zweistöckige Kolonialvilla in der Oak Street gekauft.

Monatelang hatten sich die Leute darüber das Maul zerrissen.

„Das passt gut“, stimmte Libby zu, die gerade ganz in Gedanken versunken gewesen war. Tate McKettrick mochte ihr zwar das Herz gebrochen haben, doch er hatte seinen alten, arthritischen Hund Davy Crockett geliebt. Und sie musste ein gutes Plätzchen für die beiden Welpen finden.

Hildie, ihre schwarze Labradorhündin, war normalerweise die Liebenswürdigkeit in Person. Gegen die zwei tierischen Mitbewohner allerdings hatte sie eine Abneigung. Sie knurrte, wenn sie sich ihrer Futterschüssel näherten, und sie fletschte die Zähne, wenn die beiden sich nachts zu ihr auf die flauschige Decke am Fußende von Libbys Bett kuscheln wollten. Die beiden Kleinen – keiner von beiden älter als ein Jahr – schienen von Hildies wenig erfreuter Reaktion jedes Mal von Neuem verblüfft. Sie wedelten bei jedem Konflikt mit der Hündin unsicher mit dem Schwanz, um sich gleich darauf neuen Ärger mit ihr einzuhandeln.

Auf der Silver Spur Ranch, wo sie jede Menge Platz zum Herumtollen hätten, würden sie glücklich sein, dachte Libby.

Der Hoffnungsschimmer, der eben aufgeblitzt war, trieb ihr beinahe die Tränen in die Augen.

„Um sechs?“, fragte sie.

Tate hatte sich gerade einen Becher unter den Arm geklemmt, damit er die Tür öffnen konnte. Er drehte sich um und sah sie erstaunt an. Fast so, als hätte er das Gespräch über die Hunde – wenn nicht sogar Libby selbst – schon vergessen.

„Ich schließe um sechs.“ Libby fächelte sich mit der Preisliste Luft zu, obwohl die gebraucht gekaufte Klimaanlage im hinteren Teil des Cafés heute ausnahmsweise einmal funktionierte. „Das Café“, fügte sie hinzu. „Ich schließe das Café morgen um sechs. Du kannst dann bei mir zu Hause vorbeikommen und dir die Hunde anschauen.“

Tate sah einen Moment lang so aus, als bereute er seinen Vorschlag bereits, seine potenziellen neuen Schützlinge zu treffen. Aber dann lächelte er sein typisches Lächeln, bei dem Libby jedes Mal weiche Knie bekam. „Okay. Wir sehen uns also morgen kurz nach sechs.“

Libby schluckte. Dann nickte sie.

Er ging.

Sie schloss rasch wieder ab, drehte das Türschild um, sodass von draußen „Geschlossen“ zu sehen war, und sah Tate nach, wie er zu seinem Wagen ging. Er war so breitschultrig, so stark und selbstbewusst.

Wie ist es wohl, überlegte Libby, so zu leben, als würde einem die ganze Welt gehören?

Sie drehte sich rasch um. Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass Tate sich noch einmal nach ihr umsah, nachdem er den Mädchen die Becher durchs Autofenster gereicht hatte.

Sie nahm die Tageseinnahmen aus der Kasse und steckte die Scheine und Schecks in eine Banktasche. Sie würde sie zu Hause an dem üblichen Platz verstecken und morgen Vormittag während einer der immer häufiger werdenden Geschäftsflauten zur First Cattleman’s Bank bringen.

Das Haus, in dem sie schon ihr ganzes Leben wohnte, befand sich nicht weit entfernt auf der anderen Straßenseite. Hildie und die zwei Hündchen waren im Hof, als Libby zum Gartentor kam. Hildie lag im Schatten des einzigen Baumes, und die Pflegehunde spielten Tauziehen mit Libbys Lieblingsbluse. Das Kleidungsstück musste von der Wäscheleine gefallen oder von ihnen heruntergezogen worden sein.

Als die zwei kleinen Hunde Libby bemerkten, ließen sie die Bluse ins Gras fallen – der Rasen musste wieder einmal dringend gemäht werden – und begrüßten sie begeistert. Libby brachte es nicht übers Herz, mit ihnen zu schimpfen. Außerdem hätten die beiden es ohnehin nicht verstanden.

Während sie sich seufzend bückte, um die Bluse aufzuheben, tätschelte sie den beiden Rabauken den Kopf. „Ihr zwei“, sagte sie liebevoll, „seid sehr, sehr böse Hunde.“

Die zwei Kleinen waren außer sich vor Freude über Libbys Bemerkung. Beide stammten aus demselben Wurf und hatten goldblondes Fell, Schlappohren und große Pfoten. Während Hildie die Szene unbeeindruckt beobachtete, kläfften sie vor Begeisterung, tobten ungestüm durch den Garten und stießen dabei die Wertstofftonne um.

Endlich erhob sich Hildie von ihrem lauschigen Plätzchen unter der Eiche, streckte sich und schlenderte langsam zu ihrem Frauchen.

Libby beugte sich zu ihr hinunter, kraulte sie hinter den Ohren und flüsterte: „Halt durch, mein Mädchen. Mit ein bisschen Glück werden sich die zwei schon morgen Abend auf der Silver Spur Ranch austoben können.“

Hildie wedelte mit dem Schwanz. Ihre Augen glänzten vor Bewunderung und Liebe, als sie zu Libby aufsah.

„Zeit fürs Abendessen“, verkündete Libby ihrer Rasselbande und richtete sich wieder auf. Sie ging zur Hintertür. Die Hunde folgten im Gänsemarsch, wobei Hildie die kleine Kolonne anführte.

Die Bluse war, wie sich nun herausstellte, nicht mehr zu retten. Libby verzog das Gesicht und stopfte sie in einen Müllsack. Der blaue Stoff hatte die Farbe ihrer Augen vorteilhaft zur Geltung gebracht und gut zu ihrem goldbraunen Haar gepasst.

Nimm’s leicht, es gibt Schlimmeres, versuchte sie sich zu trösten. Es stimmte. Ihr Leben war nie ein Zuckerschlecken gewesen – und war es auch zurzeit nicht.

Sie hatte fünfzig Dollar für diese Bluse gezahlt, im Ausverkauf. Die wirtschaftliche Lage hatte sich drastisch verschlechtert, und Libby bekam die Auswirkungen der Krise auch in ihrem Café zu spüren.

Marva war zurück und wurde mit jedem Tag fordernder.

Und als wäre das alles noch nicht genug, gab es da auch noch die zwei Hunde, für die Libby dringend ein gutes Plätzchen finden musste. Sie konnte es sich schlicht und einfach nicht mehr leisten, sie zu behalten. Und sie hatte die beiden schon fast jedem passenden Kandidaten in Blue River angepriesen. Allerdings ohne Erfolg. Nur Jimmy-Roy Holter war ganz scharf darauf gewesen, die beiden zu sich zu nehmen. Doch er hatte vor, sie Killer und Ripper zu nennen. Dazu kam, dass er in einem Wohnwagen hinter dem Haus seiner Mutter inmitten von Schrottautos hauste. Außerdem hatte er Pitbull-Terrier gezüchtet und sie an einer viel befahrenen Landstraße direkt von der Ladefläche seines Pick-ups aus verscherbelt. Und zwar so lange, bis eine Tierschutzorganisation aus Austin ihm das Handwerk gelegt hatte.

Libby wusch sich in der Spüle die Hände, denen man ansah, dass sie viel arbeitete, und wischte sie an ihren Jeans ab. Die Küchenrolle war alle, und sämtliche Geschirrtücher befanden sich in der Wäsche.

Was ein schönes Heim für die Hunde betraf, war Tate McKettrick also ihre einzige Hoffnung. Was bedeutete, dass sie sich mit ihm herumschlagen musste.

Warum hatte sie eigentlich immer so verdammt viel Pech?

2. KAPITEL

Als sie auf der Ranch ankamen, hatten Audrey und Ava sich ausgiebig mit ihren Orangen-Smoothies bekleckert und sich auf der Fahrt auf eine Art und Weise gezankt, die Tate unangenehm an ihre Mutter erinnerte. Sobald er mit dem Geländewagen neben der Scheune stehen geblieben war, hatten sie sich aus den Gurten ihrer Kindersitze befreit und waren aus dem Wagen gesprungen. Es sah so aus, als wollten sie ihren Streit direkt hier auf dem staubigen Boden fortsetzen.

Tate stellte sich zwischen die beiden, bevor die Fäustchen zu fliegen begannen, und räusperte sich geräuschvoll. Als Ältester von drei Brüdern hatte er einige Erfahrung im Schlichten von Streit – obwohl er hin und wieder auch selbst der Anstifter gewesen war. „Ein Schlag“, warnte er seine Töchter, „nur ein einziger, und keine von euch darf reiten oder im Pool schwimmen, solange ihr hier seid.“

„Wie ist es mit treten?“ Audrey stemmte die Hände in die nicht vorhandenen Hüften. „Ist treten erlaubt?“

Tate verkniff sich ein Grinsen. „Treten ist genauso schlimm wie schlagen“, antwortete er. „Die Strafe ist die gleiche.“

Beide Mädchen wirkten enttäuscht. Er nahm an, dass sie – wie alle McKettricks – prinzipiell einem gepflegten Handgemenge nicht abgeneigt waren. Wenn man es ihnen nicht an ihrem Gesicht, der Augen- und der Haarfarbe angesehen hätte, hätte Tate es allein an ihrem Temperament erkannt.

„Los, bringen wir Bamboozle in den Stall und sehen nach, ob die anderen Pferde gut versorgt sind“, schlug er vor, da keine seiner Töchter ein Wort sagte. „Dann könnt ihr duschen – in Badezimmern, die möglichst weit entfernt voneinander sind –, und anschließend springen wir in den Pool.“

„Ich würde lieber Ava vermöbeln“, sagte Audrey.

Ava wurde sofort wieder wütend und stürzte sich auf ihre Schwester. Tate ging erneut gekonnt dazwischen. Wie viele Male hatte er Garrett und Austin auf die gleiche Weise voneinander getrennt, als sie alle noch Kinder gewesen waren?

„Du erwischst mich sowieso nicht.“ Audrey zeigte Ava die Zunge, und der Streit entbrannte von Neuem. Die Mädchen liefen um Tate herum und gingen aufeinander los wie zwei halb verhungerte Katzen, die beide den dicken Kanarienvogel haben wollten.

Tate hatte das Gefühl, als würde er versuchen, einen Schwarm Bienen zurück in den Bienenstock zu scheuchen. Gut möglich, dass es ihm nicht gelungen wäre, die Mädchen voneinander zu trennen, bevor sie einander wehtaten, wenn Garrett nicht aus der Scheune gelaufen und ihm zu Hilfe gekommen wäre.

Er packte Audrey von hinten an der Taille und hob sie hoch. Tate machte das Gleiche mit Ava. Beide Brüder bekamen jede Menge Tritte gegen ihre Knie, Schienbeine und Oberschenkel ab, bevor die Zwillinge endlich Ruhe gaben.

Garretts Augen, die so blau wie die von Tate, Audrey und Ava waren, funkelten amüsiert, als er seinen Bruder über die Köpfe seiner Nichten hinweg ansah. „Na“, sagte er, während die Zwillinge vor Freude, ihn zu sehen, aufkreischten, „das nenne ich aber eine nette Begrüßung. Und das, nachdem ich den ganzen weiten Weg von Austin hierhergekommen bin. Vielleicht sollte ich eure Geburtstagsgeschenke gleich wieder an Neiman Marcus zurückschicken und so tun, als wäre heute ein ganz normaler Tag.“

Tate und Garrett stellten die beiden Mädchen wieder auf ihre sandalenbeschuhten Füße.

Audrey strich sich über ihr zerknittertes Sommerkleid und übers Haar – weibliche Wesen jeden Alters neigten in Garretts Gegenwart zu einer gewissen Eitelkeit – und fragte: „Was hast du uns gekauft, Onkel Garrett?“

Tate fielen die Geschenke des letzten Jahrs ein, und die Muskeln seiner Kinnpartie spannten sich sofort an. Es waren lebensgroße Porzellanpuppen gewesen, die extra von irgendeinem Künstler in Österreich als maßgetreue Nachbildungen der Zwillinge angefertigt worden waren. Tate war froh, dass die Puppen bei Cheryl waren, denn er selbst fand die Dinger, die starr vor sich hin glotzten, gruselig. Er hätte schwören können, dass er sie atmen gesehen hatte.

„Warum geht ihr nicht einfach auf die Veranda hinter der Küche und findet es heraus?“, schlug Garrett geheimnisvoll vor. „Dann wisst ihr, ob es sich auszahlt, euch anständig zu benehmen oder nicht.“

Die Mädchen, die zumindest für den Moment alle Feindseligkeiten vergessen hatten, rannten kreischend zu dem breiten Weg, der um das gigantisch große Haus herumführte.

Was auch immer Garrett für Audrey und Ava gekauft hatte, es würde Tates Geschenk – ein Gartenkrocket-Set von Wal-Mart – vergleichsweise mickrig und wenig originell aussehen lassen.

Nicht, dass er von Vergleichen viel hielt.

„Ich dachte, du wärst in der Hauptstadt und rund um die Uhr damit beschäftigt, es dem Senator recht zu machen.“ Tate sah seinen Bruder von der Seite an.

Garrett lachte leise und schlug ihm ein bisschen zu fest auf die Schulter. „Tut mir leid, dass ich es nicht auf die Party in der Stadt geschafft habe“, sagte er, ohne auf die Bemerkung über seinen Arbeitgeber einzugehen. „Aber immerhin habe ich es hierher geschafft. Trotz Besprechungen, einer Pressekonferenz und mindestens eines drohenden Skandals, den ich geschickt abgewendet habe. Das ist ziemlich gut.“

Tate holte tief Luft und atmete langsam aus. Garrett war trotz allem insgesamt ein großzügiger Onkel und ein guter Bruder, doch für einen McKettrick aus Texas lebte er das falsche Leben. Und es schien ihm nicht einmal bewusst zu sein. „Ich weiß nicht, was mit den beiden los ist.“ Tate fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Er fühlte sich selbst von oben bis unten klebrig, obwohl er auf der Fahrt nach Hause seines Wissens nicht in die Nähe der Smoothies gekommen war.

Von der Veranda drüben klangen Freudenschreie herüber, und man hörte, wie Esperanza, die Haushälterin, die seit der Hochzeit von Tates Eltern auf der Ranch arbeitete, sich fröhlich auf Spanisch mit den Zwillingen unterhielt.

„Wird schon werden“, sagte Garrett gelassen. Leicht gesagt für einen Onkel. Für einen Vater hingegen war die Sache nicht so einfach.

„Was zum Teufel hast du ihnen diesmal gekauft?“, fragte Tate und ging in die Richtung, aus der die Begeisterungsschreie kamen. Seine Stimmung verdüsterte sich wieder. Er dachte die ganze Zeit an das verdammte Krocket-Set. „Reinrassige Rennpferde?“

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