Logo weiterlesen.de
Weihnachtsengel gibt es doch

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Vervielfältigung, des
Ab- oder Nachdrucks in jeglicher Form,
sind vorbehalten und bedürfen in jedem Fall der Zustimmung des Verlages.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich der
gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Susan Wiggs

Weihnachtsengel gibt es doch

Roman

Aus dem Amerikanischen von Ivonne Senn

Für die vielen Bibliothekare, die ich kenne – inklusive John,

Kristin, Nancy, Charlotte,

Wendy, Cindy, Rebecca, Elizabeth, Suzanne,

Melanie, Shelley, Stephani, Deborah, Cathie –,

und die vielen, die ich noch nicht kennengelernt habe.

Ihr habt keine Ahnung, wie sehr ihr das Leben der Menschen bereichert.

Oder vielleicht wisst ihr es doch. Ich hoffe es.

Danke schön!

DANKSAGUNGEN

Ich hatte mal wieder ein wenig Hilfe von meinen Freunden – Anjali Banerjee, Carol Cassella, Sheila Roberts, Suzanne Selfors, Elsa Watson, Kate Breslin, Mary Buckham, Lois Faye Dyer, Rose Marie Harris, Patty Jough-Haan, Susan Plunkett und Krysteen Seelen – alles wundervolle Autorinnen und Leserinnen mit Adleraugen.

Danke an Sherrie Holmes für die wie immer fabelhafte Organisation meines Lebens.

Danke an Margaret O’Neill-Marbury und Adam Wilson von MIRA Books, Meg Ruley und Annelise Robey von der Jane Rotrosen Agency für unbezahlbare Ratschläge und Einsichten. Danke an meinen Verlag und meine Leser für die Unterstützung der Lakeshore Chronicles und dafür, dass ihr mich immer wieder inspiriert, nach Avalon zurückzukehren.

Ein ganz besonderer Dank und all meine Liebe gehen an meine Tochter Elizabeth für ihre Hilfe mit den Rezepten und für ihr Marketingwissen. Außerdem ein Dank an meine Schwester Lori fürs Korrekturlesen und an meine Mutter Lou dafür, dass sie mich immer bemuttert, egal, wie alt ich werde.

Meine Familie – der Grund für alles – ist dieses Jahr größer und gesegneter als je zuvor. Willkommen in der Familie, Dave.

Susan Wiggs

1. TEIL

Gesegnet sei die Jahreszeit, die die ganze Welt in einer Verschwörung der Liebe vereint.

Hamilton Wright Mabie (1846 – 1916), amerikanischer Essayist

1. KAPITEL

Der Junge erreichte den Ortsrand in der Abenddämmerung eines Wintertages. Auch wenn noch kein Schnee gefallen war, lag eine erbarmungslose Kälte in der Luft, die Feldern und Wäldern jegliches Leben und alle Farbe auslaugte.

Die Straße verengte sich zu einer Spur und führte über eine überdachte Brücke, die von uralten Pfeilern aus Flusssteinen gehalten wurde. Im Laufe der Jahre war das Holz verwittert und Planke für Planke ersetzt worden, doch die Brücke selber war dabei unverändert geblieben. Die aufgeworfenen Steine und die verdorrte Vegetation am Flussufer waren von zartem Raureif überhaucht. Die Bäume in den umliegenden Obstgärten und Wäldern hatten schon lange ihre Blätter verloren. Ein Gefühl erstarrter Erwartung erfüllte das Land, als wäre die Bühne für die Aufführung bereit.

Er verspürte eine ruhige Zielstrebigkeit in sich. Er wusste, dass seine Aufgabe hier nicht einfach sein würde. Herzen würden gebrochen und wieder geheilt werden, Wahrheiten würden enthüllt, Risiken eingegangen werden. Was, wenn er es genauer bedachte, einfach das war, was man Leben nannte – chaotisch, unvorhersehbar, freudig, mysteriös, schmerzvoll und erlösend.

Ein grün-weißes Schild in Form eines Wappens verriet ihm den Namen der Stadt: Avalon. Ulster County. 1325 m ü. NN.

Etwas weiter grüßten von einer Plakatwand der Rotary Club, die Kiwanis und mindestens ein Dutzend Kirchen und Gemeindegruppen. Der Willkommensgruß lautete: Avalon – im Herzen des Waldschutzgebiets der Catskills. Ein weiteres Schild forderte die Reisenden auf, den Willow Lake zu besuchen, das „Juwel der Berge“. Diese kleine Übertreibung mochte auf so einige kleine, an den Seen von Upstate New York gelegene Dörfer zutreffen, aber dieses hier hatte die Ernsthaftigkeit und den Charme eines Ortes mit einer langen und komplizierten Vergangenheit.

Er war eine dieser Komplikationen. In Gänze hatte auch er noch nicht verstanden, was ihn hierher gebracht hatte – ein winziger Blick in die geheimnisvolle Welt des menschlichen Herzens. Vielleicht sollte er gar nicht wissen, warum die Vergangenheit und die Gegenwart zu genau diesem Zeitpunkt kollidieren mussten. Vielleicht reichte es, dass er seine Aufgabe kannte: ein altes Unrecht wiedergutzumachen. Wie genau das vonstattengehen sollte – nun, das war eine weitere Unbekannte, die sich ihm sicher nach und nach enthüllen würde.

Die Hauptattraktion des Ortes war ein hübscher, gepflasterter Platz rund um ein gotisch anmutendes Gebäude, in dem sich die Gemeindebüros und das Gericht befanden. Darum herum hatten sich viele kleine Läden und Restaurants angesiedelt, aus deren Fenstern warmes Licht auf die Straße schien. Die ersten Weihnachtsgirlanden und Lichterketten wanden sich um die gusseisernen Gaslaternen rund um den Marktplatz. In der Ferne lag der Willow Lake wie ein breites indigofarbenes Laken unter dem düsteren Himmel; seine Oberfläche war von einer Eisschicht überzogen, die im Laufe des Winters immer dicker werden würde.

Ein paar Straßenblocks vom Marktplatz entfernt lag der Bahnhof. Gerade war ein Zug eingefahren und spuckte seine Passagiere aus, die von der Arbeit in einer der größeren Städte zurückkehrten – Kingston und New Paltz, Albany und Poughkeepsie, einige kamen sogar ganz aus New York City. Die Menschen eilten zu ihren Autos, begierig darauf, aus der Kälte und zu ihren Familien zu kommen. Es gab so viele Arten, eine Familie zu gründen … und genauso viele, sie zu verlieren. Aber die menschliche Natur war aus Vergebung geschmiedet, und ein Neuanfang bedurfte vielleicht nur eines Worts oder einer freundlichen Geste.

Es fühlte sich seltsam an, nach all den Jahren zurück zu sein. Seltsam und … wichtig. Irgendwo lauerte hier Gefahr, ob die Menschen es nun wussten oder nicht. Und irgendwie musste er helfen. Er hoffte nur, dass er es auch konnte.

Nicht weit entfernt vom Bahnhof lag die Stadtbücherei, ein rechteckiger Bau im griechischen Stil. Der Grundstein war vor genau neunundneunzig Jahren gelegt worden; dieses Datum war ihm ins Herz gebrannt. Der Bau erhob sich inmitten eines mehrere Hektar großen Stadtparks, dessen kahle Bäume und kreuz und quer verlaufende Wege nun verlassen dalagen. Die Bibliothek war auf dem Platz ihrer Vorgängerin errichtet worden, die ein Jahrhundert zuvor bis auf die Grundmauern niedergebrannt war. Dabei war ein Mensch ums Leben gekommen. Nur wenige Menschen kannten die Einzelheiten dessen, was damals passiert war, oder wussten von den Folgen, die der Vorfall für die Stadt gehabt hatte.

Eine reiche Familie, die um den Wert der Bibliothek wusste, spendete das Geld für den Wiederaufbau. Aus behauenen Steinen gebaut, war das neue Gebäude nahezu feuerfest, und die neue „Freie Bücherei von Avalon“ hatte nun schon beinahe hundert Jahre kommen und gehen sehen. Zeiten wachsenden Wohlstands und bitterer Armut, Krieg und Frieden, soziale Unruhen und Harmonie. Die Stadt hatte sich verändert, die Welt hatte sich verändert. Die Menschen kannten einander nicht mehr. Und doch gab es ein paar Konstanten, die alles zusammenhielten. Und eine davon war die Bücherei. Zumindest im Moment.

Er seufzte. Sein Atem gefror in der Luft, als die alten Erinnerungen auf ihn einstürmten, so verstörend wie ein nicht zu Ende geträumter Traum. Vor all diesen Jahren war die erste Bibliothek zerstört worden. Nun drohte ihrer Nachfolgerin Gefahr. Nicht durch Feuer, aber durch etwas genauso Schlimmes. Vielleicht blieb noch ausreichend Zeit, sie zu retten.

Das Gebäude hatte rundherum hohe Fenster, und ein Oberlicht über dem Innenhof flutete die Räume mit Licht. Durch die Fenster konnte er die alten, aus Eichenholz erbauten Bücherregale sehen, die Tische und Arbeitsnischen, in denen die Menschen über den Lesestoff gebeugt saßen. Durch ein anderes Fenster sah er den Bereich für die Mitarbeiter.

Im Inneren, an einem überladenen Tisch, saß eine Frau im Licht einer Schreibtischlampe. Ihr blasses Gesicht war von einer tiefen Sorge gezeichnet, die schon an Verzweiflung grenzte.

Sie stand abrupt auf, als hätte sie sich gerade an etwas erinnert, und strich mit den Händen die Vorderseite ihres braunen Rocks glatt. Dann schnappte sie sich ihren Mantel von einem Haken und rüstete sich gegen die schnell einfallende Kälte – gefütterte Stiefel, Schal, Mütze, Handschuhe. Trotz der vielen Besucher schien sie abgelenkt und sehr einsam zu sein.

Die scharfe, trockene Kälte drängte ihn in Richtung Eingang, der von einem großen Steinbogen umrahmt wurde, in den weise Sprüche hineingemeißelt worden waren. Er blieb stehen, um die Worte der Gelehrten zu studieren – Plutarch, Sokrates, Judah Ibn Tibbon, Benjamin Franklin. Doch auch wenn die weisen Worte durchaus ansprechend waren, hatte der Junge keinen anderen Wegweiser als sein Herz. Es war an der Zeit loszulegen.

Beinahe wäre die Frau in ihn hineingerannt, als sie mit gesenktem Kopf durch die schwere Eingangstür eilte.

„Oh“, sagte sie und trat einen Schritt zurück. „Oh, tut mir leid. Ich habe dich nicht gesehen.“

„Ist schon gut“, sagte der Junge.

Irgendetwas in seiner Stimme ließ sie innehalten. Sie musterte ihn einen Moment durch die dicken Gläser ihrer Brille. Er versuchte sich vorzustellen, was sie wohl sah, wenn sie ihn anschaute – ein Junge von nicht ganz sechzehn Jahren, mit ernsten dunklen Augen, olivfarbener Haut und Haaren, die schon viel zu lange keine Schere mehr gesehen hatten. Er trug eine grünliche Cargojacke aus dem Armyshop und eine locker sitzende Latzhose, die abgetragen, aber sauber war. Die Winterkleidung verdeckte seine Narben, zumindest zum größten Teil.

„Kann ich dir helfen?“, fragte sie leicht atemlos. „Ich bin gerade auf dem Weg nach Hause, aber …“

„Ich glaube, ich finde das, was ich suche, alleine“, sagte er.

„Die Bücherei schließt heute um sechs“, informierte sie ihn.

„Ich brauche nicht lange.“

„Ich glaube nicht, dass wir uns schon mal begegnet sind“, sagte sie. „Ich versuche, alle meine Besucher kennenzulernen.“

„Ich heiße Jabez, Ma’am. Jabez Cantor. Ich bin … neu hier.“ Das war keine wirkliche Lüge.

Sie lächelte, auch wenn ihre Augen immer noch von Sorge überschattet waren. „Maureen Davenport.“

Ich weiß, dachte er. Ich weiß, wer du bist. Er verstand ihre Wichtigkeit, auch wenn sie selber nichts davon ahnte. Sie hatte so viel getan, hier, in dieser kleinen Stadt, und vermutlich wusste sie es nicht einmal.

„Ich bin die Bibliothekarin hier“, erklärte sie. „Ich würde dich gerne herumführen, aber ich muss noch woanders hin.“

Das weiß ich auch, dachte er.

„Wir sehen uns ein andermal, Jabez“, sagte sie.

Ja, dachte er, als sie davoneilte. Das werden wir.

2. KAPITEL

Zügigen Schrittes erreichte Maureen Davenport die Bäckerei. Ihre Wangen brannten nach dem kurzen Spaziergang von der Bücherei hierher. Auch wenn sie die leicht beißende Kälte mochte, war sie dankbar für den warmen Zufluchtsort, den die Sky River Bakery darstellte. Sie schälte sich aus Schal, Mütze und Handschuhen und ließ dabei ihren Blick über die Menschen gleiten, die sich um die gebogenen Glasauslagen mit Kuchen und Leckereien versammelt hatten. Auch die Bistrotische und Sitzecken um sie herum waren gut besucht.

Er war ganz offensichtlich noch nicht hier. Es war ein einzigartig unangenehmes Gefühl, auf jemanden zu warten, der nicht wusste, wie man aussah. Sie überlegte, einen Becher Tee oder eine heiße Schokolade zu bestellen, aber die Schlange war ganz schön lang. Also setzte sie sich und nahm das Buch zur Hand, das sie gerade las – 365 Tage im Jahr Weihnachten: Wie Sie den Geist der Feiertage in jeden Tag Ihres Lebens bringen.

Maureen las immer. Seitdem sie klein war, hatte sie Freude und Trost in Büchern gefunden. Eine Geschichte war für sie so viel mehr als nur Wörter auf einer Seite. Ein Buch aufzuschlagen war, wie die Tür zu einer anderen Welt zu öffnen, und sobald sie einmal die Schwelle übertreten hatte, gab es kein Zurück mehr. Wenn sie eine Geschichte las, lebte sie in einer anderen Haut.

Sie liebte alle möglichen Arten von Büchern: Romane, Sachbücher, Kinderbücher, Selbsthilfebücher. Als Stadtbibliothekarin waren Bücher ihr Job. Und als jemand, der so gerne las, wie andere Menschen aßen, waren Bücher auch ihr Leben. Sie versuchte, sich nicht zu sehr in die Seite zu versenken, die sie gerade las, denn mit einem Auge musste sie weiterhin nach ihm Ausschau halten.

Ihm. Eddie Haven. Und er verspätete sich.

Als die Minuten verrannen, wurde Maureen langsam paranoid. Was, wenn er nicht käme? Was, wenn er sie sitzen ließe? Könnte sie ihn feuern? Nein, das könnte sie nicht. Er war ein Freiwilliger, und Freiwillige konnte man nicht wirklich rausschmeißen. Außerdem war er gerichtlich dazu verpflichtet worden, bei ihr zu arbeiten.

Warum sonst würde ein Mann wie Eddie Haven auch bei ihr sein, wenn nicht per Gerichtsbeschluss? Sie versuchte, die Kränkung nicht zu sehr an sich heranzulassen – aber der einzige Weg, wie jemand wie er mit jemandem wie Maureen zusammen gesehen würde, war per Gerichtsbeschluss. Dass sie nicht zusammenpassten, war eine schlichte Tatsache. Vielleicht sogar ein Naturgesetz. Er war umwerfend gut aussehend, prominent (okay, nur ein D-Promi, aber trotzdem) und ein unglaublich talentierter Musiker. Er war beinahe berühmt.

Vor langer Zeit war er das bekannteste Gesicht des Landes gewesen. Er war einer dieser ehemaligen Kinderstars, die in jungen Jahren kurzen Ruhm erlangen und deren Flamme dann genauso schnell wieder verlischt. Dennoch hatte seine Rolle in dem einen Megaerfolg ihm jahrelang den Lebensunterhalt gesichert – auch dank der vielen Wiederholungen im Kabelfernsehen. Der Weihnachtsstreich, ein herzerwärmender Film, der die Welt begeistert hatte und inzwischen zu den weihnachtlichen Klassikern gehörte. Sie hatte seinen Namen in Verbindung mit einer Vielzahl von Frauen gehört, und ab und zu erschien sein Bild in einem der Klatschmagazine, und jedes Mal hatte er ein Starlet oder eine aufstrebende Berühmtheit an seiner Seite. Eine ganze Zeit lang war es still um ihn geworden, doch gerade war die Special-DVD zum fünfundzwanzigsten Jubiläum seines Films veröffentlicht worden, und das Interesse an ihm war erneut entflammt.

Maureen hatte nichts mit ihm gemeinsam. Ihre Lebenswege hatten sich eine Nacht lang überschnitten, an die er sich nicht mehr erinnerte, die ihr aber tief in die Seele gebrannt war. Er lebte in New York City und kam in den Ferien immer nach Avalon – allerdings gegen seinen Willen. Sie hatte gehört, dass er hier Freunde hatte, aber sie gehörte nicht dazu. Ihres Wissens nach hatte er noch nie einen Fuß in die Bücherei gesetzt.

Trotzdem hatte es sich beinahe wie eine echte Verabredung angefühlt, das Treffen hier in der Bäckerei zu vereinbaren. Das Rendezvous war natürlich per E-Mail arrangiert worden. Das Telefon zu benutzen wäre viel zu gewagt und einschüchternd gewesen. E-Mails waren ihr viel lieber. Bei E-Mails wurde sie nicht nervös. Und in E-Mails hatte sie beinahe so etwas wie eine Persönlichkeit. Sie hatte also noch nicht mit ihm gesprochen – wer musste schon sprechen, wenn er schreiben konnte? –, dennoch trug das Hin und Her beim Abmachen des Termins alle Anzeichen einer echten Verabredung. Natürlich war es keine, denn solche Sachen passierten Frauen wie Maureen nicht.

Außer vielleicht in Büchern. Und natürlich in Träumen.

Nur in Träumen konnte ein unscheinbarer, weiblicher Bücherwurm die Aufmerksamkeit von jemandem wie Eddie Haven wecken.

Selbst wenn diese unscheinbare Frau ihm einmal das Leben gerettet hatte. Sie seufzte schulterzuckend und erstickte schnell das schmerzende Flüstern der Erinnerung.

Seit sehr langer Zeit hatte sie keine Verabredung mehr gehabt. Sie war sehr anspruchsvoll, zumindest redete sie sich das ein, und dann waren da noch ihre viel zu neugierigen Geschwister und Freunde. Bei der Erinnerung an ihre letzten beiden Verabredungen zuckte sie innerlich immer noch zusammen – ein Abend mit einem Briefmarkensammler namens Alvin und ein ganz schlechtes Konzert mit Walter Grunion im letzten Jahr. Sie war mit Kopfschmerzen nach Hause gekommen und mit dem festen Entschluss, nicht mehr mit Männern auszugehen, nur weil es von ihr erwartet wurde. Sie würde von nun an aufhören, Ja zu Verabredungen mit Männern zu sagen, an denen sie nicht interessiert war, nur weil sie in den Zwanzigern war – gerade so eben noch – und man so etwas einfach tat.

Die Menschen in der Bäckerei, die kamen und gingen, beachteten Maureen kaum. Was ihr nur recht war. Sie hatte es noch nie gemocht, im Zentrum der Aufmerksamkeit zu sein. Vor langer, langer Zeit hatte sie mal davon geträumt, im Scheinwerferlicht zu stehen. Doch das Leben hatte sie von dieser Sehnsucht schnell geheilt. In gnädig jungen Jahren hatte sie gelernt, dass bekannt zu sein und erkannt zu werden kein Ersatz dafür waren, geliebt und geschätzt zu sein. Maureen war unauffällig und bescheiden; so fühlte sie sich wohl. Sich unterhalb des Radars zu bewegen war ihr nie schwergefallen. Natürlich hatte sie auch T-Shirts getragen, auf denen Sprüche standen wie „Unklarheiten vermeiden“, und einen Button zur Unterstützung der intellektuellen Freiheit, aber irgendwie schien das nie jemand wahrgenommen zu haben. Vielleicht wurde das Trendige an ihrem T-Shirt auch durch den handgestrickten Pullover ihrer Lieblingstante und die Tweedröcke, dicken Strumpfhosen und Stiefel überstrahlt. Sie wusste, dass ihr Kleidungsstil schlicht und langweilig war, aber es störte sie nicht. Mode war etwas für Leute, die nach Aufmerksamkeit lechzten.

Ab und zu traf ihr Blick den eines anderen Gastes, und dann nickte man sich höflich und stumm zu. Sie war die Art Mensch, die andere nur indirekt erkannten. Sie sah irgendwie bekannt aus, wie jemand, den man ab und zu traf, aber nicht wirklich einordnen konnte.

Das gab Maureen immer wieder Rätsel auf, denn sie hatte ein ausgezeichnetes Gedächtnis für Gesichter und Namen. Das da hinten zum Beispiel war Kim Crutcher, die einen Kaffee trank, während ihre Freundin Daphne McDaniel an einem Donut knabberte, der mit Streuseln in allen Regenbogenfarben bestreut war. Beide Frauen waren regelmäßige Besucher der Bücherei. Genau wie Mr Teasdale, der auf der anderen Seite des Cafés saß und verträumt aus dem Fenster schaute. Er nutzte regelmäßig den Service für Sehbehinderte der Bücherei. Ohne große Mühen konnte Maureen die Namen der Kinder nennen, die sich nach dem Hockeytraining eine Stärkung gegönnt hatten und nun zum Ausgang drängten: Chelsea Nash, Max Bellamy, AJ Martinez, Dinky Romano.

Sie fragte sich, ob Eddie seine zweifelhafte Berühmtheit genoss. Vielleicht würde sie jetzt, wo sie zusammenarbeiteten, eine Chance kriegen, ihn danach zu fragen.

Oder auch nicht.

Traurige Tatsache war, dass sie vermutlich zu schüchtern war, ihn nach der Uhrzeit zu fragen, geschweige denn danach, wie es ihm mit den Wechselfällen des Ruhms ging. Sie wusste viel über Eddie Haven, und doch kannte sie ihn nicht. Vielleicht würde sich das in den kommenden Wochen bis Weihnachten ändern.

Oder auch nicht.

Sie fragte sich, ob es möglich war, jemanden kennenzulernen, ohne sich selber zu offenbaren. Und interessierte es sie genug, um es zu versuchen?

Sie las eine Seite in ihrem Buch und versuchte, nicht auf die erleuchtete Uhr an der Wand zu schauen. An einem nebenstehenden Tisch brandete Gelächter auf, und das Trällern einer kindlichen Stimme schwebte durch das geschäftige Café. Zusammen mit der Bücherei und der Herz-der-Berge-Kirche war die Sky River Bakery einer ihrer Lieblingsplätze im Ort. Es war unmöglich, in einer Bäckerei traurig oder deprimiert zu sein. Irgendetwas an dem zuckrigen Hefegeruch schien die Menschen mit einer tiefen Gelassenheit zu erfüllen, denn jeder, den Maureen sah, wirkte entspannt und glücklich.

Ein Mädchen in einer weißen Schürze stand auf einem Tritt und schrieb eine Liste mit Angeboten zu Thanksgiving und einen Hinweis, dass bereits Vorbestellungen für Weihnachten entgegengenommen würden. Als sie das sah, überlief Maureen ein Schauer der Vorfreude. Weihnachten war nicht mehr weit, und trotz allem, was in ihrem Leben los war, war es ihre liebste Zeit des Jahres.

Maureen beging den Fehler, auf die Uhr zu schauen. Jetzt war Eddie Haven offiziell zu spät. Sieben Minuten, um genau zu sein. Nicht, dass sie mitzählte … Wie lange wartete man? Fünf Minuten? Zehn? Zwanzig? Und wem oblag es, sich mit dem anderen in Verbindung zu setzen? Dem Wartenden oder dem das Warten Verursachenden?

Sie schirmte ihre Augen mit den Händen ab und schaute aus dem Fenster. Die Straße war voll mit Leuten, die von der Arbeit oder schulischen Aktivitäten nach Hause gingen. Ein Junge kam vorbei, und sie dachte, dass es vielleicht der war, den sie vorhin an der Bücherei gesehen hatte. Jabez. Er hatte unglaublich große, dunkle Augen, die von dichten, langen Wimpern umrahmt wurden. Die Haltung und Förmlichkeit, mit der er Maureen begrüßt hatte, waren ihr ungewöhnlich vorgekommen, auch wenn sie nicht sagen konnte, wieso. Er betrachtete die Regale mit Brotlaiben und Kuchen, und seine Hand glitt in die Tasche seiner olivfarbenen Jacke. Dann seufzte er, sein Atem blieb in einer Wolke in der Luft hängen. Schließlich ging er zögernd weiter. Sie verspürte den Wunsch, ihn zurückzurufen, ihm anzubieten … was? Maureen neigte nicht zu sozialen Impulshandlungen, und außerdem zweifelte sie daran, dass ein Teenager Interesse daran hätte, von der Stadtbibliothekarin eingeladen zu werden.

Nach neun Minuten fragte sie sich, ob sie sich vielleicht mit Zeit und Ort ihres Treffens vertan hatte. Nur um sicherzugehen, blätterte sie in den Papieren auf ihrem Klemmbrett, bis sie die E-Mail fand, die sie sich ausgedruckt hatte. Nein, sie hatte sich nicht vertan. Er war zu spät. Total und unentschuldbar zu spät.

Als die Verspätung zwölf Minuten betrug, war sie ernsthaft nervös. Vielleicht würde sie ihm nun doch hinterhertelefonieren müssen. Guter Gott, sie hasste es, zu telefonieren. Oder … warte. Sie könnte ihm eine SMS schicken. Perfekt. Eine kleine Textnachricht, in der sie ihn fragen würde, ob er noch vorhatte, sich mit ihr zu treffen.

Ja, das würde ihm die Möglichkeit geben, sein Gesicht zu wahren, falls er den Termin verschwitzt hatte. Warum sie glaubte, es fiele in ihren Zuständigkeitsbereich, sein Gesicht zu wahren, war ein ganz anderes Thema.

Sie hatte ihr Telefon schon in der Hand, da fiel ihr die Kein-Handy-Regel der Bäckerei ein. Im Eingangsbereich hing ein Schild mit einem durchgestrichenen Mobiltelefon. Galt das auch für Textnachrichten? Maureen kannte sich mit SMS noch nicht so gut aus, deshalb war sie sich nicht sicher.

Um keinen Fehler zu machen, entschied sie sich, vorsichtshalber nach draußen zu gehen. Sie kam sich fast ein wenig geheimnisvoll dabei vor. Mit gerunzelter Stirn machte sie sich daran, eine sehr sorgfältig formulierte Nachricht zu verfassen. „Komm schon“, schalt sie sich leise. „Das ist kein Text, der irgendwo in Stein gemeißelt werden soll.“ Dennoch verursachte ihr alleine die Wahl der richtigen Ansprache körperliche Schmerzen. Brauchte es überhaupt einen Gruß? Oder sollte sie einfach mit der Nachricht loslegen? Und wie verabschiedete man sich? ALLES GUTE? WIR SEHEN UNS? War sie MAUREEN? M. D.? Nein, das war komisch. Okay. M. DAVENPORT. Geht doch.

Sie drückte auf „Senden“.

In der gleichen Sekunde bemerkte sie ein kleines blinkendes Symbol, das ihr anzeigte, dass sie eine Nachricht erhalten hatte. Seltsam. Sie erhielt nie Textnachrichten.

Diese hier war von – hups – Eddie Haven und vor ungefähr einer Stunde versendet worden.

KOMME 15 MINUTEN SPÄTER. SORRY. WIR SEHEN UNS UM 6:15.

Na toll, jetzt wirkte sie wie eine neurotische Psychostalkerin, die einen Riesenwirbel um eine fünfzehnminütige Verspätung macht, aber zu doof ist, ihre SMS zu überprüfen.

Sie stand am Rand des Bordsteins, starrte auf das kleine Display ihres Telefons und wünschte sich, der Boden würde sich unter ihr auftun und ihr dieses peinliche Treffen ersparen. Ganz in Gedanken verloren, bemerkte sie den weißen, fensterlosen Van, der auf sie zuschlitterte, erst, als es beinahe zu spät war. Sie sprang in dem Moment vom Bürgersteig, als der Wagen in eine nur wenige Zentimeter entfernte Parklücke schlingerte und sie dabei beinahe gegen die Hauswand gedrückt hätte. Rockmusik dröhnte aus dem zerbeulten, zerschrammten Auto, bis der Motor abgestellt wurde.

Maureen hielt ihr Handy mit eisigen Fingern umklammert und stieß erschöpft den Atem aus. Sie hörte das Klappen einer Tür, dann Schritte auf dem Gehweg.

Ein schwarz gekleideter Mann tauchte auf und schaute sie aus funkelnden Augen an. Sie musterte ihn von Kopf bis Fuß. Seine struppigen blonden Haare erinnerten sie an einen kalifornischen Surfer. Er trug eine zerrissene Jeans und knöchelhohe schwarze Turnschuhe. An seiner Jacke hing ein Skipass, und der Reißverschluss war so weit aufgezogen, dass das gut sitzende schwarze T-Shirt darunter sichtbar wurde. Eddie Haven war da. Wunderbar. Er würde bestimmt große Stücke auf sie halten.

„Meine Güte, Lady. Ich habe Sie gar nicht gesehen. Ich hätte sie beinahe überfahren“, sagte er.

„Ja“, stimmte sie zu. „Ja, das hätten Sie beinahe.“

„Ich habe Sie nicht gesehen“, wiederholte er.

Natürlich nicht. Und da war er nicht der Erste. „Sie hätten besser aufpassen sollen.“

„Ich war, ich …“ Er fuhr sich mit der Hand durch die langen weizenfarbenen Haare. „Guter Gott, Sie haben mich zu Tode er schreckt.“

„Es gibt keinen Grund, den Namen des Herrn unnütz zu führen“, sagte sie und zuckte im gleichen Moment unter ihren eigenen Worten zusammen. Wann bitte war sie so altbacken geworden?

„Das war nicht unnütz“, erwiderte er. „Ich habe es genau so ge meint.“

Sie schniefte. Die mit Erschöpfung gefüllte Winterkälte drang ihr bis auf die Knochen. „Es ist einfach nur so … einfallslos. Und respektlos.“

„Und unglaublich selbstgerecht“, fügte er mit einem Grinsen hinzu. „Tut mir leid, ich muss jetzt los.“ Er nickte in Richtung der Bäckerei. „Ich bin verabredet.“

Ein leises, blubberndes Geräusch kam aus … es schien aus seiner Jeans zu kommen. Er steckte die Hand in die Tasche und holte ein Handy hervor.

Maureen warf einen Blick auf das Display ihres Telefons. Nachricht gesendet, stand da.

Dann schaute sie wieder zu Eddie Haven. Trotz seiner etwas flapsigen Ausdrucksweise konnte man nicht verleugnen, dass der Mann eine gewisse Präsenz hatte. Obwohl er beinahe unmenschlich gut aussah, ging seine Anziehungskraft über das Äußerliche hinaus. Er hatte eine Art Aura, strahlte einen mächtigen Magnetismus aus, der alle Energie und alles Licht in seiner Umgebung anzuziehen schien. Und er tat noch nicht einmal etwas, sondern stand einfach nur da und las seine Nachricht.

Was für ein Schlamassel, dachte sie.

Mit einem amüsierten Gesichtsausdruck drückte er auf einen Knopf. Eine Sekunde später klingelte ihr Telefon. Erschrocken ließ sie es fallen.

Er hob es auf und hielt es ihr hin. „Maureen, richtig? Maureen Davenport?“

„Stimmt.“ Sie machte das Telefon aus und steckte es in ihre Tasche.

„Wie, Sie legen jetzt schon einfach auf?“, fragte er.

„Ich nehme an, das wäre für Sie das erste Mal. Eine Frau, die einfach auflegt.“

„Shit, nein, machen Sie Witze?“

Sie zuckte zusammen. „Sagen Sie mir nicht, dass Sie die ganze Zeit über so sprechen werden.“

„Großartig“, sagte er. „Dann sind Sie also eine dieser Frauen, die heiliger sind, als die Polizei erlaubt.“

„Ich wette, ein verurteilter Schwerverbrecher wäre heiliger als Sie“, gab sie zurück.

„Ich habe ein paar Verbrecher kennengelernt, die durchaus heiliger waren als ich. Warten Sie, ich bin ja ein verurteilter Verbrecher.“ Er legte eine Hand mit dem Handrücken an seine Stirn. „Heißt das, ich bin heiliger als ich? Jesus, Lady, Sie können einem Kerl aber ganz schön den Kopf verdrehen.“

„Ich bin sicher, dass ich weder Ihren Kopf noch irgendeinen anderen Teil Ihres Körpers verdrehen möchte.“

Er berührte sie leicht am Ellbogen und ging dann los in Richtung Bäckerei. „Also … Maureen Davenport.“ Er ließ den Namen über seine Zunge rollen, als probiere er ihn. „Aus der Bücherei.“

„Genau.“ Sie konnte nicht sagen, ob er überrascht, enttäuscht oder einfach nur resigniert war.

Er blieb stehen und warf ihr einen kritischen Blick zu. „Sind wir uns schon mal begegnet?“ Ohne auf ihre Antwort zu warten, sagte er: „Es ist seltsam, dass unsere Wege sich noch nicht gekreuzt haben. In einer so kleinen Stadt. Ich schätze, wir bewegen uns in unterschiedlichen Kreisen, was?“

Sie überlegte, ob sie ihm sagen sollte, dass ihre Wege sich schon mal gekreuzt hatten, er aber nicht geruht hatte, sie zur Kenntnis zu nehmen. Doch dann verwarf sie den Gedanken und nickte einfach nur. „Ja, das nehme ich auch an.“

„Das wird spaßig.“ Er klatschte in die Hände und pfiff dann auf den Fingern. „Und Spaß ist gut, oder?“

Sie glaubte nicht, dass er eine Antwort erwartete.

„Ich bin Eddie Haven“, sagte er.

„Ich weiß, wer Sie sind“, erwiderte sie. Guter Gott, wer kannte Eddie Haven nicht? Vor allem jetzt, wo seine Jubiläums-DVD an der Spitze der Verkaufscharts stand. Das wusste sie, weil die Bücherei ein Dutzend Kopien des Films im Verleih hatte, deren Wartelisten alle Rekorde brachen. Sie fragte sich, wie es wohl für ihn war, sich selber über die kleinen Bildschirme flimmern zu sehen, Jahr für Jahr, Tag und Nacht.

Sie würde noch reichlich Gelegenheit haben, ihn danach zu fragen, denn die ganze Adventszeit über würde er ihr nicht von der Seite weichen. Sie beide waren dazu bestimmt worden, den jährlichen Weihnachtsumzug für Avalon zu organisieren. Sie hatte den Job angenommen, weil das etwas war, was sie schon immer hatte tun wollen und weil sie für die Aufgabe sehr gut geeignet war. Eddie hingegen war ihr Partner geworden, weil ein Richter ihn zu Sozialdienst verurteilt hatte. So oder so waren sie nun aufeinander angewiesen.

„Tut mir leid, dass ich zu spät bin“, sagte er leichthin. „Ich habe Ihnen gesimst.“

„Ich … ich habe Ihnen auch eine SMS geschickt.“ Sie brachte es nicht über sich, simsen als Verb zu benutzen. „Und nachdem ich auf Senden gedrückt hatte“, fügte sie hinzu, „habe ich Ihre Nachricht gesehen.“

In der Bäckerei begrüßten ihn einige Kunden mit Namen und hießen ihn herzlich willkommen. Einige andere – meistens Frauen, wie Maureen bemerkte – musterten ihn hemmungslos. Eine Gruppe Touristen schaute von ihren Landkarten und Prospekten auf und fing an zu flüstern, als wenn sie überlegten, ob er wohl der war, der sie dachten, dass er es wäre. Durch die neuerliche Publicity für seinen Film war er unzweifelhaft wieder zurück im Rampenlicht.

„Unser Tisch ist dort drüben“, sagte Maureen und ging voran, wobei sie hoffte, nicht so gehemmt zu wirken, wie ihr zumute war. Es gab keinen Grund für ihre Befangenheit, aber trotzdem konnte sie sie nicht abschütteln.

„Warum habe ich das Gefühl, dass Sie bereits entschieden haben, mich nicht leiden zu können?“, fragte er, während er sich die Jacke auszog.

War das so offensichtlich? „Ich habe noch keine Ahnung, ob ich Sie leiden kann oder nicht“, erwiderte sie. „Ich bin nur ehrlich gesagt kein großer Fan Ihrer Sprache.“

„Wie, Englisch? Das ist ganz normales Standardenglisch, ich schwöre bei Gott.“

„Klar.“ Sie hängte ihren Mantel über die Lehne ihres Stuhls und setzte sich. Sie wollte mit diesem Mann keine Spiele spielen.

„Sie meinen das Fluchen“, sagte er.

„Brillante Schlussfolgerung.“

„Okay. Ich werde es in Zukunft unterlassen. Kein sinnloses oder auch ernsthaftes Gebrauchen des Namen des Herrn.“

„Freut mich zu hören“, gab sie zurück.

„Das sind doch nur Worte.“

„Worte sind sehr mächtig.“

„Natürlich. Wollen Sie wissen, was obszön ist?“

„Habe ich eine Wahl?“

„Gewalt ist obszön. Ungerechtigkeit ist obszön. Armut und Intoleranz. Das sind alles Obszönitäten. Worte sind einfach nur genau das – Worte.“

„Eine Menge heißer Luft“, schlug sie vor.

„Stimmt.“

„Nun, da wir festgestellt haben, dass Sie voll heißer Luft sind, sollten wir uns vielleicht an die Arbeit machen.“

Er lachte unterdrückt. „Touché. Eine Sekunde noch. Ich muss mir eben einen Kaffee holen.“ Aus seiner hinteren Hosentasche holte er ein abgegriffenes Geldbündel. Es fiel auf den Boden, und er bückte sich, um es aufzuheben. „Mi…“, er hielt inne. „Wie ist es mit Mist? Kann ich Mist sagen?“

„Lieber nicht.“

„Jesus … äh, jemine, meine ich. Was, zum Teufel, sagen Sie, wenn Ihnen etwas herunterfällt?“

„Es gibt viele Arten, Unmut auszudrücken“, erwiderte sie. „Ich schätze, die meisten davon dürften Ihnen bekannt sein.“

„Ich frage aber Sie. Was sagen Sie, wenn Sie von irgendwas angepisst sind?“

„Ich bin nie angepisst.“ Sie zwang sich, die Worte auszusprechen, die sie lieber nicht gesagt hätte.

Er stand stocksteif da, als wenn er mitten in der Bäckerei einbetoniert worden wäre. Einen Moment lang dachte sie, er würde einen Anfall bekommen oder so.

Stattdessen warf er jedoch seinen Kopf in den Nacken und lachte so laut, dass sich sämtliche Köpfe zu ihm herumdrehten. „Sie bringen mich noch um“, japste er. „Wirklich, das überleb ich nicht.“

Sie versuchte, die neugierigen Blicke zu ignorieren. „Warum?“

„Weil, Lady, ich Ihnen sagen kann, dass Sie bereits angepisst geboren wurden.“

„Und das können Sie sagen“, sie sah ihn herausfordernd an, „weil Sie … was? So ein unglaublich gutes Urteilsvermögen für den Charakter anderer Leute haben?“

„Nein, weil Sie nichts verbergen“, erwiderte er.

„Sie haben keine Ahnung, ob ich etwas verberge oder nicht“, widersprach sie. „Sie wissen nicht das Geringste über mich.“

Sein Blick huschte über sie, nahm ihre praktischen Stiefel auf, die schlichte Kleidung, den Tuchmantel, die handgestrickten Accessoires, die Brille, den Stapel Bücher und das Klemmbrett.

„Ich weiß alles, was ich wissen muss“, sagte er.

„Und das wäre?“

„Ray Tolley sagt, dass Sie die Stadtbibliothekarin sind.“

Ray, der Keyboard spielte, war für die Musik des Krippenspiels zuständig. Maureen versuchte, zu entscheiden, ob es sie erfreute oder nicht, dass Ray mit Eddie Haven über sie gesprochen hatte. „Das ist nicht gerade ein Staatsgeheimnis.“

„Sie sind eine Leseratte und beinahe schon Furcht einflößend organisiert“, fuhr er mit einem Blick auf ihre Bücher und Papiere fort.

Sie schnaubte. „Und Sie stecken mich in Schubladen. Noch dazu in die völlig falschen.“ Er hatte unrecht. Sie räusperte sich und funkelte ihn dann an. Erst jetzt fiel ihr auf, dass er einen Ohrring trug. Einen einzelnen, sexy aussehenden goldenen Ring in einem Ohrläppchen. Außerdem hatte er ein Tattoo, das sich bewegte, wenn er den Arm beugte. Sie konnte sich gut vorstellen, wie es aussah, wenn er über die Seiten seiner Gitarre strich. Alles offensichtliche Anzeichen eines Menschen, der nach Aufmerksamkeit giert.

„Okay, dann haben Sie noch ein geheimes Leben und arbeiten nebenher schwarz als Domina.“

„Das ist auch kein Geheimnis“, erwiderte sie.

Er lachte erneut. Seine Augen strahlten. „Okay.“ Er nickte und ging in Richtung Tresen. Auf halbem Weg drehte er sich noch einmal um und fragte: „Möchten Sie auch etwas?“

Sie versuchte, nicht auf den Ohrring zu starren. „Nein, danke.“

Lässig gegen den Tresen gelehnt, ein charmantes Grinsen im Gesicht, plauderte er mit der Bedienung, deren Augen funkelten, während sie mit ihm Small Talk hielt.

Maureen räusperte sich und fing dann an, ihre Papiere auf dem Klemmbrett zu ordnen. Sie schob ihre Brille hoch. Sie wünschte, sie würde sie nicht brauchen. Es war so … bibliothekarinnenmäßig. Sie hatte auch Kontaktlinsen, aber davon bekam sie immer rote Augen.

Ihre Schwestern und ihre Stiefmutter hatten darauf bestanden, dass sie sich für die dänische Designerbrille entschied und sich einen guten Haarschnitt zulegte, um nicht als totales Klischee herumzulaufen, aber meistens endeten ihre morgendlichen Stylingversuche dann doch in einem schlichten Pferdeschwanz und ohne Make-up. Mit dem Ergebnis, dass sie wie eine Bibliothekarin aussah, die versuchte, nicht wie eine Bibliothekarin auszusehen, was wirklich lächerlich war.

Sie hatte sich irgendwann damit abgefunden, zu sein, wer sie war, und meistens fühlte sie sich in ihrer Haut auch recht wohl. Sie hatte eine gemütliche Wohnung, zwei Katzen und Unmengen von Büchern. Es war allerdings ein hartes Stück Arbeit gewesen, diese Zufriedenheit zu erlangen. Und wenn jemand wie Eddie Haven daherkam und drohte, sie zu erschüttern, ging Maureen sofort in Verteidigungshaltung.

Eddie kehrte mit einer Tasse Kaffee für sich und einem Becher heißer Schokolade zurück. „Für Sie“, sagte er. „Ich weiß, Sie wollten nichts, aber ich dachte, ich probier’s mal.“

„Danke. Woher wussten Sie, dass ich gerne heiße Schokolade trinke?“

„Wer tut das nicht?“ Er schenkte ihr ein Lächeln, bei dem sie das Gefühl hatte, die einzige Frau auf der Welt zu sein. „Schlagsahne dazu?“

„Nein“, sagte sie schnell. „Das wäre dann doch ein wenig zu viel des Guten.“ Und schon war ihre Befangenheit wieder da. Die Leute fragten sich vermutlich, was der heiße Typ mit dem Mauerblümchen wollte. Manche Dinge änderten sich einfach nie. Jeder, der sie zusammen sah, würde denken, dass er nur aus einem wie auch immer gearteten Pflichtgefühl heraus bei ihr war, aber nicht, weil er sie attraktiv fand. In Eddie Havens Nähe fühlte sie sich wie das hässliche Entlein in der Schule, dem der süßeste Junge der Klasse an den Zöpfen zieht. Sie war lächerlich dankbar für seine Aufmerksamkeit, auch wenn er sie aufzog.

Fünf Minuten mit diesem Mann, und sie wurde wieder zum Highschoolteenie. Sie wünschte, sie könne nur für einen Moment jemand anders sein. Vermutlich war es extrem ungesund, mit einer Person zusammen zu sein, in deren Gegenwart man unzufrieden mit sich wurde.

Sie tippte auf die Papiere auf ihrem Klemmbrett. Wenn jemand einen nervös machte, war es am besten, sich auf das Geschäftliche zu konzentrieren. „Ich habe Ihnen Kopien der Zeitpläne für das Vorsprechen und die Proben gemacht …“

„Danke, ich sehe sie mir später an. Lassen Sie mir noch ein wenig Zeit, ich bin gerade erst in der Stadt angekommen.“

„Wo wohnen Sie?“, fragte sie.

„In einem Haus am See. Es gehört Freunden von mir, die den Winter in St. Croix verbringen. Verdammt, da wäre ich jetzt auch gerne.“

„Ich hoffe, dass Sie sich schnell einleben“, sagte sie. „Dieses Krippenspiel muss in erschreckend kurzer Zeit auf die Beine gestellt werden.“

„Und doch gelingt es jedes Jahr aufs Neue, wie ein Wunder.“

„Also haben Sie schon die Erfahrung gemacht, dass Wunder geschehen.“

„Es gibt sie immer wieder. Die ganze Sache ist außerdem nicht gerade neu für mich.“

Sie war sich seiner ganzen Geschichte mit dem Krippenspiel nur zu bewusst, inklusive des Vergehens, das ihm den Sozialdienst eingebracht hatte. Es war allgemein bekannt in Avalon, dass Eddie Havens Engagement bei den jährlichen Weihnachtsfeierlichkeiten der Stadt mit einem Richterspruch begonnen hatte. Nach einem fürchterlichen Unfall am Weihnachtsabend war er verurteilt worden, bei der Durchführung des Programms zu helfen, jahrein, jahraus. „Meiner Erfahrung nach funktionieren Wunder wesentlich besser, wenn ihnen gute Vorbereitung und viel harte Arbeit vorausgehen.“

„Ich hingegen habe einfach Vertrauen“, entgegnete er.

Sie musterte ihn skeptisch. „Sind Sie ein Kirchgänger?“

Er lachte herzlich. „Ja, genau. Ich bin ein Stammgast.“ Sein Lachen wurde etwas leiser. „Vertrauen Sie mir, ich bekomme die Feierlichkeiten auch ohne göttliche Intervention hin, okay? Und wie sind Sie überhaupt an diesen Job gekommen? Haben Sie sich freiwillig gemeldet, oder wurden Sie eingezogen? Oder sind Sie vielleicht auch ein Verbrecher wie ich?“

„Niemand ist ein Verbrecher wie Sie.“

„Autsch“, sagte er. „Okay, ich sehe schon, Sie sind eine echte Spaßkanone.“

„Es ist nicht meine Aufgabe, Sie zu unterhalten.“

„Kommen Sie, seien Sie nicht so. Erzählen Sie mir etwas über sich, Maureen.“

„Warum sollte ich? Sie haben mich bereits als langweilige Person abgestempelt, die besessen von Büchern und Katzen ist …“

„Langweilig habe ich nie gesagt. Und auch nicht besessen. Die Bücher waren ja offensichtlich, und die Katzen – jedes weibliche Wesen mag Katzen. Das war also nur gut geraten. Kommen Sie, ich möchte Sie wirklich kennenlernen. Stammen Sie aus dem Ort?“

Er macht es wieder, dachte sie. Diese magnetische … Sache, die in ihr den Wunsch weckte … sie wusste selber nicht genau, wonach. Ihm einen kleinen Einblick in ihr Leben zu gewähren? Es war ein ganz seltsames Gefühl. Seltsam und vielleicht auch gefährlich. „Ich bin hier geboren und aufgewachsen“, sagte sie. „Ich bin in Brockport aufs College gegangen, danach zurückgekehrt und die Bibliothekarin der Stadt geworden.“ Sie schluckte. „Kein Wunder, dass Sie mich langweilig nannten.“

„Hey, ich habe nicht langweilig gesagt. Und für mich klingt es, als wenn Sie nicht lange suchen mussten, um zu finden, was Ihr Herz sich wünscht.“

Ehrlich gesagt hatte sie sich sogar auf die Suche gemacht, aber das würde sie ihm nicht auf die Nase binden.

„Und was ist mit Ihnen?“ Sie fühlte sich ganz schön kühn, diese Frage zu stellen. „Sind Sie auf der Suche nach Ihrem Herzenswunsch?“

„Das brauche ich nicht. Ich weiß, was mein Herz begehrt. Ich muss es nur noch finden.“

„Wirklich? Und was ist das?“

„Das kann ich Ihnen noch nicht verraten. Wir haben uns doch gerade erst kennengelernt.“

Während ihrer Unterhaltung passierte etwas Ungewöhnliches. Gegen ihren Willen fing Maureen an, Eddie zu mögen. Als Person und nicht nur als einen unglaublich gut aussehenden Mann, der so weit außerhalb ihrer Liga spielte, dass er genauso gut auf einem anderen Planeten leben könnte.

Planet der Groupies, dachte sie, als sich drei Frauen ihrem Tisch näherten. Sie stießen einander an und lächelten verlegen.

„Entschuldigen Sie“, sagte die eine, und es war vollkommen klar, dass sie damit nicht Maureen meinte. „Sie sind doch … Eddie Haven, oder?“

Der Eddie Haven“, stellte ihre Freundin klar.

Er schenkte ihnen ein Lächeln. „Ich schätze schon.“

„Das dachten wir uns. Sie sehen genauso aus wie in dem Film.“

„Oh, das ist nicht gut“, sagte er.

„Nein, Sie waren so zauberhaft.“ Die drei Frauen strahlten. „Und wir haben Sie erst letzte Woche in Extra gesehen.“

Hier war der Beweis für eine weitere Wahrheit. Attraktive Frauen neigten dazu, sich zusammenzutun. Jede dieser drei hatte das Aussehen eines ehemaligen Cheerleaders – mit blitzenden Augen und einem breiten Lächeln, in Jeans und hochhackigen Stiefeln und eng anliegenden Pullovern.

„Könnten wir vielleicht ein gemeinsames Foto mit Ihnen machen?“

„Ehrlich gesagt bin ich hier gerade mitten in einer Besprechung …“

„Nur ein Handyfoto“, sagte die Frau und zog schon ihr iPhone heraus, das sie Maureen hinhielt. „Hier, könnten Sie das Bild machen?“

Bevor Maureen etwas erwidern konnte, erklärte eine der Frauen ihr, wie die Kamera an dem Handy zu bedienen war. Die drei drapierten sich um Eddie, und – man konnte es nicht anders sagen – er strahlte auf Anhieb wie ein hell erleuchteter Weihnachtsbaum.

„Danke. Das war echt cool von Ihnen“, sagte die erste der Frauen und sicherte das Foto. „Und ich weiß, dass Sie das bestimmt andauernd hören, aber ich habe Sie in dem Film geliebt. Ich liebe Sie immer noch, jedes Mal wenn der Film im Fernsehen wiederholt wird.“

„Danke“, sagte Eddie. „Sehr nett von Ihnen.“

Sie reichte ihm eine Visitenkarte. „Hier ist meine Telefonnummer. Sie wissen schon, falls Sie mal Lust auf einen Wein oder so haben.“

„Klar.“

Die drei Frauen kehrten an ihren Tisch zurück, wo sie sofort die Köpfe zusammensteckten und wie die Schulmädchen kicherten. Maureen war ein wenig fassungslos. Die hatten sich direkt vor ihrer Nase an ihn herangemacht. Soweit sie wussten, hätte Maureen doch sein Date sein können. Das war sie nicht, aber trotzdem. Was schmerzte – und sie hasste die Tatsache, dass es ihr Schmerzen bereitete –, war, zu wissen, dass die Frauen sie angeschaut und ganz eindeutig keine Sekunde lang angenommen hatten, dass sie mit ihm … zusammen war. Seine Verabredung. Seine Freundin. Stattdessen hatten sie sie behandelt, als wäre sie seine Assistentin oder Sekretärin.

„Tut mir leid“, sagte Eddie. „Also, wo waren wir stehen geblieben?“

Maureen schüttelte den Kopf. „Ich weiß es nicht mehr.“ Sie war noch nie Zeuge einer solchen Szene wie eben geworden. Es war ehrlich gesagt schockierend. Wie ein Überfall aus dem Hinterhalt. „Das passiert Ihnen oft, oder? Menschen – Frauen – tauchen einfach auf und bitten um ein Autogramm oder ein Foto.“

„Ich bin mir nicht sicher, was Sie mit oft meinen“, sagte er.

„Ist es schon mal vorgekommen?“

Sein Gesichtsausdruck bestätigte es.

„Mehr als einmal begründet den Begriff ‚oft‘.“

„Ich wünschte, sie wären Ihnen gegenüber nicht so unhöflich gewesen“, sagte er.

Sie war überrascht, dass es ihm aufgefallen war.

„Ich hätte etwas sagen sollen“, fuhr er fort. „Ich hätte sie auf ihre Unhöflichkeit aufmerksam machen sollen.“

„Dem Himmel sei Dank, dass Sie es nicht getan haben“, sagte Maureen. „Das wäre einfach nur peinlich gewesen.“

„Und das hätte Ihnen nicht gefallen“, konstatierte er.

„Kennen Sie irgendjemanden, der peinliche Situationen mag?“, gab sie zurück.

„Ich bin schon mein ganzes Leben lang ein Darsteller, und da gehören die einen oder anderen blamablen Situationen dazu, ob es einem nun gefällt oder nicht.“

„Damit kenne ich mich nicht aus.“ Zum Glück. „Aber Sie müssen sich ja nicht schämen. Immerhin haben die Frauen Sie zauberhaft genannt.“

„Verdammt, ich war aber auch süß“, sagte er mit erstaunlichem Mangel an Eitelkeit.

„Ich weiß, ich habe Der Weihnachtsstreich gesehen.“ Maureen legte eine Pause ein. Es war seltsam, mehr über ihn zu wissen, als er über sie wusste. Im Großen und Ganzen war das genau die Rolle der Bibliothekarin – die Frau hinter dem Schreibtisch. Die Frau, über die sich niemand Gedanken machte.

Was Eddies Film betraf, so hatte sie ihn nicht nur gesehen, sie verfolgte ihn jedes Jahr aufs Neue mit gespannter Aufmerksamkeit. Sie hatte sich bereits die gerade erst veröffentlichte Jubiläumsedition mit allen möglichen Extras gekauft, wobei sie sich das Interview mit dem erwachsenen Eddie besonders gut angesehen hatte. Sie erinnerte sich an jedes Bild, jedes Wort aus jedem Lied in dem Film. Sie liebte den Film so sehr, dass es schon beinahe lächerlich war. „Würden Sie sich alt fühlen, wenn ich Ihnen sage, dass ich ihn das erste Mal gesehen habe, als ich in der zweiten Klasse war?“

„Nein, denn ich war bei der Erstveröffentlichung ja auch erst sechs.“

„Oh, ich verstehe.“

„Ja, ich hatte meinen beruflichen Höhepunkt mit sechs, und seitdem ging es stetig bergab.“

Da lag etwas in seinem Lächeln. Etwas, das Maureen verstehen ließ, warum erwachsene Frauen ihn kichernd wie Schulmädchen um ein Foto baten. Und wenn Maureen ihn anschaute, sah sie in dem Lächeln auch den kleinen Jungen, der vor mehr als zwei Jahrzehnten die Herzen der Amerikaner erobert hatte.

Er hatte den kleinen Jimmy Kringle in Der Weihnachtsstreich gespielt, ein Film, der überall als der wohl sentimentalste Weihnachtsfilm aller Zeiten bekannt war. Und dennoch hatte Eddie es geschafft, dieses Stigma zu transformieren und einen trivialen, absurden Charakter in einen kleinen Jungen zu verwandeln, an den jeder glauben konnte. Und zwar jahrelang, dank digitaler Bildbearbeitung, DVD-Extras und Endlosschleifen im Kabelfernsehen.

„Es war bestimmt nicht leicht, so jung ein Star zu sein“, sagte sie.

„Damals war es nicht so schlimm. Aber niemand hat mit dem Internet gerechnet. Oder den Auswüchsen, die das Fernsehen annehmen würde.“

Maureen interessierte sich schon viel zu sehr und auf einem viel zu persönlichen Level für ihn. „Wir sollten dann mal zum Ende kommen“, schlug sie vor.

„Sie können es wohl kaum erwarten, mich loszuwerden, was?“

„Ja, ich meine, nein, aber …“ Verwirrt. Es verwirrte sie, mit diesem Mann zu sprechen. Was lächerlich war. Sie war eine gestandene Fachfrau auf ihrem Gebiet. Trotzdem ließ sie sich von Eddie Haven verunsichern. Von seiner sexy Art, seinem Ohrring und dem zu hübschen Gesicht. Er musste sie ja für die totale Versagerin halten. Sie mochte es nicht, mit Menschen zusammen zu sein, die sie für eine Versagerin hielten. Sie mochte Menschen, die sie unterstützten. Ihre Familie. Die Besucher der Bücherei. Kinder.

„Es gibt einiges, was ich Ihnen über diese Produktion erzählen muss“, sagte sie. „Zum Beispiel, dass sie für eine Sondersendung der PBS gefilmt wird.“ Alleine das zu sagen erfüllte sie erneut mit aufgeregter Vorfreude. „Eine Produktionsfirma aus der Stadt kommt her, um einen Teil für eine Doku über die Weihnachtsfeierlichkeiten in kleinen Städten zu drehen.“

„Cool“, sagte er, sah aber gar nicht begeistert aus.

„Das ändert nichts an unseren Plänen, aber ich wollte, dass Sie es wissen.“ Sie reichte ihm einen Ausdruck. „Hier ist das Programm, wie ich es bisher geplant habe. Sie können es sich ja heute Abend mal anschauen.“ Sie hatte Wochen darauf verwendet, die perfekte Kombination von Geschichten und Liedern für die traditionelle Weihnachtsfeier in der Herz-der-Berge-Kirche zusammenzustellen. Es war ein wundervolles Programm, dazu gemacht, den Zauber der Weihnacht zu wecken. Schon als Kind hatte sie Stunden damit zugebracht, sich vorzustellen, wie die perfekten Weihnachtsfeierlichkeiten auszusehen hatten. Sie wollte einen Abend mit Kerzenlicht heraufbeschwören, an dem der Duft von Weihrauch und der Klang festlicher Musik in der Luft lagen. Es wäre die Quintessenz der Feierlichkeiten, die selbst die erschöpftesten Herzen erweichen und die Menschen daran erinnern würde, dass die Freude dieser Jahreszeit das ganze Jahr über gespürt werden konnte.

Er warf einen flüchtigen Blick auf das Skript und die Liederliste. „Klar, wie Sie meinen. Aber es fängt nicht mit den Engeln an“, sagte er. „Als Mrs Bickham zuständig war, haben wir immer mit den Engeln angefangen.“

Ah, die Geister vergangener Krippenspiele, dachte Maureen und drückte das Klemmbrett gegen ihre Brust. Sie würde noch lange Zeit von ihnen verfolgt werden. „Nun, dieses Jahr nicht.“

„Es ist Ihre Show.“ Er zuckte mit den Schultern. „Mein Gott, ich mag Weihnachten noch nicht mal.“

Er ist unerträglich, dachte sie. Aber er sah auch so gut aus, mit den zerzausten Haaren, der zerrissenen Jeans, dem engen T-Shirt. Eine tödliche Kombination. „Quatsch. Jeder mag Weihnachten.“

Er lachte. „Stimmt. Okay, ich schätze, ich habe das nicht richtig erklärt.“

„Was erklärt?“ Sie konnte nicht anders, er machte sie neugierig, und so lehnte sie sich vor und hing an seinen Lippen wie ein ganz hoffnungsloser Fall von Groupie.

„Diese ganze Weihnachtssache.“

„Was ist damit?“

„Es wird Sie vermutlich umhauen, aber falls es Ihnen noch nicht aufgefallen ist, ich bin kein großer Freund der Feiertage.“

Vielleicht, dachte sie, finde ich ihn so anziehend, weil er mich herausfordert. Es war lange her, dass jemand, der älter war als fünf, sie herausgefordert hatte. „Seien Sie nicht albern. Jeder liebt Weihnachten.“

„Sie machen mich fertig, Maureen. Wirklich. Hier kommt eine Neuigkeit: Nicht jeder liebt Weihnachten.“ Dann glitt sein Blick über die Songliste. „Ich sehe hier keine besonders große Vielfalt. Nichts Neues.“

„Wir könnten immer noch ‚The Runaway Reindeer‘ aus Ihrem Film mit hineinnehmen. Ihr Fanclub würde es lieben. Würde Sie das glücklich machen?“

„Das würde mich würgen lassen.“

Dieses Treffen verlief grauenhaft. Sie wünschte, sie wüsste, wie sie es wieder auf die richtige Spur bringen könnte. „Das hier ist das Anmeldeformular für das Vorsprechen.“

„Das könnte interessant werden. Jeder will doch heutzutage ein Star werden.“

„Sieht so aus. Wir werden versuchen, so aufgeschlossen wie möglich zu sein. Wir sollten alle daran erinnern, dass es keine kleinen Schauspieler gibt …“

„Nur kleine Rollen“, beendete er den Satz für sie. „Und jeder weiß, dass das Bullshit ist.“

Sie zuckte zusammen und fragte sich, wieso er sich genötigt fühlte, sie gegen sich aufzubringen. Ihre Freundin Olivia würde sagen, weil er sie mochte. Die Vorstellung faszinierte Maureen viel zu sehr, also beschäftigte sie sich schnell wieder mit ihren Ausdrucken und hoffte, damit ihre Nervosität zu verbergen. „Und nach dem Vorsprechen fangen wir gleich mit den Proben an. Hier ist der Zeitplan.“

„Verstanden, Chef.“

„Wollen Sie sich über mich lustig machen?“

„Ich versuche es, ja.“

„Es funktioniert nicht. Lassen Sie uns nicht unser Ziel aus den Augen verlieren. Dieses Programm ist weder für uns, noch geht es um uns. Es ist für die Kinder und für jeden, der die Feiertage festlich begehen möchte.“ Je nervöser sie wurde, desto schrulliger klang sie.

„Honey, Sie nehmen das alles viel zu ernst.“ „Weihnachten zu ehren sollte nicht auf die leichte Schulter genommen werden.“ Oh, Maureen, dachte sie. Wann bist du so eine Schreckschraube geworden? Olivia sagte ihr andauernd, sie solle sich entspannen und Spaß haben, aber Olivia war auch schwanger und aufgrund ihrer Hormone in letzter Zeit vollkommen unzurechnungsfähig.

„Verstanden“, wiederholte Eddie. „Sind wir dann hier fertig?“

„Ja“, sagte sie. „Wir sind fertig.“ Sie zögerte, dann fasste sie all ihren Mut zusammen und versuchte, ihre Nerven zu bezwingen. Sie hatten keinen guten Start gehabt. Vielleicht, dachte sie, können wir die Wogen bei einem gemeinsamen Dinner ein wenig glätten. „Hören Sie, Eddie, versuchen wir doch, unsere gemeinsame Arbeit nicht auf dem falschen Fuß zu beginnen. Die Bäckerei macht gleich zu, aber ich dachte, dass wir vielleicht noch irgendwo anders hingehen könnten, um etwas zu essen und noch ein wenig über die Planung zu sprechen. Ich würde gerne Ihre Ideen hören.“

Da. Sie hatte es gesagt. Sie war dem am besten aussehenden Mann aller Zeiten gegenüber einfach mit einer Einladung herausgeplatzt. Sich so verletzlich zu machen lag so überhaupt nicht in ihrer Natur, dass sie beinahe hyperventilierte, während sie auf seine Antwort wartete.

Man musste ihm zugutehalten, dass er weder grinste noch sonst irgendeine Regung zeigte. Er wies sie einfach auf die denkbar direkteste Art zurück: „Danke für die Einladung, Maureen, aber ich kann leider nicht. Ich habe noch einen Termin.“ Er schaute auf die Uhr. „Ich sollte jetzt auch besser los, sonst komme ich wieder zu spät. Aber vielleicht ein andermal.“

Sie wollte sterben. Gleich hier und jetzt wollte sie sich zusammenkauern und sterben, sich in Asche verwandeln und vom kalten Winterwind fortblasen lassen. Was hatte sie sich nur dabei gedacht, ihn zum Dinner einzuladen? Natürlich wollte er nicht mit ihr essen gehen. Er war Eddie Haven, um Himmels willen. Er ging nicht mit Leuten wie Maureen Davenport aus. Was sie auch gar nicht wollte, selbst wenn er fragen würde. Er war gemein und absichtlich provokativ und so weit davon entfernt, ihr Typ zu sein, dass es zum Lachen war. Die nächsten Wochen würden unerträglich werden.

Irgendwie schaffte sie es, ein schwaches Lächeln beizubehalten, als er förmlich zur Tür rannte. Sie sah vor sich, wie er nach Hause fuhr, sich schnell frisch machte, vermutlich für ein Date mit einer Frau, die eine Bibliothek nicht von einer Bolognesesoße unterscheiden konnte, aber dafür wusste, wie man die Pausen in einer Unterhaltung und die Form eines Pullovers ansprechend füllte. Maureen stellte sich die beiden beim Essen vor, wie sie einander in einem von Kerzenlicht erhellten Restaurant in die Augen schauten, „Cheers“ flüsterten und leise mit den Weingläsern anstießen.

3. KAPITEL

Hallo. Mein Name ist Eddie, und ich bin Alkoholiker.“

„Hey, Eddie“, grüßte die Gruppe unisono zurück. Die Stimmen klangen warm und ruhig in dem kleinen Raum im Untergeschoss der Kirche. Natürlich wussten alle, wer er war. Doch die Begrüßung war Teil des Rituals, und die stete Wiederholung bot den Teilnehmern einen gewissen Trost. Immer wenn er in Avalon war, kam er zu den Treffen, und alle kannten ihn. Jeder in der Gruppe kannte die anderen, weil sie alle regelmäßig hierherkamen. Einige von ihnen sogar schon seit Jahren. Manchmal waren ein paar neue Gesichter dabei, doch der Kern der Gruppe blieb relativ stabil. Er erkannte einen rothaarigen Collegestudenten namens Logan, einen Highschoollehrer namens Tony und einen älteren Mann, Terry D, der Eddie in den schlimmsten Jahren viel geholfen hatte.

Als Maureen Davenport gefragt hatte, ob Eddie ein Kirchgänger wäre, hatte er die Frage bejaht. Und das war keine Lüge gewesen. Dieses Gebäude war eine Kirche. Natürlich wusste er, dass sie es nicht so gemeint hatte. Er war nicht einer göttlichen Inspiration folgend in die Kirche gegangen. Nachdem Eddie richtig Scheiße gebaut hatte, hatte ein Richter ihn dazu verdonnert, das 12-Punkte-Programm mitzumachen. Er hatte nicht erwartet, dass es ihm gefallen würde. Ebenso wenig, wie er erwartet hatte, in einer Gruppe Fremder die tiefsten Erkenntnisse über sich zu gewinnen. Aber irgendetwas war passiert. Er hatte seine Erlösung nicht auf die Art gefunden wie die meisten Menschen. Sondern er fand sie in der Gemeinschaft von seinesgleichen, die jeden Tag ihr Gelübde erneuerten, trocken zu bleiben.

Im Nachhinein betrachtet, war die Nacht, in der er unter Alkoholeinfluss gefahren war, ein Segen gewesen. Für Eddie hatte ein ganz neues Leben angefangen. Eine neue Art, Weihnachten zu verbringen. Er ertrug die Feiertage immer noch nicht, aber zumindest überstand er sie jetzt mit klarem Kopf, anstatt in einen Nebel aus Alkohol gehüllt.

Er hatte seine Reise – völlig gegen seinen Willen – an einem verschneiten Weihnachtsabend angetreten. Er war nicht länger der verlorene, verzweifelte Mann mit einem Komplex beladen und dem Arm in der Schlinge. Doch egal, wo er war, in seiner Wohnung in der Stadt oder hier in Avalon, er ging immer noch regelmäßig zu den Treffen. Wegen der Unterstützung. Wegen der Freundschaft. Wegen der Chance, anderen zu helfen. Und manchmal, wie heute, kam er, um über Dinge nachzudenken, die ihm zu schaffen machten.

Wie Maureen Davenport. Er ahnte, dass die Zusammenarbeit mit ihr kein Honigschlecken würde. Sie hatte dieses etepetete Verhalten einer typischen Bibliothekarin, was ihn nur dazu reizte, sie aufzuziehen, ihre Haare zu lösen, ihr die Brille abzunehmen und zu sagen: „Wow, Ms Davenport, Sie sind wunderschön.“

So würde es zumindest im Film funktionieren. Er bezweifelte jedoch, dass Maureen ihre Rolle spielen würde. Sie würde vermutlich nur mit ihrem Stift auf ihr Klemmbrett klopfen und drauf bestehen, mit der Arbeit fortzufahren. Die nächsten Wochen versprachen, eine reine Krippenspielhölle zu wer den.

Mrs Bickham fehlte ihm jetzt schon. Mit ihrer gelassenen Art hatte sie das Ableisten seiner Sozialstunden erträglich gemacht. Er hatte kaum einen Finger für das Krippenspiel rühren müssen. Diese Maureen hingegen war sicher nicht so leicht einzuwickeln. Sie würde ihn vielleicht sogar wirklich arbeiten lassen. Eddie machte es nichts aus, zu arbeiten, aber es war ihm noch nie leichtgefallen, Befehle von rechthaberischen Frauen entgegenzunehmen.

Die Menschen, die sich in dem Raum versammelt hatten, waren eine bunte Mischung aller Ethnien, Altersgruppen und Lebensstile. Sie tranken Kaffee und warteten darauf, dass Eddie sprach.

„Das Thema unseres heutigen Treffens lautet Perspektive“, fing er an. „Ja, das ist für mich im Moment genau das Richtige. Ich muss mich daran erinnern, die Dinge aus der richtigen Perspektive zu betrachten. Anfangs bin ich aufgrund eines richterlichen Urteils zu diesen Treffen gekommen. Ich dachte, ich gehöre hier nicht hin. Doch Tatsache war, dass ich hier nicht hingehören wollte. Ich wollte kein Mitglied eines Klubs sein, in dem man sich nicht jede Nacht sinnlos besaufen kann.“

Mitfühlendes Gemurmel erhob sich.

„Die Richterin kannte mich besser, als ich mich kannte. Sie kannte den Nutzen von starker Medizin – in meinem Fall eine lebenslange Mitgliedschaft in dieser feinen Gemeinschaft.“

Manchmal, wenn er die Augen schloss und an jene Nacht dachte, an diese Augenblicke des Grauens, glaubte Eddie, dass er sich an alles genauso erinnerte, wie es passiert war. Er konnte immer noch das Glas des Flaschenhalses in seiner Hand spüren – Dom Perignon natürlich. Nur das Beste an dem Abend, an dem er der Frau, die er liebte, einen Antrag machen würde. Es war Natalies Lieblingschampagner, und sie ließ keinen anderen gelten. Natalie Sweet. Sie war die perfekte Frau. Ein paar Jahre älter, wesentlich kultivierter.

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Weihnachtsengel gibt es doch" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen