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Weihnachten mit einem Engel

1. KAPITEL

Wohin nur? Wohin?

Eingezwängt zwischen den vielen Pendlern, die gerade nach Hause fuhren, stand Ashley in der Londoner U-Bahn. Sie brauchte sich nicht einmal mehr festzuhalten, so voll war der Zug. Inständig hoffte sie, dass ihr Rucksack, den sie neben der Tür an die Wand gelehnt hatte, noch da war. Aber das war noch ihre geringste Sorge. Weitaus mehr beschäftigte sie die Frage, wohin sie jetzt gehen sollte.

Natürlich konnte sie ins „Earl’s Court“ fahren, das Hostel, in dem alle australischen Rucksacktouristen abstiegen.

Das Problem war nur: Sie war keine Touristin, sondern nach London gekommen, um sich Arbeit zu suchen. Und das war ihr auch gelungen. Doch nach drei Monaten hatte sie die Stelle verloren.

Sie strich sich eine feuchte Strähne ihres dichten blonden Haares aus dem Gesicht – auf dem Weg zur U-Bahn war sie in einen Regenschauer geraten – und bemerkte dabei, dass ihr förmlich der Angstschweiß auf der Stirn stand.

Mein Gott, was soll ich jetzt nur tun?, überlegte sie fieberhaft.

Natürlich hatte sie ein paar Freundinnen. Genauer gesagt, andere Kindermädchen, die sie auf dem Spielplatz oder in Kinderspielgruppen kennengelernt hatte, und mit denen sie manchmal ausgegangen war.

Kolleginnen, die nun ganz sicher zusammen in einem Pub saßen und sich die Münder darüber zerrissen, dass sie, Ashley, gefeuert worden war, weil sie ihre Arbeitgeber bestohlen haben sollte. Ob sie das nun glaubten oder nicht, war völlig unerheblich. Keine von ihnen konnte sich erlauben, eine angebliche Diebin bei sich aufzunehmen. Schließlich verkehrten ihre Arbeitgeber in denselben Kreisen wie die von Ashley.

„Scusi“, murmelte jemand mit sonorer Stimme hinter ihr, als die U-Bahn unerwartet bremste und dieser Mann mitsamt einem schlafenden Baby auf dem Arm gegen Ashley gedrückt wurde.

„Kein Problem“, antwortete Ashley, ohne aufzublicken. Instinktiv versuchte sie, ihm ein wenig Platz zu machen, damit das Kind nicht aufwachte, aber die Menschen standen viel zu dicht. Plötzlich hielt die Bahn mitten im Tunnel zwischen zwei Haltestellen.

Meine Güte, ist das heiß!, stöhnte Ashley innerlich.

Draußen herrschte zwar eisige Dezemberkälte, aber hier drinnen war die Wärme fast unerträglich. Hunderte von Menschen waren auf engstem Raum zusammengepfercht. Ihre vom Regen feuchten Mäntel und Schals verwandelten den Waggon in eine Art Sauna. Dankbar holte Ashley tief Luft, als jemand eine Belüftungsklappe öffnete.

Aus den Augenwinkeln warf sie einen Blick auf das Baby. So eingepackt, mit seinem warmen Mäntelchen, den Handschuhen und einer Mütze mit Ohrenklappen musste das Kind schwitzen. Das schien ihm aber nichts auszumachen, denn es schlief seelenruhig.

Wie süß, dachte sie kurz, aber sofort kamen ihr die Tränen, weil die Erinnerung an Jack und Sophie, ihre beiden Schützlinge, in ihr aufstieg. Man hatte ihr nicht einmal gestattet, sich von den beiden zu verabschieden.

„Verzeihung!“, murmelte sie nun ihrerseits, als sie im Gedränge gegen das Kind stieß, dessen Gesicht sich verzog, als ob es gleich weinen wolle. Hilflos versuchte sie erneut, etwas zurückzuweichen, aber es war unmöglich. Entschuldigend sah sie den Mann an, der das Baby auf dem Arm hielt. Nur kurz begegneten sich ihre Blicke, aber sie war auf der Stelle verloren.

Noch nie hatte sie so markante Gesichtszüge gesehen, noch nie in so tiefblaue Augen geschaut. Er hatte dieselben langen dunklen Wimpern wie sein Sohn, und ein paar Strähnen seines dichten schwarzen Haares hingen ihm verwegen in die Stirn. Besorgt sah er das Kind an, das sich jetzt unruhig in seinen Armen wand. Er redete ihm beruhigend zu, aber es half alles nichts. Das Kind starrte ihn mit seinen blauen Augen an, als sähe es einen Fremden, und sein leises Wimmern steigerte sich zu lautem Protestgeschrei. Einige Reisende drehten sich bereits neugierig nach ihnen um.

„Psst, Guido, alles wird gut.“ Der Mann sprach Englisch mit dem Kleinen, allerdings mit starkem italienischen Akzent. Nun, da er sich mit dem Kind beschäftigte, hatte Ashley Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten. Er wirkte völlig erschöpft, war sehr bleich und hatte tiefe Augenringe.

„Guido, bitte, es ist doch alles in Ordnung“, versuchte er erneut, das Kind zu beruhigen – diesmal mit lauterer Stimme, um die Fahrgeräusche der anfahrenden Bahn zu übertönen. Jedoch vergeblich. Das Kind schrie nur umso heftiger. Es strampelte mit Armen und Beinen, sodass der Vater es kaum festhalten konnte. Erneut wurde es gegen Ashley gepresst.

„Macht nichts“, murmelte sie automatisch, als der Mann sich bei ihr entschuldigte und das Baby fest an seine Brust drückte. Aber Ashley bemerkte die Panik im Gesicht des Kindes. Instinktiv streckte sie die Hand aus und legte sie auf die Stirn des Kleinen.

„Mein Gott, der Junge glüht ja!“ Erschrocken blickte sie den Mann an. „Er hat Fieber!“

„Ja. Er ist krank …“, setzte dieser an. Im selben Moment hielt die U-Bahn, und durch die einsteigenden Fahrgäste wurden Ashley und der Mann getrennt.

Damit hätte die Angelegenheit eigentlich für sie erledigt sein können. Sie hatte weiß Gott genügend Sorgen, zum Beispiel die, wohin sie jetzt gehen und wie sie ohne Referenzen einen neuen Job finden sollte. Wie sie die gegen sie erhobenen Anschuldigungen aus der Welt schaffen und vor allem das Ganze ihrer Mutter erklären sollte. Trotzdem klang ihr das Schreien des Kindes noch immer in den Ohren, und das erschöpfte Gesicht des Vaters ging ihr nicht aus dem Sinn. Unter dem schweren grauen Mantel, den er trug, waren Anzug und Krawatte zu sehen gewesen. Vielleicht hat er das Kind aus der Krippe abgeholt, überlegte sie, oder die beiden kamen gerade vom Arzt?

Das kann mir ja eigentlich völlig egal sein, sagte sich Ashley, als der Zug in die Station Earl’s Court einfuhr.

Ihrem Reiseführer zufolge war das die Haltestelle für Australier in London. Jetzt musste sie nur noch das gleichnamige Hostel finden. Nachdem sie sich langsam durch die Menschenmenge im Wagen geschoben hatte, griff sie erleichtert nach ihrem Rucksack, der noch an seinem Platz stand, und trat auf den Bahnsteig hinaus.

Plötzlich klingelte ihr Handy, und als sie sah, dass es Angus war, ihr ehemaliger Arbeitgeber, setzte sie sich mit zitternden Knien auf eine Bank. Einem Gespräch mit ihm fühlte sie sich jetzt nicht gewachsen und wartete deshalb, bis ihr das Display anzeigte, dass er auf den Anrufbeantworter gesprochen hatte.

Angus Maitlin war nicht nur ein berühmter Chirurg für die Reichen und Schönen, der regelmäßig in Zeitschriften und im Fernsehen zu sehen war, er war auch ein engagierter und gefragter Mann in der Notaufnahme. Nicht zuletzt war er ein äußerst kluger und scharfsinniger Mensch. In den drei Monaten, die sie für ihn gearbeitet hatte, war Ashley das mehr als deutlich geworden. Und immer hatte er sie zum Lachen bringen können.

Aber jetzt war ihr alles andere als zum Lachen zumute. Wie sollte sie es nur übers Herz bringen, diesen klugen und liebenswürdigen Mann zu belügen?

Entschlossen hörte sie den Anrufbeantworter ab.

„Ashley, ich bin es, Angus. Gemma hat mir gerade erzählt, was vorgefallen ist. Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Aber ich mache mir Sorgen um dich. Du hast doch gar kein Geld … Ich hoffe, du bist bei Freunden untergekommen. Wenn du dich doch nur an mich gewandt hättest, wir hätten bestimmt eine Lösung gefunden. Heute werde ich bis spät in die Nacht arbeiten, aber ich rufe dich morgen noch mal an …“

Offensichtlich war Angus der Anruf schwergefallen, das hörte Ashley seiner Stimme an. Plötzlich stiegen ihr die Tränen in die Augen und liefen die Wangen hinunter. Zum ersten Mal seit dem schrecklichen Ereignis. Das Herz wurde ihr schwer, als ihr klar wurde, dass Angus sie für schuldig hielt. Die Enttäuschung in seiner Stimme war mehr, als sie ertragen konnte.

Aber selbstverständlich glaubte er Gemma, seiner Frau. Einer Frau, die ihrem Mann erzählte, seit Ashley bei ihnen arbeitete, sei ein Teil ihres Schmucks verschwunden. Einer Frau, die behauptete, sie hätte Ashley auf frischer Tat ertappt und ihren Schmuck im Nachtkästchen des Kindermädchens gefunden. Und die das aus gutem Grund tat …, sonst hätte sie nämlich zugeben müssen, dass Ashley sie auf frischer Tat ertappt hatte.

Und zwar in flagranti – im Bett mit ihrem Liebhaber, als Ashley unerwartet früh mit den Kindern zurückgekommen war.

Bei der Erinnerung daran flossen Ashleys Tränen erst recht. Schwere Schluchzer erschütterten ihren Körper. Sie hatte so sehr mit dem Weihnachtsgeld gerechnet. Sie brauchte es so dringend, und das nur, weil Nick sie zu Hause in eine verzweifelte Situation gebracht hatte. Zum ersten Mal erlaubte Ashley sich den Luxus, über den Brief zu weinen, den sie vor zwei Wochen von ihrer Bank erhalten hatte. Darin informierte man sie, dass ihr Exfreund einen Kredit auf ihrer beider Namen aufgenommen hatte. Und das ganz ohne ihr Wissen! Dieser Betrug schmerzte noch mehr als die finanziellen Folgen. Immer heftiger flossen die Tränen. Bald war Weihnachten … welch eine Ironie des Schicksals! Mitten in der Menschenmenge fühlte sich Ashley, als sei sie ganz allein auf der Welt.

Aus der Entfernung hörte sie wieder das Schreien des Kindes.

Guido!

Aus ihren trüben Gedanken gerissen, hob Ashley den Kopf und hielt nach dem Baby Ausschau, bis sie es entdeckte.

Eigentlich war es gar kein Baby mehr, eher ein kleiner Junge. Achtzehn Monate, schätzte sie. Und er stand – nein lag … auf dem Bahnsteig. Sein Weinen hatte sich zu einem wütenden Geheul verstärkt, und er hatte sich auf den Boden geworfen und schrie und schrie. Ein äußerst eindrucksvoller Wutanfall, dachte Ashley und musste schmunzeln. Der Vater hingegen tat ihr leid. Der hatte sein Notebook und seine Aktentasche auf den Boden gelegt und versuchte jetzt verzweifelt, einen Kinderwagen auseinanderzuklappen. Ein Unterfangen, dem er offensichtlich in keiner Weise gewachsen war …, erschwerend kam ja noch hinzu, dass er dabei ein schreiendes Kind festhalten musste.

Keiner der Vorübergehenden würdigte ihn auch nur eines Blickes. Die Menschen hasteten vorbei und bemerkten seine Schwierigkeiten gar nicht … oder taten zumindest so.

Entschlossen wischte sich Ashley die Tränen ab und ging auf den Mann zu. „Kann ich Ihnen helfen?“

Unschlüssig sah er sie an, dann schüttelte er den Kopf. Offenbar war er kein Mensch, der sich gerne helfen ließ. Plötzlich schien er es sich jedoch anders zu überlegen. Er seufzte, schnappte sich das Kind und richtete sich zu seiner eindrucksvollen Länge auf.

„Könnten Sie diesen Kinderwagen aufstellen?“

„Natürlich.“

„Bitte“, schob er etwas verspätet nach, während Ashley mit einem geschickten Handgriff den Wunsch erfüllte.

„Vielen Dank.“ Damit wandte er sich ab, und eigentlich hätte Ashley das auch tun sollen. Leider wusste sie nur zu gut, dass das Auseinanderklappen des Kinderwagens noch das Einfachste war. Jetzt war sie gespannt, wie der Mann es schaffen wollte, das schreiende und sich windende Kind hineinzubekommen.

Und in der Tat erwies sich das als nicht so einfach. Nach ein paar vergeblichen Versuchen knöpfte er seinen Mantel auf, und Ashley konnte nun einen genaueren Blick auf den teuren Anzug werfen. Dieser eine Blick genügte auch, um sich davon zu überzeugen, dass es sich bei diesem Daddy bestimmt nicht um einen Hausmann handelte. Nicht bei einem so hochwertigen Outfit.

Dieser Daddy, überlegte Ashley, ist anscheinend so wenig zu Hause, dass sein eigener Sohn ihn kaum erkennt. Außerdem stellte er sich so ungeschickt an, dass selbst ein Laie erkannt hätte, wie wenig er den Umgang mit Kindern gewohnt war.

„Ich schaffe das schon“, sprach er über die Schulter, als er bemerkte, dass Ashley immer noch hinter ihm stand.

Aber das war nicht der Fall. Der wutentbrannte kleine Kerl hörte nicht auf zu schreien und zu toben.

Gerade als Ashley sich abwenden wollte, um die beiden ihrem Geschick zu überlassen, nahm das Ganze eine überraschende Wendung. Guido hörte nämlich auf zu schreien und spuckte seinem Vater – mit großer Treffsicherheit und offensichtlich in voller Absicht – mitten ins Gesicht.

Entsetzt starrte Ashley in das Gesicht des Vaters, eines Mannes, der nicht gerade so wirkte, als ließe er sich so etwas gefallen. Nach dem ersten Schreck tat dieser jedoch etwas völlig Unerwartetes: Er brach in lautes Gelächter aus. Und diese Reaktion bewirkte, dass das Kind sich entspannte … ein Moment, der ausreichte, um ihn in den Kinderwagen zu bugsieren und anzuschnallen.

Immer noch lächelnd richtete der Mann sich auf, nahm ein dunkelblaues Seidentaschentuch aus der Jackentasche und wischte sich das Gesicht ab.

„Dieser kleine Teufel – ganz der Vater!“

Ashleys Gesicht war ein einziges Fragezeichen.

Das Lächeln des Mannes war inzwischen wie weggewischt. Er wickelte das Kind sorgsam in eine Decke, zog dann seinen Mantel aus und legte ihn auch noch darüber. Nach Ashleys Einschätzung war das viel zu warm.

„Das Kind hat Fieber“, sagte sie.

„Ich weiß. Deshalb will ich es ja warm halten.“

Ashley schüttelte den Kopf. „Ich kenne mich mit Kindern aus, Sie müssen dafür sorgen, dass seine Temperatur sinkt.“ Ashley bemerkte, dass der Mann keine Ahnung hatte, wovon sie sprach. „Er ist viel zu heiß.“ Sie hatte den Eindruck, sich immer noch nicht verständlich gemacht zu haben, deshalb fügte sie langsam und deutlich hinzu: „Wenn … wir seine Temperatur … nicht herunterbekommen, kann er krampfen … einen Krampfanfall bekommen.“

„Ich bin weder taub noch debil. Sie brauchen mit mir nicht zu reden wie mit einem Kleinkind.“

„Entschuldigung.“ Ashley errötete bis zu den Haarwurzeln.

„Ich war gerade mit ihm beim Arzt, und der hat ein Medikament verschrieben.“ Wie zum Beweis zog er eine zerknitterte Tüte aus der Tasche – zusammen mit seiner zusammengerollten Krawatte. „Wenn wir zu Hause sind, werde ich ihm die Medizin geben.“

„Aber das sind Antibiotika. Was er jetzt als Erstes braucht …“ Ashley brach ab. Sie zuckte mit den Schultern und schickte sich an zu gehen. Je eher dieser arrogante Kerl zu seiner Frau nach Hause kam, desto eher konnte er diesem kleinen Racker Paracetamol geben, damit er hoffentlich schnell kühler würde.

„Er braucht was?“, erklang es hinter ihr.

Eine Hand packte sie am Arm, und Ashley spürte, wie sie erstarrte. Wie kann er es wagen!, dachte sie erzürnt. Trotz ihrer dicken Jacke spürte sie die Wärme seiner Hand … einer Hand, die sie auch jetzt nicht freigab. Leises Unbehagen stieg in ihr auf. Ach was, wir sind in einer belebten U-Bahn-Station, redete sie sich gut zu. Langsam drehte sie sich um.

„Was braucht das Kind jetzt zuerst?“

„Würden Sie bitte Ihre Hand von meinem Arm nehmen?“ Ashleys grüne Augen sprühten vor unterdrücktem Zorn.

Verwirrt sah der Mann auf seine Hand, als gehöre sie überhaupt nicht zu ihm. Dann zog er sie zurück. „Entschuldigen Sie bitte.“ Seine Entschuldigung klang absolut aufrichtig. „Ich mache mir nur so große Sorgen … und weiß absolut nicht, was ich tun soll.“

„Bringen Sie ihn nach Hause“, sagte Ashley etwas milder. „Er braucht Fiebersaft. Dann wird es ihm bald besser gehen.“

„Fiebersaft?“, wiederholte der Mann fragend.

Ashley nickte. „Und er braucht seine Mutter“, fügte sie noch abschließend hinzu, während sie sich umwandte.

Jetzt würde sie aber wirklich gehen! Der Klang seiner Stimme und seine Worte ließen sie jedoch erstarren.

„Seine Mutter ist heute Nachmittag gestorben.“

2. KAPITEL

Schockiert drehte sie sich um und sah Vater und Sohn fassungslos an.

Wie absolut grauenhaft!

Und das Tragischste daran schien ihr: Niemand, der in der U-Bahn gestanden hatte und niemand, der hier schnell vorbeilief, ahnte, in welch schrecklicher Situation die beiden waren. Keiner der vorbeihastenden Menschen …

Und das ausgerechnet kurz vor Weihnachten.

Nicht, dass es zu einem anderen Zeitpunkt weniger schlimm gewesen wäre, aber irgendwie machte es das Ganze doch noch trauriger. Dieses süße Kind würde das Fest der Liebe ohne seine Mutter erleben. Im Vergleich zu dieser Tragik schienen Ashley ihre eigenen Probleme plötzlich völlig belanglos.

„Können Sie mir helfen?“ Der Mann sprach leise, aber es lag eine verzweifelte Dringlichkeit in seinem Ton.

„Ich?“

„Sie haben gesagt, Sie arbeiten mit Kindern.“

„Ja, schon. Aber …“

„Dann wissen Sie doch bestimmt, was jetzt zu tun ist. Wie man sich um ein krankes Kind kümmert.“ Seine Stimme hatte einen flehenden Klang angenommen. Sogar eine Spur von Panik schwang darin mit. „Ich weiß überhaupt nicht, was ich tun soll. Ich kenne mich mit Kindern nicht im Geringsten aus. Ich habe keine Ahnung, was so ein kleiner Junge braucht …“ Plötzlich bemerkte er Ashleys Verwirrung und fügte erklärend hinzu: „Er ist nicht mein Sohn – er ist mein Neffe. Es gab einen Autounfall …, ich bin erst heute früh angekommen. Aus Italien.“

Aufmerksam betrachtete Ashley den Mann. Was sie da eben gehört hatte, erklärte seine offensichtliche Erschöpfung. Nach seiner Kleidung, dem Notebook und der Aktentasche zu schließen, schien er direkt von der Arbeit zum Flughafen geeilt zu sein.

„Und wo ist der Vater des Kindes?“, fragte sie schließlich. Durch das Gewimmel auf dem Bahnsteig wurden sie wieder aneinandergedrängt, aber jetzt waren sie sich ja tatsächlich näher gekommen. Durch diese schreckliche Geschichte.

„Er saß auch mit im Wagen. Er war sofort tot.“

Einen Moment lang schloss Ashley die Augen, als könne sie so die Bilder vertreiben, die sich ihr aufdrängten.

Als sie sie wieder öffnete, begegnete sie seinem Blick.

„Würden Sie mir helfen?“

In einer solchen Ausnahmesituation war kein Raum für Fragen. Einem Ertrinkenden hielt man die rettende Hand hin, ohne Worte zu machen.

„Ja“, sagte sie. Es wäre Ashley nie in den Sinn gekommen, jemanden im Stich zu lassen, der in einer solch verzweifelten Lage war.

„Die Wohnung ist hier ganz in der Nähe. Wir kommen auch an einer Apotheke vorbei.“

Der Bahnsteig hatte sich inzwischen erneut gefüllt. Ein Zug war eingefahren, und durch die ein- und aussteigenden Fahrgäste entstand dichtes Gedränge. Die Menschen eilten dem Ausgang entgegen, kauften sich Zeitungen, telefonierten mit Freunden und Verwandten – kurz, das Leben ging weiter.

Das Leben musste weitergehen.

Der eisige Dezemberwind traf sie mit voller Wucht, als sie aus der U-Bahnstation heraustraten. Ashley hatte das Gefühl, sich wie in einem Traum zu bewegen. Der Mann trug ihren Rucksack, und sie schob den Kinderwagen. Überall um sie herum blinkten Weihnachtsdekorationen, und es herrschte Feiertagsstimmung. Die Schaufenster waren hell erleuchtet, die Menschen kamen gut gelaunt aus den Pubs oder von einer Weihnachtsfeier. Sogar die Apotheke, in der sie einkauften, hatte die Auslagen weihnachtlich geschmückt, aber all das schien die Trauer des Mannes verständlicherweise nur noch zu verstärken.

„Müssen wir noch Windeln besorgen, oder sind genug da?“

„Ich habe keine Ahnung. Am besten kaufen wir alles, was Sie so brauchen.“

Also machte sich Ashley daran, alles in den Einkaufswagen zu packen, was ein kleines Kind benötigte.

„Ich weiß nicht einmal, wie Sie heißen“, sagte sie, als sie wieder auf der Straße standen.

„Dario … Dario Vantani“, antwortete er mit einem angestrengten Lächeln. „Und Sie?“

„Ashley Farrell.“

Das war auch schon alles, was sie an Informationen austauschten. Schweigend gingen sie nebeneinander her, bis sie in eine etwas ruhigere Seitenstraße einbogen und vor einem imposanten vierstöckigen Gebäude stehen blieben.

Die ganze Situation kam Ashley fast surreal vor. Sie stand mit einem völlig fremden Menschen vor dem Zuhause anderer Fremder – und es wurde ihr ein Kind anvertraut, das Kostbarste, was es im Leben gab. Als sie das luxuriöse Haus betrat, ließ sie ihren Blick über den matt schimmernden Parkettboden schweifen, die hohen Decken, die riesigen Panoramafenster und teuren Möbel, aber das Einzige, was sie wirklich anrührte, waren die Mäntel und Schuhe im Flur und die halb volle Tasse Tee auf dem Tisch in der Küche. Eine tiefe Trauer machte sich in ihr breit, als sie die Einkaufsliste an der Kühlschranktür und das in der Spüle gestapelte Frühstücksgeschirr betrachtete.

Dario zog dem müden Kind den Mantel aus.

„Hat er etwas gegessen?“

„Ein paar Plätzchen. Er scheint keinen Hunger zu haben.“

Dario fühlte Guidos Stirn. „Er ist immer noch ganz heiß. Soll ich ihn baden?“

„Besser nicht. Wir sollten ihn lieber ins Bett packen und ihm die Medizin geben.“ Ashley ging die Treppe hinauf ins obere Stockwerk, um einen Schlafanzug für Guido zu suchen. Wieder berührte sie die Atmosphäre des Hauses zutiefst. Gleich auf den ersten Blick wurde deutlich, dass es sich um ein liebevoll gestaltetes Heim handelte. Ashley warf einen Blick auf ein ungemachtes Bett und ein Buch auf dem Nachtschränkchen. Im Bad lag ein Fön, der Stecker noch in der Steckdose. Der Wasserhahn am Waschbecken tropfte, und auf dem Boden lagen feuchte Handtücher. Kurz, es war ein Zuhause, das auf die Rückkehr seiner Bewohner wartete.

„Letzte Woche hat sie mich angerufen und erwähnt, dass sie jetzt doch endlich eine Haushälterin einstellen würde …“, erklang plötzlich eine Stimme hinter Ashley.

Erschreckt fuhr sie zusammen. Sie schluckte die Tränen hinunter, die in ihr aufgestiegen waren, und ging zum Wasserhahn, um ihn zuzudrehen.

„Sie war nie gut im Aufräumen.“

„Ein bisschen Unordnung schadet doch nichts.“

„Sie würde sich zu Tode schämen, wenn sie wüsste, dass wir das Haus in diesem Zustand sehen …“ Erschreckt hielt Dario inne, als ihm bewusst wurde, was er da gerade gesagt hatte. „Man musste Maria immer vorher anrufen, wenn man vorbeikommen wollte. Sie hasste unerwarteten Besuch, weil sie immer eine Vorlaufzeit brauchte, um schnell noch aufräumen zu können. Es wäre ihr total peinlich, dass wir diese Unordnung sehen.“

„Sie dachte eben, sie würde wieder heimkommen.“

„Er hat eine Mittelohrentzündung, meint der Arzt. Deshalb sei er auch so quengelig. Aber meine Schwester war der Meinung, er sei immer etwas schwierig“, erklärte Dario, während er Ashley dabei zusah, wie sie Guido die Medizin gab.

„Außerdem hat er Pseudokrupp“, antwortete Ashley. Wie auf ein Zeichen fing das Kind an zu husten. „Der arme Kleine. Das Mittel hilft aber schnell gegen die Schmerzen, und die Antibiotika wirken bestimmt auch bald.“

„Hoffentlich“, sagte Dario seufzend. „Ich glaube, ich mache ihm erst mal etwas zu essen, und dann kann er ins Bett.“ Er zog ein Stück Papier aus der Jackentasche und blickte kurz darauf.

Es gibt tatsächlich Leute, die absolut keine Ahnung von Kindern haben, dachte Ashley lächelnd, als sie sah, wie Dario eine Banane nahm und sie Guido hinhielt, der ihn nur verwirrt ansah.

„Maria hat gesagt, er mag Bananen.“

„Er ist doch kein Affe … Lassen sie nur, ich kümmere mich um ihn“, sagte sie und ging in die Küche. Im Gefrierschrank fand sie einige Scheiben Weißbrot. Sie steckte zwei davon in den Toaster, schnitt dann die Kanten ab, pürierte die Banane, gab alles auf einen Teller und kam zurück. Sie setzte sich zu Guido und begann ihn zu füttern.

Später, als das Kind erschöpft eingeschlafen war, trug Dario ihn ins Schlafzimmer und legte ihn dort in sein Bettchen. Ashley, die den beiden gefolgt war, deckte das Kind zu.

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