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Weidekrieg: Roman

Weidekrieg

Western von Thomas West

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Teil 1

Die Reiter kamen kurz nach Sonnenaufgang. Timothy Hardin hatte gerade den Ochsen vor den Pflug gespannt und stapfte hinter ihm her über die aufgerissene Erde. In seiner Hütte hörte er den Kleinen plärren und seine Frau singen. Vor dem Verschlag hockte sein Ältester und melkte die Ziegen. Die fünfjährige Tochter sah ihm dabei zu.

Die Reiter waren zu sechst. In gestrecktem Galopp ritten sie von Osten, von den Ausläufern der Brady Mountains heran. Die Schöße ihrer Ledermäntel wehten hinter ihnen her wie Kriegsstandarten. Halstücher verhüllten ihre Gesichter. Timothy entdeckte sie erst, als die Schüsse fielen. Vor ihm brach sein Ochse zusammen. Die Ziegen flohen meckernd ins Grasland hinaus, und seine Kinder schrien und stürzten durch den niedrigen Eingang in die Hütte.

Und dann waren sie bei ihm. Zwei ritten um ihn herum, vier sprangen vor der Hütte aus den Sätteln und drangen in Timothys ärmliches Zuhause ein. Er hörte seine Frau und seine Kinder schreien.

Einer der Reiter trug einen Vollbart. Timothy sah das graue Gestrüpp am Kiefergelenk des Mannes, wo das Halstuch die Gesichtshaut nicht vollständig abdeckte. Der Mann packte ihn vom Sattel aus an den Haaren und schleifte ihn durch die aufgepflügte Erde zu seiner Hütte. Dort stieß er ihn in den Dreck.

Der Schock erstickte jeden Gedanken an Gegenwehr in Timothy. Er war nicht einmal in der Lage, ein Wort der Beschwichtigung oder die Bitte um Gnade von sich zu geben. Er lag einfach im Staub und starrte in die zwei Gewehrläufe über sich.

Seine Frau und seine drei Kinder wurden aus der Hütte gestoßen. Sein Ältester blutete aus Nase und Mund. Seine Frau war blass und genauso stumm wie er selbst. Sie presste die zerrissene Bluse vor ihre entblößte Brust. Seine fünfjährige Tochter wimmerte vor Angst. Sie zitterte am ganzen Körper.

Eine Stiefelspitze traf Timothy in den Nieren. Der Schmerz raubte ihm für Sekunden die Besinnung.

"Steh auf!", schrie ihn einer der Männer an. Ein kleiner, drahtiger. Er konnte nicht besonders alt sein, denn seine Stimme klang wie die eines Halbwüchsigen. "Du sollst aufstehen, Hardin!"

Keuchend rappelte Timothy sich hoch. Die entsetzten Blicke seiner Kinder hingen an ihm.

"Tut mir leid um den Ochsen", sagte der mit dem grauen Bart unter dem Tuch. Er sprach ganz ruhig, und es klang, als würde er lächeln dabei. "Wir haben ihn für einen Büffel gehalten." Er hob die Achseln, als wollte er sich entschuldigen. "So geht es, wenn man Grasland umpflügt, das einem nicht gehört. Da kommen friedliche Männer über ihre Weide geritten, meinen, ein Büffel hat sich auf ihr Land verirrt, und Peng! Auf einmal hat so eine jämmerliche Wühlmaus wie du einen Ochsen weniger."

Der Maskierte schaute sich um. "Es ist doch hoffentlich nicht dein einziger gewesen? Na egal - du brauchst sowieso keinen mehr. Pack deine Sachen zusammen!"

Timothy wollte sagen, dass das Land sein Land sei, dass die Regierung per Gesetz jedem fünfundsechzig Hektar Land zugesprochen hatte, der mutig genug war, es zu besiedeln, dass er den beschwerlichen Weg von Lexington, Kentucky, hierher in dieses wilde Land auf sich genommen hatte, weil er mutig genug war. Und weil er an eine bessere Zukunft glaubte.

Aber er sagte nichts von alledem. Die Regierung saß weit weg in Washington. Und in Texas machten sich die Menschen ihre eigenen Gesetze. Drei Monate war er erst hier im tiefen Westen - aber das hatte er schon begriffen.

Die wenigen Habseligkeiten flogen aus der Tür und dem Fenster der Hütte. Hastig rafften Timothy und seine Familie alles zusammen, was sie tragen konnten.

Die Männer rissen die Grassodenwände und das Dach zusammen. Bald glich Timothys Behausung einem Erdhaufen. Nicht alle drei Ziegen hatten fliehen können. Eine war im Stall angebunden gewesen. Die Männer erschossen sie.

Schließlich packten zwei von ihnen seinen Ältesten. Der mit der Knabenstimme bohrte ihm den Lauf seines Revolvers in den Mund. "Wir sind keine Unmenschen, Hardin. Deswegen verzeihen wir dir noch einmal, dass du dich versehentlich auf einem Stück Land ansiedeln wolltest, das dir nicht gehört. Aber solltest du dich je wieder hier blicken lassen..." Er spannte den Hahn seines Revolvers.

Timothys Frau schrie laut. Seine kleine Tochter klammerte sich an den Ledermantel des Mannes. Der Junge ging in die Knie. Seine flehenden Augen stachen Timothy ins Herz.

Der Mann stieß das Mädchen von sich und zog den Revolverlauf aus dem Mund des Jungen. "Ich denke, wir haben uns verstanden..."

Minuten später hasteten Timothy und seine Familie ins weite Grasland hinein. Einer höchst ungewissen Zukunft entgegen...

 

*

 

Ein starker Westwind fegte über das hohe Gras. Wie grünes Wasser wogte es hin und her. Gewitterwolken zogen von Westen her über das Grasland. Die ersten Regentropfen klatschten auf Johnny Potters Hutkrempe und in die Mähne seines Pferdes. Er schien es nicht einmal zu bemerken.

Reglos saß er im Sattel. Und sah hinunter auf die Farm am Fuß des Hügels. Oder auf das, was von ihr übriggeblieben war.

Eine Viehherde weidete um das zerfallene Anwesen herum, dort wo Johnny früher mit seinem Vater den Boden umgepflügt und Mais angebaut hatte. Zwölf Jahre waren vergangen, seit er zum letzten Mal hinter Ochsengespann und Pflug durch die dampfende Erde gestapft war.

Einige Rinder grasten vor der Veranda des Farmhauses. Vor zwölf Jahren hatte man dort kaum einen Halm gefunden. Jetzt stand das Gras kniehoch.

Rundhölzer ragten aus dem Gras. Ein paar Latten hingen schräg an ihnen herunter. Überreste des Zaunes, der einst die gesamte Farm umschlossen hatte.

Links neben dem Anwesen, gleich hinter dem ehemaligen Ochsenstall, standen drei alte Eichen. Der Wind zerwühlte ihre dichten Laubkronen. Früher, als kleiner Junge, waren die Bäume Johnny Potters liebster Spielplatz gewesen. Jetzt lagen Rinder wiederkäuend zwischen den Stämmen.

Der Regen nahm zu. Das Pferd, eine rotbraune Stute, schnaubte und schüttelte sich. Johnnys Rechte zuckte, der Zügelriemen tätschelte ihren Hals. Sie setzte sich in Bewegung und trabte den Hügel hinunter.

Die Longhorn-Rinder schauten ihm gelangweilt entgegen, als er die Reste des Gatters passierte, durch das man früher in den Hof der Farm geritten war.

Vor dem verlassenen Haus stieg er aus dem Sattel. Sein Pferd beugte den Kopf ins Gras und begann an den Halmen zu zupfen.

Johnny schritt an der moosbedeckten Hausfassade entlang. Ein schwerer zerklüfteter Stein schien hinter seinem Brustbein zu ruhen. Zwölf Jahre - eine lange Zeit...

Nach zwölf Jahren wieder nach Hause kommen - das wäre Grund genug für ein paar sentimentale Minuten gewesen. Aber Johnny Potter kam nach Hause, und es gab kein Zuhause mehr...

Langsam ging er um den Holzbau herum. Überall fehlten Balken und Bretter. Im Dach klafften große Lücken. Die Fensterrahmen fehlten, die Eingangstür ebenfalls, auch die meisten Holzdielen der Veranda.

Vom Ochsenstall standen nur noch Rückfront und die Eckbalken, der Geräteschuppen fehlte vollständig. Irgend jemand hatte sich hier mit Baumaterial eingedeckt.

Kein Wunder - man musste schon ein Stück reiten, um Holz zu finden. Johnnys Vater hatte es vor fünfunddreißig Jahren über den nahen Concho River aus den Brady Mountains herangeschafft. Damals war Johnny noch nicht geboren gewesen.

Der erste Blitz zuckte über den dunklen Himmel. Donner grollte. Johnny betrat das Haus durch ein großes Loch in der rückseitigen Fassade. Es roch nach Staub, Moder und Tierkot. Fledermäuse flatterten an ihm vorbei und flüchteten ins Freie. Vor der kleinen Kammer, die er während seiner Kindheit und Jugend mit seinem älteren Bruder Billy geteilt hatte, blieb er stehen.

Draußen krachte ein Donnerschlag aus dem Himmel. Regen trommelte aufs Dach. Ungerufen blitzten die alten Bilder in Johnnys Schädel auf.

Billy und er in einem Bett, wenn die heftigen Sommergewitter über dem Grasland niedergingen. Billy und er auf den Holzbohlen kniend, während Mom mit der Petroleumlampe in der Hand das Nachtgebet sprach. Billy und er unter dem Bett, wenn Dad mit der Ochsenpeitsche hinter ihnen her war. Und so weiter, und so weiter.

Der Stein in Johnnys Brust schien anzuschwellen. Tränen stiegen ihm den Hals hinauf. Er schluckte sie hinunter.

Ein Scharren drang aus der Kammer. Dann tippelnde Schritte. Johnny wich einen Schritt zurück. Seine Linke legte sich auf den Kolben seines .44er Colt-Walkers.

Aus dem Halbdunkel der kleinen Kammer schälte sich der Schatten eines Tieres - buschiger Schwanz, lange Schnauze, nicht viel größer als ein Terrier. Draußen zuckte ein Blitz über den Himmel. Für einen Moment wurde das schwarzweiße Fell des Tieres sichtbar - ein Skunk.

"Bullshit!", zischte Johnny und wich in den großen Wohn- und Essraum zurück. Das Stinktier wuselte durch das Fassadenloch ins Freie.

Johnny drehte sich um - im leeren Rahmen der Eingangstür stand ein Mann. Klein, struppige graue Haare, Vollbart, Hosenträger über einem ehemals weißen Unterhemd, vielleicht vierzig Jahre alt. Er trug eine doppelläufige Schrotflinte bei sich. "Hallo Mister - jagen Sie Ratten hier?"

Johnny musterte das eingefallene Gesicht des Mannes. Er sah krank aus. Wie einer, der zuviel trinkt und zu wenig schläft. "Ich heiße O'Rourke", sagte der struppige Bursche. "Samuel O'Rourke." Er entblößte ein lückenhaftes Gebiss. Wahrscheinlich der Versuch eines Lächelns. Das erstarb ihm auf den Lippen, als Johnny langsam auf ihn zuging.

John Potter war ein großer Mann. Ein kantiger großer Schädel saß auf seinen breiten Schultern. Blonde Haare hingen ihm strähnig in die Stirn. Eine eindrucksvolle Erscheinung alles in allem. Man sah ihm die harten Jahre nicht an, die hinter ihm lagen.

"Ich meine, es geht mich natürlich nichts an, was Sie hier treiben..." O'Rourke wich zur Seite, und Johnny schob sich an ihm vorbei. Der Regen prasselte auf das löchrige Vordach der Veranda. Sein Pferd hatte sich unter die Eichen hinter der Stallruine geflüchtet. Ein Maultier stand vor der Veranda, festgebunden an den Überresten des Geländers. Neben ihm im Gras lag ein schwarzer Wolfshund, ein riesengroßes Vieh.

"... wahrscheinlich wollten Sie sich irgendwo unterstellen wie ich...", stammelte O'Rourke. "... oder einfach nur pinkeln..."

Johnny setzte sich auf die Vortreppe. Der Hund sprang auf und kläffte ihn an.

"Gib Ruhe, Grant!", rief der kleine struppige Kerl. Der Wolfshund verstummte. "Er schlägt sofort an, wenn er einen Fremden sieht." Der Mann breitete entschuldigend die Hände aus. "Ist sein Job."

"Einen Fremden..." Johnny stieß ein bitteres Lachen aus. "Ich bin hier aufgewachsen, verdammt noch mal!" Er zog einen Tabaksbeutel aus der Brusttasche seines Hemdes und begann sich eine Zigarette zu drehen.

"Dann sind Sie ein Sohn von Mr. Potter?", staunte O'Rourke.

Überrascht sah Johnny auf. "Sie kennen meinen Vater?"

"Und Ihre Mutter!", rief der kleine struppige Mann. "Und ob ich Kate und Will kenne...!" Er unterbrach sich, als hätte er etwas Falsches gesagt. "... kannte", korrigierte er sich mit gesenkter Stimme. "Sie wissen...?"

"Ja." Johnny zündete sich die Zigarette an. "Ich weiß, dass sie tot sind. Der County Sheriff hat es mir geschrieben."

"Al Buckley hat es Ihnen geschrieben?"

"Ja", sagte Johnny. "Den County kennen Sie auch?"

Der Mann nickte.

Eine Zeitlang schwiegen sie. Der Wolfshund trottete zu Johnny und beschnupperte dessen Stiefelspitzen. Johnny kraulte ihm das Nackenfell.

"Das läßt er sich nicht von jedem gefallen", staunte O'Rourke. Jetzt erst fielen Johnny die gelben Zahnstummel und die schwieligen Hände des Mannes auf. "Wollen Sie ihre Gräber sehen?", fragte O'Rourke mit gesenkter Stimme.

Johnny nickte. Gemeinsam gingen sie durch das hohe Gras über den ehemaligen Farmhof zu den drei alten Eichen. Der Hund trottete neben ihnen her.

Grant, dachte Johnny bitter. Vor einem Jahr noch hätte er es witzig gefunden, einem Hund mit dem Namen eines Nordstaaten-Generals zu begegnen. Aber inzwischen hatten die Yankees den Krieg gewonnen und feierten General Ulysses Grant als Kriegshelden.

Johnny hatte den höchsten Militär der Union tausendmal verflucht. Zuletzt im Kriegsgefangenenlager von Lewisburg, West-Virginia. Der Hund weckte traurige Erinnerungen...

Regenwasser tropfte von Johnnys Hut.

Die Rinder erhoben sich, als sie die Bäume erreichten. Träge bewegten sie ihre massigen Leiber aus dem Schutz der Eichen ein Stück weit in die Weide hinein. Dort blieben sie stehen und beäugten die Männer und den Hund abwartend.

Hinter den Eichen sah Johnny einen Steinwall. Mehr als kniehoch zäunte er ein quadratisches Stück Erde ein. Von fünf Schritten Seitenlänge vielleicht. Dahinter zwei Holzkreuze.

"Wer hat die Steine aufgeschichtet?", wollte Johnny wissen.

"Ich", sagte O'Rourke.

Johnny trat an den Steinwall und zog seinen Hut ab. Wasser floss über seine Hand. Eingekerbt in das verwitterte Holz der Kreuze waren die Namen seiner Eltern: Kathrin Potter, William Potter. Darunter das Todesdatum. Unter jedem Namen dasselbe: 8. Januar, 1865. Das letzte Kriegsjahr. Gerade mal zwanzig Monate her.

Vor den Kreuzen erhoben sich zwei Hügel aus Steinen. Auf jedem Steinhügel lag ein vertrocknetes Bündel aus Weizenähren und Kornblumen. Das Gras innerhalb des Steinwalls war kurzgeschnitten.

"Wer pflegt die Gräber?", fragte Johnny.

"Ich." O'Rourke zuckte mit den Schultern, als wollte er sich entschuldigen.

"Was bin ich Ihnen schuldig, O'Rourke?"

"Nichts," wehrte O'Rourke ab. "Will, Kate und ich waren Freunde. Meine Familie und ich kamen noch im selben Jahr hierher, als die Regierung das Heimstättengesetz beschlossen hat. Das Land, das wir absteckten, grenzte an das Land Ihrer Eltern. Kate und Will halfen uns, Fuß zu fassen. Will lieh mir Pflug und Ochsen aus, Kate half meiner Liz mit den Kindern. Ohne die beiden hätten wir unser Haus niemals in drei Monaten bauen können. Dabei waren sie ja nicht mehr die jüngsten. Vier Jahre ist das jetzt her..."

"Verstehe", sagte Johnny. "Wie sind sie umgekommen?"

Der andere senkte den Blick.

"Indianer", sagte er leise. "Comanchen."

Das konnte vieles bedeuten: Erstochen, aufgeschlitzt, skalpiert, von Pfeilen durchbohrt - Johnny hakte nicht nach. Aus seiner Zeit als Texas Ranger wusste er, wie Menschen starben, an denen kriegerische Comanchen ihren Zorn austobten.

"Kate hat von Ihnen erzählt", sagte O'Rourke vorsichtig. "Und von Ihrem Bruder."

"Mein Vater nicht?"

O'Rourke antwortete nicht. Johnny schien es auch gar nicht erwartet zu haben.

"Wir verstanden uns nicht, Dad und ich. Bin früh weg. Mit siebzehn. Vor zwölf Jahren. Hab' mich als Cowboy durchgeschlagen unten in Austin, danach als Postkutschen-Begleitschutz bei der Wells Fargo, dann eine Zeitlang bei den Rangers..."

"Und dann der Krieg?", fragte O'Rourke leise.

"Dann der Krieg", nickte Johnny.

"Und Ihr Bruder?"

"Gefallen." Johnny setzte sich den Hut wieder auf. "Wahrscheinlich können Sie sich bald revanchieren, Sammy - ich werde die Farm wieder aufbauen. Da brauch' ich ein paar Hände, die zupacken können."

O'Rourkes Gesicht wurde plötzlich sehr ernst. "Das wird nicht gehen, Mr. Potter", sagte er. Die Heiserkeit in seiner Stimme ließ Johnny aufhorchen. "Das Land gehört jetzt Abraham Masters." Johnny sah ihn fragend an. "Das ist der größte Viehzüchter zwischen San Angelo und Fort Worth."

Er deutete auf die Longhorn-Rinder im hohen Gras. "Das Vieh hier trägt sein Brandzeichen." Dann wieder diese entschuldigende Geste. "Aber bei Mister Masters werden Sie sicher Arbeit finden..."

"So, werd' ich das..." Der Name Masters war Johnny nicht unbekannt. Schon vor zwölf Jahren, als er von zu Hause fortging, hatte der Mann jedes Wasserloch beschlagnahmt, das er kriegen konnte. "Gibt's inzwischen ein Hotel in Paint Rock?"

"O ja", nickte O'Rourke. "Zwei. Und in jedem ein Saloon."

Johnny stieg auf sein Pferd. "Vielen Dank für alles, Sam", sagte er. "Ich kümmere mich ab jetzt um die Gräber. Und ich melde mich bei euch, wenn ich soweit bin, die Farm wieder aufzubauen."

"Vergiss es, Johnny!" O'Rourke machte ein wehmütiges Gesicht. "Aber wenn du uns besuchst, freuen wir uns trotzdem."

Johnny winkte und lenkte sein Pferd zu der kleinen Gruppe Rinder neben den Eichen. Seine Augen suchten die Flanken der Tiere ab. Und entdeckten das schwarze "M"...

 

*

 

"Da kommt er, Wash." Rosanne Masters tat, als würde sie hingebungsvoll ihren rotbraunen Hengst striegeln. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie den schwarzgekleideten Mann, der eben einen Steinwurf von ihr entfernt die steinerne Vortreppe des Hauptgebäudes herunterschritt.

Jesse Harper. Alles an dem Mann war schwarz: die Hose, das Hemd, die Lederweste, der Patronengurt um seine Hüften, die beiden Revolverholster. Schwarz auch sein langes glattes Haar, das ihm aus dem schwarzen Hut heraus bis über die Schulter fiel. Nur die Beschläge seiner beiden Remington-Revolver funkelten silbrig in der Morgensonne.

Jesse Harper arbeitete erst seit zwei Monaten für Rosannes Vater. Trotzdem war er schon zum Vorarbeiter aufgerückt. Ein exzellenter Reiter und ein Schütze, der mit links genauso gut traf wie mit rechts. Niemand wusste viel über seine Vergangenheit. Im Bürgerkrieg hatte er für die Konföderierten gekämpft, als Kavallerist. Mehr hatte auch Rosannes Vater nicht erfahren.

Einigen der Cowboys passte die Sonderstellung nicht, die der Neue auf der Masters-Ranch einnahm. Sheldon Harrison zum Beispiel. Harpers Vorgänger als Vorarbeiter hatte gekündigt. Und drei gute Leute mitgenommen.

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