Logo weiterlesen.de
Weichseltöchter

Hier beginnen die Geschichten und Geheimnisse von Magdalene, Mathilde, Frieda und Gerda.

Gelingt es Magdalene ihre erste große Liebe zurückzugewinnen? Und warum dreht Mathilde der Weltstadt Danzig den Rücken zu, um in der Provinz im Harz ein Hotel zu betreiben? Wie konnte es geschehen, dass Frieda ihre jüngste Tochter im größten Inferno des letzten Jahrhunderts im Stich ließ? Und wie gelingt es Gerda, allein auf sich gestellt, drei Kinder großzuziehen? Ob diese Lebensfragen gelöst werden?

Vier Frauen – allesamt Töchter der Tochter – gehen in der Zeit von 1850 bis 1999 anpackend und selbstbewusst ihre Wege durch die Jahrhunderte. Sie lebten seit Generationen im Land an der Weichselmündung. Der Fluss war ihr Transport- und Schicksalsweg. Alltägliches wurde durch Kriege, Flucht und Heimatverlust zu großen Herausforderungen. Ihren Dialekt – hinter jedem Wort kam ein „chen als Verniedlichung – haben sie trotz aller Anstrengungen nicht verleugnen können. Ihre Essgewohnheiten arteten auch in der neuen Heimat zu regelrechten Schlachten aus – starke Frauen, die nie bequeme Wege gegangen sind.

Die Aktualität des Themas Vertreibung hört nicht auf.

Ahnentafel der Weichseltöchter

 

Danziger Umland

Inhaltsverzeichnis

Für Sofie-Malö und Hannah, ihre Töchter und Enkeltöchter

Magdalenes Geschichte

Magdalenes Neuanfang

Mathildes Geschichte

Friedas Geschichte

Friedas Kindheit und Jugend

Gerdas Geschichte

Reise nach Danzig

Epilog

Für Sofie-Malö und Hannah, ihre Töchter und Enkeltöchter

Liebe Sofie, liebe Hannah,

Dies sind die Geschichten von vier Frauen: die Vorfahren Eurer Väter, Lutz und Kai-Thomas. Es sind die Lebensgeschichten der Töchter. Das, was sie erlebt und bewältigt haben, in ihrer Zeit zwischen Geburt und Tod, soll Euch zeigen, was alles möglich ist und dass man immer eine Wahl hat. Diese Frauen sind im ehemaligen Westpreußen und der Hansestadt Danzig geboren oder dort aufgewachsen; in dem Land und der Stadt an der Weichsel. Das Leben der Frauen war tief verbunden mit der Stadt Danzig, dem heutigen polnischen Gdansk. Es ist die Stadt der Freiheit, die Stadt, die zu allen Zeiten europäische Geschichte geschrieben hat. Die Schweden und Napoleon haben sich hier umgesehen. Die Holländer haben ihre Bau- und Entwässerungskunst dort gelassen. Hier begann der Zweite Weltkrieg und hier endeten die kommunistischen Regime des Ostens. Und alle Töchter wurden vom Lauf der Weltgeschichte eingeholt.

Ich beginne mit Magdalene Rust, Eurer Ururururgroßmutter väterlicherseits. Sie war mit Josef Pflicht verheiratet. Die beiden hatten mindestens zwei Kinder.

Und dann ist da Mathilde Plicht, ihre Tochter, die Ernst-Rudolf Mallon geheiratet hat. Die beiden hatten zwölf Kinder, von denen fünf Töchter die Mutter überlebt haben.

Auch von Frieda Mallon, der fünften Tochter von Mathilde und Ernst-Rudolf, will ich Euch erzählen. Frieda hat Otto Zimmermann geheiratet. Sie hatten zusammen drei Kinder: zwei Töchter, einen Sohn.

Und schließlich ist da Gerda, die älteste Tochter der beiden, Eure Urgroßmutter väterlicherseits. Sie hat Georg Salomon geheiratet, mit dem sie zwei Töchter hatte.

Natürlich kommen auch Männer in den Geschichten vor. Aber die sind nicht so ergiebig. Sie sind den Frauen abhandengekommen – durch Krankheit, Krieg, Tod und Teufel in Form von Freundinnen. Diese Ahninnen haben gemeinsam, dass sie in der Mitte ihres Lebens einen oder gar mehrere neue Anfänge wagen mussten. Die Geschichten dieser Frauen sind durch mündliche Überlieferung bei mir gelandet. Viele Geschehnisse sind dabei auf der Strecke geblieben oder die Erzähler haben es anders erlebt. Das was fehlt, habe ich durch meine Fantasie ergänzt.

Fangen wir also mit Magdalene Rost an, Eurer deutschen Ururururgroßmutter. Von ihrem Leben ist nichts bekannt, außer, dass sie Josef Plicht heiratete und mit ihm zwei Kinder hatte, die Mathilde und Ernst hießen. Die Geschichte von Magdalene habe ich komplett erfunden. Sie könnte sich aber so zugetragen haben.

Macht mit mir eine Reise in die Vergangenheit, zu Euren Wurzeln, in das Weichselland, in die Stadt Danzig, in den Harz. Lasst Euch mitreißen von den Lebenswegen dieser ungewöhnlichen Frauen. Vielleicht findet Ihr Antworten auf Eure eigenen Lebensfragen. Begeben wir uns also auf die Spurensuche nach den Weichseltöchtern, deren Gene in Euren Adern fließen.

Magdalenes Geschichte

Wie gesagt, von Magdalene gibt es keine genauen Daten. Wann und wo sie geboren wurde, wer ihre Eltern waren, wie und wo sie aufgewachsen ist – wir wissen es nicht. Wir wissen aber, dass sie einen Josef Pflicht geheiratet hat und dass die beiden mindestens zwei Kinder hatten, nämlich eine Tochter Mathilde und einen Sohn Ernst. Die beiden müssen auf einem größeren Bauernhof gelebt haben. Ob der ihnen gehörte oder ob sie dort als Arbeiter beschäftigt waren, ist nicht überliefert. Wohl aber, dass die Tochter Mathilde auf einem großen Hof aufgewachsen ist. Die Geschichte der Magdalene ist deshalb rein fiktiv. Auch wissen wir nicht, wo und wann sie gestorben ist und was aus ihrem Mann wurde. Jedoch ist bekannt, was aus ihrer Tochter Mathilde geworden ist. Und ein wenig wissen wir auch über ihren Sohn Ernst.

Ich habe eine Geschichte um Magdalene herum konstruiert, so wie das Leben zu der damaligen Zeit – wahrscheinlich 1850 – für Mädchen oder junge Frauen gewesen sein dürfte. So, wie man damals im Danziger Land – in der Niederung oder auf den Höhen – gelebt hat; wie man gereist ist, was man gegessen und wie man gewohnt hat; welche Arbeiten die Frauen verrichteten, was sie zum Leben beigetragen haben – und dass sie wahrscheinlich viele Kinder bekamen, ob sie wollten oder nicht.

Die Gegend um das südliche Danzig herum zum Beispiel das Örtchen Praust, war über viele Jahre lang ein beliebtes Ziel sämtlicher Armeen – ob Schweden, Franzosen oder Preußen. Alles fiel in diesem Städtchen ein und nahm es jedes Mal übel mit. Der Ort Prangenau liegt nicht weit davon entfernt. Es ist also gut möglich, dass auch Magdalenes Leben durch das Militär beeinflusst wurde. Auch wurde um diese Zeit das Eisenbahnnetz ausgebaut. Das hat viele Arbeiter angezogen. Vielleicht ist der eine oder andere hier hängen geblieben. Trotzdem habe ich Magdalenes Leben eine Zeit lang in der Stadt Danzig abspielen lassen. Sicher ist sie dort gewesen, warum auch immer. Und zum Ende ihres Lebens habe ich sie dort wieder ankommen lassen. Die Orte habe ich mit den ehemals deutschen Namen benannt.

Also, lassen wir Magdalenes Leben an uns vorüberziehen.

 

Magdalene Rost war zwölf Jahre alt, als ihre Mutter bei der Geburt des siebten Kindes starb. Magdalene war dabei. Sie hörte die Mutter jammern und stöhnen. Nie war es bei den anderen Kindern vorher so gewesen. Sie bekam es mit der Angst, suchte nach dem älteren Bruder, der den Vater holen sollte. Die Mutter schrie, dass Magdalene eine Gänsehaut bekam. Die Nachbarin, sonst immer zur Stelle, wenn es was zu plachandern gab, ließ sich nicht blicken. Magdalene wusste nicht, was sie tun sollte. Die Mutter schlug nach ihr und war wie von Sinnen.

Als Magdalene es nicht mehr aushielt, lief sie angsterfüllt aus der Kate. Sie hielt sich die Ohren zu. Dann war es auf einmal still. Die kleineren Geschwister hörten auf zu spielen. Es zwitscherte kein Vogel und der Hund hatte sich in den Stall verzogen. Magdalene sah in der Ferne den Vater schnellen Schrittes heraneilen. Sie ging ins Haus zurück. Die Mutter lag blutend und bewusstlos auf dem Küchenboden; das Kind daneben, es war blau, fast schwarz. Der Vater kam herein, nahm Magdalene zur Seite und seine tote Frau in den Arm. Er weinte leise und schüttelte immer wieder den Kopf. Magdalene war das älteste Mädchen und musste nach dem Tod der Mutter, die mit dem letzten Kind gemeinsam begraben wurde, den Haushalt für Vater und die fünf kleineren Geschwister führen. Die Mutter hatte ihr viel beigebracht, aber sie war doch noch ein Kind und wollte gerne weiter zur Schule gehen. – Aber es ging nicht, der Vater brauchte sie.

Bis Vater eine neue Frau fand. Es war eine Witwe mit ebenfalls fünf Kindern. Die Kate wurde zur klein, die Kinder waren zu viele. Der Vater überlegte, was zu tun sei. Die neue Mutter wusste schnell Rat: Sie kannte den Müller in Käsemark auf der anderen Seite der Weichsel. Der suchte eine Hilfe für seine Frau in Haus, Hof und Mühle. War es ein Glück, dass die neue Frau den Vater überreden konnte, seine Älteste in der Müllerei in Stellung zu geben? Was blieb ihm auch übrig? Die Unterredung mit dem Müller verlief vielversprechend. Magdalene sollte schon in wenigen Tagen von Rotebude nach Käsemark übersiedeln.

Sie war neugierig, was sie auf der anderen Seite der Weichsel erleben würde und freute sich, als der Vater sagte, sie bekäme auch zu essen und eine Kammer zum Schlafen. Vielleicht sogar einen neuen Rock. Sie wusste nicht, was es bedeuten sollte in Stellung zu gehen. Sie hatte dieses Wort aufgeschnappt, als der Vater mit einem ehemaligen Kameraden die Soldatenerlebnisse austauschte. Ob sie auch mit einem Gewehr umgehen musste? Das würde ihr nicht behagen.

Und so setzte der Vater sie nach Himmelfahrt mit dem Fährmann von Rotebude nach Käsemark über. In dem Bündel hatte sie das wenige Kostbare zusammengeschnürt: die Bibel, die Holzpantinen und ein Schultertuch, das der Vater ihr als Andenken an die Mutter geschenkt hatte. Der Abschied von den Geschwistern fiel ihr schwer. Sie hing an der Jüngsten, die zu einer kinderlosen Tante nach Praust gebracht wurde.

Die ersten Wochen und Monate waren für Magdalene schwerer, als sie sich vorgestellte hatte. Die versprochenen Mahlzeiten bestanden zweimal am Tag aus Brot- oder Mehlklütensuppe. Sonntags gab es manchmal eine Kartoffel dazu. Die Schlafkammer hatte sie mit zwei anderen Mägden zu teilen. Es gab nur ein Bett, in dem alle drei Mädchen schliefen. Sie hatte die Wäsche für die große Familie und für die Müllerburschen zu waschen, lernte, die Wäsche auszubessern, half in der Küche beim Kochen, im Sommer beim Einkochen der Gartenernte und im Frühjahr hatte sie den Garten zu beackern.

Ihren Vater sah sie noch einmal, als er ihren ersten Lohn – nach zwei Jahren – abholte. Es war wenig, denn der Müller war der Meinung, dass er Kosten und Mühe habe, dem Mädchen etwas beizubringen.

Immer wenn Karl, der Lehrling, die Schreibarbeiten für den Müllermeister in der Küche erledigte, schaute Magdalene ihm zu. Magdalene war auch zur Schule gegangen, fast vier Jahre; nicht regelmäßig, immer nur dann, wenn der Vater das Schulgeld zusammenbekam. Sie konnte lesen, das Schreiben war holperig, aber das Rechnen machte ihr richtig Freude. Sie beneidete Karl. Sie schielte ihm über die Schulter, wenn sie Töpfe und Pfannen schrubbte. Karl bemerkte es und fragte sie, ob er ihr weitere Buchstaben beibringen sollte. Sie stimmte freudig zu.

Der Müllermeister kam auf die Idee, eine Gaststube einzurichten. Da war es vorbei mit der Schulung. Magdalene konnte inzwischen gut kochen und nicht nur Brotsuppe für das Gesinde. Sie sollte nun nicht nur kochen, sondern auch die Gäste bedienen. Die Müllerin gab ihr einen Rock und eine Bluse mit einer weißen Rüschenschürze. Die Sachen waren zwar zu groß, aber Ilse, die zweite Magd, zeigte Magdalene wie Rock und Bluse mit Nadel und Faden geändert werden konnten. Aus dem restlichen Stoff bastelte Ilse noch ein Haarband. Mit dem Schultertuch ihrer Mutter sah Magdalene nun richtig erwachsen aus und Karl fand sich plötzlich häufiger in der Gaststube ein, um ihr zu helfen; die Bierfässer aufzustellen, die Tische und Stühle zu rücken, selbst Gläser spülte er, während Magdalene in der Küche einen Sonntagsbraten zauberte. Er half ihr beim Schreiben einer Speisekarte – eine Idee von Magdalene, die der Müller skeptisch betrachtete.

Die ersten Flussschiffer kamen. Es war eine Enttäuschung, keiner wollte ihr Essen, alle wollten nur Bier und Machandel.

Ihr Talent zum Rechnen machte sich schon bald für den Müller bezahlt. Nachdem einige Schauerleute von der Weichsel ihn beim Bezahlen der Zeche übers Ohr gehauen hatten, überließ er lieber Magdalene das Kassieren.

Seit einigen Wochen wartete Magdalene immer sehr sehnsüchtig – auf das Schiff Graudenz, das aus der gleichnamigen Stadt regelmäßig weichselabwärts nach Danzig fuhr. Es faszinierte Magdalene, dass die Mannschaft bis in die große Stadt am Meer kam. Sie wollte auch dorthin, irgendwann mal, die feinen Damen und Herren in ihren schmucken Kleidern bewundern. Mehr noch faszinierte Magdalene aber der Kapitän, Joachim Petermann. Er war vielleicht 23 Jahre alt.

Sie hatte ihn das erste Mal gesehen, als sie aus dem Gasthausfenster nach Gästen Ausschau hielt. Er kam mit langen, schlaksigen Schritten, die alle Seeleute haben, auf das Gasthaus zugeschlendert. Er hatte es nicht eilig. Niemand an der Weichsel hatte es eilig. Er musste den Kopf einziehen, als er zur Tür rein kam. Magdalene lief rot an und wusste nicht warum. Sie war sonst ganz sie selbst, wenn sie die Gäste nach Ihren Wünschen fragte. Joachim Petermann sah zu ihr herunter und fragte, was es Schönes zu Essen gäbe. Nach dem ersten Stottern, konnte sie wieder flüssig sprechen. Das Essen schmeckte ihm scheinbar, denn von nun an kam er regelmäßig zweimal in der Woche vorbei. Sie wusste inzwischen, dass er Holz, Möbel, Tuchballen und andere schöne Dinge den Fluss hinunter fuhr, um in Danzig bei der Reederei abzuliefern. Die reichen und schönen Leute dort kauften unentwegt solche Dinge. Im späten Sommer hatte Petermann Magdalene ein Geschenk mitgebracht. Es war das erste Mal, dass sie ein Geschenk bekam und dann noch von einem Mann. Magdalene fühlte sich geschmeichelt. Sie machte das Säckchen aus Samt auf und sah die Bernsteinkette. Auch die Müllerin trug an Festtagen eine solche Kette. Magdalene war vor Freude und Verlegenheit wieder ganz rot geworden. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Hatte Petermann ihr einen Antrag machen wollen? Er sagte auch nichts dazu. Nur, dass sie die Kette umlegen sollte. Als er sah, dass sie zögerte, nahm er die Kette, legte zärtlich ihren Hals frei, dass ihr ein wohliger Schauer den Rücken runterrieselte, und band die Kette zusammen. Er dreht sie wieder zu sich herum, sah ihr in die Augen und sagte, die Steine hätten die Farbe ihrer Augen. Die beiden Mägde hatten sich abends im Bett leise unterhalten, dass es schon dem Müller und der Müllerin auffiel, dass Petermann so häufig kam und nach Magdalene fragte, wenn sie nicht in der Gaststube war. Die Mädchen kicherten und sprachen von einem Verehrer. Ab diesem Tag wollte Magdalene kein Essen mehr gelingen, sie träumte vor sich hin, wie sie mit Petermann im Hochzeitskleid vor dem Altar stand, wie sie auf seinem Schiff mit nach Danzig fuhr, wie er das Kapitänshaus baute für sie und die Kinder … Dem Müller blieb das nicht verborgen. Er hatte keine Lust, Magdalene zu verlieren, lief doch die Gaststube fast besser als die Mühle. Er wusste, dass viele Schiffer nur wegen Magdalene kamen, die mit ihren fünfzehn Jahren eine Augenweide war.

Zum Erntedankfest war Magdalene dann mit Petermann zum Tanz verabredet, da wollte er Magdalene eigentlich fragen, ob sie ihn heiraten wolle. Aber der Müller fing Petermann ab und erklärte, dass er Vatersstelle vertrete und es nicht dulde, dass Magdalene sich von Petermann den Kopf verdrehen lasse. Schließlich sei sie schon seit Langem einem anderen Jungen versprochen und er, der Müller, habe keine Kosten gescheut, um aus Magdalene das zu machen, was er, Petermann, nun wegheiraten wolle. Petermann konnte es nicht glauben. Mit keiner Silbe hatte Magdalene je verlauten lassen, dass sie schon einem anderen versprochen war. Die Kosten hätte er dem Müller als Mitgift liebend gern bezahlt, aber einem anderen Mann das Mädchen ausspannen, das kam für Petermann nicht infrage. Er ging wie geschlagen vom Hof des Müllers auf sein Schiff und kam nie wieder.

Magdalene wunderte sich, wo er blieb. Es sollte ihr erstes Tanzvergnügen werden. Sie hatte sich unbändig darauf gefreut. Sie schaute sich die Augen aus, fragte Karl, ob er Petermann gesehen habe, fragte Ilse, was sie machen solle …

Ilse sagte: »Wir gehen ohne Petermann, vielleicht ist er ja schon da und will dich überraschen.«

Magdalene rollten die Tränen die Wangen herunter, als sie feststellte, dass Petermann nicht beim Tanzvergnügen war. Wie erstarrt sah Magdalene die Paare verschwommen an sich vorbeitanzen.

Sie wollte gerade gehen, als Karl vor ihr stand und sie zum Tanzen aufforderte. Wie in Trance folgte sie Karl, der sie zart im Arm hielt und mit dem sie tanzte, als hätten sie es vorher stundenlang geübt, dabei war es ihr erster Tanz. Sie stellte sich vor, dass Petermann sie im Arm hielt. Karl kam ihrem Gesicht ganz nah, sie merkte es nicht, war mit ihren Träumen weit weg.

Ilse drängte zum Aufbruch, morgen musste sie alle wieder früh aus den Federn. Magdalene hängte sich bei ihr ein, um nicht zu taumeln. Es war ihr noch schwindelig vom Tanzen. Karl sah sie in den nächsten Tagen nicht mehr.

Das Verhalten von Joachim Petermann ging Magdalene nicht aus dem Kopf. Sie wollte wissen, warum er nicht kam, keinen Brief schrieb, was passiert war. Sie fragte die anderen Schiffer, ob sie wüssten, wo Petermann sei. Einer konnte ihr Auskunft geben. Er hatte Petermann in Danzig getroffen und erzählte, dass Petermann sein Kapitänspatent für Seeschiffe mache. Das bezahle sein zukünftiger Schwiegervater, ein reicher Reeder in Danzig. Magdalene tat unbeteiligt. Doch in Gedanken plante sie schon die Reise nach Danzig, um Petermann von Angesicht zu Angesicht zu fragen, warum er ihr Hoffnungen gemacht habe.

Magdalene überlegte, wie sie auf schnellstem Weg nach Danzig kommen könne. Sie war davon überzeugt, dass Joachim Petermann ihr erklären würde, was geschehen war, warum er nicht mehr im Fährhaus des Müllers in Käsemark einkehrte und warum er keine Briefe mehr schrieb. Nach dem ersten Tanzvergnügen in ihrem Leben ging ihr das nicht mehr aus dem Kopf.

Auch Karl, der Müllerbursche, hatte sich scheinbar Gedanken über den Kummer von Magdalene gemacht. Er wollte sie ablenken und hielt sich häufig in ihrer Nähe im Gasthof des Fährhauses auf, bis der Müller ihn kräftig ermahnte und zur Arbeit antrieb.

Magdalene hätte im Jahr 1865 die neuartige Dampf-Eisenbahn nutzen können. Diese war gerade von Danzig nach Dirschau gebaut worden, doch das war ihr nicht geheuer, konnte man doch nicht sagen, wie so eine abenteuerliche Fahrt ausgehen würde. Sie hatte noch die Möglichkeiten mit der Postkutsche zu fahren oder auf einem der Frachtschiffe auf der Weichsel bis Danzig zu schippern oder aber gar zu Fuß die zehn Kilometer zu laufen. Die Reise musste jedoch schnell vonstattengehen.

Das Wichtigste war aber erst mal, den Müller um Erlaubnis zu fragen. Sie sagte ihm nicht, dass sie nach Danzig fahren wollte, um Petermann zu suchen und zur Rede zu stellen. Stattdessen erklärte sie, sie wolle nach drei Jahren nun wieder ihre Familie besuchen. Diese war inzwischen von Rotebude nach Praust umgesiedelt. Der Müller und seine Frau erteilten Magdalene schweren Herzen die Erlaubnis. Sie waren großzügig und gaben ihr zwei Goldtaler Wegegeld. Eigentlich hätte ihr der Lohn für ein Jahr Arbeit zugestanden, der Müller vertröstete sie aber auf die Rückkehr. Er wollte sichergehen, dass sie zurückkam.

Magdalene hatte sich mit dem Kapitän eines Weichselschiffes verabredet. Dieser hatte bereits ein Dampfschiff unter dem Ruder. Sie hatte lange den Fahrpreis ausgehandelt, bis er sich auf 20 Kreuzer einließ. Sie handelte nur die Hinfahrt aus, über die Rückfahrt sprach sie nicht. Sie sollte an einem Sonntag nach der Messe am Anleger Käsemark an der Weichsel sein.

Magdalene machte sich auf den Weg. Sie kletterte die Treppe des Weichseldamms empor, um am anderen Ende wieder hinunterzulaufen. Vor ihr lag der große Strom. Es war Frühling und der Fluss war von der Schneeschmelze noch rasend. Alles war ihr so vertraut und doch machte sich eine Bangigkeit bemerkbar. Das Schiff hatte schon am Anleger festgemacht. Sie nahm ihren Weidenkorb und setzte den Fuß auf das Schiff und damit in ein neues Leben, was sie aber da noch nicht wusste. Später sollten alle ihre weiblichen Nachfahren jeweils mit einem Schiff in ein neues Leben aufbrechen.

Der Kapitän nahm ihr die Kreuzer ab und wies ihr einen Platz zu, sie wollte aber an der Reling stehen bleiben und die Landschaft an sich vorbeiziehen lassen. Hinter den Deichen zogen sich Wiesen und Teiche entlang, dann kamen Felder und Gärten, bis sich die Erhebungen der Elbinger Höhen im Osten und auf der anderen Seite die Danziger Höhen zeigten. Windmühlen standen links und rechts des Weichselufers, nicht nur zum Kornmahlen, sondern meistens zur Entwässerung der Felder. Sie wusste von Karl, dass die Windmühlen von den Holländern lange vor ihrer Zeit gebaut worden waren.

Noch lange konnte sie die Straße nach Danzig erkennen. Das Schiff kam schnell voran. Sie war froh, dass sie sich auf das neumodische Dampfschiff eingelassen hatte. Der Kapitän sagte, er müsse noch zweimal anlegen, um Ladung aufzunehmen. Sie blieb der einzige Passagier.

In jenen Jahren war es für ein junges Mädchen ungehörig, allein ohne Familienbegleitung auszugehen oder gar zu verreisen. Die beiden Matrosen sahen sie begehrlich an. Magdalene war es nicht bewusst, dass sie mit ihrem dunklen aufgesteckten Haar und der weißen Haut die Männeraugen auf sich zog.

Es dauerte nicht lange, da passierte das Schiff den Ort Gotteswalde und bald schon sah sie die Türme von Danzig. Der Kapitän manövrierte das Schiff durch die Tote Weichsel, vorbei an einer großen Werft in die Mottlau zum Anleger am Krantor. Magdalene wurde ganz weich in den Knien, als sie die Menschenmenge sah, die hohen Giebelhäuser, die Speicher, die Fuhrwerke. Alles schien ineinander überzugehen. Der Kapitän half ihr an Land und reichte ihr den Weidenkorb.

Wohin musste sie sich wenden? Nach links, nach rechts? Nach vorne ging schon mal nicht, da war das Wasser. Am liebsten wäre sie auf das Schiff zurückgesprungen. Sie wurde angeschrien, beiseite zu gehen. Ein Fuhrwerk mit zwei Pferden galoppierte an ihr vorbei. Eine Hand riss sie zurück, ihr Korb fiel zu Boden. So hatte sie sich die Stadt nicht vorgestellt. Sie wollte zurück ins stille Käsemark. Als sie sich nach ihrem Korb bückte, stieß sie mit dem Kopf zusammen, der offensichtlich zur rettenden Hand gehörte. Ein Mann half ihr die Sachen in den Korb zurückzulegen. Sie fasste sich ein Herz und fragte ihn nach der Reederei.

»Welche Reederei? Wir haben hier mindestens zwanzig. Sie müssen schon den Namen wissen.«

Den wusste sie natürlich nicht. Sie wusste nur den Namen eines Kapitäns Petermann.

Sie sollte in das Gildehaus der Reederei gehen, am Langen Markt. Vielleicht konnte man ihr dort weiterhelfen. Der Mann zeigte ihr kurz den Weg und machte sich rasch davon, um den anderen Schauern zuvorzukommen, die das nächste eingelaufene Schiff entladen wollten.

Magdalene machte sich mutig auf den Weg. Sie wusste, was sie wollte. Sie schlängelte sich zwischen den Fuhrwerken hindurch bis zum Grünen Tor. Vor ihr tat sich der Lange Markt auf. Eine solch lange Straße hatte sie noch nie gesehen; bis zum Rathaus und weiter bis zum nächsten großen Turm, dem Stockturm, konnte sie sehen. Pferdekutschen fuhren im Galopp an ihr vorbei. Vornehme Damen mit großen Hüten und zierlichen Schirmen saßen darin und sahen gelassen auf die Straße. Magdalene musste aufpassen, dass sie nicht hinfiel; ihr Rock war am Saum schon ganz schmutzig. Sie raffte ihn ein wenig hoch, sah ihre Holzpantinen und ließ den Rock wieder runter. Eilig ging sie weiter, der Mann hatte ihr das Haus mit einem großen Brunnen davor beschrieben – der Neptunbrunnen war nicht zu übersehen.

Die schwere Tür wurde auf ihr Läuten hin geöffnet. Ein Mann in Uniform fragte, was sie wolle. Sie wollte Auskunft darüber, für welche Reederei ein Kapitän Petermann fahre. Sie durfte eintreten. Nach einer Weile kam ein weiterer Mann in dunklem Anzug mit altmodischem Jabot-Hemd. Der Herr Petermann fahre für die Reederei seines künftigen Schwiegervaters, Behnke. Da müsse sie in das nächste Haus. Aber da könne sie jetzt nicht hin. Heute finde die Hochzeit mit der ältesten Tochter des Herrn Behnke statt. Magdalene ließ sich nicht entmutigen und zog an der Klingelschnur des Nachbarhauses. Auf dem Messingschild stand der Name Behnke. Die schwere Tür öffnete sich.

»Albert, ist das endlich das Blumenmädchen mit dem Brautstrauß?«

»Nein, Hanna. Sage der gnädigen Frau, der Strauß ist bereits geliefert und steht im Ankleidezimmer des Fräuleins.«

Magdalena stand wie angewachsen. Die Pracht und Vornehmheit des Hauses Behnke, die Enttäuschung, die Anspannung der Reise, die Eindrücke der riesigen Stadt – das war zu viel für sie. Sie fiel um.

Als sie wieder zu sich kam, verspürte sie einen scharfen Geruch in der Nase.

»Na also, mein Riechfläschchen weckt Tote auf.« Hanna reichte ihr ein Glas Wasser. »So, nun mal raus mit der Sprache: Was willst du hier? Wir haben heute endlich Hochzeit. Hat Jahre gedauert, bis wir einen Bräutigam für die Tochter des Hauses gefunden hatten. Du wirst das nicht vermasseln.«

Magdalena richtete sich auf. »Ich habe mich in der Tür geirrt. Ich wollte in das Gildehaus. Es ist alles so groß und bunt hier.«

Die Tür zur Küche ging auf.

»Herr Petermann, Ihre Braut ist nicht hier«, rief Hanna.

Petermann blieb wie in Stein gehauen stehen. Magdalena sah ihn an. Keiner sagte ein Wort.

Da stand Magdalena auf, richtet ihre Haare und die Kleidung, strafft die Schultern, bedankte sich bei Hanna und Albert und ging erhobenen Hauptes an Petermann vorbei zur Tür hinaus.

Vor der Tür brach sie in Tränen aus und lehnte sich an den Brunnen. Da fasst sie eine Hand bei der Schulter und dreht sie um. »Magda, was machst du hier? Ich denke, du bist einem anderen versprochen? Der Müller hat es mir gesagt, als ich bei ihm um deine Hand anhalten wollte. Ich hatte den Ring dabei.«

Magdalene bekam keinen Ton heraus. Sie schluchzte um ihr Leben, ihre Liebe. »Jetzt ist es zu spät!«

»Ja. Es ist zu spät, in einer Stunde ist die Trauung. Magda, ich liebe dich. Was sollen wir tun?«

»Nichts, du gehst jetzt heiraten und ich muss sehen wo ich bleibe, ich komme schon zurecht. Auf keinen Fall gehe ich zurück zum Müller!«

»Herr Petermann, wo bleiben Sie? Die Kutschen warten.«

»Leb wohl, Magda.«

»Ja, leb wohl, Joachim.«

Magda weinte mit dem Brunnen-Neptun um die Wette.

Da kam Albert aus dem Haus. »Ich kann dir eine Stellung besorgen. Herr Petermann hat gesagt, dass du eine gute Hausgehilfin bist. Komm zurück in die Küche. Wenn die Herrschaften in der Kirche sind, habe ich Zeit, dir alles zu erklären.«

Und so kam es, das Magdalene, die sich nun Magda nannte, eine Arbeit bei der Familie Rodenacker aufnahm, die eine Wein- und Bierstube in der Langgasse und auch eine Bierbrauerei in Langfuhr betrieb. Dort gab es viel zu tun und Magda hatte keine Zeit, sich Gedanken über ihre verlorene erste Liebe zu machen. Der Lohn war sehr gut und sie hatte im eleganten Wohnhaus der Familie ein Zimmer unter dem Dach, das sie sich nur mit Lisa, der Küchenmamsell teilen musste. Aber mit einem eigenen Bett.

Magda hatte sich schnell an die Großstadtmädchen angepasst, lief nicht mehr als Landpomeranze herum. Sie wurde bald 17 Jahre. Ihre Statur war in die Länge gezogen, das Rundliche war in Eckiges übergegangen. Die Gesichtsfarbe hatte zwar nicht die vornehme Blässe der Hausfrau und deren Töchter, aber die zartrosa Wangen betonten Magdas bernsteinfarbenen Augen. Die dunklen Haare nahmen je nach Sonnenschein oder trübem Wetter eine andere Farbe an. Mal war es die klare Farbe des Weichselwassers, wenn die Eisschollen verschwunden waren, mal glich es dem schlammigen Ton der Weichsel nach heftigem Regen. Ihre Hände waren schlank, wenn auch hart geworden, von der Arbeit bei dem Müller – an diese Zeit dachte sie immer seltener. Die Arbeit bei Rodenacker gefiel ihr und sie ging darin auf. Es machte ihr nichts aus, früh morgens um fünf Uhr aufzustehen und in der Küche Wasser zum Waschen und Frühstück für die Familie und das Personal vorzubereiten. Sie war glücklich.

Zur Frau des Hauses, Katharina Rodenacker, kam regelmäßig die Schneiderin und Putzmacherin, Frau Wondrazek, um die neuesten Moden in bunten Katalogen vorzuführen. Hin und wieder wurden für die Hausfrau und ihre halbwüchsigen drei Töchter neue Kleider ausgewählt, für die Frau Wondrazek dann die Schnitt- und Stoffmuster besorgte. Wenn Magda den Auftrag bekam, die Kleider von der Anprobe in die Schneiderstube der Frau Wondrazek zu tragen, durfte sie zuschauen, wie die Schneiderin die Kleider drehte, wendete, änderte, von Neuem auftrennte und wieder und wieder neu vernähte. Manchmal half Magda beim Nadelentfernen oder Auftrennen. So zeigte ihr Wondrazek den einen oder anderen Schneiderkniff. Sie sah, dass Magda Talent hatte. Inzwischen durfte Magda bereits Knöpfe, Haken und Ösen, Bänder, Schlaufen und vieles mehr annähen. Frau Wondrazek änderte mit ihr gemeinsam die abgelegten Kleider, die Magda zum Auftragen von Frau Rodenacker erhielt. Sobald Magda Zeit hatte, war sie mit den Änderungen beschäftigt. Sie saß im großen Stadtgarten der Villa Rodenacker und nähte. Aus den Kleidern machte sie bequeme Röcke und Blusen, die sie nur am Sonntag anzog, wenn sie zur Kirche ging oder zu einem Tanzvergnügen.

Sie hatte schon einige Verehrer kennengelernt, aber so richtig hatte sie kein Interesse an den jungen Männern. Sie wollte nicht wieder diese Enttäuschung wie mit Joachim Petermann erleben. Wenn sie sonntagsnachmittags mit Lisa, der Mamsell, ins Café Zinglershöhe, ins Jäschkental oder zur Königshöhe ging, hörte sie gern den Musikkapellen zu. Sobald sie aber zum Tanzen aufgefordert wurde, zeigte sie sich spröde, bis Lisa der Geduldsfaden riss. »So finden wir nie kein Mannchen nicht«, wisperte sie im schönsten Danziger Dialekt.

»Ich will auch kein Mannchen nicht«, antwortete Magda trotzig. Eines Tages war helle Aufregung im Hause Rodenacker. Herr Rodenacker, ein beleibter, gutmütiger Mann mit Kinnbart und Nickelbrille, lag regungslos im Hangelar über dem Ausschanktresen der Bier- und Weinstube. Der Hangelar war eine Art überdachtes Treppenhausstübchen, nicht groß. Der Platz reichte für die Frauen des Hauses, um von dort die Gäste oder das Personal zu beobachten. Da klemmte nun Herr Rodenacker zwischen Tür und Tisch und rührte sich nicht. Frau Rodenacker befürchtete das Schlimmste. Der Diener Ernst musste eine Droschke rufen, damit der Arzt geholt werden konnte. Der Droschkenfahrer war ein Freund von Ernst und hieß Josef Plicht. Er brachte in rasender Fahrt den Doktor ins Haus. Er wartete bei Magda in der Küche, damit er die Rücktour auch noch fahren konnte.

Magda war natürlich auch aufgeregt und fragte Josef, ob er etwas gesehen habe.

»Gesehen nicht, aber gehört!«

»Ja? Was denn?«

»Den Herrn.«

»Welchen Herrn?«

»Na, den Ihrigen.«

»Was haben Sie gehört?«

»Er prustete.«

»Also lebt er.«

»Ja.«

»Haben Sie noch was gehört oder gesehen?«

»Ja.«

»Was denn?«

»Den Doktor.«

»Mein Gottchen, muss ich Ihnen alles aus der Nase ziehen?«

»Ja.«

»Was hat der Doktor nu jesacht?« Magda verfiel vor Schreck in die Mundart der Danziger.

»Haben Se nuscht zu trinken?«

»Das hat der Doktor gesagt?«

»Nei, das sach ich zu Sie.«

»Wie können Se jetzt ans Trinken denken?«

»Tut der Ihre ja auch. Er wollt einen Machandel!«

»Nu, dann sollen Sie auch einen haben.«

»Nu, denn sind wir uns darieber ja einich. Mamsell Rost, Se sind en sonnich Prachtjäwächs. Wolln se mit mir tanzen jehen?« Josef staunte über seinen Mut und drehte sich um, ob jemand anderes für ihn sprach. Bisher hatte er immer einen Bogen um die Mädels gemacht. »Natierlich nur, wenn Sie all Zeit haben.«

Lisa, die inzwischen vom Härrchen-Einsatz zurück war, stieß Magda in die Seite. »Natierlich, Josefchen, gehen wir mit dir. Musst uns nur pienktlich abholen und das Ernstchen überreden mitzukommen. Sagen wir um drei am nächsten Sonntag.« Lisa war nämlich in Ernst verliebt.

Es war ein schöner goldener Spätsommertag in Danzig. Und schon zu der Zeit um 1867 gab es Caféhäuser, Restaurants, Bier- und Weinstuben. Tanzlokale sowieso. Es gab viele bekannte Kapellen und Musiker. Die Umgebung von Danzig lud zu Ausflügen ein und sonntags waren viele Danziger Bürger mit ihren Familien unterwegs, zu Fuß oder mit der Kutsche.

Josef schmiss sich in seinen Ausgehanzug und spannte die Pferde vor den neuen Landauer seines Chefs. Lisa hatte Ernst von den Ausflugsplänen erzählt und die Kutschfahrt in Aussicht gestellt. Ernst brummelte sich daraufhin etwas in den Bart, das sich wie ein Ja anhörte.

Um drei Uhr stand Josef mit der Kutsche vor dem Rodenacker Vorderhaus, dessen Freitreppe mit Beischlägen kunstvoll verziert war. Als Magda und Lisa mit Ernst zur Vordertür herauskamen, blinzelten sie ein wenig gegen die Sonne. Josef ließ langsam die Zügel fallen und starrte Magda an. Sie war wirklich ein sonniches Prachtjewächs. Bleib noch etwas stehen, dachte er bei sich. Es ist schön, dich anzusehen. Oben am Fenster hinter der Gardine stand Frau Rodenacker und dachte bei sich: Das geht aber nicht, dass das Personal vornehm am Vorderhaus in die Kutsche steigt.

Josef war hin- und hergerissen. Er half beiden Mädels beim Einsteigen, was mit langem weiten Rock nicht so einfach war. Die Hauben-Hütchen waren mit großen Schleifen unter dem Kinn zusammengebunden und ließen das Gesicht frei. Josef musste kutschieren und konnte Magda nicht ansehen, die hinter ihm saß. Ernst kletterte zu ihm auf den Bock.

»Wo wollen wir überhaupt hin?«, fragte Lisa.

Darüber hatte sich Josef in seiner Verliebtheit keine Gedanken gemacht. Man könnte ins Jäschkental fahren. Da war auch ein bekanntes Gasthaus mit Café, Musik und Tanz. Der Weg dorthin war allerdings holperig und Josef musste seine Aufmerksamkeit ganz auf das Kutschieren einstellen.

Sie fuhren an Familien mit Vater, Mutter, Kind und Großeltern vorbei, ebenso an Danziger Grenadieren, an Studenten und an elegant gekleideten Damen und Herren.

Der Nachmittag ging so schnell vorüber, dass Magda es bedauerte, den Josef nicht früher kennengelernt zu haben. Es war ihm gelungen – nach ein, zwei Machandel – Magda zum Tanzen zu bewegen. War es der Machandel, die Sonne, das bunte Laub oder Magda, die wie eine Feder in seinem Arm lag? – Josef war schwer verliebt. Auf der Stelle hätte er ihr einen Antrag gemacht, wenn Ernst ihn nicht davon abgehalten hätte. »Bist du all verrieckt? Von einmal Tanzenjehen kannste doch nicht heiraten! Lass ihr zappeln!«

Am frühen Abend lieferte er alle wieder bei Rodenackers ab. Magda beeilte sich, ins Haus zu laufen. Josef rief ihr hinterher, ob man sich bald wiedersehe. Sie drehte sich um und nickte – und schon bereute sie ihr Nicken.

Von da an holte Josef sie fast jeden Sonntag nach dem Kirchgang zu einem Ausflug ab. Mal waren sie zu Fuß, mal mit der Pferde-Trambahn, mal mit der Kutsche und mal mit dem Ausflugsdampfer unterwegs. Manchmal kamen Lisa und Ernst mit. Darüber wurde es Winter und die Ausflüge wurden weniger. Josef verschmachtete nach Magda und wollte sie nun endlich fragen, ob sie seine Frau werden wolle. Er machte sich Gedanken, wo sie wohnen könnten. Sicher konnte er den Fuhrunternehmer fragen, ob er noch ein Zimmer über den Ställen dazubekommen könnte. Aber Magda war sicher etwas Besseres von Rodenackers gewohnt. Möbel brauchten sie ja auch. Das Ersparte würde nicht reichen. Und ob Magda eine Aussteuer hatte, wusste Josef auch nicht. Er überlegte hin und her.

Eines Tages hatte er eine Fuhre zur Großen Mühle nahe der Halbengasse. Dort wohnte noch eine Tante von Josef, die er lange nicht gesehen hatte. Er musste beim Be- und Entladen warten, deswegen machte er sich auf den Weg zur Tante. Hoffentlich wohnte und lebte sie noch dort in dem Haus.

Tatsächlich fand er das Haus, deren Treppe mit einfachen Beischlägen aus Sandstein verziert war. Die Tante wohnte in der Kellerwohnung ärmlich und dürftig. Schon bereute Josef seinen Vorstoß, hatte er doch Angst, die Tante würde ihn anbetteln. Aber das Gegenteil war der Fall: Als er erzählte, er wolle heiraten, kam die Tante mit einem Holzkästchen und gab ihm ein letztes Andenken seiner Mutter: eine Bernstein-Brosche in Form einer Eidechse. Diese solle er seiner Braut überreichen. Sie wusste auch von einer kleinen Wohnung in der Halbengasse. Wie der Zufall es wollte, handelte es sich um zwei Zimmer im Haus der Schneiderin Wondrazek, die dort ihre Schneiderwerkstatt und den Laden hatte. Gleich am nächsten Tag ging Josef zu Magda in Rodenackers Küche. Die Brosche hatte er mit etwas Watte in ein kleines Pappkästchen gepackt. Er kam gleich zur Sache: »Magdaleinchen, willst mir heiraten?« Ängstlich wartete er auf ihre Antwort.

»Josef! Hast du mich erschreckt. Was schleichst‘ dir so rein? Natürlich will ich dich heiraten.«

Er machte einen Schritt auf Magda zu, die machte einen Schritt zurück, trat dabei den vollen Wischeimer um und setzte die Küche samt Kamin unter Wasser.

»Josef, was sollen wir nun machen?«

»Heiraten!« war die Antwort, »gleich heiraten.«

Er nahm sie vorsichtig in den Arm und wollte sie sanft auf den Mund küssen (das hatte ihm Ernst geraten). Magda drehte den Kopf beiseite und so landete er an ihrem Ohr.

»Sag mir, wann wir heiraten wollen, Magdaleinchen«, flüsterte er.

Sie war sich nicht mehr sicher, ob sie Josef heiraten wollte, aber nun war es zu spät, es gab kein Zurück und so schlecht war Josef auch nicht. Er sah ganz passabel aus mit dem kleinen Schnurrbart und dem dunklen vollen Haar. Seine Schultern waren breit genug zum Anlehnen und sicher konnte er kräftig arbeiten, faul war er nicht und dem Machandel sprach er auch nicht übermäßig zu. Also was war dagegen einzuwenden? Schließlich wurde sie nächstes Jahr bereits 18 Jahre alt.

So sagte sie: »Lass uns nach meinem Geburtstag heiraten.«

Und so kam es, dass die beiden im Frühling des Jahres 1868 in Danzig heirateten. Magda hatte sich mit Frau Wondrazek besprochen, ob sie ihr bei der Erstellung eines festlichen Kleides behilflich sein würde. Auch wegen der zwei Zimmer, die Frau Wondrazek zu vermieten hatte, war man sich einig geworden. Jetzt kam Magda langsam in Fahrt und in Vorfreude auf das neue Leben mit Josef Pflicht.

Frau Rodenacker war nicht allzu begeistert, zumal auch die Hochzeit ihrer ältesten Tochter in dem Jahr ins Haus stand. Sie wollte nicht gern auf Magda als Hilfe verzichten. So einigten die beiden sich, dass Magda auch nach ihrer Eheschließung bei Rodenackers arbeiten sollte. Josef hatte nichts dagegen. So kamen wenigstens noch ein paar Taler in die Haushaltskasse.

Zwei Tage vor der Hochzeit ging Magda zur Werkstatt von Frau Wondrazek. Diese hatte sie zur Anprobe des Hochzeitskleides bestellt. Magda blieb noch kurz vor einem Hutgeschäft am Holzmarkt stehen.

»Magdalene! Dass ich dich noch mal wiedersehe!«

Magda blieb wie erstarrt stehen. Im Schaufenster sah sie die Spiegelung der hohen Gestalt von Joachim Petermann. Das Herz schlug ihr bis zu den Ohren.

»Magdalene, ich bin es, Joachim!«

Langsam drehte sie sich um und sah zu Petermann auf.

»Wie geht es dir, Magdalene? Wo warst du die letzten Jahre? Ich habe dich überall gesucht!«

»Aber nicht sehr lange«, antwortete Magda spöttisch. »Ich habe alles stehen und liegen lassen in Käsemark, um dich zu suchen. Du hast dich nicht mehr blicken lassen und nie geschrieben. Am Tag deiner Hochzeit mit der Tochter von Reeder Behnke habe ich dich gefunden. Du sagtest mir, dass du mich liebst, hast aber eine andere geheiratet.« Das alles kam Magda spröde aus dem Mund hervor.

»Magdalene, ja, ich habe geheiratet. Der Müller hatte mich belogen und mich damit in eine Vernunftehe getrieben. Es tut mir so leid, dass ich nicht hartnäckiger war. Meine Frau ist bei der Geburt unseres dritten Kindes gestorben. Das ist jetzt zwei Monate her. Magdalene, ich bin frei und will dich immer noch. Bitte heirate mich. Ich brauch eine Mutter für die Kinder, denn ich fahre zur See.«

»Joachim, in zwei Tagen heirate ich nun selber. Einen ehrbaren und liebevollen Mann. Für deine Kinder wirst du schon ein Kindermädchen finden. Leb wohl.«

Magda ging dicht an Petermann vorbei, sah ihm dabei in die Augen, hob ihren Rock ein wenig an und legte einen schnellen Schritt vor. Petermann blieb zurück und lief ihr nicht hinterher.

 

Es war merkwürdig, es hatte gar nicht richtig wehgetan. Magda hatte seit langer Zeit nicht mehr an Petermann gedacht. Am Anfang mied sie die Straßen um den Langen Markt, weil sie fürchtete, ihm dort zu begegnen. Aber es gab so viel Ablenkung durch Arbeit und die neuen Freundschaften, dass sie den Schmerz der ersten Liebe nicht vergaß, aber überwand.

Jetzt wollte sie nach vorn blicken. In zwei Tagen würde sie eine verheiratete Frau sein. Sie wollte eine moderne Frau sein. Sie konnte lesen, schreiben und gut rechnen, hatte Talente zum Nähen und Speisen zubereiten. Josef schätzte sich wahrscheinlich glücklich, sie abzukriegen. Ihr fiel ein, dass sie ja die Bernsteinkette von Joachim Petermann noch hatte. Die konnte sie schlecht zu ihrer Hochzeit mit einem anderen Mann anlegen. Sie überlegte, die Kette der Schneiderin als Bezahlung für den Brautkleiderstoff zu geben. Vielleicht reichte es auch für die Möblierung der beide Zimmer.

An einem herrlichen Mai-Tag des Jahres 1868 – wenige Tage nach ihrem 18. Geburtstag – heiratete Magdalene Rost ihren Josef Plicht in Danzig. Sie wusste, dass sie den richtigen Mann erwählt hatte. Magdas Hochzeitskleid war der Schneiderin wunderbar gelungen. Es sollte lange Zeit das gute

Wollen Sie wissen, wie es weiter geht?

Hier können Sie "Weichseltöchter" sofort kaufen und weiterlesen:

Amazon

Apple iBookstore

ebook.de

Thalia

Weltbild

Viel Spaß!



Kaufen