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Weiber after Work

Weiber after Work

Alison Kent

Chili extra hot

Aus dem Amerikanischen von Monika Paul

Alison Kent

Risiko

Aus dem Amerikanischen von Sabine Stiz-Schilasky

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Sämtliche Personen dieser Ausgabe sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig.

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder
auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlich
der gesetzlichen Mehrwertsteuer.

1. KAPITEL

“Was meinst du, Macy? Haben wir wirklich genug zu essen?” Macy stellte die Schüssel mit Tortillachips und das Schälchen Salsa auf die Küchentheke, wo auf einer Warmhalteplatte bereits ein Topf mit feurig-scharfem Chili köchelte. Einen Stapel leuchtend bunten Wegwerfgeschirrs mit passenden Papierservietten in rot, blau, gelb und grün platzierte sie direkt daneben. Prüfend musterte sie das Arrangement und nickte zufrieden. Dann wischte sie sich die Hände an ihrer schwarzen Caprihose ab und begann, die Gäste mithilfe ihrer Finger zu zählen.

“Wir beide, der Rest des Teams, Anton, macht insgesamt sieben.” Laurens Freund Anton und die übrigen Partnerinnen von gIRL-gEAR gehörten zur Stammbesetzung der Spielabende, zu denen Macy in regelmäßigen Abständen einlud, um ihre neuesten Ideen für die Kolumne zu testen. “Dann Ray, Jess, Doug und Eric.” Mit gerunzelter Stirn versuchte Macy, den geballten Appetit von fünf kraftstrotzenden jungen Männern Mitte zwanzig abzuschätzen. “Jetzt, wo du davon anfängst …”

Abwägend ließ sie den Blick über den langen Tisch schweifen. Mit vereinten Kräften hatten sie das Ungetüm aus dem Arbeitsbereich des Lofts, den Macy und Lauren bewohnten, herbeigeschleppt, und Lauren hatte es mit einer farbenfrohen Decke in eine prächtige Tafel verwandelt. Diese bog sich unter Schüsseln und Platten voller Köstlichkeiten aus der texanisch-mexikanischen Küche: Pico de gallo, ein Gemüse-Frucht-Salat, Zwiebeln, Tomaten und grüner Salat, um Fajitas, gefüllte Pfannkuchen, zuzubereiten, geriebener Käse und ein scharfer mexikanischer Eintopf mit Bohnen und Paprika. Auf dem Boden stand eine altmodische Zinkbadewanne, in der Dutzende Flaschen Bier – Corona, wie es sich für eine richtige Tex-Mex-Party gehörte – auf Eis lagerten, und draußen auf dem Grill brutzelten Hähnchenkeulen und Shrimps.

Macy wiegte nachdenklich den Kopf. “Haben wir genug zu trinken? Cocktails vielleicht? Soll ich Margaritas vorbereiten?”

Lauren verdrehte die Augen und schüttelte den Kopf, dass die blonden Haare flogen. “War nur ein Scherz, Macy! Wir müssen mindestens eine Woche lang von Resten leben.”

“Nichts dagegen!” Macy angelte ein kleines Stück Tomate von einem Teller und steckte es in den Mund. “Du kennst meine Schwäche für mexikanische Küche. Wenn es nach mir ginge, könnten wir uns monatelang von nichts anderem ernähren.”

“Du hast gut reden! Aber sieh mich mal an: Eine Woche Salsa und Bohnen und meine Hüften gehen auseinander wie …”

“Jetzt mach aber einen Punkt, Lauren! Millionen von Frauen würden alles drum geben, eine Figur wie deine zu haben. Deine Oberweite …” Vielsagend strich Macy über ihr knallrosa T-Shirt und warf mit gut gespielter Verzweiflung einen Blick in ihren Ausschnitt. “Da fällt mir ein, dass wir die Avocadocreme vergessen haben. Tex-Mex ohne Guacamole – undenkbar!”

Lauren, die gerade mit Messern in der einen und Gabeln in der anderen Hand hinter dem Küchentresen hervortrat, sah die Freundin verblüfft an. “Du willst mir doch nicht etwa weismachen, dass du an Avocados denken musst, wenn du in deinen Ausschnitt starrst, oder Lauren?”

“Schön wär’s! Nein, was es da zu sehen gibt, erinnert eher an Trauben, bestenfalls an Limonen.” Macy streifte das T-Shirt glatt und rückte ein paar Schüsseln näher zusammen, um Platz für das Fleisch zu schaffen, das noch auf dem Grill draußen auf der Dachterrasse schmorte. “Und auch das nur dank der Push-up-BHs von Kinsey. Trotz Firmenrabatt habe ich inzwischen ein kleines Vermögen in diese Dinger investiert.”

“Meinst du wirklich, das Geld ist sinnvoll angelegt?”, fragte Lauren mit einem spöttischen Unterton. “Ich kann beim besten Willen nichts entdecken, was man anheben könnte.”

Macy streckte der Freundin die Zunge heraus. “Die Push-ups sind doch alle noch nass. Die Partyvorbereitungen haben mich so in Atem gehalten, dass ich erst vor einer halben Stunde dazu gekommen bin, die Dinger einzuweichen.”

“Aha! Das erklärt die lächerlichen Fummel, die mein Bad unter Wasser setzen!” Lauren ordnete das Besteck neben den Tellern an und hastete zurück in die Küche.

“Mein Bad wird doch von den Gästen benutzt, deswegen habe ich die BHs bei dir aufgehängt. Ich wollte verhindern, dass mir ein x-beliebiger Mann an die Wäsche geht.”

“Dann sind sie bei mir absolut sicher. Abgesehen von Anton hat keiner der Gäste einen triftigen Grund, sich in meinem Teil der Wohnung aufzuhalten. Und Anton geht nur mir an die Wäsche, dafür lege ich meine Hand ins Feuer”, erwiderte Lauren, die nun mit beiden Händen voller Servierbesteck hinter der Theke hervorkam.

“Ganz reizend, wie mir mein Singledasein immer wieder unter die Nase gerieben wird”, entgegnete Macy sarkastisch. “Aber mir fällt ein Stein vom Herzen. Jetzt muss ich mir nur noch um die Guacamole Sorgen machen. Wieso hast du sie nicht gleich mitgebracht, als du in der Küche warst?”

“Hol sie doch selbst, Macy. Sie steht im Kühlschrank, hinter der Schüssel mit dem Nachtisch”, antwortete Lauren, ohne Macy anzusehen.

“Weiß ich. Ich frage mich trotzdem, warum du sie unter keinen Umständen rausbringen willst.”

“Das habe ich dir doch eben erklärt! Ich fürchte um meine Hüften! Die vertragen sich nicht mit dem Zeug.”

Macy schüttelte fassungslos den Kopf. Solche Sturheit hätte eigentlich einen kräftigen Klaps verdient, fand sie. Allerdings würde sie damit gegen das oberste Gebot ihrer Wohngemeinschaft verstoßen, das Handgreiflichkeiten ausdrücklich untersagte. “Übertreib nicht”, schalte sie stattdessen. “Ich weiß doch, wie wenig du isst. Weißt du, langsam fange ich an, mir Sorgen zu machen. Wenigstens an unserem Spielabend könntest du doch mal aufhören, Kalorien zu zählen.”

Lauren ging nicht auf den Vorwurf ein. Sie schritt durch die Glasschiebetür auf die Dachterrasse, um nach dem Fleisch zu sehen. “Woher nimmst du bloß die vielen Ideen für deine Spielabende? Manchmal wirst du mir richtig unheimlich”, rief sie von draußen herein. “Du bist eine wandelnde Spielesammlung.”

Eine wandelnde Spielesammlung? Der Vergleich passte: Die Ideen für ihre Internetkolumnen gIRL-gAMES und gIRL-gUIDE flogen Macy wirklich fast im Schlaf zu. Ihre Arbeit für gIRL-gEAR betrachtete sie ohnehin mehr als Spiel. Genau das gefiel ihr so daran. Welche andere Frau konnte schon von sich behaupten, dass sie für ihren Lebensunterhalt spielte? Sie lebte und arbeitete unter geradezu paradiesischen Verhältnissen und hatte nicht vor, an diesem Zustand so bald etwas zu ändern. “Keine Ahnung”, antwortete sie. “Plötzlich ist die Idee in meinem Kopf. Ich teste sie, arbeite die Details aus und berichte darüber. Fertig!”

“Nicht schlecht.” Lauren schleppte eine schwer beladene Platte an und machte sich mit einem leeren Teller gleich wieder auf den Weg zum Grill. “Gestern hat Sydney übrigens erwähnt, dass deine Internetseiten den größten Zuspruch von unseren Leserinnen erhalten.”

“Ehrlich? Das freut mich!” Macy folgte Lauren nach draußen. Solches Lob hörte man nicht alle Tage.

“Wir tragen uns mit dem Gedanken, ein neues Layout für deine Webseiten zu entwerfen. Außerdem brauchst du ein Logo. Ich denke, ein Cartoon würde am besten zu dir passen.”

“Hervorragend! Wie wär’s vielleicht … mit einer Spinne? Macy Webb, die in ihrem Netz sitzt und alle Fäden des Spiels in der Hand hält. Aber zeichne mir um Himmels willen keine fette Schwarze Witwe! Mir schwebt ein hübsches, langbeiniges Tierchen vor, mit großen Augen, langen Wimpern und einer üppigen Oberweite.”

“Eine hübsche Spinne?”, fragte Lauren skeptisch. “Ich weiß nicht, ob ich das hinkriege. Vielleicht kann Anton mir dabei helfen.” Sie angelte den letzten Shrimp vom Rost. “Sydney sprach übrigens auch von einer neuen Serie, in der unser Publikum Monat für Monat seine Meinung zu bestimmten Themen äußern oder eigene Anregungen einbringen kann.”

“Klingt spannend”, meinte Macy und strahlte übers ganze Gesicht. “Die Kolumne wäre bald langweilig, wenn ihr nicht immer neue Verbesserungsvorschläge hättet. Was würde ich nur ohne euch beide machen?”

“Rettungslos verloren wärst du. Aber wozu hat man denn Freundinnen?”

Weil Macy darauf keine angemessene Erwiderung einfiel, kehrte sie schnell ins Innere des Apartments zurück. Natürlich freute sie sich, sie platzte geradezu vor Stolz. Schließlich liebte sie ihren Beruf. Nur manchmal ging ihr alles fast ein wenig zu stürmisch voran. Für sie zählte einzig und allein das Jetzt. Sie war ein Mensch, der nur für den Augenblick lebte. Was kümmerten sie die Aktienkurse von übermorgen? Sie hatte keine Lust, ihre kostbare Zeit damit zu vergeuden, für die Zukunft vorauszuplanen. Warum wollten ihre Freundinnen das denn nicht akzeptieren?

Lauren brachte den Rest des Grillguts herein und schloss die Schiebetür. Kritisch begutachtete sie das Büfett. Alles Wichtige wie Servietten, Plastikgeschirr und die Zutaten für das Essen befand sich an seinem Platz. Die Gäste konnten kommen. Sie warf einen fragenden Blick zu Macy hinüber.

Die zuckte die Achseln. “Man sollte meinen, dass sie allein der gute Ruf meiner Küche hertreibt.”

“Na hoffentlich! Wenn sie nicht bald eintreffen, sehe ich uns für die nächsten Monate mit Tiefkühlkost versorgt.” Wie aufs Stichwort hörte man in diesem Moment das Brummen des Aufzugs. Genau wie die Wohnung, die eine ganze Etage eines ehemaligen Fabrikgebäudes einnahm, war auch der Aufzug, in dem vormals sperrige Lasten transportiert worden waren, von enormen Ausmaßen. Lauren lachte. “Na, wer sagt’s denn? Wie heißt es so schön? Einem geschenkten Gaul …” Sie verschwand hinter einer Trennwand aus poliertem Metall, die ihre privaten Räume von dem großen Gemeinschaftsraum abtrennte.

“He, wo willst du hin?”, rief Macy.

“Ich muss mich hübsch machen! Anton kann jede Minute eintreffen.”

“Alles muss man selber erledigen”, schmollte Macy und trottete in die Küche, um endlich die Guacamole aus dem Kühlschrank zu holen.

Sie hätte die ganze Schüssel auslöffeln können, ohne ein einziges Gramm zuzunehmen. Um ihre knabenhafte Figur an den richtigen Stellen fülliger zu machen, hätte sie die Avocados schon direkt in den BH stopfen müssen. Na, wenn das keine neue Geschäftsidee war: essbare Implantate! Macy seufzte. Was eine Frau nicht alles tun würde, um eine passable Oberweite zu bekommen – und den richtigen Kerl, vor dem man damit angeben konnte.

“Die Shrimps schmecken hervorragend, absolut fantastisch.” Zum Beweis schob sich Eric Haydon genießerisch den nächsten Bissen in den Mund und grinste Macy mit vollen Backen an. Er stand neben der türkisfarbenen Acht, einer von acht raumhohen Säulen, die den Küchenbereich optisch vom Wohnraum des Lofts trennten.

Macy schnappte ihm den Plastikteller unter der Nase weg und stellte ihn zu den vieren, die sie auf dem Unterarm balancierte. Mit einem anzüglichen Lächeln meinte sie: “Iss nur, Hänsel. Du wirst einen fetten Braten abgeben. Ich kann’s kaum erwarten, dich in den Ofen zu schieben.”

Sofort hörte Eric auf zu kauen. Er nuschelte: “Ich hab’s gewusst! Wenn du uns so verwöhnst, kann das nur heißen, dass an deinem neuen Spiel etwas gewaltig faul sein muss.”

Macy öffnete die Klappe des Mülleimers und entsorgte die schmutzigen Teller. “Armer Eric”, meinte sie mitfühlend. “Lass dich doch nicht immer so auf den Arm nehmen. Keine Angst, das Spiel, das ich mir für heute ausgedacht habe, ist völlig unblutig. Ehrenwort!”

Scheinbar beruhigt lehnte sich Eric an die Theke, doch seine Linke umklammerte fest den schlanken Hals einer Flasche Corona. Er trug ein dunkelblaues Designerhemd, das seine breiten Schultern betonte und seine blauen Augen besonders gut zur Geltung brachte. “Ich mache mir manchmal Gedanken über dich”, erklärte er großspurig, “und ich glaube, ich habe dich durchschaut.”

Na fein, dachte Macy, während sie ihn musterte, nicht nur ein Vielfraß, sondern auch noch ein Hobbypsychologe! Sie tat sich schwer mit diesem jungen Mann, der eigentlich recht attraktiv war. Trotzdem wollte sie nicht so recht warm werden mit ihm. “Schön für dich. Heißt das, du akzeptierst die Tatsache, dass ich gIRL-gEAR nicht verlassen werde, um für dich zu kochen, selbst wenn du mir die Füße küssen würdest?”

Eric betrieb eine beliebte Bar, “Haydon’s Half Time”, in der sich die Sportszene der Stadt traf. Er lag Macy seit Monaten damit in den Ohren, das Schreiben aufzugeben und stattdessen für seine Gäste den Kochlöffel zu schwingen. Zu dumm, dass Macy nur aus Spaß an der Freude kochte. Es wäre ihr im Traum nicht eingefallen, dieses Steckenpferd zum Beruf zu machen. Wenn sie mit ihrer Liebhaberei Geld verdienen müsste, würde aus dem Vergnügen bald bitterer Ernst werden, und das wollte sie unbedingt verhindern.

“Ich hab’s kapiert, wirklich. Aber es kann ja nicht schaden, es trotzdem immer wieder zu versuchen, oder?” Er leerte die Flasche in einem Zug und warf sie zu den Tellern in den Müll.

“Natürlich nicht. Es schmeichelt mir sogar, sozusagen das Objekt deiner Begierde zu sein, auch wenn es sich nur um deine Esslust handelt. Genau genommen würde mir etwas fehlen ohne deine regelmäßigen Anträge.”

“Daran soll’s nun wirklich nicht scheitern. Ich schrecke vor nichts zurück, wenn es meiner Sache dient. Von nun an werde ich dich glühend umwerben.” Er trat einen Schritt näher, lächelte, sodass die Grübchen auf seinen Wangen zum Vorschein traten, und beglückte die entsetzte Macy mit der geballten Ladung seines männlichen Charmes.

Das war dann doch des Guten zu viel. Erics selbstgefälliges Gehabe reizte Macy derart, dass sie beschloss, es ihm heimzuzahlen. Sie war so wütend, dass sie überlegte, ob sie ihn küssen sollte, nur um ihn dann eiskalt abblitzen zu lassen. Aber so weit gingen ihre Rachegelüste dann doch nicht. Sie schloss die Augen und bat versonnen: “Lass mich einen Moment über dein Angebot nachdenken.” Sie ließ ein paar Sekunden verstreichen, dann schlug sie erst das eine, dann das andere Auge wieder auf, grinste Eric spöttisch an und verkündete nüchtern: “Erledigt! Ich habe nachgedacht, aber ich habe meine Meinung nicht geändert!”

Eric schnitt eine Grimasse. “Du bist eine komische Nudel.”

“Und du ein leichtgläubiger Spinner.” Macy versetzte ihm einen kräftigen Hieb auf die Schulter.

“Autsch!” Er massierte sich die Stelle mit schmerzverzerrter Miene. “Zur Strafe werde ich jetzt den allerletzten Shrimp verzehren und mich verabschieden.”

Macy erschrak. “Das kannst du mir nicht antun!” Sie packte ihn hastig am Ärmel und hielt ihn fest. “Anton ist immer noch nicht aufgetaucht, das heißt, dass ich auf jeden Mann angewiesen bin.”

Eric stöhnte. “Hab ich’s doch geahnt! Wieder eines deiner berüchtigten Paarspiele.” Für die meisten von Macys Spielen brauchte man gemischte Paare, und natürlich wusste jeder der regelmäßigen Besucher ihrer Testabende, dass sich die Vorgaben nur selten gravierend änderten.

“Wie kommst du denn auf die Idee?”

“Es gibt zwei untrügliche Hinweise. Erstens: je schwieriger das Spiel, desto besser die Verpflegung. Dass du uns heute sogar Fajitas servierst, hat mich von Anfang an misstrauisch gemacht. Zweitens: die Tatsache, dass die Anzahl der Männer von Bedeutung ist.” Eric tippte sich mit dem Zeigefinger auf die breite Brust und seine Miene verfinsterte sich. “Hinzu kommt der Umstand, dass ich Single bin – und vermutlich bleiben werde.”

Mitfühlend legte Macy den Arm um ihn. “Sprichst du von Cathy?”, fragte sie leise. “Du leidest immer noch unter eurer Trennung? War es denn so schlimm?”

“Wenn du es genau wissen willst: Es war bestialisch, grausam und brutal!”

Der junge Mann tat Macy plötzlich furchtbar leid, gleichzeitig aber musste sie gegen einen Lachanfall ankämpfen. Wie er so dastand, mit gesenktem Kopf, die Hände zu Fäusten geballt und die Augen zusammengekniffen, drängte sich der Vergleich mit einem liebeskranken Tarzan förmlich auf. Pass auf, dass er dich nicht mit seiner Jane verwechselt, ermahnte sich Macy. Sie verkniff sich ein Grinsen und räusperte sich. “Willst du die ehrliche Meinung einer Freundin hören?”

“Tu dir keinen Zwang an”, meinte Eric. “Ich höre das sowieso nicht zum ersten Mal.”

“Ich habe dich von Anfang an gewarnt. Ihr beide, Cathy und du, habt zueinander gepasst wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.”

“Davon habe ich nichts bemerkt, wenn wir zusammen waren”, widersprach Eric und starrte angestrengt auf das wilde Muster des Fußbodens. Macy schwieg und überließ Eric seinen traurigen Erinnerungen. Plötzlich brach es aus ihm heraus: “Zum Kuckuck, Macy, ich sehe dir doch an, dass du noch etwas auf dem Herzen hast. Red es dir schon von der Seele, ehe du daran erstickst.”

Sie hob abwehrend die Hände. “Wie du willst, aber ich warne dich: Es wird dir nicht gefallen. Ich glaube nämlich, dass du die ganze Zeit über wusstest, dass sie nicht die Richtige ist. Du konntest es nur sehr leicht verdrängen, weil ihr die meiste Zeit im Bett zugebracht habt.”

“Und wenn schon?”

“Und wenn schon?” Warum stellten sich die Männer immer erst einmal dumm? “Mann lebt nicht vom Bett allein”, meinte Macy in Abwandlung einer bekannten Redensart.

“Falsch, Mann schon, nur Frau kann das nicht.”

Macy lag schon eine heftige Erwiderung auf der Zunge, aber eine sanfte weibliche Stimme schnitt ihr das Wort ab. “Ich glaube, mein Süßer, du hast nur noch nicht die richtige Frau gefunden.”

Verdutzt fuhren Macy und Eric herum. Chloe Zuniga lehnte an der roten der acht Säulen. Offensichtlich hatte sie den letzten Teil ihres Gesprächs mit angehört. Mit einer Figur wie Jennifer Lopez, platinblondem Haar und Augen, deren Farbe mithilfe von Kontaktlinsen nach Belieben wechselte, hätte Chloe jederzeit als Playmate des Monats durchgehen können. Erst wenn sie den Mund aufmachte, war der Zauber gebrochen. Sie hatte eine Stimme wie Honig – aber die Ausdrucksweise einer Kanalratte.

Eric starrte sie an, als sei sie eine Erscheinung. Schnell riss er sich zusammen und stürzte mit ausgestreckter Hand auf sie zu. “Mein Name ist Eric Haydon. Und du bist …?”

“Der Traum deiner schlaflosen Nächte!” Chloe schenkte dem verblüfften Eric einen Augenaufschlag, der ihn restlos aus der Fassung brachte, und reichte ihm mit einem strahlenden Lächeln ihrer pinkfarbenen Lippen die Hand.

Eric ergriff und küsste sie galant, ohne das Objekt seiner Bewunderung auch nur eine Sekunde aus den Augen zu lassen. “Darf ich dich beim Wort nehmen, Chloe?”

Macy verdrehte die Augen. Jetzt war rasches Einschreiten nötig. “Hast du Anton zufällig gesehen?”, fragte sie hastig.

Chloe entzog Eric die Hand, tätschelte freundlich seine Wange und ging zum Kühlschrank, aus dem sie eine Flasche Mineralwasser holte. “Der ist vor ein paar Minuten eingetrudelt.”

Macy atmete erleichtert auf. “Das wurde auch Zeit.”

Chloe hüstelte. “Aber Doug kann nicht kommen. Dringende Geschäfte, wenn ich ihn recht verstanden habe.” Sie schraubte den Verschluss der Flasche auf und nahm einen kräftigen Schluck. “Und Kinsey hat angerufen. Sie lässt sich vielmals entschuldigen. Ihre Eltern kamen überraschend zu Besuch und wollten sie unbedingt zum Essen ausführen.”

“Ach du Schreck! Was mach ich denn jetzt? Ich brauche mindestens fünf Paare für das Spiel”, jammerte Macy. Je mehr Testspieler sie hatte, desto exakter konnte sie abschätzen, wie gut das Spiel bei den Lesern der Kolumne ankommen würde.

“Wie, doch keine Paare heute?”, fragte Eric, der die Unterhaltung mitbekommen hatte, mit einem schadenfrohen Grinsen.

Chloe warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. “Apropos Paare, mein Süßer. Man munkelt, dass Cathy dir den Laufpass gegeben hat.”

Eric krümmte sich gekünstelt und stöhnte. “Volltreffer! Aber das war ein regelwidriger Schlag unter die Gürtellinie, schöne Chloe!” Er legte der jungen Frau den Arm um die Schultern. “Ausnahmsweise will ich dir verzeihen, aber nur, weil wir uns auf Macys Party befinden und ich ihr versprochen habe, mich von meiner besten Seite zu zeigen.”

Für Macy war die Party allerdings gelaufen. Sie war erledigt, am Boden zerstört. Am liebsten hätte sie die Gäste nach Hause geschickt, sich ins Bett verkrochen und die Bettdecke über den Kopf gezogen. “Meinetwegen brauchst du dir keinen Zwang anzutun”, brummte sie verdrießlich. “Meine Party hat sich als ziemlicher Reinfall erwiesen.”

“Ach, woher!”, meldete sich Chloe zu Wort. “Wenn du mitmachst, sind wir genau fünf Paare.”

“Wirklich?”, fragte Macy. Sie hatte ihre Zweifel, aber nur für den Fall, dass Chloe recht behielt, pfiff sie Eric zurück. Er hatte die Gelegenheit beim Schopfe gepackt und wollte sich gerade aus dem Staub machen. “Woher sollen wir denn den fünften Mann nehmen?”

“Anton hat diesen Anwalt mitgebracht”, erklärte Chloe.

Macy traute ihren Ohren nicht. “Den Anwalt?”, wiederholte sie ungläubig.

“Genau den! Kommst du?”, fragte Chloe.

“Gleich”, murmelte Macy und drehte den Wasserhahn auf. Ihre Knie fühlten sich an wie Wackelpudding. Leo Redding hier in ihrer Wohnung! Ausgerechnet heute, an dem Tag, an dem die tropfnassen Push-ups für jedermann zugänglich auf der Wäscheleine baumelten. “Ich bin gleich so weit, Chloe”, stammelte sie. “Halte einstweilen bitte ein wachsames Auge auf Eric.”

“Mit dem allergrößten Vergnügen!”, antwortete Chloe und grinste. “Endlich mal ein Kerl, der was fürs Auge hergibt. Ich könnte mir gut vorstellen, eine Zeit lang seine Jane zu spielen.”

“Bedauerlicherweise spielt er den Tarzan nicht. Er ist einer, ein echtes Alphatier, ein Macho der übelsten Sorte.”

“Jammerschade!”, seufzte Chloe. “Trotzdem kannst du auf mich zählen: Niemand verlässt den Raum.” Sie zuckte bedauernd die Achseln und verschwand hinter der roten Säule.

Macy sah ihr kopfschüttelnd nach. Chloe, das große Rätsel. Mit dem Gesicht eines Engels und dem Körper eines bösen Mädchens. Kein Wunder, dass dem armen Eric die Augen aus dem Kopf gefallen waren, als sie in die Küche spaziert kam. Männer! Denen ging es doch immer nur um das eine.

Auch Leo Redding würde Augen machen, wenn er Chloe zu Gesicht bekam. Er würde um sie herumscharwenzeln wie ein … ein … Mit welcher Hunderasse ließe sich ein überheblicher Anwalt wie Leo am besten vergleichen? Reinrassig müsste er sein, etwas Geringeres käme niemals infrage. Aber Stammbaum hin oder her, fest stand, dass Leo tausendmal lieber hinter der verspielten Pudeldame – Macys Vorstellung von Chloe – herbellen würde, als sich mit einem raubeinigen Foxterrier – Macy – um einen Knochen zu balgen. Leo schien Macy nicht einmal zur Kenntnis zu nehmen. Aber das war ihr egal. Total egal!

Macy hatte Leo Redding den Dritten etwa vor einem Jahr kennengelernt. Auf Antons Empfehlung hin hatten ihn die Partnerinnen zu ihrem Rechtsberater ernannt. Sie hatten die Entscheidung nicht bereut, denn Leo entsprach genau dem Klischee vom nüchternen, steifen, aber gewieften Anwalt. Selbst Sydney, die nicht weniger nüchtern und geschäftstüchtig war als er, hatte sich über seinen übertriebenen Ehrgeiz entsetzt. Kinsey und Mel konnten ihn nicht ausstehen, weil es ihnen nicht ein einziges Mal gelungen war, ihn aus der Ruhe zu bringen. Dabei hatten sie sich solche Mühe gegeben. Sogar Chloes geballter Charme hatte nicht mehr bewirkt, als dass Leo die Nickelbrille abgenommen und sich die Augen gerieben hatte.

Was Macy betraf, so hatte sie ihn erst gar nicht gut genug kennengelernt, um das Urteil ihrer Freundinnen anzuzweifeln. Sie wusste nur, dass Leo im Team von Anton, Eric, Ray und Jess, die in diesem Augenblick in ihrem Wohnzimmer hockten und sich mit Fajitas vollstopften, Fußball spielte. In der Mannschaft gab es ein schier unerschöpfliches Potenzial an Junggesellen, auf die Macy zurückgreifen konnte, um ihre Spiele zu testen. Deshalb war es nicht weiter verwunderlich, dass das Los einmal auf Leo gefallen war.

Halt, eine Kleinigkeit wusste sie doch: Leo besaß Ohren wie ein Luchs und war ausgesprochen schlagfertig. Eines Tages hatte Anton ihn mitgebracht. Die Männer wollten Lauren zu einem Fußballturnier abholen. Lauren, ohnehin kein Fan dieser Sportart, hasste nichts so sehr, wie Anton allein zujubeln zu müssen, deshalb flehte sie Macy an, sie zu begleiten. Macy war nicht abgeneigt. Welche gesunde Fünfundzwanzigjährige hätte nicht gerne zweiundzwanzig junge Männer bei einem Testosteron-Wettkampf beobachtet? Genau das sagte sie Lauren auch.

Außerdem verkündete sie, sie wäre froh, ein Kind des neuen Jahrtausends zu sein, in dem Chancengleichheit herrschte und Männer genauso Lustobjekte sein konnten wie Frauen. Dann beging sie den Fehler, in Leos Richtung zu blicken, und sah, wie sich sein nachsichtiges Lächeln in eine entgeisterte Grimasse verwandelte. Der gute Leo lebte offenbar noch in der Steinzeit.

Wenigstens war sie klug genug gewesen, nach diesem Ausrutscher auf das Match zu verzichten. Sie verabschiedete die drei am Aufzug und drückte den Knopf, um den Lift nach unten zu schicken. Die Türen schlossen sich, aber im letzten Moment sprang Leo aus der Kabine. Er baute sich vor Macy auf und sah ihr direkt in die Augen. Noch heute lief es ihr eiskalt über den Rücken, wenn sie an diesen Blick dachte.

In der Regel trug Leo eine Brille mit einem schlichten Drahtgestell, das seinem konservativen Auftreten einen gewissen Pfiff verlieh. Nicht so an diesem Morgen. Da trug er offenbar Kontaktlinsen. Nichts trübte das einzigartige, hell glänzende Grün seiner Iris. Er starrte Macy ausdruckslos an. Sie konnte sich nicht erinnern, ihn jemals richtig lächeln gesehen zu haben, aber winzige Fältchen um seine Augen verrieten, dass er in dieser Sekunde wenigstens in seinem Inneren über einen ganz privaten Witz schmunzelte. Seine Augen glitzerten geheimnisvoll.

Er hob mit einem Finger ihr Kinn an. “Macy?”

Sie brachte ein schwaches “Hmm?” heraus.

“Mit Fragen der Chancengleichheit kenne ich mich aus. Ich habe viele Fälle auf diesem Gebiet gewonnen. Ich bin sehr gut in dem, was ich tue.”

Macy glaubte ihm jedes Wort. Fasziniert trat sie einen Schritt auf ihn zu.

Und er trat einen Schritt zurück. “Aber wenn die Herausforderung fehlt, werde ich doch meine wertvolle Zeit nicht vergeuden.” Mit zwei, drei Schritten war er beim Aufzug, der inzwischen wieder oben eingetroffen war, trat in die Kabine und ließ sich ohne ein weiteres Wort hinunterbringen.

Damals hatte er Macy überrumpelt. Heute Abend war sie vorgewarnt. Sie würde sich von ihm nicht noch einmal ins Bockshorn jagen lassen. Leo wollte eine Herausforderung? Bitte schön, die konnte er haben. Denn wenn es um Spiele ging, war sie unschlagbar.

2. KAPITEL

Mit einem flauen Gefühl im Magen verließ Macy den Schutz der Küche und betrat den Teil der Wohnung, in dem die Party stattfand. Sie bückte sich, hob ein welkes Salatblatt vom Boden auf und verkündete lautstark: “Okay, Leute, auf geht’s!”

Das Murren, das auf ihre Ankündigung folgte, übertönte sogar die Musik aus den Wandlautsprechern. Macy ließ sich davon nicht beeindrucken. Sie ging zur Stereoanlage und stellte sie kurzerhand leiser. Nachdem das dröhnende Wummern der Technomusik auf ein erträgliches Maß gedämpft war, konnte sie die Einwände verstehen, die es von allen Seiten hagelte. Macy kannte das und fand auf alles eine Erwiderung. Ihr fiel auf, dass Eric kaum protestierte. Er stand vermutlich noch unter dem Eindruck seiner ersten Begegnung mit Chloe. Auch der fünfte Mann, dieser ungebetene Gast, schwieg – zum Glück!

Was hatte Anton sich dabei gedacht, Leo anzuschleppen? Eine Schnapsidee! Es gehörte zu den eisernen Regeln ihrer Partys, dass jeder der Anwesenden sich am Spiel beteiligte. Leo Redding allerdings konnte sich Macy beim besten Willen nicht bei einem ihrer Spielchen vorstellen. Der Junge war doch genauso steif wie seine Hemdkragen.

Und der Kerl machte auch keine Anstalten, die Party vorzeitig zu verlassen! Er hatte es sich in einem großen Sessel mit rot und gelb karierten Polstern bequem gemacht und wirkte beinahe entspannt. Nur konnte er Macy mit seiner Pose nicht täuschen. Im Geiste arbeitete er sicherlich an einem seiner anspruchsvollen Chancengleichheitsfälle.

Macy grinste. Heute Abend würde Leo seine Herausforderung finden. Wenn der wüsste! Er würde mit einer völlig neuen Einstellung zu Spiel und Spaß von hier weggehen – sofern er den Abend unbeschadet überstand. Dafür allerdings hätte sie die Hand nicht ins Feuer gelegt.

Wie dieser Mann schon aussah! Es war Samstagabend, Partyzeit, und er besaß die Stirn, in einem weißen Hemd mit Krawatte aufzukreuzen. Zugegeben, es handelte sich um einen ausgesprochen modischen Schlips, aber was machte das schon für einen Unterschied? Nicht einmal den Knoten hatte er gelockert! Die dunkle Hose mit der gestochen scharfen Bügelfalte und die eleganten schwarzen Slipper passten, wie könnte es anders sein, haargenau dazu. Nur die Brille, ein schlichtes Metallgestell, das die ungewöhnliche Farbe seiner Augen betonte, harmonierte nicht so ganz mit der einfallslosen Anwaltsuniform. Ein Punkt zu seinen Gunsten.

Habe ich nichts Besseres zu tun, als über den Stil dieses Kerls zu urteilen, dachte Macy plötzlich. Er ist auch nur einer der Kandidaten für meine jüngste Spielidee, und wenn ich Pech habe, sogar einer von der aufsässigen Sorte. Erst jetzt merkte sie, dass Lauren neben ihr stand und sie am Ärmel zupfte.

“Dein Publikum scheint reichlich unmotiviert! Ich schätze, es ist keine besonders gute Idee, gleich mit dem Spiel zu beginnen.”

Die übrigen Gäste hatten in der Tat ihre Gespräche wieder aufgenommen. Sie wirkten satt und träge, und man sah ihnen an, dass sie sich eher für ein Verdauungsschläfchen erwärmen konnten als für Macys Einfälle. “Oje”, meinte Macy nach einem Blick in die Runde, “ich fürchte, du hast recht.”

“Was hältst du denn davon, wenn wir zum Einstieg erst mal eine lockere Runde von deiner Version des Flaschendrehens spielen?”, schlug Lauren vor.

Keine schlechte Idee! Damit hatten sie noch auf jeder Party für Stimmung gesorgt. “Du bist ein echter Schatz, Lauren”, antwortete Macy und dirigierte die Freundin unverzüglich in die Mitte des Raums. Sie überließ es Lauren, das Spiel anzukündigen, und zerbrach sich einstweilen den Kopf darüber, welchen der anwesenden Herren sie zum Opfer küren sollte.

Lauren klatschte in die Hände. “Alle mal herhören! Bevor uns Macy ihren neuesten Zeitvertreib vorstellt, wollen wir uns mit einer Runde ihrer berüchtigten Version des Flaschendrehens aufwärmen. Meine Damen und Herren, hier ist Macy!”

Mit einer Pirouette, die etwas kläglich ausfiel, da Macy klobige Lederclogs trug, tänzelte sie in die Mitte der Gruppe. Lauren suchte halbherzig nach einem Taschentuch, mit dem sie Macy die Augen verbinden konnte. Eine Sekunde lang erwog Macy, Leo Reddings Krawatte als Ersatz vorzuschlagen. Aber womöglich konnte sie die noch anderweitig einsetzen, also bot sie stattdessen an, sich die Augen zuzuhalten. Damit kam sie bei ihrem Publikum allerdings schlecht an.

“Das verstößt gegen die Regeln!”, protestierte Ray, und Jess schimpfte: “Du willst schummeln!” Den Widerspruch dieser beiden brachte Macy mit einem strengen Blick zum Schweigen. Nur bei Eric, der sich auf das größte der Sofas gelümmelt hatte und “Foul! Foul!” grölte, war es nicht so einfach getan.

“Ruhe jetzt!”, herrschte Macy ihn an, als kein noch so beschwörender Blick fruchtete. “Wenn du nicht sofort still bist, wäre es möglich, dass ich – rein zufällig natürlich – auf dir lande. Das würde dem, was sich unter deinem Gürtel befindet, nicht besonders gut bekommen, fürchte ich.”

Eric fuhr auf. “Sieh dich vor, junge Frau! Sprich nicht von Dingen, von denen du nichts weißt!”, rief er erbost.

“Wieso?”, fragte sie mit einem anzüglichen Grinsen. “Ich rede von den unzähligen Shrimps, die du im Laufe des Abends vertilgt hast. Ich bin überzeugt, dass die anderen Anwesenden das bestätigen können.”

Erics Gesicht färbte sich dunkelrot. Es sah aus, als wollte er sich auf Macy stürzen. Sie musste ihm zuvorkommen. “Sydney, ein Kissen, schnell!”, rief sie, und Sydney, die es sich auf einem Berg aus bunt zusammengewürfelten Nackenrollen und Kissen neben der Stereoanlage gemütlich gemacht hatte, reagierte prompt. Sie griff nach einem Goldfisch aus Plüsch, doch anstatt ihn an Macy weiterzugeben, schleuderte sie das Geschoss direkt auf den verdatterten Eric. Weitere Wurfgeschosse folgten im Sekundentakt, denn auch die anderen Mädchen beteiligten sich begeistert an der Kissenschlacht, und bald war Eric unter einem Berg aus bunten Polstern begraben. Nur die Beine und eine Hand ragten einsam aus dem Haufen hervor.

Doch so leicht gab er sich nicht geschlagen. Während die Damen sich noch zu ihrem Sieg beglückwünschten, ertastete er mit der freien Hand Sydneys langen, figurbetonten Jeansrock. Ein Ruck, und mit einem gellenden Schrei kippte Sydney über die Lehne des Sofas und landete zuoberst auf dem Kissenberg. Genau in diesem Augenblick wechselte die Musik zu einer langsamen, gefühlvollen Ballade, und Eric begann im Takt mit den Hüften zu kreisen, sodass die Kissen bedrohlich schwankten. Das brachte das Fass zum Überlaufen. Sydney kreischte, rappelte sich empört auf und stürzte davon.

“Hast du diesen Flegel eingeladen?”, flüsterte Lauren empört und warf Macy einen missbilligenden Blick zu. Macy schwieg zerknirscht und nahm sich fest vor, ihre Gästeliste in Zukunft besser zu überdenken.

Als endlich wieder Ruhe hergestellt war, klatschte Lauren erneut in die Hände. “Darf ich noch einmal um eure Aufmerksamkeit bitten! Wieder einmal wird unsere hauseigene Sirene die Willensstärke von einem unter euch auf eine harte Probe stellen. Für diejenigen, die das Spiel noch nicht kennen, erkläre ich kurz die Regeln.” Aus den Augenwinkeln bemerkte sie, dass Leo nervös in seinem Sessel herumrutschte. “Es besteht überhaupt kein Grund zur Panik, Leo”, beruhigte sie ihn. “Alles, was du tun musst, ist, dich Macys Forderungen zu widersetzen.”

“Ach so? Nun, das sollte kein Problem für mich sein”, meinte Leo im Brustton der Überzeugung.

Macy kochte, aber es gelang ihr, ihre Wut zu verbergen. Der eingebildete Fatzke würde sie früh genug kennenlernen.

“Ein Wort noch zu unserem Testspiel”, fuhr Lauren fort. “Falls ihr euch mit dem Gedanken tragt, zu gehen, bevor es ernst wird, überlegt es euch gut. Wir haben diesmal ein ganz besonderes Bonbon für alle, die mitmachen. Worum es genau geht, erklärt euch am besten Sydney.”

Sydney erhob sich. Sie war die eleganteste der sechs Partnerinnen und eine totale Perfektionistin. Deshalb strich sie zunächst über den Rock, der ohnehin tadellos saß, glättete ihr Top aus burgunderroter Seide und fuhr sich prüfend durch die makellose Frisur. Erst als sie sich vergewissert hatte, dass alles in Ordnung war, begann sie: “Vor ein paar Tagen hat mich Macy darauf angesprochen, dass das, was sie heute vorhat, mehr Einsatz von euch erfordert als sonst. Aus diesem Grund habe ich mir eine kleine Belohnung ausgedacht.”

“Belohnung? Dass ich nicht lache! So was nennt man ja wohl eher Bestechung!” Eric hatte sich wieder auf das Sofa gefläzt und grinste Sydney unverschämt frech an.

“Bestechung, Belohnung, Preis, was macht das schon für einen Unterschied? Hör dir doch erst einmal genau an, wovon ich spreche.”

“Sie will damit sagen: Halt den Mund, Eric!”, verdeutlichte Ray, quittierte die zustimmenden Pfiffe der anderen mit einer angedeuteten Verbeugung und überließ Sydney wiederum das Wort.

“Mein Vater – die meisten von euch kennen ihn ja – hat mir neulich ein Angebot unterbreitet, dem ich einfach nicht widerstehen konnte.”

Jetzt spitzten alle die Ohren. Nolan Ford war ein erfolgreicher Geschäftsmann, der es mit geschickten Börsenspekulationen zum Multimillionär gebracht hatte. Was hatte er mit ihrem Spiel zu tun?

“Will dein Vater uns etwa für die Teilnahme bezahlen?”, witzelte Anton.

“Gute Idee. Nein, er will seine Yacht verkaufen und stellt sie mir zum Abschied ein letztes Mal zur Verfügung. Ich gebe das Nutzungsrecht an den Gewinner des heutigen Spiels weiter. Er oder sie kann eine Woche lang über die Yacht samt Mannschaft verfügen. Er kann das Ziel der Reise bestimmen, sofern es sich im Rahmen hält, und so viele Gäste an Bord nehmen, wie auf dem Schiff Platz finden.”

Die Zuhörer applaudierten stürmisch.

Macy legte der Freundin den Arm um die Schulter und küsste sie auf die Wange. “Du musst das nicht tun”, flüsterte sie.

“Doch. Du kennst Nolan.”

Macy sparte sich eine Erwiderung für später auf. Sie umarmte Sydney noch einmal, dann richtete sie sich an die übrigen Anwesenden. “Leute, vergesst bei aller Begeisterung aber nicht, dass ihr euch diesen Preis erst verdienen müsst. Bitte, Anton!” Sie gab Anton ein Zeichen, und er drehte die Musik lauter. Lauren packte Macy bei den Schultern, wartete, bis sie die Augen fest zugekniffen hatte, und drehte sie dann schwungvoll mehrmals um die eigene Achse. Noch ehe Macy sich recht überlegen konnte, welche Aufgabe sie Leo stellen wollte, wurde sie abrupt gestoppt und sanft in eine ihr unbekannte Richtung angestupst.

Rasch das Gleichgewicht wieder finden, noch ein tiefer Atemzug – jetzt! Macy reckte entschlossen das Kinn vor, fuhr sich mit den Fingern durchs Haar, befeuchtete die Lippen mit der Zunge, schlug die Augen auf – und begegnete Leo Reddings Blick. Ein Fehler. Ein großer, großer Fehler! Sie hatte völlig vergessen, wie durchdringend er sein Gegenüber ansah. Er schien mehr zu bemerken, als es einem Fremden zustand. Sein Blick drang bis in ihr Innerstes vor und schien ihre intimsten Geheimnisse aufzustöbern.

Unsicher setzte sie Fuß vor Fuß. Mit jedem Schritt klopfte ihr Herz, raste ihr Puls schneller. Sie konnte spüren, wie das Blut durch ihren Körper rauschte. Ihr wurde heiß, ihre Wangen färbten sich rosa. Leo sah sie ohne die geringste Gemütsregung an. So viel eiskalte Selbstbeherrschung trieb Macy einfach auf die Palme. Dich werde ich schon kriegen, dachte sie, und prompt kam ihr die Erleuchtung. Sie würde ihn dazu bringen, zu lächeln. Wenn ihr das gelang, hätte sie zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Erstens wäre dann einwandfrei bewiesen, wer den stärkeren Willen hatte, und gleichzeitig würde sie sich einen ganz persönlichen Wunsch erfüllen.

Leo saß mit weit von sich gestreckten Beinen in seinem Sessel. Macy trat ganz nahe an ihn heran. Sie beugte sich vor und stützte beide Hände auf die niedrigen Armlehnen des Sessels. Wie zufällig berührten ihre Fingerspitzen dabei die Innenseite von Leos Ellbogen. Er zuckte nicht mit der Wimper, aber, oh Wunder, er nahm die Brille ab. Macy legte die Hand auf seine Wange. “Tust du mir einen Gefallen?”, bat sie.

Leo hob fragend die Augenbrauen. Sie hörte ein ersticktes Murmeln hinter sich und vermutete, dass jemand Eric den Mund zuhielt, um ihn an einer seiner geschmacklosen Äußerungen zu hindern. Sie nahm all ihren Mut zusammen und ließ sich vorsichtig in Leos Schoß sinken. “Ich wünsche mir, dass du lächelst”, flötete sie. “Kannst du das? Würdest du das für mich tun, Leo?” Sie rutschte ein paar Mal hin und her, bis sie die bequemste Stellung gefunden hatte. Ihre Beine baumelten jetzt auf einer Seite über die Armlehne herab, einen Arm hatte sie um Leos Schultern gelegt.

Ein angenehmer Duft umgab ihn, ein warmes, männlich-herbes Parfüm, und Macy schmiegte sich noch ein wenig enger an ihn. Sie spürte die harten Muskeln seiner Oberschenkel. Seine Taille war schmal, der Bauch flach, der Körper eines Mannes, der sich fit hält. Auch sein Oberkörper wirkte kräftig und durchtrainiert, und die großen Hände vervollständigten den Eindruck von männlicher Stärke.

Macy lächelte und streichelte Leos Wange. Sie fühlte sich rau und ein wenig stoppelig an, und Macy bekam eine Gänsehaut. Ganz langsam führte sie die Hand weiter über sein Kinn und seinen Hals, bis ihre Finger den Hemdkragen erreichten und behutsam begannen, den Knoten der Krawatte zu lösen.

“Na los, Leo”, flüsterte sie ihm dabei ins Ohr. “Ich weiß, dass sogar du lächeln kannst. Du besitzt alle Muskeln, die man dafür braucht, auch wenn du sie nur selten benutzt.”

Leo tat, als hätte er nicht gehört. Macy ließ sich davon nicht entmutigen. Frech schob sie den Zeigefinger in die Lücke zwischen Hemdkragen und nackter Haut und kraulte seinen Hals. “Komm schon”, lockte sie weiter, “ich würde mich mit einem klitzekleinen Grinsen zufriedengeben.”

Nichts, keine Antwort, kein Lächeln, gar nichts! Macy hob den Kopf und sah ihm ins Gesicht. Sie hatte gehofft, wenigstens die Andeutung eines Lächelns zu entdecken, aber vergebens. Ausdruckslos und starr erwiderte er ihren Blick. Tja, dann würde ihr wohl nichts anderes übrig bleiben, als ganz tief in die Trickkiste zu greifen. Chloe zum Beispiel schwor auf Schmollen, also zog Macy einen Flunsch und schob gleichzeitig Leos Mundwinkel mit dem Daumen ein wenig nach oben. Nichts! Es war zum Aus-der-Haut-Fahren!

Ein letzter Versuch: Mit den Fingerspitzen strich Macy sanft über Leos fest aufeinander gepresste Lippen. Sie beugte sich so weit vor, dass sich ihre Nasenspitzen beinahe berührten, und wisperte so leise, dass nur er es hören konnte: “Ein klitzekleines Lächeln, Leo, bitte!”

Da spürte sie es. Leos Augen blitzten kurz auf, und Macy fühlte, wie er unter ihr hart wurde. Jetzt lief es ihr heiß über den Rücken. Was sollte sie bloß tun? Aufspringen, um dieser peinlichen Situation so schnell wie möglich ein Ende zu bereiten? Oder sitzen bleiben und die überraschende Wendung, die die Dinge genommen hatten, noch eine Weile auskosten? Sie beschloss, fürs Erste stillzuhalten und abzuwarten. Zumindest würde auf diese Weise vor dem Rest der Gruppe verborgen bleiben, was sie selbst so deutlich fühlte. Sie sah Leo fest an und versuchte, ihm mit den Augen eine Botschaft zu übermitteln. Vertrau mir, funkte sie, gemeinsam werden wir das Kind schon schaukeln.

Plötzlich tat Leo etwas vollkommen Unerwartetes: Er lächelte. Er verzog nicht einfach die Mundwinkel oder schnitt eine Grimasse, nein, er strahlte über das ganze Gesicht. Es war ein breites, offenes Lächeln, das Macys Pulsschlag beschleunigte. Und damit nicht genug: In dem Moment, als Macy triumphierend die Beine über die Armlehne schwingen und aufstehen wollte, nahm Leo ihren Kopf in beide Hände – und küsste sie.

Oh, Mann. Küssen konnte er, das musste der Neid ihm lassen! Macy konnte gar nicht genug davon bekommen. Er knabberte an ihren Lippen, spielte mit ihnen und streichelte sie erst sanft, dann immer stürmischer. Sein Mund schmeckte nach Bier und nach Barbecue und machte Appetit auf mehr.

Natürlich wusste Macy genau, dass sie nie in den Genuss einer Fortsetzung kommen würde. Der Kuss an sich war bedeutungslos. Leo wollte ihr und den anderen auf diese Art beweisen, dass er zwar kein Spielverderber war, sich aber auch nicht kampflos geschlagen gab. Keine besonders sportliche Einstellung, fand Macy, aber sie war viel zu sehr bei der Sache, um zu protestieren. Es musste eine halbe Ewigkeit her sein, dass sie zum letzten Mal so geküsst worden war. Sie hatte beinahe vergessen, wie schön das sein konnte. Heiße Lust durchströmte sie …

Moment mal. Heiße Lust? Das durfte doch nicht wahr sein!

Abrupt löste Macy sich von Leos Lippen. Einen Moment lang hatte sie völlig vergessen, auf wessen Schoß sie hockte.

Das Publikum tobte wie wild, aber Macy ignorierte den Lärm. Forschend blickte sie in Leos Gesicht. Er lächelte noch immer. Seine Lippen schimmerten feucht, und seine Augen glänzten. Leider kannte sie ihn zu wenig, um zu beurteilen, ob er den Applaus genoss oder eine Mordswut hatte.

Und wenn schon, dachte Macy. Soll er ruhig ein wenig schmoren. Schließlich hatte er es darauf angelegt. Zugegeben, ganz unschuldig war sie an der Sache nicht. Aber sie hatte nur versucht, ihre Rolle zu spielen. Sie hatte sich nichts vorzuwerfen. Sie beugte sich vor und sagte leise: “Ich denke, ich habe gewonnen.”

“Gewonnen? Du?”, rief Leo aus, so laut, dass es Macy in den Ohren dröhnte. “Dass ich nicht lache!”

“Na, hör mal”, entgegnete sie heftig. “Ich hab bekommen, was ich wollte. Immerhin hast du gelächelt, oder etwa nicht?”

“Nein. Du hast das bekommen, was ich dir gegeben habe. Ich habe bekommen, was ich wollte.”

Macy fühlte, wie es in ihr brodelte. Das hatte er sich ja fein ausgedacht, der hochnäsige Herr Anwalt. Aber dem würde sie es schon zeigen. “Was genau wolltest du denn, wenn man fragen darf?”

“Ist das so schwer zu erraten?”

“Ganz im Gegenteil. Es ist sogar ziemlich offensichtlich, würde ich sagen.” Mit spitzbübischem Vergnügen verlagerte Macy ihr Gewicht und verstärkte den Druck auf das, was sie an der Unterseite ihrer Schenkel spürte. Sie ließ Leo dabei nicht aus den Augen und beobachtete schadenfroh, wie der selbstgefällige Ausdruck auf seinem Gesicht erlosch. Dann tätschelte sie herablassend seinen Arm und erhob sich mit ausdrucksloser Miene. “Versteh mich nicht falsch, Leo”, sagte sie. “Das Offensichtliche ist selten eine große Herausforderung. Nimm’s mir nicht übel, aber ich bin nicht interessiert.”

Das hatte gesessen. Leo starrte sie einen langen Moment nur fassungslos an. Dann allerdings, und das rechnete Macy ihm hoch an, zeigte sich fast so etwas wie Anerkennung in seinem Blick.

Mit sich und der Welt zufrieden kehrte Macy ihm den Rücken. Leo würde sich rächen, das war ihr klar. Aber er hatte erfahren, dass er es mit einer ebenbürtigen Gegnerin zu tun hatte. Und insgeheim konnte Macy es kaum mehr erwarten, mit ihm noch einmal die Klingen zu kreuzen.

Leo Redding hatte schwer an seiner Niederlage zu knabbern. Schon lange nicht mehr, nicht seit er erwachsen war, hatte ihn sein Körper auf so peinliche Weise im Stich gelassen. Dabei war die kleine Macy ganz und gar nicht sein Typ. Vielleicht lag es ja genau daran. Er hatte noch nie eine Frau wie sie kennengelernt. Sein Körper war dem Reiz des Unbekannten erlegen.

Allein schon ihre Frisur! Ein wüster Schopf dunkelbrauner Locken mit Strähnchen wie Vanilleeis, die ihr herzförmiges Gesicht umspielten, knapp kinnlang und immer irgendwie verstrubbelt. Als Leo Macy vor etwa einem Jahr zum ersten Mal getroffen hatte, glaubte er, eine weibliche Rastafari vor sich zu haben. Jetzt wusste er es besser: Als er vorhin mit den Fingern durch ihre Locken gefahren war, war er nicht ein einziges Mal auf Widerstand gestoßen. Diese Locken waren zu hundert Prozent Natur. Das hatte ihn bereits ziemlich aus dem Gleichgewicht geworfen. Als er dann auch noch in ihre leuchtend klaren goldenen Augen gesehen hatte, die ihn mit durchdringender Offenheit angesehen hatten, war es restlos um ihn geschehen.

Obwohl Macy leicht war wie eine Feder, hatte ihr Gewicht ihn, nun ja, schwer beeindruckt, um es vorsichtig auszudrücken. Und erst ihr Mund! Diese sanft geschwungenen Lippen und das, was Macy damit anstellte … Der Kuss hatte unbeschreibliche Fantasien in ihm geweckt. Er hörte praktisch seinen Reißverschluss aufgehen, fühlte ihre Zunge … Ein paar Sekunden mehr, und Leo hätte seine Hände nicht länger in ihrem Haar gelassen. Fast bedauerte er, dass er nicht dazu gekommen war, ihren Körper zu erforschen. Ob es wohl stimmte, dass es nicht auf die Größe ankommt?

Leo fischte ein Corona aus der Wanne und trank. Nur der Zufall hatte ihn hierher geführt. Er hatte den Nachmittag damit verbracht, zusammen mit Anton Wohnungen in diesem Teil der Stadt zu besichtigen, die von Neville und Storey, dem Architekturbüro, an dem Anton beteiligt war, geplant oder renoviert worden waren. Das hatte mehr Zeit in Anspruch genommen als vorgesehen. Deshalb hatte er Antons Vorschlag, den Tag mit einer Party zu beschließen, gerne angenommen.

Aber was hielt ihn hier? Sicher, sein Wagen stand noch im Parkhaus des Architekturbüros, und der Gedanke, ein einsames Mahl zu verspeisen, erschien wenig verlockend. Normalerweise jedoch reizte ihn die Gesellschaft der Jungs aus dem Fußballteam nicht besonders. Warum hatte er gerade heute eine Ausnahme gemacht?

Mit einem tiefen Seufzer lehnte sich Leo an eine giftgrüne Säule, die in der Mitte ungefähr halb so dick war wie an den Enden, und leerte die Flasche in einem Zug. Ihm fiel das Gespräch wieder ein, das er vorhin unbeabsichtigt mit angehört hatte. Anscheinend hatte sein Erscheinen Macys Pläne ein wenig durcheinander gebracht. Das kümmerte ihn im Grunde herzlich wenig, aber er konnte es als Ausrede benutzen, um die Party so bald wie möglich zu verlassen. Er zog das Handy aus der Tasche, um sich ein Taxi zu bestellen.

Da fiel sein Blick auf Macy. Er hatte den Eindruck, dass sie ihm seit dem Kuss aus dem Weg ging, wo sie nur konnte. Zum Beispiel vorhin: Leo wollte sich ein Bier holen. Macy hatte neben der Wanne gestanden, und er musste sich strecken, um an ihr vorbei eine Flasche herauszuziehen. Er hatte förmlich gespürt, wie sie erstarrte und zurückwich. Im nächsten Augenblick schon war sie unter dem Vorwand, das Testspiel zu organisieren, davongeeilt. Es war das erste Mal, dass eine Frau seine Herausforderung so deutlich zurückwies. Ein ganz neuartiges Gefühl!

Plötzlich tauchte Anton vor ihm auf. “Mach dir nichts draus”, bemerkte er freundlich. “Sie gewinnt immer.”

Leo quittierte den gut gemeinten Trost mit einem gequälten Lächeln. Wieso hielten es alle eigentlich für offenkundig, dass Macy gewonnen hatte?

“Hat sie dich auch schon mal drangekriegt?”, erkundigte er sich höflich.

“Das kannst du glauben. Sie hat mir eingeredet, dass eine Mücke um mich herumschwirrt, und wollte mich dazu bringen, mich an der Nase zu kratzen. Es endete damit, dass ich mir fast die Augen ausgekratzt hätte.”

Leo schmunzelte. “Sie hat … das gewisse Etwas, findest du nicht?”

Anton vergrub die Hände in den Hosentaschen und nickte. “Unglücklicherweise bemerkt man das meistens erst, wenn sie schon auf deinem Schoß sitzt, wenn du weißt, was ich damit meine.”

Leo räusperte sich verlegen. Und ob er das wusste! “Tja, ich wollte mich gerade verabschieden. Es war ein netter Abend, aber morgen wartet ein Berg Arbeit auf mich, deswegen sollte ich wohl besser machen, dass ich nach Hause komme.”

“Bleib doch noch einen kleinen Moment. Vielleicht ergibt sich ja die Gelegenheit, es Macy mit ihren eigenen Mitteln heimzuzahlen.”

“Hab ich das nicht bereits getan?”

Anton lachte. “Na ja, es war ein Versuch. Aber du darfst es dir zur Ehre anrechnen, dass du sie zum Schweigen gebracht hast. Du bist der Erste, dem das gelungen ist.”

“Hm!”, brummte Leo. Antons Bemerkung hatte die Erinnerung an Macys Lippen, ihre Zunge und ihre scharfkantigen kleinen Zähne geweckt und daran, wie sich ihr Körper an seinen geschmiegt hatte.

“Doch, doch”, fuhr Anton fort. “Lauren ist schier ausgerastet. Sie sagt, sie hätte Macy noch nie so erlebt.”

Leos Neugier war geweckt. “Wie denn?”

“Junge, Junge, die hätte dich am liebsten mit Haut und Haar verschlungen. Deine Zunge reichte ihr offenbar nicht.” Anton hatte sich anscheinend für das Thema erwärmt. “Ich muss schon sagen, das hätte ich der kleinen Macy gar nicht zugetraut!”

Die Unterhaltung wurde langsam peinlich, fand Leo, aber da musste er wohl durch. Er hatte Macy vor versammelter Mannschaft geküsst. Ganz klar, dass sie damit zum Tagesgespräch wurden. Dabei hatte der Kuss nichts, absolut gar nichts zu bedeuten. Nachdenklich wog er die leere Flasche in der Hand. Gehen oder bleiben? Sein Blick fiel auf Macy, die mit Sydney und Lauren scherzte. Anscheinend amüsierte sie sich köstlich, denn sie klatschte in die Hände und wippte auf den Absätzen wie ein Kind, wenn es sich freut. “Du sagst es”, meinte Leo. “Wenn man sie sieht, hält man sie im ersten Augenblick für ein kleines Mädchen.”

“Genau das ist meiner Ansicht nach ihr Problem. Kein Mann würde sie auf älter als achtzehn Jahre schätzen, oder?”

Bis vor einer halben Stunde hätte Leo dem bedenkenlos zugestimmt. Anton wusste es einfach nicht besser. Aber er, Leo, hatte dieser verspielten Frau in die Augen geblickt. Was er darin entdeckt hatte, war so alt wie der Garten Eden, so verführerisch wie die Schlange und so reif wie die verbotene Frucht. Auf einmal stand sein Entschluss fest: Er würde bleiben. Mal sehen, was sonst noch geschehen würde.

3. KAPITEL

Während Lauren die Lampen ausknipste, bis nur noch die Mitte des Raums von fünf Scheinwerfern ausgeleuchtet wurde, lief Macy in ihr Arbeitszimmer, um die Ausdrucke zu holen, die sie vorbereitet hatte. Fünf rosa Bögen für die Mädchen, fünf blaue für die Jungs, insgesamt zehn Listen, die Macy für ihr aktuelles gIRL-gAMES-Abenteuer ausgearbeitet hatte. Diesmal handelte es sich um eine Partner-Schnitzeljagd, einen Wettkampf für Erwachsene, bei dem es darum ging, möglichst viel über den anderen herauszufinden.

Macy bildete sich auf dieses Konzept allerhand ein. Ob die Idee so brillant war, wie sie glaubte, würden erst die Reaktionen ihrer Leserinnen beweisen. Und dann? Macy seufzte. Die Zahl der begeisterten Zuschriften würde ins Unermessliche klettern, daraufhin würde Sydney sie drängen, neue Kolumnen zu entwerfen, und Lauren würde sie noch häufiger mit Tipps zum Layout ihrer Webseiten belästigen. Tja, das nannte man wohl die Schattenseiten des Erfolgs.

Aber damit würde sie sich befassen, wenn es so weit war. Der heutige Abend musste erst einmal zeigen, ob die Spieler ihre Aufgabe überhaupt bewältigen konnten, ohne dass sie einander zerfleischten. Für Macy selbst hieß es vor allen Dingen, den eigentlichen Zweck des Abends nicht aus den Augen zu verlieren! Heute ging es ausschließlich um das Spiel und nicht darum, Leo Redding auf seinen Platz zu verweisen.

Zu dumm, dass ausgerechnet Leo Macys Vorstellungen vom perfekten Mann in so vielen Punkten entsprach: Er hatte kräftige, aber sanfte Hände, genau wie Macy es sich in ihren Träumen ausmalte. Und dass er so küssen konnte, hätte sie dem steifen Herrn Rechtsanwalt niemals zugetraut. Das Leben steckte doch voller Überraschungen! Trotzdem konnte Macy sich einfach nicht entscheiden, ob sie den Mann leiden konnte oder nicht. Heute Abend würde sie diese Frage auch nicht mehr klären, denn jetzt war es wirklich höchste Zeit, das Spiel zu beginnen.

Macys Blick schweifte über die Gesellschaft, die sich um sie versammelt hatte. Nicht die typische Partymeute, sondern lauter junge, ehrgeizige Businesstypen, die im Grunde viel zu beschäftigt waren, um dauernd auszugehen. Genau solche Leute hatte Macy im Hinterkopf, wenn sie ihre Spiele austüftelte. Sie wollte Möglichkeiten aufzeigen, wie man auch außerhalb von Bars und Clubs auf amüsante Art und Weise möglichst schnell möglichst viele Menschen kennenlernen konnte.

Die Partner-Schnitzeljagd lieferte geradezu ideale Voraussetzungen dafür. Die Fragen, die sie vorbereitet hatte, erstreckten sich über die ganze Bandbreite des Alltags. Es ging um harmlose Auskünfte über besondere Vorlieben, aber auch um sehr intime Informationen. Keine Liste glich der anderen. Zum Beispiel musste ein Paar nur herausfinden, an welchen Stellen der andere besonders kitzlig war, während andere die erogenen Zonen oder gar spezielle erotische Vorlieben des Partners aufspüren mussten. Wie kein anderes Spiel bot die Schnitzeljagd den Spielern die Gelegenheit, den Partner aus nächster Nähe kennenzulernen.

Niemand wusste im Voraus, was seine Liste genau beinhalten würde. Nicht einmal sich selbst hatte Macy die Möglichkeit eingeräumt, sich den Fragebogen auszusuchen. Auch für sie hieß es abwarten, welche Fragen ihr der Zufall in die Hand spielen würde.

Nur für Lauren, Macys älteste und beste Freundin, und Anton, ihren Liebhaber, hatte sie eine Ausnahme gemacht. Sie hatte das Paar in den letzten Wochen genau beobachtet. Eigentlich hatte sie das überhaupt erst auf die Idee für die Partner-Schnitzeljagd gebracht.

Auf den ersten Blick schienen die beiden das perfekte Paar zu sein. Doch war Macy aufgefallen, dass die zwei in einigen wichtigen Punkten völlig entgegengesetzte Ansichten vertraten. Sie hielt es für ihre Pflicht, Lauren auf diese Widersprüche hinzuweisen. Ihr war sehr wohl bewusst, dass sie Lauren nicht direkt darauf ansprechen konnte. Deshalb beschloss sie, die beiden gegeneinander antreten zu lassen, und hatte zwei maßgeschneiderte Fragebögen entworfen. Wenn sie es ernst nahmen, würde das Spiel den beiden schon die Augen öffnen. Aber wehe, wenn die Manipulation aufflog! In diesem Fall musste schon ein kleines Wunder geschehen, um zu verhindern, dass Lauren ihr die Freundschaft kündigte.

Macy schlenderte durch den Raum und verteilte ihre Bögen. Wahllos zog sie eines der sorgfältig gefalteten blauen Blätter aus dem Stapel und reichte es Jess, der es mit sichtlichem Unbehagen in Empfang nahm. Als Nächstes zog sie Antons Liste hervor und hielt sie ihm hin. “Der Bogen bleibt zu, bis ich das Kommando zum Öffnen gebe”, erläuterte sie. “Ich erkläre euch die Regeln, wenn jeder seinen Fragebogen erhalten hat. Und glaubt ja nicht, dass ihr mich beschummeln könnt. Ich hab euch genau im Visier.”

Anschließend bahnte sie sich einen Weg zu den drei Frauen, deren Schicksal sich gleich entscheiden würde. Sydney nahm das rosafarbene Papier mit spitzen Fingern entgegen. Auch Melanie wirkte verunsichert. Sie brauchte eine Ewigkeit, um sich für einen der beiden verbliebenen Bögen zu entscheiden, und Chloe weigerte sich schlichtweg, die Liste anzurühren. Sie verkroch sich hinter einem Sessel und verließ ihr Versteck nur unter Androhung von Gewalt. Selbst nachdem sie den Fragebogen endlich akzeptiert hatte, unternahm sie noch einen letzten Vorstoß, um sich doch um die Teilnahme an diesem Spiel zu drücken.

“Macy, Schätzchen”, maulte sie, “wir testen das Spiel für deine nächste gIRL-gEAR-Kolumne. Aber was habe ich davon, wenn ich mich für diesen Unsinn hergebe? Erzähl mir nicht, dass du plötzlich Stammkundin für meine Kosmetika und Accessoires wirst! Bei deinem Aussehen brauchst du keinen einzigen Artikel aus meinem Sortiment.”

“Nur zu deiner Information, Chloe”, entgegnete Macy spitz, “dieses Aussehen kommt mich teuer zu stehen. Deine Feuchtigkeitscremes, Lotionen, Peelings und Reinigungsmittelchen verschlingen ein Vermögen.”

“Na schön”, gab Chloe zu. “Und wie sieht’s mit Accessoires aus?”

Macy streckte ihr die Zunge heraus. “Wie schon? Wahre Eleganz verzichtet auf unnötiges Beiwerk.” Ihre Schlagfertigkeit wurde mit schallendem Gelächter belohnt.

Macy blickte sich um. Ihre drei letzten Opfer, Eric, Leo und Ray, hatten sich um die Zinkwanne versammelt und bewachten das eisgekühlte Bier. Sie ging zu ihnen und streckte ihnen die Blätter aufgefächert hin. “So, meine Herren, ziehen Sie eine Karte, versuchen Sie Ihr Glück.” Keine Reaktion. Macy schüttelte den Fächer. “Na los, es gibt nur noch drei Zettel. Derjenige, der sich als Erster erbarmt, hat noch eine gute Chance, die Dame seiner Wahl zu ziehen.”

Immer noch nichts. Eric wich sogar einen Schritt zurück und suchte auf der Armlehne des Sofas Schutz. Junge, Junge, dachte sie bei sich, die Herren sprühen nicht gerade vor Begeisterung. Vielleicht sollte ich langsam den Beruf wechseln. Es blieb ihr nichts anderes übrig, als die Dinge selbst in die Hand zu nehmen. Sie zog das erstbeste Blatt heraus und stopfte es in die Brusttasche von Erics Hemd. Den nächsten Zettel hielt sie dem widerspenstigen Ray hin und reichte den letzten schließlich an Leo weiter.

Leo zögerte. Im Schneckentempo streckte er die Hand aus und griff zu. Obwohl seine langen, kräftigen Finger Macys Hand nicht einmal streiften, musste sie plötzlich daran denken, wie warm sich seine Haut angefühlt hatte. Sie spürte ein merkwürdiges Kribbeln im Bauch, aber gleichzeitig packte sie die Wut. Konnte der Typ nicht mal ein einfaches Blatt Papier entgegennehmen, ohne gleich einen Riesenakt daraus zu machen? Er zierte sich, als enthielte der Zettel ein unmoralisches Angebot oder etwas ganz Persönliches, etwas, das sie ihm nicht aus freien Stücken überlassen wollte. Wenn der wüsste! Sie würde ihm jeden Wunsch von den Augen ablesen.

Plötzlich stutzte sie. War sie noch ganz bei Trost? Betont munter meinte sie: “Tja, Leo, du musst wohl nehmen, was übrig bleibt.”

Ungerührt faltete Leo das Papier noch einmal und steckte es in die Tasche seines blütenweißen Hemdes. “Wer weiß, vielleicht erhalte ich ja eine zweite Chance, mich mit dir zu messen.” Er sah ihr direkt in die Augen.

Macy hatte das Gefühl, als würde sein Blick sie durchbohren. Sie fröstelte. Was für ein Blick! Was für Augen! Und erst seine Stimme! Eine zweite Chance! Er hatte den drei kleinen Worten einen ganz eigenartigen Unterton verliehen. Zu schade, dass sie sich nicht die Möglichkeit offen gehalten hatte, sich ihren Partner auszusuchen. Sie seufzte tief und hob bedauernd die Schultern. “Das hast du dir leider selbst zuzuschreiben.”

“Wie meinst du das?”

“Nun, das ist mein Spiel. Ich mache die Regeln. Wenn ich geahnt hätte, dass dir so viel an meiner Gesellschaft liegt, hätte ich selbstverständlich dafür gesorgt, dass wir ein Team sind.” Macy konnte kaum glauben, was sie da sagte. Dieser Mann brachte sie völlig durcheinander.

“Jetzt überraschst du mich aber wirklich! Du hättest tatsächlich gemogelt?”

“Man tut, was man kann! Viel Glück!” Macy deutete mit dem Zeigefinger auf seine Brusttasche.

“Danke, aber das werde ich nicht brauchen.”

“Du weißt nicht, mit wem du es zu tun hast. Ich an deiner Stelle wäre nicht ganz so vorlaut.” Macy warf einen raschen Blick auf ihre Mitstreiterinnen und unterdrückte ein schadenfrohes Grinsen. Der gute Leo würde sein blaues Wunder erleben, wenn er sich einbildete, mit einer von ihnen leichtes Spiel zu haben.

Jetzt wurde es ernst! Macy hatte ihre eigene Liste in den Bund ihrer Caprihose gesteckt und zog sie nun hervor. Laut bat sie um Ruhe. “Achtung, bitte! Jeder von euch hält nun ein Blatt Papier in der Hand, auf dem eine Zahl zwischen eins und fünf steht. Es handelt sich um einen Fragenkatalog, den ihr im Verlauf des Spiels ausfüllen sollt.” Sie holte kurz Luft, und schon hagelte es Einwürfe. Gebieterisch hob Macy die Hand.

“Nur Geduld, dazu kommen wir gleich! Wie ihr anhand der nicht besonders originellen Farbwahl unschwer erraten konntet, werden wir fünf gemischte Paare bilden. Das geht folgendermaßen.” Macy packte Eric am Arm und zog ihn direkt unter einen der Scheinwerfer in der Mitte des Raums. Sie faltete sein Blatt einmal auf und hielt es hoch, damit alle die Zahl erkennen konnten, die sich in der oberen Ecke befand.

“Die Nummer zwei! Stell dich bitte in den zweiten der fünf Lichtkegel. In wenigen Sekunden wirst du deine Partnerin kennenlernen. Sollte ich nämlich die Zwei gezogen haben, werde ich mich zu Eric unter den zweiten Scheinwerfer stellen und die Schnitzeljagd mit ihm gemeinsam durchziehen.” Sie lüpfte vorsichtig eine Ecke ihres eigenen Bogens und warf einen Blick auf die Nummer. Erleichtert stellte sie fest, dass sie die Drei gezogen hatte. “Nun habe ich aber eine Drei. Das heißt, ich muss mich in den Lichtkreis neben Eric stellen.”

Anton erhob sich von seinem Platz auf dem Sofa. “Erwartest du wirklich, dass wir den Zirkus mit den Scheinwerfern mitmachen, Macy? Ich finde das ziemlich affig.”

Macy verdrehte die Augen. “Aber gerade das macht doch den Reiz des Spiels aus.”

“So, findest du?” Mit einem finsteren Gesichtsausdruck postierte sich Anton, der sich nicht an die Regeln gehalten hatte und seine Zahl, die Fünf, längst kannte, ganz ans Ende der Reihe. “Na, an mir soll’s nicht liegen”, brummte er. “Und weiter?”

“Wenn ihr das Blatt aufklappt, findet ihr die Liste mit euren persönlichen Aufgaben für die gIRL-gAMES-Partner-Schnitzeljagd.” Macy war an der heikelsten Stelle in ihren Ausführungen angelangt. Um etwaige Proteste im Keim zu ersticken, fuhr sie deshalb, ohne Atem zu holen, fort: “Keine Schnitzeljagd, wie ihr sie kennt, sondern eine abgedrehte, sexy und absolut nicht jugendfreie Angelegenheit.”

Ausgerechnet Sydney meldete Bedenken an. “Eines will ich von Anfang an klarstellen, Macy: Falls es darum geht, zwielichtige Sexshops aufzusuchen, vergiss es.”

Macy verdrehte die Augen. “Also wirklich! Zugegeben, dieses Spiel ist ein bisschen gewagter als meine früheren Einfälle, aber Sexshops? Nur fantasielose Menschen holen sich Anregungen in Sexshops. Dazu gehören wir aber nicht. Schließlich leben wir von unserer Kreativität, und das nicht schlecht. Außerdem spielt sich der beste Sex ohnehin im Kopf ab.”

“Das mag auf dich zutreffen”, tönte es prompt – wie könnte es anders sein – aus Lichtkegel zwei. “Bei mir spielt sich das einen Meter weiter unten ab. Soll ich’s dir beweisen?”

Macy verzog gequält das Gesicht. Heute lief aber auch alles schief. Sie war drauf und dran, alles hinzuwerfen, da erhielt sie unerwartete Schützenhilfe von Chloe. Sie trat in den zweiten Lichtkreis und hielt Eric voll Genugtuung ihren Fragebogen unter die Nase. “Spar dir deine Energie lieber für mich auf, Herzchen. Du gehörst mir.”

Erics Miene hellte sich schlagartig auf. Feixend rieb er sich die Hände. “Verrückt und nicht ganz jugendfrei? Wenn wir beide dafür nicht das ideale Gespann sind, fress ich einen Besen.”

Macy atmete auf. Die Schnitzeljagd kam ja doch ganz gut an. Eric und Chloe waren wie geschaffen füreinander. Zwischen den beiden sprühten bereits die Funken. Im Geist überflog Macy die übrigen Paarungen: Wenn diese beiden Nummer zwei waren, Anton und Lauren die Fünf, dann …

Plötzlich spürte Macy, dass sie beobachtet wurde. Leo musterte sie mit einem eigenartigen Gesichtsausdruck, und Macy hatte eine entsetzliche Vorahnung. Alles, nur das nicht! Sie versuchte, in seiner Miene zu lesen, und hoffte, dass sie sich getäuscht hatte. Aber wenn sie seinen Blick richtig deutete, war der schlimmste aller Fälle eingetreten. Vor lauter Grübeln hätte Macy beinahe vergessen, dass sie ja ein Spiel zu leiten hatte. Rasch wandte sie sich wieder an die Runde. “Ich hoffe sehr, dass keiner der anderen gegen die Regeln verstoßen hat und seine Zahl bereits kennt.”

“Doch, ich!” Freudestrahlend stürmte Lauren unter Lichtkegel fünf und fiel Anton um den Hals. Sie schlang die Arme um seinen Nacken und drückte sich so fest an ihn, dass Macy sich gezwungen sah einzuschreiten.

“Lauren, du verwechselst da etwas. Das Spiel, bei dem sich möglichst viele Menschen auf möglichst wenig Platz zusammendrängen, heißt ‘Twister’. Das spielen wir ein andermal. Sei so gut und lass den armen Kerl am Leben. Wir brauchen ihn noch.”

“So macht’s aber viel mehr Spaß”, schmollte Lauren und schmiegte sich noch dichter an ihren Partner, der sich dadurch nicht sonderlich beengt zu fühlen schien. Wenn Macy richtig gesehen hatte, hatte er die Hände bereits unter Laurens Bluse geschoben.

Was soll’s, dachte Macy. Sollen sie ihren Spaß haben. Lange wird der Friede nicht währen. Sie seufzte bekümmert. “Nachdem ohnehin kein Mensch meine Anweisungen befolgt, schlage ich vor, dass wir alle erst mal unsere Partner suchen. Oder besteht ihr darauf, dass ich euch zuerst die Regeln erkläre?”

“Ich möchte jetzt meinen Partner suchen!”, rief Melanie und hob den Arm. “Genau”, ergänzte Sydney, und auch Ray stimmte dafür. Jess nickte zustimmend, nur Leo hielt es anscheinend für unter seiner Würde, seine Meinung freiwillig kundzutun.

“Ich nehme an, du schließt dich der Allgemeinheit an?”, fragte Macy mit schneidendem Ton. Sie war wütend auf sich selbst. Der Kerl brachte sie auf die Palme, selbst wenn er gar nichts tat.

“Nicht grundsätzlich. In diesem Fall allerdings kommt mir der Wunsch der Mehrheit sehr entgegen.” Leo prostete ihr mit seiner Flasche zu und trank einen Schluck. Wieder bewegte er sich wie in Zeitlupe und ließ Macy dabei keine Sekunde aus den Augen.

Macy konnte keinen Finger rühren. Sie kam sich vor wie unter Hypnose! Er hatte kaum etwas getan, und doch hatte er sie völlig in seinen Bann geschlagen. Wie machte er das bloß? Es kostete sie ungeheure Anstrengung, die Selbstbeherrschung wiederzufinden. Aber er sollte nicht glauben, dass er ungestraft davonkommen würde. Sie räusperte sich und fragte mit einem trügerischen Lächeln: “Kennst du eigentlich den Unterschied zwischen einem Anwalt und einem Geier?”

“Der Geier kann seinen Kragen nicht ablegen”, erwiderte Leo wie aus der Pistole geschossen.

Macy fluchte leise. Der Einzige, der den Witz anscheinend noch nicht gehört hatte, war Eric. Er krümmte sich vor Lachen oder vor Schadenfreude, so genau wollte das Macy im Moment gar nicht wissen. Sie hatte Besseres zu tun. Leo hatte die Flasche wieder an die Lippen gesetzt und ließ sie die elegante, sicherlich unbezahlbare Armbanduhr bewundern, die er an einem schwarzen Lederriemen um das Handgelenk trug. Vermutlich eine Sonderanfertigung aus der Haut eines Gegners, dem er das Fell über die Ohren gezogen hatte. “Wie ich sehe, hast du bereits die Ärmel hochgekrempelt. Auf dem Gebiet der Schlammschlachten bist du vermutlich ebenfalls ein gefragter Experte”, spottete sie.

“Normalerweise versuche ich mich gütlich mit dem Feind zu einigen.”

Macy knirschte mit den Zähnen. Dass er immer das letzte Wort haben musste! Sie hob die Stimme. “Okay, dann wollen wir mal sehen, wer mit wem spielt.”

Ausnahmsweise stimmte Eric ihr zu. “Genau! Meine Partnerin wird langsam unruhig.” Er beugte sich über Chloe und murmelte in ihr Haar: “Ich glaube, dieses Spiel ist ganz nach meinem Geschmack.”

Sie sah ihn strafend an. “Aber schließ bitte nicht von dir auf andere, Herzchen. Wenn du denkst, dass du leichtes Spiel hast, nur weil ich ein bisschen kleiner bin als du, dann hast du dich gewaltig geirrt.” Sie tätschelte herablassend seine Wange.

Macy hatte die beiden beobachtet. Eric konnte einem fast ein wenig leid tun, aber eben nur fast. Ihre Sympathie galt eindeutig der Freundin. Trotzdem war sie gespannt, was aus den beiden werden würde. An ihnen bewies sich die alte Weisheit, dass Liebe und Hass eng beieinanderliegen.

Macys Gedanken wurden dadurch unterbrochen, dass Sydney vortrat und sich in den ersten Kreis stellte. Melanie folgte ihr und begab sich unter den vierten Scheinwerfer. Jetzt mussten die Männer Farbe bekennen. Ray biss als Erster in den sauren Apfel. Er faltete sein Blatt auf, las die Nummer und gesellte sich daraufhin zu Sydney. Mit seinem dunklen Teint, dem kräftigen Körperbau und der nachlässigen Art, sich zu kleiden, bildete er einen reizvollen Kontrast zu der klassischen Eleganz seiner Partnerin. Auch dieses Paar ergänzte sich perfekt, und Macy spürte einen Anflug von Neid.

Nur noch zwei Männer ohne Partnerin! Macys Herz schlug plötzlich bis zum Hals. Nur keine Panik, beschwor sie sich. Noch ist nichts entschieden!

Genau in diesem Moment stellte sich Jess zu Melanie, und Leo nahm den einzigen noch freien Platz ein, den Platz an Macys Seite.

Macy wäre am liebsten im Erdboden versunken. Schlimmer hätte es sie kaum treffen können. Ausgerechnet Leo, ein Mann, der die widersprüchlichsten Gefühle in ihr weckte, musste ihr Partner in der Schnitzeljagd werden. Sie schloss die Augen und zwang sich zur Ruhe. “Fein”, rief sie mit zittriger Stimme. “Vergesst nicht, dass ihr die Liste unter Einsatz eures Lebens beschützen müsst. Der Partner darf sie nicht zu Gesicht bekommen, kapiert?”

Alle nickten, nur Eric hatte Lunte gerochen. “Wieso sollen wir erst Teams bilden, wenn wir anscheinend nicht im Team spielen? Das macht überhaupt keinen Sinn.”

Macy stemmte die Hände in die Hüften und musterte ihn von Kopf bis Fuß. Sie bedauerte fast, dass sie ihn eingeladen hatte. Der Junge kostete sie noch den letzten Nerv! “Wer fragt schon nach dem Sinn eines Spiels, Eric”, erwiderte sie barsch. “Warum spielt man Schach oder Tennis oder irgendein anderes Spiel?”

“Gib’s doch zu: Du hättest es Macy nicht zugetraut, dass sie ein Spiel austüftelt, das sogar einen eingefleischten Macho wie dich anspricht”, behauptete Melanie.

“Genau! Du bist doch noch auf dem altmodischen Standpunkt, dass Kreativität eine männliche Eigenschaft ist”, schimpfte Lauren.

“Tja, mein Lieber, dabei haben auch wir unseren Ehrgeiz. Schreib dir das gut hinter die Ohren, sonst wirst du noch dein blaues Wunder erleben”, mahnte Sydney.

Der arme Eric! Zum ersten Mal an diesem Abend brachte er keinen Ton mehr heraus. Hilfe suchend blickte er sich nach seiner Partnerin um. Chloe lächelte ihm zu. “Mädels, lasst gut sein”, sagte sie mit einem süffisanten Blick auf die Gegend unterhalb von Erics Gürtel. “Ihr glaubt doch nicht, dass dieser Kerl, sobald es um Spiel, Sport oder Wettkampf geht, auf jemanden hört, der körperlich nicht genauso ausgestattet ist wie er selbst.”

Das saß. Eric sah ein, dass er verloren hatte. Er verbeugte sich tief vor Macy. “Wenn das so ist, dann bleibt mir nur zu sagen: Hut ab, Macy, du bist ein Genie.”

“Schön, dass du’s einsiehst.” Macy zwang sich zu einem Lächeln, obwohl ihr gar nicht nach Lachen zumute war. Wer anderen eine Grube gräbt, fällt selbst hinein, dachte sie bitter. Sie hatte sich selbst dazu verdonnert, dieses ziemlich freimütige Spiel mit einem Partner durchzuführen, der ihr sehr gefährlich werden konnte, einem Mann, der sie im gleichen Maße anzog wie abstieß.

Leo musste geahnt haben, dass Macy sich gerade auf einem moralischen Tiefpunkt befand. Plötzlich stand er so dicht neben ihr, dass sich ihre Hüften berührten und sie seinen heißen Atem in ihrem Nacken fühlte. Zunächst versuchte sie sich einzureden, dass er nur zufällig so nahe bei ihr stand. Im Zweifel für den Angeklagten, war das nicht ein altes Rechtsprinzip? Aber gab es da nicht auch einen Passus über begründete Zweifel? Nun, sie würde schon noch dahinterkommen. Wo waren sie gerade stehen geblieben?

“Die Listen”, soufflierte Leo.

“Ach ja.” Macy riss sich zusammen. “Genauso wichtig ist es, dass ihr die Ergebnisse eurer Nachforschungen geheim haltet. Denkt dran, nur einer kann gewinnen. In genau vier Wochen treffen wir uns wieder. Dann darf der Glückliche, der die meisten Punkte auf seiner Liste abhaken konnte, in See stechen. Ich gehe davon aus, dass niemand die vollen vier Wochen braucht, um die Liste abzuarbeiten. Einige unter uns erledigen ihren Auftrag womöglich noch heute Abend.” An dieser Stelle warf Macy Anton und Lauren einen vielsagenden Blick zu. “Trotzdem werden wir den Sieger erst nach Ablauf dieser Frist ermitteln.”

Eric platzte vor Neugier. “Dürfen wir endlich einen Blick auf die Fragen werfen?”

“Sekunde.” Jetzt kam’s drauf an. Die Paare hatten sich gefunden, ihr Interesse war geweckt. Jetzt konnte sie die Bombe platzen lassen. “Eine klitzekleine Kleinigkeit sollte ich noch erwähnen.” Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte sie, womit sie Leo Redding bestechen könnte. Sie holte tief Luft und zwinkerte Eric zu. “Der Haken an der Sache ist, dass sich alle Fragen auf die Person beziehen, die mit euch im Kreis steht.”

Leo Redding stand ganz allein im Korridor des Hauses, in dem Lauren und Macy lebten. Es war spät geworden, kein Lichtstrahl drang durch die schmalen Fenster, die hoch oben in die Wände des ehemaligen Fabrikgebäudes eingelassen waren. Nur eine Reihe nackter Glühbirnen, die entweder noch aus der alten Fabrik stammten oder originalgetreu nachgebaut waren, verbreiteten ein mattes Licht, gerade hell genug, damit Leo endlich einen Blick auf den geheimnisvollen Fragebogen werfen konnte.

Die Idee mit der Schnitzeljagd fand er ausgesprochen originell, kreativ und … Worte allein reichten gar nicht aus, um zu beschreiben, was er davon hielt. Macy hatte Witz, Mut und eine schier unbändige Abenteuerlust bewiesen. Sie war heute in seiner Achtung enorm gestiegen.

Leo bezeichnete sich gerne als Frauenkenner. Er rühmte sich, alle ihre Maschen und Tricks zu durchschauen. Wenn er sich auf eine Beziehung einließ, dann nur mit einer Frau, die er als ebenbürtig einschätzte. Zu leicht durfte man es ihm nicht machen, er suchte die Herausforderung und wählte seine Partnerinnen danach aus. Sex war für ihn gleichbedeutend mit Macht, egal ob es sich um eine Affäre für eine Nacht oder eine längere Romanze handelte. Er liebte jede Art von Wettkampf und war ständig auf der Suche nach einem gleichwertigen Gegner.

Dass ausgerechnet Macy ähnliche Vorlieben hatte, hatte ihn überrascht. Er hatte die Frau anscheinend völlig unterschätzt. Nicht im Traum wäre er auf die Idee gekommen, dass sie ebenso ehrgeizig sein könnte wie er selbst. Schade, dass sie ihren Kampfgeist nicht besser nutzte.

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