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Wehrlos vor Verlangen

1. KAPITEL

„Tahlia, du siehst göttlich aus.“ Crispin Blythe, Eigentümer der Contemporary Art Gallery Blythe in Bayswater, begrüßte Tahlia Reynolds überschwänglich. „Diese Steinchen da an deinem Hals müssen ein kleines Vermögen wert sein.“

„Ein großes Vermögen, um genau zu sein“, erwiderte Tahlia trocken und befühlte automatisch das Collier. „Die Steinchen, wie du es nennst, sind lupenreine Kashmiri-Saphire.“

„Ein Geschenk von Daddy? Reynolds Gems muss es ja bestens gehen.“ Crispins Lächeln wirkte mit einem Mal etwas gequält. „Schön zu wissen, dass diese schreckliche Rezession immerhin an ein paar Firmen vorübergeht.“

Bei dem bitteren Ton in Crispins Stimme runzelte Tahlia leicht die Stirn. Sie hatte Gerüchte gehört, dass die Galerie unter dem Konjunkturrückgang litt. Einen Moment war sie versucht, Crispin zu gestehen, dass es um den Juwelierbetrieb ihres Vaters alles andere als rosig stand. Doch es würde schon früh genug bekannt werden, sollte die Firma nicht mehr zu retten sein. An diesem Punkt waren sie zum Glück noch nicht angelangt. Möglich, dass sie unrealistisch war, aber Tahlia hoffte immer noch, den Betrieb irgendwie zu retten. Ihre Eltern hatten sämtliche Rücklagen verwandt, um den Betrieb am Laufen zu halten. Sie selbst hatte in den letzten drei Monate unentgeltlich gearbeitet und den Sportwagen, ein Geschenk ihres Vater zum einundzwanzigsten Geburtstag vor drei Jahren, verkauft und gegen einen altersschwachen Mini ausgetauscht.

Sogar einige ihrer Schmuckstücke hatte Tahlia versetzt und ihre Designerkleider verkauft. Das Kleid, das sie heute Abend trug, hatte sie von einer Freundin geliehen, die eine Boutique besaß. Auch das Collier mit den Saphiren und Diamanten gehörte nicht ihr, war allerdings eines der wertvollsten Stücke von Reynolds Gems. Ihr Vater hatte sie gebeten, es heute Abend zu tragen, in der Hoffnung, mit dem auffallenden Schmuckstück vielleicht Interesse zu wecken und neue Geschäftskontakte zu knüpfen. Tahlia hatte schreckliche Angst, es zu verlieren. Ständig fasste sie sich an den Hals, um zu fühlen, ob es noch da war.

Sie folgte Crispin in die Galerie, nahm dankend ein Glas Champagner an und nickte grüßend den Gästen zu, die sie kannte. Bis ihr Blick abrupt an einem Mann am anderen Ende des Raums haften blieb.

„Wer ist das?“, fragte sie leise, während ihr Herz plötzlich hart gegen ihre Rippen schlug.

„Du meinst wahrscheinlich den griechischen Gott in dem Armani-Anzug? Thanos Savakis, Milliardär und Eigentümer von Savakis Enterprises. Vor zwei Jahren hat er die gesamte Blue Sky-Kette aufgekauft. Ihm gehören außerdem unzählige Fünf-Sterne-Hotels weltweit. Vorsicht, Darling, man sieht dir dein Interesse förmlich an“, stichelte Crispin gutmütig. „Aber sei gewarnt! Savakis eilt ein eindeutiger Ruf voraus. Seine Affären sind zwar diskret, aber nicht mehr zu zählen und vor allem sehr kurzlebig. ‚Bindung‘ ist ein Wort, das in seinem Vokabular nicht vorkommt. Es sei denn, es geht um die Verpflichtung, sein beneidenswert großes Vermögen“, Crispin seufzte theatralisch, „noch zu vergrößern.“

„Arbeitswütige Schürzenjäger sind nicht mein Typ.“ Tahlia riss den Blick von dem Mann los und nippte an ihrem Champagner. Doch wie von allein wanderten ihre Blicke wieder zu ihm zurück. Sie war froh, dass er seine Aufmerksamkeit einer zierlichen Blondine schenkte, die an seinem Arm hing. So konnte sie ihn in Ruhe mustern.

Groß, schlank und mit breiten Schultern war er eine wirklich imposante Erscheinung. Ihr fiel auf, dass sie nicht die einzige Frau im Raum war, die ihn fasziniert beobachtete. Er war geradezu verboten attraktiv, seine Züge klassisch, sein Haar schwarz. Dazu kamen noch eine unübersehbare Selbstsicherheit und ein enormer Sexappeal.

Auch wenn er der hübschen Blondine zuhörte, bemerkte Tahlia, dass er die Geduld am überspannten Geplauder seiner Begleiterin verlor. Die Frau ist übereifrig, dachte Tahlia. Einen so beherrschten Mann wie Thanos Savakis würde jedes auch noch so kleine Anzeichen von Drängen nur verärgern. Und richtig, schon löste er sich aus dem Griff der Blondine und schlenderte in den angrenzenden Ausstellungsraum hinüber.

Umwerfend, aber weit außerhalb ihrer Liga, entschied Tahlia. Es schockierte sie, wie intensiv sie auf diesen Griechen reagierte. Dabei hatte er nicht einmal in ihre Richtung gesehen. Noch nie hatte ein Mann eine solche Wirkung auf sie gehabt – nicht einmal James.

Unwillkürlich presste sie die Lippen zusammen. Vor sechs Monaten hatte ihre Beziehung zu James Hamilton ein jähes und äußerst unschönes Ende gefunden. Die Bruchstücke ihres Herzens hatte sie wieder zusammengesetzt, aber die Wut auf ihn brannte noch genau so heiß in ihr wie in jener Nacht, als sie alles über seinen Betrug herausgefunden hatte.

„Tahlia, Darling, das ist Jahrgangschampagner, den du da hinunterstürzt, kein Mineralwasser.“ Crispins lakonischer Kommentar riss Tahlia in die Gegenwart zurück. „Soll ich dir noch ein Glas holen?“

Sie starrte auf das leere Glas in ihrer Hand und verzog den Mund. „Nein, danke, besser nicht. Sonst fange ich noch an unkontrolliert zu kichern, und das Letzte, was ich brauche, sind Paparazzi, die mich zu einer Alkoholikerin abstempeln.“

Crispin warf ihr einen amüsierten Seitenblick zu. „Das letzte Mal haben die Klatschblätter sich ja wirklich selbst übertroffen, nicht wahr? ‚Juwelen-Mädchen Tahlia Reynolds zerstört Ehe von Fernsehstar Damian Casson.‘ Also, ich fand die Schlagzeile faszinierend.“

„Ich nicht.“ Tahlias Wangen färbten sich rot. „Du weißt, dass das alles nicht stimmt. Wir haben uns zufällig bei diesem Empfang im Hotel getroffen. Er war betrunken und hat mich den ganzen Abend belästigt. Am nächsten Morgen kam er zu mir an den Frühstückstisch, um sich zu entschuldigen. Als ich gehen wollte, bot er an, meinen Koffer zum Wagen zu tragen … Daher stammen die Fotos, wie wir zusammen aus dem Hotel kommen. Keiner von uns hatte damit gerechnet, dass die Reporter schon am Sonntagmorgen auf der Lauer liegen. Ich zumindest nicht“, fügte sie grimmig hinzu. Damian war sich der Paparazzi anscheinend durchaus bewusst gewesen. „Ich war schockiert, als man mich nach meiner Beziehung zu Damian fragte. Er meinte, ich solle das ruhig ihm überlassen, er würde alles richtigstellen.“ Stattdessen hatte der attraktive Schauspieler ein Interview über eine „rauschende Nacht“ mit „fantastischem Sex“ gegeben. Falls er beabsichtigt hatte, seine Frau eifersüchtig zu machen, so war ihm das zweifellos gelungen. Beverly Casson hatte sich bitterlich über das „Party-Girl“ beklagt, das ihr den Mann gestohlen hatte. Seitdem war Tahlias Ruf dahin. „Das ist wohl die Schattenseite daran, dass ich durch die Werbung für Reynolds Gems im Rampenlicht stehe.“

Nach ihrem Universitätsabschluss hatte ihr Vater sie zu seiner Partnerin in der Firma gemacht und ihr die PR übertragen. Die Wirtschaftskrise hatte Reynolds Gems schwer getroffen, und Tahlia hatte eher unwillig einer Werbekampagne zugestimmt. Darum erschienen ihre Fotos in Hochglanzmagazinen, und sie besuchte etliche gesellschaftliche Veranstaltungen, um die wertvollen Reynolds-Juwelen in der Öffentlichkeit zu präsentieren.

Bevor sie heute Abend zu der Vernissage aufgebrochen war, hatte sie erfahren müssen, dass alles umsonst gewesen war. Ihr Vater hatte ihr mit ernster Miene mitgeteilt, dass Reynolds Gems vor dem Bankrott stand. Die einzige Hoffnung bestand in der Übernahme durch Vantage Investments, mit dessen Vorsitzendem ihr Vater sich nächste Woche treffen würde.

Anschließend hatte sie gar nicht mehr ausgehen wollen. Aber Rufus Hartman, dessen Werke heute vorgestellt wurden, war ein enger Freund aus ihrer Studienzeit, und sie wollte seine erste Ausstellung nicht verpassen. Während sie jetzt an Crispins Seite durch die Galerie ging, fühlte sie die abschätzenden und neugierigen Blicke der anderen Gäste.

„Niemand glaubt doch wirklich, was die Regenbogenpresse berichtet“, versicherte Crispin ihr leichthin.

Sie wünschte, sie besäße seine Zuversicht, denn im Moment hätte sie sich viel lieber in eine stille Ecke verkrochen. Wie lächerlich! Sie hatte nichts getan, wofür sie sich schämen müsste. Ihre Hand wanderte zu dem Collier. Außerdem war sie nicht nur wegen Rufus hier, sie hatte auch eine Aufgabe zu erfüllen.

Crispin hatte einen reichen arabischen Scheich erwähnt, der heute Abend unter seinen Gästen sein würde. Angeblich sollte Scheich Mussada seine Frau mit großzügigen Geschenken überhäufen. Wenn das Saphircollier ihn beeindruckte, bekam Reynolds Gems vielleicht einen zahlungskräftigen neuen Kunden, mit dem sich die Geschäftsübernahme verhindern ließe.

Tahlia war so in ihre Überlegungen vertieft, dass sie gar nicht bemerkte, wie Crispin sie in den zweiten Ausstellungsraum führte und bei einem Mann stehen blieb, der eines der Gemälde studierte.

„Thanos, ich hoffe, Ihnen gefällt die Ausstellung. Darf ich Ihnen eine weitere Kunstliebhaberin vorstellen – Tahlia Reynolds. Ihre Firma Reynolds Gems hat Rufus seit Beginn seiner Karriere unterstützt. Sie ist sozusagen Expertin für seine Werke.“

Schockiert starrte Thanos auf die Frau an Crispin Blythes Seite. Sie beherrschte schon so lange seine Gedanken, dass er seine gesamte berüchtigte Willenskraft brauchte, um eine höfliche Miene beizubehalten. Innerlich plagten ihn jedoch Mordgedanken.

Vor drei Tagen war er in London angekommen und bei einer Dinnerparty von Freunden Crispin Blythe vorgestellt worden. Dieser hatte ihn prompt zur Vernissage eingeladen. Zwar interessierte er sich nicht sehr für Kunst, aber ein solcher Anlass war immer günstig, um Kontakte zu knüpfen. Ja, man weiß nie, wen man trifft, dachte er bissig und ließ den Blick über Tahlia Reynolds’ schlanke Gestalt wandern.

Er hatte sie sofort erkannt. Kein Wunder, ihr Gesicht prangte einem doch von allen Titelseiten entgegen. Nur wurden die Fotos ihrer strahlenden Schönheit nicht gerecht, selbst die in den anspruchsvollen Hochglanzmagazinen nicht. Sie sah wirklich toll aus, wie er wütend zugeben musste. Brennender Hass durchströmte ihn, noch verstärkt durch das andere Gefühl, das sich ihm beimengte – körperliche Faszination.

„Miss Reynolds“, begrüßte er sie und reichte ihr die Hand. Schließlich konnte er seinem eigentlichen Drang, nämlich die Hände um ihren Hals zu legen und zuzudrücken, unmöglich nachgeben. Ihm fiel auf, dass sie kurz zögerte, bevor sie ihre schlanken Finger in seine Hand legte. Es würde ihn keine Anstrengung kosten, diese feinen Finger zu zerdrücken. Ihre Augen ruhten auf seinem Gesicht, als er ihre Hand tatsächlich fester als nötig umfasste, aber er erwiderte ihren Blick ungerührt.

Der kurze Druck war nichts im Vergleich zu den Schmerzen, die seine Schwester jeden Tag litt. Melina hatte sechs lange Monate im Krankenhaus gelegen. Sie würde noch monatelang zur Physiotherapie gehen müssen, um wieder normal laufen zu können. Thanos gab die Schuld an dem Unfall nicht dem Fahrer des Wagens, der sie angefahren hatte. Er hatte keine Möglichkeit gehabt, der jungen Frau auszuweichen, die blindlings auf die Straße gerannt war.

Nein, für den Unfall, der Melina fast das Leben gekostet hätte, waren zwei andere Menschen verantwortlich – dieselben, die ihr auch das Herz gebrochen hatten.

Tahlia Reynolds war ein Männer verschlingendes Luder. Und Melinas Ehemann James Hamilton war ihr ins Netz gegangen. Melina hatte die beiden im Bett eines Hotelzimmers ertappt, war entsetzt geflohen und kopflos auf der unbeleuchteten Landstraße vor ein Auto gerannt.

Thanos ließ Tahlias Hand los. Laut der aktuellen Schlagzeilen hatte sie ihr altes Spiel wieder aufgenommen, wieder mit einem verheirateten Schauspieler. Kannte diese Frau überhaupt keine Skrupel? Wie brachte sie es fertig, hier zu stehen und ihn mit diesen außergewöhnlich blauen Augen und dem zögerlichen Lächeln auf den vollen Lippen anzusehen?

Bald würde ihr das Lächeln vergehen. Um seinen Exschwager hatte Thanos sich bereits gekümmert. Nach Melinas Unfall war Hamilton auf und davon nach L. A. Aber der Schauspieler würde nicht einmal mehr eine Statistenrolle erhalten, nachdem Thanos den Hollywood-Direktoren gedroht hatte, seine Beteiligung an mehreren Filmprojekten abzuziehen, sollte Hamiltons Gesicht noch ein einziges Mal auf der Leinwand zu sehen sein. James’ Schauspielkarriere war beendet, ein für alle Mal.

Jetzt musste Thanos sich nur noch an James’ Geliebter rächen.

Tahlias Hand prickelte noch immer von der flüchtigen Berührung, so als hätte der Händedruck ihr einen Stromschlag versetzt. „Es freut mich, Sie kennenzulernen, Mr. Savakis“, sagte sie höflich. „Sind Sie geschäftlich in London, oder …“ Sie beendete den Satz nicht, wie benommen von dem jähen Lächeln, das sein Gesicht von „attraktiv“ in „atemberaubend“ verwandelte. Aus einem unerfindlichen Grund musste Tahlia beim Blick auf die strahlend weißen Zähne an das Märchen von „Rotkäppchen und der böse Wolf“ denken.

„Geschäftlich … und zum Vergnügen.“ Thanos war erleichtert, seine Hormone wieder unter Kontrolle zu haben. Er musterte die Frau vor sich ausgiebig. Sie war wirklich äußerst ansprechend ausstaffiert: Designerkleid, Designerschuhe und dann dieses Collier, das auf ihrer seidigen Haut blitzte und funkelte. Ganz eindeutig war Tahlia Reynolds an die feineren Dinge des Lebens gewöhnt. Es würde ihm enormes Vergnügen bereiten, ihrem verwöhnten Lebensstil ein Ende zu setzen.

Eigentlich hätte er von ihr eine Reaktion bei dem Namen Savakis erwartet. Aber offensichtlich sagte ihr der Mädchenname von James’ Frau nichts. Vermutlich hatten die beiden bei ihren heimlichen Treffen keinen einzigen Gedanken an Melina verschwendet.

Erneut flammte der Hass in ihm auf. Er wollte seiner Wut Luft machen und Tahlia hier vor den anwesenden Mitgliedern der High Society als das herzlose Luder bloßstellen, das sie war. Doch er beherrschte sich. Er würde schon noch die Gelegenheit erhalten, ihr zu sagen, was er von ihr hielt. Sobald er sie zu Fall gebracht hatte.

„Ah, Earl Fullerton ist gerade angekommen“, murmelte Crispin. „Bitte entschuldigen Sie mich einen Moment. Bitten Sie Tahlia doch um eine Führung durch die Galerie, Thanos. Sie hat enge Beziehungen zum Künstler und ist die Beste – außer Rufus selbst natürlich –, um sein Werk zu besprechen.“

„Aber …“ Tahlia starrte Crispin nach, maßlos verlegen über die durchschaubare Art, auf die er sie mit dem sexy Griechen zusammengebracht hatte. Außerdem hatte sie das bestimmte Gefühl, dass Thanos sie auf Anhieb nicht mochte. „Ich sollte Sie nicht länger aufhalten, Mr. Savakis“, murmelte sie.

„Wie genau sehen Ihre engen Beziehungen zu Rufus Hartman aus?“, fragte der Grieche kühl. „Ist er einer Ihrer Liebhaber?“

Einen Moment war Tahlia zu empört für eine Erwiderung. Thanos hatte also die Zeitungsberichte über ihre angebliche Affäre mit Damian Casson gelesen. So viel zu Crispins Bemerkung, die Leute würden den Zeitungen nicht glauben! „Ich wüsste nicht, was Sie das anginge, Mr. Savakis“, erwiderte sie schließlich kalt, „aber es ist allgemein bekannt, dass Rufus sich nicht für Frauen interessiert.“ Damit gab sie nichts preis. Rufus ging völlig offen mit seiner Homosexualität um. „Er ist ein guter Freund und unglaublich talentiert.“

Unter seinem dunklen Blick, der sie von oben bis unten musterte, kam Tahlia sich in dem tief ausgeschnittenen Kleid unangenehm entblößt vor. Wie von selbst wanderten ihre Augen über sein Gesicht und blieben an seinem sinnlichen Mund hängen. Nein, sein Kuss würde nicht zärtlich sein. Der Gedanke kam aus dem Nirgendwo, und ihre Wangen begannen zu brennen. Sie drehte den Kopf und suchte den Raum nach bekannten Gesichtern ab, zu denen sie fliehen könnte.

„Halten Sie nach jemand Bestimmtem Ausschau?“ Thanos kniff die Augen zusammen, als sie leicht mit den Schultern zuckte. Ihre Haut war so hell, dass sie fast durchsichtig schien. Ihm fielen die goldenen Sommersprossen auf, die sich über die Schlüsselbeine und ihr Dekolleté zogen. Ein unverkennbares Ziehen meldete sich in seinen Lenden. Diese intensive Regung für sie war so unerwartet wie ärgerlich. Aber immerhin war es genugtuend zu sehen, dass sie ganz offensichtlich ebenso reagierte.

Wäre sie eine andere, hätte er keine Minute verschwendet, um sie zu verführen. Bei ihrem Ruf würde es ihn keine allzu große Anstrengung kosten, um sie in sein Bett zu bekommen. Abscheu vor sich selbst erfasste Thanos. Diese Frau war die Mätresse seines Exschwagers, und er hatte geschworen, das Leid seiner Schwester zu rächen.

Tahlia war fest entschlossen, das Prickeln zu ignorieren, das seine tiefe Stimme ihr über den Rücken jagte. „Ein arabischer Prinz soll heute angeblich unter den Gästen sein – Scheich Mussada. Kennen Sie ihn zufällig?“

„Ich habe von ihm gehört, so wie vermutlich jeder, angesichts der Tatsache, dass er soeben erst eine große Bank übernommen hat.“

„Soviel ich weiß, ist er der fünftreichste Mann der Welt“, murmelte Tahlia zerstreut. Der exotische Duft von Thanos’ Aftershave lenkte sie ab. Sie überlegte, ob es sehr unhöflich wäre, wenn sie Thanos einfach stehen ließ. Dann fiel ihr wieder seine schroffe Frage nach Rufus ein. Was scherte es sie, was er von ihr dachte? Der Scheich war vielleicht schon angekommen …

Thanos runzelte die Stirn. „Hat er nicht kürzlich erst geheiratet?“ Ein jäher Verdacht drängte sich ihm auf.

„Stimmt. Aber seine Frau hasst das Fliegen und begleitet ihn daher nicht auf seinen Auslandsreisen.“ Sie dachte an die Visitenkarten in ihrer Handtasche. Auf der Fahrt zur Galerie hatte sie sich ausgemalt, wie Scheich Mussada ihr Collier bewunderte und fragte, wo man ein solches Schmuckstück erstehen könne. Dann würde sie ihn zu Reynolds Gems einladen und ihm helfen, das passende Geschenk für seine Frau auszuwählen. In ihrem Tagtraum war der Scheich so begeistert von den Schmuckstücken gewesen, dass er einen ganzen Stapel Kataloge mit nach Dubai nehmen wollte. Reynolds Gems würde kurz darauf mit den Bestellungen all seiner reichen Verwandten überschwemmt werden …

„Oh, das muss er sein.“ Als Tahlia unter den Gästen einen Mann in einer traditionellen arabischen Robe erblickte, zuckte sie aufgeregt zusammen. Das war die Gelegenheit für sie, den Familienbetrieb zu retten. Das Collier, das sie trug, war einzigartig, und Scheich Mussada wurde nachgesagt, ein begeisterter Sammler außergewöhnlichen Schmucks zu sein. Jetzt musste sie nur noch seine Aufmerksamkeit auf sich lenken.

„He, gehen Sie nicht einfach weg.“

Ein warmer Atemhauch wehte über ihren Hals, bewegte die feinen Härchen an ihrem Nacken. Abrupt drehte Tahlia den Kopf, nur um festzustellen, dass Thanos ihr viel zu nahe gekommen war. „Entschuldigung?“

Für einen Augenblick war sie so in ihren Tagtraum versunken gewesen, dass sie Thanos fast vergessen hatte. Aber nicht völlig. Er war kein Mann, den man leicht vergaß.

„Unser Gastgeber hat Sie als Expertin für Rufus Hartmans Werk gelobt. Ich nehme seinen Vorschlag gern an, mich von Ihnen durch die Ausstellung führen zu lassen.“

„Ich kann Ihnen versichern, dass ich keineswegs eine Expertin bin.“ Sie hatte das Gefühl, in seinen dunklen Augen zu ertrinken. Er hatte verboten lange Wimpern, und er berauschte all ihre Sinne. Ihr Puls begann in einem rasenden Stakkato zu schlagen, als er mit einem Finger sacht über ihre Wange strich.

„Ihre Haut ist glatter als Satin.“ Seine Stimme schickte einen Schauer über ihren Rücken. „Ich muss zugeben, ich bin von Ihrer Schönheit fasziniert, Tahlia.“

Offenbar erlaubte er sich einen schlechten Scherz. Tahlia hatte Mühe zu atmen. Dieses sexuelle Verlangen in seinem Blick konnte unmöglich echt sein. Vor Minuten noch hatte sie doch seine Feindseligkeit gespürt. „Ich …“ Sie schien auch die Fähigkeit zu klarem Denken verloren zu haben. Nervös befeuchtete sie sich die trockenen Lippen und sah, wie er die verräterische Geste mit den Augen verfolgte.

„Warum fangen wir nicht gleich mit dieser Landschaft an?“ Er legte eine Hand an ihren Ellbogen und steuerte sie weiter in den Raum hinein – fort aus Scheich Mussadas Sichtfeld.

Machte es ihr Spaß, die Männer anderer Frauen zu verführen? Er hatte doch das Aufblitzen in ihren Augen gesehen, als sie den Scheich erblickt hatte. Hatte bemerkt, wie sie mit den Fingerspitzen das Collier befühlt hatte, damit jeder Blick automatisch auf ihren schlanken Hals und ihr Dekolleté gelenkt wurde. Ein eiskalt kalkulierendes Herz schlug in dieser schönen Hülle. James Hamilton war sicher nicht schuldlos, aber Thanos war überzeugt, dass Tahlia Reynolds seinen Schwager ganz bewusst verführt hatte. Und jetzt plante sie, Scheich Mussada zu verhexen.

Nicht, wenn er es verhindern konnte. Für den restlichen Abend würde er sie nicht aus den Augen lassen, selbst wenn er dafür vorgeben musste, selbst in ihren Bann geraten zu sein.

2. KAPITEL

Immer wieder sah Tahlia zu der großen Wanduhr. Vor über einer Stunde hatte der attraktivste Mann in der Galerie sie um eine Führung gebeten. Sie konnte nicht anders … seine Aufmerksamkeit schmeichelte ihr. Seine Hand lag leicht in ihrer Rückenmulde, und sie war sich der Wärme, die sein großer schlanker Körper an ihrer Seite ausstrahlte, nahezu schmerzhaft bewusst. Er schien es nicht eilig zu haben, sich von ihr zu verabschieden. Sie hingegen war hier, um Kontakte zu knüpfen und Visitenkarten an jeden zu verteilen, der sich für ihr Collier interessierte. Bisher hatte sie nicht viel für ihren Auftrag getan.

„Ich denke, Rufus kann Ihnen sehr viel mehr zu seinen Bildern erklären als ich“, meinte sie, als Thanos vor einem abstrakten Gemälde mit schwungvollen Pinselstrichen in leuchtenden Farben stehen blieb.

Thanos folgte ihrem Blick zu dem bärtigen Künstler, der mit einer Gruppe anderer Gäste zusammenstand. „Vielleicht. Aber er ist bei Weitem kein so attraktiver Führer.“

Tahlia schnappte leise nach Luft. Thanos Savakis flirtete schamlos mit ihr, sie sollte zusehen, dass sie aus seiner Nähe verschwand. Doch ihre übliche Vorsicht war verflogen, verscheucht von seinem charismatischen Charme. Dass seine Lippen sich wieder zu diesem überwältigenden Lächeln verzogen, ließ ihren Puls prompt rasen.

Thanos schaute zu dem Gemälde zurück. „Mr. Hartmans abstrakte Bilder sind genau das, was mir für mein neues Hotel vorschwebt. Sie passen zu der modernen Architektur des Gebäudes.“

„Crispin erwähnte, dass Sie eine Hotelkette besitzen.“ Unter seinem kritischen Blick errötete sie.

Was hatte Crispin ihr noch alles gesagt, fragte er sich. Dass er ein Milliardär mit einer Schwäche für Blondinen war? Hatte Tahlia Crispin gebeten, sie miteinander bekannt zu machen?

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